Dortmunder Parks im Summersound-Feeling

Auch Slackline wird es dieses Jahr bei den Summersounds wieder geben. (Foto: © Wolfgang Strausdat)
Auch Slackline wird es dieses Jahr bei den Summersounds wieder geben. (Foto: © Wolfgang Strausdat)

Am Samstag (04. Juli) im Dortmunder Westpark starten die Summersounds DJ-Picknicks in ihre siebte Saison. Acht Wochen lang zieht die von der Stadt veranstaltete „Umsonst & Draußen“-Reihe immer samstags von 14 bis 22 Uhr mit einem  DJ-Aufgebot durch die Dortmunder Grün-Oasen. Mit über 100 Liegestühlen, einer mobilen Bar, diversen Food-Ständen und wechselnden Funsport-Specials bieten die Summersounds allerdings weit mehr als nur Musikprogramm.

Die Summersounds entstanden im Kulturhauptstadtjahr und sind mittlerweile ein fester Bestandteil der Dortmudner Kulturszene geworden. „Wir wollen ein kostenloses Angebot für junge Leute in den Ferien anbieten“, so Paul Baranowski vom Stadtgrün.

Mit einem Aufgebot an regionalen DJs und nationalen Acts wollen die Summersounds einen abwechslungsreichen Mix aus Hip Hop, Nu Jazz, Electronic Beats, Deep House, Reggae und Urban Beats bieten. Im Westpark bringen Ingo Sänger, Carsten Helmich (Juicy Beats) und Henry L Deep House und Electronic Beats auf die Plattenteller. Auf der Wiese an den Westfalenhallen (11.07.) sorgt Larse, der Resident DJ der 1LIVE-Sendung Klubbing, für den passenden Sound und das Gratisfilm Soundsystem gibt eines ihrer mittlerweile seltenen Sets aus Nu-Jazz, Funky-Grooves und All-Time Favourites zum Besten. Eine ordentliche Portion Old School Hip Hop garniert mit alten Soul,Funk und Disco-Tunes servieren Der Wolf, Funky Chris und die Soultrippin’ Crew auf der Tremoniawiese (18.07.). Das Picknick am Phoenix See (01.08.) mit Hans Nieswandt von 1Live steht ganz im Zeichen elektronischer Melodien und entspannter Beats. Dazu gesellen sich Der Radius und Mahan. Erstmals arbeiten die DJ-Picknicks auch mit dem Micro-Festival zusammen: am Stadewäldchen (08.08.) gibt es ein Special mit dem Funkhaus Europa DJ-Team bestehend aus Daferwa, Ida und DJ Vasy. Ein weiterer Act ist DJ Suro, der Band- und Tour-DJ der Hamburger Hip-Hop-Größe Dendemann, der zusammen mit Max Gyver und den Audio Rebelution Rockaz die Wiese an den Westfalenhallen bespielt (15.08.). Zum Finale im Fredenbaumpark (22.08.) wird dann das zehnjährige Bestehen des Ruhrpott-Plattenlabels Kittball Records gefeiert: Ante Perry, Juliet Sikora und P.A.C.O. servieren feinste Electronic Beats von House und Electro bis zu sommerlichen Balearic Sounds.

Das umfangreiche Rahmenprogramm wird erneut vom Jugendamt und weiteren Kooperationspartnern organisiert. So präsentiert Dortmunder Kronen diesmal zwei große Funsport-Aktionen: Bei einem Slackline-Workshop (04.07.) können Anfänger und Fortgeschrittene von Profis lernen, wie man am auf dem trendigen „Hoch“-Seil balanciert, zudem gibt es ein Turnier im schrägen Kopfballtischtennis „Headis“ (22.08.). Dabei wird unter vollem Körpereinsatz ein größerer Ball mit dem Kopf über die Tischtennisplatte gespielt. Dies kann bereits am 11.07. an den Westfalenhallen ausprobiert werden. Unter www.djpicknick.de und bei den Events kann man sich dann für das Turnier anmelden. Bei weiteren Stationen gibt es unter anderem eine Skateboard Rampe und Live-Grafitti, einen Riesenkicker und einen Jonglier-Workshop. Auch in der Frisbee-Sportart „Disc-Golf“ können sich die Gäste erproben. Zum Finale im Fredenbaumpark endet die Reihe mit einer Feuershow der Performance-Gruppe Femfire. Der wachsenden Nachfrage kommen die Veranstalter in diesem Jahr mit einem wechselnden Angebot an Snacks und Getränken von regionalen Anbietern nach: Neben Pommes und Currywurst von Benbergs Benys werden diesmal auch Burger (Pottburger), Frozen Yoghurt, Eis, Crépes und Kaffee-Spezialitäten angeboten. Als besonderer Höhepunkt sind die Summersounds gemeinsam mit der Plattform „Bring your own BEATS!“ mit einer Bühne für Nachwuchs-Hip-Hopper beim Juicy Beats Festival vertreten.

Veranstaltet werden die DJ-Picknicks von der Stadt Dortmund Stadtgrün in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und dem UPop e.V. (Verein für urbane Popkultur). Präsentator der Summersounds ist Kronen. Zudem unterstützen die Sparkasse Dortmund und DOGEWO21 die sommerlichen Events.

SUMMERSOUNDS 2015 – TERMINE

Sa. 04.07. | 14:00-22:00 Uhr | Eintritt frei | Westpark | Dortmund
SUMMERSOUNDS
DJ Picknick mit Ingo Sänger, Carsten Helmich und Henry L
Funsport-Special: Kronen Slackline Workshop

Sa. 11.07. | 14:00-22:00 Uhr | Eintritt frei | Westfalenhallen | Dortmund
SUMMERSOUNDS
DJ Picknick mit Larse und Gratisfilm Soundsystem
Funsport-Special: Headies (Kopfball-Tischtennis)

Sa. 18.07. | 14:00-22:00 Uhr | Eintritt frei | Tremoniawiese | Dortmund
SUMMERSOUNDS
DJ Picknick mit Der Wolf, Funky Chris und der Soultrippin’ Crew
Funsport-Special: Skateboard Rampe

SPECIAL: Sa. 25.07.
SUMMERSOUNDS @ JUICY BEATS FESTIVAL (Es fällt Festival Eintritt an)
Newcommer Stage beim Juicy Beats Festival

Sa. 01.08. | 14:00-22:00 Uhr | Eintritt frei | Phoenix See | Dortmund
SUMMERSOUNDS
DJ Picknick mit Hans Nieswandt, Der Radius, Mahan
Funsport-Special: Riesen-Kicker

Sa. 08.08. | 14:00-22:00 Uhr | Eintritt frei | Stadewäldchen (Am Südbad) | Dortmund
SUMMERSOUNDS MEETS GLOBAL PLAYER
DJ Picknick mit dem Funkhaus Europa DJ-Team: Daferwa, Ida und DJ VASY
Funsport-Special: Jonglier-Workshop

Sa. 15.08. | 14:00-22:00 Uhr | Eintritt frei | Wiese an den Westfalenhallen | Dortmund
SUMMERSOUNDS
DJ Picknick mit DJ Suro, Max Gyver und Audio Rebelution Rockaz
Funsport-Special: Disc-Golf (Frisbee Workshop)

Sa. 22.08. | 14:00-22:00 Uhr | Eintritt frei | Fredenbaumpark | Dortmund
Summersounds: 10 JAHRE KITTBALL SPECIAL
DJ Picknick mit Ante Perry, Juliet Sikora, P.A.C.O.
Finale-Special: Kronen Headis Cup & Femfire (Feuershow)

Website: www.djpicknick.de




Ausklang mit großen Gefühlen

Charles Castronovo und Maria Agresta begeisterten das Publikum an der Seebühne. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Charles Castronovo und Maria Agresta begeisterten das Publikum an der Seebühne. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Das Festival Klangvokal ging am 28. Juni 2015 mit der Italienischen Operngala im Westfalenpark zu Ende. Charles Castronovo und Maria Agresta sangen unter musikalischer Begleitung des WDR Funkorchesters Köln unter der Leitung von Alexander Joel. Moderiert wurde die Veranstaltung von Daniel Finkernagel.

Wenn es um große Gefühle und Oper geht, dann haben die Italiener des 19. Jahrhunderts klar die Nase vorn. Vor allem Verdi und Pucchini haben wundervolle Arien geschrieben, die die Menschen mitreißen oder vor Rührung zum Taschentuch greifen lassen.

Mit Verdis „Macbeth“ fing es an. Die Trauerklage Macduffs „O figli, o figli miei“ um seine toten Kinder und seine tote Frau lässt das Konzert dramatisch beginnen. Etwas freundlicher wirkte die Cavatine der Amelia „Come in quest’ora bruna“ aus Verdis „Simone Boccanegra“.

Agresta konnte ihren dramatischen Sopran bei Verdis „La traviata“ nach dem Roman „Die Kameliendame“ unter Beweis stellen. Vor allem ihr Gesang bei „E strano“ war bewegend.

Nicht so bekannt wie Puccini oder Verdi ist Ruggero Leoncavallo. Aber die Arie der Nedda „Qual fiamma avea nel guardo“ wurde wiederum meisterhaft dargebracht von Maria Agresta. Danach wurde es wieder dramatisch. „La Bohème“ von Puccini stand auf dem Programm. Die tragische Geschichte um Dichter Rodolfo und die Blumenstickerin Mimì gehört zu seinen Meisterwerken. Zu hören waren „D’onde lieta usci“ aus dem 3. Bild und die Geschichte des Kennenlernens der beiden Protogonisten: „Che gelida manina“, „Mi chiamano Mimì“ und „O soave fanciulla“.

Selbstredend gaben Castronovo und Agresta noch Zugaben, wobei Castronovo ein sizilianisches Volkslied sang und sich dabei gekonnt mit der Gitarre begleitete.

Ein furioses Feuerwerk beendete den gelungenen Abend.




Einblicke in Urängste

Gruppenbild mit Stoffente: Elisabeth Pleß, Paul Hess, und Rolf Dennemann. (Foto: © artscenico)
Gruppenbild mit Stoffente: Elisabeth Pleß, Paul Hess, und Rolf Dennemann. (Foto: © artscenico)

Mit dem Stück „Missing Links“ von „artscenico“ zeigte das Theater im Depot kurz vor der Sommerpause ein tiefschwarzen Blick in die menschliche Seele. Elisabeth Pleß, Rolf Dennemann und Tänzer Paul Hess zeigten am 26. und 27. Juni 2015 einen Parforceritt durch weitgehende dunkle Seelenzustände und Ängste.

Es war wohl die eindrucksvollste Szene des Stückes: Pleß klammert sich an Hess und wirkt somit wie ein Alp, den der arme Tänzer mit sich herumschleppen muss. Doch auch andere Szenen hatten viel Kraft, was vor allem an der exzellenten Leitung von Hess lag. Die tänzerischen Bilder, die er entwarf, waren eindringlich und berührend. In einigen Momenten wurde sein Rücken sogar zur Projektionsfläche von kurzen Videoeinspielungen.

Dennemann, der Kopf hinter „artscenico“, arbeitete sich durch die Urängste der Menschheit. Die Angst vor dem „Schwarzen Mann“ oder dem „Butzemann“, die vor allem Kinder plagt, wird aufgegriffen. Neben ziemlich grausamen Grimmschen Märchen wie „Das eigensinnige Kind“ oder „Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben“ steht auch beispielsweise Edgar Allen Poes berühmtestes Gedicht „Der Rabe“ oder Kafkas „Verwandlung“ Mittelpunkt des Stückes.

Die Bühne war karg, bis auf den Lichtkreis, der sich nach bedarf hob und senkte. Musik, unter anderem Mozarts Requiem, unterstützte das Stück. Das Ende von „Missing Links“ war wie der Anfang. Am Ende „stirbt“ der Tänzer durch mehrere Schüsse. Ein neuer Kreislauf beginnt.

Modernes Tanztheater trifft auf Schauspiel trifft auf Musik und Video. Auch wenn man die Rollen von Pleß und Dennemann nicht unterbewerten sollte, aber die tänzerische Leistung von Paul Hess stach einfach heraus. Das Stück ist sicher nicht jedermanns/-fraus Sache, aber wer modernen Tanz liebt und einen Einblick in menschliche Ängste bekommen möchte, sollte auf jeden Fall nach den „Missing Links“ Ausschau halten.




Traumhafte Melancholie

Das Ensemble "Concerto Italiano" spielte ind er Bonifatiuskirche Madrigale von Monteverdi und Zeitgenossen. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Das Ensemble „Concerto Italiano“ spielte ind er Bonifatiuskirche Madrigale von Monteverdi und Zeitgenossen. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Am 26. Juni 2015 war das Ensemble „Concerto Italiano“ unter der Leitung von Rinaldo Alessandrini im Rahmen des Festivals Klangvokal zu Gast in der Bonifatiuskirche. Sie spielten hauptsächlich Madrigale nach Texten von Battista Guarinis „Il pastor fido“ von Monteverdi und Zeitgenossen.

Neben der Liebe hat wohl kein Gefühl die Künstler so stimuliert wie die Melancholie. In England hat es beispielsweise der Barockkomponist John Dowland zur Perfektion gebracht, aber auch in anderen Ländern hat dieses Gefühl unendlich viel Literatur und Musik hervorgebracht. Im Mittelpunkt von „Il pastor fido“, der treue Hirte, steht eine Unterform der Melancholie: die des unglücklich Verliebtseins.

Die Tragikomödie „Il pastor fido“ von Guarini wurde Ende des 16. Jahrhunderts veröffentlicht und inspirierte viele Komponisten Madrigale zu komponieren. Neben Monteverdi auch Zeitgenossen wie Luca Marenzio, Marsillo Casentini, Sigismondo d’India, Antonio Cifra, Benedetto Pallavicino oder Giaches de Wert. Alle Komponisten fanden einen unterschiedlichen Zugang zu den Texten. Daher wurde es den Zuhörern in der vollen Bonifatiuskirche auch nicht langweilig, das gleiche Madrigal siebenmal zu hören. So war die Version von de Wert beispielsweise schneller, prononcierter als seine Kollegen.

Sie sechs Sängerinnen und Sänger zeigten eine hervorragende Leistung. Vor allem der Bass Marco Bellotto und der Countertenor Andrea Arrivabene, der den Alt-Part sang, überzeugten. Das Lob kann man getrost auch den Musikern übertragen. Vor allem die beiden Theorbe-Spielern Craig Marchetelli und Ugo di Giovanni, die ungewohnter Weise mit dem Rücken zum Publikum saßen, sorgten mit ihrem Basso continuo für einen vollen Klang.

Erneut zeigte das Festival Klangvokal, dass ihr die Pflege der Alten Musik am Herzen liegt. Vokalmusik aus der Renaissance und dem Barock versetzen die Zuhörer dank erstklassiger Interpreten mehrere Jahrhunderte in die Zeit zurück. Die Kirchen boten eine ideale Spielstätte, wobei glücklicherweise auch der weltlichen Vokalmusik gehuldigt werden konnte.




Erst geht Klopp, dann geht Wallfisch

Mit einem zweitägigen Festival am 25 und 26. Juni 2015 verabschiedete der ehemalige musikalische Leiter des Schauspielhauses, Paul Wallfisch, nach sechs Jahren aus Dortmund. Das „Big Small Beast“ zeigte nicht nur die Arbeiten, die Wallfisch für das Schauspielhaus geschrieben hatte, sondern Wallfisch lud auch in bekannter Manier Gäste ein. Am Donnerstag war Giant Sand der Stargast, während am Freitag Lydia Lunch der Hauptact war.

Pünktlichkeit und Small Beast. Zwei Dinge die nicht zusammen passen. Fingen die kleinen Konzerte statt um 22 Uhr gerne mal eine halbe Stunde später an, sollte sich diese schöne Tradition bei den „Big Small Beasts“ auch nicht ändern.

Der Donnerstag begann mit einer Retrospektive der Arbeiten von Paul Wallfisch für die unterschiedlichsten Theaterstücke. Von „Woyzeck“ über „Meister und Margarita“, „Republik der Wölfe“ bis hin zu „Drama Queens“ spielten und sangen seine musikalischen Weggefährten sowie das Dortmunder Ensemble Lieder, die regelmäßige Theatergänger sofort wiedererkannten. Hier zeichneten sich vor allem Bettina Lieder und Eva Verena Müller durch ihren Gesang aus. Zum Abschluss erhielt Wallfisch als Erinnerung ein Stück original Dortmunder Theaterboden sowie den weißen Mantel, den er bei der Produktion von „Woyzeck“ getragen hatte. Der Weggang von Wallfisch ist ein Verlust für Dortmund, konstatierte Schauspielleiter Kay Voges. „Erst geht Klopp, dann Wallfisch.“

Danach spielte John Parish mit Band. Er präsentierte das Beste aus seiner Filmmusik der letzten Jahrzehnte wie „Nowhere Man“, „Plein Sud“ oder „Rosie“. Vor allem mit der belgischen Regisseurin Patrice Toye scheint Parish eine künstlerische Verbindung zu haben. Auch wenn auf einer Leinwand Szenen aus den Filmen eingeblendet wurde, seine Songs oder Songstrukturen zauberten eine ähnliche Atmosphäre wie in den Filmen.

Der Freitag begann mit einem kurzen Konzert von „Solmn Diver“, dem Bühnenname von Wallfischs Sohn. Er entwickelte sich in die Singer/Songwriter-Richtung und erinnerte ein wenig an die ersten Alben von „The tallest man on earth“.Es bleibt abzuwarten, ob er sich in der ersten Liga der „Klampfenmänner und -frauen“ etablieren kann.

Danach kam ein alter Bekannter auf die Bühne. Thomas Truax, der auch schon für die Theaterproduktion „Peer Gynt“ die Musik gemacht hatte, begleitet durch den „Hornicator“ und „Mother Superior“. Truax ist einer der wenigen Musiker, die zwar alleine spielen, aber Dank ihrer Instrumente klingen, als wäre ein komplette Band auf der Bühne.

Danach war es wieder Zeit für Paul Wallfisch und seine Band Botanica. Paul Wallfisch an der Orgel, John Andrew an der Gitarre, Budgie am Schlagzeug und Christian Bongers am Bass, begleitet von Anne DeWolff an der Violine legten sich von der ersten Sekunde an so ins Zeug, dass man das Gefühl hatte, die Bühne des Schauspielhauses würde sofort danach geschreddert.

Zum Schluss betraten Lydia Lunch und ihre Band Retrovirus die Bühne des Schauspielhauses. Ihre energische „noise music“ ist laut, unangepasst, auch wenn ihr Gitarrist Weasel Walter sämtliche Rock-Gitarristen-Posen schon im ersten Song untergebracht hatte.




Klarinette zu dritt

Im fünften Kammerkonzert am 22. Juni 2015 im Orchesterzentrum lud Cellist Florian Sebald zwei Mitmusiker ein: Die Pianistin Barno Akhmedjanova sowie den Klarinettisten Ralf Ludwig. Die Werke von Beethoven (Trio op. 11), Paul Juon (Trio Miniatures op. 18) und das Klarinettentrio a-Moll von Brahms stellten das Holzblasinstrument in den Mittelpunkt.

Klassik zu Beginn: Das „Gassenhauer-Trio“ heißt so, weil Beethoven im dritten Satz ein Motiv aus dem Terzett „Pria ch’io l’impegno“, aus der Oper „L’amor marinaro“ des Komponisten Joseph Weigl, das zu Beethovens Zeit ein Schlager war. Wie es im Leben so spielt, Beethoven ist weltbekannt, Weigl und sein Werk eher weniger. Dennoch bleibt das Stück ein schönes Werk von Beethoven, das von den drei Musikern virtuos wiedergegeben wurde.

Beim Namen Paul Juon wird man schwer darauf kommen, dass dieser Schweizer Komponist überwiegend in Deutschland arbeitete und russischer Abstammung ist. Doch die russsichen oder osteuropäischen Einflüsse waren in seinen „Trio Miniatures“ besonders im dritten und vierten Satz deutlich herauszuhören.

Brahms Klarinettentrio in a-Moll gehört zu seinen Spätwerken. Der Komponist, der eigentlich mit 57 Jahren nicht mehr komponieren wollte, schuf in den letzten Jahren seines Lebens überwiegend Kammermusik wie das Klarinettentrio. Ein kleines wunderbares Stück, in dem alle Instrumente zu ihrem Recht kommen.

Insgesamt war es ein feiner Kammermusikabend.




Zickenkrieg im Dschungel

Eine außergewöhnliche Spielbar präsentierten uns Bettina Lieder und Julia Schubert am 19. Juni 2015 im Institut. Die szenische Lesung des Stückes von Wolfram Lotz „In Ewigkeit Ameisen“ wurde gekrönt durch einen amüsanten Zickenkrieg der beiden Schauspielerinnen. Ein Erlebnis!

Zur Geschichte des Stückes „In Ewigkeit Ameisen“: Der Atomkrieg hat begonnen, die Menschheit hat nur noch einen Tag, aber das wichtigste für den Ameisenforscher Professor Schneling-Göbelitz ist es, die blaue Ameise zu entdecken, um unsterblich zu werden. Begleitet wird er von seinem Assistenten Müller.

Lieder und Schubert spielen nicht nur die beiden tragikomischen Figuren mit besonderer Leidenschaft, sondern mischen in den Text auch kleine Kämpfe zwischen Schauspielern, die vermutlich auf jeder Bühne der Welt stattfinden. Die erfolgreichere Schauspielerin, die die Hauptrolle spielt, versucht sofort klarzustellen, wer Herrin auf der Bühne ist. Entweder ist die Nebenfigur nicht naturalistisch genug gespielt oder eben zu naturalistisch, ganz nach Belieben. Ein wenig denkt man an die Wutausbrüche eines Klaus Kinski.

Die beiden Figuren Müller und Schneling-Göbelitz sind in ihrer Absurdität wunderbar gezeichnet. Müller, der bis zur Selbstaufgabe und darüber hinaus seinem Professor zu Diensten ist und Schneling-Göbelitz, ein Forscher „alten Schlages“, der für die Eingeborenen nur Verachtung übrig hat, ist ganz in seinem Wahn verfallen, als Entdecker unsterblich zu werden. Auch wenn die Menschheit kurz danach aussterben wird.

Mehrere kleine Auftritte haben per Video die beliebten Figuren Purl und Lum aus Becketts Stück „Endspiel“. Sie kommentieren als Radioreporter den Weltuntergang. Sehr gut gelungen war auch der absurde Gag mit der Telefonzelle im Dschungel mit einem Riesenhörer. Selbstredend hatte Müller dank Schneling-Göbelitz kein Kleingeld mehr, um seine Frau zu Hause anzurufen.

„In Ewigkeit Ameisen“, der Titel bezieht sich sicher nicht zufällig auf das Ende des Vaterunsers „In Ewigkeit Amen“, wurde dank Lieder und Schubert zu einem unterhaltsamen Trip in die Abgründe menschlichen Daseins.




Kaleidoskop des menschlichen Lebens

Bereit für die fehlenden Verbindungen: (v.l.n.r.) Elisabeth Pleß, Rolf Dennemann und Paul Hess. (Foto: © artscenico)
Bereit für die fehlenden Verbindungen: (v.l.n.r.) Elisabeth Pleß, Rolf Dennemann und Paul Hess. (Foto: © artscenico)

Die letzte Premiere in der laufenden Spielzeit im Theater im Depot trägt den Titel „Missing links“ und ist ein Tanztheater von artscenico. Rolf Dennemann als Kopf der Produktion steht mit der Schauspielerin Elisabeth Pleß auf der Bühne, während Paul Hess den tänzerischen Teil übernimmt. Die Uraufführung ist am Freitag, den 26. Juni um 20 Uhr, eine weitere Vorstellung findet am 27. Juni 2015 ebenfalls um 20 Uhr statt. Im August gibt es weitere Termine.

„Urängste, Naturgewalten und Kindheitserinnerungen. Was macht das mit den Menschen“, fragte sich Rolf Dennemann und stieg hinab in unser aller Seelenleben, das geprägt ist durch Geschichten, Märchen und Anekdoten, die auch mal ins Grausame abgleiten können.

Um ein passendes Setting für diese Art von Geschichtenerzählung zu schaffen, wird ein Lichtkreis im Zentrum der Bühne stehen. Wie in einem Kaleidoskop werden die Geschichten von Kafka, Poe und weiteren Autoren in Ausschnitten angeleuchtet. „Die Geschichten werden aber nicht aus erzählt“, so Dennemann.

Den tänzerischen Part übernimmt der Essener Tänzer Paul Hess, der bereits in früheren Produktionen von artscenico zu sehen war wie beispielsweise „Feedback“. Denn der Körper kann bestimmte Dinge ausdrücken, die der Sprache fremd bleiben. Auch wenn sich die beiden Schauspieler bewegen werden, gestaltet Hess die tänzerischen Bilder. Dabei will er sich einer Tanzsprache bedienen, die ein reduziertes Bildmaterial benutzt und natürliche Bewegungen fördert. „Es werden Bilder entstehen, die Spaß machen können, aber auch erschrecken“, ist sich Hess sicher.




Temperamentvolle spanische Barockmusik in der Marienkirche

Al Ayre Español mit Sängerin Raquel Andueza. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Al Ayre Español mit Sängerin Raquel Andueza. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Spanische Barockmusik fristet hierzulande noch ein stiefmütterliches Dasein. Ja, die Italiener, Franzosen, Deutschen oder Engländer – einige Barockkomponisten aus diesen Ländern fallen einem sofort ein, aber Spanien? Doch auch Spanien hatte seine Barockmusik und -komponisten. Einen, mit dem Namen José de Torres (1670-1738) hat Dirigent und Cembalist Eduardo López Banzo wiederentdeckt und mit seinem Ensemble „Al Ayre Español“ aufgeführt. Zu hören waren sie am Konzert am 21. Juni 2015 in der Marienkirche im Rahmen des Festivals Klangvokal.

Spanische Barockmusik war ein Exportschlager. Zumindest in den spanischen Kolonien Mittel- und Südamerikas wurde die Musik aufgeführt. Glücklicherweise, denn bei einem Brand des Königlichen Archivs in Madrid ist auch das gedruckte Werk von de Torres den Flammen zum Opfer gefallen, aber in Guatemala-Stadt wieder entdeckt worden. Daher konnte Banzo mit seinem Ensemble und der Sopranistin Raquel Andueza einige Werke des spanischen Komponisten zu Gehör bringen.

Spanische Barockmusik bringt viel Temperament mit, ist volkstümlich und hat viel Leidenschaft. Dafür war Andueza die richtige Sängerin. Sie stand nicht stocksteif da und sang, sondern ihre Mimik und ihre Körperbewegungen lebten die Musik mit. Doch neben der Vokalmusik überzeugten die Musiker auch bei den Instrumentalstücken wie dem „Pasacallas“ eines unbekannten Komponisten, der „Sonata da Chiesa Nr. 12“ von Arcangelo Corelli, in der vor allem die beiden Violinen ihr Können zeigten, und der „Sonata Nr. 5“ von Georg Friedrich Händel.

Besonders berührend war das „Ay que favor. Cantata a Nuestra Señora“ von de Torres. Der Bittgesang für Maria wurde nur von Banzo am Cembalo begleitet und bot Andueza die Möglichkeit ihre Stimme dem zarten Spiel des Instrumentes anzupassen.

Erst nach zwei Zugaben durften die Musiker die Bühne verlassen. Das Konzert bot eine exzellente Möglichkeit, eine bisher vernachlässigte Erscheinungsform der Barockmusik kennenzulernen. Es bleibt zu hoffen, dass die kleine Renaissance(!) der spanischen Barockmusik durch „Al Ayre Español“ und anderen Musikern weiter anhält. Es gibt hier noch viel zu entdecken.




Multiple Marilyn

Marilyn Monroe – unnahbare Sexgöttin oder Frau mit unterschiedlichen Facetten? Das Stück „Displace Marilyn Monroe“ dargeboten von sieben Darstellern und drei Musikern präsentierte am 17. Juni 2015 im Studio des Schauspielhauses ein inklusives Stück über Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Jeder hat ein Bild von Marilyn Monroe in seinem Kopf: Blond, weiblich, gut aussehend. Eben ein Sexsymbol. Was passiert, wenn auch Brünette und sogar bärtige Männer (nicht Conchita Wurst) von sich behaupten, sie seien Marilyn Monroe? Gelächter? Ein wenig, doch es geht in dem Stück auch nicht darum, einen Marilyn Monroe-Lookalike-Wettbewerb zu veranstalten, sondern um die verschiedenen Facetten der Kultfigur zu beleuchten. Spannend war auch die Frage: Wie weit würde man gehen, um persönlichen Erfolg zu haben? Kleinere Schönheitsoperationen für eine Rolle?

Dabei wurden Stationen ihres Lebens von den sieben Darstellern, von denen manche eine Beeinträchtigung besaßen, szenisch dargestellt. So wurde die berühmte Szene mit dem weißen Kleid, das durch den Wind hochwallte, nachgespielt. Daneben wurden auch die bekannten Songs der Monroe wie „Diamonds are a girl’s best friend“ zum Besten gegeben. Das Geburtstagslied „Happy birthday, Mr. President“wurde von allen Beteiligten gesungen.

Die Musiker und Darsteller schafften mit „Displace Marilyn Monroe“ einerseits eine würdige Hommage an die Schauspielerin, andererseits auch eine nachdenkliche Reflexion darüber, wie wir uns selbst und andere Menschen wahrnehmen. Wahrscheinlich sind wir alle ein Stück Marilyn Monroe.