INSOMNIA – Was uns schlaflos macht

Das Projekt „BE CONNECTED – Schlaflos in Dortmund“ hat über ein halbes Jahr junge Menschen mit Workshops in ihrer Kreativität und Darstellungsfreude gefördert. Passend dazu hat der Jugendclub 16Plus am Dortmunder Schauspiel unter der Regie von Sarah Jasinszczak ein neues Stück entwickelt.  Für die schöne Choreografie sorgte Birgit Götz.



„INSOMNIA – Wenn meine Gedanken Pyjamaparty machen“ feierte am 28.03.2024 im Studio des hiesigen Schauspiels seine Uraufführung.

Jugendclub 16Plus bei "Insomnia". (Foto: (c) Florian Dürkopp)
Jugendclub 16Plus bei „Insomnia“. (Foto: (c) Florian Dürkopp)

Die zwölf jungen Personen (darunter ein junger Mann) wurden atmosphärisch stimmig mit klassisch-hellen Pyjamas oder Nachthemden ausgestattet. Für den Schutz vor hellem Licht wurden sie mit pastellfarbenen Augenklappen ausgestattet. Jede(r) hatte ein plüschiges Kissen zur Verfügung. Dies wurde auch ausgiebig als multifunktionales Ausdrucksmittel genutzt.

Über ihnen schwebte eine weiße Wolke, auf der die jeweilige Uhrzeit während der Nacht eingeblendet wurde oder sich „Bernd das Brot“ mahnend meldete.

Eindrucksvoll stand auf der rechten Seite eine riesige leuchtende Vollmondkugel sowie auf der anderen ein offenes Hausgestell als Wohnungssymbol.

Das jugendliche Ensemble aus verschiedenen Perspektiven und Formationen auf die Farben der Nacht. Sie setzten sich mit ihren verborgenen Ängsten, dem gesellschaftlichen Druck (Familie, Schule, beruflicher Erfolg usw.), Versagensängsten, eventuell Mobbing u.a. auseinander, die zu Albträumen führen.

Außerdem spielen aber auch Wunschträume und Sehnsüchte eine Rolle, die zu einer Flucht in Träume führen können. Kurz wird auch die Möglichkeit, in seine Träume aktiv einzugreifen, angesprochen. Andere haben Angst vor dem Aufwachen, wenn sich nichts an ihrer prekären Situation ändert oder man wieder scheinbar hilflos den vielen Weltkrisen gegenübersteht.

Musik spielt eine große Rolle bei der gemeinsamen Stückentwicklung.

Patricia Kalde und Ley-Vannah Amani Monthé begeisterten mit ihren starken Stimmen mit einem Song aus der „Eisprinzessin“.

Am Ende steht der Song „Lila Wolken“ (Marteria, Yasha, Miss Platnum) für eine gemeinsame Feier des Lebens, egal wie reich oder klug man ist und woher man kommt.

Es bleibt spannend zu verfolgen, welche Wege die jungen Künstler*innen in der Zukunft beschreiten.

Die gelungene Premiere wurde mit einer ausgelassenen Aftershow-Party gebührend gefeiert.

Weitere Termine: 28.04 (18 Uhr), 9.5. (im Rahmen des Unruhr-Festivals)




Gemusical – ein Musical über Gemüse

Wie wurde eigentlich der „Sauerkraut“ zur „Kartoffel“? Mit dem Begriff „Kartoffel“ wird manchmal ein Deutscher oder eine Deutsche scherzhaft bezeichnet. Jetzt gilt das Nachtschattengewächs als Symbol für den typischen Deutschen. Doch woher kommt die Kartoffel eigentlich? Und die Tomate? Und die Avocado, die als Superfood aus europäischen Küchen kaum wegzudenken ist? Die Antwort: Aus Mittel- und Südamerika.



Nach „Boyband“ geht es jetzt um Gemüse. Das Performancekollektiv notsopretty präsentierte in ihrem Musical „Gemusical“ am 22. und 23. März 2024 im Theater im Depot die Reise der Kartoffel (gespielt von Anna Júlia Amaral) zu sich selbst. Mit Hilfe ihres Freundes Tom  (Marco Gonzales) und einem Mitarbeiter des Mycelium Network Centers (Emmanuel Edoror) konfrontiert sich Kartoffel mit ihren Erinnerungen und einer Geschichte, die viel komplexer ist, als sie dachte. Wie ist die Kartoffel zu einem Symbol für Deutschland geworden, obwohl sie in Südamerika ihren Ursprung hat?


Auch Brokkoli spielt mit als gemüsegewordene Bürokratie: (vorne Anna Júlia Amaral, dahinter v.l.n.r. Nina Weber,Emmanuel Edoror und Marco Gonzales) Foto © Sarah Rauch
Auch Brokkoli spielt mit als gemüsegewordene Bürokratie: (vorne Anna Júlia Amaral, dahinter v.l.n.r. Nina Weber,Emmanuel Edoror und Marco Gonzales) Foto © Sarah Rauch

Die Antwort lautet Friedrich der Große, der auch in dem Stück einen Auftritt hat. Friedrich (im Stück Freddy genannt) erkannte das Potenzial der Kartoffel als preiswerte Nahrungsquelle für die wachsende Bevölkerung und setzte Maßnahmen zur Förderung des Kartoffelanbaus durch. Er ließ Kartoffelfelder anlegen und verordnete die Kartoffel als Grundnahrungsmittel für seine Armee und die Bevölkerung. Dadurch wurde die Kartoffel in weiten Teilen Europas als wichtiges Nahrungsmittel anerkannt und gewann an Popularität.

Doch die Geschichte der Nahrungsmittel hat auch seine Schattenseiten (passend zu Nachtschattengewächsen). Die Spanier und andere Kolonialmächte waren nicht auf friedlichen Austausch mit den indigenen Völkern aus. Die europäische Entdeckung und Kolonialisierung Amerikas ermöglichten nicht nur die Einführung neuer Pflanzen und Nahrungsmittel nach Europa, sondern waren auch eng mit Ausbeutung, Versklavung und Unterdrückung indigener Völker verbunden. Die Kartoffel war Teil dieses komplexen Netzwerks des Austauschs zwischen den Kontinenten und trug sowohl zur Ernährungssicherheit als auch zu sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen bei.

Wir, und damit meine ich nicht nur die Deutschen, haben der Kartoffel viel zu verdanken. Sie spielte eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Hungersnöten und der Ernährungssicherheit in Europa. Insbesondere während des 19. Jahrhunderts, als Europa von zahlreichen Missernten und Hungersnöten geplagt wurde, diente die Kartoffel vielerorts als zuverlässige Nahrungsquelle, da sie robust genug war, um widrige klimatische Bedingungen zu überstehen.

Aber mit Tomate und Kartoffel ist es nicht getan. Angebliches Superfood wie Chia oder Avocados (als Food-Influencerin Nina Weber) sind immer noch beliebt. Besonders Avocados haben eine schlechte Ökobilanz, weil sie einen enormen Wasserverbrauch haben und weil Wälder für Anbaugebiete gerodet werden. Der Avocadokonsum steig von 2016 bis 2019 auf ein Drittel. Anders als bei der Kartoffel ist unser Hunger auf die Avocado ein ernstes Problem für die Umwelt.

Ist die Kartoffel jetzt kulturelle Aneignung? Nein, eher eine gelungene Integration, ähnlich wie die Hugenotten fast 100 Jahre vorher in Preußen. Sie bereicherte den Speiseplan vieler Länder.

Das Kollektiv notsopretty verpackte ihre Kritik an koloniale Geschichte und Gegenwart geschickt in mitreißenden Songs und Choreografien. Absurdes, Lustiges und Trauriges war ebenso zu sehen, wie gut gemachte Kostüme. Alles in allem waren es zwei Stunden, die wie im Flug vorübergingen. Ein großes Lob an das gesamte Team von notsopretty.




Modernes Opernmärchen mit aktuellem Problembezug

In Opernhaus Dortmund hatte am 20.03.2024 die Familienoper (ab 8 Jahre) „Die Reise zu Planet 9“ seine Uraufführung.



Die Oper von Pierangelo Valtinoni (Libretto Paolo Madron basierend auf einer Vorlage von Paula Fünfeck) wurde von der Regisseurin Cordula Däuper zu einem fantasievollen-bunten musikalischen Märchen mit deutlichen Bezügen zu den Krisen unserer Zeit auf die Bühne gebracht. Sie führte das Publikum auf eine fantastische Reise mit buntschillernden Kostümen, wechselndem „stellaren“ Hintergrund und witzigen Effekten.

Denis Velev, Sooyeon Lee und  Fritz Steinbacher Foto: (c) Björn Hickmann
Denis Velev, Sooyeon Lee und Fritz Steinbacher Foto: (c) Björn Hickmann

Der von den Problemen und Volkszorn in seinem Reich überforderte König Krax von Abholzhausen (Denis Velev) begibt zusammen mit seinem macht- und habgierigem Berater Megapfiffikus (Fritz Steinbacher) auf eine Reise nach dem Planeten 9. Dort wird ein riesiger Schatz vermutet. Nicht ohne seine kluge Tochter, Prinzessin Lunatick (Sooyeon Lee), die sich mutig für Schutz der Umwelt und soziale Gerechtigkeit einsetzt. Sie treffen dort auf eine ihnen völlig fremden Kultur, und müssen sich zunächst mit deren Misstrauen auseinandersetzen.

Während König Quyobo (Mandla Mndebele), seine Frau Ikuma (Ruth Katharina Peeck, Junge Oper) den Fremden erst kritisch gegenüberstehen, verlieben sich dessen Sohn Quyokuma /Fantastikuss (Sungho Kim) und Lunatick ineinander. Mit der Kraft ihrer Liebe kämpfen sie gemeinsam passend zum „Kindertag“ für ein friedliches, respektvolles Miteinander und den Schutz von Leben und Natur. Mit Megapfiffikus steht ihren Zielen ein gefährlicher und egoistischer Gegenspieler im Weg….

Musikalisch märchenhaft schön begleitet wurde das Geschehen von der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Koji Ishizaka.

Eine wichtige Rolle spielte der Opernchor Theater Dortmund (Leitung Fabio Mancini) als Volksvertreter.

Auf der Bühne wurden einige verschieden großer Pappkartons genutzt, um mit viel Bewegung sehr fantasievoll multifunktional als Aussagefläche oder Baumaterial (z.B. Rakete) eingesetzt zu werden.

Trotz der schweren Thematik konnten die Sängerinnen und Sänger nicht nur mit ihren starken Stimmen, sondern auch mit einer gehörigen Portion Humor und Spielfreude überzeugen. Sie suchten den Kontakt zum jugendlichen Publikum.

Die anwesenden Schulklassen reagierten auf die Handlung ihrerseits öfter lautstark und lebhaft.

Ein Opernmärchen als Aufforderungen, vor allem aber auch an die jungen Menschen, sich verantwortungsvoll und mutig für den Erhalt der natürlichen Ressourcen, Offenheit gegenüber fremden Menschen und Kulturen, einem respektvollen Umgang gegenüber unserer Umwelt sowie Gerechtigkeit auf der Welt einzusetzen.

Weitere Vorstellungstermine: So. 21.04.2024 sowie So. 26.04.2024 um 16:00 Uhr., oder am Mo. 17.05.2024 um 11:00 Uhr.




Großes Kulturprogramm zur UEFA EURO 2024 in Dortmund

Die UEFA EURO 2024 wird am Freitag, den 14. Juni in München eröffnet und endet am Sonntag, den 14. Juli 2024 in Berlin. Einige Spiele werden auch in der wichtigen Fußball-Stadt Dortmund stattfinden.



Am 15.03.2024 wurde im Deutschen Fußballmuseum das umfangreiche Kulturfestival-Programm unter dem Motto „SPIELRÄUME“ von Manuel Neukirchner (Direktor des Fußballmuseums), Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor Kulturbetriebe Dortmund) sowie Martin Sauer (EM Beauftragter unserer Stadt) in seinen wichtigen Teilen vorgestellt. Christian Scherney (stv. Geschäftsführung UEFA EURO 2024 Host City Dortmund) moderierte die Informationsveranstaltung.

Stellten das Kulturprogramm der UEFA EURO2024 vor: (v.l.n.r.) Manuel Neukirchner (Direktor Fußballmuseum), Christian Scherney (stv. Geschäftsführer UEFA EURO2024 Host City Dortmund), Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor Kulturbetriebe Dortmund) und
Martin Sauer (EURO2024 Beauftragter für Dortmund)
Stellten das Kulturprogramm der UEFA EURO2024 vor: (v.l.n.r.) Manuel Neukirchner (Direktor Fußballmuseum), Christian Scherney (stv. Geschäftsführer UEFA EURO2024 Host City Dortmund), Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor Kulturbetriebe Dortmund) und
Martin Sauer (EURO2024 Beauftragter für Dortmund)

Angemessen für Dortmund als Stadt der Kultur und des Fußballs mit seinen vielen begeisterungsfähigen Fans wurden mehr als 60 Veranstaltungen, begleitenden Ausstellungen in Kooperation mit allen Kultursparten (u.a. Theater, Musik, Film, Talk, Kunst, Workshops) aus der Rhein-Ruhr-Region für ein einzigartiges Festival der Fußballkultur in Deutschland entwickelt.

Manuel Neukircher und die anderen Diskussionsteilnehmer wünschen sich vor allem ein friedliches, buntes, Europa verbindendes Erlebnis für die Menschen hier und alle Gäste. Gerade in diesen Zeiten besonders wichtig. Alle träumen von einem „Sommermärchen“ wie bei der Fußball WM 2006.

Auf alle Veranstaltungen und Events einzugehen, ist aus Platzgründen schwierig.

Ein paar kulturelle Highlights sollen hier jedoch erwähnt werden.

Am 15.05.2024 um 19.30 Uhr können interessierte Menschen im Theater Dortmund das dokumentarische Theaterstück „Die Nacht von Sevilla“ (1982) von Manuel Neukirchner als Leseinszenierung mit Peter Lohmeyer (Schauspieler) und Toni Schuhmacher (Ex-Torwart) erleben.

Rechtzeitig Karten sichern wird empfohlen.

Ein bedeutender Veranstaltungsort neben vielen anderen ist das für diesen Rahmen gemeinsam mit der Stadt Dortmund errichtete „Stadion der Träume“ im Deutschen Fußballmuseum.

Im DFM findet am 02. Und 03.05.2024 um jeweils 19:00 Uhr die Aufführung von „SPAASS“ des Kinder- und Jugendtheaters Dortmund für ein junges Publikum statt.

Ein Ereignis der besonderen Art kann man dort am 20.06.2024 erleben. Die Dortmunder Philharmoniker wird das EM-Gruppenspiel Spanien-Italien „musikalisch passgenau“ begleiten und interpretieren.

Der Friedensplatz wird neben dem Westfalenpark wieder ein Public-Viewing sein. Ein grüner Kunstrasenteppich wird von der Stadtmitte bis zum Westfalenpark führen. Eine Gabelung sogar bis zum Stadion.

Übrigens: Am 01.06.2024 ein kulinarischer Steetfood-Markt mit Köchen aus den EM-Teilnehmerländern auf dem Vorplatz des DFM statt.

Eine Beilage mit allen Terminen und Infos gibt es im Deutschen Fußballmuseum oder wird auch als Zeitungsbeilage (Funke Mediengruppe) zugestellt.

Infos /Tickets unter www.www.fussballmuseum.de oder Tel.: 0231/ 2222 1954 (di-fr 10.00 bis 16:00 Uhr)

Genauere Informationen zum Programm und Führungen der Dortmunder freien Kulturszene oder des Dortmunder Kunstvereins werden in nächster Zeit in einem anderen Beitrag vorgestellt!




Eine Reise in die Traurigkeit

Wenn es ein Landstrich gibt, das seit 4000 Jahren ständig in Kriegen und Konflikten lebt, dann ist es der Nahe Osten. Familien, die auseinandergerissen wurden, die Angehörige verloren haben, die Gewalt zieht sich durch die Jahrtausende.



Ein Teil davon erzählt die Familiengeschichte „Told by my mother“, die Ali Chahrour als Tanz- und Musikperformance im Theater im Depot am 14. März 2024 aufführte. Die Performance, die in intimen und herzlichen Geschichten von ikonischen Müttern und ihren Familien berichtet, von denen einige verstreut oder verschwunden sind. Ihre Stimmen betreten die Bühne, singen und erzählen, was einmal war, um zu retten, was noch übrig ist. Sie tanzen, um zu überleben, was bleibt.

Die Geschichte von „Told by my mother“ bringt Laila Chahrour, die Mutter mit ihrem Sohn Abbas, der mit 18 Jahren beschloss, sich den Kämpfern anzuschließen, und Ali Chahrour, Choreograf, Tänzer und Verwandter von Laila, zusammen. Er erzählt die Geschichte seiner Tante »Fatima« (ebenfalls eine Cousine von Laila), deren Reise darin bestand, ihr verlorenes Kind »Hassan« zu finden, das seit 2013 in Syrien vermisst wird.

Mit dabei sind die syrische Schauspielerin Hala Omran, die der Geschichte ihre Stimme leiht, sowie die Musiker Ali Hout und Abed Kobeissy. Der musikalische Ansatz der Aufführung bezieht sich auf die Lieder eben dieser Familien, die in Zeiten der Trauer und der Freude gesungen werden, ein kulturelles Erbe arabischer Volkslieder.

Ein eindrücklicher Abend, der meist erfüllt war von großer Traurigkeit. Diese Traurigkeit konnte man fast mit Händen greifen und sie erzählte von den Sorgen der Mütter über Verlust und Angst. Angst, ihre Kinder durch Krieg oder Rechtlosigkeit von einen Tag zum anderen zu verlieren oder nicht zu wissen, wo es ist.

Performende: Hala Omran, Leila Chahrour, Abbas Al Mawla, Ali Hout, Abed Kobeissy, Ali Chahrour

Regie & Choreografie: Ali Chahrour




Das ist unser Bad – Der Volksfeind

Am 09. März 2024 zeigte das Schauspielhaus Dortmund die Premiere von „Der Volksfeind“ von Ibsen in einer Bearbeitung von Julienne De Muirier. Das naturalistische Stück wurde von De Muirier ordentlich durchgeschüttelt und gerührt und dem Publikum serviert. Nur der Cocktail schmeckte nicht allen…



Ich persönlich finde moderne Interpretationen von klassischen Stücken nicht nur gut, sondern sogar notwendig. Denn ich möchte schon, dass die heutigen Probleme auf der Bühne thematisiert und verhandelt werden. Mich interessiert nicht, ob ein Adeliger eine Bürgerliche heiraten kann, mich würde interessieren ob der Spross eines mittelständischen Unternehmens eine Supermarkt-Kassiererin heiraten dürfte. Aber wir sind beim falschen Stück.

Antje Prust, Nika Mišković, Viet Anh Alexander Tran, Sarah Quarshie und Lukas Beeler als Bademeister in "Ein Volksfeind". (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Antje Prust, Nika Mišković, Viet Anh Alexander Tran, Sarah Quarshie und Lukas Beeler als Bademeister in „Ein Volksfeind“. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Das faszinierende beim „Volksfeind“ von Ibsen ist ja, dass es leider(!) immer noch hochaktuell ist. Was ist wichtiger: Der Profit oder die Gesundheit der Menschen oder der Natur. Wenig überraschend ist es meistens so, dass für den schnellen Euro oder Dollar vor allem die Natur und später dann die Gesundheit der Menschen leidet. Die Beispiele dafür sind Legion.

De Muirier versucht sich an einem Kniff und erzählt die Geschichte aus der Sicht eines Bademeisters. Halt stopp, aus der Sicht von fünf Bademeistern. Das Stück hat selbstverständlich auch seine komischen Momente, schließlich ist es ja auch eine „Katastrophenkomödie“, vor allem wenn die fünf AkteurInnen „Lösungen“ für die Klimakatastrophe diskutieren. Argumente wie „nie wieder fliegen“ oder „aufhören, außereuropäisch zu importieren“ zeigen die Diskrepanz der „aufgeklärten“ Menschen in Europa und Nordamerika, die eigentlich wissen müssten, was die Stunde geschlagen hat, aber zwischen „komplett unrealistisch“ und „Nichtstun“ hin- und herschwingen. Da zeigt das Stück seine Qualitäten.

Leider sind Teile dazwischen, die auf mich total unorganisch wirken. Plötzlich tauchen tanzende Bakterien auf, eine Bademeisterin macht Werbung für ihr neues Wasser, seltsame Diskussionen finden statt.  

Keinen Vorwurf möchte ich den fünf Schauspielenden auf der Bühne machen: Viet Anh Alexander Tran, Nika Mišković, Sarah Quarshie, Lukas Beeler und Antje Prust machten noch das Beste aus der Vorlage.  

Wer Ibsens „Volksfeind“ kennt und mit der Erwartung ins Theater geht, zumindest einige Teile oder handelnde Personen wiederzukennen, der wird sicher enttäuscht sein. Ich denke je weniger die Vorlage bekannt ist, desto eher ist die Chance unvoreingenommen in das Stück zu gehen.

Mehr Infos unter www.theaterdo.de




Stückentwicklung um Loslassen, Bleiben und Außeneinflüsse

Die Regisseurin Hannah Biedermann hatte am 08.03.2024 ihre Premiere mit der Stückentwicklung „Wir sind hier“ im Studio des Schauspiels Dortmund.



Hierfür brachte sie in einer spannenden Konstellation vier Menschen mit verschiedenem Lebenshintergrund auf die Bühne. Diese Personen unterschieden sich in ihrem Alter (etwa 25 -75 Jahre) und Lebensabschnitt, Herkunft, Hintergrund oder Interessen.

Akasha Daley, Bärbel Göbel und Peter Jacob (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Akasha Daley, Bärbel Göbel und Peter Jacob (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Die beiden Älteren waren Bärbel Göbel und Peter Jacob vom Dortmunder Sprechchor, denen die Schauspieler*innen Akasha Daley sowie Alexander Darkow (Ensemble Dortmund) gegenübergestellt wurden. Die beiden vom Sprechchor sind in Dortmund geboren und nicht wirklich weggekommen, die Schauspieler*innen für ein Engagement in unserer Stadt.

Die Zuschauer waren auf beiden Seiten rund um das Geschehen positioniert.

Vier offen-kleine (schnell auf- und abbaubare) verschiebbare Holzhausgerüsthäuschen wurden als Zeichen der Ankunft, Aufbruchs oder Bleibens von den Protagonisten multifunktional genutzt. Es ist Aufbruchstimmung und Koffer werden gepackt. Was ist wirklich von Bedeutung für uns, um mitgenommen zu werden? Welche nicht eingeschlagenen Wege bedauern wir?

Die Lebenswege von Alexander Darkow und Bärbel Göbel wurden anschaulich bildhaft mit Kreide auf dem Boden gezeichnet.

Es wurde dem Publikum viel Privates offenbart, aber auch selbst Fragen gestellt.

Neben den Gesprächen mit den vier Personen über ihre Erfahrungen und Lebensentwürfe wurden auch Interviews mit mehreren Menschen geführt.

Die großen Fragen waren: Wie sieht ein „erfolgreiches“ Leben aus? Sind wir alle frei in unseren Entscheidungen oder werden wir durch äußere Einflüsse wie Krieg, Hunger oder Umweltkatastrophen gezwungen, zu gehen? Was spielen Hoffnungen und Lebensträume für eine Rolle?

Hintergrundgeräusche und passende Musik wurde eingespielt, und wie bei Hannes Waders „Heute hier, morgen dort“, teilweise vom Publikum mitgesungen.

Eine interessante Stückentwicklung, die nahe an den Menschen aus unserer Stadtgesellschaft ist.




Postapokalyptische Einsamkeit – György Kurtágs „Fin de Partie“

„Fin de Partie“ – Endspiel. Neben „Warten auf Godot“ wohl das bekannteste Werk von Samuel Beckett. Unvergessen ist auch die Inszenierung von Kay Voges im Dortmunder Schauspielhaus vor über zehn Jahren mit Frank Genser (Clov) und Uwe Schmieder (Hamm), die auf Tournee durch Europa ging.



Bei der Aufführung im Opernhaus Dortmund am 01. März 2024 handelte es sich um die szenische Deutsche Erstaufführung, beziehungsweise Zweit-Inszenierung der Oper des ungarisch-französischen Komponisten György Kurtág. Dabei vertonte Kurtág nicht den kompletten Text, sondern ausgewählte Szenen und Monologe.

Fin de Partie - (v.l.n.r.) Hamm (Frode Olsen), Clov (Morgan Moody) und Nagg Leonardo Cortellazzi (Foto: (c) Thomas M. Jauk)
Fin de Partie – (v.l.n.r.) Hamm (Frode Olsen), Clov (Morgan Moody) und Nagg Leonardo Cortellazzi (Foto: (c) Thomas M. Jauk)

„Fin de Partie“ schrieb Beckett in den 50er Jahren, als die beiden Großmächte USA und UdSSR mit Nuklearwaffen experimentierten. Ironischerweise ist die Gefahr eines Atomkrieges mit dem Ukraine-Krieg nicht geringer geworden, die Dystopie einer Welt, die durch Nuklearwaffen unbewohnbar wird, ist wieder in den Köpfen der Menschen gelangt.

Welche Art von Katastrophe die Menschheit fast vernichtet hat, lässt Becket offen. Hamm (Frode Olsen) ist einer der wenigen Überlebenden in seinem Haus am Meer. Er ist an einem Rollstuhl gefesselt und kann nicht mehr laufen. Sein Diener Clov (Morgan Moody) steht ihm zur Seite, sein Handicap ist, dass er nicht sitzen kann. Hamms Eltern Nell (Ruth Katharina Peeck) und Nagg (Leonardo Cortellazzi) haben keine Beine mehr und werden von Hamm wie Abfall behandelt. Obwohl sie voneinander abhängig sind, machen die Vier sich das Leben schwer. Selbst als Nell stirbt nimmt niemand Notiz. Später im Stück entlässt Hamm Clov, der letztendlich auch gehen will. Zurück bleibt Hamm, der sich seiner Einsamkeit bewusst wird.

Ein absurdes Theaterstück und ein zeitgenössischer Komponist: Wer Mozart-Arien erwartet oder wilde Handlungsstränge, der wird sicher enttäuscht sein, aber der Rest kann sich auf ein intensives Kammerspiel und ein Orchester, das kammmusikartig zusammenspielt, freuen. Denn Kurtág benutzt das große Orchester nicht für überladene Gesten, sondern lässt spannende Kombinationen erklingen, die zu dem Endzeit-Stück passen. Die Musik ist ein klanglicher Minimalismus, der aber in den Monologen manchmal von arien-haften Elementen durchbrochen wird.

So ein besonderes Stück verdient auch eine besondere Inszenierung. Regisseur Ingo Kerkhof lädt die BesucherInnen auf die Bühne. So sitzen alle fast direkt bei den SängerInnen und können beinahe den grünen Rasen betreten, der den Ort der Handlung begrenzt. Erst dahinter befindet sich hinter einem Gaze-Vorhang das Orchester unter der Leitung von Johannes Kalitzke.

Aber im Mittelpunkt stehen die SängerInnen, vor allem Frode Olsen und Morgan Moody, die als Hamm beziehungsweise Clov den größten Anteil haben. Olsen singt und spielt sehr eindringlich den Hausherrn im Rollstuhl, der letztlich erkennen muss, dass die alte hergebrachte Struktur gescheitert ist. Auch Moody spielt die Rolle des Clov, der gefangen ist zwischen Loyalität und Rebellion mit Bravour. Mit Frode Olsen und Leonardo Cortellazzi (Nagg) sind zwei Mitwirkende der Mailänder Uraufführung Teil der szenischen deutschen Erstaufführung an der Oper Dortmund.

„Fin de Partie“ von Kurtág kam nicht umsonst auf den vierten Platz der größten Werke der klassischen Musik des 21. Jahrhunderts bei einer Umfrage der britischen Zeitung „The Guardian“. Daher ist es (nicht nur) für Liebhaber klassischer zeitgenössischer Musik ein Muß.

Weitere Termine finden Sie unter: https://www.theaterdo.de/produktionen/detail/fin-de-partie/




Kritischer Kunstblick auf Konflikte und die Nutzung von Sprache

Im Dortmunder U ist im Schaufenster des Museums Ostwall auf der Ebene 5 vom 01.03. bis zum 16.06.2024 die Ausstellung „Lautfiguren“ des israelischen Multimediakünstlers Dani Gal zu sehen und erleben.



Gal ist 1975 in Jerusalem geboren und lebt seit längerer Zeit in Berlin.

In seinen Arbeiten setzt sich der Künstler mit der Beziehung zwischen Bild, Ton und Text bei der Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses und dessen medialen Verbreitung auseinander. Wer wird daran gehindert, seine Geschichte zu erzählen? Aus welcher Position heraus wird gesprochen? Wie wirken sich unterschiedliche Voraussetzungen auf die Bedeutung des Gesagten aus und was hat das für Folgen? Er „spielt“ und speziellen Arrangements mit Video, Sprache und Musik.

In die Arbeit „The Shooting of Officer” (nach einem Buch über fatale Missverständnisse in der Luftfahrtkommunikation) etwa bekommt der Satz des Arbeitstitels in einer Leuchtfigur je nach Betrachtungswinkel eine ganz unterschiedliche Bedeutung.

Das Werk „Personal Curves“ (Personalkurven) mit 35 großen Messingformen an einer schwarzen Wand gehören zu den noch nie gezeigten neuen Arbeiten Dani Gals in der Ausstellung. Sie geht auf die „Personal Curves“ des Leipziger Phonetikers und Linguisten Eduard Sievers aus dem Jahr 1915 zurück.

Die im Original kleineren, von Menschen in zwei Händen gehaltenen Messingdrahtformen, sollen sich während diese den Text (damals von Schiller) lasen, angeblich in der intendierten Tonalität und Betonung des Autors angepasst haben. Die Frage der Belegbarkeit bleibt unbeantwortet.

Der neue Kurzfilm „Three Works for Piano” (2020) beleuchtet kritisch die Rolle des Schweigens, Verstummens und des Zuhörens in politisch gewollten nationalen Narrativen.

Das Setting des Videos bildet ein „Café“, in dem ein Interview nachgestellt wird. Die Geschichte beruht auf einem wahren Fall. Ein ehemaliger Soldat der israelischen Armee beteuert nicht seine Unschuld, sondern gibt sich dort explizit die Schuld an einem brutalen Vorfall in Hebron gegen einen Palästinenser. Er berichtet, dass ihm von seinem Vorgesetzten und der Öffentlichkeit nicht geglaubt wurde.

Unterteilt wird das Interview durch die eindringlich lebendige Rekonstruktion dreier historischer Klavieraufführungen der Avantgarde des 20. Jahrhunderts. 1. John Cages Werk „4‘33“ (Ende der 1970-iger Jahre in Tel Aviv). Dort wurde die beabsichtigte Stille der Arbeit durch spontane Darbietung eines nationalistischen Liedes durch das israelische Publikum unterbrochen.

2. Die Konfrontation des Publikums mit einer geladenen Pistole durch den radikalen Pianisten George Antheil (Budapest 1923) oder 3. Der ersten dokumentierten Kunstperformance einer Klavierzerstörung durch die Wiener Gruppe 1959. Alles vermittelt durch Zeitzeugen.

Ein Vorhang (L’inhumaine -Die Unmenschliche) mit kubistischen Motiven (eine Requisite aus der Konzertszene mit Antheil aus Gals Film) unterteilt den Ausstellungsraum.

Davor platziert ist ein interessantes Möbelstück mit zwei nebeneinander liegenden Schallplattenspieler samt Schallplatten. Die Mixed-Media Arbeit und Ton (2024) mit dem Titel „Furniture Music Etc. Ect.“ konfrontiert die französische „Möbelmusik“ (Musik im Hintergrund) des Komponisten Erik Satie (1866 – 1925) mit der „Furniture Music Etcetera“ von John Cage in zufälligen Variationen.

An der Seite in Marmor gemeißelt steht als Mahnung aus den 1930iger Jahren in den Bars von Italien „Politische Diskussionen sind verboten“.

Die Ausstellung wird am 29. Februar 2024 um 18.30 Uhr eröffnet.

Am Mittwoch, dem 17.04.2024 findet von 17.00 – 18.00 U eine  spezielle Führung durch Kuratorin Stefanie Weißhorn-Ponert statt.

Am Mittwoch, dem 15.05.2024 ist von 18:00 – 20.00 Uhr ein Filmscreening mit Dani Gal vorgesehen. Dort wird sein neuester Film „Dark Continent“ (2023) – der sich mit kolonial geprägter Geschichte beschäftigt – vorgestellt.




Theater im Depot als Experimentallabor

Ein ungewöhnliches Stück hatte im Theater im Depot am 23. Februar 2024 sein Dortmund-Debut: Alles in Strömen von Polar Publik. Eine Mischung zwischen akustischem Experimentallabor, philosophisches Thema und Musik.



Worum ging es bei „Alles in Strömen“? Im Mittelpunkt stehen die Theorien von Hartmut Rosa und seinen Resonanzen. Im Zentrum von Rosas Resonanztheorie steht der Begriff der Resonanz. Resonanz entsteht, wenn eine Person eine tiefe und positive Beziehung zu etwas oder jemandem entwickelt. Dies kann sowohl in Bezug auf Objekte, wie Kunstwerke oder Natur, als auch in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen geschehen. Wenn eine Person resonante Beziehungen eingeht, fühlt sie sich verstanden, geschätzt und erlebt eine Art „Schwingung“ zwischen sich selbst und der Welt.

Da Resonanzen im akustischen raum entstehen, waren im Theatersaal viele beleuchtete Snaredrums zu sehen, die auf die Musik von Oxana Omelchuk und Axel Lindner leicht zu vibrieren begannen.

Die Resonanztheorie von Rosa versuchten vor allem Fiona Metscher (bekannt aus Produktionen von trafique) und Jimin Seo dem Publikum näherzubringen. Denn sie teilt sich in vier Abschnitte auf: ein gegenüber, Selbstwirksamkeit, Transformation und Unverfügbarkeit. Zusätzlich hatten die BesucherInnen auch Kopfhörer bekommen, auf denen Geschichten erzählt wurden, die für die erzählende Person eine Art von Resonanz gewesen war.

Trotzdem wirkte die Mischung von Philosophievorlesung, akustischen Experimenten und Musik etwas zu verkopft. Begriffe wie „Selbstwirksamkeit“ oder „Transformation“ blieben zu abstrakt. Dennoch ist der Versuch, ein Theaterstück mit Experimenten (die auch mal nicht funktionieren können) aufzuwerten, keine schlechte Idee.