Tücken der Revolution

„Dantons Tod und Kants Beitrag“ inszeniert von Kieran Joel am Theater Dortmund

Die Französische Revolution begann vor 225 Jahren spektakulär mit dem Sturm auf die Bastille. Sie veränderte Europa und die Welt. Kieran Joel geht im Kant-Jahr 2024 der Frage nach, ob die Revolution nachhaltig war und die Menschen wirklich besser gemacht hat. Mit einem spielfreudigen Dortmunder Ensemble inszeniert er eine „revolutionäre Theatersatire“. Nach „Das Kapital. Das Musical“ bearbeitet er diesmal Georg Büchners Drama. Die zentrale Frage lautet: Können Theater und Kunst die Welt verbessern?
Die Inszenierung bietet eine zähe, oft holzschnittartige und laute Performance. Sie bringt wenig neue Erkenntnisse. Doch immer dann, wenn sie Büchners Originaltexte einsetzt, zeigt sie starke schauspielerische Momente.

Herausgekommen ist dabei eine etwas zähe, bisweilen holzschnittartige, oft zu laute Performance mit wenig Erkenntnisgewinn, ein Theaterabend, der jedoch immer dann, wenn er auf Büchners Originaltexte vertraut, auch starke schauspielerische Momente bereit hält.

Dantons Tod: Sarah Quarshie, Lukas Beeler, Antje Prust, Fabienne-Deniz Hammer, Viet Anh Alexander Tran, Alexander Darkow. Foto:(c) Birgit Hupfeld
Dantons Tod: Sarah Quarshie, Lukas Beeler, Antje Prust, Fabienne-Deniz Hammer, Viet Anh Alexander Tran, Alexander Darkow. Foto:(c) Birgit Hupfeld

Zwischen Utopie und Realität: Eine Theatertruppe auf der Suche nach der Revolution

Der Abend beginnt idyllisch. Morgennebel liegt über einer Waldlandschaft, entworfen wie von Caspar David Friedrich. Diese Romantik wird jedoch durch einen Bühnenarbeiter in schwarzem Outfit gebrochen, der am Rand den eisernen Vorhang bedient. Dieses absurde Bild deutet den Spagat zwischen Schein und Realität an, den Joel an diesem Abend wagt. Die Theatertruppe von Intendantin Bettina Kunstmann (Antje Prust) besinnt sich auf den alten Traum der Künstler
. Sie wollen die Welt nicht nur interpretieren, sondern wirklich verändern. Eine nie dagewesene Inszenierung von „Dantons Tod“ soll der Auftakt für eine Theaterrevolution sein.
Vor der Waldkulisse versammelt sich eine Schar Weltverbesserer. Sie wirken in ihren Kostümen (Tanja Maderner) wie Studenten der 68er-Generation. Begeistert entdecken sie das Agitprop-Theater für sich. Die Euphorie ist groß, die Rollen werden verteilt (ausschließlich Männerrollen aus Büchners Drama). Die Rollenverteilung spiegelt die Hierarchie im Theater wider. Es gibt die Radikalen und die Gemäßigten. Einige wollen nur spielen, andere möchten das Spiel zerstören. Diese unterschiedlichen Ansprüche führen zu Konflikten. Theater und Realität vermischen sich auf bedrohliche Weise. Das Ensemble scheitert an seinen Widersprüchen. Es scheint, als würden am Ende echte Köpfe rollen statt Theaterblut fließen.
Das Haupt des Philosophen Kant wurde vorsorglich als übergroßer Puppenkopf entsorgt. Damit steht der gewaltbereiten Zügellosigkeit nichts mehr im Weg.

Starke Monologe als Glanzpunkte der Inszenierung

Das Finale der Satire endet in einer Prügelei. Doch bevor es Tote gibt, verkündet die Darstellerin des Volks (Sarah Quarshie) eine Überraschung. „Die Menschen reflektieren ihre Verhältnisse“, erklärt sie den verblüfften Streithähnen. Alle gehen hinaus und kommen zurück. Sie bezeugen nichts weniger als ein Wunder. Ein Happy End? Hat das Theater sein Ziel erreicht? Wohl kaum. Der Kreis schließt sich zum idyllischen Anfang. Dieser satirisch gemeinte Schluss unterstreicht das Anliegen des Regisseurs. Er möchte ein „hoffnungsvolles“ Theater inszenieren. Doch der Abschluss wirkt ein wenig zu euphemistisch.
Die Dialoge verknüpfen geschickt Büchners Text mit neuen, gemeinsam entwickelten Passagen. Anfangs verfolgt man das Geschehen interessiert. Doch nach und nach wiederholen sich die Wortbeiträge, Fragen und Antworten. Die Widersprüche sind bereits bekannt, und neue Erkenntnisse bleiben aus. Die Auseinandersetzung bleibt im Allgemeinen stecken. Das Interesse verblasst, wie das (Theater-)Blut auf den Kostümen. Die Inszenierung ist oft zu laut und wenig nuanciert.
Wohltuend anders sind die Monologe, die Joel nah an Büchners Original hält. Wenn Alexander Darkow als Danton über den Fatalismus der Geschichte reflektiert, wird es leise. Fabienne Deniz-Hammer als Saint-Just erklärt mit kaltem Lächeln, dass die „Revolution die Menschheit zerstückt, um sie zu verjüngen“. Antje Prust als Robespierre zweifelt an seiner eigenen Gefühlskälte. Diese Momente sind leise und gefährlich. Sie gewinnen an Tiefe und Gedankenschärfe. Für diese starken Augenblicke lohnt sich der Besuch der Inszenierung.




La traviata – Ein emotional packendes Bühnenerlebnis

Am 15. September 2024 erlebte das Dortmunder Opernhaus die Premiere von Vincent Boussards Neuinszenierung von Giuseppe Verdis „La traviata“. Die Aufführung, die bereits 2015 großen Anklang fand, begeisterte auch dieses Mal durch ihre musikalische Tiefe, vermittelt von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Will Humburg.

Minimalismus und symbolische Tiefe

Der Opernchor des Theaters Dortmund (Einstudierung: Fabio Mancini) bereicherte das Geschehen auf der Bühne, wobei die Chormitglieder in schwarzen Fracks und Zylindern auftraten. Diese schlichte Kostümierung lenkte nicht vom intensiven emotionalen Kern der Geschichte ab. Das Bühnenbild setzte auf Minimalismus, um die inneren Konflikte der Figuren hervorzuheben. Im Vergleich zur Inszenierung von 2015, die stärker das Pariser Leben thematisierte, lag der Fokus hier auf den Seelenzuständen der Hauptfiguren.

La traviata: Andrea Carè, Anna Sohn (c) Thomas M. Jauk
La traviata: Andrea Carè, Anna Sohn (c) Thomas M. Jauk

Eine drehbare, weiße Wand diente als Projektionsfläche für die wechselnden Gefühlslagen der Charaktere. Eine zentrale Rolle spielte dabei ein imposantes schwarzes Klavier, das als Symbol für die verlorene Liebe von Franz Liszt zur Kurtisane Marie Duplessis, dem Vorbild für Verdis Violetta, interpretiert werden kann. Dieses Klavier fungierte als Metapher für die Sehnsüchte und Erinnerungen der Protagonistin Violetta.

Herausragende gesangliche Leistungen und darstellerische Kraft

Im Mittelpunkt standen die stimmlichen und darstellerischen Leistungen der Solisten. Anna Sohn brillierte als Violetta Valéry mit ihrem kraftvollen Sopran, während Andrea Carè als Alfredo mit seiner emotionalen Tiefe überzeugte. Besonders beeindruckend war Mandla Mndebele in der Rolle von Giorgio Germont, dessen warmer Bariton den Konflikt zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und persönlicher Schuld untermalte.

Die Darsteller*innen verliehen den Figuren nicht nur stimmlich, sondern auch durch Gestik und Mimik eine außergewöhnliche Ausdrucksstärke. Denis Velev als Dottore Grenvil, Ruth Katharina Peeck als Annina und Cassandra Doyle als Flora ergänzten das Ensemble durch ihre feinsinnigen Darbietungen und rundeten das Gesamterlebnis ab.

Eine besondere Neuerung stellte die Figur der irischen Tänzerin Lola Montez dar, die von Sofia Pintzou verkörpert wurde. Als zwielichtige Gegenfigur zu Violetta verstärkte sie das Spannungsfeld zwischen moralischem Anspruch und persönlichem Verlangen.

Das Publikum dankte den Künstler*innen mit Standing Ovations für diese emotional tiefgreifende Inszenierung.
Weitere Aufführungstermine und Informationen sind unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222 erhältlich.

 




Wenn das innere Kind zum Dämon wird

Am 13. September 2024 feierte die Groteske „Der Dämon in dir muss Heimat finden“ im Studio des Schauspielhauses Premiere. Das Stück, geschrieben von Lola Fuchs, ist eine Satire auf den Selbstoptimierungswahn. Seit Jahren versucht dieser, uns vorzuschreiben, wie wir inmitten des Chaos produktiv und erfolgreich bleiben sollen. Der Titel spielt provokant auf Stefanie Stahls Bestseller „Das Kind in dir muss Heimat finden“ an. Dieser beschäftigt sich mit den Auswirkungen ungelöster Kindheitstraumata auf das Erwachsenenleben.

Im Mittelpunkt steht Mandy-Galadriel (Nika Mišković), eine 30-jährige Betreiberin eines Paketshops. Sie träumt immer noch von einer Karriere als Singer-Songwriterin. Ihre Freundinnen haben genug von ihrem unsteten Leben. Sie schenken ihr einen Gutschein für die DAWN-Experience, ein esoterisches Unternehmen, das sich auf die „Heilung des inneren Kindes“ spezialisiert hat. Dort trifft sie auf Veronika von Sonnen (Marlena Keil), Markus von Sonnen (Linus Ebner) sowie auf die weiteren Teilnehmer*innen Melli (Linda Elsner) und Florian (Ekkehard Freye).

Sophie Dahlbüdding (Statisterie), Marlena Keil, Linus Ebner, Nika Mišković(c) Birgit Hupfeld
Sophie Dahlbüdding (Statisterie), Marlena Keil, Linus Ebner, Nika Mišković Foto: (c) Birgit Hupfeld

Zwischen Esoterik und Kapitalismus: Mandys Reise zur Selbstfindung

Lola Fuchs verbindet in ihrer Groteske den Druck zur Selbstoptimierung mit Science-Fiction- und Horrorelementen. Das „innere Kind“ wird hier nicht nur metaphorisch wiedergeboren. Durch ein Portal erscheint es erneut, was zu komischen und nachdenklichen Konfrontationen zwischen jüngeren und älteren Ichs führt. Besonders witzig ist die Enttäuschung von Florians jüngerem Ich. Es ist schockiert, dass seine ältere Version als Linksextremist gescheitert ist. Das kapitalistisch geprägte jüngere Ich kann das nicht fassen.

Wenn das innere Kind zur Ware wird: Kritik an spirituellen Heilversprechen

Der Höhepunkt des Stücks zeigt Veronika und Markus im „Zukunftslabor“. Sie wollen die gechannelten inneren Kinder entweder als Arbeitssklaven (Schattenkinder) oder Führungskräfte (Sonnenkinder) verkaufen. Die älteren Versionen sollen verschwinden. Doch dieser Plan scheitert. Mandy und Galadriel stellen sich gegen die Ausbeutung. Lola Fuchs bietet in diesem Werk eine scharfe Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse. Sie beleuchtet die skrupellose Profitmaximierung in der Selbstoptimierungsbranche. Die engagierten Darsteller*innen trugen entscheidend zum Erfolg des Stücks bei. Besonders Sophie Dahlbüdding, die das 12-jährige Ich von Mandy spielte, glänzte in ihren Dialogen mit dem älteren Ich.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.theaterdo.de




Monsta-Grusel im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater

Zu Beginn der neuen Theatersaison stand am 12.09.2024 im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater die Premiere von „Monsta“ (ab 4 Jahren) nach dem Bilderbuch von Dita Zipfel und Mateo Dineen unter der Regie von Antje Siebers auf dem Programm.
Julia Schiller sorgte bereits mit ihrem liebevoll gestalteten Bühnenbild für eine besondere Atmosphäre.
KJT-Schauspieler Jan Westphal schlüpfte mit viel Engagement in seine Rolle als Monsta (eigentlich Harald) und trug ein haariges Kostüm. Musikalisch kongenial begleitet wurde er von Max Wehner.
Monsta kann hervorragend „monstern“.

Jan Westphal ist "Monsta" (c) Birgit Hupfeld
Jan Westphal ist „Monsta“ (c) Birgit Hupfeld

Er hat sich ein spezielles Kind ausgesucht, um es zum Erzittern zu bringen, und hat sich unter dem Bett des Kindes niedergelassen. Monsta zieht alle Register, doch alle Versuche scheitern, da das Kind ungerührt weiterschläft. Vielleicht muss es erst noch wachsen…

„Monsta“: Ein humorvolles Gruselerlebnis für Kinder

Das Stück „Monsta“ arbeitet geschickt mit Geräuschen und unheimlichen Elementen wie Leuchtlampen, weißen Laken, Mini-Monstern und Luftballons.
Die zahlreichen Kita-Kinder machten sich oft lautstark durch Zwischenrufe bemerkbar.
Mit seinem zunehmenden Bewegungsdrang, Situationskomik und gezielt eingesetzten Grimassen gelang es Westphal, einen Kontakt zum jungen Publikum aufzubauen. So entstand eine spannende, nicht planbare Interaktion.
„Monsta“ ist ein humorvolles Stück über das Anziehende und gleichzeitig Furchteinflößende des Gruseligen.
Infos über weitere Aufführungstermine erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.




Daughters of the Future – Muss Geschichte immer gleich erzählt werden?

Das Favoriten Festival 2024 in Dortmund startete am Donnerstag, den 05.09.2024, mit einem schauspielerischen Paukenschlag. waltraud900 präsentierte mit „Daughters of the Future“ eine Neuinterpretation von „Iphigenie auf Aulis“. Die zentrale Botschaft: Töchter können und sollen auch einmal Nein sagen.

Die Geschichte von Iphigenie kurz erzählt: Agamemnon, Iphigenies Vater, verärgert die Göttin Artemis. Um nach Troja segeln zu können, benötigt er günstige Winde, doch Artemis hat den Wind gestoppt. Sie würde den Wind nur freigeben, wenn Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfert.

Ein Teil der Darsteller*innen von "Daughteers of the Future" von waltraud900. Foto: (c) Melanie Zanin.
Ein Teil der Darsteller*innen von „Daughteers of the Future“ von waltraud900. Foto: (c) Melanie Zanin.

Zusammen mit einem Chor von Jugendlichen hinterfragt waltraud900 den antiken Stoff aus heutiger Sicht und interpretiert Iphigenies Geschichte neu. Die Jugendlichen reflektieren dabei ihre Beziehung zu ihren Eltern – insbesondere zu ihren Vätern. Wie gut kennt ein Vater seine Tochter wirklich? Weiß er, was ihr Lieblingsessen ist, welchen Film sie mag oder welche Sorgen sie umtreiben?

Selbstbestimmung als zentrale Botschaft

In der klassischen Tragödie ist Klytämnestra, Iphigenies Mutter, keine große Unterstützung. Doch wie sieht es in der Gegenwart aus? Was wünscht sich die Mutter von heute für ihre Tochter? Auch diese Fragen stellen die Jugendlichen in ihrer modernen Interpretation.

Die emotionalen Höhepunkte des Stücks liegen in der Beziehung zwischen Vater und Tochter. Als Agamemnon merkt, dass seine Tochter nicht bereit ist, seinen Befehlen zu folgen, versucht er zunächst zu schmeicheln, dann zu drohen – jedoch ohne Erfolg. Die Töchter der Zukunft haben eigene Vorstellungen und Wünsche. Für sie zählt: „Die einzige Grenze, die ich kennen werde, sind die Grenzen der Physik.“

„Daughters of the Future“ zeigt, wohin der Weg der Töchter der Zukunft führen soll: in ein selbstbestimmtes Leben, frei von den Erwartungen der Eltern oder der Gesellschaft.
Ein besonderes Lob verdient auch Juliette Serrié, die für die Musik und Percussion verantwortlich ist. Ihre Arbeit trägt maßgeblich zur Wirkung des Stücks bei.
Insgesamt ein großartiger Auftakt zum Festival, der nicht umsonst für die Vorauswahl des Theatertreffens der Jugend in Berlin nominiert wurde.




Ein beeindruckendes Theatererlebnis im „Tresor West“

Mit der Inszenierung „Wir sind immer da und plötzlich bin ich weg“ schufen Künstler*innen um den Autor und Regisseur Thorsten Bihegue ein eindrucksvolles, begehbares Theaterstück in einer ebenso beeindruckenden Location: dem Club „Tresor West“ auf dem Gelände von Phönix-West. Die Premiere fand am 30. August 2024 statt.


Das Verschwinden ist ein alltägliches Phänomen. In der Natur zeigt sich das Werden und Vergehen in den Jahreszeiten, im Sterben von Menschen oder Tieren und in größeren Zusammenhängen, wie ein kleiner Chor vor dem Eingang des Clubs verdeutlichte. Ihre Texte handelten vom Sterben der Sterne, Galaxien und sogar des gesamten Weltraums, etwa im Szenario des „Big Freeze“.

„Verschwinden" (c) von Klaus Pfeiffer.
„Verschwinden“ (c) von Klaus Pfeiffer.

Der Beginn des Stücks fand auf einer Treppe statt. Thomas Kemper, flankiert von zwei Tänzern, begrüßte und verabschiedete sich abwechselnd, was an den Beatles-Song „Hello Goodbye“ erinnerte.

Bewegende Tanzdarbietungen und ein gelungener Abschluss

Besonders hervorzuheben sind die beiden Tänzer*innen Emmanuel Edoror und Pia Wagner. Sie boten eine herausragende Leistung. Vor allem Edoror überzeugte nicht nur durch seinen physischen Tanz, sondern erzählte auch die Geschichte seiner Freunde, die aus unterschiedlichen Gründen aus seinem Leben verschwunden sind.

Die Besucher*innen bewegten sich frei durch die dunklen, labyrinthartigen Gänge des Techno-Clubs. Es hatte etwas von Geisterhäusern, durch die man hindurchgeht und auf Schauspieler trifft. Bei der Inszenierung von „Wir sind immer da und plötzlich bin ich weg“ begegneten die Besucher*innen dem Sounddesigner Manuel Loos, dem Schauspieler Thomas Kemper und den beiden Tänzer*innen.

Der Abschluss der Inszenierung passte perfekt zum Ort: Es wurde getanzt. Zunächst tanzte Pia Wagner alleine, doch dann wurden alle Beteiligten in den Tanz miteinbezogen und bevölkerten die Tanzfläche. Auch wenn die Musik etwa 100 Jahre alt war, passte sie zur außergewöhnlichen Stimmung des Ortes. Verschwinden muss nicht immer negativ besetzt sein, es kann auch als Neuanfang betrachtet werden, als eine Chance, sich selbst neu zu definieren und alte Lasten hinter sich zu lassen.




Tänzerisch auf den Spuren von Pablo Picasso

Das JugendTanzTheater des Ballett Dortmund, unter der Choreografie von Justo Moret, feierte am 3. Juli 2024 im hiesigen Opernhaus seine Premiere mit dem neuen Projekt „Picasso“, einer Stückentwicklung im Rahmen des Projektes PlayOn!. In Kooperation mit der Akademie für Theater und Digitalität erhielt der Tanz eine zusätzliche digitale Dimension durch eindrucksvolle Leinwandprojektionen. Die eigens für die Produktion von Tommy Finke, langjähriger musikalischer Leiter im Schauspiel, komponierte Musik sorgte für ein eindringliches Erlebnis.

Multimediales Gesamtkunstwerk

Für dieses Projekt begaben sich die jungen Tänzerinnen und Tänzer – etwa 30 Personen, darunter ein Mann – auf eine Spurensuche. Sie beschäftigten sich längere Zeit mit dem Ausnahmekünstler Pablo Picasso, einem Künstler mit absolutem Gespür für Schönheit, Maß, Farben und vor allem für neue Formen der Moderne. Malerei war für ihn kein ästhetisches Unterfangen, sondern ein Mittler zwischen der fremden, feindlichen Welt und uns Menschen.

Pi*cas*so: Ein Teil des Ensembles des JugendTanzTheaters. Foto: (c) Leszek Januszewski
Pi*cas*so: Ein Teil des Ensembles des JugendTanzTheaters. Foto: (c) Leszek Januszewski

Die Kostüme, bestehend aus lockeren weißen Anzügen mit kurzen Ärmeln und unterschiedlichen blau-violetten Zeichnungen, waren mit Bedacht ausgewählt. Es wurden sieben Schwerpunkte herausgearbeitet: Zunächst suchte sich das Chaos im Kopf einen Weg auf die Leinwand. Requisiten wie Malerkittel und Pinsel wurden in die Choreografie integriert und auch live zum Malen verwendet. Die Tanzenden entwickelten ein zunehmendes Tempo mit ihren wie Pinseln schwingenden Armbewegungen.

Emotionen im Wandel der Zeit

Es folgte die tiefe Traurigkeit nach dem Tod eines Freundes, repräsentiert durch die Figuren der Blauen Periode. Diese wurde von der Melancholie und Entsagung der Rosa Periode abgelöst. Der Bruch mit allen Konventionen zeigte sich im Kubismus, wo Gesichter zu Masken und Körper zu geometrischen Figuren wurden. Eine kurze, harmonische, ruhige Sommer-Strand-Atmosphäre voller heiterer Leichtigkeit folgte.

Unvermittelt brach Picassos bekanntes Kriegsbild „Guernica“ in die Szenerie ein, mit Dunkelheit, wildem Chaos, Zerstörung und Lärm. Ob als Einzelpersonen, zu zweit, in kleiner Gruppe oder als Gesamtensemble, die junge Gruppe begeisterte das Publikum durch ihren starken modernen Ausdruckstanz und ihre Dynamik.




Ahoi, die Piraten von Penzance kommen

Mit dem partizipativen Projekt „Die Piraten von Penzance“ bewies die Junge Oper Dortmund am 30. Juni 2024, dass Oper ein riesiger Spaß sein und auch junges Publikum begeistern kann. Gilbert (Librettist) und Sullivan (Komponist) waren Ende des 19. Jahrhunderts im britischen Empire und in den USA berühmt für ihre komischen Opern, die geschickt Kritik am britischen Klassensystem übten. Sie prägten den britischen Humor nachhaltig.

In Dortmund wurden die Arien auf Englisch gesungen, die Dialoge jedoch von Regisseur Alexander Becker ins Deutsche übertragen. Gilbert und Sullivans Gesellschaftskritik und Themen sind oft spezifisch für die britische Kultur und Politik des 19. Jahrhunderts. Das macht sie für ein heutiges internationales Publikum manchmal weniger zugänglich.

 

Eine absurde Geschichte – Die Piraten von Penzance

„Die Piraten von Penzance“ aus dem Jahr 1879 erzählt die absurde Geschichte von Frederic, der versehentlich als Lehrling bei einer Piratenbande gelandet ist. An seinem 21. Geburtstag will er seinen Pflichten entkommen und die Piraten verlassen. Er trifft Mabel, die Tochter eines Major-Generals, und verliebt sich in sie. Ein Missverständnis über sein Geburtsdatum – er wurde am 29. Februar geboren und ist deshalb technisch gesehen noch nicht 21 Jahre alt – zwingt ihn, zu den Piraten zurückzukehren. Nach vielen komischen und turbulenten Verwicklungen findet die Geschichte ein glückliches Ende: Frederic ist frei und kann mit Mabel zusammen sein. Für die Premiere in Dortmund hatte Alexander Becker einen besonderen Kniff: Die altgewordene Amme Ruth erzählt die Geschichte von Frederic ihren Enkelkindern, wodurch auch die OpernKids integriert wurden.

Szene aus "Die Piraten von Penzance": Malte Beran Kosan (Piratenkönig), Georg Kirketerp (Generalmajor Stanley), Ensemble OpernYoungsters. Foto: (c) Björn Hickmann 
Szene aus „Die Piraten von Penzance“: Malte Beran Kosan (Piratenkönig), Georg Kirketerp (Generalmajor Stanley), Ensemble OpernYoungsters. Foto: (c) Björn Hickmann 

Das Ensemble OpernYoungsters, die Young Symphonics und der Universitätschor der TU Dortmund sorgten für viel Bewegung auf der Bühne, insbesondere beim abschließenden Kampf zwischen Polizei, Piraten und den Mädchen.

Musikalische Parodien und überzeugende Solisten

Musikalisch bot die Oper einiges, denn Sullivan parodierte gerne bekannte Komponisten. In der Szene, in der der Chor „Hail, Poetry!“ singt, erinnert Sullivans Stil an die dramatischen Chorpassagen von Giuseppe Verdi. Der „Major-General’s Song“ weist hingegen Merkmale von Rossinis schnellen, zungenbrecherischen Buffo-Stilen auf. Bei den Solisten überzeugten Malte Beran Kosan als Piratenkönig, Lennart Pannek als Frederic und Johanna Schoppa als Ruth. Georg Kirketerp sang den leicht versnobten General-Major, und Lisa Pauli glänzte als Frederics Freundin Mabel.

Insgesamt war es ein wunderbarer Abend mit starkem britischem Flair, der zwar fast drei Stunden dauerte, aber keine Minute langweilte. Dies ist ein großer Verdienst der Regie sowie der Bühnen- und Kostümgestaltung. Ein besonderer Dank gilt auch allen Beteiligten auf der Bühne und im Orchestergraben.




Seniorentanztheater: Eine Bestandsaufnahme des Lebens

Seit über 13 Spielzeiten ist das Seniorentanztheater ein fester Bestandteil des Ballett Dortmund und sorgt mit seinen speziellen Choreografien für Aufmerksamkeit. Dabei sind die 17 Seniorinnen in der Mehrzahl. Die beiden Männer (Manfred Bechstein und Jürgen Huber) spielen jedoch ebenfalls eine wichtige Rolle im Gesamtgefüge.

Im Dortmunder Schauspielhaus feierten sie mit der neuen Produktion „Und Seide wasche ich bei 90 Grad“ ihre Uraufführung. Für die wunderbaren Choreografien sorgte wie immer Marc Hoskins, die Gesamtleitung lag in den erfahrenen Händen von Barbara Huber. Der Programmtitel zeugt von trotziger Entschlossenheit und Energie, denn jedes Kind weiß, dass man Seide eigentlich nicht bei 90 Grad waschen sollte.

Eine breitgefächerte Musikauswahl, die von Barock über englischen 70er-Jahre-Pop bis hin zu minimalistischer Moderne reicht, und passende Leinwandprojektionen im Hintergrund sorgten für starke unterstützende Begleitung.

Beim Tanztheater kommt es neben den Tanzbewegungen auch auf die Gestik und Mimik als Ausdrucksmittel an. Worte oder Sätze werden nur sparsam eingebracht. Die Akteure auf der Bühne trugen einheitlich schwarze, grün gemusterte Kleider und benutzten gezielt unterschiedliche Gegenstände wie Koffer, Nordic-Walking-Stöcke und bunte Hüte. Die Kleidung war passend zur „Lebenswanderreise“ ausgewählt und in die Choreografie eingebunden.

Die Bestandsaufnahme unseres Lebens zwischen Alltag, Höhenflügen und den Enttäuschungen von Hoffnungen wurde von den Beteiligten mit viel Humor, Energie und Sensibilität dargestellt. Die Seniorinnen und Senioren begeisterten das Publikum sowohl zu zweit, paarweise als auch als gut miteinander eingespielte Gruppe. Als Statement gab es die Zugabe „Hurra, wir leben noch“ (Milva).




Nicola Schubert schlüpft in die Rollen von Täterinnen und Opfern der NS-Zeit

In „Arrest“ geht es um die Rolle von Frauen im Nationalsozialismus: Die Steinwache Dortmund bietet die Kulisse für die Geschichte von Widerstandskämpferinnen und einer Gestapo-Mitarbeiterin. Am 29. Juni ist die ergreifende Inszenierung erstmalig zu sehen.



Nicola Schubert trägt ein uniformähnliches Hemd, zurückgekämmte Haare und steht verzweifelt in einer Arrestzelle der Mahn- und Gedenkstätte „Steinwache“, dem ehemaligen Gestapo-Gefängnis. Sie agiert nur durch Mimik und Gestik. Ist sie Täterin oder Opfer? Für ihre Inszenierung schlüpft sie in verschiedene Rollen, bewegt sich stumm, aber ausdrucksstark, während die Zuschauer*innen ihr durch die Flure der Steinwache folgen und über Kopfhörer der Geschichte im Hörspiel lauschen.

Geschichten von Täter*innen und Opfern

Erzählt wird die Geschichte von Erna K., die in Dortmund als Schreibkraft für die Gestapo arbeitet. Im Gefängnis begegnet sie politisch inhaftierten Frauen, darunter der Kommunistin Johanna Melzer, der ukrainischen Zwangsarbeiterin Marija Klimenko und einer Frau, die niemand so recht einschätzen kann: Ist sie wirklich Antifaschistin? Die Audio-Performance „Arrest“ nimmt weibliche Biografien von politisch Gefangenen und Gestapo-Helferinnen aus Dortmund und Köln in den Blick.

Reale Biografien waren die Basis für den Text

Vieles hat die gebürtige Dortmunderin und in Köln lebende Theatermacherin und Performerin Nicola Schubert dazu recherchiert, vieles aber auch für ihre Inszenierung abgeändert. Der Text entstand auf Basis realer Biografien von politisch verfolgten Frauen und Gestapo-Mitarbeiterinnen in Dortmund und Köln. Zusammen mit Nicola Schubert bewegen sich die Zuschauer*innen durch die Gedenkstätte und vollziehen die Wege der Frauen nach – drei Inhaftierten und der ehrgeizigen Nationalsozialistin Erna K., die bei der Polizei Karriere machen will.

Zur Person: Nicola Schubert

Nicola Schubert, geboren in Dortmund, studierte Theater- und Medienwissenschaft in Bochum sowie Schauspiel an der HfMDK Frankfurt am Main und arbeitet als Schauspielerin, Performerin, Autorin und Regisseurin. Nach Festengagements an Stadttheatern arbeitet sie seit 2021 vorwiegend an eigenen Projekten – als Einzelkünstlerin oder mit ihrem Kollektiv schubert-stegemann. Bisher zeigte sie Arbeiten im Museum Ulm, Haus der Kunst München und in öffentlichen Räumen in Köln und Dortmund, zum Beispiel auf dem Dortmunder Hansaplatz. In ihren „performativen Audiowalks“, einem Format, das sie mit schubert-stegemann entwickelte, stehen ortsspezifische Auseinandersetzungen mit gesellschaftspolitischen, historischen und feministischen Themen im Vordergrund. Dabei ist ein Hörstück die Basis für performative Arbeiten, die sich zwischen Schauspiel, Physical Theatre und Choreografie bewegen.

Termine: 29. Juni, 18 und 20 Uhr; 30. Juni, 18 Uhr (ausverkauft) sowie im Rahmen der Dortmunder Museumsnacht am 21. September um 20 und 22 Uhr, am 5. Oktober, 18 und 20 Uhr und am 6. Oktober, 18 Uhr.

Das städteübergreifende und Recherche-basierte Projekt, entwickelt zusammen mit den Sounddesignern von timecode audio, wird sowohl in der Steinwache als auch im NS-DOK in Köln gezeigt (18., 19. und 20. September sowie 17. und 18. Oktober, um jeweils 19 Uhr).

Ticketreservierung wegen begrenzter Platzzahl empfohlen unter arrest.performance@mail.de, Eintritt frei, ausgenommen Dortmunder Museumsnacht.