Was macht das Internet mit Menschen?

Mit dem Stück
„Stille in feindseligen Intervallen“ analysiert die
Theaterkollektiv „artscenico“ die Welt des Internets.
Vereinsamung, Fake News, Verschwörungstheorien, Aggressivität sind
die Folgen und das Volk ist mittendrin. Mastermind Rolf Dennemann
präsentierte mit drei Schauspielern ein sehr poetisches Stück. Ein
Premierenbericht vom 28.09.18 im Theater im Depot.

Das Volk ist nackt.
Mit nackten Oberkörper und Krone auf dem Kopf spielt Jürgen Dilling
das „Volk“ als Reminiszenz zu des „Kaisers neue Kleider“. Das
Internet als Symbol für die neuen Kleider? Statt Demokratie,
Mitbestimmung oder Wissen, scheint das Internet Fake News und
Verschwörungstheorien zu produzieren. Wer am lautesten schreit,
scheint recht zu haben.

Sehr poetisch begann
der erste Teil des Stückes. Hier wurden Menschen porträtiert, die
vereinsamt sind, die nichts anderes haben als das Internet. Was macht
das mit den Menschen? Wer einfache Antworten erwartet, wird sicher
enttäuscht sein. Selber Denken und Reflektieren ist angesagt, auch
wenn manche Szenen einen humorvollen Charakter haben.

Die Bühne ist wie
fast immer bei artscenico-Programmen reduziert. Zwei
„Erinnerungshaufen“ liegen herum, es gibt Stühle und andere
Sitzgelegenheiten. Aus den Erinnerungshaufen nehmen sich Elisabeth
Pleß und Matthias Hecht verschiedene Kleidungstücke und tauchen
damit in die verschiedenen Personen ein. Rolf Dennemann gibt per
Einspieler kurze und präzise Regieanweisungen. Die Musik stammt aus
der klassischen und elektronischen Bereich.

Katzencontent geht im Internet immer. Szene aus "Stille in feinseligen Intervallen" von artscenico. Zu sehen sind Elisabeth Pleß und Matthias Hecht. (Foto: © Guntram Walter)
Katzencontent geht im Internet immer. Szene aus „Stille in feinseligen Intervallen“ von artscenico. Zu sehen sind Elisabeth Pleß und Matthias Hecht. (Foto: © Guntram Walter)

„Stille in
feindseligen Intervallen“ ist – wie erwähnt – kein Stück
darüber, wie man Fake News erkennt und auch Trump wurde nicht
erwähnt. Dennoch zeigt es deutlich, wie sehr das Internet unser
Zusammenleben beeinflusst. Aggressivität, Wahnsinn, Vereinzelung und
Verschwörungstheorien, die wie Pilze aus dem Boden wuchern,
vergiften langsam aber sich unser Zusammenleben.

Wer „Stille in
feindseligen Intervallen“ erleben möchte, hat 20. Oktober um 20
Uhr im Theater im Depot die Gelegenheit dazu.




Per Glasfaser von Dortmund nach Berlin – hinein in die Parallelwelt

Parallelwelten spielten in der Sciencefiction immer schon eine große Rolle. Jetzt erobert das Thema auch die Bühne des Theaters. Zusammen mit dem Berliner Ensemble kreierte das Schauspielhaus Dortmund eine doppelte Welturaufführung: Das Stück „Die Parallelwelt“ wurde gleichzeitig in Dortmund und Berlin aufgeführt. Es war nicht nur eine schauspielerische Meisterleistung beider Ensembles, sondern auch eine logistische Herkulesaufgabe. Denn solange es kein Wurmloch von Dortmund nach Berlin gibt, muss man mit Glasfaser vorlieb nehmen. Ein Premierenbericht vom 15. September 2018.

Die Menschheit
musste im Verlaufe seiner Geschichte einige Degradierungen hinnehmen:
Vom Zentrum des Universums, um das sich alles drehte, über die Krone
der Schöpfung, die Darwin zerpflückte bis hin zur kosmologischen
Erkenntnis, die Erde ist auch nur ein Planet von vielen in der
Milchstraße. Jetzt wird durch die Theorien der Quantenphysik auch
noch die Einzigartigkeit in Frage gestellt. Denn wenn es viele
Universen gibt, gibt es vielleicht auch mehrere Ichs gleichzeitig? In
dem Stück spielen die Heisenbergsche Unschärferelation,
Schrödingers Katze und die Einstein-Rosen-Brücke eine Rolle, doch
keine Angst. Die Autoren Alexander Kerlin, Eva Verena Müller und Kay
Voges haben keine Physik-Vorlesung geschrieben, sondern ein
philosophisches Stück mit traurigen und lustigen Elementen.

Erzählt wird die
Geschichte von Fred. In Berlin von der Geburt bis zum Tod und in
Dortmund vom Tod zur Geburt. Der Kreuzungspunkt ist die Hochzeit, in
der sich beide Paare und die Hochzeitsgesellschaft Dank eines „Lochs
im Universum“ quasi gegenüberstehen.

Freds Tod in
Dortmund wird sehr ergreifend und emotional von Uwe Schmieder und
Friederike Tiefenbacher dargestellt. Der Tod kommt in einem
nüchternen, unpersönlichen Krankenzimmer, nach dem Sterben wird
sofort das Bett gereinigt. Gedanken zum Pflegemangel in
Krankenhäusern und Altenheimen kommen einem in den Sinn. Will man so
sterben? Muss man so sterben?

Wenn sich die beiden Ensembles treffen, die Berliner sind über die Mattscheibe sichtbar, gibt es glücklicherweise auch erheiternde Szenen. In der Hochzeitsszene, als sich die beiden Bräute (Bettina Lieder in Dortmund und Annika Meier in Berlin) gegenseitig ankeifen: „Das ist MEINE Hochzeit! Meine Hochzeit! Vielleicht hörst du mal besser zu! Ich bin die Braut!“ Auch die Hochzeitgäste sind involviert, bis sie ihre Rollen verlassen und über die Schauspielerei diskutieren.

Die Parallelwelt: Rechts unten ist sind die dreidimensionalen Schauspieler zu sehen. (v.l.n.r.) Frank Genser,  Peter Moltzen, Annika Meier, Sina Martens, Bettina Lieder, Xenia Snagowski, Merle Wasmuth, Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck, Jan Isaak Voges (Kamera), Tobias Hoeft (Kamera). (Foto: Birgit Hupfeld)
Die Parallelwelt in Dortmund und Berlin: Rechts unten ist sind die dreidimensionalen Schauspieler zu sehen. (v.l.n.r.) Frank Genser, Peter Moltzen, Annika Meier, Sina Martens, Bettina Lieder, Xenia Snagowski, Merle Wasmuth, Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck, Jan Isaak Voges (Kamera), Tobias Hoeft (Kamera). (Foto: Birgit Hupfeld)

Für die Musik
zeichnete sich der musikalische Leiter des Schauspielhauses Tommy
Finke verantwortlich. Neben barocken Klängen wurde gegen Ende von
den Schauspielern auch „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode
gesungen.

An den Konzept von
Multiversen fasziniert natürlich die Vorstellung, dass es unendliche
Möglichkeiten gibt. Samiel, eine Figur aus dem „Freischütz“ und
im hebräischen Ursprung eine Art gefallener Erzengel, erklärt der
Pflegerin/Hebamme was es mit Quantenobjekten auf sich hat: „Sie
sind vielleicht Wellen, oder vielleicht gerade Teilchen, vielleicht
gerade lebendig oder vielleicht gerade auch nicht. In diesem Moment
sind sie am wahrscheinlichsten gerade ein Haufen Möglichkeiten, so
ziemlich alle, die es gibt gleichzeitig.“

Letztendlich ist
„Die Parallelwelt“ auch eine Hommage an das Theater, auch ein
Ort, in dem Parallelwelten entstehen. Hier kann die Vorstellung die
Wirklichkeit verändern und die Würstchen der Wahrheit, die für uns
gebraten werden, müssen wir nicht essen, zitiert Andreas Beck alias
Fred im Altenheim aus der „Rede an das unmögliche Theater“ von
Wolfram Lotz.

Am Ende sind wir
wieder bei der Geburt und Tod angekommen, nur diesmal wir in Dortmund
geboren und in Berlin gestorben. Uwe Schmieder als Baby Fred und
Josefin Platt als sterbender Fred sind durch eine Nabelschnur durch
Raum und Zeit miteinander verbunden.

Ein Abend voller
Eindrücke, die sich in die Netzhaut brannten, dargeboten von zwei
engagierten und gut aufgelegten Ensembles. Das Zusammenspiel zwischen
beiden Gruppen funktionierte hervorragend. Der Theaterabend zeigte,
was modernes zeitgenössisches Theater möglich machen kann.

Mehr Infos zu Karten
gibt es unter www.theaterdo.de




Politisch, aber mit Ästhetik – das Theaterfestival Favoriten 2018

18 Produktionen präsentiert das Theaterfestival Favoriten 2018 vom 06. bis 16. September 2018. Das künstlerische Zentrum ist das Theater im Depot, doch auch weitere Orte in der Nordstadt werden bespielt. So etwa das Dietrich-Keuning-Haus oder der Rekorder in der Gneisenaustraße. Auch im Union Gewerbehof, der Alten Schmiede in Huckarde oder in der Zeche Friedlicher Nachbar in Bochum gibt es Aufführungen.

Beim Festival der freien Szene geht es nicht nur um das Theater, sondern es werden die Künste Tanz, Performance oder Musik integriert. Das Motto der künstlerischen Leitung lautet: Wie kann Kunst politisch agieren, aber ästhetisch. Die Besucherinnen und Besucher haben in den nächsten Tagen die Gelegenheit, diesen Anspruch unter die Lupe zu nehmen.

Wenn es ein Genre gibt, das Theater, Musik, Tanz und Performance vereinen kann, dann ist es die Oper. Erstaunlicherweise kommt man der Oper bei manchen Produktionen entgegen, aber nicht in der klassischen Form. Den Anfang macht „Ingolf wohnt“ von Daniel Kötter und Hannes Seidl in der Mittelhalle des Depots. Hier wird die Oper ins Alltägliche verortet. Eine interessante Kombination zwischen Film und begehbaren Objekt (die Wohnung von Hobby-Bastler Ingolf Haedicke im Zustand von ca. 1985).

Manche kennen das Pauschenpferd noch vom Turnunterricht, in der Produktion „Surround“ in der Alten Schmiede in Huckarde am 07.09.18 steht so ein Turngerät im Mittelpunkt des Geschehens. Hier verbinden sich Tanz und Elemente aus dem Zirkus zu einer ästhetischen Diskussion um Demokratie. Wen schließt die Demokratie ein und wen aus? Wer hängt an der Macht?

Szenenbild aus "Sourround" von Tim Behren. Zu sehen in der Alten Schmiede am 07.09. um 19 Uhr. (Foto: © Ingo Solms)
Szenenbild aus „Sourround“ von Tim Behren. Zu sehen in der Alten Schmiede am 07.09. um 19 Uhr. (Foto: © Ingo Solms)

Um das große Thema Kommunikation drehen sich drei Produktionen. „Unlikely creatures (II) – we dance for you“ von Verena Billinger und Sebastian Schulz beschäftigen sich um Gesellschaft und Öffentlichkeit. Popmusik, Satzfetzen aus Talkshows und Textfragmente prasseln auf die Zuschauer und Tänzer ein, die sehr gut die Überforderung des Einzelnen im immer mehr anschwellenden Informationsflut darlegt. So sehen am 08.09. um 21 Uhr in der Mittelhalle des Depots.

Um private Kommunikation geht es in „Wir fangen nochmal an“ von Anna-Lena Klapdor am 15.09. um 19 Uhr im Theater im Depot. Hier werden Feldpostbriefe und zeitgenössische SMS-Nachrichten miteinander verknüpft, in Dauerschleife gesetzt und in Dauerschleife von einem Chor rezitiert.

Wer am 08.09. schon im Depot ist, kann sich bereits um 19 Uhr die Produktion „Sonderbare Irre“ von SE Struck und Alexandra Knieps anschauen.Hier geht es um die neuen Medien, vor allem um die sozialen Medien, die den Typus des Selbstdarstellers befördert hat. Hier werden Posen von Instagram in tänzerisches Material umgewandelt. Das Smartphone kann als virtuelles Opernglas benutzt werden.

Auf Konzerte der besonderen Art können sich die Besucher ebenfalls freuen. Beispielsweise bei „Within“ von Tarek Atoui. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie hören eigentlich gehörlose Menschen Musik? Herbert Grönemeyer hat zwar schon eine Antwort: „Sie hört Musik nur wenn sie laut ist“, aber bei „Within“ am 16.09.18 werden wir um 17 Uhr in der Mittelhalle des Depots Musik mit allen Sinnen genießen können. Dabei wird extra ein für Dortmund entwickeltes Instrument ertönen.

Mit „Poems of the daily madness“ kommen wir in die Nachbarstadt Bochum. Claudia Bosse präsentiert am 13.09. um 21 Uhr in der Zeche Friedlicher Nachbar eine begehbare Oper. Es treten die allegorischen Figuren Poems, Hate crime, Madness und Terror auf. Die Frage, die im Raum steht, lautet angesichts der Schreckensmeldungen in den Nachrichten: Bewegen wir uns oder werden wir bewegt?

Wenn es eine Künstlerin im arabischen Raum gab, deren Ruhm einer Callas vergleichbar war, dann war es die ägyptische Sängerin Oum Kaltoum. Ihr wird beim Konzert am 12.09. um 20 Uhr im Theater im Depot gedacht. Interpretiert werden ihre Lieder von der Opernsängerin Ruth Rosenfeld , dem Gastsänger Abdulrahman Afar und dem NRWedding Orchestra for Middle Eastern Music unter der Leitung von Ariel Efraim Ashbel.

Das gesamte Programm und weitere Information zu Karten und Preise finden Sie unter: http://favoriten-festival.de/




Sonderbare Rehe auf dem Hauptfriedhof

Der Dortmunder Hauptfriedhof gehört zu einer der eindrucksvollsten Grünanlagen Dortmunds und größten Friedhöfen Deutschlands, wenn man der Wikipedia Glauben schenken mag. Hier war der Schauplatz von „Rehe auf der Lichtung“ von artscenico. Rolf Dennemann, der Kopf von artscenico und sein Team schufen eine sogenannte Stationen-Performance zum Thema Altern. Nach zehn Jahren kehrte Dennemann auf den Hauptfriedhof zurück. Ars tremonia war bei der ersten Tour am 07.07.18 dabei.

Georgios Kouldakidis war unser Guide. Bewaffnet mit einer Vogellockpfeife gingen wir in einer Gruppe von etwa 20 Menschen auf „Safari“. Doch vorher sollten wir unter der mächtigen Platane gegenüber der Trauerhalle für fünf Minuten unseren Gedanken freien lauf lassen, ähnlich den Philosophen in der Antike. Danach machten wir uns auf den Weg.

Ab und an kamen wir an besonders gekennzeichneten Orten vorbei und Georgios lockte eines der Rehe an, die unterschiedliche Verhaltensweisen an den Tag legten. Das scheue Reh zeigte sich nicht, dafür gab es beispielsweise ein tanzendes Reh oder ein quakendes Reh am Teich. Einem Rehkitz wurde die „Internationale“ vorgesungen. Die Darsteller der Rehe waren Laien.

Zwischendurch gab es auch noch Beratungspunkte, bei der den Teilnehmern humorvoll erklärt wurde, wie man im Alter würdevoll leben könnte. Vor allem, damit man nicht das Schicksal der Oma bei der ersten Station erleidet. Sie wurde wie ein Kleinkind behandelt und vom Enkel (Matthias Hecht) zum Lied „Oma so lieb“ von Heintje mit Schokolade gefüttert.

Elisabeth Pleß versucht das "Einsitzen" als Alternative zum Altenheim schmackhaft zu machen.
Elisabeth Pleß versucht das „Einsitzen“ als Alternative zum Altenheim schmackhaft zu machen.

Die weiteren Station brachten handfestere Tipps. Warum nicht im Alter als „Sonderling“ agieren, fragte Thomas Kemper, der es sich in einem Kompostbehälter gemütlich machen. Im Bademantel durch die Gegend laufen ist vielleicht etwas „Dittsche“-like, aber es gibt sicher noch einige Spleens, die man pflegen könnte. Man sollte es mit dem Sonderling nur nicht übertreiben, sonst landet man an etwas ungemütlicheren Orten, die mit „Psych“ anfangen.

Etwas ungefährlicher ist das Hobby „Ornithologie“, die der Vogelkundler (gespielt von Sascha von Zambelly) uns präsentierte. Der Papageno konnte tatsächlich einige Vögel in unseren offenen „Seminarraum“ locken. Sichtlich erfreut war er über das Ausscheiden der „brasilianischen Schreischwalbe“.

Mit vielen Informationen machten weiter auf dem Weg und kamen zu einem Ort, an dem uns Elisabeth Pleß fragte, ob das Einsitzen (Gefängnis) im Alter nicht eine gute Alternative zum Leben im Altenheim sei. Wir überlegten gemeinsam, welches Verbrechen (keine Gewalt!), uns ermöglichen würde, einen bequemen Altersruhesitz in der örtlichen JVA zu bekommen. Cyberkriminalität oder Geldfälschen wären sicher gute Möglichkeiten.

Eine andere Art des angenehmen Lebens im Alter ist die des Heiratsschwindlers. Hier zeigte wieder

Matthias Hecht sein schau-spielerisches Können, indem er uns „Seminarteilnehmern“ die Tricks und Kniffe eines professionellen Herzensbrechers näher brachte. Ob es hilft? Seinen Charme auszuspielen kann in jedem Fall nicht schaden.

Nach diesen intensiven zwei Stunden war dann auch Schluss. Bei Getränken und kleinen Speisen konnten die Besucher mit den Rehen, die von Laien dargestellt wurden, und den anderen Schauspielern ins Gespräch zu kommen.

Eine ironisch-skurrile Stationen-Performance, die eine Anregung sein kann, dem Alter nicht nur passiv und hilflos, sondern vor allem mit Mut und Humor entgegen zu gehen.

Es war zudem eine Entdeckungstour der besonderen Art. Nach der Veranstaltung schaut man doch anders auf den Dortmunder Hauptfriedhof. Auch wenn auf dem Ostfriedhof sicherlich die schöneren Grabmäler zu finden sind (etwas Lokalpatriotismus muss sein), die Weite und die Natur machen den Hauptfriedhof zu einem besonderen Ort.

Auf jeden Fall gilt mein Dank Rolf Dennemann und seinem Team, der uns neue Facetten des Hauptfriedhofes gezeigt hat.




Musik aus Videospielen im Konzerthaus

Die Computermusik ist die jüngere Schwester der Filmmusik. Beide schaffen eine Bild-Ton-Beziehung. Aber während der Film in der Regel nach 90 Minuten vorbei ist, kann ein Spiel über 100 Stunden dauern. Eine ziemliche Herausforderung für einen Komponisten.

War in den 80er Jahren noch die Technik das Limit, so wurden die Produktionen nach und nach umfangreicher und der orchestrale Sound hielt auch in Computerspielen Einzug.

Musik für Computer- und Videospiele gespielt von den Dortmunder Philharmonikern. (Foto: © Magdalena Spinn)
Musik für Computer- und Videospiele gespielt von den Dortmunder Philharmonikern. (Foto: © Magdalena Spinn)

Am 11.06.18 präsentierten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster im Konzerthaus Dortmund „Video Game Music in Concert“. Den Beginn machte ein Stück einer Legende unter den Videospielkomponisten: Chris Hülsbeck. Zu hören war „Katakis“ aus dem Jahre 1988.

Die rasante Entwicklung der Technologie kann man am besten am mobilen Telefon sehen. Das frühere Handy hat sich zum Smartphone entwickelt, mit dem man fotografieren, Spiele spielen oder durchs Internet surfen kann. Und die Spiele klingen gut, was an Komponisten wie Martin Schjøler (Clash of Clans) liegt oder den Finnen von „Angry Birds.

Durch das Programm führte Sofia Kats, die den überwiegend jüngeren Zuhörern im Konzerthaus die Funktion und Geschichte der Videospielmusik näher brachte.

Ein Schwerpunkt des Programms lag auf dem japanischen Komponisten Nobou Uematse, der bekannt ist als Komponist der „Final Fantasy“ Reihe. Zu hören waren neben „Final Fantasy“ auch Auszüge aus „Blue Dragon“. Von Hirko Kikuta wurde das Hauptthema von „Secrets of mana“ gespielt.

Als Vergleich zu der Videospielmusik wurde die Sinfonische Dichtung „Finlandia“ von Silbelius gespielt. Schon hier sind Elemente zu hören, die die späteren Videospielkomponisten aufgreifen.

Das Konzert zum Thema „Computer- und Videospielmusik“ war ein großer Erfolg. Aber es gibt noch viel mehr zu entdecken. Die Computerspielmusik der 80er Jahre (z.B. Monkey Island) fehlte mir persönlich und auch Komponisten wie Jeremy Soule (Guild Wars, Oblivion) bieten viel spät romantische Musik für ein Orchester wie den Dortmunder Philharmonikern.




Täglich Brot – ein Stück über Arbeit

Die Theaterwerkstatt am Theater im Depot präsentiert am 15.06.18 ihre Premiere „täglich brot“ um 20 Uhr im Theater im Depot. Dabei geht es nicht um den religiösen Begriff as dem „Vater unser“, sondern um die Arbeit, den Broterwerb. Das Stück von Gesine Danckwart wird mit eigenem Material (Statistiken und anderen) ergänzt.

Es scheint in dieser Zeit zwei Möglichkeiten zu geben: Entweder man geht an zuviel Arbeit kaputt (Burn-out) oder an zu wenig (Arbeitslosigkeit). Die unterschiedlichen Aspekte der Arbeitswelt hat Danckwart in ihrem Stück „täglich Brot“ (UA 2001) anhand von verschiedenen Charakteren herausgearbeitet. Es gibt den Arbeitslosen, der sein Leben strukturieren muss, die Hausfrau und Mutter, die Managerin, für die Arbeit alles ist und die Praktikantin, die am Anfang ihrer Karriereleiter steht.

Winston Churchill soll gesagt haben: Winston Churchill Es gibt drei Sorten von Menschen: solche, die sich zu Tode sorgen; solche, die sich zu Tode arbeiten; und solche, die sich zu Tode langweilen. (Foto: © Barbara Müller)
Winston Churchill soll gesagt haben: Es gibt drei Sorten von Menschen: solche, die sich zu Tode sorgen; solche, die sich zu Tode arbeiten; und solche, die sich zu Tode langweilen. (Foto: © Barbara Müller)

Karriereleiter ist ein gutes Stichwort für die Bühne: der bildende Künstler Mathias Schubert hat die Bühne mit Leitern und Schrauben konstruiert. So bilden sie das tägliche Hamsterrad und die Karriereleitern ab, auf denen man hinauf- und wieder hinabsteigen kann.

Die acht Schauspielerinnen und Schauspieler sind allesamt Laien. Sie bringen eine Produktion im Jahr auf die Bühne. Seit September vorigen Jahres haben sie zwei Stunden pro Woche geprobt und haben in den vergangenen Wochen in Wochenenden intensiv gearbeitet. „Das Stück ist unglaublich anspruchsvoll“, findet Barbara Müller, seit 2004 die Leiterin der Theaterwerkstatt. Trotz des ernsten Themas gibt es in dem Stück durchaus poetische Momente. Zusätzlich hat Müller auch drei Choreografien eingebaut.

Das Stück dauert 90 Minuten ohne Pause. Weitere Termine sind 16.06.18 um 20 Uhr, 17.06.18 um 18 Uhr sowie 21.06.18 um 20 Uhr.

Der Eintritt beträgt 10 € (5 € ermäßigt) Karten gibt es unter ticket@theaterimdepot.de oder 0231/9822336




Klangvokal 2018 – Renaissancemusik aus Spanien und England

Am 09. Juni 2018 gab es ein Wiedersehen mit dem Ensemble „The Tallis Scholars“ unter der Leitung von Peter Philipps . Bereits 2015 spielten sie im Rahmen von „Klangvokal“ in der Propsteikirche. Vor drei Jahren erklang eine Mischung aus Komponisten der Renaissance und dem estnischen Komponisten Arvo Pärt. 2018 erklang Musik aus Spanien und Großbritannien.

Das „The Tallis Scholars“ wahre Meister in der Renaissancemusik sind, konnte man schon vor drei Jahren erleben. Sie haben in ihrer Qualität keinesfalls nachgelassen. Das Konzert war zweigeteilt. Zu Beginn standen die drei spanischen Komponisten Sebastián de Vivanco, Christóbal de Morales und Pedro de Escobar im Fokus.

Musik der Renaissance in mit hohen gesanglichen Ansprüchen - The Tallis Scholars beim Klangvokal 2018. (Foto: © Bülent Krischbaum)
Musik der Renaissance mit hohen gesanglichen Ansprüchen – The Tallis Scholars beim Klangvokal 2018. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Vor allem de Morales (1500-1553) war ein bedeutender und fleißiger Komponist in Spanien. Er schrieb über 100 Motetten und unzählige Messen. Von de Morales waren die „Klagelieder Jeremias“ zu hören, die die „Tallis Scholars“ in gewohnt erstklassiger Manier umsetzten. Auch beim „Requiem“ von de Escobar präsentierten sich Sängerinnen und Sänger von ihrer besten Seite.

Zu einem der berühmtesten englischen Komponisten der Renaissance gehört mit Sicherheit William Byrd (1539-1623). ähnlich wie sein Lehrer Thomas Tallis, lebte er in einer religiös heiklen Zeit. Byrd komponierte zunächst für den anglikanischen Gottesdienst, später für den katholischen. Zu hören waren „Vigilate“ und „Laetentur coeli“ aus dem „Liber primus sacrarum cantionum (Cantiones Sacrae I)“, die aus der katholischen Phase stammten sowie das Klagelied über seinen verstorbenen Lehrer Tallis „Ye sacred muses“. Zwei Generationen vor Byrd lebte Robert Fayrfax (1464-1521) von dem zwei Stücke zu hören waren.

Wenn jemand die Vokalmusik der Renaissance zum Leben erwecken kann, dann sind es die „Tallis Scholars“. Die zehn Sängerinnen und Sänger schaffen es mühelos, den Zuhörer auf eine Reise in die Zeit von Heinrich VIII. oder Elisabeth I. zu schicken.




Klangvokal 2018 – Ungewöhnliche und reizvolle Klangkombination

Englisch-schottischer Folk und traditionelle indische Musik in einem Konzert? Das klingt zunächst wie Fish & Chips mit Chicken Masala. Doch James Yorkston, Jon Thorne und Suhail Yusuf Khan machten am 07. Juni das domicil zum Schauplatz einer gelungenen musikalischen Melange.

Gitarre, Kontrabass und Sarangi bilden einen spannenden musikalischen Raum, der die Sinne erweitert. Die Lieder des Trios, die in der Formation erst zum zweiten Mal in Deutschland auftreten, haben in der Regel folgende Struktur: Yorkston beginnt mit Gitarre und Gesang, danach setzt der Kontrabass von Thorne mit jazziger Improvisation ein. Gegen Mitte des Liedes „übernimmt“ Khan mit seinem Sarangi und seinen Gesang auf Hindi. Dadurch werden die meisten Lieder etwa 10 bis 15 Minuten lang und haben etwas meditatives und psychedelisches an sich.

Außergewöhnliche Klangmelange englisch-indischer Art: Yorkston, Thorne, Khan beim Klangvokal 2018. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Außergewöhnliche Klangmelange englisch-indischer Art: Yorkston, Thorne, Khan beim Klangvokal 2018. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Die Themen der Lieder umfasst eine große Bandbreite: Ein altes Hochzeitslied aus der Familie von Kahn wird zum besten gegeben, ebenso wie ein melancholisches Lied über einen verstorbenen Mitmusiker („Broken Wave“).

Das interessanteste Instrument spielte natürlich Khan mit seiner Sarangi. Dieses kastenförmige Streichinstrument ist ein Teil der klassischen indischen Musik sowie der Volksmusik. Sie besitzt viele Saiten: drei Melodiesaiten, eine Bordunsaite und über 30 Resonanzsaiten. Was dazu führt, dass Khan etwas länger braucht, um sein Instrument zu stimmen, die Wartezeit hat Yorkston aber humorvoll wegmoderiert. Khan benutzte zur Unterstützung seiner Musik auch Loops.

Letztendlich war das Konzert ein Erlebnis für Menschen, die Musik nicht in Schubladen stecken, sondern sich von der Begeisterung und Leidenschaft der Musiker mitreißen lassen. Und das ist meiner Meinung nach ein Erfolgsgeheimnis von Klangvokal: Alte Musik wieder zu entdecken und neue Musik kennenzulernen.




Motive für den Kunstkalender gesucht

Auch in diesem Jahr bewerben sich wieder 48 heimische Künstlerinnen und Künstler mit jeweils zwei Arbeiten um die Aufnahme in den Dortmunder Kunstkalender „Grafik aus Dortmund“. Bevor eine Jury die Auswahl für die zwölf Kalenderblätter des Jahres 2019 trifft, sind alle eingereichten Werke vom 8. Juni bis 1. Juli 2018 im Foyer des Dortmunder U zu sehen.

Bis zum 01. Juli zeigt die Ausstellung im Erdgeschoß des Dortmunder U Werke von 48 Künstlerinnen und Künstlern.
Bis zum 01. Juli zeigt die Ausstellung im Erdgeschoß des Dortmunder U Werke von 48 Künstlerinnen und Künstlern.

Der Kalender wird vom Kulturbüro in Zusammenarbeit mit dem Dortmunder Kunstverein herausgegeben und von der Sparkasse Dortmund finanziert. Er erscheint in limitierter Auflage und ist nicht käuflich zu erwerben. Traditionsgemäß überreicht Dortmunds Oberbürgermeister ihn zum Jahreswechsel als exklusives Präsent an Partner und Freunde im In- und Ausland.

Während der Ausstellung haben Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, die Originalgrafiken zu erwerben.

Die Ausstellung ist kostenlos zu den Öffnungszeiten des U zu sehen:

Di / Mi 11 bis 18 Uhr

Do / Fr 11 bis 20 Uhr

Sa / So 11 bis 18 Uhr

Mehr Informationen finden Sie unter www.grafik-aus-dortmund.de.




Klangvokal 2018 – Weltpremiere im Orchesterzentrum

Am 01. Juni 2018 stand eine öffentliche Weltpremiere auf dem Programm: Claudio Monteverdis „L‘Arianna“. Jetzt werden Sie sich fragen: Die Oper wurde doch schon 1608 uraufgeführt. Ja, aber wesentliche Teile waren verschollen, wie es leider mit vielen Opern von Monteverdi ergangen ist. Claudio Cavani, der Leiter der Gruppe „La Venexiana“ hat die fehlenden Teile rekonstruiert. So erklang zum ersten Mal seit 400 Jahren die vollständige Oper erneut.

Ein erlebnisreicher Ausflug in die Frühzeit der Oper durch das Ensemble La Venexiana. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Ein erlebnisreicher Ausflug in die Frühzeit der Oper durch das Ensemble La Venexiana. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Die Geschichte stammt wie Monteverdies erste Oper „L‘Orfeo“ aus der griechischen Mythologie. Theseus hat auf Kreta erfolgreich den Minotaurus besiegt und erhält die Königstochter Ariadne als Frau. Auf seinem Weg zurück nach Athen machen sie einen Zwischenstopp auf Naxos. Nach den Einflüsterungen seines Beraters lässt Theseus die schöne Ariadne zurück, worauf jene sehr verzweifelt ist und sich umbringen will. Als Retter in der Not erscheint der Gott Bacchus, der sich der armen Ariadne als Ehemann annimmt.

Das Stück selbst führt uns in die Anfänge der Oper. Bei „L‘Arianna“ gibt es keine Arien wie wir sie von Mozart oder Verdi kennen, es ist rezitativ aufgebaut. Die elf Sängerinnen und Sänger übernehmen nicht nur die einzelnen Figuren, sondern schließen sich auch zum Chor zusammen. Dabei überzeugt vor allem Raffaella Milanesi als Ariadne, besonders in ihre berührende Klage in der siebten Szene. Auch Riccardo Pisani (Theseus) zeigt sein Können, als er den griechischen Held zunächst als Verliebten präsentiert, später dann als Zweifler und Zögerer, angestachelt durch seinen hinterlistigen Berater (Luca Dordolo).

Die Musiker von „La Venexiana“ unter der Leitung von Davide Pozzi am Orgelpositiv und Cembalo präsentierten sich spielfreudig und versetzten die Besucher musikalisch in die Zeit des frühen 17. Jahrhunderts.

Monteverdis Musik steht zwischen Renaissance und Barock. Bei „L‘Arianna“zeigt er, was den Erfolg von Opern ausmacht: mit musikalischen Mitteln die unterschiedlichen Emotionen auszudrücken. Bei seiner zweiten Oper ist ihm das vorzüglich gelungen.