Zwischen Realität und Phantasie

Zeichnerische Ode an einen Briefträger von Horst Jenssen. "Heinzi", 1988, Farbradierung, 60,5x60 cm, 35/100.
Zeichnerische Ode an einen Briefträger von Horst Jenssen. „Heinzi“, 1988, Farbradierung, 60,5×60 cm, 35/100.

15 Jahre Art-Isotope in der Wilhelmstraße. Für dieses kleine Jubiläum präsentiert Galeriebesitzer Axel Schöber bis zum 25. Oktober 2015 eine besondere Ausstellung mit Werken von Horst Janssen unter dem Titel „Die Lust des Augenblicks“. Aus dessen umfangreichen Werk des vor 20 Jahren gestorbenen Künstlers fokussiert sich Schöber auf die Portraits und zeigt überwiegend Radierungen und Zeichnungen.

Horst Janssen (1929-1995) gehört mit Sicherheit zu den bedeutendsten Grafikern und Zeichnern der Nachkriegszeit. Er beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg als Illustrator und entwickelte ab den 60er Jahren seinen eigenen Stil. Obwohl in der Nachkriegszeit die abstrakte Kunst sehr im Fokus stand, hat sich Janssen zeitlebens auf die Figürlichkeit konzentriert.

Janssen machte aus seinen Drucken, die meist in einer Auflage von 100 erschienen, manchmal auch Unikate, indem er sie per Hand kolorierte. So kann es passieren, dass zwei Werke von ihm komplett anders aussehen, obwohl sie zur gleichen Serie gehören.

Sind seine früheren Arbeiten noch vom Expressionismus geprägt, steht der Hauptteil seiner Arbeiten zwischen der Neuen Sachlichkeit und dem Phantastischen Realismus. Janssen zeichnete oft sich selbst, hatte aber bei seiner Motivwahl keine Wertigkeit, was zu zeichnen würdig ist. Von seinem Briefträger Heinzi bis zu einem bemoosten Stein reicht das Spektrum. Dazu scheint Janssen sehr impulsiv gewesen zu sein. „Er hat den Augenblick sehr gelebt und hatte eine Spontanität im Gefühlsausdruck“, charakterisiert Schöber den Künstler.

In den 80er Jahren wendet sich Janssen auch der Landschaft als Motiv zu. Auch hiervon sind einige Beispiele („Kartoffelfeuer“) in der Ausstellung zu sehen.

Zu der Ausstellung gibt es auch Lesestoff über Horst Janssen zu kaufen sowie ein Momory-Spiel „Face to face“ mit verschiedenen Portraits. Das Memory-Spiel kostet 25 €. Währen der Museumsnacht werden Ausschnitte des Films „Janssen:Ego“ von Peter Voss-Andreae gezeigt.

70 Ausstellung hat Axel Schöber in seiner Galerie in den vergangenen 15 Jahren bereits gezeigt. „Qualität und Einzigartigkeit sind mir wichtig“, so Schöber über seine Auswahlkriterien. Im Fokus stehen Künstler, die bereits seit einiger Zeit auf dem Kunstmarkt etabliert sind, so dass plötzliche Sprünge in der Karriere eher selten ist. „Der Kunstmarkt ist ein langfristiges Projekt“, erklärt Schöber, der neben seiner Galerie auch auf Kunstmessen aktiv ist.

Zu den Höhepunkten zählt der Galeriebesitzer daher keine Einzelausstellung, sondern die Gemeinschaftsausstellungen wie „ART Spanner“. Hier mussten verschiedene Künstlerinnen und Künstler mit einem bestimmten Objekt ein Kunstwerk schaffen. Die Ergebnisse waren in ihrer Vielfalt überraschend.

Horst Janssen
„Die Lust des Augenblicks“
noch bis zum 25. Oktober 2015

Art isotope
Axel Schöber
Wilhelmstr. 38

Öffnungszeiten:Sonntag, Montag, Dienstag, Freitag von 14:30 Uhr bis 19:30 Uhr
www.art-isotope.de




Ungewöhnliche Bildhauertechniken

Angelika Loderer, Ohne Titel (Dose), 2105 (Foto: © Angelika Loderer)
Angelika Loderer, Ohne Titel (Dose), 2105 (Foto: © Angelika Loderer)

Bis zum 01. November 2015 zeigt der Dortmunder Kunstverein in der Ausstellung „Coming in pieces“ Werke der österreichischen Künstlerin Angelika Loderer. Ihre Arbeiten spielen mit dem Spannungverhältnissen zwischen Oberflächen, Materialität und Fragilität.

Schon die erste Arbeit im Eingangsbereich zeigt die ungewöhnliche Arbeit mit Materialien. Denn die bildhauerische Arbeit aus Gips, Plastik, Sand und einem Teppich liegt flach auf dem Boden. „Die Arbeit ist hier entstanden. Teilweise mit Materialien, die ich hier vor Ort gefunden habe wie zum Beispiel den Teppich“, erklärte Loderer. „Für mich ist es eine Skulptur, aber vielleicht kann man es auch als Collage betrachten Oft entstehen diese Arbeiten aus Neugier zum Material, wie verhält sich beispielsweise Sand auf Plastik oder es sind Beobachtungen aus der Natur.“

Die Arbeit wird nach dem Abbau der Ausstellung wieder zerstört. Doch das macht Loderer nicht traurig. „Es gibt so viele Materialien aus denen ich mich bedienen kann, da brauche ich nicht neue zu kreieren, sondern verwende, was mich umgibt. Sachen bestehen und sind dann wieder weg. Das Vergängliche finde ich schön daran. Ich kann es ja immer wieder machen.“

Ein Schwerpunkt in der Ausstellung sind die Aquarien. Die bestehen aus Aluminium, Glas und Wasser. Die Metallumfassungen haben eine Anmutung von weichen Ton und wirken organisch. Hier geht die Künstlerin zurück in die Vergangenheit. „Bei den Aquarien geht es mir um die Geschichte des Objektes. Im 19. Jahrhundert schauten die Aquarien ganz anders aus. Sie bestanden aus Stahlgerüsten mit Jugendstilelementen und Verschnörkelungen“, so Loderer.

Diese Faszination hat sie künstlerisch umgesetzt und mit modernen Elementen kombiniert. „Diese Konstruktionen wollte ich bildhauerisch interpretieren“, beschreibt die Künstlerin. „Die Aschenbecher und Dosenhalter sind für mich eher Pop-Art-Elemente, die wieder auf die Gegenwart zurückführen.“ Hinzu kommt das Spiel der Gegensätze wie Härte und Weichheit und der Fragilität von Glas.

Jeder kennt es, jeder fürchtet es: Ein vergessenes Papiertaschentuch in der Hosentasche, die in der Waschmaschine gewaschenen wurde. Diesen Fusseln hat Loderer mit ihren „Waschmaschinenskulpturen“ ein kleines bildhauerisches Denkmal gesetzt. „Diese Fussel sind die Ausgangspunkte zu den Arbeiten. Sie wurden in eine Gipsform integriert“, so Loderer. So sind Arbeiten aus einem Zufallsprinzip mit organischen Formen entstanden, die zeigen, wie eine Hosentasche von innen ausschaut. Das ist auch typisch für eine Künstlerin, die gerne mit alltäglichen Materialien arbeitet.

Angelika Loderer „Coming in pieces“

Dortmunder Kunstverein

Park der Partnerstädte 2

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag 15 bis 18 Uhr

Samstag und Sonntag 11 bis 16 Uhr




Verliebt ins Detail

Kai Eickler mit dem Bild von Köln und zwei Bildern mit dem Westfalenstadion. (Foto: © Guido Meincke)
Kai Eickler mit dem Bild von Köln und zwei Bildern mit dem Westfalenstadion. (Foto: © Guido Meincke)

Die Galerie in der Oesterholzstraße 103 zeigt unter dem Titel „1000 Fenster“ vom 11. September bis 09. Oktober 2015 zehn Bilder von Kai Eickler. Zu den Besonderheiten dieser Bilder gehört ihr ausgeprägter Detailreichtum. In der Ausstellung soll ein Gemeinschaftsbild entstehen. Eickler malt ein Haus und lädt Besucher ein dort zu wohnen. Man muss nur ein Foto (2×3 cm) mitbringen.

Ein Jahr lang malt Eickler an einem Bild. Denn er leidet an einer Nervenkrankheit und sitzt im Rollstuhl. Laufen kann er nicht mehr, aber er kann noch malen. Und das mit beeindruckender Präzision und Liebe zum Detail. Zu seinen Lieblingsmotiven gehört neben der Stadt Dortmund und dem Westfalenstadion die Stadt New York mit ihrer Architektur und der Skyline im Mittelpunkt.

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben den New York-Fan schockiert. In seinen Bildern tauchen die Türme daher immer wieder auf, in den Anfangsjahren sogar mit surrealistisch anmutenden Farbspiel.

Eickler hat sich in den letzten Jahren immer stärker von Farbbildern gelöst und malt seine Acrylbilder überwiegend in Schwarz-Weiß, setzt aber hin und wieder einzelne Farbtupfer wie beispielsweise eine amerikanische Flagge oder das typische Geld der Pylonen des Westfalenstadions.

Einen besonders starken Effekt hat die schwarz-weiß Malerei des Künstlers in seinem Bild von Köln aus dem Jahre 2011. Aus etwas weiterer Entfernung sieht das Bild aus wie eine Zeichnung oder ein Druck und besticht durch sein Wechselspiel von Licht und Schatten.

Wer also zu Eicklers Hausbewohnern gehören möchte, der schickt ein Foto (2×3 cm) seines beleuchteten Fensters an info@borsig11.de




Fragil und Vergänglich

Das "Green Monster" von Udo Unkel.
Das „Green Monster“ von Udo Unkel.

Die Galerie „der kunstbetrieb“ zeigt vom 05. September bis zum 03. Oktober 2015 die Ausstellung „Menschenfreund“ mit Werken von Udo Unkel. Im Mittelpunkt stehen seine Figuren aus Stahlblech und die „Monster“. Daneben zeigt er Videos und weitere Objekte. Zur Museumsnacht ist eine besondere Aktion mit dem Künstler geplant.

Zart und fragil, so wirken die Figuren, obwohl sie aus dem harten Material Stahl sind. Angefangen hat er mit vollen Figuren, doch „ich konnte das, was ich ausdrücken wollte, damit nicht erreichen“, stellte Unkel irgendwann fest und arbeitet seit drei Jahren mit seinen Figuren. Dass sie sehr zerbrechlich sein können, musste Unkel beim Pressegespräch feststellen, als er seine Figur „Kapitän“ vom Luftballon stieß. Die Figur zerbrach in mehrere Teile und muss von Künstler wieder neu geschweißt werden.

Diese Vergänglichkeit steht im Mittelpunkt seiner Figuren. Sie wirken extrem verletzlich, wie von Motten zerfressen oder dem Verfall preisgegeben. Dennoch behalten sie alle immer ihre innere Würde. Die Figuren bestehen aus unzähligen Stahlplatten, die von Unkel in aufwändiger Arbeit zusammengeschweißt werden, eine Art dreidimensionales Puzzle. Vor und nach dem Lackieren werden sie mit Sandstrahl behandelt und zum Schluss gewachst. Seit einiger Zeit arbeitet Unkel die Gesichter seiner Figuren detaillierter aus und gibt ihnen so mehr Persönlichkeit.

Auch die „Monster“, kleine mechanische Apparate, haben das Thema „Vergänglichkeit“. Sie bestehen aus unterschiedlichsten Materialien wie Tierschädel, Draht, Holz. „Ich integriere Dinge, die Geschichten erzählen. Beispielsweise hatte Oma eine Blechdose mit Geld drin“, erzählt der Künstler. So werden diese Sachen künstlerisch recycelt. „Bei den Geräten mag ich das Provisorische“, ergänzt Unkel. Hier müssen die Besucher selber aktiv werden und Knöpfe drücken, damit etwas passiert.

Als kleinen Kontrast benutzt er häufiger die Farbe Rosa. „Rosa ist die Farbe für einen Klein-Mädchentraum, für die Wünsche, die jemand hat. Das setze ich der Vergänglichkeit gegenüber“, erklärt er.

Die Arbeit „Mi Ballon Dog“ ironisiert das Werk von Jeff Koons, dessen „Ballon Dog“ über 58 Millionen Dollar gekostet hat. Nur ist der Hund von Unkel aus Schweinedarm und ihm geht langsam die Pressluft aus. „Es zeigt den vergänglichen Wert der Kunst“, so Unkel.

Für die Museumsnacht hat sich Udo Unkel das Projekt „Wireworld“ ausgedacht. Die Besucher werden hinter einer weißen Plexiglasscheibe gefilmt. „Dieses Schemenhafte werde ich dann zu einem Film gestalten mit Samples und wiederkehrenden Elementen. Das wird dann ins Internet gestellt“, erklärte der Künstler. Wer also Lust hat, kann am 19. September zwischen 17 und 20 Uhr in die Galerie kommen.

Galerie der kunstbetrieb

Gneisenaustraße 30

montags bis freitags 11 bis 13 Uhr und 15 bis 18 Uhr

samstag 11 bis 13 Uhr

www.derkunstbetrieb.de

Wie zerbrechliche seine Kunstwerke sind, musste Udo Unkel selbst feststellen. Hier der zerbrochenen "Kapitän".
Wie zerbrechlich seine Kunstwerke sind, musste Udo Unkel selbst feststellen. Hier der zerbrochenen „Kapitän“.




Eine Ausstellung mit allen Sinnen erfassen

Am Kaugummiautomaten können die Besucher sich Gerüche ziehen.
Am Kaugummiautomaten können die Besucher sich Gerüche ziehen.

Die Ausstellung „Über Sinne“ in der zweiten Etage des Dortmunder U beschäftigt sich nicht mit Geistern oder anderem Übersinnlichem. Hier geht es um das Begreifen, das Zuhören, das Zuhesen, Riechen, Schmecken. Denn konzipiert und erarbeitet haben dies 60 blinde und sehbehinderte Kinder der Martin-Bartels-Schule in Dortmund im Alter von 6 und 16 Jahren mit Unterstützung von Künstlern. Zu erleben ist diese Ausstellung vom 04. September bis 01. November 2015.

„Über Sinne“ ist keine Ausstellung über Blindheit. Auch wenn es einen kleinen Dunkelraum gibt, in dem eine Schulsituation nachgespielt wird, geht es nicht um das Nicht-Sehen, sondern wie es Dr. Birgit Drolshagen vom Fachbereich Rehabilitationswissenschaften an der TU Dortmund beschrieb, um Kinder mit anderen Merkmalen. Die genauso Träume und Hoffnungen haben wie andere Kinder auch.

Für Blinde und Sehbehinderte stehen andere Sinneseindrücke im Vordergrund. Geräusche sind sehr wichtig, ebenso wie Gerüche oder die Haptik von Gegenständen. So entstanden Soundcollagen, es gibt eine Ausgrabungsstätte, einen Kaugummiautomaten mit Gerüchen, aber auch Filme und Fotografie.

Zehn freie Künstlerinnen und Künstler erarbeiteten im Rahmen eines Workshops mit den Schülerinnen und Schülern die jeweiligen Kunstobjekte. „Für die Schüler war es toll, mit den Künstlern und deren technische Instrumente zu arbeiten“, erzählte Ulrike Witte, Schulleiterin der Martin-Bartels-Schule.

Für die Ausstellung wird es ein Leitsystem für Blinde geben sowie ein Audiogästebuch.

Über Sinne – Eine Ausstellung über das Sehen hinaus

04. September bis 01. November 2015

UZWEI im Dortmunder U

Öffnungszeiten:

Dienstag und Mittwoch 11 bis 18 Uhr

Donnerstag und Freitag 11 bis 20 Uhr

Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr

feiertags von 11 bis 18 Uhr

Eintritt frei




Bilder, die Geschichten erzählen

kallert
Ulla Kallert neben ihrem Bild „Wintertage in der Nordstadt“

Fotos erzählen Geschichten. Familienfotos erzählen Familiengeschichten, sie zeigen aber auch den Zeitgeist der Zeit, in der sie aufgenommen wurden. Die Künstlerin Ulla Kallert ist einen Schritt weiter gegangen und hat einige Familienfotos malerisch neu interpretiert. Es sind keine 1:1 Kopien, sondern Sichtweisen der Malerin. Die Ausstellung „212 Schritte hinter’m Bahnhof“ im Torhaus Rombergpark ist vom 30. August bis zum 20. September 2015 zu sehen.

Wohin kommt man, wenn man 212 Schritte hinter’m Bahnhof geht? In die Lessingstraße 76. Nicht nur das Geburtshaus von Ulla Kallert, sondern auch ihres Vaters. Doch die Inspiration, eine Serie mit Bildern von Familienfotos zu machen, stammt von ganz woanders her. Von einem Horrorfilm. „Angefangen hat es mit dem Film „Die Vögel“ von Hitchcock. Die Spannung in den Szenen hat mich dermaßen angekickt, dass ich vor dem Fernseher fotografiert habe. Die ersten drei Bilder sind nach dem Film entstanden. Bei einem Bild habe ich gedacht: Das ist wie in einem Familienbild von mir. Und dann habe ich mir meine Familienfotos angesehen“, erzählt die Künstlerin.

Die Bilder zeigen überwiegend Familienszenen aus den 60er Jahren, nur eins ist älter und erzählt eine besondere Geschichte: Das Kommunionsbild von Kallerts Vater mit dem Titel „Das Oberhaupt war auch mal klein.“ Dieses Bild berührt die Künstlerin sehr: „Ich war sehr betroffen, als ich das Foto jetzt nochmal betrachtet habe, weil ich gesehen habe, was für liebe Züge in dem Jungengesicht sind. Mein Vater war im Weltkrieg in russischer Gefangenschaft und der Krieg hat ihn so verändert, dass die ganze Familie darunter zu leiden hatte. Er war natürlich schwer traumatisiert.“

Fotos aus dieser Zeit sind in der Regel Schwarz-Weiß. Doch Kallerts Bilder haben leuchtende Farben. „Das ist für mich überhaupt kein Problem, da ich seit 25 Jahren eher Farbmalerin bin. Ich mache auch Ausflüge ins Figürliche, aber mein Schwerpunkt war immer Farbe, Komposition und Farbstimmung“, so die Künstlerin über ihre Arbeitsweise. Zudem ist für Kallert die Atmosphäre eines Bildes wichtiger als die originalgetreue Wiedergabe. „Da habe ich manchmal ein wenig gemogelt. Beispielsweise in einem Bild, auf der meine Schwester mit ihren Freundinnen zu sehen ist, habe ich meiner Schwester Ernst ein-gehaucht. Auf dem Foto lacht sie wie die anderen, aber es war mir nicht möglich sie so zu malen. Das wäre für mich nicht stimmig gewesen“, verdeutlicht Kallert.

Zwei Jahre hat die Künstlerin an dieser Serie gearbeitet, von denen 16 Werke in der Ausstellung zu sehen sind. Dadurch, dass die Gesichter nicht fotografisch genau ausgemalt sind, sind die Personen auf den Bildern nicht mehr allein Familienmitglieder, sondern erzählen vom Zeitgeist der 60er Jahre wie den ersten Urlauben oder Familienfesten.

Ulla Kallert

212 Schritte hinter’m Bahnhof

30. August bis 20. September 2015

Torhaus Rombergpark

Öffnungszeiten;

dienstags bis samstags 14 bis 18 Uhr

sonntags und feiertags 10 bis 18 Uhr




Ausweglose Situationen im Künstlerhaus

Eine Arbeit von Christian Loenhoff.
Eine Arbeit von Christian Loenhoff.

Ein Schwitzkasten ist einerseits ein Holzkasten für Schwitzbäder, andererseits aber auch ein Würgegriff. Schwitzkasten steht für eine ausweglose Situation, aus der man nicht mehr hinauskommt. Zehn Künstlerinnen und Künstler zeigen vom 29. August bis zum 05. Oktober 2015 im Künstlerhaus Dortmund ihre Arbeiten zu diesem Thema. Kuratiert hat die Ausstellung Jörg Daniel mit Barbara Koch und Marco Wittkowski.

Zwangslage, Notlage, Gefängnis, Folter, Guantanamo. Das amerikanische Gefängnis in Kuba hat vor allem zwei Künstler zu ihren Arbeiten inspiriert. Die Installation von Frank Klöttgen heißt auch „Guantanamo“. Klöttgen hat das Gefängnis mit 1001 Büchern nachgebaut. Dazu benutzte er aber Exemplare seiner eigenen Werke.

Ein Problem in Guantanamo ist Folter. Kurt Fleckenstein hat sich künstlerisch damit auseinandergesetzt. In seiner Installation wird eine Person nackt hinter einer Glaswand anderthalb Stunden eingeklemmt. Durch die Aktion „No exit“ soll auf die Erniedrigung von Menschen hingewiesen werden. Jeden Sonntag findet eine Livepräsentation der Arbeit „No Exit“ statt.

Kate hers RHEE arbeitet in ihrer Performance, die per Video zu sehen ist, mit einer Maske, die im S/M-Bereich zu Hause ist. In dem Video dominiert ein schwarzer Darsteller seine asiatische Darstellerin und scheint ihr die Maske aufzunötigen und verlangt von ihr 10 Küsse. Der Künstlerin geht es hier und das Spiel mit Identitäten und wie Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden.

Margund Smolka zeigt in ihrem Videoobjekt „Funnel“ (dt. Trichter) wie eine Bilderflut endlos in den Kopf hinein dringen. Dieser Bilderflut, die man nicht steuern kann, ist man hilflos ausgeliefert.

Fasziniert von Tanz und Theater ist Ilona Ottenbreit. In ihren teils großformatigen Arbeiten zeigt sie Bewegungsabläufe von Tänzern. Sie möchte in ihren Bildern zeigen wie Menschen sich verteilen, sich verschmelzen oder sich auf Zwangslagen lösen.

Hildegard Skowasch ist eines der Gründungsmitglieder des Dortmunder Künstlerhauses, lebt und arbeitet aber schon länger in Berlin. Sie zeigt figurative und abstrakte Elemente in ihren Installationen und anderen Arbeiten. Eine Faszination scheinen Münder auf die Künstlerin auszuüben. „Zähne sind natürliche Waffen“, so Skowasch. „Beim Lachen zeigt man die Zähne.“ Vielleicht kann man sich auch mit Zähnen aus so mancher Zwangslage befreien.

Mit der Spannung zwischen der Innen- und Außenwelt beschäftigt sich die Videoinstallation „Come to your Senses“ von Karin Kerkmann. Die Sinnesorgane sind in vier verschiedenen Monitoren zu sehen und alle in ungewöhnlicher Nahaufnahme.

Die Kunst der Augentäuscherei beherrscht die Pariser Künstlerin Dominique Ghesquiere. In ihrer Arbeit „Bios dormant“ (dt. Der schlafende Wald) präsentiert sie eine echte Efeupflanze. Doch der Efeu ist nicht mehr wiederzuerkennen. Er ist in seinem Wachstum gehemmt und wächst blattlos über zwei Etagen hinweg wie „im Schwitzkasten“.

Trotz seines Verstandes bringt sich der Mensch immer noch durch seine Entscheidungen in „Schwitzkästen“. Sei es im privaten Bereich oder auf globaler Ebene. Diese Widersprüchlichkeit behandelt Christian Loenhoff in seinen Arbeiten.

Die Videoarbeit „Outside Projection“ von Funda Özgünaydin behandelt das Thema Gentrifizierung. Das Video zeigt die Sprengung des Gebäudeturms der Goethe-Universität, die die Fachbereiche Pädagogik, Sozialwissenschaften und Psychologie beheimatete. Der Thinktank der „Frankfurter Schule“ musste einem Bau des Kapitalismus weichen.

Schwitzkästen – Ausweglosigkeiten und andere Zwangslagen
Künstlerhaus Dortmund
Sunderweg 1
Öffnungszeiten Donnerstag bis Sonntag 16 bis 19 Uhr




Holz in Beziehung gesetzt

Waltraud Schroll hinter ihren beiden Schweben.
Waltraud Schroll hinter ihren beiden Schweben.

Bei ihren Holzskulpturen zeigt die Hagener Künstlerin Waltraud Schroll wie vielfältig das Material das Thema „Verbindungen“ umsetzen kann. Die Galerie Dieter Fischer im Depot zeigt eine Auswahl ihrer Skulpturen sowie einige Zeichnungen.

Schroll arbeitet sowohl figürlich als auch abstrakt. Ihre Paare sind zwar reduziert, das heißt man erkennt beispielsweise keine Gesichter, doch sind die beiden zusammenhängenden Figuren sind als zwei Personen zu erkennen. Durch die Natürlichkeit des Materials Holz entstehen auch Risse. Das macht die Skulptur noch spannender, denn es gibt wohl in jeder Paarbeziehung den einen oder anderen Riss im Laufe der Zeit.

Auch in ihren abstrakten Skulpturen ist eine deutliche Verbindung zu erkennen, die anders in Beziehung gesetzt wird als bei den Paaren. „Verbindung kann man auf viele Felder übertragen“, so die Künstlerin. Beim Objekt „ST -1 /14“ sieht es sogar so aus, als wenn die beiden Enden auseinander streben und irgendwann die Verbindung dahin ist.

Neu sind die sogenannten „Schweben“. Sie sehen ein klein wenig aus wie Bumerangs und bewegen sich beim Windhauch. Schroll dazu: „Man denkt, dass sie aneinander gearbeitet oder geklebt sind, aber sie sind eine lockere Verbindung.“

„Normalerweise arbeite ich in einem Stück, da ist nicht geleimt oder geklebt“, beschreibt die Künstlerin ihre Arbeitsweise. Doch bei zwei Skulpturen hat sie eine Ausnahme gemacht, denn hier bestehen die Verbindungen aus unterschiedlichen Hölzern, so dass ein interessanter Farbeffekt entsteht.

Die Künstlerin arbeitet ausschließlich mit einheimischen Hölzern, gerne mit Obsthölzern wie Birne, Pflaume oder Wildkirsche.

Zu den Holzobjekten sind noch einige Zeichnungen zu sehen. „Das sind im Grunde ausgearbeitete Skizzen. Zu meinen Objekten mache ich erst ganz viel Skizzen bevor ich anfange. Die habe ich mal etwas sortiert und aufgehübscht“, erklärte die Künstlerin.

Waltraud Schroll „Beziehungen“

Galerie Dieter Fischer im Depot

Immermannstraße 29

Öffnungszeiten: Donnerstag von 16 bis 20 Uhr.




Triptychen in der Galerie Anschnitt

Der Maler und Illustrator Michael Becker arbeitet gerne mit dem Sujet des Triptychons wie bei den "Die Sieger" (Collage, Acryl auf Leinwand) zu sehen.
Der Maler und Illustrator Michael Becker arbeitet gerne mit dem Sujet des Triptychons wie bei den „Die Sieger“ (Collage, Acryl auf Leinwand) zu sehen.

Bis zum 19. September zeigt das Anschnitt_Atelier in Dortmund-Hombruch die Ausstellung „Mensch, Mensch!“ des Künstlers Michael Becker aus Ostfriesland. Die Öffnungszeiten sind dienstags von 15 bis 20 Uhr und Sonntags von 11 bis 13 Uhr.

Anschnitt_Atelier
Hombrucher Straße 59
44225 Dortmund

 




Humanismus auf Augenhöhe

"Doc" Martin Müller bei der Arbeit. (Foto: © Andreas Hub)
„Doc“ Martin Müller bei der Arbeit. (Foto: © Andreas Hub)

Sicher, es gibt Götter in Weiß. Aber es gibt auch Ärzte wie Martin Müller. Von 2008 bis 2014 leistete der Arzt „Doc“ Müller in der Nordstadt Hilfe: kostenlos, ohne Ansehen der Person und ohne Wertung. Auf Augenhöhe mit seinen Patienten. Nach drei Jahren Tätigkeit kam er auf die Idee seine Patienten mit deren Einverständnis zu fotografieren. Gegen Ende kam noch Reportagefotograf Andreas Hub hinzu, der mit seinen Farbfotos die schwarz-weißen Werke von Müller ergänzte und der Texte schrieb. Bis zum 23. August 2015 ist die Fotoausstellung „Martin Müller: Auf Augenhöhe – Andreas Hub: Hier geht´s zum Doc“ mit über 75 Bildern im Kulturort Depot zu sehen.

Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte. Eine gute oder schlechte. Meistens bricht sie irgendwann abrupt ab wie bei dem jungen Rumänen, der kein Deutsch sprach und im Winter nur mit T-Shirt und Jeans bekleidet in Dortmund auftauchte. Er arbeitete wahrscheinlich als Stricher. Andreas Hub über ihn: „ Der Junge träumte davon, Model zu werden. Er hat mir in seinem Smartphone immer irgendwelche Modelagenturen in Paris gezeigt, ob ich die kennen würde, ich wäre doch Fotograf. Er tauchte mehrere Wochenlang immer auf und plötzlich war der von einem auf den anderen Tag verschwunden.“ Ging die Geschichte gut aus? Niemand weiß es. Doch das Leben auf der Straße ist hart. Müller: „Von den 44 Personen auf den Schwarzweiß-Portraits sind mindestens sieben schon unter der Erde.“ Doch es gibt auch positive Beispiele vom Menschen, die sich wieder gefangen haben.

Wie kommt es eigentlich dazu, dass in Deutschland mehr als 100.000 Menschen leben, die keine Krankenversicherung haben? Müller dazu: „80% der deutschen Klientel bekam Hartz IV. Kommt man seinen Pflichten gegenüber dem Amt nicht nach, geht es ratz-fatz und man ist draußen. Wenn man dann nicht alles im Griff hat, dann passiert das nochmal so schnell. Wenn der Leistungsbezug endet, endet auch der Krankenversicherungsschutz. Mit einer gewissen Anstrengung ist das umkehrbar, aber alleine haben es viele nicht geschafft.“

An zehn Orten in der Dortmunder Nordstadt behandelte Müller seine Patienten: im Café Berta, in der Beratungsstelle für Wohnungslose, in der Methadon-Ambulanz, im Nordmarkt-Kiosk, in der Suppenküche, der Männerübernachtungsstelle Unionstraße oder im Streetwork-Café Leopoldstraße.„Es gab wenig Vorbehalte, Fotografiert zu werden“, erinnert er sich. „ Ich habe auch erst, nachdem ich drei Jahre in Arbeit war, angefangen zu fotografieren. Ich wollte sie besser im Gedächtnis haben, vielleicht habe ich unbewusst im Hinterkopf schon die Idee gehabt, da könnte man vielleicht etwas daraus machen.“

Andreas Hub kam hinzu, nachdem er eine Reportage über den Arzt in der Zeitung gelesen hatte. Er begleitete „Doc“ Müller im letzten Jahr vor dessen Ruhestand. Die Reportage wurde in der TAZ und im Straßenmagazin BODO veröffentlicht und ins „Pixelprojekt_Ruhrgebiet“ aufgenommen. Aber um sie in der Öffentlichkeit wie im Depot zu zeigen, braucht man Geld. „Ich habe Sponsoren gesucht, denn so eine Ausstellung ist natürlich wahnsinnig teuer und dann bin ich an die Zukunftsstiftung Bildung der GLS-Bank in Bochum gegangen und die waren von dem Konzept so begeistert, dass sie die gesamte Ausstellung gesponsert haben.

Auch wenn viele Bilder vielleicht einen anderen Eindruck machen. Es war wohl nicht ganz so trist. „Es gab auch manchmal Augenblicke, wo es lustig war und wo man gelacht hat“, erinnert sich Hub. „Die gab es öfter. Sonst hätte ich das nie ausgehalten“, ergänzt Müller.