Pazuzu was here

Tja, wo ist das Buch "Exorzismus für Dummies" wenn man es mal braucht? (v.l.n.r.) Björn Gabriel, Sarah Sandeh und Ekkehard Freye. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Tja, wo ist das Buch „Exorzismus für Dummies“ wenn man es mal braucht? (v.l.n.r.) Björn Gabriel, Sarah Sandeh und Ekkehard Freye. (Foto: © Birgit Hupfeld)

„Besessen“ ist eindeutig zweideutig. In dem Stück von Jörg Buttgereit geht es nicht nur um den Film „Der Exorzist“, sondern auch um die Besessenheit nach allem, was mit Horrorfilmen zu tun hat. So ist Hauptperson Gerd Friedekind wahrscheinlich nicht nur eine Anspielung an den Exorzist-Regisseur William Friedkin, sondern ist auch sicherlich autobiografisch gefärbt. Ein Premierenbericht.

Ob wohl so die erste eigene Bude von Jörg Buttgereit aussah? Kaum Möbel, aber dafür einen großen Schrank mit Videokassetten von allerlei Horrorfilmen samt Kuriositäten und Relikten wie Kurzfassungen auf Super8 oder seltene Filmplakate. Eben, was so ein Horrorfilm-Nerd so braucht. Natürlich auch einen Kühlschrank mit Bier und einen Freund, der das Abendessen (Pizza, was sonst!) mitbringt. Den Horrorfilm-Freak Gerd Friedekind spielt Ekkehard Freye mit ungewohnter Langhaarperücke, seinen Freund Marian Karras Björn Gabriel. Fans vom „Exorzisten“ haben es sicher erkannt: Marian Karras ist die Verknüpfung von Lankaster Merrin und Damian Karras, die beiden Priester, die den Exorzismus durchführen.

„Besessen“ ist nicht nur eine Hommage an den „Exorzist“, sondern im Laufe des Stückes tauchen weitere Anspielungen an Horrorfilme auf wie „Rosemarys Baby“, „Wiege des Bösen“, „Angel Heart“ oder Cronenbergs „Videodrome“. Aber echte Fans werden sicher noch viele weitere Anspielungen gefunden haben.

Das ist auch der Knackpzunkt an Buttgereits Stück. Stellten seine vorherigen Produktion wie „Kannibale und Liebe“ oder „Elefantenmensch“ das sogenannte Monster in den Mittelpunkt oder sind eine Hommage an Horrorfilmtraditionen wie bei „Nosferatu lebt“, feiert in „Besessen“ die Horrofilmkultur sich selbst. Wer kaum oder kein Interesse an Horrorfilmen hat, wird eher irritiert sein.

Doch für Freunde des Genres ist „Besessen“ ein Riesenspaß. Das liegt neben Gabriel und Freye auch an den Gast Sarah Sandeh als „Linda“ und natürlich an Uwe Rohbeck. Kein Buttgereit in Dortmund ohne Rohbeck und „Besessen“ macht keine Ausnahme. Rohbeck spielt das „Böse“ wie Robert De Niro „Louis Cyphre“ in „Angel Heart“. Auch die berühmte „Ei-Pell-Szene“ aus dem Film wird zitiert. Auch Sandeh gibt in ihrer Rolle der Besessenen (und weiterer Horrorfilmfiguren) alles.

Der Hauptteil der Handlung wirkt surreal: Plötzlich entsteigt aus dem Fernseher „Linda“ (ist das nicht eigentlich ein Markenzeichen von japanischen Horrorfilmen wie beispielsweise „The Grudge“?) und schon sind wir in einer Welt zwischen Realität und Fiktion. Im Laufe von Lindas Besessenheit mit dem Dämon Pazuzu vermengen sich „Der Exorzist“ mit „Rosemarys Baby“ und „Die Wiege des Bösen“. Es wird also auch etwas kunstblutig. Ein Höhepunkt ist auf alle Fälle der Auftritt von Uwe Rohbeck als „Das Böse“, der Heiner Müllers „Engel der Verzweiflung“ aus der Hamletmaschine rezitiert.

Klarer Fall: Wer Fan von Horrorfilmen ist, insbesondere die der 70er Jahre, sollte auf jeden Fall der Bude von Gerd Friedekind einen Besuch abstatten. Wer mit dem Horrorgenre überhaupt nichts anzufangen weiß und eventuell religiös empfindlich ist, sucht sich besser ein anderes Stück aus. Alle anderen erleben vier Schauspieler in Hochform.

Weitere Termine unter www.theaterdo.de.

 




Trauer, Dramatik, Hoffnung

Alle Beteiligten haben sich den Riesenapplaus redlich verdient. (Foto: © Müller-Girod)
Alle Beteiligten haben sich den Riesenapplaus redlich verdient. (Foto: © Müller-Girod)

Neben Beethovens Neunter und Gustav Mahlers Achter gehört die 2. Sinfonie des letztgenannten Komponisten sicherlich zu den Höhepunkten der Sinfoniekomposition mit Chor. Zusammen mit Lavinia Dames (Sporan) und Tanja Ariane Baumgartner (Mezzosopran) dem Tschechischen Philharmonischen Chor Brno sorgten die Dortmunder Philharmoniker mit ihrem Dirigenten Gabriel Feltz für einen Abend, der bis an seine Grenzen ging. Ein Bericht vom 21. Oktober 2015.

Zwei Solisten, ein Chor, ein volles Orchester (darunter zwei Harfen, zehn Hörner, neuen Musiker für das Schlagwerk): Mahler sparte in seiner zweiten Sinfonie nicht an Mensch und Material. An Gabriel Feltz lag es, alle Mitwirkenden aufeinander abzustimmen und wie ein Mischpult für einen ordentlichen Gesamtklang zu sorgen. Und das gelang ihm.

Mahlers Zweite ist dafür bekannt, dass sie in den „apokalyptischen Phasen“ im ersten und vor allem am Ende des fünften Satzes eine enorme Lautstärke erreichen kann, doch sie hat auch ihre leisen und zärtlichen Phasen. Die Stärke von Feltz und dem Dortmunder Philharmonikern ist, dass sie auch bei den piano-Stellen einen guten Klang erzeugen und so für einen Ausgleich sorgen.

Bei einer solchen Sinfonie muss das Orchester in seiner Gesamtheit an ihre Grenzen gehen. Von daher wäre es ungerecht, wenn man einzelne Musiker herausnehmen müsste, doch da die „Pauken und Trompeten“ eine besondere Rolle gespielt haben, sind den Blechbläsern und den Schlagzeugern ein besonderes Lob zu zollen.




Kunst als Energieform

Elisabeth Heil mit ihrem Automaten "XXL".
Elisabeth Heil mit ihrem Automaten „XXL“.

Fest – flüssig – gasförmig. Diese drei Aggregatzustände existieren. Doch dazwischen gibt es einen Schwebezustand, ein Schwanken zwischen Körper und Raum und der Punkt des Wechsels in einen anderen Zustand. Sechs Künstlerinnen und Künstler präsentieren fünf unterschiedliche Positionen in der Ausstellung „Aggregatzustand. Fest, flüssig, gasförmig. Kunst als Ladungsträger“ vom 24. Oktober bis 22. November 2015 im Künstlerhaus Dortmund. Kuratiert wird die Ausstellung von Laura Eschweiler und Maria Gerdwilker.

„Es ist keine thematische Ausstellung“, so Laura Eschweiler. „Es ist auch für kein bestimmtes Medium gedacht. Es finden sich hier Malerei, Skulptur und Performance.“

Becker Schmitz hat ein außergewöhnliches Objekt geschaffen. Denn es geht über zwei Räume. Denkt der Betrachter im ersten Raum noch, es ist nur ein „müder Sack“ zu sehen, ist im anderen Raum alles voller sperriger Module. Herrscht im einen Raum die Passivität, geht es im anderen Raum aktiv zu. Schmitz baut mit einfachen Mitteln dynamische Strukturen. (www.beckerschmitz.com)

Gleich zwei Arbeiten zeigt Elisabeth Heil. Ihr Automat „XXL“ soll eine Art Exoskelett des Besuchers dienen, der diese Maschine betritt. Denn er ist von allen Seiten zu sehen, wenn auch nur ein wenig. Der Besucher kann verschiedene Knöpfe bedienen und erhält eine Botschaft, die ein wenig an Glückskekszettelchen erinnert.

Zur Eröffnung am 23. Oktober um 20 Uhr fordert Heil die Besucher eine halbe Stunde lang zum Kräftemessen ein. Das Ergebnis wird nicht nur per Video aufgezeichnet, sondern die Leistung auch aufgeschrieben und evaluiert.

Idyllisch sieht die Arbeit von Fabian Nehm aus. Ein kleines Häuschen, ein Baum und Wege. Während der Ausstellungseröffnung soll auch noch etwas im Haus passieren. Alltäglich Dinge werden vom Künstler analysiert und nachgeahmt. (www.fabian-nehm.de)

Eine mehr dokumentarische Funktion nehmen die beiden Niederländer Onno Dirker und Christian van der Kooy. Ihr Film handelt vom Feuerwerk zur Eröffnung eines neuen Theaters in Den Haag. Das Tagesfeuerwerk zog etwa 500-600 Zuschauer an und kostete 25.000 €. Mit zehn Kameras haben sie die Vorbereitungen und das Feuerwerk genau analysiert. Daneben sind Überreste vom Feuerwerk in der Ausstellung zu sehen. Den beiden Künstlern wollen in ihrer Arbeit die Nutzung und Gestaltung des öffentlichen Raums untersuchen. (www.dirker.nl / www.christianvanderkooy.com)

Auf den ersten Blick scheinen die Bilder von Fee Kleiß florale Elemente zu zeigen, doch sieht man genauer hin, ist es eine fiktive Botanik, diese Pflanzen können hier nicht wachsen. Es sind Rohre mit verschnürten und verklammerten Blättern. Kleiß fragt sich: Wie könnten Pflanzen aussehen, die auf fremden Planeten wachsen. (www.feekleiss.de)

Die Öffnungszeiten des Künstlerhauses (Sunderweg 1) sind: Donnerstag bis Sonntag von 16 bis 19 Uhr. Am 22. November findet um 16 Uhr eine Kuratorenführung statt.




Steine bewegen

Horst Wegener zeigt einige seiner Arbeiten im Torhaus.
Horst Wegener zeigt einige seiner Arbeiten im Torhaus.

Die neue Ausstellung im Dortmunder Torhaus Rombergpark lautet „Rolling stones“. Sie hat aber nicht mit Musik zu tun, sondern es dreht sich alles um die Arbeiten von Horst Wegener. Seine Steinskulpturen spielen sehr oft das Thema „Bewegung“.

50 Kilo können sehr schwer sein. Vor allem, wenn man sie in den Ausstellungsraum des Torhaus Rombergpark hieven muss. Aber Horst Wegener arbeitet halt mit Stein. Und er bearbeitet sie künstlerisch. So entwickelt der schwere Stein eine Leichtigkeit und Beweglichkeit. Das ist vor allem in seinen Automodellen zu sehen. Sein „Meisterwerk“, wie Wegener seinen Porsche aus Carrara Marmor nennt, überzeugt durch die Schönheit der Form. Wegener zeigt aber auch die Kehrseite, in dem er einen Porsche mit Unfallschaden aus Marmor schafft. Das Auto scheint irgendwo vor einer Laterne gefahren zu sein, zerstörte Motorhaube und andere Beschädigungen sind herausgearbeitet.

Auch andere Modelle von Autos sind zu sehen wie ein VW-Käfer (mit abnehmbaren Dach), ein eine Isetta, ein Chevrolet und ein Trabbi. Letztgenanntes stand im Garten und trägt Spuren der Naturrückeroberung. Das macht die Arbeit aber noch spannender, ähnlich wie ein von Moos überwachsender Manta, den der Künstler auch noch entzwei gehauen hat. Es könnte auch der Grabstein eines vergessenen Manta-Liebhabers sein.

Währen die Modelle (es gibt noch ein Kofferradio oder ein Motorradfahrer zu sehen) eher aus dem Bauch heraus entstehen, gibt es noch die „Werke des Verstandes“. Hier löst sich der Künstler vom gegenständlichen und modellhaften und arbeitete stark abstrahiert. Im Zentrum der Ausstellung ist die Arbeit „Cubus“. Eeine Kugel ist in einem Kubus gefangen. Wie kommt die Kugel dort hinein? Ist es die Kugel des Glücks, die mal hierhin oder dorthin rollt? Oder muss das Runde eben ins Eckige?

Eine besondere Arbeit ist der „Global Buddha“. Der Buddha ist über den globalen Handelsweg zu uns gekommen. Er steckt noch in seiner Versandkiste und kann mittels Bindfaden und Rollen überall hingefahren werden.

Öffnungszeiten des Torhaus Rombergparks:

dienstags bis samstags 14 bis 18 Uhr

sonntags und feiertags 10 bis 18 Uhr.




Auf Tatortsuche in Dortmund

Su Turhan sucht seine Inspiration in der Nordstadt und in der Stadt- und Landesbibliothek.
Su Turhan sucht seine Inspiration in der Nordstadt und in der Stadt- und Landesbibliothek.

Die achte Anthologie der Krimireihe „Mord am Hellweg“ steht in den Startlöchern. 2016 soll es soweit sein. Unter dem Titel „Glaube.Liebe.Leichenschau“ sucht der in München wohnende Regisseur und Autor Su Turhan ein passendes Setting für seine Krimi-Kurzgeschichte.

Natürlich der Fußball. Woher ist Turhan die Stadt Dortmund bekannt, natürlich durch den heimischen BVB. Sein Weg durch die Stadt aus Recherchezwecken führte ihn durch die Nordstadt und zum Hauptfriedhof.

Die Nordstadt faszinierte den türkischstämmigen Autor. „Das türkische Leben ist in Dortmund offener als in München“, so Turhan begeistert. „Hier bekommt man alles mögliche an Essen.“ Auch die Kioskkultur vermisst er in München. Die Stadt hat Turhan offenbar so fasziniert, „dass ich mir vorstellen könnte, hier zu leben.“

Beim Besuch durch die Nordstadt hat sich Turhan wie ein offenes Gefäß von den Gerüchen und anderen Eindrücken füllen lassen. Dazu hat er eine Menge Fotos gemacht. Das alles wird in eine 12-seitige Kurzgeschichte komprimiert, bei der auf jeden Fall ein Mord passieren muss.

Was genau passiert, verrät Turhan natürlich noch nicht, aber „Humor werden sie bei mir wiederfinden.“ Auf keinen Fall wird sein „Kommissar Pascha“ den Fall übernehmen. „Die Ermittlerfigur ist noch unklar, es muss keine staatliche Institution sein“, so Turhan.

Insgesamt werden für die achte Krimianthologie von „Mord am Hellweg“ 23 Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Autoren haben kleine Orte wie Oelde oder andere Ruhrgebietsstädte wie Gelsenkirchen besucht. Turhan wollte nach Dortmund. „Ich bin ein Großstadtschreiber. Ich mag es schon sehr städtisch“, erklärte der Autor.

Die Anthologie ist ein wichtiger Teil des internationalen Krimifestivals, das vom 17. September bis zum 12. November 2016 stattfindet in den 23 teilnehmenden Städten der Hellweg-Region stattfinden wird.




50 Menschen verwandeln sich in ein Kunstwerk

Elmar Steinborn (Sparkasse Dortmund) und Rolf Dennemann (artscenico) freuen sich auf viele Besucher.
Elmar Steinborn (Sparkasse Dortmund) und Rolf Dennemann (artscenico) freuen sich auf viele Besucher.

Bereits in früheren Zeiten wurden bereits Menschen ausgestellt. Als „Freaks“ oder „Sonderlinge“. Vor hundert Jahren beispielsweise gab es „Negerdörfer“ im Fredenbaumpark, wo Ureinwohner der Deutschen Kolonien den gaffenden Zuschauern präsentiert wurde. In der Produktion von artscenico sind die Menschen aber keine Zoobewohner, sondern Teil eines Kunstwerkes, also Exponate. Zu sehen ist die Menschenausstellung am 31. Oktober um 20:30 Uhr und am 01. November um 18:00 Uhr in der Halle des Depots.

„Es ist leichter ein Museum zu eröffnen, als es am Laufen zu halten“, stellte Rolf Dennemann, der Kopf hinter artscenico fest. Denn wohin mit den Werken, wenn die Sammlung aus allen Nähten platzt? Dennemann präsentiert hier eine Lösungsmöglichkeit: Kunst mit lebendigen Menschen.

Was erwartet den Besucher an den beiden Tagen? Zunächst dürfen die Besucher nicht in den Innenraum, erst nach dem Aufmarsch der „Exponate“. Die Exponate stellen oder setzen sich in ihre Position und zu atmosphärischer Musik und passender Lichtstimmung dürfen die Besucher die Ausstellung betreten. Es ist keine Unterhaltung zwischen Besucher und Exponat gestattet. Die Exponate dürfen sich bewegen, denn „es ist kein Wachsfigurenkabinett“ (Dennemann), müssen aber in ihrem ausgewiesenen Bereich bleiben. Auf der Rückseite der Eintrittskarte sind Nummern angegeben. Wer eine Nummer ankreuzt, erhält ein Postkarten-Set „seines“ Exponates. Nach einer Stunde werden die Besucher wieder gebeten, in den Außenbereich zu gehen und die Exponate verlassen den Innenraum. Danach erst ist ein Gespräch zwischen Besucher und Exponate möglich.

Die 50 Menschen, die sich für diese Veranstaltung bereit erklärt haben, stammen überwiegend aus Dortmund, aber auch aus anderen Orten des Ruhrgebietes oder Köln. Mittels Aufrufe über Medien und Presse, aber auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda hatten die Organisatoren die erforderliche Zahl von 50 Teilnehmern bereits im Mai erreicht. Die Teilnehmer sind aber kein Querschnitt der Bevölkerung.

Interessant wird der Ausstellungsbesuch sein, denn dann wird nicht mehr zu unterscheiden sein, wer Besucher und wer Exponat ist. Denn die Exponate sollten sich so kleiden und so gebärden, wie sie es gewöhnlicherweise auch tun. „Doe maar gewoon“, würde der Niederländer sagen. Das sei schwierig. „Authentisch sein, das gibt es eigentlich gar nicht“, erklärt Dennemann.

Der Eintritt beträgt € 10,00/7,00 (ermäßigt).




Demontage einer Familie

Heile Welt oder Familienhölle?  Zu sehen sind die Schauspieler (v.l.n.r.) Frank Genser, Bettina Lieder, Janine Kreß, Friederike Tiefenbacher und  Merle Wasmuth. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Heile Welt oder Familienhölle? Zu sehen sind die Schauspieler (v.l.n.r.) Frank Genser, Bettina Lieder, Janine Kreß, Friederike Tiefenbacher und
Merle Wasmuth. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Mit „Eine Familie. August: Osage County“ von Tracy Letts in der Regie von Sascha Hawemann zeigt das Schauspiel Dortmund das Drama um das Zerbrechen einer akademisch-künstlerischen Mittelstandsfamilie. Die Premiere ist am 24. Oktober 2014 um 19:30 Uhr.

Zur Geschichte: Violet und ihr Mann Beverly leben im Nirgendwo der USA. Violet ist unheilbar krebskrank und tablettensüchtig, während Beverly alkoholabhängig ist. Zur Unterstützung engagiert Beverly die südosteuropäische Pflegekraft Johnna, die aber von Violet abgelehnt wird. Dann verschwindet Beverly.

In ihrer Not ruft Violet ihre Töchter Barbara, Ivy und Karen mit deren Familien zu sich, um die Lage zu besprechen. Die wird noch schlimmer, als sich herausstellt, dass Beverly tot ist und vermutlich Selbstmord begangen hat. Die Frage, wer kümmert sich um Mutter, lässt alte Wunden und Verletzungen wieder aufreißen und sorgt für Selbstzerfleischung zwischen den Generationen.

In „Eine Familie“geht es nicht nur um die Diskussion zwischen „Individualität“ und „Familie“, sondern auch um die unterschiedlichen Werte von Generationen. So wirft Violet, jemand aus der 68er Generation, ihren Töchtern „Egoismus“ und „Nihilismus“ vor, während die drei Töchter, die in den 80ern groß geworden sind, kontern, dass es schwer sei in dieser Zeit. „Es gehe nur noch um ein neoliberales Überleben. Der innerste Kern der Gesellschaft, die Familie, funktioniert nicht mehr“, konstatiert Regisseur Hawemann.

In dieser Geschichte gibt es keine Guten und Bösen, alle haben Dreck am Stecken. „Wo keine Liebe war, entsteht auch keine Solidarität“, meint Hawemann. Jeder teilt aus, auch die Krankheit von Violet, der Mundhöhlenkrebs, ist nicht ohne Bedeutung, denn sie ist auch ein „Giftmaul“ und kann austeilen. Sie lebt nach dem Motto „Solange man um sich schlagen kann, lebt man.“ Wer kurz vor dem Sterben ist, dem sind Konventionen egal und muss auf „politische Korrektheit“ kein Wert mehr legen.

Der bulgarische Musiker Alexander Xell Dafov spielt live auf dem Akkordeon und der Gitarre, die Musik geht Richtung Balkan und Rock ’n‘ Roll.

Um allen Charakteren genügend Raum zu geben und sie nicht nur als Stichwortgeber zu benutzen, braucht man Zeit. Daher dauert das Stück drei Stunden.

Für die Premiere gibt es noch Restkarten.




Dämonbesuch bei Horrorfilmfans

Was auf diesem Streigen wohl drauf ist? Marian Karras (Björn Gabriel) und Gerd Friedeking (Ekkehard Freye) wollen es herausfinden. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Was auf diesem Streigen wohl drauf ist? Marian Karras (Björn Gabriel) und Gerd Friedeking (Ekkehard Freye) wollen es herausfinden. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Wenn der Geist von Linda Blair sich auf der Bühne materialisiert, geht dem Horrorfan das Herz auf. Dies wünscht sich zumindest Regisseur Jörg Buttgereit. Er lädt die Zuschauer in das Wohnzimmer von Horrorfan Gerd Friedeking (gespielt von Ekkehard Freye) ein, der sich mit seinem Freund Marian Karras (Björn Gabriel) zu einem Videoabend verabredet hat. Im Laufe des Abends, der Videofilm gerät komplett in den Hintergrund, befinden sich die beiden Nerds in ihrem eigenen Horrorfilm. Können sie ihrem eigenen Drama Dank ihres Detailwissens, das sich sich durch den stundenlangen Konsum diverser Horrorfilme erworben haben, in letzter Minute entkommen?

Als 1973 „Der Exorzist“ in die Kinos kam verstörte der Kampf von Gut und Böse, ausgetragen im Körper eines 12-jährigen Mädchens die Zuschauer extrem. Ohnmachtsanfälle, Herzattacken, das Gefühl selbst von einem Dämon besessen zu sein waren häufig auftretenden Reaktionen. In den 80iger Jahren beginnt die VHS Kassette ihren Siegeszug und ermöglicht Kinokassenschlager ins eigene Wohnzimmer zu holen, inklusive Horror, Splatter und Suspense, auch jenseits der Altersfreigaben. Die Trashfilme der 70iger und 80iger Jahre entstanden nach Meinung von Buttgereit aus einer Mischung aus Naivität, wenigen Mitteln und Unfähigkeit der Beteiligten: „Sie wollten etwas ganz Großes erschaffen, sind aber oft grandios gescheitert.“ Diese Unperfektheit versucht er auch in „Besessen“ zu zelebrieren.

„Besessen“ ist mittlerweile die fünfte Produktion von Buttgereit am Schauspiel Dortmund. Nach „Sexmonster/Green Frankenstein“, „Kannibale und Liebe“, „Der Elefantenmensch“ und „Nosferatu“ geht es hier um die Mutter aller Exorzistenfilme.

Türme von VHS Kassetten, ein originaler Super-8-Film mit der ersten Verkaufskopie des „Exorzisten“ aus dem Jahr 1980, das Titelbild des Spiegel zum Thema von 1974 und ein Filmplakat der deutschen Erstaufführung verdichten die „Besessenheit“ des Filmnerds Friedekind. Auch wenn der „Exorzist“ von damals fast ohne Blut auskommt, ganz ohne Splatteranleihen geht es wohl auch nicht, ungefähr ein Eimer Kunstblut wird pro Aufführung Verwendung finden.

Die Premiere am Freitag, den 23. Oktober ist ausverkauft. Weitere Vorstellungen gibt es am 30.Oktober, am 11. und 22. November.

Für die letzte Vorstellung von „Nosferatu“ am 13.November gibt es noch Karten.




„Nussknacker“ im quietschbunten Farbrausch

Gärtner und Blumen tanzen in Claras surrealer Traumwelt. (Foto: © Bettina Stöß).
Gärtner und Blumen tanzen in Claras surrealer Traumwelt. (Foto: © Bettina Stöß).

Ein Traum in bonbonfarbener Kinderbuch-Optik. Die Inszenierung von Choreograph Benjamin Millepied und das Bühnenbild samt Kostüme von Paul Cox boten alles, was man für ein wunderschönes Weihnachtsballett braucht: Bunte Kostüme, tolle Tänzer und natürlich Tschaikowskys Musik, live gespielt von den Dortmunder Philharmoniker. Ein Premierenbericht vom 18. Oktober 2015.

Der „Nussknacker“ ist vor allem durch die Musik von Tschaikowsky bekannt, das Ballett ist hierzulande im Gegensatz zu „Schwanensee“ oder „Dornröschen“ eher unbekannt. Schade eigentlich, denn Choreograph Benjamin Millepied präsentiert ein buntes und aufgefrischtes Ballett für große und kleine Kinder mit viel Humor.

Die Geschichte, basierend auf dem gleichnamigen Märchen von E.T.A. Hoffmann, handelt vom Mädchen Clara, dass sich auf den Weihnachtsabend und die Geschenke freut. Verwandte kommen vorbei, darunter auch Drosselmeier (Arsen Azatayan) mit seinem Neffen. Drosselmeier ist vernarrt in mechanisches Spielzeug und schenkt Clara einen Nussknacker, der bei Millepied eine Art Froschkönig ist. Clara schläft müde ein und plötzlich erwachen mechanische Mäuse samt Mäusekönig zum leben, gegen die der Nussknacker und seine Zinnsoldaten kämpft. Dank Claras Hilfe erfolgreich. Zur Belohnung entführt der Nussknacker, der sich als Drosselmeiers Neffe entpuppt, ins Reich der Zuckerfee. Dort beginnen Schokolade, Kaffee und Tee zu tanzen. Dieser surreale Traum endet mit Claras und Drosselmeiers Neffen Erwachen. War alles nur ein Traum?

Millepied und seine Mitstreiter verwandelten die Bühne in eine kunterbunte Landschaft. Kein Wunder, dass Cox auch als Kinderbuchillustrator arbeitet. Geometrische Figuren in klaren Farbtönen und dazu passende Kostüme. Im zweiten, surrealen Akt steht dann auch alles auf dem Kopf. Dazu lässt Millepied auch dem Humor genügend Platz. Wenn Großmutter (Barbara Melo Freire) und Großvater (Davide D’Elia) im ersten Akt zunächst tatterig die Bühne betreten, um dann nach kurzer Zeit einen flotten Tanz hinzulegen, ist das sehr witzig anzuschauen. Auch die Szene, als die Verwandtschaft betrunken tanzt, ist sehr gut gemacht. Ebenfalls der Tanz der mechanischen Figuren (Denise Chiarioni und Alysson de Rocha)

Die Krönung ist aber der Tanz der Lebkuchenmutter (Dana Wilkinson) im zweiten Akt. Sie muss österreichische Vorfahren haben, denn hier stand zur großen Freude des Publikums Conchita Wurst Pate.

Das Ballett wurde routiniert begleitet von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz.

Millepied hat jegliche Verstaubtheit aus dem „Nussknacker“ entfernt und dem Ballett neue Ideen eingehaucht. Kein Platz für Kitsch oder ähnliches. Dafür kann man als Kritikpunkt ansetzen, dass aus der „Coming-of-age“ Geschichte von Hoffmann nur das Kindliche übrigbleibt. Erotik hat hier definitiv keinen Platz. Dennoch: Die Gelegenheit, dieses Ballett wieder neu für sich zu entdecken, sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.




Eindrucksvolle getanzte Bilder

Boris Eifman zauberte beindruckende Bilder auf die Bühne. (Foto: © Boris Eifman Ballet)
Boris Eifman zauberte beindruckende Bilder auf die Bühne. (Foto: © Boris Eifman Ballet)

Erstaunlich, dass sich das Ballett nicht schon früher mit der Bildhauerei auseinandergesetzt hat, denn bei beiden geht es auch um das künstlerische Bild des Menschen. Sei es aus Stein gehauen oder getanzt. Der russische Choreograf Boris Eifman setzte 2011 dem französischen Bildhauer Auguste Rodin und seiner Geliebten und Muse Camille Claudel mit „Rodin“ ein tänzerisches Denkmal. Zu sehen war es am 11. Oktober 2015 in Dortmund.

Kraftvolle Bilder, starke Tänzer, effektvolles Licht und die französische Musik von Ravel, Saint-Saens oder Massenet: Alle Zutaten waren vorhanden, um einen gelungenen Ballettabend zu feiern. Doch eigentlich hätte das Ballett auch „Claudel“ oder zumindest „Rodin und Claudel“ heißen können, denn im Mittelpunkt stand die nicht immer ganz einfache Beziehung zwischen dem Bildhauer und seiner Muse, die auch seine Geliebte wurde.

Schon der Beginn war beeindruckend: Aus einer Reihe von tanzenden Schülerinnen nimmt sich Rodin ausgerechnet Camille zur Lieblingsschülerin. Ein erster Kampf zwischen den beiden zeigt auch gleich die Richtung an: Einfach wird hier nichts. Denn Rodin ist fest mit seiner Lebensgefährtin Rose Beuret verbunden. Diese Beziehung ist zwar langweilig, Eifman zeichnet die häuslichen Szenen in monochromen Licht, es herrscht quasi eine Art Sprachlosigkeit, während es mit Camille deutlich farbenfroher abgeht.

Was wichtig ist: Eifmann lässt auch Raum für Humor und Slapstik. In Rodins Atelier toben sich seiner Mitarbeiter und seine Modelle aus, bis der Meister Ruhe und Ordnung hineinbringt.
Auch sehr humorvoll ist die „Kritikermeute“ choreografiert, die in ihre roten Mäppchen fleißig hineinschrieben und Rodin somit zu einem Superstar machen. Die Kritiker haben noch ein zweiten, tragischen Auftritt, als sie die Arbeiten von Camille verreißen.
Der hoher Preis, den ein Künstlergenie zahlen muss, wird hier schonungslos offen gelegt.

Sehr eindrucksvoll ist das Solo von Camille, bei dem durch Licht und merkwürdigen Geräuschen die Anfänge ihrer psychischen Erkrankung vorweggenommen wird. Auch der Kampf der beiden Frauen um Rodin gegen Ende des Stückes, als Camille erkennen muss, dass es mit Rodin und ihr nichts wird, ist sehr berührend. Erschreckend und bedrohlich wirkt Camilles Verhaftung und Abtransport in eine psychiatrische Klinik, aus der sie nicht mehr herauskommt. In das Dunkel von Camilles Wohnung dringt eine mit Taschenlampen bewaffnete Gruppe von Männern hinein und nimmt sie fest.

Das Stück ist eine ideale Ergänzung zu den Handlungsballetten von Ballettdirektor Xin Peng Wang und es ist schade, dass es nur am 11. Oktober Tag gespielt wurde.