Line 1 hält jetzt auch in Dortmund

Platz ist in der kleinsten Hütte. Was Bühnenbildnerin Dorothee Schumacher in der Jungen Oper für das Musical „Linie 1“ gezaubert hat, ist ganz große Kunst. Auf engstem Raum wechselte der Ort von U-Bahn-Station bis U-Bahn-Waggon. Dortmund ist halt etwas kleiner als Berlin, aber dafür saßen die Zuschauer ganz nah dran.

„Linie 1“ bringt uns zurück in die 80er Jahre, 1986 um genau zu sein. Die Mauer stand noch. Die Geschichte dreht sich um ein Mädchen, dass seine Heimat in Westdeutschland verlässt, weil ihr Traumprinz Johnnie, ein Rockstar, ihr versprochen hat, für sie da zu sein. Doch als sie in Berlin auftaucht, ist von dem Traumprinzen nichts mehr zu sehen.

Auf der Fahrt mit der U-Bahn lernt das Mädchen verschiedene Menschen kennen. So etwa den Punk Bambi, der ihr bei der Suche nach „Johnnie“ behilflich ist. Es kommt auch zu Begegnungen mit skurrilen Typen wie Bettlern, Schulschwänzerinnen und den berüchtigten Wilmersdorfer Witwen. Dann taucht tatsächlich die große Liebe auf.

Das Musical von Volker Ludwig und Birger Heymann hat die ganze Welt erobert, denn es handelt von Typen, die man wohl in jeder Großstadt dieser Welt begegnen kann, wenn man öffentliche Nahverkehrsmittel benutzt.

Schon der Beginn „Gegenüber“ macht deutlich, dass das Desinteresse an seinen Mitfahrenden keine Erfindung der Neuzeit mit ihren Smartphone ist, sondern schon vorher existiert hat. Jeder stiert in seine eigene Zeitung, oder beschäftigt sich mit sich selbst. Auch sonst sind die Probleme von damals aktuell geblieben: Punks, Bettler und Rassisten kann man heute auch noch in Dortmund und anderswo erleben. Nur die tiefbraunen „Wilmersdorfer Witwen“ werden sich mittlerweile zu ihren Männern gesellt haben.

Die Dortmunder Aufführung ist ein Projekt des Opernclubs „Tortugas“ und wurde von einem Ensemble präsentiert, das von 11 bis 60 Jahren alles dabei hatte. Natürlich auch tolle Stimmen wie die von Lilli Schnabel (Mädchen) oder von Lisa Pauli (Maria), die das herzerweichende Lied „Du bist schön auch wenn du weinst“ sang. Dass Johanna Schoppa eine enorme Stimme und Bühnenpräsenz hat, wissen Freunde der Dortmunder Oper schon lange. Dank ihrer verschiedenen Rollen, war sie des öfteren zu hören. Auch Eteeyen Ita als „Johnny“ oder „Mondo“ sowie der Rest des Ensembles konnten überzeugen. Manche von ihnen mussten in verschiedene Rollen schlüpfen. Auch der Jüngste, gerade einmal elf Jahre alt, mischte wie ein Großer bei der Inszenierung mit.

Musikalische Begleitung kam von „Orange Groove“, der Band der Musikschule Dortmund, die die Sängerinnen und Sänger kongenial unterstützten.

Alexander Becker hat als Regisseur eine Inszenierung hingelegt, die mit flottem Tempo überzeugen kann. Wer da nicht Spaß bekommen hat, in die nächste U-Bahn einzusteigen, dem kann ich auch nicht helfen. Auch Dortmund bietet hierfür die eine oder andere Gelegenheit.

Weitere Termine sind zu finden unter www.theaterdo.de




Der Orient-Express machte Halt in Dortmund

Mit dem Handlungsballett „Mord im Orient-Express“ nach Motiven Agatha Christie zauberte das NRW Juniorballett eine facettenreiche Variante des Stückes auf die Bühne. Die Choreografien stammten überwiegend von Demis Volpi, aber auch von Craig Davidson, Xenia Wiest und Juanjo Arqués. Bericht von der Dortmunder Premiere am 14. April 2018.

Nein, das Stück ist keine tänzerische Umsetzung des Buches oder des bekannten Films von 1974, Volpi geht es auch um die Atmosphäre der Zugfahrt, die im winterlichen Jugoslawien durch Schnee unterbrochen wird. Vor allem diese abstrakten tänzerischen Elemente bilden den Gegensatz zu den konkreten sinnhaften Abschnitten.

Abfahrt des Zuges aus dem Bahnhof. (Foto: © Bettina Stoess)
Abfahrt des Zuges aus dem Bahnhof. (Foto: © Bettina Stoess)

Die Geschichte beginnt mit der Abfahrt des berühmten Zuges, die sehr lebendig dargestellt wird, so dass die Zuschauer fast schon die Dampflok sehen können. Sehr emotional war auch der dritte Abschnitt „Das Opfer“, dargestellt ganz in Rot, kann sie dem Täter nicht entkommen. Eine sehr schöne Choreografie von Davidson. Dieser Teil ist eine Art Rückblende, denn es geht hier um den Mord an Daisy Armstong, für die der Täter zum Schluss im Zug zur Rechenschaft gezogen wird.

Natürlich ist dem Detektiv Hercule Poirot eine spezielle Choreografie gewidmet, die auch seine spezielle Kopfbedeckung in den Mittelpunkt stellt.

Höhepunkt des Stückes war das zwölffache Pas-de-deux „Der Täter“, in dem der Mord an Cassetti durch die zwölf Beteiligten getanzt wird. Denn Cassetti hatte am Anfang ja Daisy Armstrong ermordet und wird nun im Zug von den anderen gemeinsam umgebracht.

Die Musik passte sehr gut zu den Choreografien. Neben Jazz von Duke Ellington oder Bill Dixon gab es zeitgenössische Komponisten wie Erkki-Sven Tüür, Philipp Glass oder David Lang.

Die zwölf Tänzerinnen und Tänzer des NRWJuniorenballetts präsentierten ein ungewöhnliches Stück mit einer facettenreichen und tänzerisch starken Vorstellung.




Memory Alpha – das fehlbare und manipulierbare Gehirn

Das Gehirn ist die komplexeste Struktur im bekannten Universum. 86 Milliarden Nervenzellen sorgen dafür, dass wir so leben können wie wir es tun, beispielsweise sorgen sie dafür, dass ich gerade diesen Text tippen kann. Für die Verbindung zwischen den Nervenzellen sind Synapsen zuständig. Die Synapsen wiederum sind verantwortlich für unser Gedächtnis. Und unser Gedächtnis ist es, was uns als Menschen ausmacht. Ein Premierenbericht vom 06. April 2018.

Was hat das jetzt alles mit Theater zu tun? Im Stück „Memory Alpha oder die Zeit der Augenzeugen“ dreht sich alles um das Thema Gedächtnis. Das Vergessen von Erinnerungen, das Behalten von Erinnerungen und vor allem das Verändern von Erinnerungen. Wenn das menschliche Gedächtnis fehlbar ist, was ist eigentlich mit dem elektronischen? Vergisst die Cloud? Können elektronische Gedächtnisse manipuliert werden? Die Frage werden sich Menschen in China stellen müssen, denn 2020 will die chinesische Regierung für jeden Chinesen eine Art Scoringsystem einführen. Gute Taten werden mit Pluspunkten belohnt, schlechte Taten zu Punktabzug. Jeder wird auch sehen können, wie viele Punkte sein Nachbar oder Arbeitskollege hat.

Kann man falsche Erinnerungen hervorrufen. Das ist das Thema bei "Memory Alpha". (v.l.n.r.) Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder, Caroline Hanke und Christian Freund. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Kann man falsche Erinnerungen hervorrufen. Das ist das Thema bei „Memory Alpha“. (v.l.n.r.) Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder, Caroline Hanke und Christian Freund. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Im Stück dreht sich alles um vier Personen: Dr. Gerd Stein (Uwe Schmieder), Leiter des „Instituts für Digitalität und Erinnerung“, wird in Brüssel von einem Auto zerquetscht, nachdem er vor dem chinesischen Scoringsystem gewarnt hat. Steins Schwester Charlotte (Caroline Hanke) ist eines von wenigen Menschen auf der Erde, die kaum vergessen können. Die Gedächtnisforscherin Prof. Johanna Kleinert (Friederike Tiefenbacher) versucht mit False Memory Experimenten das Gedächtnis ihres Probanden Sebastian Grünfeld (Christian Freund) zu hacken.

Stein lässt sein Gedächtnis die letzten Wochen Revue passieren, um herauszufinden, wer im Auto saß.

Das Stück von Anne-Kathrin Schulz ist kein „Wer-war der Mörder“-Stück, am Ende sind wir genauso ratlos wie Gerd Stein, der blumengeschmückt in das Nichts versinkt. Ed. Hauswirth macht aus dem Stück zwar keine wissenschaftliche Vorlesung, doch während der 90 Minuten lernen die Zuschauer einiges über das menschliche Gehirn. Wie kollektive Erinnerungen entstehen (jeder weiß sicher, wo er sich am 11.09.2001 befand), aber auch wie Erinnerungen durch Experimente gefälscht werden können. Die Bühne ist quasi mit Leinwänden überdacht auf denen Bilder projiziert werden, die vier Schauspielerinnen und Schauspieler tragen dezente Kleidung.

Was bringt die Zukunft? Werden uns gefakte Erinnerungen eingepflanzt wie im Film „Total Recall“ und wir erinnern uns an Dinge, die wir gar nicht getan haben? Werden wir von einem elektronischen Gedächtnis kontrolliert, das sich unsere guten und bösen Taten merkt?

„Memory Alpha“ ist ein gelungenes Stück im besten Sinne des Aufklärungstheaters.




Romantische musikalische Frühlingsgefühle beim 3. Foyer-Konzert

Frühling lässt sein blaues Band… diesmal zu einem musikalischen Dreiklang flattern. Am 12. Mai 2018 findet das 3. Foyer-Konzert im Foyer des Konzerthauses Dortmund unter dem Titel „Drei-Klang des Frühlings“ statt. Maria Chernousova (Klavier), Manuela Uhlmann (Kontrabass) und Judith Hoffmann (Sopran) präsentieren romantische Komponisten.

Im Mittelpunkt des Konzertes steht der polnische Komponist Frédérik Chopin. Seine hochromantische Klaviermusik wird durch das Lied „Moja Pieszczotka“ (Meine Geliebte) bereichert. Tief in der russischen Spätromantik befinden wir uns mit Rachmaninow, vom dem das Lied „Я жду тебя“ (Ich warte auf dich) ausgesucht wurde.

Die drei Künstlerinnen (v.l.n.r.) Maria Chernousova (Klavier), Manuela Uhlmann (Kontrabass) und Judith Hoffmann (Sopran) .
Die drei Künstlerinnen (v.l.n.r.) Maria Chernousova (Klavier), Manuela Uhlmann (Kontrabass) und Judith Hoffmann (Sopran) .

Neben Chopin liegt ein weiterer Schwerpunkt auf italienische Komponisten der Romantik. Neben dem altbekannten Verdi können die Besucherinnen und Besucher mit Giovanni Bottesini und Vittorio Monti auf eine romantische Entdeckungsreise gehen.

Der für diese Werke im Foyer des Konzerthauses zur Verfügung stehende Veranstaltungsrahmen ermöglicht die relativ unmittelbare Begegnung mit der Musik und den Musikerinnen. Diese soll auch im Anschluss an das Konzert fortgesetzt werden, zumal alle Besuchenden zu einem Kaffee in das Restaurant Stravinski eingeladen sind.

Der Eintrittspreis beträgt 15,00 Euro. Freie Platzwahl.

Eintrittskarten sind erhältlich im Konzerthaus Dortmund – Ticketing, Telefon: 0231 – 22 696 200, online über die Internetseite, den Konzertkalender des Konzerthauses, http://www.konzerthaus-dortmund.de/de/programm/konzertkalender/, im Servicecenter der Ruhr Nachrichten sowie über eventim.de und alle Ticketshops (zusätzlich Gebühren)




Gorillawood – Männer im Affenkostüm

Charles Gemora, Ray Corrigan, Emil Van Horn – Helden einer untergegangenen zeit. Sie und einige andere verdienten ihren Lebensunterhalt als Schauspieler in Gorillakostümen. Jörg Buttgereit lud zum zweiten „Nackt und zerfleischt“ am 09. März im Studio des Dortmunder Schauspiels. Als Gast hatte er Ingo Strecker mitgebracht, der das Buch „Gorilla-Wood“ verfasst hat, das sich den tapferen Männern in den Kostümen annahm.

Da wir uns ja in einem Theater befanden, las Frank Genser das Vorwort zu „Gorilla-Wood“, natürlich stilecht im Affenkostüm. Und Jörg Buttgreit? Hat er auch mal was mit Affen gemacht? Nicht direkt, aber zu Beginn zeigte er das Video zu Klaus Beyers Version von „Shaolin Affen“ der Band Osaka Popstar, zu dem er Regie geführt hat.

Filmanekdoten der besonderen Art. Jörg Buttgereit (links) im Gespräch mit Autor Ingo Strecker.
Filmanekdoten der besonderen Art. Jörg Buttgereit (links) im Gespräch mit Autor Ingo Strecker.

Die Blütezeit der „Gorilla-Männer“ waren die 20er bis 50er Jahre. Danach wurden andere Special Effects verwendet, um wilde Gorillas auf Film zu bannen. Und in der heutigen Zeit regiert das Digitale. Das stand damals nicht zur Verfügung und so mussten sich Germora, Corrigan und Co. auch bei heißen Temperaturen in ihre schweren Kostüme zwängen. Die Kostüme hatten die jeweiligen Schauspieler selber gebaut und ihnen sogar Namen gegeben. Anhand dieses Kostüms konnte der kundige Zuschauer auch erkennen, welcher Schauspieler im Kostüm steckt.

Der 2 ½-stündige Abend wurde durch Fotos und vor allem Filmszenen aufgelockert, die die Helden in den Affenkostümen zeigte. Vom melancholischen Gorilla über den lustigen bis hin zum aggressiven Killer war in den Filmbeispielen alles dabei. Der Abend war eine große Verbeugung vor diesen tapferen Schauspielern.




After Life – Poetische Annäherung an die Erinnerung

Was ist, wenn man eine einzige Erinnerung nach seinem Tod behalten könnte? Diese Idee stammt vom Japaner Hoirokazu Koreeda, der daraus den Film „After Life“ gedreht hat. Thorsten Bihegue entwickelte daraus einen Bühnenstück mit dem Dortmunder Sprechchor. Ein Premierenbericht vom 04. März 2018.

„Sie sind soeben gestorben“. So wurden die Anwesenden Zuschauer vom bleich geschminkten Sprechchor begrüßt. Es ist wahrhaftig ein Erlebnis, wenn man im relativ kleinen Studioraum in der Mitte ist und wie auf einer Schulbank oder vor Gericht auf der Anklagebank sitzt. Aber das Jüngste Gericht ist eher ein Unternehmen. Es bietet allen sogar die Chance, eine Erinnerung ins Jenseits mitzunehmen…

Der Dortmunder Sprechchor begrüßt in seiner Rolle als Angestellte die "Neuankömmlinge". (Foto: © Birgit Hupfeld)
Der Dortmunder Sprechchor begrüßt in seiner Rolle als Angestellte die „Neuankömmlinge“. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Tja, welche Erinnerung nimmt man jetzt? Ich vermute, dass sich die meisten Zuschauer das gefragt haben und ihr Leben rekapituliert haben. Erinnerungen prägen unser Leben. Sie geben uns unsere Identität. Es ist schwierig, davon eine bestimmte auszuwählen. Zumal klar ist: Erinnerungen sind sehr subjektiv und Hirnforscher haben herausgefunden, dass unser Gehirn die Wirklichkeit verfälscht. Erinnerungen werden immer wieder neu bewertet.

Bihegue benutzt die gleiche nüchterne Atmosphäre wie Koreeda in seinem Film. Kein übersinnliches Bling-Bling oder ähnliches. Routine eben. Fühlt man sich bei Koreeda wie beim Arbeits- oder Finanzamt, wirkt Bihegues Inszenierung Dank des Sprechchores wie eine Art Anhörung.

Die Mitglieder des Chores ziehen uns unwillkürlich tiefer in die Geschichte. Sie erzählen von Personen, die Schwierigkeiten gehabt haben, sich eine besondere Erinnerung auszusuchen oder die sich verweigert haben. Begleitet wird dies von Familienaufnahmen aus den 60er/70er Jahren, die typische Feierszenen zeigen. Passend dazu war das Lied der Carpenters „Yesterday Once More“ das musikalische Leitmotiv, auch hier geht um Erinnerungen.

Ein schönes, kurzes, aber intensives Theaterstück zum Nachdenken über das Leben und was einem wirklich wichtig ist unter Beteiligung des engagierten Sprechchores, der diesmal Unterstützung bekam vom Kindersprechchor.

Termine und Karten: http://www.theaterdo.de




Fieberträume eines Theatermachers

Ob die Frittatensuppe nicht gut war, die Staatsschauspieler Bruscon mehrfach herrisch vom Wirt des „Schwarzen Hirschen“ im Dorf Utzbach verlangt? Jedenfalls durchlebt er in fiebrigen Träumen die Aufführung seiner Menschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ in immer groteskeren Formen. Thomas Bernhards Komödie „Der Theatermacher“ von 1985 nimmt den Theaterkosmos gekonnt auf Korn, Intendant Kay Voges verlagert die Geschichte nicht nur nach Westfalen, sondern fügt dem ganzen Geschehen noch eine Prise aktueller Zeitgeschichte hinzu Heraus kommt eine Komödie, die den Glanz und das Elend des Theaters auf den Punkt bringt. Ein Premierenbericht vom 03. März 2018.

Die Handlung ist einfach: Bruscon, seine Frau und seine beiden Kinder Ferruccio und Sarah, sollen im Gasthof „Schwarzer Hirsch“ in Utzbach seine Komödie „Das Rad der Geschichte aufführen“. Brsucon verlangt, dass der Wirt den Feuerwehrhauptmann davon überzeugt, für fünf Minuten das Notlicht zu löschen.

Eigentlich ist Bruscon (meist gespielt von Andreas Beck) ein hoffnungsloser Romantiker, der das Theater mit seiner Poesie und Schönheit gegen den Zugriff von Politik und Kommerz verteidigt. So muss seine Tochter öfter die Zeile „Wenn wir die Schönheit nicht besitzen und durch und durch ein kranker Geist und mittellos bis in die Seele sind“ rezitieren. Das ist eines der Kernsätze seines Strebens und an diesem Maß misst er alles um ihn herum.

Leider teilen nicht alle seine Leidenschaft und so wurde Bruscon vermutlich immer zynischer und ungenießbarer. Die Opfer seiner Laufen sind vielfältig: Da wäre zuerst einmal der Ort: Das Dorf Utzbach in der westfälischen Provinz. Alles hier ist schlecht und überhaupt die Westfalen: „An diesem Volk ist nicht das geringste mehr liebenswürdig“. Solche pauschalen Urteile sind ein Kernelement in Bruscons Redeschwall.

Neben dem Wirt, der stellvertretend für die Utzbacher Provinz steht, bekommen Frau und Kinder („Antitalente“) ihr Fett weg. Die Frau kann sich keinen Text merken und ist ähnlich schlecht als Schauspielerin wie die beiden Kinder.

Bruscon (Andreas Beck) lässt sich von seinen Kindern (Christian Freund und Xenia Snagowski) verwöhnen. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Bruscon (Andreas Beck) lässt sich von seinen Kindern (Christian Freund
und Xenia Snagowski) verwöhnen. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Kay Voges hat den „Theatermacher“ stark bearbeitet. Aus dem ersten Teil hat er eine Art Loop gebaut, die Bruscon in verschiedenen Rollen wie in einem schlechten Traum erlebt. Mal ist er der Wirt, dann sein Sohn und die Aufführungen werden immer grotesker. So erlebt er (und die Zuschauer) sogar eine Operetten/Musical-Variante, in der ihn sein Sohn spielt. Das Bühnenbild erinnerte nicht zufällig an den Megastore, dem zwischenzeitlichen Ausweichquartier.

Natürlich gibt es viele Anspielungen auf aktuelle Geschehnisse im Theater. Im Rahmen der „#metoo“-Debatte wurde ja auch über Machtmissbrauch im Theater gesprochen. Die Anspielungen und Anzüglichkeiten waren vor allem am Anfang klar erkennbar. Ein weiteres Thema in Voges‘ Inszenierung waren die „Wutbürger“ und ihr Empörungspotenzial. Dank den Sozialen Medien kann sich jetzt jeder als Bruscon fühlen und gegen alles und jeden wettern und hetzen. Bloß keine Differenzierungen. Doch dann bleibt die Freiheit auf der Strecke. Wer keinen Gedankenaustausch mehr zulässt, sich immer stärker in seine Filterblase einschließt, nähert sich totalitären Systemen.

Auch wenn Andreas Beck hauptsächlich als Bruscon zu sehen war und Uwe Rohbeck als Wirt, spielten auch Christian Freund, Janine Kreß und Xenia Snagowski verschiedene Rollen und das mit Bravour. Freund zeigte bei der „Operetten-Version“ sein gesangliches Talent. Beck und Rohbeck waren (wieder einmal) ein kongeniales Paar. Das zeigte sich vor allem, als beide die Rollen tauschten und Rohbeck einen affektierten Bruscon spielte.

Ein großes Lob gehört auch Tommy Finke, der die Musik zur „Operetten-Version“ komponierte und natürlich Kay Voges, der es wieder einmal schaffte, 2:40 Stunden tiefgründige Unterhaltung zu bieten. Das Publikum dankte es allen Beteiligten mit lang anhaltendem Applaus.

Termine und Karten gibt es unter http://www.theaterdo.de




Digital ist besser – auch fürs Theater?!

Wie man den Songtitel von Tocotronic interpretiert, bleibt jedem selbst überlassen, aber das Digitale wird auch die Welt des Theaters verändern. Die Bretter, die die Welt bedeuten, werden sich wandeln müssen, wenn sie in einer Welt voller digitaler und virtueller Möglichkeiten bestehen möchten.

Das Theater der Zukunft soll die Akademie für Digitalität und Theater begleiten, die mit ihrer ersten Konferenz „ENJOY COMPLEXITY – Konferenz für Digitalität und Theater“ vom 23. bis zum 25. Februar 2018 in der ehemaligen Grundschule in Dortmund-Kley ihr erstes Lebenszeichen von sich gab. Die Akademie soll als sechste Sparte des Theaters fungieren.

Die Presseführung zeigte bereits Einblicke in die Zukunft: Mario Klingemann zeigt wie neuronale Netze halb-autonom Bilder und Filme generieren. So erhofft er sich Antworten auf die Fragen, wie Kreativität, Kunst und deren Wahrnehmung funktionieren.

"Amygdala" von Mario Donnarumma in Aktion. Amygdala ist ein Gebiet im Gehirn, das für Emotionen wie Angst zuständig ist.
„Amygdala“ von Mario Donnarumma in Aktion. Amygdala ist ein Gebiet im Gehirn, das für Emotionen wie Angst zuständig ist.

Beeindruckend war auch die Installation von Marco Donnarumma. Seine Installation „Amygdala“ ist ein Roboterarm, dessen Aufgabe es ist, ein Ritual namens „Hautschneiden“ zu lernen. Seine Bewegungen sind nicht vorprogrammiert, sondern reagieren spontan und schrittweise durch die Aktivität der neuronalen Netzwerke.

Augmented Reality ist das Thema der Mixed Reality-Installation „VerteXplusfuxxtorX“ von Chris Bruckmayr und den Ragdoll Twins. Hier kann man durch den Blick eines Tablets in eine veränderte Welt blicken, in der das reale Leben mit dem digitalen verschmelzen kann.
Die Dortmunder Firma „Puppeteers“ beschäftigt sich mit Thema Motion-Tracking. Die kreative Möglichkeit dies jetzt auch in Echtzeit darstellen zu können, eröffnet ganz neue Perspektiven für innovative experimentelle und künstlerische Darstellungsformen.

Die Konferenz fand aber nicht nur in der Kleyer Grundschule statt, sondern es gab für die Teilnehmer auch die Möglichkeit, am Schauspielhaus einige Vorstellungen zu besuchen wie beispielsweise „4.48 Psychose“. Hierzu gehörte auch das Konzert von Moritz Simon Geist, dessen elektronische Tanzmusik von zahllosen Robotern live erzeugt wurde. Ein spannendes Konzerterlebnis mit Licht, Sound und Video.




Mistero Buffo – Politisches Theater im Depot

Mit Mistero Buffo von Dario Fo zeigte das Theater im Depot ein ungewöhnliches Stück. Entstanden 1969 präsentiert Fo den Kern des Theaters: Erzählen und Spielen. Unter der Regie von Alexander Olbrich, der einen Pro- und Epilog zum Stück sprach, spielte Severin Mauchle mit Unterstützung zweier Musiker. Ein Bericht von der zweiten Aufführung.

Der Vatikan bezeichnete es als „blasphemisches Stück“, in der englischen Wikipedia ist es unter „christlichem Theaterstück“ eingeordnet, so ändern sich die Zeiten. Für die 70er Jahre war die Thematik – vor allem für tief katholische italienische Ohren – durchaus frevelhaft. Doch heute ist der „Herz-Jesu-Sozialismus“ von Dario Fo in Misterio Buffo längst beim aktuellen Papst angekommen, vermute ich mal.

Das alles soll das schöne Stück nicht herabsetzen, schließlich geht es um Klassengegensätze. Fünf Fabeln präsentierte Mauchle. Mal feudalistisch verkleidet wie bei der „Geburt des Spielmanns“, mal am Rande des Wahnsinns wie beim „Kindermord von Bethlehem“. Letztlich schnitzt sich Fo bei den biblischen Fabeln selbst ein idealisierten Jesus zurecht, der für ihn wohl eine Art Anwalt der Gerechtigkeit ist.

Noch zweimal gibt es die Möglichkeit, Mistero Buffo im Theater im Depot zu erleben. (Foto vom Flyer)
Noch zweimal gibt es die Möglichkeit, Mistero Buffo im Theater im Depot zu erleben. (Foto vom Flyer)

Als Dario Fo in den USA Mistero Buffo spielte, schrieben die Kritiker von Anklängen an Monty Python. Und vor allem zwei Fabeln „Die Auferstehung des Lazarus“ gleich zu Beginn und die „Moritat vom Blinden und vom Lahmen“ hätten auch im Film „Das Leben des Brian“ auftauchen können.

Severin Mauchle spielte mit sehr viel Engagement und Energie. Kongenial wurde er unterstützt von Maria Trautmann Band (Maria Trautmann Jazz-Posaune und Tom Hellenthal am Schlagzeug).

Weitere Möglichkeiten das Stück zu sehen, gibt es am 10. März um 20 Uhr und am 11. März um 18 Uhr.




Informelle Malerei von Katja Oelmann im Torhaus

BlickDicht“ heißt die nächste Ausstellung in der städtischen Galerie Torhaus Rombergpark: Die Iserlohner Künstlerin Katja Oelmann stellt Gemälde und Zeichnungen vom 11. Februar bis 4. März aus.

DieKünstlerin bekennt sich ausdrücklich zur informellen Malerei. Es ist ein ganz eigener Stil, den sie in ihrer noch jungen Kunstlaufbahn bereits entwickelt hat. Seit August 2016 trat Sie dem Westfälischen Künstlerbund e.V. (wkd) bei und hatte Ihre erste gemeinsame Ausstellung im Baukunstarchiv NRW (ehemaliges Museum Ostwall) Ostwall 7, 44135 Dortmund.

Katja Oelmann ist zu gast in der Galerie Torhaus Ro,bergpakr mit ihren Bildern und Grafiken. (Foto: © Katrin Gellermann)
Katja Oelmann ist zu gast in der Galerie Torhaus Ro,bergpakr mit ihren Bildern und Grafiken. (Foto: © Katrin Gellermann)

Ihr malerisches Handwerk erlernte die Künstlerin in Kursen, vertiefte ihr Wissen mit Visitationen bei zahlreichen etablierten Künstlern. „Entscheidend für meine heutigen Werke ist allerdings mein Hang zum Autodidaktismus, so dass ich meinen Stil permanent weiterentwickelt habe und weiterentwickeln werde.“ Außer auf Leinwand, arbeitet Katja Oelmann auf unterschiedlichen Materialien wie Holz und Stoff. Die Linie, dem kraftvollen Strich gilt ihre besondere Aufmerksamkeit.

An ihre Arbeit erhebt sie höchstmögliche Ansprüche, sie ist immer bis aufs Äußerste selbstkritisch: „Erst wenn ich durch und durch von einer Arbeit überzeugt bin, zeige ich sie der Öffentlichkeit.“