Bewegender Animationsfilm bei der Eröffnung des 36. Frauenfilmfestivals

Mit dem
beeindruckenden Animationsfilm „THE MAN WOMAN CASE“ von
Anaïs
Caura wurde das Internationale Frauenfilmfestival 2019 in
Dortmund eröffnet. Das diesjährige Motto lautet „Bilderfallen:
Täuschung, Tarnung, Maskerade“. Zur
Eröffnung am Abend
im Dortmunder Cinestar sprachen
Festivalleiterin Dr. Maxa Zoller, Birgit Jörder (Bürgermeisterin
der Stadt Dortmund und Schirmherrin des Festivals), Dr. Martina
Gräfin von Bassewitz (Referatsleiterin Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend) und Klaus Kaiser
(Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Kultur und
Wissenschaft des Landes NRW) ihre Grußworte.

Bei der Eröffnungspressekonferenz des Internationalen Frauenfilmfestivals waren zugegen (v.l.n.r.) Festivalleiterin Dr. Maxa Zoller, Regisseurin Anaïs Caura (THE MAN WOMAN CASE), Stefanie Görtz (Pressearbeit), Edima Otoukon (Jurymitglied), Bürgermeisterin Birgit Jörder und Jurymitglied Sheri Hagen. (Foto: © Anja Cord)
Bei der Eröffnungspressekonferenz des Internationalen Frauenfilmfestivals waren zugegen (v.l.n.r.) Festivalleiterin Dr. Maxa Zoller, Regisseurin Anaïs Caura (THE MAN WOMAN CASE), Stefanie Görtz (Pressearbeit), Edima Otoukon (Jurymitglied), Bürgermeisterin Birgit Jörder und Jurymitglied Sheri Hagen. (Foto: © Anja Cord)

Doch
zurück zum Hauptfilm „THE MAN WOMAN CASE“. Es ist die wahre
Geschichte von Eugene/Eugenia Falleni.
Falleni wurde 1875 in Italien als Euginia geboren, wanderte mit ihrer
Familie mit zwei Jahren nach Australien. Als Teenager wurde die
männliche Seite immer dominanter und sie verwandelte sich in Eugene.
Falleni
arbeitete als Seemann, dabei wurde ihre Identität entdeckt, sie
wurde vergewaltigt und bekam ein Kind, das sie zur Adoption freigab.
Später heiratete sie die Witwe Annie Birkitt, die einen Sohn in die
Ehe brachte. Als Birkitt
entdeckte, dass Falleni ebenfalls eine Frau war, kam es – je nach
Lesart – zu einem tödlichen Unfall oder zu einem Mord. Jedenfalls
wurde Falleni erst zum Tode verurteilt, dann zu lebenslänglich. 1931
wurde sie freigelassen.

Der
Animationsfilm ist frei von digitalen 3-D-Bildern. Er ist
hauptsächlich in Schwarz-Weiß, mit wenigen Farbtupfern in Rot oder
Blau. Die Machart, die an alte Animationsfilme erinnert, macht vor
allem in den surrealen Zwischensequenzen die
Zerrissenheit
und das Zerfließende
im Charakter von Eugene/Euginia deutlich. Dafür
bot sich Tinte als Medium besonders gut an.




Fußball ist unser Leben

Die dritte Ausgabe
des 1. Wortklub Dortmund drehte sich – wie kann es in dieser Stadt
auch anders sein – um Fußball. Kein anderer Sport ist so voller
Emotionen wie der Fußball, er bietet Stoff für Legenden, kann aber
auch als Muster für Realitätsmodelle dienen. Gastgeber Thomas Koch
war am 04. April im domicil in doppelter Funktion unterwegs. Nicht
nur als Moderator, sondern auch als Teil des „Sergej Gorlokuwitsch
Sextett“. Gäste waren Klaus Theweleit und Birgit Schönau, beide
Mitglieder der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur.

Klaus Theweleit
(Jahrgang 1942) kam als Flüchtlingskind in den Norden Deutschland
und schnell wurde Fußball als kleiner Junge sein Lebensziel. Nicht
nur auf dem Platz, sondern er würfelt auch Spielergebnisse und macht
Ligatabellen. Später beschäftigt er sich mit Fußball in seinem
Buch „Tor zur Welt“ als Muster für Realitätsmodelle. Die
Themen, die Moderator Thomas Koch mit Theweleit besprach, waren
vielfältig, so ging es um die Kommerzialisierung oder um die Frage
nach „Typen“ im Fußball. „Spielmacher“ brauche es nicht, so
Theweleits These, denn sie würden das Spiel weniger flexibel machen.

Moderator Thomas Koch führte wieder durch den Abend und war auch musikalisch aktiv.
Moderator Thomas Koch führte wieder durch den Abend und war auch musikalisch aktiv.

Für die
italienischen Momente des Abends sorgte Birgit Schönau, die
Journalistin und Schriftstellerin ist unter anderem Sportreporterin
für die Süddeutsche Zeitung. Ihr Herz gehört Juventus Turin und
ihr Buch „Calcio. Die Italiener und ihr Fußball“ berichtet aus
dem Kern der Tifosi. Schönau las eine Seite über den Saisonauftakt
von Juve, die „fidanzata“ (italienisch für Verlobte), der in der
Nähe des Landsitzes der Agnellis stattfindet. Vor Beginn der neuen
Spielzeit haben Juve-Fans dort nach einem Spiel der Profis gegen
„Dorf-Fußballer“ die seltene Gelegenheit, den Platz zu stürmen
und ihren Idolen die Kleider bis zur Unterhose vom Leib zu reißen.

In Italien gehörten
viele Vereine reichen Familien. Juve halt Agnelli, Berlusconi war mit
dem AC Mailand verbandelt. Doch genauso wie in England haben sich
Investoren, beispielsweise aus China, in den italienischen Fußball
eingekauft.

Kulturtheoretiker Klaus Theweleit erklärte, wie Fußballsysteme als Modelle der Realität herhalten können.
Kulturtheoretiker Klaus Theweleit erklärte, wie Fußballsysteme als Modelle der Realität herhalten können.

Über Fußball kann
man problemlos über mehrere Abende reden, doch ein Thema wurde
leider nicht behandelt, obwohl der Name Thomas Hitzelsberger einmal
im Gespräch fiel: Homosexualität im Fußball. Es wäre spannend zu
erfahren, ob es solche Diskussionen auch im italienischen Fußball
gibt, zumal es ja im Schauspielhaus mit „Echte Liebe“ ein
Theaterstück dazu gibt.

Einen Blick ins Fußballland Italien  - mit dem Fokus auf Juventus Turin - gab es mit der Sportjournalistin Birgit Schönau.
Einen Blick ins Fußballland Italien – mit dem Fokus auf Juventus Turin – gab es mit der Sportjournalistin Birgit Schönau.

Die musikalische
Begleitung kam von „Sergej Gorlukowitsch Sextett“, was aber nur
zu Fünft spielte. Ob der sechste Mann wegen einer roten Karte
gesperrt ist? Der echte Sergej Gorlukowtisch, der für Borussia
Dortmund und Bayer Uerdingen in der Bundesliga spielte, flog ja
insgesamt viermal in der Bundesliga vom Platz.

Musikalisch bot das
Sextett bestehend aus Peter Freiberg, Uli Schlitzer, Peter Krettek,
Mathias Schubert und Gastgeber Thomas Koch gute Rockmusik mit
intelligenten deutschen Texten über Fußball. Das gab neben Applaus
vom Publikum noch ein verdientes Lob von Klaus Theweleit.

Das Sergej Gorlukowitsch Sextett in Aktion.
Das Sergej Gorlukowitsch Sextett in Aktion.

„Fußball macht hungrig, auch wenn es nach dem 0:5 des BVB gegen die Bayern eher ein Frustessen war. Der nächste Wortklub startet am 02. Mai um 19:30 Uhr und dreht sich um das Thema Essen.genauer gesagt: die Glücksküche, oder der tiefere Sinn der Nahrungszubereitung. Gäste sind Verena Lugert und Helmut Gote, die Musik kommt von den „Zucchini Sistaz“.




Torhaus Rombergpark – mit Spoootz ins neue Ausstellungsjahr

Vom 07. bis zum 28.
April 2019 zeigt die städtische Galerie Torhaus Rombergpark die
Ausstellung „Spoootz“ der Künstlerin Mariola Laschet. Sie
präsentiert meterlange Transparent-Papierbahnen, auf denen sie mit
Filzstift Gebilde, teils körperlose Formen, teils organisch wirkende
Körper aufträgt.

Rolle rückwärts
für das Torhaus: Hieß es vor einigen Monaten, dass es dort keine
Ausstellungen und Konzerte wegen Brandschutz mehr geben könnte,
haben neue Entwicklungen überraschendes zutage gefördert. Es gibt
eine Betriebserlaubnis für das Torhaus von 1958. Und zwar für
Ausstellungen. Konkret heißt das, Ausstellungen sind weiter erlaubt
sind, Konzerte aber nicht mehr. Die finden bekanntlich jetzt in der
Rotunde des Museums für Kunst und Kulturgeschichte statt.

Mariola Laschet ist
die erste Künstlerin, die von der neuen Situation profitiert. An den
Wänden des Torhauses hat sie die meterlangen Transparentbahnen
verteilt. Manchmal sind sogar Fenster mit dem Material verhangen, was
vor allem der roten Farbe einen tollen Effekt verleiht.

Mariola Laschet vor ihren Transparentpapier-Bahnen. Durch das durchscheinende Licht ergeben sich weitere interessante Effekte für den Betrachter.
Mariola Laschet vor ihren Transparentpapier-Bahnen. Durch das durchscheinende Licht ergeben sich weitere interessante Effekte für den Betrachter.

Das die Farbe Rot
überhaupt mit verarbeitet wurde, ist eher dem Zufall geschuldet.
„Erst sollte alles Schwarz-Weiß sein. Manchmal sind es ganz banale
Dinge, die dazu führen, dass sich das ändert“, erzählt Laschet.
Beispielsweise wenn die Künstlerin gerade keinen schwarzen Filzstift
mehr zur Hand hat, sondern nur einen roten. Dabei fügt die rote
Farbe den Bildern der Künstler eine weitere Ebene hinzu. Rot steht
hierbei für das Leben oder das Blut, so die Künstlerin.

„Spoootz“
entwickelt ein assoziatives Netz in dem sich der Betrachter
verfangen, aber auch entlang hangeln kann. Da Laschet von Körpern
fasziniert ist, sind die Formen oftmals fließend und lassen beim
Betrachter eine Art Film entstehen. Da die Künstlerin als Zeichnerin
und Illustratorin bei Animationsfilmen mitgearbeitet hat, ist das
Kunstwerk auch als überdimensionale Filmrolle vorstellbar.

Für ihr aktuelles
Kunstwerk „Spoootz“ hat die Künstlerin drei Rollen à 200 Meter
verbraucht und etwas zehn Eddings „leer gemalt“.

Die Ausstellung ist
geöffnet dienstags bis samstags von 14 bis 18 Uhr, sonntags und
feiertags von 10 bis 18 Uhr,

Mehr Informationen zur Künstlerin unter www.mariola-laschet.de




Eine Sommernacht –Schräge Romanze aus Edinburgh

Die Grundfrage alle
30somethings – war‘s das oder kommt noch etwas? Für die
Protagonisten von „Eine Sommernacht“, Helena und Bob, ist es ein
Gefühl wie es Kettcar im Song „Im Taxi weinen“ beschreibt: „Es
ist auch die Angst, die bellt, wenn ein Königreich zerfällt“. Die
Theatergruppe „dispodispo!“ zeigt das Stück im Theater im Depot.
Die Premiere ist am 06. April 2019 um 20 Uhr.

Es geht um folgende
Geschichte: Helena und Bob treffen sich in einer Bar, sie
erfolgreiche Scheidungsanwältin, er Kleinganove. Nach einem
enttäuschenden One-Night-Stand treffen sich die beiden irgendwann
wieder, Helena im vollgekotzten Brautjungfernkleid, Bob mit 15.000
Pfund in der Tasche. Eine schräge Abenteuerreise in der
Mitsommernacht von Edinburgh beginnt.

„Es ist ein
intensives Stück mit bitter-süssen Momenten“, beschreibt
Regisseurin Eva Zitta das Stück. Aus dem zufälligen zusammentreffen
zweier sehr unterschiedlicher Menschen entwickelt sich das Gefühl,
das Türen aufgehen. Eigentlich ungewohnt für die Generation 30+,
die in Angst lebt, dass manche Türen für immer verschlossen
bleiben. Daher bietet die intensive, mit beißendem Humor versehene
Geschichte wieder Perspektiven.

Helena (Tanja Brügger) und Bob (Dominik Hertrich) erleben eine ganz besondere Mitsommernacht in Edinburgh. (Foto: © Svea Schäfer)
Helena (Tanja Brügger) und Bob (Dominik Hertrich) erleben eine ganz besondere Mitsommernacht in Edinburgh. (Foto: © Svea Schäfer)

Dabei wird die
Geschichte in „Eine Sommernacht“ nicht chronologisch erzählt.
Der Zuschauer hat das Gefühl, als ob die beiden die Geschichte schon
öfter erzählen, sich dabei unterbrechen und Details einflechten.
Daher wirkt das Stück etwas episodenhaft und sprunghaft, so Zitta.

„Eine Sommernacht“
von David Greig und Gordon McInyre legt die Schmerzpunkte in einer
Beziehung frei. Dies war auch der Grund, warum sich die Theatergruppe
„dispodispo!“ gerade dieses Stück ausgesucht hat. Denn das Credo
der Gruppe lautet, Stücke zu spielen, die nah am Menschen sind. Die
Rolle von „Bob“ wird von Dominik Hertrich gespielt, der den
Besuchern des Theaters im Depot von Produktionen mit „Sir Gabriel
Trafique“ bekannt sein dürfte.

„Helena“ wird
von Tanja Brügger dargestellt, die seit 2008 Mitglied im Theater
Narrenschiff Unna ist.

Der vollständige
Titel lautet: „Eine Sommernacht – ein Stück mit Musik“. Die
Originalmusik gefiel Regisseurin Zitta jedoch nicht, daher hat
Musiker Markus Krieger die Songs neu komponiert und getextet.

Neben der Premiere
am Samstag gibt es noch weitere Vorstellungen am Sonntag (07.04.19)
um 18 Uhr sowie am Mittwoch (15. Mai 2019) um 20 Uhr.

Karten und weitere
Informationen unter 0231 /9822336 oder ticket@theaterimdepot.de.




Eine Herzkammer gerät ins Stocken

150 Jahre wird die
SPD in Dortmund, na ja, um genau zu sein, eine der Vorgängervereine.
1868 gründete sich die erste Dortmunder Ortsgruppe des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins. Bis zur Herzkammer der SPD sollte es in
Dortmund aber noch etwas dauern. Dennoch spendierte Sänger und
Musiker Rainald Grebe der „alten Tante“ ein ordentliches
Geburtagsständchen und viele Gäste kamen. Auch Ars tremonia. Ein
Premierenbericht vom 30. März 2019.

Besonders lustig
sind Ortsvereinsversammlung selten, doch Grebe hat es geschafft, gut
zweieinhalb Stunden geballte SPD-Geschichte Revue passieren lassen,
ohne dass die große Langeweile aufkommt. Dabei schaffte er auch den
Spagat zwischen ernst gemeinten Lob für eine Partei, die sich um die
kleinen Leute gekümmert hat und vergaß nicht, auf die aktuelle
Orientierungslosigkeit der Partei hinzuweisen.

Es begann wie eine
Ortsvereinssitzung, allerdings in einer feierlichen Umgebung. Anke
Zillich spielte die Ortsvereinsvorsitzende des fiktiven Ortsvereins.
Erst einmal wurden alle anderen Ortsvereinsvorsitzenden begrüßt,
was bei der Menge an Ortsvereinen in der Dortmunder SPD eine Weile
dauerte. Christian Freund, Caroline Hanke, Marlena Keil und Uwe
Schmieder spielten weitere Mitglieder des Ortsvereins.

Ein klein wenig Geschichtsunterricht gab es auch: Christian Freund und Carloine Hanke (als Jusos) referierten vor der Orstvereinsvorsitzenden (gespielt von Anke Zillich) links im Bild. (Foto: ©Birgit Hupfeld)
Ein klein wenig Geschichtsunterricht gab es auch: Christian Freund und Caroline Hanke (als Jusos) referierten vor der Orstvereinsvorsitzenden (gespielt von Anke Zillich) links im Bild. (Foto: ©Birgit Hupfeld)

Zu einer
Jubiläumsveranstaltung gehören natürlich auch Reden. Neben
Videobotschaften von Andrea Nahles oder Franz Müntefehring gab es
auch echte Grußworte, gesprochen vom Oberbürgermeister Ullrich
Sierau. Dabei spielte Andreas Beck – mit einer herrlichen Perücke
– den OB, während der echte im Publikum saß. Er nahm es wohl mit
Humor. Die anderen „Gäste“ kamen aus der Gruft: Ferdinand
Lasalle, Willy Brandt, Kurt Schumacher, Rosa Luxemburg.

Wie es sich für
eine Arbeiterpartei gehört wurden auch viele Lieder gesungen. „Die
Gedanken sind frei“ und „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“
erklangen zusammen mit dem Publikum, während „Die Partisanen von
Amur“, „Und weil der Mensch ein Mensch ist“ oder „Mein Vater
wird gesucht“ vom Ensemble gesungen wurde.

Dabei wurden auf der
Feier des Ortsvereins auch Gäste begrüßt. Der Chor der
Naturfreunde, der AWO und der Tafel (alles der Tafelchor) und der
Männergesangverein der Zeche Viktoria. Die Ästhetisierung von
gefährlicher Schwerarbeit durfte natürlich nicht fehlen. So erklang
das altbekannte „Glück auf“ als Reminiszenz der Bergbautradition
und für alle Bergbau-Romantiker.

Ab diesem Zeitpunkt
wurde aus der fröhlichen Jubilarfeier eine Zustandsbestimmung der
SPD. „DJ Alexander“ alias Andreas Beck erzählte vom auszehrenden
Leben einer „Ich-AG“, die durch Gerhard Schröder in der
Regierungszeit von Rot-Grün eingeführt wurde. Doch gibt es noch
Arbeiter anno 2019? Und wenn ja, wer sind sie? Die Antwort gab Rosa
Luxemburg (Caroline Hanke): Von wegen es gebe keine Arbeiter mehr.
Müllmänner, Paketboten, Kindergärtnerin, Krankenpfleger. „Das
ist die Mehrheit. Das sind Millionen. Und das ist die Klientel der
SPD. Liebe Genossen, wenn ihr das nicht erkennt: dann löst euch doch
auf.“

Wenn es nach „Unsere
Herzkammer“ geht, dann geht die SPD ihrem Ende entgegen. Zumindest
hat Rainald Grebe eine Beerdigung als Schlusspunkt gesetzt. „Wir
wollen von allen geliebt werden, doch das geht nun mal nicht“,
sprach Anke Zillich als Ortsvereinsvorsitzende. Doch es gibt noch
Hoffnung: „Wir können doch frei aufspielen, was wagen, was
riskieren“. Das wäre der SPD zu wünschen.

Neben dem Ensemble
gehört natürlich ein großes Lob den Chören sowie den Musikern
Umut Akkuş,
Tobias Bülow, Jens-Karsten Stoll und Markus Türk, die als
Multiinstrumentalisten das Jubilarfest perfekt begleiteten.

Wer auch noch zur Jubilarfeier möchte, Karten und Informationen gibt es unter www.theaterdo.de




Homosexualität und Fußball

Mit „Echte Liebe“
präsentiert das Schauspiel Dortmund ein sehr politisches Stück. Es
behandelt quasi das letzte Tabu: Homosexualität im Profifußball.
Trotz Outing von Thomas Hitzelsberger vor Jahren findet ein Diskurs
in der Gesellschaft nicht statt. Das Besondere an dem Stück: Der
Sprechchor übernimmt alle Rollen. Die Premiere ist am 29.03.19 im
Studio.

Der Claim „Echte
Liebe“ ist mit dem BVB verbunden, doch es geht nicht speziell um
Borussia Dortmund. „Diesen Abend könnte man auch in Nürnberg
zeigen“, so Matthias Seier, Dramaturg am Schauspiel. Vielmehr geht
es um die generelle Frage, warum outen sich keine Profi-Fußballer?
Warum gibt es keine Diskussionen in der Öffentlichkeit? Warum
passiert nichts?

Das könnte mehrere
Gründe haben, vermuten Seier und Laura N. Junghanns, die
Regisseurin. Zum einen die Angst vor den Medien als „schwuler
Fußballer“ gebrandmarkt zu werden, die Furcht vor dem Fanblock,
vor allem bei Auswärtsspielen, aber auch die Sorge, auf dem
Transfermarkt weniger Chancen zu haben. Denn jeder Fußballer ist
quasi eine „Marke“, die an Wert verlieren würde, wenn er nicht
mehr in bestimmte Länder transferiert werden könnte.

Der Sprechchor spielt die zentrale Rolle in "Echte Liebe". (Foto: © Birgit Hupfeld)
Der Sprechchor spielt die zentrale Rolle in „Echte Liebe“. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Für das Stück
wurden viele Texte herausgesucht von vielen Texturhebern wie
Fußballern, Mitarbeiter der Fanabteilung des BVB, Funktionäre des
DFB, aber es gab auch Gruppengespräche mit dem Sprechchor. Hier
wurde unter anderem gefragt, was bedeutet der BVB für dich? Ist
Fußball politisch? Welchen Fußballspieler findest du attraktiv?

Homosexualität im
Frauenfußball hat dagegen mit dem Klischee zu kämpfen, dass es dort
eh nur „Kampflesben“ gebe, was sicher übertrieben ist. Dennoch
scheint es dort leichter zu sein, mit dem Thema Homosexualität
umzugehen.

Ein ist klar, „Echte
Liebe“ kann keine einfachen Antworten geben oder simple Lösungen
präsentieren, dafür ist das Thema zu komplex. Der Sprechchor, der
permanent im Studio in Bewegung ist, spielt eine gewichtige Rolle,
denn er wird verschiedene Typen darstellen. Von eher links-liberal
angehaucht bis hin zu homophob ist alles dabei. Vor allem die
homophoben Sprüche von Spielern und Funktionären werden zu hören
sein, um zu zeigen, wie borniert die Menschen mit Homosexualität
umgehen. Der Sprechchor übernimmt verschiedene Figuren wie den
anonymen Profi, Thomas Hitzelsberger, den DFB, Corny Littmann und
weiteren.

Die Bühne und
Kostüme werden dem Premierenort gerecht, denn Dortmund wird in den
Kostümen verortet sein. Die Dauer des Stückes ist nicht – wie man
vermuten könnte – 90 Minuten, sondern etwa 70 Minuten.

Informationen und
weitere Termine unter www.theaterdo.de




Geburtstagsständchen für die alte Tante SPD

Dortmund gilt als
Herzkammer der SPD. Lange Jahre brauchte man nur einen Besen rot
anmalen und man konnte sicher sein, er würde gewählt. Doch die
Zeiten sind auch in Dortmund vorbei. Bekam die SPD bei den
Kommunalwahlen 1979 noch 57,3 Prozent, waren es 2014 nur noch 38,2
Prozent. Auch die Zahl der Mitglieder ist im Sinkflug begriffen.
Dennoch möchte Sänger, Musiker, Kabarettist und Schauspieler
Rainald Grebe einer fiktiven SPD Ortsgruppe zum Geburtstag
gratulieren. Es werden auch Gäste kommen. Die Feier für „Unsere
Herzkammer“ am 30. März 2019 im Schauspiel Dortmund kann steigen.

Grebe wollte, wie er beim Pressegespräch sagte, „nicht schon wieder nur auf die SPD drauf hauen“. Er hat sich viel Mühe gemacht, und hauptsächlich einige örtliche SPD- Größen wie etwa Marianne Winzinski, Gerhard Langemeyer oder Hans Urbaniak interviewt. Das Engagement und der Leidenschaft der Politiker zollt er Respekt. Zudem redete er mit jungen Menschen im Theater-Umfeld über ihre Erwartungen und Meinungen zur Parteipolitik.

150 Jahre gibt es
die SPD in Dortmund. Angefangen hat alles 1868 mit der Dortmunder
Ortsgruppe des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“. Rainald
Grebe möchte einen kleinen Bogen von den Anfängen bis hin zur
Gegenwart spannen. Wofür steht die SPD heute? Werden die alten
Arbeiterlieder erklingen?

Eine musikalische Erinnerung an 150 Jahre SPD von Rainald Grebe.
Eine musikalische Erinnerung an 150 Jahre SPD von Rainald Grebe.

„Unsere
Herzkammer“ ist kein fertiges Stück von Rainald Grebe. Es wurde
mit den Schauspielern Andreas Beck, Christian Freund, Caroline Hanke,
Marlena Keil, Uwe Schmieder, Anke Zillich und Ingeborg May gemeinsam
entwickelt. Musikalisch unterstützt werden sie vom Tafel-Chor der
Dortmunder Tafel und dem Männergesangverein „Harmonie“ der Zeche
Viktoria in Lünen. Eine Band aus Multiinstrumentalisten wird
ebenfalls dabei sein. Hier
spielen Unmut Akkuşuş, Tobias Bülow, Markus Türk und Jens-Karsten
Stoll.

Eine
bunte, rasante Reise durch 150 Jahre Parteigeschichte erwartet uns.
Die Gäste kommen aus der Vergangenheit und Gegenwart der
Sozialdemokratie und vielleicht, ja vielleicht gibt es auch einen
kleinen Blick in die Zukunft der
Partei zu erhaschen.

Informationen
und Karten gibt es unter 0231
502722 oder www.theaterdo.de




Elektra als Spinnenkönigin

Nebel auf der Bühne.
Die Zuschauer können kaum etwas entdecken. Wie aus dem Nichts taucht
von ganz hinten Elektra (Franziska Roth) auf. Langsam. Sie hängt an
Schüren, die sich wie ein Netz formen. Die Spinnenkönigin in ihrem
Netz. Und sie hat nur ein Ziel: Rache, blutige Rache. Ein
Premierenbericht vom 22.03.2019 aus dem Theater im Depot.

Regisseur Remo
Philipp nahm die Vorlage von Hugo von Hofmannsthal und bearbeitete
sie für zwei Personen. Während Elektra alleine von Roth gespielt
wurde, schlüpfte Rudolf Klein in die Rollen von Schwester
Chrysothemis, Mutter Klytämnestra, Bruder Orest und Usurpator
Ägisth.

Während die
kleineren Rollen weggefallen sind, konzentriert sich Philipp auf die
Monologe und Dialoge der Hauptpersonen.

Von Hofmannsthal,
der die antiken Stoffe von Sophokles und Aischylos bearbeitete,
stellte Elektras Wunsch nach Rache in den Mittelpunkt. Und ihre
Rachegedanken wegen der Ermordung ihres Vaters Agamemnon sind
durchaus blutig. In ihrem Anfangsmonolog wird dies besonders deutlich
„und wir schlachten dir die Rosse, die im Hause sind, wir treiben
sie vor dem Grab zusammen, und sie ahnen den Tod und wiehern in die
Todesluft und sterben.“

Probenfoto von "Elektra": Elektra (Franziska Roth) im Spinnennetz. (Foto: © Remo Philipp)
Probenfoto von „Elektra“: Elektra (Franziska Roth) im Spinnennetz. (Foto: © Remo Philipp)

Elektra versucht
ihre Schwester mit in ihre Rachewelt zu ziehen, doch vergeblich, denn
ihre Schwester hat andere Pläne mit ihrem Leben. „Kinder will ich
haben, bevor mein Leib verwelkt“. Später, als das Gerücht
aufkommt, Orest sei tot, versucht Elektra ihre Schwester in ihr
Spinnennetz zu ziehen, damit sie beide ihre Mutter und Ägisth töten.

Ihre Netze versucht
Elektra auch gegen ihre Mutter auszuwerfen, die nach einem Opfertier
fragt, um ihre bösen Träume loszuwerden. Erst spät dämmert ihr,
dass sie mit dem Opfertier gemeint ist und verlässt fluchtartig den
Raum.

Orest selbst stellt
Philipp nicht auf die Bühne, sondern lässt ihn mit einer
Darth-Vader-Stimme mit Elektra reden. Nach dem Orest angekommen ist,
ist es auch Zeit für Elektra ihr Netz zu verlassen und aktiv zu
werden, um so Ägisth ins Verderben zu treiben.

Philipp hat mit
wenig Mitteln auf der Bühne eine effektive gruselige Atmosphäre
geschaffen. Neben Nebel, wecken Puppen und alte Kinderwagen
Assoziationen zu Gothik-Horror-Filmen und besonders effektvoll ist
die Szene, bei der rotes Licht aus einem Kinderwagen scheint und
Elektra sich quasi die Hände in Blut wäscht.

Roth überzeugt als
rachsüchtige Spinnenkönigin Elektra, während Klein sich durch
seine Verwandlungsfähigkeit auszeichnet. In knapp 50 Minuten erzählt
Philipp mit Roth und Klein den Kern von „Elektra“ in einer
beeindruckenden und dichten Art und Weise.

Die weiteren Termine
im Theater im Depot sind am 11.05.2019 (um 20 Uhr) und 12.05.2019 (um
18 Uhr).




Trügerische Idylle

Es gibt wohl nichts,
was so sehr romantisiert wird, wie der Wald und das Landleben. Ein
Blick in die Zeitschriften-Auslagen zeigt es: Landlust, Landküche
suggerieren dem gestressten Städter wie erquicklich das Leben auf
dem Land sei. Für einen Bauern (vor allem in früherer Zeit) war das
Leben sicherlich nicht so erfreulich. Tägliche harte Arbeit und
immer die Angst, dass ein Unwetter große Teile der Ernte vernichtet.
Im 7. Philharmonischen Konzert am 19. und 20. März setzen sich drei
Komponisten mit dem Landleben auseinander, mal heiter, mal bittersüß.

Den Beginn machte
ein englischer Komponist namens George Butterworth. Seine Rhapsodie
„A Shropshire Lad“ weckt Erinnerungen an das englische Landleben.
Doch in der romantischen Musik wird die Idylle von Todesahnungen
überschattet. Das Stück ist sehr melancholisch. Eine Vorahnung, die
den Komponisten selbst trifft. Geboren 1885 meldet sich Butterworth
für die englische Armee im Ersten Weltkrieg und fällt 1916. Ein
guter Einsteig für die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung
von Julia Jones.

Midori spielte das Violinkonzert von Brahms in meisterlicher Weise. (Foto: © Timothy Greenfield-Sanders)
Midori spielte das Violinkonzert von Brahms in meisterlicher Weise. (Foto: © Timothy Greenfield-Sanders)

Eine Herausforderung
für Geiger ist das Violinkonzert D-Dur von Johannes Brahms. Früher
als fast unspielbar angesehen, gehört es mittlerweile ins Repertoire
vieler großen Geigenvirtuosen. Beim 7. Philharmonischen Konzert
spielte die Japanerin Midori die Solo-Violine und begeisterte das
Publikum mit ihrer Virtuosität. Vor allem im sehr langen ersten Satz
präsentierte sie die Kadenz in einer so wundervollen Weise, dass das
Publikum nicht anders konnte, als am Ende des Satzes zu applaudieren.

Idyllisch wurde es
beim zweiten „pastoralen“ Satz. Hier führt die Oboe als
„Fast-Soloinstrument“ ins musikalische Geschehen ein, bis die
Violine einsetzt. Mitori zeigte auch hier, dass sie neben ihrer
Virtuosität auch eine lyrische Stimmung mit ihrem Instrument zaubern
kann.

Der Schlussatz des
Violinkonzertes gehörte dem ungarischen Temperament. Die
folkloristischen Töne im schnellen Tempo erfordern immer wieder ein
großes Können der Solo-Künstlerin Midori.

Nach einer Zugabe
ging es in die Pause.

Nach der Pause
erwartete das Publikum die „Mutter aller musikalischen
Landpartien“, die 6. Sinfonie von Beethoven, auch „Pastorale“
genannt. Lustige Tänze, Vogelstimmen am Bach, Gewitter, an das alles
lässt uns Beethoven in seiner Sinfonie teilhaben. Gerade die ersten
beiden Sätze der Sinfonie sind ein Klangteppich voller
Naturgeräusche.

Der dritte Satz ist
einem ländlichen Fest nachempfunden. Hier imitiert das Orchester
Dorfmusikanten, die zum tanz aufspielen. Doch die Idylle dauert nicht
lange, denn mit großartiger Wucht lässt es Beethoven im vierten
Satz Gewittern. Der Schlusssatz ist ebenfalls ungewöhnlich. Wer das
triumphale Ende der 5. Sinfonie noch im Ohr hat, wird überrascht.
Denn das Ende ist lyrisch und ruhig.




Der Mensch hinter den sozialen Netzwerken

Mit „Man sieht
sich #SiehstDuMich“ nach Motiven von Guillaume Corbeil präsentieren
die Theaterpartisanen ein neues Stück zum Thema „Wie agieren wir
in den sozialen Netzwerken?“ Wie weit geht die Selbstinszenierung
und sind wir schon Narzissten? Ein Premierenbericht vom 16. März
2019.

Die sozialen Netze
sind Teil der Lebensrealität junger Menschen. Hier trifft man sich,
plant den Tag und versucht sich, möglichst vorteilhaft zu
präsentieren. „Likes“ und „Freunde“ auf Facebook sind zu
einer Art neuer Währung geworden. Diesen Druck müssen sich die
Jugendlichen stellen.

Das Telefon wurde um
1870 erfunden, doch auch hundert Jahre später war es nicht
selbstverständlich, dass jeder einen Telefonanschluss hatte. Ähnlich
verhält es sich es bei den Massenmedien Radio und Fernsehen. Die
Menschen hatten eine lange Zeit, sich an diese Geräte zu gewöhnen.
Doch das Internet und die sozialen Medien haben sich in kürzester
Zeit zu einem Massenphänomen durchgesetzt. Zudem kommen immer wieder
neue Plattformen auf dem Markt, die um die Aufmerksamkeit der Kinder
und Jugendlichen buhlen. Der Umgang mit diesen Medien muss also in
kürzester Zeit erfolgen.

Manchmal kommt Altes wieder- wie die Postkarten, die man sich früher aus dem Urlaub geschickt hat. (Foto: Edi Szekely)
Manchmal kommt Altes wieder- wie die Postkarten, die man sich früher aus dem Urlaub geschickt hat. (Foto: Edi Szekely) Ensemble

In dem Stück mit
Texten von Corbeil, Marc Uwe Kling und eigenen Ideen zeigen die zwölf
Theaterpartisanen die sozialen Netzwerke durchaus ambivalent. Ja, es
kann dazu führen, dass man sich schneller verabredet, gemeinsame
Zeit miteinander teilt und gemeinsame Erinnerungen teilt. Doch so ein
Verhalten kann natürlich auch zu narzisstischem Verhalten führen:
Ich mit meinen neuen Klamotten, ich mit Promi X, ich mit meinen
Facebook-Freunden, ich, ich, ich …

Stichtwort: Liebe:
Liebe in den Zeiten von Smartphones heißt auch, neben gemeinsamen
Fotos, sein Glück auch in die weite Öffentlichkeit zu tragen. Doch
dann und wann werden auch Momente der Flucht sichtbar, wenn man sich
aus dem Club schleicht und ganz allein sein will.

Diese
Zerbrechlichkeit ist auch der Grund, warum einige aus diesem Wahnsinn
aussteigen, doch für wie lange, wird nicht geklärt. Denn das Schöne
an dem Stück ist, dass es nicht wertet, sondern die Möglichkeiten
und Gefahren quasi gleichberechtigt nebeneinander stellt. Es wird
noch einen längeren Lernprozess brauchen, bis wir uns den Chancen
und Risiken der sozialen Netzwerke gestellt haben.

Links und rechts an
der Bühne waren Schnüre gespannt, die aussahen wie umgedrehte
Wäscheleinen. In diesen Schnüren (oder Netzen) schienen sich manche
Protagonisten zu verheddern. Das Stück besticht auch durch die
abwechslungsreiche Musik. Fast schon klar war, dass „Like mich am
Arsch“ von Deichkind gespielt wurde. Der Song kritisiert die
Oberflächlichkeit von Likes und Online-Petitionen, die keinerlei
echtes Engagement erfordern. Daher wird der „Generation Vielleicht“
auch zu sehr unpolitisches Verhalten vorgeworfen. Möglicherweise
ändert sich das aber durch die Aktionen für „Friday for future“,
die durch Greta Thunberg angeregt wurden.

Sehr schön waren
auch die kleinen Choreografien, die durch die Unterstützung von
Birgit Götz entstanden sind.