„Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ – Oscar Wilde mit Augenzwinkern

Ein paar weiße Handschuhe, eine Schürze, ein Gehstock, eine Melone und ein Diadem. Und Gurkensandwiches. Es braucht nicht viel, um ein Theaterpublikum in eine andere Welt zu versetzen. In seiner mittlerweile sechsten Produktion widmet sich der Schauspieltreff des Vereins Halte-Stelle Oscar Wilde und seiner Komödie „Bunbury – The Importance of Being Earnest“.

Gleich zwei Gentlemen sind „Bunburianer“. Sie erfinden Freunde oder Verwandte – der eine, um in die Stadt zu kommen, der andere, um ab und an seiner Tante entfliehen und ungehindert ausgehen zu können. „In der Stadt amüsiert man sich, auf dem Land amüsiert man die anderen“, lautet ein Motto.

Das geht gut, bis sich der erste verliebt. Unter dem falschen Namen Ernest. Den seine Angebetete aber ganz wunderbar findet. Einen Mann mit einem anderen Namen will sie auf keinen Fall heiraten! 

"Dein Ernst? Is' nich' wahr" im Theater im Depot. (Foto: (c) Martina Bracke)
„Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ im Theater im Depot. (Foto: (c) Martina Bracke)

Verwicklungen und Verwirrungen sind also vorprogrammiert. Man leidet mit Ernest alias Jack. Man hofft, dass die Angebetete „Ja“ sagt. Sein Freund versucht ihm alles auszureden. Und dann sind da auch noch diese wunderbaren Schwiegereltern, die den Bewerber ganz genau unter die Lupe nehmen und von der Wahl der Tochter gar nicht „amused“ sind. Ganz herrlich das Paar auf Sofa und Sessel beim „Verhör“.

Überhaupt sind die Figuren von der Theatergruppe skurril gezeichnet, man merkt allen die Spielfreude an, freut sich an den kleinen Gesten, z. B. wie etwa Ernest/Jack seinen Hut, eine Melone, knetet, an dem theatralischen Heiratsantrag und den vielen liebevollen Kleinigkeiten, die auch auf der großen Bühne im Theater im Depot gut rüberkommen.

Im Foyer erhielt das Publikum bereits eine kurze Einführung, sodass man vorbereitet in den Theatersaal geht – mit Gitarrenbegleitung. Denn ganz nach der reinen Lehre hat die Gruppe das Stück nicht inszeniert.

So werden immer wieder auch eigene Gedichte und Lieder eingebaut, es geht um Liebe und die Gesellschaft und unser Miteinander. Sehr treffend auch im Programmzettel formuliert: „ Wer liebt wen? Und warum? Und ist das überhaupt eine gute Idee? Was macht Liebe mit uns – und was stellen wir im Gegenzug mit ihr an? Oder auch: Warum gibt es in unserer modernen Gesellschaft immer noch Menschen, die glauben, sie dürften über andere urteilen?“

Die Darstellerinnen und Darsteller wechseln mühelos von Oscar Wilde zu eigenen Texten. Zeigen viel Humor, z. B. wenn der spätjugendliche Bewerber sein Alter auf neunundzwanzig plus datiert. Lacher gibt es viele in den kurzweiligen anderthalb Stunden.

Der ein oder andere Hänger des „Theaters Normal Gibt’s Schon“, wie das Ensemble sich nennt, wird charmant überspielt, das muss man auch erst einmal können. Da sind sie bei Ekkehard Freye, der das Projekt als Schauspieler (im Hauptberuf beim Schauspiel Dortmund engagiert) professionell anleitet, durch eine gute Schule gegangen. Viel Sicherheit gibt ihnen aber auch die Gemeinschaft, die sie selbst „als Familie“ empfinden. Und Halt durch die weitere Begleitung des Vereins, der in der Blücherstraße ansässig ist, mit Anna Becker und Anna Helmsorig.

Oscar Wilde schrieb diese Komödie, um Geld zu verdienen. Auch wenn das Stück im Theater im Depot mit dem Titel „Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ Eintritt kostet, für Geld spielen die Darstellerinnen und Darsteller der Halte-Stelle nicht, aber für Spaß und Freude und für Applaus, den es zum Schluss reichlich und verdient gibt. Ein Theatervergnügen mit wenig Brimborium, viel Herzblut und einigen Herzensanliegen, die als Botschaften mit nach Hause genommen werden können: Z. B. „Ein Lächeln kostet gar kein Geld, es wärmt die kalte, graue Welt.“

In diesem Sinne verabschiedet sich das Publikum in einen tatsächlich eher durchwachsenen Junitag und trägt vermutlich ein Lächeln auf den Lippen und bestimmt viel Wärme im Herzen.

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Kapitalismus im Endzeit-Gewand: „Die Dreigroschenoper“ im Salzlager der Kokerei Hansa

Was für ein passenderer Ort ließe sich für Bertolt Brechts und Kurt Weills Dreigroschenoper finden als das Salzlager der Kokerei Hansa? Wo einst Salze und Dünger für die Landwirtschaft industriell produziert und gewinnbringend verkauft wurden, wird heute das Elend bewirtschaftet. In ihrer Inszenierung zeigt Regisseurin Julia Wissert eine Welt, die keine sentimentale Tragödie über die Unterschicht ist, sondern eine zynische, hochaktuelle Analyse des Raubtierkapitalismus in seiner reinsten Form – inklusive der totalen Ökonomisierung von Armut und Menschlichkeit.



Dünger für das Elend: Die Kulisse und das Leading Team

Die industrielle, rohe Kulisse des Salzlagers atmet den Geist des Stücks und wird vom Ensemble geschickt bespielt. Bühnenbildner Thilo Ullrich bettet seine fantasievolle, dynamische Szenerie nahtlos in diese Fabrikatmosphäre ein. Kombiniert mit den Kostümen von Lorena Díaz Stephens entsteht eine dystopische Welt, die optisch stark an die Mad Max-Filme erinnert. In diesem endzeitlichen Überlebenskampf gibt es keine moralischen Instanzen mehr: Besonders sinnbildlich brennt sich der Polizeichef Brown ins Gedächtnis, der – gehüllt in knallrotes Plastik – als wandelndes, korruptes Signalfeuer die Analogie von Gangster- und Spießbürgertum verkörpert.

Hier wird deutlich, was Brecht meinte: Jonathan Jeremiah Peachum betreibt kein Wohlfahrtsunternehmen, sondern bewirtschaftet Mitleid als knappe Ressource. Armut ist hier der Treibstoff für Profit und politische Erpressung.

Haben eine komplizierte Beziehung. v.l.n.r.: Polizeichef Brown (Viet Anh Alexander Tran) und Meckie Messer (Lukas Beeler). Foto:  © Florian Dürkopp
Haben eine komplizierte Beziehung. v.l.n.r.: Polizeichef Brown (Viet Anh Alexander Tran) und Meckie Messer (Lukas Beeler). Foto: © Florian Dürkopp

Ein zynischer Mackie und eiskalte Frauenclans

Das Ensemble transportiert diesen zynischen Grundton grandios. Lukas Beeler brilliert als Macheath (Mackie Messer). Er legt die Figur präzise als überheblichen, zynischen Gangster an, der sich in seiner bürgerlichen Fassade absolut sicher wiegt – schließlich weiß er den Polizeichef in seiner Tasche.

Doch die eigentliche Dynamik des Abends gehört den Frauenrollen, die in diesem patriarchal-kapitalistischen Gefüge zu strategischen Akteurinnen werden. Herausragend gelingt Rose Lohmann die Wandlung der Polly Peachum: Aus der scheinbar romantischen, naiven Tochter wird im Handumdrehen eine knallharte, effiziente Geschäftsfrau, die Mackies Gang mit einer Kälte übernimmt, die den Ganoven das Blut in den Adern gefrieren lässt. Auch Marlene Goksch überzeugt als Spelunken-Jenny im Juni-Ensemble auf ganzer Linie. Ihr Verrat an Mackie geschieht nicht aus Bosheit, sondern aus schierer ökonomischer Notwendigkeit – das Prinzip „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ wird hier schmerzhaft spürbar.

Solide Musik mit akustischen Hindernissen

Musikalisch wird der Abend von der siebenköpfigen Band unter der Leitung von Yotam Schlezinger solide getragen. Kurt Weills Songs behalten ihren rotzigen, treibenden Charakter. Allerdings forderte die raue Industrie-Architektur des Salzlagers an diesem Abend ihren Tribut: Für Zuschauer auf den Außenplätzen (wie am rechten Rand) blieb die Band visuell verborgen. Zudem kämpfte die Aufführung mit punktuellen akustischen Problemen. Sobald das Ensemble am jeweils anderen Ende der weitläufigen Bühne agierte und sang, ging die Textverständlichkeit bei einigen Songs leider spürbar verloren.

Fazit
Trotz der akustischen Abzüge durch die Hallenkonstruktion ist Julia Wissert eine bildgewaltige Inszenierung gelungen. In Dortmunds wohl passendster Industriekulisse regt das Stück genau dazu an, über die zynischen Mechanismen nachzudenken, die Armut erst profitabel machen. Ein starker, sehenswerter Theaterabend.




Wunder überall! „Das Loch in der Oberfläche“ im Theater im Depot

Im Dunkeln entzündet sich ein Licht. Klein. Zunächst. Es wird heller und heller. Zwei Personen auf der Bühne. Sound kommt dazu. Sie reißen die Münder weit auf. Was sehen sie?



Das Publikum muss glauben, dass sie etwas Besonderes sehen. Schauen sie auf etwas Gutes oder Schreckliches? Auf ein Wunder gar? „Wenn es dich berührt, ist es echt.“

Im Alltag wundert man sich über vieles und empfindet manches kleine Ereignis als Wunder. „Auch Ameisen sind wundervoll.“

„Wunder! Wunder! Wunder!“ Überall. Auch im Kleinen. Bei genauer Betrachtung.

In der Welt der Gläubigen, insbesondere in der katholischen Kirche braucht es mehr. Braucht es größere Wunder, um zum Heiligen erklärt zu werden. Die Gruppe „äöü“ hat sich viel mit diesen Wundern beschäftigt, ist in verschiedene Wallfahrtsorte gepilgert, um sich den Umgang mit den Wundern vor Ort anzuschauen. „You can touch, you can kiss, but no photos.“

"Wunder gibt es immer wieder", sang schon Katja Ebstein. (Foto: (c) Katharina Kemme)
„Wunder gibt es immer wieder“, sang schon Katja Ebstein. (Foto: (c) Katharina Kemme)

Auf der Bühne spielt sich das Geschehen in einem Kreis ab, der nicht eingezeichnet ist, den aber die Orgel markiert, die immer wieder vorgerückt wird. Im Kreis verändern sich die kreierten Bilder. Das künstliche Plastik spielt eine Rolle. Zum Beispiel zu beeindruckenden Priesterornaten geschneidert. (Kostüme: Sylvia Straub, Bühne: Sofia Falsone)

„Ein Heiliger ist im selben Jahr geboren wie ich.“ Ist das nicht schon ein Wunder? Es geht um den ersten Heiligen des Generation Y, den „Influencer Gottes“. „You can touch, you can kiss, but no photos.“

Patricia Bechtold und Johannes Karl zelebrieren auf der Bühne statistisch unwahrscheinliche Ereignisse, schaffen eindrückliche Bilder u. a. mit Nebel, der auch Weihrauch sein kann, jedenfalls schwenkt die Nebelmaschine wie ein Weihrauchfass über die Bühne. Die Effekte sind gut durchdacht und man schaut nimmermüde fasziniert zu, wie sich schlichtes Plastik erhebt und über die Bühne wirbelt.

Insgesamt eine stimmige Inszenierung, in der die beiden DarstellerInnen die „Landschaft hinter dem Wissen“ zugänglich machen und auch in gewisser Weise abheben, die Erdanziehungskraft „wirkt heute ganz schlecht“.

Die Bilder hängen noch lange nach, auch in der Besprechung nach zum Teil stehendem Applaus in dieser zweiten Aufführung (Premiere war einen Tag zuvor), beschreibt eine Zuschauerin die „Intensität dieser Fülle“, viele sind ganz beseelt von der Einfachheit der Requisiten, die einen Zauber auf die Bühne gebracht haben. Aber nicht nur die Bilder, auch die zum Teil selbst erstellten Texte von äöü und Texte der Autorin Sina Ahlers finden viel Anklang.

Äöü ist ein Theater- und Performance-Kollektiv aus dem Ruhrgebiet, die Produktion „Das Loch in der Oberfläche“, das unter anderem auf einen Ameisenhügel anspielt, wurde mit verschiedenen Partnern realisiert (z. B. Theater im Depot, Ringlokschuppen) und von mehreren Städten gefördert. U. a. Dortmund, Bochum, Frankfurt. Sowie von unterschiedlichen weiteren Fördergebern, Stiftungen, Land und Bund. Dementsprechend sind die nächsten Aufführungen in Bochum, Frankfurt, München und erst im November mit Herne wieder im Ruhrgebiet. Mehr unter www.aeoeue.de

Erst diese Kooperationen und Förderungen machen so manche Produktionen erst möglich, auch wenn man sich wünschen möge, das Stück noch öfter in Dortmund zu sehen. Die Inszenierung prägt jedenfalls beim Publikum ein und bringt vielleicht das ein oder andere Licht in den Alltag.

Www.aeoeue.de

Ein weiteres Stück „Wenn die Tauben singen“, eine musikalische Performance über Mensch und Taube, ist zeitnah in den Flottmannhallen Herne am 29.05.2026 zu sehen.




Eine intensive und zärtliche Chronik des Vaterseins 

Uraufführung im Studio Schauspiel Dortmund

In der intimen Atmosphäre des Studio Schauspiel fand am 13.05.2026 die Uraufführung des Solo-Programms „Nachrichten an meinen Sohn“ statt. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Alejandro Zambra (* 1975 in Santiago de Chile). Es erzählt die Geschichte des Vaterseins in kurzen Erinnerungen, Briefen und Momentaufnahmen des Autors an seinen Sohn Silvestre.

Ein Darsteller mit vielen Talenten

Susanne Lange übersetzte den Roman aus dem Spanischen, während Leonard Dick für Regie und Ausstattung verantwortlich zeichnete. Als Solo-Schauspieler brachte Ekkehard Freye vom Dortmunder Ensemble dem Publikum diese zärtliche Lebensgeschichte näher. Er tat dies mit einer sehr lebendigen und humorvollen Art. Zudem zeigte er nicht nur sein schauspielerisches Können, sondern am Klavier auch sein musikalisches Talent. Daher stehen abwechselnd zwei Beziehungen im Fokus: die liebevolle Bindung des Autors zu seinem Sohn und das Verhältnis zum eigenen Vater.

Nachrichten an meinen Sohn: Ekkehard Freye (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Nachrichten an meinen Sohn: Ekkehard Freye (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Alte Rollenbilder im Wandel

Alejandro bricht mit den alten, starren Rollenbildern. Deshalb begleitet er jeden Schritt seines Sohnes mit großer Freude und Unterstützung. Darüber hinaus führt er eine gleichberechtigte Beziehung mit Jazmina, der Mutter des Kindes. Sein eigener Vater steckt dagegen noch im traditionellen „Machismo“ fest. Dieser prägt mit seinen festen Regeln für Mann und Frau das Leben in der Familie.

Bücher und Fußball auf der Bühne

Der Wunsch, das Beste für die Kinder zu tun, verbindet jedoch alle Eltern. Ebenso kennen fast alle die angstvolle Sorge, Fehler zu machen. Die gemeinsame Liebe zu Büchern sorgt schließlich für eine langsame Annäherung zwischen den Generationen.

Dass Literatur hier eine große Bedeutung hat, zeigen auch die vielen Bücher auf dem Bühnenboden. Das Stück beschreibt zudem sehr begeistert, wie das Vorlesen des ersten Kinderbuches auf Silvestre wirkt. Neben der Literatur greift die Inszenierung auch die gemeinsame Liebe zum Fußball auf – konkret zum chilenischen Club Colo-Colo.

Gezielt eingespielte spanische Original-Tonaufnahmen (Ton: Björn Netten) und passende Musik (Andrej Agranovski) begleiten das Geschehen auf der Bühne sehr eindringlich. Am Ende belohnte das Publikum diese starke und intensive Darbietung mit reichlich Applaus.


  • Weiterer Vorstellungstermin (unter anderem): Fr., 19. Juni 2026 um 20:00 Uhr
  • Nähere Infos: wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231 / 50 27 222



Frühlingserwachen – Eine Generation auf der Suche

Am 08.05.2026 – genau 81 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft – fand in den Räumen des Kinder- und Jugendtheaters Dortmund die Premiere der Jugendclubproduktion „Frühlingserwachen“, frei nach Frank Wedekinds Drama (1891), statt. Dreizehn Heranwachsende des KJT-Jugendclubs setzten sich mit der (leider) zeitlosen Aktualität des gesellschaftskritischen Dramas auseinander. 



Die wilhelminische Kaiserzeit war durch die Forderung nach Gehorsam, strenge Moralvorstellungen und die Unterdrückung der Selbstentfaltung geprägt. Dies bildete eine bedeutende Grundlage für die spätere Macht des Nationalsozialismus. Wie sieht es für die Jugendlichen heute, in einer Zeit voller diverser Bedrohungen und Unsicherheiten, aus? 

Das Bühnenbild veranschaulichte durch eine Gitterwand die Trennung und den Abstand zwischen den drei unterschiedlichen Elternteilen und den Heranwachsenden. Die junge Generation konnte auf verschieden hohen Podesttreppen in vielfältigen Konstellationen agieren. Mit humorvoller Ironie wurden drei Erziehungsstile und ihre Wirkungen gegenübergestellt: 

v.l.n.r.: Fee Helen Hützen, Julian Goecke, Aylin Soylu, Lasse Weber, Selin Kartalmis, Vivienne Kalcher, Charlie Lutomski, Daria Deuter, Lucca Mitchell, Lea Sommer, Julia Hartmann. Foto ©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Fee Helen Hützen, Julian Goecke, Aylin Soylu, Lasse Weber, Selin Kartalmis, Vivienne Kalcher, Charlie Lutomski, Daria Deuter, Lucca Mitchell, Lea Sommer, Julia Hartmann. Foto: ©Birgit Hupfeld

Wendla Bergmann wird von ihrer „Helikoptermutter“ angstvoll kontrolliert, um sie vor schlechten Erfahrungen (besonders auch im sexuellen Bereich) zu bewahren. Das hindert sie jedoch daran, sich zu einem selbstbewussten und eigenständigen Menschen zu entwickeln, der lernt, sich mutig den Herausforderungen der Welt zu stellen. In dieser Inszenierung zeigt sich Wendla (im Gegensatz zu Wedekinds Original) jedoch stark. 

Melchior Gabor ist der liberal erzogene, sozialpolitisch engagierte und aufgeklärte Sohn einer Flower-Power-Mutter. Mit ihrem antiautoritären Erziehungsstil lässt sie ihm zwar Entfaltungsraum, bietet aber keinen Halt und übernimmt keine Verantwortung. 

Mona Stiefel (bei Wedekind „Moritz“) leidet unter dem strengen Leistungsanspruch des alleinerziehenden, am Ende gewalttätigen Vaters und zerbricht daran. 

Die jeweiligen Gefühlslagen wurden mit gekonnt eingesetzten musikalischen Einspielungen und Choreografien vermittelt. 

Die Heranwachsenden wollen mit ihren Gefühlen und ihrem Denken ernst genommen und gesehen werden. Sie sind mit den körperlichen, psychischen und sozialen Herausforderungen der Pubertät sowie ihrer sexuellen Orientierungssuche konfrontiert. Dazu kommen die gesellschaftlichen Erwartungen in einer komplexen und in vieler Hinsicht unsicheren Zeit. 

Eine eindrucksvolle und engagierte Jugendproduktion. Im Rahmen des Festivals UnruhR gibt es am 14.05.2026 einen weiteren Vorstellungstermin! 




Fülle im Supermarkt

Super – der Markt für alle im Kinder- und Jugendtheater Dortmund

Die Bühne ist voll. Regale mit Verpackungen, eine Auslage für Gemüse, Supermarktkasse, Pfandautomat und das ganze Equipment der Live-Band füllen den Raum. Alles ist am Anfang aber nur diffus zu erkennen, denn noch hat der Markt der Möglichkeiten nicht geöffnet.



Aus dem Off begleitet das Publikum die Stimme von Sina (gespielt von Sar Adina Scheer), die sich beeilen muss, an ihrem ersten Arbeitstag nicht zu spät zu kommen. Sie springt in die volle U- oder Straßenbahn auf der Bühne, die das Ensemble mit wenig Aufwand entstehen lässt. Alles ist unterwegs an diesem Morgen in der Großstadt. Und das erste Lied ist bereits gesungen, denn das Stück ist als Musical angekündigt.

Im Supermarkt geht es direkt in die Vollen, für die Neue bleibt kaum Zeit zum Atmen, alles muss schnell gehen, doch ein zartes Interesse bei einem Kollegen ist geweckt. Wird sich da etwas entwickeln?

Die erste Kundschaft ist da. Ein schlecht gelaunter BVB-Fan auf der Suche nach dem Super-Knüller-Hammer-Sonderangebot. Die gestresste Mutter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Später kommen noch ein Fitnesstrainer, ein erfolgreicher Banker, der Flaschensammler, der gut situierte Privatier, die Rollstuhlfahrerin in den Markt.

Man erfährt ein wenig über die strenge Marktleiterin, ihren Konkurrenten und andere, und man amüsiert sich über die kleinen Finessen wie das „Tüdelit“ der Kassiererin (Bianka Lammert), die ihr eigener Scanner ist. Und die auch ganz wunderbar als Cheerleaderin mit zwei Staubwedeln im Hintergrund agiert.

v.l.n.r.: Bianka Lammert und Jan Westphal. © Lena Liedmann
v.l.n.r.: Bianka Lammert und Jan Westphal. © Lena Liedmann

Für die Choreographien wird der Raum gut genutzt, manchmal ist es ein wenig eng. Aber die Songs machen gute Laune. Und es treten nicht nur die Figuren auf, die im Supermarkt arbeiten oder einkaufen, nein, auch das Gemüse wird lebendig. Wenn der Brokkoli, der Spinat und die Tomate ihre Vorzüge darstellen, macht das Spaß, wobei die Tomatenqueen gewinnt. Sehr kraftvoll hier Anna Reizbikh.

In solchen Szenen kommt die Botschaft vom gesunden Essen locker an, doch manchmal tritt der erhobene Zeigefinger auch arg zutage. Selbst Sina, die ihren Aushilfsjob antritt, stellt sich im Verlauf als Ökotrophologin, als Expertin für Ernährung und Haushaltswissenschaften, vor. Am stärksten zeigt sich dies jedoch in einem kurzen Block zum Fleischkonsum, der auch direkt als Infoteil angekündigt wird. Zwar werden unter anderem ein paar Quizfragen gestellt, die auflockern sollen, aber die Sequenz stört den Fluss des Stückes und wird durchaus drastisch geschildert. Die Botschaft ließe sich sicherlich auch anders vermitteln.

Wohingegen zur Raucherpause keine Stellung genommen wird. Da gehörte noch eine kritische Anmerkung hin, wenn man nicht sogar lieber eine Frühstückspause daraus machen sollte. So kommt das Rauchen reichlich positiv herüber.

Musik (Michael Kessler) und Choreographien (Joeri Burger) machen unter der Regie von Andreas Gruhn Freude. Insgesamt muss man feststellen, dass nicht nur die Bühne voll ist, auch in das Stück wurde relativ viel hineingepackt. Eine Fülle an Ideen, Figuren und Botschaften in einer Aneinanderreihung von Monologen, durch die geeilt wird, statt der Erzählung einer Geschichte, der man mehr Raum wünschen würde. Auch der kleine rote Faden der sich andeutenden Liebesgeschichte wird nur sporadisch aufgegriffen und erfährt erst zum Ende hin eine größere Bedeutung. Hier ganz zauberhaft der Tanz mit dem Wischmopp des leidenden jungen Liebenden, gespielt von David Smith.

Weitere Termine im KJT unter www.theaterdo.de




Man kann auch die Schlange essen

Gretas Metamorphose im Theater im Depot

Die Tür öffnet sich und man betritt einen Gang, der nicht gerade, sondern gewunden verläuft. Weiße Tücher begrenzen ihn, das Publikum verteilt sich. Von dem eigentlichen Theatersaal ist nichts zu erkennen, der Raum hat sich verwandelt.



Die weißen Flächen ermöglichen Schattenspiele. Zwei Figuren agieren dahinter, jede für sich, an zwei Stellen des Ganges, sodass alle Zuschauerinnen und Zuschauer etwas sehen und erleben können. Ein Sound mit Vogelgezwitscher erfüllt den Raum, die Schatten verwandeln sich mit verschiedenen Requisiten in etwas Insektenähnliches und später auch wieder zurück.

Die beiden Schauspielerinnen Edith Nana (auch künstlerische Leitung) und Bahar Sadafi nutzen den Gang, den Raum hinter den Tüchern und auch oberhalb und wechseln je nach Situation ins Sichtbare und Unsichtbare.

Warum weint Grete? Wer ist Milena?

Ein Detail der Bühne von "Gretas Metamorphose". (Foto: (c) Martina Bracke)
Ein Detail der Bühne von „Gretas Metamorphose“. (Foto: (c) Martina Bracke)

Fragen, die im Raum stehen und den Bezug zu Kafka herstellen. Milena war Übersetzerin einiger Geschichten Kafkas vom Deutschen ins Tschechische und eine Brieffreundin. Allerdings gibt es ein Buch, „Briefe an Milena“, das nur seine Sicht der Dinge darstellt. Ihre Briefe existieren nicht (mehr).

Grete ist eine Nebenfigur in Kafkas „Verwandlung“, die am Ende verheiratet werden soll. Wie sie dazu steht, erfährt man nicht.

Bei Kafka widerfährt Gregor die Verwandlung in ein Insekt. An diesem Abend verwandeln sich Grete und Milena von Randfiguren zu selbst agierenden Personen.

Man muss die Erzählungen von Kafka nicht kennen. Das Stück nimmt einen mit auf die Strecke durch den Geburtskanal, der es sein soll (Bühnenbild: Kathrin Ebmeier), und in den geöffneten Raum, der mit allerlei Technik aufwartet und zum Schauen, Anfassen und Spielen einlädt. Dort liegen Briefe aus, die so nie geschrieben wurden, ein Film erklärt das Vorgehen der Gottesanbeterin, die ihr Männchen tötet, auch wenn es sich in Acht nimmt, und mehr.

Nach einigem Wandern durch die Installation nehmen alle Platz, auch mitten im Raum. Während die beiden Protagonistinnen ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen von Frauen in Kamerun und Frauen im Iran.

Wir erfahren auch mehr über Grete und Milena. Symbolhaft zieht sich zudem der Granatapfel durch die Inszenierung. Bis er wirkungsvoll zerquetscht wird. Der Apfel, der mit Eva verbindet. „Ich bin nicht Eva. Ich hätte die Schlange aus dem Paradies gegessen, nicht den Apfel.“

Eine durchaus annehmbare Sichtweise, wie das Publikum findet. Das kommt auch bei dem Nachgespräch zur Geltung. Schade, dass die Studierendengruppe bereits direkt nach der Aufführung geht. Nun, sie werden sicherlich in ihrem Seminar noch darüber sprechen, aber dann nicht mehr mit den Aktiven.

Ein spannender und sinnlicher Abend, auf Deutsch, teilweise Französisch und Persisch, der zum Nachdenken anregt und hoffentlich noch Widerhall in der Uni und bei dem einen oder der anderen zu Hause findet.

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Bewegende Abschiedsgala des alten Schauspielhauses Dortmund

Einen besonderen Moment in der nun schon über fünfzig Jahre andauernden Geschichte des Schauspiels Dortmund konnte das anwesende Publikum am 26.03.2026 (oder alternativ am Sonntag, dem 29.03.2026, um 18:00 Uhr) miterleben.



Mit der feierlich-bewegenden Gala „Glitzer, Glamour und Goodbye“ verabschiedete sich das Schauspiel von seiner großen Bühne am Hiltropwall. Es war ein emotionaler Abend mit Unterhaltung, humorvollen Rückblicken, viel Musik und Gesang sowie hoffnungsvollen Ausblicken in die Zukunft.

Zum Programmheft der Abschiedsgala gab es auch Sammelbilder zum Einkleben.
Zum Programmheft der Abschiedsgala gab es auch Sammelbilder zum Einkleben.

Durch das Programm, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschickt miteinander verband, führten mit Charme und humorvoller Ironie die Diversitätsmanagerin Ella Steinmann sowie das Ensemblemitglied Viet Anh Alexander Tran. Es wurden nicht nur unvergessliche Szenen aus Publikumserfolgen wie „Das Kapital: Das Musical“, „Was ihr wollt“ oder „On Air“ auf der Bühne zum Besten gegeben, sondern es wurden auch zahlreiche Ensemblemitglieder – vom jüngsten Neuzugang (Luis Quintana) bis zum Dienstältesten (Ekkehard Freye) – zu ihren persönlichen Erfahrungen und prägenden Erlebnissen in diesem Haus befragt.

Eingespielt wurden zudem Videobotschaften von nicht anwesenden Ensemblemitgliedern sowie den wichtigen Kräften im Hintergrund (Gewerke, Technik, Beleuchtung u. a.). Die Lieblingssongs des Ensembles (z. B. „Let Me Entertain You“ und „I Will Survive“) wurden mit kraftvollen Stimmen dargeboten und luden zum Mitklatschen und Mitsingen ein. Eine Live-Band – bestehend aus Klara Brandi, Björn Netten und Martin Engelbach – begleitete die Auftritte musikalisch.

Zudem gab es kleine, interessante Einblicke in die kommenden Premieren von „Nachrichten an meinen Sohn“ und „Die Dreigroschenoper“ (samt einer Kartenauslosung). In einem humorvollen Video führte „Frau Kunstmann“ (Antje Prust) auf einem E-Scooter die Anwesenden zum neuen Standort für das Jahr 2027, der aktuell noch eine Baustelle ist.

Der Betrieb im Studio und im Institut wird mit Produktionen wie „Angst essen Seele auf“ oder „Winterreise“ weitergeführt. Dort wird das Publikum auch künftig zu neuen Formaten, Workshops und Lesungen eingeladen. Ab April 2026 wird der Spielbetrieb vorübergehend auf dem Gelände der Kokerei Hansa fortgeführt (unter anderem mit Brechts „Dreigroschenoper“ ab dem 4. Juni oder Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“).

Die mobile Bühne im Stadtraum, die „Ape(lina)“, macht auch weiterhin jede Woche an einem anderen Ort mitten in der Stadt Halt. Für 2027 ist schließlich der Umzug an den neuen Standort (im ehemaligen C&A-Gebäude) geplant.

Mit viel Power soll es nun in die Zukunft des Schauspiels gehen.




Zwischen Sein und Scheitern – „Oder Nicht Sein?“ dekonstruiert Hamlet und die Theaterwelt

Das Dortmunder Schauspielkollektiv Inbetween wagt sich mit seiner Produktion „Oder Nicht Sein?“ am 26. März 2026 an einen doppelten Kraftakt: Die Auseinandersetzung mit Shakespeares Hamlet und gleichzeitig die kritische Selbstreflexion der eigenen Theaterarbeit. Als „Ein Stück über ein Stück“ angekündigt, seziert die Aufführung gekonnt die traditionellen Machtgefälle der Bühnenwelt und stellt die Frage, wie Kunst eigentlich entsteht – und wer das Sagen hat.



Der Kampf gegen das Regie-Diktat Die zentrale Aussage des Abends trifft einen wunden Punkt des klassischen Theaterbetriebs: das immense Machtgefälle zwischen Regie und Ensemble. Anstatt sich einem allmächtigen Regisseur unterzuordnen, setzt das Schauspielkollektiv auf Gleichberechtigung. Doch genau hier entfaltet sich die eigentliche Tragödie der Inszenierung. Das Stück zeigt authentisch und glaubhaft die Tücken dieser demokratischen Utopie. Wie fokussiert man ein so großes Ensemble auf ein gemeinsames Ziel, wenn die individuellen Interpretationen auseinandergehen?

Diskussionen darüber, ob der Stoff feministischer sein müsste oder ob das nächste Stück zwingend von einer Autorin stammen sollte, machen die Probenrealität greifbar. Das vermeintliche „Scheitern“ ist hier kein führungsloses Chaos auf der Bühne, sondern vielmehr die spürbare Enttäuschung darüber, dass selbst ein Kollektiv Kompromisse machen muss und nicht jede individuelle Vision transportieren kann.

Hamlet: Die Hochzeit von Claudius. Zu sehen ist ein Teil des Ensembles. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Hamlet: Die Hochzeit von Claudius. Zu sehen ist ein Teil des Ensembles. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Zwei Hamlets und die Grenzen des Kollektivs Die Spannung zwischen der Gruppe und dem Individuum wird schauspielerisch stark umgesetzt. Sinnbildlich für die internen Reibungen stehen die zwei Hamlets auf der Bühne – eine kluge Lösung für den Umstand, dass sich offenbar zwei Personen für die Rolle beworben hatten. Fragen wie „Welche Rolle habe ich im Kollektiv?“ und der Umgang mit Zurücksetzung werden intensiv verhandelt. Obwohl die Gruppe als energetische Einheit im Vordergrund steht, bricht sich der Frust über den Verlust der eigenen Individualität immer wieder Bahn – am prägnantesten durch den aus dem Off gerufenen Satz: „Ich hasse das Kollektiv!“.

Klassiker im modernen Gewand Trotz des ständigen Wechsels zwischen Aufführungs- und Probenrealität verliert der Abend nie seinen roten Faden, was für eine starke Leistung der Dramaturgiegruppe spricht. Die Übergänge sind meist fließend gestaltet, werden aber durch gezielte, abrupte Einwürfe aus dem Off oder einen lockeren Impro-Teil gegen Ende erfrischend aufgebrochen. Shakespeares Originalwerk bleibt dabei erstaunlich präsent und gut erkennbar, auch wenn die Sprache punktuell und passend in ein jugendnäheres Gewand gehüllt wurde.

Pragmatismus statt Pomp Optisch vertraut die Ausstattung auf Pragmatismus. Auf ein überladenes Meta-Bühnenbild oder aufwendige Requisiten wird bewusst verzichtet. Vereinzelte prägnante Elemente, wie die Krone für den Darsteller des Claudius, und einige schöne Kostüme genügen völlig, um die Ebenen voneinander abzugrenzen und den Fokus auf dem Zwischenmenschlichen zu belassen.

Fazit „Oder Nicht Sein?“ ist ein ehrlicher und mutiger Blick in den Maschinenraum des Theaters. Dem Schauspielkollektiv Inbetween gelingt es, den klassischen Hamlet-Stoff zu ehren und ihn gleichzeitig als Projektionsfläche für hochaktuelle Debatten über Macht, Ego und Teamwork zu nutzen. Ein starker Abend, der zeigt: Das Ringen um den Konsens ist vielleicht anstrengend, aber auf der Bühne absolut sehenswert.




Winterreise – eine Wanderung, die mehrere Sinne anspricht

Ein multisensuales Poem nach dem Stück von Elfriede Jelinek im Studio des Schauspielhauses

Das Zucken des Lichts trifft das Auge. Der Donner ist mit dem ganzen Körper spürbar. Taube und Hörende können das Gewitter erleben. Im Publikum sitzen sie nebeneinander und folgen den fünf Wanderinnen und Wanderern auf ihrer Winterreise durch die Zeit und die Zeiten. Sturm, Schmerz, Tränen – Gefühle streifen durch ein Bühnenbild mit Wasserbecken, Windmaschinen und einem umgestürzten Mobilfunkmast. Im Hintergrund eine Projektionsfläche.

Ausgangsbasis ist die Winterreise von Franz Schubert, ein Liederzyklus aus dem Jahr 1827, in dem er vierundzwanzig Gedichte von Wilhelm Müller vertonte. Vielfach interpretiert und aufgenommen, finden sich Elemente daraus bereits in verschiedenen Werken, z. B. in einem Film von Hans Steinbichler oder dem Stück „Baal“ von Brecht. Auch eine Übersetzung der Lieder in österreichische Gebärdensprache gibt es.

Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ließ sich in den 2010er Jahren inspirieren und erhielt für ihre „Winterreise“ den Mülheimer Dramatikerpreis im Jahr 2011.

v.l.n.r.: Rafael-Evitan Grombelka (Gast), Linda Elsner, Eyk Kauly (Gast), Roberto Romeo und Marlene Goksch©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Rafael-Evitan Grombelka (Gast), Linda Elsner, Eyk Kauly (Gast), Roberto Romeo und Marlene Goksch
©Birgit Hupfeld

Die Mitglieder des Ensembles des Dortmunder Schauspielhauses, Linda Elsner, Marlene Goksch, Roberto Romeo und die Gäste Eyk Kauly – Deaf Performer, Schauspieler und Leiter des Deutschen Gehörlosentheaters – sowie Rafael-Evitan Grombelka arbeiten gemeinsam mit dem Regisseur Zino Wey mit Jelineks Text. Hörende und Taube interpretieren und finden neue Formen des Ausdrucks für diese „Partitur der Einsamkeit“. Gesprochen und gebärdet, vieles passiert auch ganz ohne Worte. Gefrorene Tränen werden auf die Gesichter geklebt. Im Wasserbecken stehend, mit Gewändern aus silbernen Bändern, entsteht die Illusion von fließendem Wasser. Wind jagt flatternde Fahnen. Einprägsame Bilder.

Dazwischen Liedfetzen von Schubert und Jelineks Worte. „Vorbei. Das Vorbei ist immer vorbei. Es kann anders kommen, man kann mit ihm mitgehen, aber vorbei ist vorbei.“ Die Liebe ist vorbei, verloren steht man in der Weite. Ein Zurück ist nicht möglich. Aber wohin? Allgemeingültig bleibt diese Suche über die Jahrhunderte.

Aber der Mobilfunkmast spielt auch seine Rolle. Sie wandern ohne Netz. Wieder ein eindrückliches Bild mit Mobiltelefonen auf der Suche nach Empfang. Die Geräte beleuchten die Gesichter aus der Nähe (verbaute LEDs machen es möglich). Individuell, aber kollektiv auf der Suche nach Liebe und Verbindung. Im Internet scheinbar so einfach. Aber auch das Verlassen und Weiterziehen sind naheliegende Optionen. Nur eine Spur. Und wieder vorbei.

Anklänge an Jelineks Lebensgeschichte finden sich insbesondere in dem Ausschließen des Vaters, aber dazu muss man tief eintauchen. Ihr Vater war in seinen letzten Lebensjahren dement. Der Text wirkt auch für sich. „Wandern im Vergessen“ ist die Passage betitelt.

Zino Wey zeichnet für Regie und Bühne verantwortlich, Pascale Martin für die vielfältigen Kostüme. Musik mit Lukas Hübner und Dramaturgie und Access-Dramaturgie in der Verantwortung von Sabrina Toyen und Franziska Winkler. Eine Einführung fand in Gebärdensprache mit Untertiteln im sog. „Institut“ eine halbe Stunde vorher statt.

Vor Lichtreizen und lauten Basstönen, die in den Körper dringen, wird gewarnt, es ist aber gut anzunehmen und unterstützt das „multisensuale Poem“. Ein eindrückliches, intensives Schauspiel mit und ohne Ton, eine insgesamt lohnenswerte Inszenierung, die sich für Hörende und Taube gleichermaßen eignet. Langanhaltender Applaus belohnt das Ensemble nach rund siebzig Minuten.

Weitere Aufführungen folgen, zum Beispiel am 28. und 29. März.

 

Alle Termine unter www.theaterdo.de