Ausstellung von Birgit Brinkmann-Grempel im Torhaus Rombergpark
Wenn man aus dem Grün und dem Blühen des Rombergparks kommend die enge Stiege im Torhaus Rombergpark erklommen hat, öffnet sich der Blick in den hellen und freundlichen Ausstellungsraum und dieses Mal in die Weite der Natur mit den Werken der Künstlerin Birgit Brinkmann-Grempel.
Luftig und bewegt im Raum schweben und kreisen Stoffbahnen in den Farben der Natur, hergestellt auch mit Sonnenlicht. Und in der Tat, man fühlt sich umarmt, wie es der Ausstellungstitel verspricht. An diesem Morgen, zur Eröffnung der Ausstellung, noch einmal ganz besonders, denn das Tanzduo „Dosadeux“ greift die Arbeiten der Künstlerin auf und tanzt um und mit den Stoffbahnen, es fühlt sich an wie Himmel und Erde, die aufeinandertreffen, Kontakt aufnehmen und sich letztlich ebenfalls umarmen.
Birgit Brinkmann-Grempel und Klaus-Otto Bracke. (Foto: (c) Martina Bracke)
Neben den Stoffbahnen präsentiert die Künstlerin noch weitere Werke, z. B. auf Holz. Sie arbeitet mit Siebdruck, Tusche und auch Pyrographie. Das heißt, dass mit Absicht Löcher eingebrannt werden. Es mutet wie gestickt an, doch es ist ausgebrannt. Insofern ist auch das, was nicht da ist, von ihr gewollt und gemacht, wie Klaus-Otto Bracke von der Galerie Spitzbart & Bracke aus Essen in seiner Einführung hervorhebt.
Insgesamt eine sehr harmonische Vernissage mit zahlreichen Gästen, „melancholischen Glücksgefühlen“ und mindestens schon einem verkauften Werk. Eine Ausstellung, die gern als Teil der Natur des Rombergparks noch bis zum 03. Mai besucht werden kann.
Torhaus Rombergpark, Am Rombergpark 65, jeweils dienstags bis samstags von 14 bis 18 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr.
Wer mehr von Birgit Brinkmann-Grempel sehen möchte, kann dies in einer weiteren Ausstellung tun, die derzeit parallel läuft. Ihre „Vier Wege zur Stille“ werden noch bis zum 17. Mai in der Marienkirche in der Innenstadt gezeigt.
Ein interdisziplinäres Erwachen im Hans A, Dortmund
In der Kooperation zwischen dem kunstbetrieb Dortmund und Dortmund Kreativ präsentiert sich eine Ausstellung, die den Betrachter bereits mit ihrem Titel in eine Welt der Transformation und Bewegung zieht. „Dem Fluss entstiegen“ vereint sechs Positionen aus der Region, die von klassischer Malerei über filigrane Skulpturen bis hin zu generativen Video-Installationen reichen.
Der Titel der Ausstellung, „Dem Fluss entstiegen“, suggeriert zunächst einen Akt der Befreiung oder der Neuentdeckung. Doch blickt man auf die Arbeiten von Udo Unkel und Almut Rybarsch-Tarry, wandelt sich diese Bewegung schnell von einer metaphorischen Wiedergeburt hin zu einer existenziellen Konfrontation. Es geht nicht nur darum, was aus dem Fluss ans Licht tritt, sondern mit welcher Botschaft es uns am Ufer begegnet.
Die künstlerische Vielfalt
Die Ausstellung besticht durch ihre Materialität und den Mut zum Kontrast:
Der Mahner aus dem Abfall: Almut Rybarsch-Tarry setzt mit ihrer lebensgroßen Wassernixe ein beklemmendes Ausrufezeichen. Während die Figur an antike Mythen erinnert, bricht das „Netz voller Müll“ die Romantik radikal. Diese Nixe ist keine ätherische Gestalt mehr; sie ist eine Zeugin des Anthropozäns, die uns unseren eigenen Unrat vor die Füße legt.
Vier der sechs teilnehmenden Künstler:innen: (v.l.n.r.) Ana Maria Avilés Toro, Anne Jannick, Almut Rybarsch-Tarry. Anke Droste.
Natur und Abstraktion: Während Anne Jannick und Anke Droste den Blick auf weite Landschaften lenken – mal als fiktive Moorlandschaft, mal als Spiel zwischen Ferne und der Auflösung in abstrakte Farbstrukturen –, bringt Ana Maria Avilés Toro einen „positiv-poetischen Realismus“ ein, der chilenische Einflüsse mit der Ruhrgebiets-Ästhetik verschmilzt.
Existenzielle Formen: Udo Unkel arbeitet sich an der menschlichen Figur ab. Seine Skulpturen, oft hager und asketisch, wirken wie Wanderer zwischen Schmerz und Freiheit.
Moderne Metamorphosen: Brigitte Felician Siebrecht bricht die statische Kunst mit ihrer Video-Klang-Installation „wātar“ auf und führt das Element Wasser direkt in die digitale Moderne.
Fazit
Diese Ausstellung ist ein Parforceritt durch die menschliche Psyche und unsere Beziehung zur Umwelt. Die Kombination aus literarischer Referenz und ökologischem Statement macht „Dem Fluss entstiegen“ zu einem Pflichttermin für alle, die Kunst nicht nur sehen, sondern verstehen wollen.
Wer Lust auf eine intellektuelle Abkühlung und visuelle Tiefe hat, sollte den Weg in die Hansastraße finden.
Wann: 4. April bis 29. April 2026
Wo: Hans A, Hansastraße 6-10, Dortmund
Öffnungszeiten:
Do/Fr: 17:00 – 20:00 Uhr
Sa: 11:00 – 14:00 Uhr
So: 11:00 – 15:00 Uhr
Ein Besuch ist wie ein tiefes Luftholen nach einem langen Tauchgang – erfrischend und klärend.
„Next of Kin!“ – Wenn das Netzwerk zur Kunst wird
Das Künstler*innenhaus Dortmund präsentiert mit „Next of Kin!“ eine Werkschau, die tief in die eigene DNA blickt. Es geht um die „KiNs“ – jene Künstler:innen im Netzwerk, die das Haus über Jahre hinweg geprägt und mitgestaltet haben. Dass diese Gemeinschaft keine bloße Formsache ist, wurde bereits beim Pressetermin deutlich: Maja Siepmann, eine der beiden Kuratorinnen, führte persönlich durch die Räume und erläuterte die feinen Fäden, welche die unterschiedlichen Positionen miteinander verknüpfen.
Die Ausstellung versteht sich dabei keineswegs als nostalgischer Rückblick, sondern als lebendige „Setzung in die Gegenwart“. In einem offenen Dialog treten unterschiedliche Medien und Haltungen zueinander in Beziehung und zeichnen das Bild einer lokalen Szene, die von gegenseitiger Unterstützung getragen wird.
Die Positionen im Überblick
Jede der 14 gezeigten Positionen bringt eine ganz eigene Qualität in dieses Netzwerk ein und formt ein vielschichtiges künstlerisches Panorama. So erkundet Patrick Borchers medienübergreifend situative Übergänge zwischen figürlicher Geste und konkretem Raum, während sich Marc Bühren in seinen raumgreifenden, audiovisuellen Installationen intensiv mit den Fragestellungen des Anthropozäns auseinandersetzt. Andreas Drewer reflektiert in seinen experimentellen Videos über Bewegung, Klang und die Wahrnehmung urbaner Räume, was korrespondiert mit der intermedialen Praxis von Tina Dunkel, die die Bedingtheiten von Medien, Sprache und räumlichen Situationen untersucht.
Das Plakat zur Ausstellung illustrierte Lea Srzamek
Einen poetischen Akzent setzt Etta Gerdes, die, bekannt für ihre Arbeit mit Raum und Zeit, hier eine Videoarbeit über das langsame Vergehen von Blumen zeigt. Demgegenüber gilt das künstlerische Interesse von Silvia Liebig den zugrunde liegenden Strukturen des Lebens, die sie mittels Zeichnung und Collage erforscht, während Dagmar Lippok konzeptuelle Arbeiten zwischen Installation und Objekt schafft, die oft Formen von Identität und Erinnerung thematisieren. In der Druckgrafik nutzt Paola Manzur für ihre Serie „Plastiktüte“ manuelle Manipulationen, um organische Formen zu übertragen, während Babette Martini in ihren skulpturalen Tonarbeiten körperliche Präsenz, Verletzlichkeit und Materialität unmittelbar sichtbar macht.
Ulrike Rutschmann verhandelt in ihren Werken das spannungsvolle Verhältnis zwischen Gegenständlichkeit und einer eigensinnigen Bildlogik, wohingegen Corinna Schnitt mit präzisen Inszenierungen alltägliche Szenen humorvoll aufbricht und soziale Rollen hinterfragt. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Zusammenspiel von Material und Raum zeichnet die oft ausgezeichnete Praxis von Adriane Wachholz aus. Ergänzt wird dieses Spektrum durch Denise Winter, die Landschaften und Architektur in präzise strukturierte, geometrische Formen und modulare Bildsysteme überführt, sowie durch Marco Wittkowski, der als Dokumentarfotograf den fortwährenden Transformationsprozess im Dortmunder Hafenquartier festhält.
Alle teilnehmenden Künstler:innen
Patrick Borchers | Marc Bühren | Andreas Drewer | Tina Dunkel | Etta Gerdes | Silvia Liebig | Dagmar Lippok | Paola Manzur | Babette Martini | Ulrike Rutschmann | Corinna Schnitt | Adriane Wachholz | Denise Winter | Marco Wittkowski.
Wichtige Informationen: * Ausstellungszeitraum: 28. März bis 3. Mai 2026. * Ort: Künstlerinnenhaus Dortmund, Sunderweg 1, 44147 Dortmund. Öffnungszeiten: Do – So, 16.00 – 19.00 Uhr. * Eintritt: Frei.
„Next of Kin!“ ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Kunst dort am stärksten ist, wo sie sich in einem lebendigen Kontext aus Austausch und Engagement entfalten kann.
Natur und Kunst finden innen statt
Ausstellung „Fläche & Raum“, print.kollektiv, im Torhaus zum Tag der Druckkunst
Die Wendeltreppe im alten Gemäuer ist eher düster, dafür öffnet sich am Ende der Blick auf einen hellen, gefühlt weiten Raum, in den das Sonnenlicht hineinlacht. Eine Landschaft breitet sich auf dem Boden aus. In einer Rundung tummeln sich in einem riesigen Netz Spinnen. Auf der gegenüberliegenden Seite sprechen Bücher und quaderförmige Objekte.
Aber keine Angst, es handelt sich um Drucksachen. Das Netz ist echt, doch die Spinnen kommen zweidimensional daher. Die Landschaft am Boden und an der Wand ist raumgreifend und dreidimensional. Man betritt im Torhaus Rombergpark an diesem Sonntag, dem Tag der Druckkunst, eine Installation des print.kollektivs, das sich 2022 zusammengeschlossen hat und seitdem hin und wieder gemeinsame Ausstellungen präsentiert.
Die drei DruckkünstlerInnen Bärbel Thier-Jaspert und Michael Jaspert aus dem Depot sowie Marc Bühren aus dem Umfeld des KünstlerInnenhauses, der jüngst 2025 den Kunstpreis des Ennepe-Ruhr-Kreises für sich entscheiden konnte, zeigen unter dem Titel „Fläche & Raum“ Variationen der Druckkunst.
Marc Bühren und Bärbel Thier-Jaspert im Torhaus Rombergpark (Foto: (c) Martina Bracke)
Zu sehen sind Artificial Landscapes von Marc Bühren, die den Eingriff des Menschen in die Natur thematisieren. Natur wird zu einem gestalteten Raum.
Mit seinen Spinnen im Netz will Michael Jaspert auch Parallelen zum World Wide (oder sollte man „Wild“ sagen) Web aufzeigen. Beute lässt sich in beiden Netzen machen, wie er erklärt.
Bärbel Thier-Jaspert gestaltet „Sprachräume“. Papierobjekte auf der Basis von Zitaten sind zu druckgrafischen Unikaten entwickelt.
Lesen und nachdenken, umhergehen und schauen. Man kann durch den Raum wandern und seine Gedanken schweifen lassen. Diese Ausstellung zum Tag der Druckkunst, der seit 2018 deutschlandweit am 15. März gefeiert wird, dem Tag, als die Druckkunst als immaterielles Kulturerbe in die Liste der UNESCO aufgenommen wurde, ist ein lebendiges Beispiel für die Möglichkeiten und Weiterentwicklungen der Druckkunst. Bis 17 Uhr konnten über einhundertachtzig Besucherinnen und Besucher gezählt werden.
Noch mehr werden die Ausstellung sicherlich bis zum 5. April im Torhaus, Am Rombergpark 65, 44225 Dortmund, genießen. Jeweils dienstags bis freitags von 14.00 bis 18.00 Uhr und samstags und sonntags von 10.00 bis 18.00 Uhr. Bei lachendem Sonnenschein, aber auch bei schlechterem Wetter. Innen ist es jedenfalls immer trocken.
Das @print.kollektiv findet man auch auf Instagram.
„Fläche & Raum“, 15.03.2026 – 05.04.2026
Eine Zeitreise in Form und Farbe: „Grafik aus Dortmund – RE-VISION“
Das Kulturzentrum balou in Dortmund wird derzeit zum Schaufenster von sieben Jahrzehnten lokaler Kunstgeschichte. Anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der „Dortmunder Gruppe“ und des „Westfälischen Künstlerbundes Dortmund“ präsentiert die hauseigene Galerie die Ausstellung „Grafik aus Dortmund – Ein Rückblick – Ein Versprechen“.
Das Konzept der Retrospektive mit dem Titel „RE-VISION“ ist ebenso klug wie historisch reizvoll: Gezeigt wird eine kuratierte Auswahl von Kalenderblättern der Künstlerinnen und Künstler beider Vereinigungen, die von den Anfängen bis ins Jahr 2023 reicht. Dieser traditionsreiche, vom Kulturbüro und der Sparkasse Dortmund unterstützte Wettbewerb, zeigt hier gebündelt seine Früchte.
Ein Blick in die hellen, mit edlem Fischgrätparkett ausgestatteten Räumlichkeiten der galerie balou offenbart eine überaus ansprechende Präsentation. Die dichte, aber sehr aufgeräumte Hängung der Werke in einheitlichen, hellen Holzrahmen sorgt für eine ruhige Grundstruktur. So wird der Fokus der Betrachter gekonnt auf das Wesentliche gelenkt: die immense grafische und technische Vielfalt der Blätter.
Kalenderblätter aus vergangenen Zeiten sind im Balou zu sehen.
Die ausgestellten Motive sind so facettenreich wie die Kunstszene selbst. Der Rundgang bietet eine visuell spannende Mischung: Man entdeckt streng geometrische, abstrakte Farbkompositionen neben feinen, fast surreal anmutenden Zeichnungen (wie etwa schwebende Figuren oder Tiermotive). Andere Werke arbeiten stark mit Typografie, pop-kulturellen Elementen, lokalkolorierten Motiven (z.B. der Schriftzug „NRW“ oder „RUHR 2010“) und expressiven Collage-Techniken. Die Farbpalette reicht dabei von reduzierten Schwarz-Weiß-Kontrasten bis hin zu leuchtenden, kräftigen Farbräumen.
Künstlerischer Blick auf die ostdeutsche Industriegeschichte
Vom 14. März bis zum 26. Juli 2026 präsentiert der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) im Dortmunder U (3. Etage) seine neue Ausstellung „Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz“. Die Schau entstand in Kooperation mit der GfZK – Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, wo sie bereits bis zum 22. Februar 2026 unter dem Titel „Robotron. Code und Utopie“ zu sehen war.
Das Industriekombinat „Robotron“ aus der ehemaligen DDR dürfte vielen Menschen ein Begriff sein. Der als „dritte industrielle Revolution“ bezeichnete, weltverändernde Siegeszug der Computer und Mikroelektronik, der in den 1960er-Jahren auch in Ostdeutschland stattfand, ist im Westen hingegen noch immer relativ unbekannt.
Zwanzig Künstler*innen setzen sich in der Ausstellung auf vielfältige Weise mit diesem Thema auseinander – sei es durch Fotografien, Videos, Skulpturen, Zeichnungen, figurative Ölgemälde oder Diagramme.
Ein Blick in die Ausstellung „Robotron“ des HMKV (Foto: (c) Heinrich Holtgreve)
Der Ausstellungstitel „Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz“ verweist auf das fast 14 Meter breite, monumentale Wandgemälde von Werner Tübke. Das 1973 im Auftrag der SED entstandene Werk ist bis heute fest in der Universität Leipzig installiert. Es sollte das Zusammenwirken von „Arbeiterklasse und Intelligenz“ veranschaulichen. Im Zentrum stehen der Großrechner Robotron R 300 sowie führende Manager des Kombinats, umgeben von Angestellten, Ingenieuren und Bauarbeitern – ein Sinnbild der technologischen, sozialistischen Moderne. Eine fünf Meter breite Ölskizze dieses Wandgemäldes ist im Zentrum der Ausstellung zu sehen.
Darüber hinaus thematisiert die Ausstellung die Rolle der Kybernetik, den massiven, umweltbedrohenden Wasserverbrauch der wachsenden Chip-Produktion, die Folgen des CoCom-Embargos der 1950er- und 1960er-Jahre sowie Wirtschaftsspionage und die Tücken der Planwirtschaft.
In einer modern-witzigen „Robotron – A Tech Opera“ nimmt eine der Künstlerinnen das Publikum mit auf eine Reise direkt in das Industriekombinat. Tina Bara dokumentiert eindringlich und musikalisch untermalt die 1988 heimlich in den Buna-Werken aufgenommenen Arbeitsbedingungen und Umweltzerstörungen. Franca Hunger untersucht die statistische Sprache der DDR-Bürokratie und entlarvt sie als quasi hypnotisierenden Verwaltungsapparat.
Antye Guenther wiederum greift mit ihrer Arbeit „Operation Zwiebelmuster“ den Toshiba-Skandal der 1980er-Jahre auf: Japanische Manager schmuggelten damals geheime Informationen über Computer-Chips in die DDR und wurden unter anderem mit edlem Meissener Porzellan bezahlt. In Guenthers Werk verschmelzen die Baupläne eines 1-Megabit-Chips mit dem traditionellen blau-weißen Zwiebelmuster, wodurch das Porzellan zum Träger einer verborgenen Mikroelektronik-Geschichte wird.
Es gibt also viel zu entdecken! Tiefergehende Erklärungen zur Geschichte von Robotron und zum Verständnis unserer technologisch geprägten Gegenwart liefern die Wandessays von Jan Wenzel, dem Verleger und Mitbegründer des Leipziger Verlags „Spector Books“.
Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen zu den Öffnungszeiten sowie zum umfangreichen Rahmenprogramm (darunter Buchvorstellungen & Talks zum Katalog „Robotron“, Künstler*innen-Aktionen, Lesungen, Yoga, Führungen und vieles mehr) finden Sie unter: www.hmkv.de
Übrigens: Am 24. Juli 2026 ist auf der Bühne vor dem Dortmunder U (20:00–22:00 Uhr) eine große Jubiläumsparty anlässlich des 30-jährigen Bestehens des HMKV geplant!
Echo der Abwesenheit: Wenn Klänge ohne Lautsprecher den Raum erobern
In der aktuellen Ausstellung „8 Ω LESS“ im Künstler*innenhaus Dortmund wird eine radikale Grenze gezogen: Die Abwesenheit von Lautsprechern. Was zunächst wie ein technisches Defizit klingt, entpuppt sich als eine tiefgreifende Untersuchung des Klangs als physisches, skulpturales Medium. Unter der Leitung von Kurator Ach Kuhzunft präsentieren Künstler:innen der Kunsthochschule für Medien Köln Werke, die Klänge durch mechanische Prozesse wie Streichen, Schlagen oder Blasen direkt im Raum erzeugen.
Die Mechanik der Unruhe und industrielle Nachklänge
Ein zentrales Motiv der Schau ist die Spannung zwischen sichtbaren und unsichtbaren Klangquellen. Yue Cao verarbeitet in „Übernächtigung“ traumatische Erinnerungen an scharrende Stühle während seiner Studienzeit in China. Zwei mechanische Vorrichtungen schieben Stühle über eine konstruierte Decke und erzeugen ein schrilles Kratzgeräusch, das für das Publikum unsichtbar bleibt und eine Atmosphäre existenzieller Angst heraufbeschwört.
Ähnlich industriell, aber mit Fokus auf den Verfall, agiert dennis aycicek mit seinem Werk „ZONE“. Unter Verwendung von Spundwänden und Moniereisen reflektiert er das Verstummen einer Industrieregion und die Anziehungskraft von Gefahrenzonen. Den technoiden Gegenpol bildet Justus Kaufmann, dessen Installation „Bellwech“ Stahlbleche durch Motoren in Schwingung versetzt und so Klänge erzeugt, die zwischen „Gewitter- und UFO-Geräuschen“ changieren.
Poesie der Fragilität und des Widerstands
Die Ausstellung bietet jedoch auch Raum für zarte, fast sphärische Momente, die mechanische Präzision mit inhaltlicher Tiefe verweben. So erzeugt Tina Tonagel in ihrer Arbeit „Gedicht“ eine meditative Atmosphäre, indem sie hinter Schlitzen verborgene Gitarrensaiten mittels E-Bows in dauerhafte Schwingung versetzt. Eine ähnliche Fragilität, jedoch getrieben von Unberechenbarkeit, zeigt Farah Wind in „NETZ_TEILE“: Hier werden kleine Motoren und Luftströmungen zu Akteuren, die fragile Rhythmen entstehen und wieder zerfallen lassen. Politisch aufgeladen wird diese Ästhetik schließlich bei Bella Comsom, deren Klangskulptur „Sie dachten, sie würden verschwinden“ Keramik und Mini-Ventilatoren nutzt, um symbolisch den „Atem“ von Schlangen zu erzeugen – ein akustischer Widerstand gegen die jahrhundertelange Unterdrückung weiblichen Wissens.
Der Staub saugende Chor und tanzende Tüten
Besonders kurios wirkt der Beitrag von Karen Fritz. Ihr „blow connector“ lässt einen handelsüblichen Nass-/Trockensauger durch den Raum rollen. Das Dröhnen des Motors vermischt sich mit dem Singen metallischer Gestänge zu einer unerwarteten klanglichen Performance. Kontrastiert wird diese rohe Energie durch die „Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland, deren leises Knistern beim Drehen der Papiertüten eine fast geisterhafte Präsenz im Raum schafft.
„Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland,
Zwischen Ritual und Vergänglichkeit
Die Partizipation bleibt ein Herzstück der Schau. Während Samuels Ozoliņš mit seinen „stillen Altären“ lettische Zaubersprüche durch das laute Aussprechen der Besucher:innen zum Leben erweckt, lädt Jeongan Choi in „Tearable Sound“ dazu ein, Papierstapel nach bestimmten Linien zu zerreißen. Hier wird der Klang des Reißens selbst zur Partitur.
Fazit
„8 Ω LESS“ ist weit mehr als eine formale Fingerübung. Die Ausstellung zwingt uns, genau hinzusehen, woher ein Geräusch kommt, und die Materialität unserer akustischen Umwelt neu zu bewerten. Sie zeigt, dass die Abwesenheit von Technik (hier: Lautsprechern) den Weg ebnet für eine unmittelbare, körperliche Erfahrung von Kunst.
Besuchshinweise:
Ort: Künstler*innenhaus Dortmund, Sunderweg 1.
Öffnungszeiten: Do – So 16 – 19 Uhr.
Eintritt: Frei.
Hinweis: Die Ausstellungsräume sind derzeit nicht barrierefrei.
Kollektive Kreativität: „Vier auf Papier“ im Kunstbonbon
Unter dem Titel „Vier auf Papier“ präsentiert die Galerie „Das Kunstbonbon“ ab dem 10. Januar 2026 ein Gemeinschaftsprojekt der Künstler:innen Wibke Brandes, Nieneke Elsjan, Hans Heeg und Angela Kommoß.Die Ausstellung, die ursprünglich an anderer Stätte geplant war, fand aufgrund organisatorischer Änderungen kurzfristig ihren Weg in die Räumlichkeiten an der Chemnitzer Straße.
Im Zentrum der Schau steht der dialogische Prozess des Zeichnens. Das Quartett experimentiert mit verschiedenen Formen der Zusammenarbeit: Mal arbeiten alle zeitgleich an einer Szene, mal wird ein gemeinsamer Begriff individuell interpretiert. In anderen Werken wurde das Blatt nach dem Prinzip des „Cadavre Exquis“ weitergereicht, wobei jeder Künstler auf vorhandene Strukturen oder Zufallsformen reagierte. So entstanden durch den Wechsel der Techniken und Handschriften vielschichtige, fantasievolle Bildwelten.
Plakat zur Ausstellung „Vier auf Papier“ im Kunstbonbon.
Ergänzend zu den Gemeinschaftswerken werden individuelle Arbeiten der Beteiligten gezeigt. Wibke Brandes und Angela Kommoß sind dem Galeriepublikum bereits durch vergangene Einzelausstellungen bekannt. Hans Heeg zeigt Arbeiten aus den Bereichen Drucktechnik, Zeichnung und Malerei. Erstmals im Kunstbonbon vertreten ist die niederländische Grafikdesignerin Nieneke Elsjan, die neben kleinformatigen Illustrationen auch Keramikarbeiten präsentiert. Die Ausstellung lädt dazu ein, das Zusammenspiel der unterschiedlichen Stile im kollektiven Schaffensprozess zu entdecken.
Vier auf Papier – GemeinschaftsprojektVernissage: 10.01.2026, 15:00 Uhr Laufzeit: 10.01. bis 07.02.2026 Ort: Das Kunstbonbon, Chemnitzer Straße 11
Transmission in Dortmund: Wenn der digitale Zwilling beerdigt wird
Vom 13. bis 16. November 2025 verwandelte das NEXT LEVEL Festival die Stadt in ein Labor der digitalen Gegenwart. Ein Streifzug zwischen KI-Fegefeuer, Retro-Charme und der Frage: Darf man eigentlich etwas beerdigen, das nie gelebt hat?
Unter dem Leitthema „TRANSmission“ wurde Dortmund an diesem Wochenende zu weit mehr als nur einem Austragungsort: Die Stadt präsentierte sich als lebendiger Treffpunkt einer digitalen Kultur, die längst den Kinderschuhen der reinen Unterhaltung entwachsen ist. Das Festival positionierte Computerspiele und digitale Künste selbstbewusst als kreative Ausdrucksformen und als Motor technologischer wie kultureller Innovation.
Der Begriff „TRANSmission“ diente dabei als intellektuelle Klammer für das, was Besucher vor Ort erleben konnten: Prozesse der Übersetzung, Weitergabe und Umwandlung. Wie verändern sich Wahrnehmung und Gemeinschaft im digitalen Raum? Und wie werden Spiele zur Schnittstelle zwischen dem physischen Körper und dem digitalen Avatar? Das Programm gab darauf keine theoretischen Antworten, sondern forderte zum Mitdenken und – ganz im Sinne des Mediums – zum Mitmachen auf.
Ein Parcours der Neugier: Die Ausstellungen
Wie vielschichtig diese „kulturelle Praxis“ Gaming sein kann, zeigte sich besonders eindrücklich beim Besuch der Ausstellungsorte. Im Projektspeicher etwa lockte die Ausstellung „No end to the road“. Hier trafen Besucher auf spannende Arbeiten von Künstlern wie Lukas Schäfer, Rhys Connolly oder Mayuko Kudo. Die Atmosphäre wechselte spielerisch zwischen Interaktion, wohligem Retro-Charme und Klangkunst – ein gelungener Einstieg in die Materie.
Doch wer tiefer graben wollte, fand im Künstlerhaus Dortmund ein noch dichteres Feld vor. Hier entfaltete sich zwischen VR-Erfahrungen, Videoinstallationen und interaktiven Interfaces ein Raum, der spielerische Neugier nahtlos mit gesellschaftlichen Fragen verknüpfte. Es war ein Ort, an dem die Grenzen zwischen Kunst und Spiel, zwischen bloßem Beobachten und aktiver Teilnahme verschwammen.
Ein Blick hinein in den großen Raum des Künstlerhauses Dortmund während NEXT LEVEL.
Man konnte durch Mélanie Courtinats entschleunigte „Dreamscapes“ wandern und sich auf eine Rettungsmission begeben, die den gewohnten Blickwinkel plötzlich umkehrte. Oder man erspielte sich durch eine Kristallkugel die Zukunft und strich durch einen „Quanten Jungle“. Es wurde deutlich: Hier werden neue Formen des Erzählens sichtbar.
Vom KI-Schatten zum digitalen Begräbnis
Dass das NEXT LEVEL Festival auch performativ neue Wege geht, bewiesen zwei herausragende Darbietungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide den Nerv der Zeit trafen.
In „Waluigis Fegefeuer“ des Künstlerduos dmstfctn fand sich das Publikum in einer interaktiven Simulation wieder. Die Protagonistin: Eine KI, gefangen in einem eigens für künstliche Intelligenzen geschaffenen Fegefeuer, weil sie beim Training „geschummelt“ hatte. Begleitet vom atmosphärischen Soundtrack der Musikerin Evita Manji, der zwischen schwebenden Loops und intensiven Ausbrüchen oszillierte, steuerten die Zuschauer den Weg der KI per Smartphone. Tausende individuelle Lichtpunkte bewegten sich durch die 3D-Simulation – eine kollektive Entscheidungsgewalt über eine Figur, die, inspiriert von C.G. Jungs Konzept des „Schattens“ und dem Internet-Phänomen des „Waluigi-Effekts“, ihr chaotisches Alter Ego offenbarte. Es war ein faszinierendes Spiel mit der Idee, dass unsere hilfreichen digitalen Assistenten vielleicht doch ein unheimliches Eigenleben führen.
Ganz anders, aber nicht weniger eindringlich, präsentierte sich die audiovisuelle Performance „3-LA Burial Ritual“ von allapopp. Hier wurde das Festival-Thema der „Transformation“ radikal zu Ende gedacht: Was passiert, wenn der transhumanistische Traum von der Unsterblichkeit zum Albtraum wird? Allapopp inszenierte das Begräbnis des eigenen digitalen Zwillings, „3-LA“. Die Performance warf Fragen auf, die noch lange nachhallten: Wie verabschiedet man etwas, das nie biologisch lebendig war? Welche Moral gilt beim „Unlebendig-Machen“ einer digitalen Entität? In einer Zeit, in der Arthur C. Clarkes Gesetz – „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden“ – immer spürbarer wird, wirkte dieses Ritual wie ein notwendiger Exorzismus unserer digitalen Obsessionen.
Fazit
Das NEXT LEVEL Festival hat es geschafft, internationale Positionen mit der lokalen Szene zu verweben und so einen Rahmen für Dialoge zu schaffen, die dringend geführt werden müssen. Es hat gezeigt, dass Games mehr sind als Zeitvertreib: Sie sind ein Werkzeug, um die Übergänge unserer Zeit nicht nur zu beschreiben, sondern sie greifbar und gestaltbar zu machen.
FarbenLeben – Art by Christos
Zeitgenössische Solo-Ausstellung im Theater Fletch Bizzel, Dortmund (09.11.–22.12.2025)
Im Dortmunder Theater Fletch Bizzel zeigt der Künstler Christos unter dem Titel „FarbenLeben“ eine Reihe abstrakter Arbeiten, die sich durch intensive Farbigkeit, rhythmische Strukturen und eine besondere Leuchtkraft auszeichnen. Viele der Werke entstanden mit Seidenmalfarben auf Leinwand.
Die Ausstellung wurde am 9. November von der Kabarettistin und Autorin Lioba Albus eröffnet. Dabei kam natürlich ihr Alter Ego Mia Mittelkötter zu Wort. Die Ausstellung läuft bis zum 22. Dezember 2025 und ist montags und mittwochs von 10–14 Uhr sowie freitags von 15–18 Uhr geöffnet.
Christos’ Malerei bewegt sich zwischen Spontaneität und Struktur – gestische Linien und dynamische Formen scheinen miteinander zu tanzen, während Farbflächen in leuchtenden Rottönen, kühlem Blau oder lebendigem Grün miteinander kontrastieren. In einigen Kompositionen erinnert die Textur an organische Muster, in anderen an urbane Topografien oder musikalische Bewegungen.
Der Künstler Christos, Lioba Albus und die Leiterin des Fletch Bizzels Rada Radojcic.
Der Künstler versteht seine Werke als emotionale Räume, die nicht nur betrachtet, sondern gespürt werden wollen. Sein Ziel ist es, Bilder zu schaffen, „die Emotionen wecken, Erinnerungen anstoßen und Räume verwandeln“. Diese Absicht wird in der Hängung im Fletch Bizzel deutlich: Zwischen Bar-Licht, Sofa und Wänden aus rohem Putz entsteht ein spannendes Wechselspiel aus Farbe, Material und Atmosphäre.