Kooperation statt Rivalität – Infinity Kiss

Lynn Margulis, eine einflussreiche Biologin und Evolutionstheoretikerin, entwickelte die Theorie der Endosymbiose und erweiterte damit die klassische Evolutionstheorie um eine entscheidende Dimension. Ihre Hypothese besagt, dass komplexe eukaryotische Zellen – also Zellen mit Zellkern, wie sie bei Pflanzen, Tieren und Pilzen vorkommen – durch eine symbiotische Vereinigung verschiedener prokaryotischer Zellen entstanden sind. Die Arbeit von Margulis veränderte unser Verständnis von Evolution grundlegend und verdeutlichte, dass das Leben auf der Erde nicht nur durch Rivalität, sondern auch durch Kooperation geformt wird.

Dieser Artikel ist jedoch kein wissenschaftlicher Beitrag über Evolutionsbiologie, sondern soll als Grundlage für das Verständnis des Tanztheaterstücks Infinity Kiss dienen, das auf den Theorien von Lynn Margulis basiert. Die Aufführung fand am 26. Oktober 2024 im Theater im Depot statt.

Von der Rivalität zur Symbiose: Das Konzept hinter „Infinity Kiss“

Cajsa Godée, Camila Malenchini und Layton Lachman, ein in Berlin lebender US-amerikanischer Künstler*in und Choreograf*in, sind die Hauptakteure in dem etwa 60 Minuten langen Stück. Statt wie in der klassischen Evolutionstheorie die Rivalität der einzelnen Individuen darzustellen, erschuf Lachman eine Symbiose – eine Zusammenarbeit. Ganz im Sinne von Margulis‘ Theorien verwandelten sich die Körper auf der Bühne zu einem völlig neuen Organismus. Während die Choreografie anfangs leichte „Human Centipede“-Vibes aufwies, wandelte sich Infinity Kiss allmählich zu einem polymorphen System, das sich ständig verändert und schließlich miteinander verschmilzt.

Szene aus "infinity kiss" von Layton Lachmann. Foto: (c) Mari Vass
Szene aus „infinity kiss“ von Layton Lachmann. Foto: (c) Mari Vass

Das Tanztheaterstück Infinity Kiss stellt eine Suche nach symbiotischen Wesen und kollaborativen Unterstützungsstrukturen dar. Es bietet einen faszinierenden Abend, der neue Einblicke vermittelt – nicht nur in die Evolutionsbiologie, sondern auch in die Erkenntnis, dass Zusammenarbeit und Symbiose oft zu besseren Ergebnissen führen können als reine Konkurrenz.




Lara Croft mit Existenzfragen

Das Queere Theater Kollektiv präsentierte am 25. Oktober 2024 im Theater Fletch Bizzel seine neue Produktion „Subterranean Deception – A Digital Dread“. Bereits 2023 zeigte das Kollektiv mit „Tanz der Krähen“ im Theater im Depot ein Stück, das dem Horror- bzw. Grusel-Genre zugeordnet werden sollte. Auch „Subterranean Deception – A Digital Dread“ wurde als „audiovisuelle Horror-Performance“ angekündigt. Natürlich ist die Definition von „Horror“ subjektiv, doch aus meiner Sicht erzeugte das Stück keine Schrecken. Ein Großteil der Handlung drehte sich um die Erkundungen eines Höhlenforschers auf einem fremden Planeten. Auf der Bühne des Fletch Bizzels sah man eine Art Lara Croft, die in den Requisiten herumkletterte und sich zunehmend mit der Expeditionsleiterin in Konflikt begab.

Verständlichkeit und Spracheinsatz

Das Stück war in einfachem Englisch gehalten, um es einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Diese Idee ist zwar grundsätzlich löblich, aber es ist davon auszugehen, dass Nicht-Muttersprachler Verständnisschwierigkeiten hatten.

Szene aus dem Stück  "Subterranean Deception – A Digital Dread“. Foto: Queeres Theater Kollektiv
Szene aus dem Stück
„Subterranean Deception – A Digital Dread“. Foto: Queeres Theater Kollektiv

Positiv hervorzuheben war der Einsatz von Tracking-Technologie, die es ermöglichte, die Bewegungen der Darsteller*innen in Echtzeit mit digitalen Projektionen zu synchronisieren – ein innovativer Ansatz, der zeigt, wohin sich das Theater der Zukunft entwickeln könnte. Dafür gebührt dem Queeren Theater Kollektiv Anerkennung.

Auch die Wahl des Science-Fiction-Genres erwies sich als sinnvoll, da in diesem Genre Themen wie Queerness und Transidentität schon länger behandelt werden. Ein Beispiel findet sich in der Serie Star Trek: The Next Generation, in der eine Episode durch das geschlechtslose Volk der J’naii Fragen zur Geschlechteridentität aufwirft. Eine Figur, Soren, entwickelt eine „ungewöhnliche“ weibliche Identität und verliebt sich in Riker. Diese Episode thematisiert geschlechtliche Identität und Diskriminierung und kann als Parallele zu trans und nicht-binären Erfahrungen interpretiert werden.

Was bleibt? Beide Darsteller*innen haben ihre Arbeit überzeugend umgesetzt, und die audiovisuellen Elemente konnten ebenfalls überzeugen. Inhaltlich konnte mich das Stück jedoch leider nicht abholen.




„Klein sein und bleiben!“ – Eine Neuinterpretation von Walsers Klassiker durch das „Pour Ensemble“

Das inklusive „Pour Ensemble“ präsentierte am 12.10.24 im Theater im Depot das Stück „Klein sein und bleiben!“, basierend auf dem Roman „Jakob von Gunten“ von Robert Walser. Das „Pour Ensemble“ überzeugte mit einer eindrucksvollen Mischung aus Schauspiel, Musik und Choreografie und bot eine frische, inklusive Perspektive auf das bekannte Werk.

„Jakob von Gunten“ ist ein Roman von Robert Walser, der 1909 veröffentlicht wurde. Die Geschichte wird in Form eines Tagebuchs erzählt, das der junge Jakob von Gunten führt. Er besucht das fiktive Internat „Benjamenta-Institut“, eine merkwürdige, fast kafkaeske Schule, in der den Schülern Unterwürfigkeit und Demut beigebracht werden. Jakob, ein rebellischer Schüler, hadert mit den strengen Regeln der Schule. Insgeheim ist er in die Lehrerin Lisa Benjamenta verliebt, die Schwester des Institutsleiters Herr Benjamenta.

Das "Pour Ensemble" bei "Jakob von Gunten". Foto: (c) Andre Scollick
Das „Pour Ensemble“ bei „Jakob von Gunten“. Foto: (c) Andre Scollick

Wer verkörperte Jakob? Alle auf der Bühne! Das „Pour Ensemble“ entschied sich für ein außergewöhnliches Konzept: Alle Darsteller trugen identische Kostüme und teilten sich die Rolle. Bunte Punkte fanden sich nicht nur auf der Kleidung, sondern auch im Bühnenbild und auf dem Boden wieder, was die Inszenierung visuell aufwertete.

 

Jakob von Gunten: Die Freiheit im „Klein Sein“



In der Geschichte versucht Jakob von Gunten, sich dem Leistungsdruck zu entziehen. Er will „klein“ bleiben, da er in dieser Kleinheit eine Form von Freiheit und Unabhängigkeit sieht. Anders als viele andere Figuren, die nach Macht, Erfolg oder sozialem Aufstieg streben, empfindet Jakob das Streben nach Größe als belastend. Durch das „klein Sein“ will er den gesellschaftlichen Erwartungen entkommen und seine Identität auf widersprüchliche Weise bewahren. Diese Philosophie spiegelte das „Pour Ensemble“ eindrucksvoll auf der Bühne wider.

Für die gelungene Inszenierung war nicht nur der Regisseur Jakob Fedler verantwortlich, sondern auch das gesamte „Pour Ensemble“. Das Zusammenspiel von Darstellern mit und ohne Behinderung zeigte eine gelungene integrative Leistung. Mit dabei war auch Linus Ebner, der mehrere Jahre Mitglied des Dortmunder Schauspielensembles war.

Die musikalische Begleitung bereicherte die Aufführung enorm. Violine, Akkordeon und Gesang verliehen dem Stück eine alpenländische Atmosphäre, die auch Robert Walser, als Schweizer, gefallen hätte.

„Klein sein und bleiben!“ beeindruckte zusätzlich durch den feinen Humor, den Jakob Fedler in die Inszenierung eingebaut hatte und der sich auf das „Pour Ensemble“ übertrug. Der wohlverdiente Applaus belohnte das „Pour Ensemble“ für einen rundum gelungenen Abend.




Sweeney Todd – Zwischen Rache, Liebe und Gesellschaftskritik

Am 12.10.2024 feierte das Publikum die Premiere von „Sweeney Todd“ (The Demon Barber of Fleet Street) in der Oper Dortmund. Die Musik und Gesangstexte stammen von Stephen Sondheim (Buch: Hugh Wheeler, nach Christopher Bonds gleichnamigem Stück). Im Mittelpunkt steht die fiktive Geschichte des Serienmörders Benjamin Barker, alias Sweeney Todd.

1979 wurde „Sweeney Todd“ als Musical von Sondheim am Broadway uraufgeführt, und es diente 2007 auch als Vorlage für den bekannten Spielfilm mit Johnny Depp.
Die Inszenierung von Gil Mehmert überzeugte durch eine stimmige Zusammenarbeit von Bühnenbild, Kostüm, Choreografie und Lichtdesign, wodurch eine düster-geheimnisvolle Atmosphäre entstand. Die Dortmunder Philharmoniker, unter der Leitung von Koji Ishizaka, begleiteten die Aufführung mit vielseitiger Musik. Diese reichte von Anspielungen auf Britten und Weill über Zitate aus Hitchcocks „Psycho“-Soundtrack bis hin zu Broadway-Melodien. Zudem erzählte der Opernchor des Theaters Dortmund die Geschehnisse in Rückblenden, die 15 Jahre zurückliegen.

Sweeney Todd – Ein blutiges Rachedrama mit schwarzem Humor

Das Ensemble brillierte sowohl mit stimmlichen als auch schauspielerischen Leistungen. Besonders hervorzuheben sind Kammersänger Morgan Moody als „Sweeney Todd“ und Bettina Mönch als die gerissen-mütterliche sowie geschäftstüchtige Mrs. Lovett, die Besitzerin einer Pastetenbäckerei.

Ks. Morgan Moody als "Sweeney Todd" greift zum Rasiermesser. Mit dabei ist Andreas Laurenz Maier als "Richter Turpin"Foto: (c) Björn Hickmann
Ks. Morgan Moody als „Sweeney Todd“ greift zum Rasiermesser. Mit dabei ist Andreas Laurenz Maier als „Richter Turpin“
Foto: (c) Björn Hickmann

Nach 15 Jahren Verbannung durch den skrupellosen Richter Turpin (Andreas Laurenz Maier) kehrt der Barbier Benjamin Barker, unterstützt vom jungen Matrosen Anthony Hope (Jonas Hein), nach London zurück. Dort erfährt er, dass seine Frau Lucy vom Richter missbraucht wurde und sich vergiftet haben soll. Seine Tochter Johanna, die Turpin als Baby entführt hat, wird wie eine Gefangene gehalten. Todds Verlangen nach Rache steigert sich allmählich zu einem tragischen, pathologischen Rausch.

Auf den ersten Blick mag die Handlung wie eine Splatter-Horror-Komödie erscheinen, doch „Sweeney Todd“ ist in Wahrheit eine bitterböse Moralparabel. Sie erinnert an Brecht und zeigt, wie sich gesellschaftliche Schichten durch Misstrauen, Wut und Gewalt immer weiter voneinander entfernen. Machtmissbrauch von oben führt dabei zu fatalen Folgen. Nur die junge Generation, dargestellt durch die Liebesgeschichte zwischen Johanna und Anthony, kann diese Spaltung überwinden. Die gesellschaftlichen Spannungen, die in der Inszenierung thematisiert werden, machen das Musical leider bedrückend aktuell.

Auf der Bühne verschmelzen blutiges Rachedrama, ergreifende Romanze und schwarze Komödie. Ein komödiantisches Highlight war der „Barbier-Wettstreit“ zwischen Fritz Steinbacher als Adolfo Pirelli und Morgan Moody als Todd.

Langanhaltender Beifall belohnte diesen großartigen Musicalabend. Weitere Aufführungstermine finden Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0123/5027222.




Humorvoll-deftiges Kabarett von Lioba Albus

Mit ihrem Abschlussprogramm „Ende offen“ gastierte die Kabarettistin, Schauspielerin und Buchautorin Lioba Albus am 04.10.2024 (sowie am 05.10.2024) im Dortmunder Theater Fletch Bizzel. Sie blickt inzwischen auf eine lange Karriere von 35 Jahren zurück. Die in Attendorn (Sauerland) aufgewachsene Albus bot eine gelungene Mixtur aus Neuem sowie dem Besten des Altbewährten.

In ihrem Programm ging es um die Schwierigkeit, aber auch Notwendigkeit, loszulassen – Schluss zu machen, um neu anfangen zu können. Dies betrifft verschiedene Bereiche des Lebens: das Berufsleben, manchmal auch Partnerschaften, Freundschaften oder die Befreiung von Jugend und „Optimierungswahn“.

Natürlich durfte ihre bekannteste Figur „Mia Mittelkötter“ aus dem Sauerland, mit ihren spitzzüngigen Erzählungen (zum Beispiel über Ehemann Gustav), nicht fehlen.

Loslassen und Neuanfänge im Fokus

Es ist erstaunlich, wie gut sie sich allein durch Wechsel von Kleidung, Frisuren (mit oder ohne Perücke) und Stimme in unterschiedlichste Personen verwandeln kann. Mit einem kritischen Augenzwinkern (oft leicht anzüglich) setzt sie sich besonders gerne mit den Unzulänglichkeiten des männlichen Geschlechts auseinander, ohne dabei die Frauen zu vergessen. Glaubhaft verkörpert sie die Pommes-Fachverkäuferin Witta und den Promillephilosophen Detlev, der auf einer Feier mit zunehmendem Alkoholeinfluss mit seinem „alten Freund Günther“ abrechnet.

Lioba Albus mit ihrem Alter Ego Mia Mittelkötter. (Foto: (c) Olli Haas)
Lioba Albus mit ihrem Alter Ego Mia Mittelkötter. (Foto: (c) Olli Haas)

 

Ihre kritische Haltung zu Politikern wie Donald Trump, Friedrich Merz oder Christian Lindner bringt sie geschickt in ihr Programm ein.

 

Wie der Titel „Ende offen“ verspricht, bleibt die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit der Vollblutkabarettistin erhalten. Übrigens bringt sie bald ihr viertes Buch heraus.




Junge Oper Dortmund begeistert mit humorvoll-ironischer Musiktheaterkomödie

Die Oper „Marie-Antoinette oder Kuchen für alle!“ von Marc L. Vogler (Libretto: Daniel C. Schindler), basierend auf dem gleichnamigen Schauspiel von Peter Jordan, feierte am 01.10.2024 im Operntreff Dortmund ihre Uraufführung. Es handelt sich nicht um eine historische Erzählung über Frankreichs Königin Marie-Antoinette (1755–1793), die durch die Guillotine starb. Stattdessen präsentiert das Stück eine frische und freche Operngeschichte, die nie stattgefunden hat. Marie-Antoinette wird als Pop-Ikone dargestellt.

Zahlreiche Bezüge zur Gegenwart werden geschickt eingearbeitet. Die Hauptfigur wird von Wendy Krikken mit starker Stimme und viel Humor verkörpert. An ihrer Seite stehen Franz Schilling als König Ludwig XVI. sowie Cosima Büsing als Cécile, die einzige Dienerin im Schloss Versailles. Büsing meistert außerdem mehrere Rollen wie Kardinal de Rohan, Guillaume und Napoleon. Dabei überzeugt sie mit passender Mimik und Gestik.

Ironie, Anspielungen und beeindruckende Bühnenbilder

Die Bühnenausstattung des barocken Schlosses zeigt virtuelle Ausblicke auf die Gärten von Versailles. Die Requisiten sind sorgfältig gewählt und unterstreichen die Wirkung des Stücks. Das unzufriedene Volk wird eindrucksvoll von Mitgliedern der We DO Opera und der Bürger*innenOper dargestellt.

Wendy Krikken als "Marie Antoinette". Foto: (c) Björn Hickmann
Wendy Krikken als „Marie Antoinette“. Foto: (c) Björn Hickmann

Ein kleines „Zelt“ an der Bühne dient den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Marc L. Vogler als Spielstätte. Hier wird die Musik vielseitig eingebracht – von Barock-Pop und Rock über Jazz bis hin zu Weltmusik.

Der Plot: Seit über zwanzig Jahren sind Marie-Antoinette und König Ludwig im Schloss Versailles gefangen – mit nur einer Dienerin und ohne Kuchen. Ihre Hinrichtung wird immer wieder hinausgezögert. Müssen sie es selbst in die Hand nehmen? Während Marie-Antoinette die große Dame spielt, versinkt Ludwig im Selbstmitleid. Die Dekadenz und Ignoranz gegenüber der neuen Zeit sind überall spürbar. Warum protestiert das Volk? Und warum erscheinen ständig ungebetene Gäste?

Am Ende überschlagen sich die Ereignisse: Ludwigs selbstgebaute Guillotine funktioniert. Die beiden Herrscher müssen erkennen, dass sie in der neuen Welt keinen Platz mehr haben. Der im Keller gefundene Kuchen ist längst verdorben.

Die Aufführung lebt von ironischen Brechungen, gezielten Anspielungen und starken Leistungen aller Beteiligten.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen finden Sie unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222.




Der Zauber von Oz als modern-fantasievolles Abenteuer

Wer kennt nicht die Geschichte vom „Zauberer von Oz“ (Lyman Frank Baum) aus dem Jahr 1900 und die berühmte Filmversion (1939) mit Judy Garland?
Die Inszenierung des Stücks „Der Zauber von Oz“ (Regie: Johanna Weißert) basiert auf der frisch-modernen Fassung des Autors Sergej Gössner.
Die Premiere fand am 02.09.2024 im Kinder- und Jugendtheater (KJT) Dortmund statt.

Doro, wunderbar gespielt von Anna Reizbikh (im Rollstuhl), lebt hier mit ihrer alleinerziehenden, berufstätigen Mutter (Bianka Lammert) in der sechsten Etage eines schäbigen alten Wohnblocks Nr. 39. Um dem Alleinsein zu entfliehen, taucht Doro in die (Traum-)Welt des neuen Handyspiels SMARAGDCITY ein oder singt. Plötzlich stürmt es draußen, und ein Heißluftballon schlägt an ihr Fenster. Unvermittelt landet sie im Land Oz.

Annika Hauffe, Anna Reizbikh, Sar Adina Scheer, Andreas Ksienzyk, Thomas Ehrlichmann, Bianka Lammert. Foto: (c) Birgit Hupfeld
Annika Hauffe, Anna Reizbikh, Sar Adina Scheer, Andreas Ksienzyk, Thomas Ehrlichmann, Bianka Lammert. Foto: (c) Birgit Hupfeld

Ein fantasievolles Abenteuer im Land Oz

Zurück kommt sie nur mit der Hilfe des Zauberers. Dafür muss sie sechs Smaragde gewinnen und begegnet dabei der Hexe (Bianka Lammert), dem zerstreuten Strohmann (Thomas Ehrlichmann), der Blechfrau (Sar Adina Scheer) mit Liebeskummer, dem mutlosen Löwen (Andreas Ksienzyk) sowie der Porzellanprinzessin (Annika Hauffe). Gemeinsam stürzen sie sich in das Abenteuer.

Fantasievoll gestaltet waren nicht nur das Bühnenbild (Julia Schiller), sondern auch die Kostüme. Für die sensible musikalische Begleitung sorgte Michael Kessler.
Wie so oft gelang es dem engagierten KJT-Ensemble, sich mit viel Spielfreude und Empathie in ihre verschiedenen Rollen hineinzuversetzen.

Klischees und Vorurteile werden mit Humor begegnet. Gemeinsam kann man viel schaffen. Trotz persönlicher Schwächen setzen die Figuren ihre individuellen Stärken ein, um ein gemeinsames Ziel (zum Wohl aller) zu erreichen.

Weitere Aufführungstermine erfahren Sie wie immer unter www.theaterde.de oder Tel.: 02321/ 50 27 222.




Fulminante Internationale Ballettgala XXXIX in Dortmund

Der Dortmunder Ballettintendant Xin Peng Wang zog auch in diesem Jahr zahlreiche Ballettstars aus Europa (Amsterdam, Berlin, Dresden, München, Lissabon, London, Paris) in unsere Stadt.

Die 39. Internationale Ballettgala am 21. und 22. September 2024 bot die gesamte Bandbreite des Genres. Moderiert wurde der Abend wie gewohnt humorvoll und charmant von Kammersänger Hannes Brock.

Bolero (Jiří Bubeníček): Jenny Laudadio, Jon Vallejo (Semperoper Ballett). Foto: (c) Leszek Januszewski
Bolero (Jiří Bubeníček): Jenny Laudadio, Jon Vallejo (Semperoper Ballett). Foto: (c) Leszek Januszewski

Den Auftakt bildete eine Reminiszenz an die erfolgreiche Choreografie von Xin Peng Wangs „Schwanensee“ (Musik: Peter Tschaikowsky) mit Tänzer*innen des Dortmunder Balletts sowie des NRW Juniorballetts.

Klassisch-romantisch ging es weiter mit „Renaissance“ (Choreografie: Sébastien Bertaud, Musik: Félix Mendelssohn; Besetzung: Bleuenn Bettistoni, Ballet de L’Opéra Paris) und „Le Parc“ (Choreografie: Angelin Preljocaj, Musik: W.A. Mozart; Besetzung: Yasmine Naghadi, Julian MacKay).

Ein vielfältiges Ballett-Erlebnis

Die Ausdrucksmöglichkeiten des modernen zeitgenössischen Balletts demonstrierten eindrucksvoll die beiden Choreografien „O“ und nach der Pause „I“ von Philippe Kratz, der vor 18 Jahren selbst zur Dortmunder Company gehörte. Beide Stücke wurden wunderbar von Casia Vengoecha und Toon Lobach interpretiert.

Mit „Giselle“ (Musik: Adolphe Adam; Choreografie: Marius Petipa; Besetzung: Anna Tsygankova und David Motta Soares, Het Nationale Ballet Amsterdam, Staatsballett Berlin) zeigten die Tänzer*innen ihr Können auch in „Penumbra“ (Choreografie: Remi Wörtmeyer).

Eine empathisch-rasante Choreografie von Jiri Bubeníček zu Ravels „Boléro“, meisterhaft dargeboten von Jenny Laudation und ihren vier männlichen Partnern (Semperoper Ballett, Dresden), leitete die Pause ein.

Nach der Pause folgte „Love, Fear, Loss“, sensibel auf dem Flügel von Marcos Madrigal begleitet. Dieses klassische, romantisch-melancholische Ballettstück, inspiriert von der Musik von Piaf, Brel und Dumont, präsentierte Ballettgrößen der Companhia Nacional de Bailado, Lissabon.

Zum französisch geprägten Abend passte die an die Französische Revolution angelehnte Choreografie „Flammes de Paris“ von Wassili Valonen (Besetzung aus dem Royal Ballet, London, und dem Bayerischen Staatstheater, München).

Eine virtuose Kostprobe aus „Ein Mittsommernachtstraum“ (2020; Choreografie: Alexander Ekman, Musik: Mikael Karlsson) mit Akteur*innen des Balletts Dortmund und des NRW Juniorballetts rundete den Abend für das begeisterte Publikum ab.




Dawn – Ein Abend über Reproduktion

Zur Spielzeiteröffnung am 21.09.2024 hatte sich das Theater im Depot etwas Besonderes einfallen lassen: Sheena McGrandles‘ Musical „Dawn“ wurde präsentiert. Allerdings ist „Musical“ hier eine verkürzte Bezeichnung, da das Werk Konzert, Spoken Word und Performance miteinander vereint.

„Dawn“ bezieht sich auf die mystische Morgenröte, die in der griechischen Mythologie als Eos und im antiken Rom als Aurora bekannt ist. Das Stück beginnt mit einer mythologischen Erzählung, die jedoch anfangs nur schwer in Gang kommt, da die Akustik und das Verständnis leiden, wenn viele Darsteller gleichzeitig auf Englisch sprechen.

"Dawn" von Shhena McGrandles. Foto: (C) Michiel Keuper
„Dawn“ von Shhena McGrandles. Foto: (C) Michiel Keuper

Doch im Verlauf bessert sich die Aufführung, und insbesondere die Musik sticht als Highlight hervor – schließlich ist es ein Musical. Die Schauspieler und Musiker meistern die verschiedenen Musikstile mit Bravour.

Vielfalt der Reproduktion – aber keine leichte Entscheidung

Der Untertitel „A Musical on Reproduction” verdeutlicht, dass es um die Themen Kinderwunsch, Familie und Fortpflanzung geht. In einer Szene fragt eine Schauspielerin das Publikum, ob jemand eine Abtreibung erlebt habe – sie selbst bejaht es. Eine schwierige persönliche Entscheidung, ebenso wie die Frage, ob man Kinder haben möchte oder nicht. Der „Chor der Kinderlosen“, der in Schwarz gekleidet auftritt, symbolisiert diese Entscheidung, die für viele nicht leicht ist.

Was nehmen wir aus dem Abend mit? Zum einen, dass ein Mann theoretisch täglich neue Kinder zeugen kann – im Lied „Dschingis Khan“ schafft die besungene Person immerhin sieben. Zum anderen zeigt das Stück, dass die Frage der Reproduktion Frauen einen Großteil ihres Lebens beschäftigt, während Männer noch immer zu laut und zu viel darüber reden.

Mitwirkende bei „Dawn“ waren Sheena McGrandles, Moss Beynon Juckes, Claire Vivianne Sobottke, Colin Self, Emeka Ene, Stellan Veloce und Marta Forsberg. Der Chor bestand aus Martin Hansen, Valerie Renay, Marek Polgesek und Cathy Walsh Irish.

Musikalisches Nachspiel

Im zweiten teil des Abends ertönte die sphärische Musik von Lara Gallagher. Ihr Stück „Abhainn“ (irisch für „Fluss“ oder „Nebenfluss“) erforscht die Konstruktion authentischer Identität in Irland. Mit einer Mischung aus elektronischen Klängen, Gesang, Geige, Klavier und Kontrabass wird die Geschichte von Éanna, einer Frau, die 2024 durch Dublin navigiert, locker dargestellt. Opernhafte, theatralische und musikalische Elemente verschmelzen zu einer Einheit, bei der der Klang als untrennbares Medium der Identität ins Zentrum gerückt wird.

Mitwirkende waren Lara Gallagher, Özgür Yilmaz, Michael McCartan und Eilís Dexter.




Zwischen Nostalgie und Neuanfang: „Forever and ever“ erkundet Vergänglichkeit und Ewigkeit

Das 4.D-Kollektiv „wichtigemenschen“ präsentierte am 21. September 2024 ein Tanz-, Theater- und Musikprojekt zum Thema Vergänglichkeit und Ewigkeit unter dem Titel „Forever and ever“ im Fritz-Henßler-Haus in Dortmund.
Sind unsere Bindungen an bestimmte Werte und Menschen tatsächlich eine Art von Nostalgie, und geben sie uns in bestimmten Lebensphasen Halt? Oder ist es emotionaler Ballast, der uns unbeweglich machen könnte? Diesen Fragen gingen mehrere junge Erwachsene in der Performance „Forever and ever“ nach. Ist Nostalgie immer etwas Gutes?

Was kann bleiben, was kann weg? "wichtigemenschen" machen sich Gedanken. (Foto: (c) 4.D)
Was kann bleiben, was kann weg? „wichtigemenschen“ machen sich Gedanken. (Foto: (c) 4.D)

Was kann bleiben, was kann weg? Sind Produkte, die uns in der Kindheit Freude bereiteten, wie das „Bum Bum Eis“, auch als Erwachsene noch erstrebenswert? Und was ist mit Begriffen wie „Menschenwürde“ oder „freier Wille“?

Eine lebhafte Reise durch Erinnerungen und Werte

 

Die jungen Erwachsenen starteten eine lebhafte Tour der Erinnerungen – angefangen bei heimlichen Besuchen auf dem Dachboden, um Computerspiele zu spielen, über Erlebnisse im Garten bis hin zu den ersten Partys am Pool. Natürlich durfte die Erinnerung an den ersten Kuss nicht fehlen. Dabei zeigte „wichtigemenschen“ einen humorvollen Kurs zum Thema „richtig Küssen“, passend zum Song „Kiss“ von Prince.
Am Ende stehen sie am Flughafen, ein Sinnbild für die Frage: „Wohin wird die Reise gehen?“ Was nehmen wir mit, was werfen wir über Bord? Die einzelnen Themen sind in Säcken verpackt und werden hin- und hergeschoben. Wichtig oder unwichtig? Alle haben unterschiedliche Meinungen.
Da erscheint eine Lösung: Auf einer Wäscheleine werden alle Themen aufgehängt. Die Wäscheleine symbolisiert die Spur, die Menschen hinterlassen und beeinflussen können. So wird es zu einer individuellen Entscheidung, „was bleiben soll“.
Das Stück war geprägt von tollen Choreografien und Live-Musik. Der Funke zum Publikum sprang da sofort über.
Insgesamt boten alle Personen auf der Bühne eine engagierte Leistung. Lob gebührt natürlich auch Birgit Götz (Tanzpädagogik) und Cordula Hein (Theaterpädagogik).
Wer sich davon überzeugen möchte, hat dazu am Samstag, den 28. September 2024, um 20 Uhr im Fritz-Henßler-Haus die Gelegenheit. Vorverkauf: Eventim.de. Kartenreservierungen: info@vier-D.info.
Mitwirkende: Carina Bährens, Ilana Bornschlegel, Carla Brockmann, Antonio Di Nauta, Lena Dockhorn, Greta Heimbach, Rouven Knape, Katharina Kelm, Marcia Kemper, Bhavdeep Kumar, Leon Lohrmann, Tatia Nanava, Mathis Pollmann, Sina Rumpke, Henna Schmaler, Lotta Severin, Cosima Zinke.