Schräge Ruhrpottkomödie mit Musik und „Omma“

Laut Wikipedia ist Popcornkino eine wenig gehaltvolle Filmproduktion
mit vornehmlichen Unterhaltungscharakter. Unterhaltungscharakter ja,
aber über das „wenig gehaltvolle“ kann man streiten, denn
Unterhaltung kann sehr wohl gehaltvoll sein. Wie komme ich von der
Premiere von „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ am
16. Februar 2019 zum Popcornkino? Weil das Stück im besten Sinne
Unterhaltungstheater ist, quasi Popcorntheater.

Aus der Vorlage des
gleichnamigen Buches von Anna Basener machte die Regisseurin Gerburg
Jahnke eine leicht bekömmliche Theaterkomödie mit Musik. Die
Hauptfigur, die „Omma“, wurde von Anke Zillich gespielt. Vor
allem zu Beginn interagierte sie sehr aktiv mit dem Publikum und
erläuterte erst einmal das Geheimnis eines „Samtkragen“. Das ist
ein Getränk aus drei Teilen Korn und einen Teil Boonekamp. Wobei der
Boonekamp sachte auf den Korn geschüttet wird. Die Zuschauer spüren
sofort, dass Anke Zillich die Omma mit Herz und Leidenschaft spielt.

Die Omma ist auch
Dreh- und Angelpunkt des Stückes. Als Hauswirtschafterin in einem
Bordell wird sie schnell zur guten Seele für die Huren. Vor allem
für Mitzi. Nachdem sie sich den brutalen Zuhälter Herbert entledigt
hatten, bauen Mitzi und Omma das Bordell in eine Pension um. Doch
Mitzi kann ihr altes Gewerbe nicht vergessen. Dummerweise lacht sie
sich den noch brutaleren Blazek an. Jetzt ist guter Rat teuer. Mitzi
und Omma täuschen Mitzis Tod vor. Auf der Beerdigung lernt Ommas
Enkelin Bianca den Polizisten Bernhard kennen.

Freundinnen fürs Leben: "Omma" (Anke Zillich) und rechts die Hure Mitzi (Frederike Tiefenbacher). Foto: © Birgit Hupfeld
Freundinnen fürs Leben: „Omma“ (Anke Zillich) und rechts die Hure Mitzi (Frederike Tiefenbacher). Foto: © Birgit Hupfeld

Dann überschlagen
sich die Ereignisse: Omma verschwindet zu ihrer in Berlin wohnenden
Tochter Bianca. Diese entdeckt, dass Mitzis Grab leer ist und
plötzlich tauchen Bernhard, die tot geglaubte Mitzi und der brutale
Blazek auch in Berlin auf.

Das Stück ist eine
Reminiszenz an das Ruhrgebiet und seine Einwohner. Die Omma trägt
das Herz immer auf dem richtigen Fleck und geht dabei auch resolut
vor. So vertreibt sie Louise, die „über korrekte“ Mitbewohnerin
von Bianca, nach einem kurzen, aber heftigen Wortgefecht. Auch
Zuhälter Herbert räumt sie aus dem Weg.

Hingegen ist Bianca
noch eine Frau, die ihren Weg sucht. Sie versucht sich bisher
erfolglos in der Berliner Kreativszene durch das Designen von
Unterwäsche. Durch ein Missverständnis gibt ihr Bernhard für Sex
Geld, was Bianca völlig verwirrt. Ist sie etwa auch eine
Prostituierte? Caroline Hanke spielt die Bianca in ihrer
Zerrissenheit sehr schön, gut zu sehen bei der Autofahrt zu Mitzis
Grab. Mitzi wird dargestellt durch Friederike Tiefenbacher, die erst
im zweiten Teil „leibhaftig“ dazukommt. Ihr fataler Hang nach
(älteren) starken Männern bringt die Handlung in dramatische
Fahrwasser. Alle anderen Schauspieler (Mario Lopatta, Jens Kipper,
Andreas Beck, Louise Kinner, Kevin Wilke, Ralf Kubik) spielen
meistens mehrere Rollen. So werden die drei Prostituierten Ulla,
Maria und Schantall durch Männer gespielt.

Das Stück ist eine
musikalische Komödie, daher gab es auch einige Songs, die von
einzelnen oder mehreren Darstellern zu Gehör gebracht wurden. Die
Texte stammen von der Autorin des Buches, Anna Basener, die Musik von
Tommy Finke. Die Lieder waren gelungen und abwechslungsreich
(Schlager, Rock bis hin zum schwermütigen polnischen Walzer).
Basener gelang es (vor allem beim Abschlusssong) eine wichtige
Botschaft unterzubringen, den Respekt vor den Frauen, die im ältesten
Gewerbe der Welt arbeiten: „Du sollst nicht die Damen reizen, die
für dich die Beine spreizen.“

Somit komme ich zum
Fazit: „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ ist
Popcorntheater im allerbesten Sinne. Gut gemachte Unterhaltung, tolle
Schauspieler, viel Musik und gute Laune. Kritiker mögen bemängeln,
dass der „Slang“ der Omma zuviel Ruhrpottklischee widerspiegelt,
doch Originale bleiben Originale. Es ist eher schade, dass sie mit
der Zeit aussterben.

Weitere Infos zu
Karten und Termine unter www.theaterdo.de




Hedda Gabler – destruktiv aus Langeweile

Das hatte sich Hedda
irgendwie anders vorgestellt: Die Ehe mit dem Gelehrten Jörgen
Tesman ist nicht im geringsten aufregend, zumal seine Ernennung als
Professor in den Sternen steht, die alte verschmähte Jugendliebe
wird plötzlich erfolgreich und selbst einfältige Landfrauen wie
Frau Elvsted begehren aus ihrer kleinbürgerlichen Welt auf. Für
Hedda steht fest: The thrill is gone. Langeweile macht sich breit und
diese Langeweile gebiert Monster. Um ihre bürgerliche Sicherheit und
die positive Perspektive für ihren Ehemann zu erhalten, macht sich
Hedda dran, Menschen zu manipulieren und zu zerstören. Sie schafft
sie es nicht, sich zu emanzipieren und für ihre Jugendliebe Lövborg
zu entscheiden. So endet sie schließlich tragisch. Regisseur Jan
Friedrich durchbricht in seiner Inszenierung das naturalistische
Stück und erzählt es als Art Seifenoper mit Lachern vom Band. Ein
Premierenbericht vom 15. Februar 2019.

Die literarische
Figut der Hedda Gabler von Henrik Ibsen kommt nicht gerade
sympathisch daher. Sie hasst ihren Ehemann Jörgen und seine Tante
Julle, ist eifersüchtig auf ihre Bekannte Thea Elvsted, da sie
zusammen mit Heddas Jugendliebe Lövborg ein neues Leben plant. Daher
versucht sie das Leben von Lövborg und Thea zu zerstören. Nebenbei
hat sie noch ein Verhältnis mit dem Hausfreund Brack. Auf einer
Sympathieskala von 0 bis 10 würde sie wahrscheinlich im
Negativbereich landen.

Das große Problem
von Hedda ist, dass sie aus einer gutbürgerlichen Schicht (sie ist
die Tochter eines Generals) durch die Heirat mit Jörgen Tesman in
die Kleinbürgerlichkeit abgestiegen ist. Ihre einzige Hoffnung ist,
dass ihr Mann eine Professorenstelle bekommt und dadurch ihr sozialer
Status wieder steigt. Doch mittlerweile hat sich in ihrem Leben die
Langeweile breit gemacht.

Auch der perfekte Hausmann Jörgen (Ekkehard Freye) kann Hedda (Bettina Lieder) nicht aus ihrer Langeweile befreien. (Foto: © Birigt Hupfeld)
Auch der perfekte Hausmann Jörgen (Ekkehard Freye) kann Hedda (Bettina Lieder) nicht aus ihrer Langeweile befreien. (Foto: © Birigt Hupfeld)

Friedrich inszeniert
das Stück in zwei Ebenen. Die erste ebene ist durch Künstlichkeit
geprägt und findet in einer sauberen „Barbie und Ken“-Welt
statt. Hier tragen die Schauspieler Puppenmasken werden von externen
Kolleginnen und Kollegen quasi „synchronisiert“. Wie in einer
Seifenoper – inklusive Lacher vom Band – wird die scheinbar heile
Welt, in der es keine Konflikte gibt, dargestellt. Doch wehe, wenn
die Masken fallen.

Bettina Lieder als
Hedda Gabler hat einen schweren Job und sie meistert ihn vorzüglich.
Denn neben der oberflächlichen Barbie-Hedda, muss sie auch die
intrigante Hedda zeigen. Sehr eindringlich gelingt ihr das beim
Quälen von Thea Elvsted. Keine Angst, hier wurde Thea durch eine
Puppe gespielt.

Hedda hat es mit
sehr schwachen Männern zu tun. Ihr Ehemann Jörgen (gespielt von
Ekkehard Freye) ist ein Bücherwurm par exellance und ganz in seiner
Kleinbürgerlichkeit gefangen. Er setzt seine Frau mit seinem
Kinderwunsch unter Druck und bemerkt nicht, dass er keinen richtigen
Kontakt zu ihr bekommt. Eine typische Szene ist, als Jörgen sich
freut, dass Tante Julle ihm seine Pantoffel mitgebracht hat. Er ist
halt ein echter „Pantoffelheld“. Hedda nennt sie ihm am Anfang
des Stückes konsequent „Herr Tesman“. Doch ihre Manipulationen
führen nicht zum gewünschten Erfolg, auch Lövborg nimmt ḱeinen
„schönen Tod“. In letzter Konsequenz tötet sich Hedda selbst.
Tod durch Langeweile.

Ejlert Lövberg
(gespielkt von Christian Freund) könnte zum Held des Stückes
werden, ja wenn er etwas gefestigter im Leben wäre. Er verachtet
Thea Elvsted, obwohl sie für ihn ihren Mann verlassen will und ihn
von seinem Alkoholismus befreit hat. Doch leider ist er standhaft wie
ein Kartenhaus und unter Heddas Einfluss beginnt er wieder zu trinken
und verliert das Manuskript seines kommenden Buches.

Den schmierigen
Charakter Brack spielt Uwe Rohbeck. Brack ist ein Mensch, der genau
weiß, wo und wie er einen Vorteil bekommt. Er erkennt sofort die
Differenzen zwischen Jörgen und Hedda und nistet sich als Liebhaber
ins Hause Tesman ein. Darüber hinaus bekommt er mit wie Hedda das
Manuskipt von Lövborg vernichtet.

Jetzt könnte man
sagen, Hedda ist eine starke Frau, die sich gegen drei schwache
Männer durchsetzen muss, aber leider behandelt sie ihre
Geschlechtsgenossin Thea Elvsted (Alexandra Sinelnikova) genauso
mies. Thea wird als Gewinnerin aus der Geschichte herausgehen, denn
sie hat als einzige den Mut, sich aus der kleinbürgerlichen Ehe zu
emanzipieren. Sie verlässt ihren Mann und wird höchstwahrscheinlich
mit Jörgen zusammenkommen, da die beiden an den erhaltenen Notizen
von Lövborg weiterarbeiten werden.

Bleibt als weitere
Figur Tante Julle (Marlena Keil). Die Ausgeburt der
Kleinbüprgerlichkeit und dient quasi als Sidekick für die
Inszenierung. Sie opfert ihr Leben und ihr Geld wie
selbstverständlich für ihren Neffen und lässt sich auch durch
Heddas Verachtung nicht aus der Ruhe bringen.

Sicher, die
Inszenierung eines Stückes aus der Zeit des Naturalismus mit
Barbie-Puppen und Lachern aus dem Off wird nicht jedem gefallen. Doch
es zeigt sehr gut die Künstlichkeit, die sich hinter der Fassade
versteckt. Bettina Lieder ist mit ihrer Präsenz und Wandelbarkeit
eine nahezu perfekte Hedda, ebenso in ihren verletzlichen wie
boshaften Momenten.

Infos über weitere
Termine und Karten gibt es unter www.theaterdo.de




Mit Musik Brücken bauen

„Marten
liebt Vielfalt – Musik stärkt den Gemeinsinn“: Unter diesem
Motto startet das Martener Forum ab Mitte Februar im Stadtteil eine
Veranstaltungsreihe, die Marten als Ort des friedvollen
Zusammenlebens präsentieren und musikalisch Brücken bauen möchte.
Aufgrund der aktuellen Erfahrungen wollen die Veranstalter Marten als
Ort des friedvollen Zusammenlebens aller hier lebenden Menschen
sichern, Vielfalt als Bereicherung erfahrbar machen und Gemeinsinn
mit musikalischen Zugängen stärken, um rechtsextremistischen
Ansinnen den Boden entziehen. „Ich bin sehr glücklich darüber,
dass die Veranstaltungsreihe Marten die Chance gibt, Menschen
miteinander zu verbinden und das Thema Vielfalt gerade zum 70.
Geburtstag unseres Grundgesetzes in den Mittelpunkt zu stellen“,
sagt Monika Rößler, Sprecherin des Martener Forums.

Die
musikalische Veranstaltungsreihe startet am Donnerstag, 14. Februar,
19.30 Uhr in der katholischen Kirche Hl. Familie im Sadelhof 16 in
Dortmund-Marten.

Unter
dem Titel „Barockmusik – Hochaktuell“ wird gespielt,
getanzt und gesungen. Der Chor „Cantamus“ und Solistinnen und
Ensembles der Barockakademie der Musikschule Dortmund unter der
Leitung von Barbara Bielefeld-Rikus spielen Werke u.a. von Bach,
Lully, Dowland und Purcell. Kulturdezernent Jörg Stüdemann sowie
Paul Stamm, ehemals Superintendent der Ev. Kirche, sprechen
Grußworte.

Der
Eintritt zu der Auftaktveranstaltung und den weiteren Veranstaltungen
ist frei. Um Spenden bittet der gemeinnützige Förderverein
Dortmund-Marten und Germania e.V. über seine Website
www.dortmund-marten.de
oder auf
sein Konto IBAN: DE61 4405 0199 0061 0218 25, bei der Sparkasse
Dortmund unter dem Stichwort „Vielfalt“.

Zu den
Partner der Kampagne gehört neben dem Martener Forum die
Evangelische Elias-Kirchengemeinde Dortmund, die Katholische
Kirchengemeinde Heilige Familie Marten im Pastoralen Raum Dortmunder
Westen, die Neuapostolische Kirche – Marten, Musikschule Dortmund,
das Orchesterzentrum NRW, die Auslandsgesellschaft NRW und die
Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie der Stadt
Dortmund.

Die Organisatoren der musikalischen Veranstaltungsreihe hoffen auf viele Besucher. (Foto: © Stadt Dortmund)

Gerhard
Stranz, der Initiator dieser Kampagne, ist begeistert von der großen
Bereitschaft vieler und insbesondere junger Musiker und Musikerinnen,
mit aktivem Tun ein Zeichen für ein friedvolles Zusammenleben zu
setzen und vom Zusammenhalt der Beteiligten in Marten, die in kurzer
Zeit die Voraussetzung geschaffen haben, dass diese Begegnungen über
Musik möglich werden.

Weitere
Konzerte sind bereits verabredet und geplant, so mit dem
Jugendsinfonieorchester Dortmund, Schulorchestern, Schul-Big-Band und
Schulchören. Die Mitwirkung von Menschen mit Migrationshintergrund
und Fluchterfahrungen, auch für Familien mit ihren Kindern ist
vorgesehen.

Die
Konzertreihe versteht sich als Bestandteil des Stadtprojektes für
Vielfalt, Toleranz und Demokratie.

Weitere
geplante Veranstaltungen:

Am 21.
März, am internationalen Tag gegen Rassismus, werden das
Schulorchester, Big Band und Chöre des Bert-Brecht-Gymnasiums sowie
der Chor der Neuapostolischen Kirche in Marten spielen. „Unsere
Zukunft liegt in deiner Hand“

lautete das Motto dieser Veranstaltung, Beginn 19 Uhr,
Altenrathstraße 8.

Am 3.
April spielt im Rahmen der Ausstellungseröffnung von Günter Rückert
das Transorient-Duo Andreas Heuser und Kioomars Musayyebi unter dem
Titel „Weltmusik
auf 100 Saiten“

(Im „Meilenstein“, Nachbarschaftswerkstatt Marten, In der Meile
2).

Unter
dem Titel „So
klingt Vielfalt“

werden am 7. April, 19 Uhr das Dortmunder Jugendorchester DOJO und
Solisten ein Klavierkonzert und Einzelstücke unter der Leitung von
Achim Fiedler in der Ev. Immanuelkirche (Bärenbruch 17-19) in Marten
spielen. Bürgermeisterin Birgit Jörder und der Kabarettist Bruno
„Günna“ Knust werden die Veranstaltung eröffnen.

Am 13.
April singt der Konzertchor Aplerbeck unter dem Titel „Verzagt
nicht!“ Auszüge aus der Johannespassion
in der Kath. Kirche
Heilige Familie, Sadelhof 16, in Marten.

Im
Stadtteil werden weitere Veranstaltungen zum Thema Vielfalt
stattfinden. Marten versteht sich als vielfältig und bunt.

 Weitere Informationen finden sie unter www.dortmund-marten.de

Quelle: Stadt Dortmund




Wortgefechte und skurrile Figuren

Es hatte ein wenig von Loriot oder von Monty Python, wenn die beiden Schauspieler Thomas Kemper und Jörg Hentschel im „HERRENspezial“ in den Sketchen mit Worten und Begrifflichkeiten duellierten. Ars tremonia war am zweiten Abend am 10. Februar 2019 im Theater Fletch Bizzel dabei.

Keine Angst. Bei „HERRENspezial“ geht es nicht um die berühmt-berüchtigten Herrenwitze von Fips Asmussen und Co, auch wenn das Outfit der beiden Herren und der Wackeldackel durchaus in die Zeit passen könnten. Doch die Texte von Hentschel zielen bei weitem nicht unter die Gürtelline, obwohl bei einem Sketch das leidige Thema „Nicht-Wasserlassen-können“ per Video präsentiert wurde. Durchaus eben in der Tradition eines Loriots, aber immer mit einer skurrilen Note. Viele Sketche scheinen gegen Ende fast ins Surreale abzugleiten.

Ein gutes Beispiel
ist die Nummer in der Fleischerei, bei der es zunächst um Fleisch
für ein Rezept geht, nach einigen Missverständnissen und
Wortklaubereien, dreht sich das Gespräch um die intime Beziehung der
eingeladenen Freunde des Kunden. Dieses Feuerwerk an absurden
Dialogen war das Markenzeichen des Abends.

Showlesen mit Kaktus präsentieren Thomas Kemper und Jörg Hentschel im Programm "HERRENspezial" im Theater Fletch Bizzel.
Showlesen mit Kaktus präsentieren Thomas Kemper und Jörg Hentschel im Programm „HERRENspezial“ im Theater Fletch Bizzel.

Diese Dialoge um
„des Kaisers Bart“ waren natürlich eine Verbeugung vor den
berühmten Komikerduos der Geschichte. Angefangen von Stan Laurel und
Oliver Hardy über Karl Valentin und Lils Karlstadt bis hin zu Lorot
und Evelyn Hamann.

Es gab nicht nur
geistreiches auf der Bühne: Wenn der Abend „Herren-Spezial“
heißt, dann war es auch logisch, dass Hentschel und Kemper diesen
Kräuterschnaps aus dem Münsterland dem Publikum kredenzten.

Das Herrenpaar
Hentschel und Kemper ist noch am 06. und 07. April im Fletch Bizzel
erleben. Es lohnt sich – nicht nur wegen des Kräuterschnapses.

Karten unter 0231 14
25 25 oder www.fletch-bizzel.de




Die dunkle Seiten der Märchen

Märchen haben eine
dunkle Seite, auch wenn sie durch die Zeiten als Kinderliteratur
verniedlicht wurden. So manche Märchen der Gebrüder Grimm sind
düster wie „Der Gevatter Tod“ oder „Der Grabhügel“. Die
Kulturbrigaden loten im Theater Fletch Bizzel in „Freaks“ diese
dunkle Seiten aus.

Wer die Produktion
von Rada Radojcic kennt, der wird von den „Freaks“ nicht
enttäuscht sein. Die Regisseurin packte die sechs Schauspielerinnen
und Schauspieler wieder in fantasievolle Kostüme. Die jungen Mimen
zeigten eine ebenso fantasievolle Variante verschiedener Märchen.
Natürlich gehörte „Hänsel und Gretel“ ebenso dazu wie etwa
„Dornröschen“, auch „Gevatter Tod“ wurden verarbeitet. Von
Hans Christian Andersen wurden ebenfalls Stoffe auf die Bühne
gebracht. Dabei durfte sein bekanntestes Märchen, „Die kleine
Meerjungfrau“, natürlich nicht fehlen. Weniger bekannt sind „Die
roten Schuhe“, in dem ein Mädchen rote Tanzschuhe tragen muss die
sie nicht mehr ausgezogen bekommt.

Die "Freaks" luden zur Märchenstunde der dunklen Art ein. (Foto: © Wulf Erdmann)
Die „Freaks“ luden zur Märchenstunde der dunklen Art ein. (Foto: © Wulf Erdmann)

In dem kurzweiligen
Stück mit viel Musik – unter anderem der Walzer von Tschaikowsky aus
„Dornröschen“) oder „Tanz mit Laibach“ von der gleichnamigen
Gruppe – wurde besonders auf Choreografien geachtet, was ein
Verdienst der langjährigen Primaballerina des Dortmunder Balletts,
Monica Fotescu-Uta, zu verdanken ist. Dazu kommen witzige Videos im
Hintergrund von Hänsel und Gretel auf dem Dortmunder
Weihnachtsmarkt. Aber auch aktuelle Themen wie Missbrauch oder die
Rolle der Frau in der Gesellschaft werden in dem Stück thematisiert.

Ein wirklich schönes
atmosphärisches Stück der „Freaks“. Es zeigt sich wieder, dass
Radojcic ein gutes Händchen für Stoffe und immer spielfreudige
Akteure findet. Hinzu kommt, dass Dixon Ra ein gutes Gespür bei der
Musikauswahl hat, sodass aus dem Theaterstück ein gelungenes
Gesamtwerk wird.

Es bleibt zu hoffen,
dass es noch den einen oder anderen Aufführungstermin 2019 gibt.




Im Rausch der Formen und Farben

2015 präsentierte
das „Theater der Klänge“ im Theater im Depot das „Triadische
Ballett“ von Oskar Schlemmer. Vier Jahre später kehren sie an den
selben Ort zurück und zeigen mit dem „Lackballett“ in der
Inszenierung von Jörg U. Lensing eine weitere Hommage an Oskar
Schlemmer. Wieder verwandelt sich die Bühne in einen Dreiklang
zwischen Farbe, Form und Musik. Ars tremonia war am 31.01.2019 dabei.

Der Maler, Bildhauer
und Bühnenbildner Oskar Schlemmer (1888-1943) war mehrere Jahre lang
als Lehrer im Bauhaus tätig. Nach der Machtergreifung der
Nationalsozialisten wurde seine Farbpalette traurig und düster.
Zudem hatte er als „entarteter Künstler“ mit finanziellen
Problemen zu kämpfen. 1940 kam Schlemmer nach Wuppertal, wo er im
Wuppertaler Arbeitskreis des Lackfabrikanten Kurt Herberts
Möglichkeiten fand, seine künstlerische Arbeiten weiterzuführen.

Hier entstand 1941
zum 75. Jubiläum der Firma das „Lackballett“. Ähnlich dem
Triadischen Ballett treten sogenannte Figurinen auf. Das Ballett
tanzte zur Musik von Händel und das Stück dauerte nur vier Minuten.
Das „Theater der Klänge“ versuchte keine Rekonstruktion des
„Lackballetts“, die auch wegen der spärlichen Unterlagen
unmöglich wäre, sondern produzierte eine Hommage an den Künstler.

Eine der farbenfrohen Figurinen aus dem "Lackballett" von Oskar Schlemmer. (Foto: © Theater der Klänge)
Eine der farbenfrohen Figurinen aus dem „Lackballett“ von Oskar Schlemmer. (Foto: © Theater der Klänge)

Schon beim
„Triadischen Ballett“ faszinierten die Formen und Farben der
einzelnen Figurienen. Beim „Lackballett“ ist es ähnlich. Ob nun
die Segelfigurine mit ihren geschwungenen „Segeln“ in Rot, Blau,
Gelb und Grün oder die Kugelnfigurine mit ihren silbernen Kugeln,
die Kostüme fantasiereich gestaltet. Die Choreografie haben die
Tänzerinnen und Tänzer selbst entwickelt.

Begonnen wurde mit
Tüchern. Jeder der Tänzer und Tänzerinnen hatte ein farbiges Tuch
bei sich, aus denen sich teilweise kunstvolle Gebilde formen ließen.
Die tänzerischen Bewegungen wurden ebenso wie die Farben und Formen
live und online in bewegte Bilder umgesetzt. Zusätzlich zu den
elektronischen Klängen entstand eine Mischung zwischen digitaler
Malerei, Tanz und Musik, das sich zu einem Gesamtkunstwerk vereinte.
Das machte die fast psychedelische Kraft der Performance aus.
Zwischendurch kam Miriam Gronau (die auch die Kugelnfigurine tanzte)
auf die Bühne und erzählte aus dem Leben von Oskar Schlemmer.

Ein großes Lob gilt
den Tänzern und Tänzerinnen, die die einzelnen Figurinen in ihren
prächtigen Kostümen zur Geltung brachten. Zunächst zeigten sich
die Selgelfigurine, die Fächerfigurine, die Scheibenfigurine, die
Blütenfigurine, die Kugelnfigurine und die Draht-Lichtfigurine
einzeln, bis sie dann zur Musik von Händel alle auf der Bühne
standen.

Die beiden Termine
im Theater im Depot waren sehr schnell ausverkauft. Daher bleibt zu
hoffen, dass es vielleicht weitere Vorstellungen in Dortmund gibt.




Wohnen in Stahl

Mitte
der 60er Jahre gab es ein ungewöhnliches Produkt: Die Firma Hoesch
produzierte Fertighäuser aus Stahl. Tatsächlich wurden etwa 200
Einfamilienhäuser errichtet, von denen ungefähr 50 noch existieren,
davon sieben in Dortmund-Kleinholthausen. Der Fotograf Philipp Robien
(FH Dortmund) hat diese Häuser dokumentiert und zeigt sie in der
Ausstellung „Zum Aufhängen eines Bildes reicht ein Magnet“ vom
03. Februar bis zum 7. April 2019 im Hoesch-Museum.

Fertighäuser
aus Stahl gibt es schon seit den 1920er Jahren. Der Zweite Weltkrieg
unterbrach dies Entwicklung, aber danach stieg die Stahlproduktion
und neue Ideen zur Vermarktung des Stahls wurden gesucht. Der
Häuserbau in Fertigbaumethode wurde in Angriff genommen. Hoesch
hatte die idee, mit dem Werkstoff PLATAL (plattierter Stahl) zu
arbeiten. PLATAL war ein mit PVC beschichteter Werkstoff. Der Plan
war, ein schlüsselfertiges Haus in vier Wochen zu errichten, dank
standardisierter Wände und Dächer im Bungalowstil. Die Oberflächen
waren abwaschbar und zum Aufhängen eines Bildes benötigte man nur
Magnete.

Zunächst
wurden 1963/64 in Kleinholthausen sechs Stahlfertighäuser vom Typ
K109 gebaut. Sie waren unterkellert und hatten Garten und Garage.
1966 kam mit dem Prototypen L141 ein weiteres Stahlhaus dazu. Das
L141 (die 141 bezeichnete die Quadratmeterzahl) hat damals 125.000 DM
gekostet. Dieses Haus ist noch im Originalzustand erhalten, während
die anderen Eigentümer ihre Häuser nach ihren Bedürfnissen
umgebaut haben mit Satteldach, Holzverkleidung oder Wintergarten.

Philipp Robien (2.v.l.) fotografierte außergewöhnliche Architekturgeschichte aus dem Dortmunder Süden. Mit dabei (v.l.n.r.) Dr. Karl Lauschke, Isolde Parussel und Dr. Jens Stöcker (Leiter des Museums für Kunst und Kulturgeschichte)
Philipp Robien (2.v.l.) fotografierte außergewöhnliche Architekturgeschichte aus dem Dortmunder Süden. Mit dabei (v.l.n.r.) Dr. Karl Lauschke, Isolde Parussel und Dr. Jens Stöcker (Leiter des Museums für Kunst und Kulturgeschichte)

Dass
die Fertighäuser aus Stahl kein großer Renner wurden lag laut
Museumsleiterin Isolde Parussel hauptsächlich an den hohen Kosten.
Darüber hinaus waren sie sehr hellhörig. Das Raumklima war
ebenfalls gewöhnungsbedürftig, denn die wärme kam von unten, so
dass die Bewohner eine Art „Umluft-Heizung“ hatten.

Die
Fotoserien von Philipp Robien (Jahrgang 1988) entstanden als ein
Wochenprojekt der FH Dortmund im Rahmen eines Austausches mit der
University of Teheran. Der Fotograf bedient sich Elementen der Neuen
Sachlichkeit wie beispielsweise die serielle Arbeitsweise, eines
einheitlichen Himmels und größtmöglichen Betrachtungsabstandes.
Überrascht war Robien von der Entwicklung seines Wochenprojektes in
eine Ausstellung im Hoesch-Museum. „Das hätte ich nicht für
möglich gehalten“, so der Fotograf.

Dazu
plant das Hoesch-Museum einen ganz besonderen Coup: Eines der
Stahlhäuser aus Kleinholthausen soll in die Nordstadt transloziert,
also abgebaut und originalgetreu wieder ausgebaut werden. Auf dem
Gelände neben dem Hoesch-Museum könnte der Stahlbungalow als
zusätzliche Ausstellungsfläche im nächsten Jahr zur Verfügung
stehen. Die Verhandlungen mit den erben und ThyssenKruppSteel sollen
bis Ostern abgeschlossen sein. Der Kostenrahmen ist auch schon
abgesteckt. „Die Translokation wird einen kleinen sechstelligen
Betrag kosten“, schätzt Dr. Karl Lauschke, der Vorsitzende der
Freunde des Hoesch-Museums.

Die
Öffnungszeiten des Hoesch-Museums sind Dienstag und Mittwoch von
13.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag von 09.00 bis 17.00 Uhr und Sonntag
von 10.00 bis 17.00 Uhr.

Der
Eintritt ist frei.

Die Eröffnung der Ausstellung findet am 03. Februar um 11 Uhr statt.




Gemeinsam in den Tod?!

Es klingt wie eine
von diesen Fake-News, doch hat das Stück „norway.today“ von Igor
Bauersima einen realen Hintergrund. Mitte Februar 2000 sind ein
Norweger und eine Österreicherin gemeinsam vom „Prekestolen“-Felsen
int Norwegen gesprungen. Kennengelernt und verabredet hatten sich
beide in einem Chat. Bauersima dreht die tragische Geschichte ins
positive und schreibt ein kluges Stück über den Wert des „Echten“
gegenüber dem „Fake“. Premiere hatte das Stück am 26.01.2019.

Gemeinsam in den Tod
zu gehen hat durchaus etwas romantisches an sich. Man denke an
Heinrich von Kleist und andere. Doch Julie (Alexandra Sinelnikova)
ist anders. Sie hält das Leben in der Gesellschaft für sinnlos und
fühlt sich nicht authentisch mit anderen. Daher möchte sie
Selbstmord begehen, sucht aber Begleitung beim Sterben. Die sucht sie
in einem Chat und findet den 19-jährigen August (Frieder
Langenberger), den sie nach Norwegen fliegen lässt. August fühlt
sich nicht wirklich lebendig, für ihn ist alles „Fake“.

Am Anfang steht für
das „Blinddate“ erst einmal das Kennenlernen. Die Motive für den
Selbstmord werden abgeklopft und das Misstrauen von Julie weicht sehr
langsam. Denn sie ist die abgeklärte von beiden. Während August in
seiner Unsicherheit ein sehr starkes Redebedürfnis hat, braucht
Julie für ihre Selbstbeherrschung das Schweigen. Der Streit zwischen
den beiden birgt angesichts des Todes dennoch komödiantisches
Potential. Beispielsweise, als Julie halt von August braucht beim
Herunter sehen über den Felsen. Der erste Selbstmordversuch endet im
Fiasko, beide sind ängstlich und wütend. August, weil er Angst hat,
dass Julie ihn umbringen will, Julie, weil er sie hängen lässt.

Julie (Alexandra Sinelnikova) und August (Frieder Langenberger) stellen fest, dass man das "echte" Leben nicht auf Video bannen kann. (Foto: © Edi Szekely)
Julie (Alexandra Sinelnikova) und August (Frieder Langenberger) stellen fest, dass man das „echte“ Leben nicht auf Video bannen kann. (Foto: © Edi Szekely)

In der Nacht
geschieht ein besonderes Naturerlebnis: Ein Polarlicht ist zu sehen
und zwar in echt und nicht als „Fake“. Beim Versuch es mit der
Kamera aufzunehmen, erkennen sie den Unterschied. Das ist auch der
Punkt, an dem beide versuchen, sich emotional zu öffnen.

Am nächsten Morgen
probieren August und Julie einen medialen Abschiedsgruß an Familie
und Freunde – und scheitern total. Beide finden zurück ins Leben,
denn nur wer lebendig ist, ist echt. Der Wunsch zu Sterben und die
Lebenslust sind nicht miteinander vereinbar und was viel wichtiger
ist, sie sind auch nicht medial festzuhalten. Denn das Echte muss
erlebt werden.

Bei der Inszenierung
feierte Frank Genser sein Regiedebut. Er gab seinen beiden
Darstellern genug Raum sich zu entfalten und sie dankten es ihm mit
einem engagiertem Spiel. Die Bühne war minimalistisch, der Felsen
durch eine Kante angedeutet. Ein Zelt für die Nacht und zwei
Kleiderständer zum Umziehen, das war alles, was das Stück
benötigte.

Ein intensives Stück
nicht nur über das Leben, sondern auch über die postmoderne
Wirklichkeit, bei der Schein mehr ist als Sein und das Leben als
Schauspiel gesehen wird, welches inszeniert wird. „norway.today“
ist mit Recht eines der beliebtesten Jugendtheaterstücke (wegen des
Alters der Protagonisten), aber die Zahl der Menschen, die in einer
Filterblase voller „Fake-News“ leben, wächst. Daher ist das
Stück – nicht nur wegen den tollen Schauspielern – allen
Altersklassen zu empfehlen.




Die Natur als Kraftquelle

Der Kunstraum im
Langen August zeigt ab dem 19. Januar 2019 Arbeiten von Eva Zimnoch
unter dem Titel „Kraft-Orte“. Ihre Bilder sind zwar stark
abstrahiert, lassen aber noch figurative Elemente erkennen.

Eine Abtei in
Duisburg, das Emsland oder Spanien. Auch wenn die Werke sehr stark
von der Abtsraktion geprägt sind, durch die vorhandenen figurativen
Elemente ist ein Wiedererkennungswert gegeben. So erkennt der
Betrachter bei genauem Hinsehen Kapitelle der Abtei oder das Schilf
in den Moorgebieten im Emsland. Ebenso haben die Gemälde, die von
Spanien inspiriert sind, andere Farbgebungen als das eher dunkle
schwarze Moor.

Zimnoch ist erst spät zur Malerei gekommen, seit 2011 arbeitet sie als bildende Künstlerin und seit 2018 Mitglied im Bundesverband bildender Künstler Westfalen e.V. Als Kind hatte gerne genäht. „Ich wollte Modedesign studieren“, so die Künstlerin. Seit 2007 nahm sie Unterricht bei verschiedenen Dozenten und belegte Malereikurse.

Eva Zimnoch zeigt ihre Arbeiten im Kunstraum im "Langen August".
Eva Zimnoch zeigt ihre Arbeiten im Kunstraum im „Langen August“.

Ihre Malerei ist
mehr oder weniger abstrakt. Immer wieder gibt es Elemente wie Ziegel
oder Pflanzen, die fast gegenständlich abgebildet werden in einer
sehr abstrahieren Landschaft. Es gefällt der Künstlerin nicht,
„wenn die Bilder so abstrakt werden, dass der Betrachter keinen
Bezug herstellen kann“. Das malen nur aus der Lust an der Farbe ist
nicht ihr Ding. Ihre Inspirationsquelle ist die Natur, was sich auch
in ihren Bildern widerspiegelt. „Ich suche nach dem Schönen, nach
dem, was mir gut tut“, erklärt Zimnoch.

Der Kunstraum in der Braunschweiger Straße 22 ist geöffnet von Dienstag bis Freitag von 15 – 19 Uhr.




Unter die Räuber gefallen

Yasmina Rezas „Gott
des Gemetzels“ meets Schillers „Räuber“. So könnte man das
neueste Stück der Theatergruppe „Sir Gabriel Trafique“
charakterisieren. „Die Räuber.Live“ mit dem schönen Untertitel
„Utopien aus deutschen Lenden“, zeigte den eindringenden Wahnsinn
in einen aufgeklärten linksliberalen Freundeskreis mit der Hoffnung,
das Schillers „Räuber“ die Lösung zeigt. Doch tut er das? Ein
Bericht von der zweiten Aufführung vom 13. Januar 2019 im Theater im
Depot.

Der erste Teil der
Inszenierung von Björn Gabriel, dem Kopf hinter „Sir Gabriel
Trafique“, wirkt ein wenig wie aus „Gott des Gemetzels“. Zwei
Pärchen aus dem gleichen Milieu – sie sind wohl alle auch
Schauspieler – treffen sich zum Klönen. Essen, trinken, grillen und
in die „360°-Sauna mit Musik“. Dabei wird nicht der Fehler
gemacht, die Szenerie übertrieben naturalistisch darzustellen, das
Bühnenbild von Anna Marienfeld war reduziert und sehr symbolhaft
gestaltet.

Im Laufe der
Unterhaltung, die sich hauptsächlich um die Bedrohung von Rechts
dreht, eskaliert unter den vier Protagonisten und der Fernseher(!),
quasi als „deus ex machina“, empfiehlt, sich mit Schillers
„Räuber“ auseinanderzusetzen. Vielleicht stünde da ja des
Rätsels Lösung. Gesagt, getan, die beiden Pärchen übernehmen vier
Rollen und wir sind mitten im klassischen Stück der
„Sturm-und-Drangzeit“.

Besonders gelungen
war die Darstellung der beiden Pärchen. Die eigentlich weltoffenen
Gastgeber (Dominik Hertrich und Aischa-Lina Löbbert) zeigten sehr
gut die Angst vor dem Unbekannten draußen. Richtig glücklich waren
sie nur in ihrem Zuhause mit ihrem schicken Sprachsystem „Alexandre“
und der bereits erwähnten 360°-Sauna, sozusagen eine schwere Form
des „Cocooning“. Das andere Pärchen bestand aus zwei Frauen
(Fiona Metscher und Mirka Ritter). Zwischen den Pärchen begann es
nicht nur verbal zu knistern, auch erotisch ging es zur Sache. Hier
war die Weltoffenheit aber schnell vorbei.

Entspannung nach der 360°-Sauna. (v.l.n.r.) Aischa-Lina Löbbert, Fiona Metscher, Mirka Ritter und Dominik Hertrich). Foto: © Alexander Huegel).
Entspannung nach der 360°-Sauna. (v.l.n.r.) Aischa-Lina Löbbert, Fiona Metscher, Mirka Ritter und Dominik Hertrich). Foto: © Alexander Huegel).

Im zweiten Teil
verwandelte sich das Stück in eine Art moderner Inszenierung mit
Versatzstücken aus Schillers Räuber. Hier übernahmen die Vier
Rollen aus Schiller und die Geschichte der Brüder Karl und Franz
entfaltet sich. Natürlich wurde nicht der komplette Schiller
gespielt. Monologe wurden zusammengefasst, verbunden, gekürzt und
bearbeitet. Gabriels Intention war natürlich auch, die Forderung
der AfD nach „mehr deutschen Stoffen“ im Theater auf die Spitze
zu treiben. Denn Schillers hochpolitisches Werk dreht sich um den
erwachenden Kampf des Bürgertums gegen den Feudalismus.

Letztlich bleibt
auch die Frage: Wo stehen wir? Stehen wir kurz vor 1933 oder sind wir
noch weit davon entfernt? Ist es der letzte Moment, wo man noch aktiv
eingreifen kann, um ein neues 33 zu verhindern? Am Ende bleibt:
Resignation und ein „Egal“, ein Weg den manche Künstler und
Intellektuelle im 3. Reich gingen.

Wer möchte, kann
das sehenswerte Stück noch am 28. und 29. März im Theater im Depot
(jeweils um 20 Uhr) erleben. Wer das früher möchte, muss nach Köln
zur studiobühneköln fahren. Hier wird es vom 31.01. bis 04.02.
jeweils um 20 Uhr aufgeführt.

Infos und Karten
unter www.sirgabrieltrafique.de