Erschöpfende Reise – Deutsche Erstaufführung von Anna Gschnitzers dramatischen Roadtrip „Capri“ in Dortmund
Capri, die Insel der blauen Grotte war ein Traumreiseziel für die Wirtschaftswunderkinder, ein Ort, in den eine diffuse Sehnsucht nach Freiheit und Entspannung hineinfantasiert wurde. In Anlehnung daran hat die österreichische Autorin Anna Gschnitzer sich die Frage gestellt, warum vor allem Frauen nie genug Erholung kriegen. „Capri“ ist mehr als die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung, es ist ein Stück über Fürsorge und Selbstfürsorge. Uraufgeführt wurde es 2024 am Wiener Schauspielhaus, im Studio des Dortmunder Schauspiels Studio hat es jetzt die junge Regisseurin Jasmin Johann inszeniert, und sie präsentiert ein souveränes Regiedebüt, ideenreich, witzig und präzise erarbeitet mit drei hervorragenden Darstellern, die die 90 Minuten ohne Pause in eine Sternstunde des Schauspiels verwandeln.
Die Vorstellung beginnt mit einem Rund-um-Sorglos-Paket. Eingelullt von den Klängen der „Caprifischer“ werden die Besucher auf möglicherweise verstörende Momente der Inszenierung hingewiesen, die lautesten Töne etwa, das hellste Licht, einen platzenden Luftballon. Angesagt wird eine „relaxed Performance“, in der Bewegungen und Geräusche der Zuschauer ausdrücklich willkommen sind und dem Publikum erlaubt ist, die Vorstellung zu verlassen und zurückzukehren. Die Eröffnung ist vielleicht auch ein Hinweis auf den Humor des Abends, der mithilfe geschickt gesetzter Brüche verhindert, dass die Inszenierung ins Mitleidige und Nostalgische abrutscht. An diesem Abend geht niemand raus, zu sehr sind alle gefesselt von der intensiven Inszenierung, der es gelingt, das wichtige Thema Care-Arbeit als sehr persönliche Geschichte auf der Bühne zu etablieren.

Foto© Birgit Hupfeld
Sorgearbeit ist seit jeher hauptsächlich Frauensache. Laut einer aktuellen Studie wird unbezahlte Betreuungstätigkeit im Bereich Haushalt, Kinderbetreuung und Pflege zu zwei Dritteln von Frauen geleistet. Die Gender-Forscherin Cornelia Klinger weist darauf hin, dass Sorge-Arbeit sehr viel mehr ist als Arbeit. Sie ist ein Habitus, eine Haltung, und die Sorge hört nicht auf, wenn die Arbeit zu Ende ist. Die Folge ist oft Erschöpfung.
Auch die Tochter, eine junge Schriftstellerin, ist erschöpft. Sie hat den Auftrag, einen Roman zu schreiben: über die Reise einer Tochter mit ihrer pensionierten Mutter. Aber eine Schreiblockade plagt die Arme und der Abgabetermin steht kurz bevor. In dieser Situation findet sie ein altes Foto: ihre Mutter als Kind am Strand von Capri. Dann hat sie die Idee: Ein gemeinsamer Urlaub auf der Insel mit der eigenen, gerade in den Ruhestand entlassenen Mutter, einer ehemaligen Krankenpflegerin. Und so beginnt eine Reise, auf der die beiden Frauen beginnen, die weißen Flecken auf der Landkarte ihrer Beziehung zu erforschen. Fragend, streitend, hoffnungsvoll und neugierig fügen sie die Puzzleteile ihrer Leben zusammen, erzählen von ihren Erschöpfungen auf diesem „virtuos-kuriosem Roadtrip“, eine Erzählweise, die Gschnitzer „ideal schien, weil er eine Form von unfreiwilliger Nähe erzeugt: Man kann nicht einfach aussteigen, muss miteinander reden, schweigen, aushalten.“
Obwohl sie auf der Autobahn immer geradeaus fahren, stranden die beiden Frauen auf ihrer Italien-Reise immer wieder an derselben Tankstelle, die Sandra Maria Kania als Bild auf der Bühne installiert hat – ein beinahe steriler Ort im Niemandsland zwischen Abreise und Ankunft, den die Frauen erst verlassen werden, wenn sie sich ihre Geheimnisse offenbart haben.
Johann inszeniert den vielschichtigen, klug und witzig gewebten Text mit allen Mitteln des Theaters, garniert mit einer Fülle von Regieeinfällen. Beinahe comedyhaft anmutende Monologe und manchmal poetische Selbstreflexionen wechseln sich ab mit geschliffenen Dialogen. Es wird zudem (sehr gekonnt!) gesungen und getanzt.
Fabienne-Deniz Hammer als Tochter merkt man ihre chronische Müdigkeit oft gar nicht an. Wie sie witzig und eloquent über den Sommer lästert, wie sie voller Leidenschaft mit der Mutter streitet und lacht, wie sie mit dem Tankwart schäkert und käbbelt, das ist eine Darstellung, die überzeugt und erfrischt.
Den Tankwart Phil und alle erforderlichen Nebenrollen spielt Lukas Beeler wunderbar witzig. Wenn die Tochter zuweilen vom Roadtrip in die halluzinatorische Traumreise gleitet, spielt er auch schon mal eine Eizelle. Er ist Impulsgeber, Ratgeber und Zuhörer. Und er ist der Narr, der dem Abend an genau den richtigen Stellen eine lachende Leichtigkeit schenkt.
Die eigentliche Hauptfigur des Abends aber ist die Mutter. Erst nach eine halben Stunde tritt Beatrice Masala auf und prägt fortan den Abend maßgeblich mit ihrer schauspielerischen Präsenz, ihrer wirklich großartigen Darstellung einer Frau, die vom Job ausgelaugt und sich schwertut zwischen der Sehnsucht nach Ruhe und Erschöpfung und dem Wunsch sich ihrer Tochter zu öffnen. Ihr bei diesem Suchen und Finden zuzusehen und zuzuhören ist einfach ein Genuss.
Stehende Ovationen für großes Theater im kleinen Studio.








