Bewegende Abschiedsgala des alten Schauspielhauses Dortmund

Einen besonderen Moment in der nun schon über fünfzig Jahre andauernden Geschichte des Schauspiels Dortmund konnte das anwesende Publikum am 26.03.2026 (oder alternativ am Sonntag, dem 29.03.2026, um 18:00 Uhr) miterleben.



Mit der feierlich-bewegenden Gala „Glitzer, Glamour und Goodbye“ verabschiedete sich das Schauspiel von seiner großen Bühne am Hiltropwall. Es war ein emotionaler Abend mit Unterhaltung, humorvollen Rückblicken, viel Musik und Gesang sowie hoffnungsvollen Ausblicken in die Zukunft.

Zum Programmheft der Abschiedsgala gab es auch Sammelbilder zum Einkleben.
Zum Programmheft der Abschiedsgala gab es auch Sammelbilder zum Einkleben.

Durch das Programm, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschickt miteinander verband, führten mit Charme und humorvoller Ironie die Diversitätsmanagerin Ella Steinmann sowie das Ensemblemitglied Viet Anh Alexander Tran. Es wurden nicht nur unvergessliche Szenen aus Publikumserfolgen wie „Das Kapital: Das Musical“, „Was ihr wollt“ oder „On Air“ auf der Bühne zum Besten gegeben, sondern es wurden auch zahlreiche Ensemblemitglieder – vom jüngsten Neuzugang (Luis Quintana) bis zum Dienstältesten (Ekkehard Freye) – zu ihren persönlichen Erfahrungen und prägenden Erlebnissen in diesem Haus befragt.

Eingespielt wurden zudem Videobotschaften von nicht anwesenden Ensemblemitgliedern sowie den wichtigen Kräften im Hintergrund (Gewerke, Technik, Beleuchtung u. a.). Die Lieblingssongs des Ensembles (z. B. „Let Me Entertain You“ und „I Will Survive“) wurden mit kraftvollen Stimmen dargeboten und luden zum Mitklatschen und Mitsingen ein. Eine Live-Band – bestehend aus Klara Brandi, Björn Netten und Martin Engelbach – begleitete die Auftritte musikalisch.

Zudem gab es kleine, interessante Einblicke in die kommenden Premieren von „Nachrichten an meinen Sohn“ und „Die Dreigroschenoper“ (samt einer Kartenauslosung). In einem humorvollen Video führte „Frau Kunstmann“ (Antje Prust) auf einem E-Scooter die Anwesenden zum neuen Standort für das Jahr 2027, der aktuell noch eine Baustelle ist.

Der Betrieb im Studio und im Institut wird mit Produktionen wie „Angst essen Seele auf“ oder „Winterreise“ weitergeführt. Dort wird das Publikum auch künftig zu neuen Formaten, Workshops und Lesungen eingeladen. Ab April 2026 wird der Spielbetrieb vorübergehend auf dem Gelände der Kokerei Hansa fortgeführt (unter anderem mit Brechts „Dreigroschenoper“ ab dem 4. Juni oder Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“).

Die mobile Bühne im Stadtraum, die „Ape(lina)“, macht auch weiterhin jede Woche an einem anderen Ort mitten in der Stadt Halt. Für 2027 ist schließlich der Umzug an den neuen Standort (im ehemaligen C&A-Gebäude) geplant.

Mit viel Power soll es nun in die Zukunft des Schauspiels gehen.




Zwischen Sein und Scheitern – „Oder Nicht Sein?“ dekonstruiert Hamlet und die Theaterwelt

Das Dortmunder Schauspielkollektiv Inbetween wagt sich mit seiner Produktion „Oder Nicht Sein?“ am 26. März 2026 an einen doppelten Kraftakt: Die Auseinandersetzung mit Shakespeares Hamlet und gleichzeitig die kritische Selbstreflexion der eigenen Theaterarbeit. Als „Ein Stück über ein Stück“ angekündigt, seziert die Aufführung gekonnt die traditionellen Machtgefälle der Bühnenwelt und stellt die Frage, wie Kunst eigentlich entsteht – und wer das Sagen hat.



Der Kampf gegen das Regie-Diktat Die zentrale Aussage des Abends trifft einen wunden Punkt des klassischen Theaterbetriebs: das immense Machtgefälle zwischen Regie und Ensemble. Anstatt sich einem allmächtigen Regisseur unterzuordnen, setzt das Schauspielkollektiv auf Gleichberechtigung. Doch genau hier entfaltet sich die eigentliche Tragödie der Inszenierung. Das Stück zeigt authentisch und glaubhaft die Tücken dieser demokratischen Utopie. Wie fokussiert man ein so großes Ensemble auf ein gemeinsames Ziel, wenn die individuellen Interpretationen auseinandergehen?

Diskussionen darüber, ob der Stoff feministischer sein müsste oder ob das nächste Stück zwingend von einer Autorin stammen sollte, machen die Probenrealität greifbar. Das vermeintliche „Scheitern“ ist hier kein führungsloses Chaos auf der Bühne, sondern vielmehr die spürbare Enttäuschung darüber, dass selbst ein Kollektiv Kompromisse machen muss und nicht jede individuelle Vision transportieren kann.

Hamlet: Die Hochzeit von Claudius. Zu sehen ist ein Teil des Ensembles. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Hamlet: Die Hochzeit von Claudius. Zu sehen ist ein Teil des Ensembles. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Zwei Hamlets und die Grenzen des Kollektivs Die Spannung zwischen der Gruppe und dem Individuum wird schauspielerisch stark umgesetzt. Sinnbildlich für die internen Reibungen stehen die zwei Hamlets auf der Bühne – eine kluge Lösung für den Umstand, dass sich offenbar zwei Personen für die Rolle beworben hatten. Fragen wie „Welche Rolle habe ich im Kollektiv?“ und der Umgang mit Zurücksetzung werden intensiv verhandelt. Obwohl die Gruppe als energetische Einheit im Vordergrund steht, bricht sich der Frust über den Verlust der eigenen Individualität immer wieder Bahn – am prägnantesten durch den aus dem Off gerufenen Satz: „Ich hasse das Kollektiv!“.

Klassiker im modernen Gewand Trotz des ständigen Wechsels zwischen Aufführungs- und Probenrealität verliert der Abend nie seinen roten Faden, was für eine starke Leistung der Dramaturgiegruppe spricht. Die Übergänge sind meist fließend gestaltet, werden aber durch gezielte, abrupte Einwürfe aus dem Off oder einen lockeren Impro-Teil gegen Ende erfrischend aufgebrochen. Shakespeares Originalwerk bleibt dabei erstaunlich präsent und gut erkennbar, auch wenn die Sprache punktuell und passend in ein jugendnäheres Gewand gehüllt wurde.

Pragmatismus statt Pomp Optisch vertraut die Ausstattung auf Pragmatismus. Auf ein überladenes Meta-Bühnenbild oder aufwendige Requisiten wird bewusst verzichtet. Vereinzelte prägnante Elemente, wie die Krone für den Darsteller des Claudius, und einige schöne Kostüme genügen völlig, um die Ebenen voneinander abzugrenzen und den Fokus auf dem Zwischenmenschlichen zu belassen.

Fazit „Oder Nicht Sein?“ ist ein ehrlicher und mutiger Blick in den Maschinenraum des Theaters. Dem Schauspielkollektiv Inbetween gelingt es, den klassischen Hamlet-Stoff zu ehren und ihn gleichzeitig als Projektionsfläche für hochaktuelle Debatten über Macht, Ego und Teamwork zu nutzen. Ein starker Abend, der zeigt: Das Ringen um den Konsens ist vielleicht anstrengend, aber auf der Bühne absolut sehenswert.




Winterreise – eine Wanderung, die mehrere Sinne anspricht

Ein multisensuales Poem nach dem Stück von Elfriede Jelinek im Studio des Schauspielhauses

Das Zucken des Lichts trifft das Auge. Der Donner ist mit dem ganzen Körper spürbar. Taube und Hörende können das Gewitter erleben. Im Publikum sitzen sie nebeneinander und folgen den fünf Wanderinnen und Wanderern auf ihrer Winterreise durch die Zeit und die Zeiten. Sturm, Schmerz, Tränen – Gefühle streifen durch ein Bühnenbild mit Wasserbecken, Windmaschinen und einem umgestürzten Mobilfunkmast. Im Hintergrund eine Projektionsfläche.

Ausgangsbasis ist die Winterreise von Franz Schubert, ein Liederzyklus aus dem Jahr 1827, in dem er vierundzwanzig Gedichte von Wilhelm Müller vertonte. Vielfach interpretiert und aufgenommen, finden sich Elemente daraus bereits in verschiedenen Werken, z. B. in einem Film von Hans Steinbichler oder dem Stück „Baal“ von Brecht. Auch eine Übersetzung der Lieder in österreichische Gebärdensprache gibt es.

Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ließ sich in den 2010er Jahren inspirieren und erhielt für ihre „Winterreise“ den Mülheimer Dramatikerpreis im Jahr 2011.

v.l.n.r.: Rafael-Evitan Grombelka (Gast), Linda Elsner, Eyk Kauly (Gast), Roberto Romeo und Marlene Goksch©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Rafael-Evitan Grombelka (Gast), Linda Elsner, Eyk Kauly (Gast), Roberto Romeo und Marlene Goksch
©Birgit Hupfeld

Die Mitglieder des Ensembles des Dortmunder Schauspielhauses, Linda Elsner, Marlene Goksch, Roberto Romeo und die Gäste Eyk Kauly – Deaf Performer, Schauspieler und Leiter des Deutschen Gehörlosentheaters – sowie Rafael-Evitan Grombelka arbeiten gemeinsam mit dem Regisseur Zino Wey mit Jelineks Text. Hörende und Taube interpretieren und finden neue Formen des Ausdrucks für diese „Partitur der Einsamkeit“. Gesprochen und gebärdet, vieles passiert auch ganz ohne Worte. Gefrorene Tränen werden auf die Gesichter geklebt. Im Wasserbecken stehend, mit Gewändern aus silbernen Bändern, entsteht die Illusion von fließendem Wasser. Wind jagt flatternde Fahnen. Einprägsame Bilder.

Dazwischen Liedfetzen von Schubert und Jelineks Worte. „Vorbei. Das Vorbei ist immer vorbei. Es kann anders kommen, man kann mit ihm mitgehen, aber vorbei ist vorbei.“ Die Liebe ist vorbei, verloren steht man in der Weite. Ein Zurück ist nicht möglich. Aber wohin? Allgemeingültig bleibt diese Suche über die Jahrhunderte.

Aber der Mobilfunkmast spielt auch seine Rolle. Sie wandern ohne Netz. Wieder ein eindrückliches Bild mit Mobiltelefonen auf der Suche nach Empfang. Die Geräte beleuchten die Gesichter aus der Nähe (verbaute LEDs machen es möglich). Individuell, aber kollektiv auf der Suche nach Liebe und Verbindung. Im Internet scheinbar so einfach. Aber auch das Verlassen und Weiterziehen sind naheliegende Optionen. Nur eine Spur. Und wieder vorbei.

Anklänge an Jelineks Lebensgeschichte finden sich insbesondere in dem Ausschließen des Vaters, aber dazu muss man tief eintauchen. Ihr Vater war in seinen letzten Lebensjahren dement. Der Text wirkt auch für sich. „Wandern im Vergessen“ ist die Passage betitelt.

Zino Wey zeichnet für Regie und Bühne verantwortlich, Pascale Martin für die vielfältigen Kostüme. Musik mit Lukas Hübner und Dramaturgie und Access-Dramaturgie in der Verantwortung von Sabrina Toyen und Franziska Winkler. Eine Einführung fand in Gebärdensprache mit Untertiteln im sog. „Institut“ eine halbe Stunde vorher statt.

Vor Lichtreizen und lauten Basstönen, die in den Körper dringen, wird gewarnt, es ist aber gut anzunehmen und unterstützt das „multisensuale Poem“. Ein eindrückliches, intensives Schauspiel mit und ohne Ton, eine insgesamt lohnenswerte Inszenierung, die sich für Hörende und Taube gleichermaßen eignet. Langanhaltender Applaus belohnt das Ensemble nach rund siebzig Minuten.

Weitere Aufführungen folgen, zum Beispiel am 28. und 29. März.

 

Alle Termine unter www.theaterdo.de




Über den Wolken: Götterdialoge – alles nochmal gründlich durchdenken

Götter schweben bekanntlich in anderen Sphären. Hoch über den Wolken?

Die Bühne im Theater im Depot ist an diesem Abend mit einem weißen Tuch großflächig bedeckt. Wie auf einer Wolke bewegt sich der Solist des Abends, Thomas Lehmen, in seiner Performance im Kampfpilotenanzug und mit entsprechendem Helm über die Bühne zu einem Sound, der für niemanden hörbar ist. Ein großer Gitarrenverstärker steht als Lautsprecher im Hintergrund, im Vordergrund links und rechts jeweils ein Mikrofon. Der Wolkenplatz wird von Scheinwerfern auf Stativen erhellt.

Der Gott des Unsinns ist sofort zu erkennen. Er führt den Tänzer an der Nase herum. Clowneske, pantomimische Bewegungen, die das Publikum amüsieren. Für die weiteren Dialoge kommt ein Buch ins Spiel, das es gar nicht mag, wenn jemand in ihm herumkritzelt. Dabei ist der Pilotenoverall auch mit drei Kugelschreibern bestückt. Doch diese kommen nicht zum Einsatz. Stattdessen darf das Buch durch Thomas Lehmen jede Menge sagen.

Tänzer Thomas Lehmen in "Götterdialoge". (Foto: (c) Thomas Aurin)
Tänzer Thomas Lehmen in „Götterdialoge“. (Foto: (c) Thomas Aurin)

„Jedes Gespräch nimmt mehr von der Sprache, als es gibt.“ Immer wieder bricht Lehmen das Gesagte durch seinen Tanz auf, zeigt seine Antwort – ohne Worte – darauf. Die Götter selbst mischen sich auf andere Weise weiter ein. Auf der linken Seite der Bühne symbolisieren verschiedenfarbige Transparentpapiere mehr oder weniger lebendige Wesen, vom Tänzer genutzt als Masken, Gegenpart, aber auch als eigenständig artikulierende Subjekte, die, zerknüllt über das Mikrofon gestülpt, bei ihrer Entfaltung Geräusche über die Boxen abspielen. Man hört also die Götter sprechen, doch das Gesagte bleibt faszinierend, aber unverständlich. So hält man sich an dem Buch fest, dem die Worte nicht ausgehen.

Die Bewegung auf dem Tuch ist nicht immer einfach, schließlich ist es lose und wirft Falten, aber Lehmen meistert seine tänzerischen Dialoge souverän, und so ein Gespräch mit Göttern ist ja auch immer ein etwas gefährliches Spiel. Götter sind und bleiben unberechenbar. Neben dem Gott des Unsinns sind es an diesem Abend noch die Götter für Nichts, Alles, Kunst, Liebe, Arbeit, Denken. Jede Menge Spielraum, Worte aus dem Buch, die vom Tänzer selbst stammen. Ein Fülle von Möglichkeiten, die Thomas Lehmen auf der Bühne zur Begeisterung des Publikums umsetzt.

Zum Ende hat er alles fest in der Hand, zieht langsam, aber stetig das Wolkentuch mit sämtlichem Equipment von der Bühne. Und schaltet bewusst jeden Scheinwerfer einzeln aus.

Lang anhaltender Applaus belohnt die monatelange Arbeit an dieser Tanzperformance.

 

Ein spannender Abend, der in einer kurzen Einführung mit Johannes Bergmann vom Theater im Depot und dem langjährigen Begleiter und Berater des Künstlers, Dr. Franz Anton Cremer, sowie einem Nachgespräch mit dem interessierten Publikum weitere Einblicke in die Arbeit des gebürtigen Oberhauseners gewährt. Thomas Lehmen tanzt seit mehr als dreißig Jahren. Nach Ausbildung in Amsterdam und verschiedenen Stationen, u. a. in Berlin, Gastprofessuren in Gießen, Hamburg und in Arizona, leitet er seit 2019 das Kunsthaus Mitte in Oberhausen und die Tanz-Arbeit Oberhausen. Hier widmet er sich intensiv seinem Anliegen, Kunst als Arbeit mit der Gesellschaft zu verbinden. Als ein durchaus sehr irdisches Projekt hat er seinerzeit das „Das Erste Oberhausener Arbeitslosen-Ballett“ in Leben gerufen.

Unterstützt wurde Lehmen bei den „Götterdialogen“ durch Anna Luisa Binder und punktuell durch die renommierte niederländische Tänzerin und Choreographin Pauline de Groot.

Weitere Aufführungen sind derzeit nicht terminiert, aber es wäre schön, wenn die Produktion wieder auf die Bühne käme. Ein Besuch im Theater im Depot lohnt auf alle Fälle.

 

www.theaterimdepot.de

www.kunsthausmitte.de

 




Wir Tiere! Theater, das alle Sinne weckt!

Das Stück „Wir Tiere“ (ab 4 Jahren) feierte als Kooperation mit der Jungen Bühne Bochum (JuBB) am 27.02.2026 im KJT Dortmund (Theater für junges Publikum) seine Premiere. Ars tremonia hatte die Gelegenheit, bei einem weiteren Aufführungstermin am 01.03.2026 dabei zu sein.

Zum Kooperationskollektiv gehörten aus dem KJT-Ensemble Andreas Ksienzyk, Bianca Lammert und Jan Westphal sowie Manuel Loos (Musiker, Klangschrauber, Spieler) und die Musikerin und Performerin Maria Trautmann. Für eine eindrucksvolle Choreografie (z. B. als Baum) sorgte Lea Kallmeier (JuBB).

Im Eingangsbereich des Theaters wurden die Kinder sowie die Erwachsenen zunächst von den sechs als „Natur“ auftretenden Schauspieler*innen in Empfang genommen. Die eine Hälfte des Publikums bekam jeweils einen Stein in die Hand, die andere ein Stück Rinde. Die Stein-Gruppe ging zuerst, geführt von „Naturfrau“ Bianca Lammert, in den KJT-Theaterraum, um den Tieren und Pflanzen auf der Erde auf die Spur zu kommen.

Ein semitransparentes weißes Zelt diente als ideale Projektionsfläche. Im Zusammenwirken mit der eingespielten Geräuschkulisse entstand das Gefühl, als würden die Anwesenden mit den Tieren (Fuchs, Falke, Bienen u. a.) durch den Wald streifen. Mithilfe von Erzählungen, der Erzeugung von Geräuschen (Klangschalen, Fingerschnipsen und mehr) und visuell eindringlichen Naturprojektionen wurden die verschiedenen Sinneswahrnehmungen von Tieren sowie die komplexen Naturzusammenhänge fühl- und erlebbar. Besonders das junge Publikum wurde immer wieder mit gezielten Fragen in das Geschehen einbezogen.

v.l.n.r.: Manuel Loos (Junge Bühne Bochum), Maria Trautmann (Junge Bühne Bochum), Jan Westphal, Bianka Lammert© Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Manuel Loos (Junge Bühne Bochum), Maria Trautmann (Junge Bühne Bochum), Jan Westphal, Bianka Lammert
© Birgit Hupfeld

Danach ging es – wie schon für die Rinde-Gruppe zuvor –, geführt von Andreas Ksienzyk, die Treppe hinunter „unter die Erde“ (Bereich Café). Ein schwarz gehaltener Bereich war (wie schon oben im Theater) mit Sitzgelegenheiten am Rand – für die nicht mehr ganz so jungen Personen – sowie mit Sitzkissen in der Mitte für die Kinder gestaltet. Liebevoll und fantasievoll waren im Raum viele künstliche Baumwurzeln (die an helle Ankerleinen erinnerten) und „Regenwürmer“ platziert. Ksienzyk berichtete von der wichtigen Funktion von Wurzeln, Regenwürmern oder Maulwürfen und deren besonderen Fähigkeiten. Ein aus einem Wurzelgestrüpp entstiegener Baum (Lea Kallmeier) unterstützte ihn dabei aus seiner eigenen Perspektive.

Oben im Theater trafen sich beide Gruppen zu einem akustisch-visuellen Showdown. Während imposante Projektionen von Naturgewalten oder Vogelschwärmen am Zelthimmel zu sehen waren, spielten die Protagonist*innen des Stücks an einem langen Tisch passend dazu Klänge auf fünf Glockenspielen – elektronisch verstärkt durch Manuel Loos.

Eine schöne Möglichkeit für Stadtkinder, sich für einen Augenblick in die Tiere hineinzuversetzen und etwas über Naturkreisläufe und Zusammenhänge zu erfahren.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.

 




Wer verdient den roten Teppich? „ALL THAT FAME“ bringt moderne Klytaimnestras ins Theater im Depot

Tanzwerkstatt KOBI Seminare ALL THE FAME (c) Anne Kleff
Tanzwerkstatt KOBI Seminare ALL THE FAME (c) Anne Kleff

Der rote Teppich – einst ein heiliger Pfad, der laut der antiken Sage um Klytaimnestra und Agamemnon allein den Göttern vorbehalten war – ist heute zur ultimativen Bühne der Eitelkeiten geworden. Das Tanztheater-Projekt „ALL THAT FAME“ der Tanzwerkstatt KOBI Seminare nahm sich am vergangenen Wochenende im Theater im Depot genau dieses altehrwürdigen Rituals an, um eine hochaktuelle Frage zu stellen: Wer verdient es heute wirklich, auf diesem Symbol des Ruhms zu stehen?
Unter der konzeptionellen und choreografischen Leitung von Birgit Götz bildete der leuchtend rote Teppich das unbestrittene Zentrum des Bühnenbildes. Ergänzt wurde die clevere Inszenierung durch den Einsatz moderner, kabelloser Touch-Tischlampen. Durch das gezielte Ein- und Ausschalten schufen die Akteurinnen selbst fokussierte Lichtinseln und lenkten den Blick des Publikums gezielt auf die großen und kleinen Momente der Präsentation.
Das große Ensemble der Tänzerinnen überzeugte vor allem durch seine starke Präsenz als geschlossene Einheit – eine kollektive, moderne Klytaimnestra. Aus dieser Einheit traten jedoch immer wieder gezielt Individuen hervor. Besonders einprägsam war der satirische Seitenhieb auf unsere heutige Promi-Kultur, als sich einige Tänzerinnen in „Heidi Klum“ verwandelten. Dieser Kontrast zwischen der Suche nach echter weiblicher Sichtbarkeit und der kommerzialisierten Casting-Show-Welt brachte das Thema treffend auf den Punkt.
Der dazugehörige Flyer versprach eine „mitreißende und provokante“ Suche nach Antworten. Man muss fairerweise anmerken: In Zeiten von Social Media, ständiger Selbstdarstellung und medialer Dauerempörung ist es schwer, auf einer Bühne noch echte Provokation zu erzeugen. Was dem Stück vielleicht an schockierendem Skandalpotenzial fehlen mag, macht es jedoch durch eine ungemein mitreißende Energie mehr als wett.
Das zeigte sich eindrucksvoll im großen Finale: Als am Schluss alle Tänzerinnen gemeinsam über den roten Teppich schritten, sprang der Funke endgültig über. Das gesamte Publikum ging enthusiastisch mit und feierte einen Moment, in dem aus dem elitären Symbol des Ruhms plötzlich ein Teppich für alle Frauen wurde.




Job Safari – Freundschaft auf dem Prüfstand der sozialen Klasse

Das Setting in der Inszenierung von Regisseur Benedikt Grubel ist klar: Unterschiedlicher können Ranja, gespielt von Annika Hauffe, und Leonore, verkörpert von Sar Adina Scheer, die beiden Schulfreundinnen in der siebten Klasse, nicht sein. Ranja stammt aus einem reichen Elternhaus, ihre Eltern haben gute Berufe. Leonore hingegen kommt aus einem ärmlichen Haushalt. Ihre alleinerziehende Mutter ist depressiv, das wenige Geld bringt ihr großer Bruder Ferdi, dargestellt von Thomas Ehrlichmann, nach Hause, der als Paketbote arbeitet. Dieser krasse Kontrast zeigt sich im Stück an eindrücklichen Alltagsbildern. Während Ranja sich sorgenlos alles leisten kann, sei es Tennis spielen oder Eis essen gehen, gibt es bei Leonore nur das, was Ferdi gekauft hat, weil es gerade im Angebot war. Dann stehen eben ein Kilo Möhren oder pures Tomatenmark auf dem Speiseplan.

Die Geschichte von der ungleichen Freundschaft ist fast so alt wie das Erzählen selbst, weil sie der einfachste Weg ist, gesellschaftliche Ungerechtigkeit auf einer persönlichen, emotionalen Ebene zu zeigen. Das reicht vom Klassiker wie Erich Kästners Pünktchen und Anton über Elena Ferrantes Meine geniale Freundin bis hin zu modernen Jugendbüchern wie Tigermilch oder Wolfgang Herrndorfs Tschick. Immer wieder ist der Kernkonflikt zwischen Geld und Charakter oder die Diskrepanz der Aufstiegschancen das treibende Element.

Aber es gibt einen Twist, den die Autorin Elisabeth Pape in ihrem Stück Job Safari neu erzählt. Dieser liegt in der spezifischen Zuspitzung auf die Berufswelt der Zukunft und den sogenannten Purpose-Druck. Früher ging es in solchen Geschichten oft nur um Statussymbole wie Kleidung oder Urlaub. In Job Safari geht es aber um die moderne Lebenslüge: Tu, was du liebst, und du musst nie wieder arbeiten. Das Stück zeigt, dass dieser Satz ein Privileg ist. Ranja kann sich diese Haltung leisten, während Leonore schlichtweg Geld verdienen will. Das Stück kritisiert also weniger die Freundschaft an sich, sondern das gesellschaftliche Versprechen der Meritokratie, dass jeder alles werden kann, wenn er sich nur genug anstrengt.

v.l.n.r.: Annika Hauffe und Sar Adina Scheer©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Annika Hauffe und Sar Adina Scheer
©Birgit Hupfeld

Ein Realitäts-Check erfolgt durch die Lehrerin Lydia Fischer, gespielt von Johanna Weißer, die trotz sicherem Job einen Burnout hat. Sie dient als Dämpfer für beide Mädchen und zeigt auf: Weder nur Geld als Leonores Ziel noch die reine Suche nach Sinn als Ranjas Ziel schützen vor dem Zusammenbruch. Hinzu kommt eine anarchistische oder nihilistische Komponente, die in Gestalt einer maskierten Bande auftritt. Das Bemühen der Lehrerin, in der Rolle einer Journalistin Licht in die Sache zu bringen, bleibt jedoch vage. Dass sie in dieser Funktion das rein Zerstörerische zu interviewen gedenkt, ist ein klassisch absurder und komödiantischer Kniff. Er offenbart die intellektuelle Hilflosigkeit der Gesellschaftsmitte: Wenn das System zusammenbricht oder die Wut überkocht, reagiert das Bildungsbürgertum reflexartig damit, einen Podcast aufzunehmen oder ein Feuilleton-Interview zu führen.

Das Bühnenbild von Marie-Liis Tigasson fängt diese inhaltliche Endzeitstimmung visuell treffend ein. Es zeigt ein Schulgebäude, das an antike Ruinen erinnert, zerstört und halb in den Boden eingesunken. Dass diese Trümmer überhaupt noch als Bildungsanstalt erkennbar sind, liegt lediglich an den abnehmbaren Buchstaben, die das Wort Schule formen. Daneben wirft eine Straßenlaterne ihr flackerndes Licht auf die Szenerie. Diese Kulisse ist ein starkes Sinnbild: Die Institution Schule, die eigentlich den Weg in eine chancengleiche Zukunft ebnen soll, liegt hier bereits in Trümmern, noch bevor das Erwachsenenleben der beiden Mädchen überhaupt richtig begonnen hat.

Am Ende bleibt Leonore in dieser bröckelnden Welt nichts anderes übrig, als auch ihr eigenes, sorgsam aufgebautes Lügengerüst einzureißen und Farbe zu bekennen. Damit stehen die beiden Mädchen vor ihrer ultimativen Bewährungsprobe. Die drängende Frage, die am Schluss unweigerlich im Raum stehen bleibt, ist die nach der echten Belastbarkeit dieser Verbindung. Kann die Freundschaft Bestand haben, wenn sich ihre schulischen und damit gesellschaftlichen Wege trennen, weil Ranja möglicherweise auf das Gymnasium geht und Leonore nicht? Es ist genau diese Ungewissheit, mit der das Stück sein Publikum in die Realität entlässt.

Mehr Informationen https://www.theaterdo.de/produktionen/detail/job-safari/

 

 




Ein intensiver Ballettabend für Frida Kahlo

Im Opernhaus Dortmund konnten Ballettfreunde am 13.02.2026 die Erstaufführung von „Frida“ erleben. Die Choreografie stammt von Annabelle Lopez Ochoa (Artist in Residence) und wurde vom Ballett Dortmund unter Beteiligung des NRW Juniorballetts eindrucksvoll umgesetzt.

Im Mittelpunkt dieser Produktion stehen Liebe, Leiden und Leidenschaft im Leben der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo (1907–1954). Das Stück beleuchtet, wie sie nach schweren gesundheitlichen Schicksalsschlägen – Kinderlähmung und ein verheerender Busunfall – zur Malerei fand. Ihr Leben war geprägt von körperlichen Schmerzen, mehreren Fehlgeburten sowie der Untreue ihres Ehemannes, des Malers Diego Rivera (1886–1957). Dieser war in Mexiko vor allem durch seine politisch motivierten Wandmalereien (Murales) berühmt geworden.

Das Malen bot Frida die Möglichkeit, ihren Schmerz in Kunst zu verwandeln. Auch ihre Fluchten in Affären mit Männern und Frauen änderten bis zu ihrem Tod nichts an ihrer tiefen Verbundenheit zu Diego.

Filip Kvačak als Diego und Sae Tamura als Frida (Foto: (c) Leszek Januszewski)
Filip Kvačak als Diego und Sae Tamura als Frida (Foto: (c) Leszek Januszewski)

Die Agierenden, allen voran Sae Tamura als Frida und Filip Kvačak als Diego, machten die tiefen Emotionen mit Präzision und Ausdruckskraft tänzerisch spürbar. Die besondere Sicht der Mexikaner auf den Tod, der dort als Teil des täglichen Lebens verstanden wird, wurde durch die ständige, beinahe selbstverständliche Präsenz von Skeletten verdeutlicht. Fridas Volksverbundenheit spiegelte sich in den farbenprächtigen Tehuana-Gewändern und dem charakteristischen Blumenschmuck wider – eine Tracht, in der sich die Künstlerin zeitlebens gern präsentierte.

Ihre schwierige Lage wird symbolisch durch einen schwarzen Kasten dargestellt, in dem sie oft wie „gefangen“ wirkt. Durch ihr Alter Ego, den Geist des Rehs (Liberty Fergus), wird sie zur heilenden Kraft der Malerei geleitet. Überhaupt spielen Tiere wie Vögel, Hirsche oder Affen eine zentrale Rolle in ihrer Lebenswelt. Fridas berühmte Selbstporträts wurden durch farbenfrohe Visionen des Ensembles, schillernde Kostüme und eine von oben herabschwebende Pflanzenpracht visualisiert.

Neben der wunderbaren Kostümauswahl überzeugte die passende Musik zur dramatischen Geschichte. Ein von Olivia Lee-Gundermann sensibel geleitetes Ensemble der Dortmunder Philharmoniker sorgte für die emotionale Begleitung. Dabei kamen auch Instrumente aus dem lateinamerikanischen Kulturraum zum Einsatz. Die Komposition stammt von Peter Salem (* 1958). Zusätzlich wurden melancholische Toneinspielungen von Chavela Vargas – einer engen Freundin Kahlos – verwendet.

Das Ballett bietet berührende, nonverbale Einblicke in das Leben einer besonderen Künstlerpersönlichkeit, ohne explizit auf ihr politisches Wirken einzugehen. Es zeigt eine starke Frau zwischen Verzweiflung, schöpferischer Kraft und unbedingtem Selbstbehauptungswillen. Über allem steht ihr Motto: „Viva la vida“!

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231 / 50 27 222.

 




Wenn der Kaffee nach Träumen schmeckt – Eine Rezension von Superspecial

Früher gab es „nur“ Filterkaffee, heute stehen wir vor der Wahl: Muss es ein Java Chocolate Chip Frappuccino sein oder doch der klassische Schwarze? Die Bestellung an der Kaffeebar ist längst zu einem kleinen Akt der Selbstdarstellung geworden. Wer heute bestellt, kommuniziert weit mehr als nur seinen Durst. Er signalisiert eine Zugehörigkeit, einen Lifestyle. „Normal“ ist fast schon ein Schimpfwort und Durchschnitt ein absolutes No-Go. Am Ende bleibt jedoch die Frage: Schmeckt uns die Individualität wirklich besser, oder genießen wir einfach nur das Gefühl, nicht „wie alle anderen“ zu sein?

Genau in dieses Spannungsfeld entführte uns das Tanztheaterstück „Superspecial“, das am 31. Januar 2026 im Fritz-Henßler-Haus Premiere feierte.

Zwischen Frappuccino und Transformation

Das Stück startete in einem „Café am Rande des Wahnsinns“. Hier stellten sich nicht nur Fragen nach der richtigen Milchvariante, sondern auch die ganz großen Fragen des Lebens: Wann kommt eigentlich die Band? Und ist JETZT die richtige Zeit für eine allumfassende Transformation?

Das Publikum begegnete Figuren, die wir alle kennen – oder in denen wir uns selbst ertappt fühlen. Da war zum Beispiel Gerd, der nervige Kunde, der dem Personal ungefragt die Welt des Kaffees erklärt. Er steht exemplarisch für den modernen Drang, sich durch Wissen und Kennerschaft von der Masse abzuheben. Doch hinter der Fassade des „Bescheidwissers“ und den coolen Bestellungen schlummerten bei den Figuren tiefe Wunden: das Gefühl, übersehen zu werden, oder der Schmerz, wegen der Hautfarbe diskriminiert zu werden.

Die Karte von "Superspecial".
Die Karte von „Superspecial“.

Eine Goldcard für das Publikum

Unter dem Coaching von Birgit Götz und Cordula Hein präsentierte das Kollektiv „wichtigemenschen“ eine humorvolle, schräg-sinnliche Tour durch diese Megatrends der Individualisierung. Besonders eindrucksvoll war, dass die Transformation nicht nur auf der Bühne behauptet, sondern physisch erlebbar gemacht wurde.

Ausgestattet mit einer „Goldcard“ musste das Publikum das Café verlassen und den Spielort wechseln – von der Cafeteria hinüber in den Kinosaal. Ein kluger Schachzug: Der Weg vom Alltäglichen ins „große Kino“ der Träume wurde so zur gemeinsamen Bewegung. Mit viel Musik, Witz und Tanz erkundeten die Darstellenden, ob sich Einzigartigkeit und Gemeinschaft überhaupt vereinen lassen.

Es war ein Abend, der bewegte – räumlich wie emotional. Weitere Termine gibt es aktuell leider nicht, was die Premiere im Rückblick genau zu dem macht, was der Titel versprach: „Superspecial“.

Es spielten (Kollektiv wichtigemenschen): Carla Brockmann, Greta Heimbach, Marcia Kemper, Anneli Koch, Maya Krämer, Bhavdeep Kumar, Mathis Pollmann, Henna Schmaler, Lotta Severin & Sam Meier.




Unter Wölfen – Die letzte Premiere im Schauspiel am Hiltropwall

Nach dem Schlussapplaus an diesem besonderen Abend kündigt die Schauspieldirektorin Julia Wissert es an: Die Uraufführung von „PIDOR und der Wolf“ des amerikanischen Autors Sam Max ist tatsächlich die letzte Premiere im alten Gebäude des Schauspiels Dortmund.

Als „wahres Schauermärchen“ bezeichnet der Autor sein dicht gewebtes Familiendrama, in dem es um die Verfolgung queerer Menschen in einem tyrannischen Staat geht. Das Thema ist höchst aktuell, auch mit Blick auf autokratische Tendenzen in westlichen Demokratien. Das Dortmunder Ensemble unter der Regie von Jessica Samantha Starr Weißkirchen gestaltet daraus einen bisweilen anstrengenden, vor allem im ersten Teil manchmal überdramatisierten Theaterabend, was der Inszenierung aber wenig von ihrer Intensität nimmt. Auch wenn es wahrlich keine leichte Kost ist – die Aufführung besticht durch das intensive und körperbetonte Spiel der Darsteller, die fantasiereiche, variable Ausstattung (Wanda Traub) und immer wieder durch eindrucksvolle Bilder.

Beinahe märchenhaft geht es los. Auf der Bühne wabert Nebel, rechts und links stehen dunkle Tannen und mittendrin eine schräge Hütte; wie ein Gewächshaus sieht es aus, erinnert aber auch an das Hexenhäuschen aus „Hänsel und Gretel“. Aber im Haus und drumherum ist es weniger märchenhaft: Eine Frau raucht mit zitternden Händen, ein Kind wuselt herum und ein Mann läuft hin und her wie ein gehetztes Tier, sieht sich nervös immer wieder um und bleibt schließlich vor der Gartenpforte stehen. Dieser Beginn markiert den Ton der Inszenierung, den Rhythmus und die Atmosphäre. Eine dramatische Saite wird angeschlagen und klingt den ganzen Abend nach – nicht beschaulich, eher bedrohlich, schauermärchenhaft.

Pidor und der Wolf: v.l.n.r.: Antje Prust, Luis Quintana, Lukas Beeler, Ekkehard Freye und der Wolfschor(Foto: ©Birgit Hupfeld)
Pidor und der Wolf: v.l.n.r.: Antje Prust, Luis Quintana, Lukas Beeler, Ekkehard Freye und der Wolfschor
(Foto: ©Birgit Hupfeld)

Der Mann am Tor ist Peter, der schon als Kind auf dem Spielplatz als „Pidor“, als „Schwuchtel“ beschimpft und gedemütigt wurde. In Tschetschenien, wo Sam Max sein Stück ansiedelt, wird wie in keiner anderen Region brutal gegen LGBTQ+-Personen vorgegangen. Entführungen, Folter, Mord – jedes Mittel ist recht. Peter versteckt sich deshalb als Vater in einer Kleinfamilie, die ihm aber nicht nur als Tarnung dient. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu Frau und Kind und seiner Sehnsucht, verabredet er sich ausgerechnet am Vorabend des achten Geburtstages seines Sohnes mit einem Mann, der sich Wolf nennt. Hoch und heilig verspricht er, am nächsten Tag wieder da zu sein, aber dann geht alles schief. Denn dieser Wolf ist ein Agent, der für die autokratische Regierung queere Personen aufspürt; das Date ist eine Falle. Peter landet im Gefängnis, wo er seine Jugendliebe, den Musiker Ilya, wiedertrifft. Erst acht Jahre später sieht er seine Familie wieder.

Dieser Plot ist die Grundlage für ein Drama, in dem Sam Max aufschlüsselt, wie sich die ganze Grausamkeit eines autokratischen Systems in den Körpern und Köpfen seiner Opfer niederschlägt und zu wirken beginnt. Peters Frau ist gezwungen, sich mit den Machthabern zu arrangieren; sie prostituiert sich, heiratet sogar den Wolf – aus Trotz, aus Kalkül oder aus Angst.

Am meisten aber leidet Peters Sohn, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Sowohl als Achtjähriger als auch als Jugendlicher mit sechzehn tritt er in Erscheinung. Oft erzählt er von sich in der dritten Person, wie es auch die übrigen Protagonisten immer wieder tun. Diese Erzähltechnik hilft den Figuren, Distanz aufzubauen zu ihren heftigen, widersprüchlichen und manchmal selbstzerstörerischen Gefühlen. Man folgt dieser Erzählung nicht mühelos, aber doch aufmerksam und mit Interesse.

Es ist vor allem dieser narrative Rahmen, der an Sergei Prokofjews Musikmärchen für einen Erzähler und Orchester aus dem Jahre 1936 erinnert, in dem der Protagonist auch den schützenden Garten verlässt und so dem Wolf eine Tür öffnet. Prokofjews Geschichte endet allerdings damit, dass der Wolf in den Zoo gebracht wird; Max’ „Schauermärchen“ dagegen mündet in einem grausamen Showdown, wo sich alle am sechzehnten Geburtstag von Peters Sohn wiedertreffen – ein ungeschöntes, hoffnungsloses Ende, eine Botschaft, die aufrüttelt.

Natürlich lebt die Inszenierung auch von der Musik Chiara Stricklands und dem live aufspielenden Cellisten, besonders aber von den souverän agierenden Schauspielern, die hin und wieder den dramatischen Ton ein wenig überstrapazieren, die sich aber ansonsten voll in jede Situation reinhauen mit Leib und Seele. Der Chor der Wölfe ist großartig choreografiert und in Szene gesetzt; diese pöbelnden, feixenden, brutalen Handlanger des Regimes erinnern an die uniformierten ICE-Agenten in Amerika. Die Aktualität der Inszenierung wird dadurch noch unterstrichen. Ein außerordentlicher Abend: anstrengend, aber unbedingt sehenswert.