Kino gegen das Vergessen – Roya Sadats filmischer Widerstand

Roya Sadat gehört zu den bedeutendsten Stimmen des afghanischen Kinos – nicht nur, weil sie als eine der ersten weiblichen Regisseurinnen des Landes nach dem Fall der Taliban Filme drehte, sondern weil sie konsequent Themen behandelt, die in Afghanistan oft verdrängt oder tabuisiert werden: Frauenrechte, Selbstbestimmung, politische Gewalt. Ihre Filme sind nicht nur künstlerische Werke, sondern auch Akte des Erinnerns – gegen das Vergessen und gegen die Auslöschung weiblicher Perspektiven aus der afghanischen Geschichte.

Mit Sima’s Song wendet sich Sadat einer Zeit zu, die außerhalb Afghanistans kaum bekannt ist: den späten 1970er Jahren, als das Land zwischen Modernisierung und Widerstand, Revolution und Repression zerrieben wurde. Es ist eine kluge Entscheidung, diese politisch aufgeladene Periode aus der Sicht zweier Frauen zu erzählen – denn sie verkörpern auf ganz eigene Weise die Konfliktlinien jener Zeit.

Zwischen Revolution und Tradition – Sima’s Song

In diese wenig bekannte Epoche der afghanischen Geschichte entführt Sima’s Song. Die Handlung spielt in den Monaten vor dem sowjetischen Einmarsch im Dezember 1979 – einer Zeit politischer und gesellschaftlicher Zerrissenheit.

Afghanistan war damals ein Land im Umbruch. Im April 1978 putschte sich die Volksdemokratische Partei Afghanistans (PDPA) unter Nur Muhammad Taraki an die Macht. Die neue Regierung setzte auf tiefgreifende Reformen: Landverteilung, Alphabetisierungskampagnen, Einschränkung des Einflusses der Religion sowie die Gleichstellung der Frau standen auf der Agenda. Doch die PDPA war gespalten – in den radikaleren Flügel „Khalq“ und den gemäßigteren „Parcham“. Diese inneren Machtkämpfe schwächten die Regierung zusätzlich.

Soma's Song: Glückliche Momente vor drohender Katastrophe. (v.l.n.r.) Suraya (gespielt von Mozhdah Jamalzadah) und Sima (Niloufar Koukhani). Foto: (c) Ton Peters)
Soma’s Song: Glückliche Momente vor drohender Katastrophe. (v.l.n.r.) Suraya (gespielt von Mozhdah Jamalzadah) und Sima (Niloufar Koukhani). Foto: (c) Ton Peters)

Gleichzeitig formierte sich auf dem Land Widerstand durch Islamisten und Stammesfürsten, der mit harter Repression beantwortet wurde. Im September 1979 wurde Taraki ermordet und durch Hafizullah Amin ersetzt. Nur wenige Monate später, am 27. Dezember 1979, marschierten sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Amin wurde in einem Kommandoeinsatz der Spetsnaz getötet, Babrak Karmal – Anführer der Parcham-Fraktion und Moskaus Verbündeter – wurde zum Präsidenten ernannt.

Zwei Frauen, zwei Welten

In diesem historischen Kontext erzählt Sadat die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen zwei Frauen: Suraya, eine Studentin und Tochter eines „Märtyrers der Revolution“, ist glühende Verfechterin des kommunistischen Gleichheitsideals. Sima hingegen, eine talentierte Sängerin und Tochter des Hausmeisters, stammt aus einem konservativ-muslimischen Umfeld. Zwischen den beiden entsteht eine fragile Beziehung, die durch die Spannungen der Zeit immer wieder herausgefordert wird.

Der Film zeigt nicht nur die politischen Umbrüche der späten 1970er Jahre, sondern auch die gesellschaftlichen Gegensätze innerhalb Afghanistans. Wenn die Kamera durch Kabul streift, begegnen uns Frauen in modernen Kleidern ebenso wie solche in Burkas. An der Universität lernen Männer und Frauen selbstverständlich Seite an Seite. Was nur angedeutet wird, aber dennoch spürbar bleibt: Die Kluft zwischen dem urbanen und dem ländlichen Leben war auch damals enorm – nicht nur im Lebensstil, sondern auch in Bezug auf Bildung, Frauenrechte und Freiheitsverständnis.

Sima’s Song bietet einen eindrucksvollen Einblick in ein Afghanistan, in dem zumindest ein Teil der weiblichen Bevölkerung deutlich mehr Freiheiten besaß als heute. Roya Sadat macht sichtbar, dass der Kampf um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung dort schon viel früher begann – lange bevor er durch Krieg, Extremismus und internationale Interessen überlagert wurde.




Der Kampf um Autonomie – Sunshine

Am Freitag, dem 04.04.2025, präsentierte das Internationale Frauenfilmfestival um 21:00 Uhr den philippinischen Film Sunshine von Regisseurin Antoinette Jadaone.

Die Handlung: Sunshine Francisco, eine talentierte Turnerin mit Olympia-Ambitionen, wird durch eine ungewollte Schwangerschaft aus der Bahn geworfen. Sie lebt in Manila, auf den tiefkatholischen Philippinen, wo Abtreibung illegal ist. Eine Entscheidung scheint unmöglich – zwischen sportlichem Traum, gesellschaftlichem Druck und existenzieller Verzweiflung.

Was kann eine junge Frau tun, die alles für ihren Lebenstraum gegeben hat – und plötzlich mit einer Realität konfrontiert ist, die keinen Platz für diesen Traum lässt? Offizielle Hilfe gibt es nicht. Der Kindesvater zieht sich zurück. Er gibt ihr Geld, damit Sunshine das „Problem“ aus der Welt schafft – ein Verhalten, das wütend macht. (Man möchte ihn als „Arschloch“ bezeichnen – was hart klingt, aber durch sein empathieloses Verhalten leider gerechtfertigt erscheint.) Am Ende kehrt er zurück – diesmal mit seinem Vater, einem Pastor. Doch beide wollen Sunshines Zukunft mit Geld erkaufen, ohne echte Verantwortung zu übernehmen.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die illegalen Mittel, die auf einem Marktstand zwischen Heiligenbildern verkauft werden, zeigen Nebenwirkungen. Sunshine nimmt sie schließlich in einem Stundenhotel ein – und landet nach starken Blutungen im Krankenhaus. Regisseurin Jadaone zeigt die beklemmenden Lebensrealitäten vieler philippinischer Frauen: ein Alltag zwischen Glaube, Scham, Armut und rechtlicher Ohnmacht. Dabei gelingt ihr ein ungeschönter Blick auf die Schattenseiten Manilas.

Sunshine - eindrucksvolle Leistung von Maris Racal.
Sunshine – eindrucksvolle Leistung von Maris Racal.

Besonders eindrucksvoll ist die Figur eines geheimnisvollen kleinen Mädchens, das Sunshine begleitet. Es wirkt wie eine Manifestation ihres Gewissens, eine Art Phantasiefreundin, die sie mit den moralischen und emotionalen Dimensionen ihrer Entscheidungen konfrontiert – mal fordernd, mal verständnisvoll, aber stets nah an ihrem inneren Konflikt.

Sunshine ist ein mutiger und relevanter Film, der gesellschaftliche Tabus thematisiert und persönliche Geschichten mit struktureller Kritik verwebt. Maris Racal überzeugt in der Hauptrolle mit einer körperlich eindringlichen, emotional nuancierten Performance.

Antoinette Jadaone, die sich mit Filmen wie That Thing Called Tadhana oder Never Not Love You bisher vor allem im romantischen Genre einen Namen gemacht hat, zeigt mit Sunshine eine neue, radikalere Seite ihres Schaffens. Ohne Sentimentalität, aber mit großem Einfühlungsvermögen, setzt sie sich mit der Lebensrealität junger Frauen auseinander – und liefert einen ihrer politischsten Filme bisher.




Zurück im Dorf: Rima Das erzählt Dhunus Geschichte weiter

Nach dem Erfolg von „Village Rockstars“ aus dem Jahr 2017 kehrt die Regisseurin Rima Das zurück in ein kleines Dorf im indischen Assam und verfolgt in „Village Rockstars 2“ das Schicksal der mittlerweile 17-jährigen Dhunu – erneut gespielt von Bhanita Das, der Nichte der Regisseurin.

Im ersten Teil wird die Geschichte der zehnjährigen Dhunu erzählt, die davon träumt, eine eigene Rockband zu gründen und eine echte Gitarre zu besitzen. Trotz finanzieller Schwierigkeiten und gesellschaftlicher Erwartungen verfolgt sie entschlossen ihren Traum.

Ein Dorf zwischen Naturgewalt und Zivilisationsdruck

Im zweiten, aktuellen Teil stehen die Herausforderungen der Dorfgemeinschaft im Mittelpunkt. Einerseits ist da die unberechenbare Naturgewalt: Überschwemmungen zerstören Ernten und setzen das Dorf regelmäßig unter Wasser. Andererseits droht Gefahr durch den „Fortschritt“ – Bulldozer verwüsten das Land, alte Bäume werden gefällt, und die Spuren der Zivilisation hinterlassen sichtbare Wunden.

Dhunu (Bhanita Das) spielt den Kinder ihres Dorfes auf ihrer Gitarre. (Foto: (c) IFFF)
Village Rockstars 2: Dhunu (Bhanita Das) spielt den Kinder ihres Dorfes auf ihrer Gitarre etwas vor. (Foto: (c) IFFF)

Auffällig ist die zentrale Rolle der Frauen in diesem Film. Nicht nur Dhunu und ihre Mutter, sondern auch viele andere Frauen im Dorf übernehmen die Verantwortung – sei es auf den Feldern oder im Alltag. Sie wirken stark, selbstbewusst und bestimmen maßgeblich das Geschehen. Die Männer dagegen treten meist als Randfiguren auf: passiv, orientierungslos oder sogar schädlich. Der Makler, der den Dorfbewohnern das Land abspenstig machen will, wirkt schmierig und berechnend. Auch Dhunus Bruder reiht sich in diese wenig schmeichelhafte Darstellung ein: Er wird zum Trinker und verkauft schließlich das Land seiner Mutter.

Dass die Mutter-Tochter-Beziehung ein tragisches Ende findet, zeichnet sich leider recht früh ab. Doch dieser kleine Wermutstropfen schmälert kaum die Wirkung eines ansonsten poetischen, malerischen Films, der durch seinen dokumentarischen Stil besticht. Rima Das lässt uns über 90 Minuten hinweg intensiv am Leben im Dorf und an Dhunus Schicksal teilhaben – mit großer Nähe, Wärme und einem feinen Gespür für die leisen Töne des Alltags.




Bewegte Bilder und bewegende Geschichten beim 42. Internationalen Frauenfilmfestival

Nimmt man den Trailer zum 42. Internationalen Frauenfilmfestival (IFFF) als Maßstab, dann erwartet die Besucher*innen ein dynamisches und äußerst internationales Ereignis. Zu sehen sind vor allem Frauen, die in Bewegung sind – ein Eindruck, der sich auch thematisch in den Filmen widerspiegelt. So beschäftigt sich „Sunshine“ etwa mit den Träumen einer jungen Turnerin, die ungewollt schwanger wird, während „Samia“ das tragische Schicksal der somalischen Läuferin Samia Yusuf Omer erzählt.

Weiblicher Blick und vielfältige Perspektiven

Generell steht beim Frauenfilmfestival der weibliche Blick und die Erzählung aus weiblicher Perspektive im Mittelpunkt. Vom 1. bis 6. April 2025 umfasst das Programm 103 Filme aus 42 Ländern, verteilt auf insgesamt 11 Sektionen. Der älteste Film stammt sogar bereits aus dem Jahr 1903. Ganze sieben Filme feiern auf dem Festival ihre Deutschlandpremiere.

Unterstützer:innen, Teilnehmerinnen und Organisatorinnen des 42. Internationalen Frauenfilmfestivals: (v.l.n.r.) Hendrikje Spengler, Leiterin des Kulturbüros der Stadt Dortmund, Gabriele Kroll, Verhinderungsvertreterin des Vorstands der Sparkasse Dortmund, Chris Baur, Geschäftsführer CineONE Dortmund (Preissponsor Female Gaze), Dr. Maxa Zoller, Festivalleitung des IFFF Dortmund+Köln, Dr. Natascha Frankenberg, Kuratorin begehrt! – filmlust queer, Yasemin Şamdereli, Mitglied der Jury des Internationalen Spielfilm-Wettbewewerbs und Regisseurin von SAMIA, und Martina Priessner, Regisseurin des Eröffnungsfilms DIE MÖLLNER BRIEFE
Unterstützer:innen, Teilnehmerinnen und Organisatorinnen des 42. Internationalen Frauenfilmfestivals: (v.l.n.r.) Hendrikje Spengler, Leiterin des Kulturbüros der Stadt Dortmund, Gabriele Kroll, Verhinderungsvertreterin des Vorstands der Sparkasse Dortmund, Chris Baur, Geschäftsführer CineONE Dortmund (Preissponsor Female Gaze), Dr. Maxa Zoller, Festivalleitung des IFFF Dortmund+Köln, Dr. Natascha Frankenberg, Kuratorin begehrt! – filmlust queer, Yasemin Şamdereli, Mitglied der Jury des Internationalen Spielfilm-Wettbewererbs und Regisseurin von SAMIA, und Martina Priessner, Regisseurin des Eröffnungsfilms DIE MÖLLNER BRIEFE

Auch Preise werden verliehen – insgesamt fünf im Gesamtwert von 55.000 Euro, darunter erstmals der „Female Gaze“. Dieser Sachpreis unterstützt mit einem Equipment-Verleih im Wert von 5.000 Euro Nachwuchsbildgestalter*innen aus NRW. Die diesjährige Preisträgerin steht bereits fest: Zoe Dumas, Absolventin der ifs internationale filmschule Köln, erhält den „Female Gaze“ für die Bildgestaltung ihres Abschlussfilms „El Mártir“ (Der Märtyrer; Regie: Alejandro Mathé).

Mit 15.000 Euro dotiert ist zudem der Internationale Spielfilmwettbewerb, der renommierte Regisseur*innen ab ihrem dritten Kinospielfilm in den Fokus rückt. In der Auswahl vertreten sind Filme aus Indien, den Philippinen, Slowenien, Spanien, der Türkei sowie internationale Koproduktionen, deren Handlung unter anderem in Afghanistan, Albanien oder Schottland angesiedelt ist.




T(Räume) – Surreale Welten zwischen Malerei und Fotografie

Seit über zehn Jahren erforscht der Fotograf Klaus Pfeiffer den kreativen Zwischenraum zwischen Malerei und Fotografie. Mithilfe digitaler Filter verwandelt er gegenständliche Motive in surreale Welten, die die Sehgewohnheiten der Betrachtenden herausfordern. Noch bis zum 31. Dezember 2025 zeigt Klaus Pfeiffer auf über 300 Quadratmetern insgesamt 34 Arbeiten, verteilt auf sieben Räume, in den Räumlichkeiten von audalis am Rheinlanddamm 199. Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten von audalis frei zugänglich.

Der Ausstellungstitel „T(Räume)“ spiegelt das Spiel zwischen Traum und Raum wider und symbolisiert das kreative Pendeln des Künstlers zwischen fotografischer Realität und malerischer Fantasie. Gerade in den nüchternen Konferenz- und Besprechungsräumen entfalten die Bilder ihre besondere Wirkung. Sie bieten keine einfache Lesart, sondern verändern sich je nach Gemütszustand der Betrachtenden.

Im Vordergrund: Klaus Pfeiffer und Elke Niermann,, Mitarbeiterin bei Audalis, bei der Eröffnung der Ausstellung.
Im Vordergrund: Klaus Pfeiffer und Elke Niermann,, Partnerin bei audalis, bei der Eröffnung der Ausstellung. Elke Niermann hat vor 20 Jahren das Projekt „Kunst in der Kanzlei“ ins Leben gerufen.

Meer, Magie und Traumspuren

Die Themen, die Klaus Pfeiffer für die einzelnen Räume gewählt hat, wirken zugleich konkret und sphärisch. Beispielhaft dafür steht „Das Meer“ – geheimnisvoll und unergründlich, zugleich aber auch Sehnsuchtsort und Traum. Gegenständlicher erscheinen hingegen die Arbeiten unter dem Titel „Nach dem Zauber“, die sich mit der Pflanzenwelt beschäftigen. Auch Träume selbst sind zentrales Thema der Ausstellung: In „Traumspuren“ setzt sich der Künstler mit dem Unfassbaren und Flüchtigen unserer nächtlichen Erlebniswelten auseinander. Für mich persönlich einer der eindrucksvollsten Räume.

Insgesamt lädt diese Ausstellung dazu ein, viele unterschiedliche Facetten im Schaffen von Klaus Pfeiffer zu entdecken. Er ist ein Künstler, der bewusst und virtuos mit digitalen Mitteln die Grenzen zwischen Fotografie und Malerei weiter auslotet.




Alle spielen – aber wer bestimmt die Regeln?

Ein ungewöhnlicher Theaterabend feierte am 21. April 2025 im Studio des Schauspielhauses Dortmund Premiere. Die Choreografin und Regisseurin Magda Korsinsky inszenierte gemeinsam mit Viet Ahn Alexander Tran, Akasha Daley und Nika Mišković ein Stück, das stärker an Tanztheater als an klassisches Sprechtheater erinnerte.

Im Mittelpunkt stand das Thema „Spielen“. Bereits der Kulturhistoriker Johan Huizinga prägte den Begriff Homo ludens – der spielende Mensch. Für Huizinga bildet das Spiel eine grundlegende Struktur der Gesellschaft, da es Regeln etabliert, Gemeinschaften schafft und Machtverhältnisse abbildet.

Doch wer ein Spiel nicht kennt oder dessen Regeln nicht versteht, fühlt sich schnell orientierungslos und ausgeschlossen. In der Gesellschaft betrifft dies oft Migrant:innen, Minderheiten oder sozial benachteiligte Gruppen, die sich in einem Regelwerk zurechtfinden müssen, das nicht für sie gemacht wurde. Der Soziologe Pierre Bourdieu beschreibt dieses Phänomen als „symbolische Gewalt“ – das Gefühl der Unterlegenheit gegenüber einer Ordnung, die scheinbar nicht hinterfragt werden darf.

Viet Anh Alexander Tran, Nika Mišković, Akasha DaleyFoto: (c) Birgit Hupfeld
Viet Anh Alexander Tran, Nika Mišković, Akasha Daley
Foto: (c) Birgit Hupfeld

Der Umgang mit Spielregeln ist daher ein zentraler Aspekt von Macht, Gerechtigkeit und Teilhabe. Ein kritisches Hinterfragen dieser Regeln ist notwendig, um ein faires Miteinander zu ermöglichen.

Die Bühne als Spielfeld der Gesellschaft

In Alle Spielen reisen die drei Darsteller:innen aus der Zukunft ins Jahr 2025 zurück und betrachten das „Spielbrett der Gesellschaft“ mit fremdem Blick – wie Neuankömmlinge. Wie lernt man die Regeln? Wie findet man sich zurecht? „Integrier dich. Pass dich an“, wird ihnen gesagt. Wer jedoch versucht, einen eigenen Weg zu gehen, stößt auf Einsamkeit – oder wird in Schubladen gesteckt. Die Regeln bleiben unklar, das Spielfeld erscheint starr. Wie lässt sich damit leben?

Alle Spielen ist eine Mischung aus Sprech- und Tanztheater. Jede der drei Performer:innen sang zudem jeweils einen Song von der Musikerin Ann Weller (Cheap Wedding), sodass Musik und Rhythmus das Stück wesentlich prägten. Viet Ahn Alexander Tran, Akasha Daley und Nika Mišković überzeugten mit großer körperlicher Ausdruckskraft und Ausdauer.

Für Besucher:innen, die Freude an Tanztheater und musikalischen Elementen haben, war der Abend sicherlich eine bereichernde Erfahrung. Der begeisterte Schlussapplaus zeigte jedenfalls: Der überwiegende Teil des Premierenpublikums hatte sichtlich Spaß.




Das Duell der Königinnen

Nein, es ging nicht um ein Schachspiel, auch wenn eine weiße und eine schwarze Königin im Mittelpunkt standen. Das Stück ist nach „Die letzte Königin“ und „Die letzte Königin 2“ der dritte und abschließende Teil von Nanas Königinnen-Trilogie. Es stellte starke weibliche Persönlichkeiten schwarzer und weißer Hautfarbe gegenüber – jedoch ohne eine eindeutige Siegerin. Die Aufführung, die am 28. Februar im Theater im Depot in Dortmund stattfand, war eine spannende Mischung aus Theater, Spiel, Musik und Videokunst.

Historische Königinnen im Wettstreit

Die kamerunische Regisseurin Édith Nana und die deutsche Performerin Kerstin Pohle verkörperten mächtige, historische Frauenfiguren – die eine afrikanisch, die andere europäisch. Wobei „Königinnen“ nicht ganz zutreffend ist; „Persönlichkeiten“ beschreibt die Vielfalt der dargestellten Figuren besser. Begleitet wurden sie vom kamerunischen Mvet-Spieler François Alima und dem deutschen Videokünstler Nils Voges (sputnic). Gemeinsam entfalteten sie eine multimediale und philosophische Reise, die Traditionen, Vorbilder und Konzepte von Identität kritisch hinterfragte.

In der ersten Runde traten Aura Poku und Hildegard von Bingen gegeneinander an. Während Hildegard von Bingen den meisten bekannt sein dürfte, sei hier ein kurzer Blick auf Aura Poku erlaubt: Auch bekannt als Abla Pokou oder Abra Pokou, war sie eine aschantische Prinzessin und Begründerin des Königreichs Baulé (heute Elfenbeinküste) im 18. Jahrhundert. Der Legende nach musste sie ihr Kind opfern, um einen Fluss zu überqueren.

Kerstin Pohle (links) und Édith Nana. (Foto: (c) Nils Voges)
Kerstin Pohle (links) und Édith Nana. (Foto: (c) Nils Voges)

In der zweiten Runde verkörperte Édith Nana die angolanische Herrscherin Nzinga Mbande, während Kerstin Pohle in die Rolle Maria Theresias schlüpfte. Nzinga Mbande (auch bekannt als Königin Nzinga oder Njinga von Ndongo und Matamba) war eine bedeutende politische Figur des 17. Jahrhunderts, bekannt für ihre diplomatische Klugheit und ihren Widerstand gegen die portugiesische Kolonialherrschaft.

In der dritten und letzten Runde standen sich Sojourner Truth und Annette von Droste-Hülshoff gegenüber. Sojourner Truth war eine US-amerikanische Abolitionistin und Frauenrechtlerin und die erste schwarze Frau, die einen Prozess gegen einen weißen Mann gewann.

Wenn die Regeln in Frage stehen

Nach der dritten Runde wurde das Spiel abgebrochen – trotz der Aufforderung der künstlichen Intelligenz (KI) weiterzumachen. Beide Spielerinnen waren nicht mehr bereit, sich den Regeln zu unterwerfen. Dabei kam die Frage auf, warum die weiße Spielerin nur die weißen Figuren spielen durfte und nicht die schwarzen. Wäre das „kulturelle Aneignung“, wie die KI insistierte?

Diese Diskussion ist nicht neu und beschäftigt die Kulturbranche schon länger. In alten Western etwa wurden indigene Rollen oft von Weißen gespielt, und auch die Besetzung der Meerjungfrau „Arielle“ durch eine schwarze Schauspielerin sorgte für Debatten.

Das Stück entwickelte sich schließlich zu einem eindringlichen Plädoyer: Es rief dazu auf, sich starke Frauenpersönlichkeiten zum Vorbild zu nehmen – unabhängig von ihrer Hautfarbe.




Vielseitige Klangwelten: Das 4. Kammerkonzert verband Klassik und Moderne

Die Akademie für Theater und Digitalität war der Schauplatz für das 4. Kammerkonzert der Spielzeit 24/25. Das gut besuchte Kammerkonzert bot eine reizvolle Reise durch verschiedene musikalische Epochen und Stile. Im Zentrum standen vier Werke, die von subtiler Raffinesse bis hin zu expressiver Dramatik reichten und die Wandlungsfähigkeit des Zusammenspiels von Fagott und Streichern eindrucksvoll unter Beweis stellten.

Ein abwechslungsreicher Auftakt

Den Auftakt bildete Anton Reichas selten gespieltes Werk Variationen für Fagott und Streichquartett. Der Zeitgenosse Beethovens verband in diesem Stück Eleganz mit spielerischer Virtuosität. Besonders reizvoll war der Kontrast zwischen dem lyrischen Lento-Eingang und dem lebhaften Allegretto, in dem das Fagott mit charmanter Leichtigkeit brillierte.

Zu den vier Instrumenten des klassischen Streichquartetts kamen noch das Fagott und der Kontrabass hinzu. (Foto: (c) flutie8211/pixabay)
Zu den vier Instrumenten des klassischen Streichquartetts kamen noch das Fagott und der Kontrabass hinzu. (Foto: (c) flutie8211/pixabay)

Mit Wolfgang Amadeus Mozarts Streichquartett Nr. 19 in C-Dur KV 465, bekannt als „Dissonanzen-Quartett“, folgte ein Klassiker der Kammermusikliteratur. Das Werk erhielt seinen Beinamen aufgrund der kühnen harmonischen Einleitung, die zu Mozarts Zeit als gewagt galt. Zwischen feinsinniger Melodik und harmonischer Spannung entfaltete das Quartett eine erstaunliche Ausdrucksvielfalt – von der kontemplativen Tiefe des „Adagio“ bis zum mitreißenden „Allegro molto“ des Finalsatzes.

Dramatik und heitere Eleganz

Nach der Pause erklomm das Programm einen expressiven Höhepunkt mit Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 op. 110. Das fünfsätzige Werk, das der Komponist 1960 in nur drei Tagen vollendete, war eine bewegende musikalische Selbstreflexion. Geprägt von Schostakowitschs persönlichem Monogramm „D-Es-C-H“ durchzog ein Geflecht aus Trauer, Sarkasmus und Resignation die einzelnen Sätze. Besonders das gravierende Largo-Thema bildete den emotionalen Rahmen dieser tief berührenden Komposition. Schostakowitsch verarbeitete darin seine Angst, während Stalins Säuberungen von der sowjetischen Geheimpolizei abgeholt zu werden. Die Instrumente imitierten sogar das bedrohliche Klopfen.

Zum Abschluss sorgte Jean Françaix‘ Divertissement für Fagott und Streichquintett für eine heitere Auflockerung. Mit französischer Eleganz und feinem Humor entfaltete sich ein musikalisches Spiel aus spritzigen Rhythmen und klanglicher Raffinesse. Die vier Sätze boten dem Fagott Gelegenheit, seine ganze Ausdrucksbandbreite von schalkhafter Lebendigkeit bis zu inniger Kantabilität zu zeigen und entließen das Publikum mit einem Augenzwinkern in den Abend.

Musiziert haben Gesa Renzenbrink und Anne-Kristin Grimm an der Violine, Dahee Kwon an der Viola, Denis Krotov am Cello, Pablo Gonzàlez Hernàndez am Fagott und Michael Naebert am Kontrabass.

Dieses Kammerkonzert verband meisterhafte Kompositionen aus drei Jahrhunderten zu einem Programm voller Kontraste – ein Fest für Freunde der Kammermusik, die sich auf emotionale Tiefe ebenso freuen durften wie auf virtuose Leichtigkeit. Das wurde mit begeistertem Applaus gewürdigt.




Meisterhafte Kontraste: Mao Fujita begeistert im Konzerthaus

In einer spannenden und kontrastreichen Reise führte der japanische Pianist Mao Fujita am 26. Februar 2025 das Publikum im Konzerthaus durch musikalische Epochen und Stile.

Ein Kaleidoskop der Emotionen

Eröffnet wurde das Konzert mit Chopins 24 Préludes op. 28. Diese Sammlung ist eine Art musikalisches Kaleidoskop, in dem jedes Prélude eine eigene Stimmung entfaltet. Die Stücke wechselten zwischen lyrischer Zartheit, dramatischer Intensität und virtuoser Brillanz.

Nach der Pause erklangen Mozarts Variationen KV 265. Die charmanten, spielerisch-leichten Variationen über das bekannte französische Volkslied („Ah, vous dirai-je, Maman“, in Deutschland als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ bekannt) boten einen Kontrast zu Chopins tiefer Emotionalität.

Mao Fujita begeisterte das Publikum im Komnzerthaus. /Foto: (C) Dovile Sermokas)
Mao Fujita begeisterte das Publikum im Komnzerthaus. /Foto: (C) Dovile Sermokas)

Beethovens 32 Variationen WoO 80 in c-Moll sind kraftvoll, kontrastreich und formal streng. Sie verlangen pianistische Präzision, während sie ein düsteres, fast schicksalhaftes Grundmotiv durch diverse musikalische Charaktere führen. Diese Variationen dienten als Übergang zur emotionalen Wucht der folgenden Sonate.

Den Höhepunkt des Programms bildete Beethovens f-Moll-Sonate op. 57, die berühmte „Appassionata“. Sie ist geprägt von leidenschaftlicher Erregung, dynamischen Extremen und einer tiefen existenziellen Dramatik. Die drei Sätze entfalteten eine erzählerische Kraft, die von innerer Unruhe bis zu einem stürmischen Finale reichte.

Mao Fujita verzauberte vor allem durch seinen klaren, ausdrucksstarken und technisch brillanten Spielstil, der insbesondere in den beiden Beethoven-Stücken zur Geltung kam. Erst nach zwei Zugaben war das Konzert beendet.




Elias – Oratorium mit dramatischer Ausdruckskraft

Am 22. Februar präsentierte der Philharmonische Chor unter der Leitung von Granville Walker das Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Begleitet wurden sie dabei von den Dortmunder Philharmonikern sowie den Solist:innen Kristin Ebner, Sinja Lorenz, Natasha Valentin, Aljoscha Lennert und Daniel Carison. Das Konzert fand in der Reinoldikirche statt.

Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“ (op. 70), uraufgeführt 1846 in Birmingham, verbindet musikalisch und inhaltlich die dramatische Kraft barocker Vorbilder wie Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel mit der lyrischen Sensibilität und harmonischen Fülle der Romantik. In den Chorälen ist deutlich Bachs Einfluss zu hören, während Mendelssohn Bartholdy von Händel die kraftvollen, eindrucksvollen Chorsätze übernommen hat. Besonders hier zeigte der Philharmonische Chor seine Stärke: Die Chöre spielen eine zentrale Rolle und demonstrieren eine beeindruckende stilistische Bandbreite. Gewaltige, majestätische Chöre wie „Aber der Herr sieht es nicht“ unterstreichen die Erhabenheit Gottes. Volksnahe, klagende Passagen spiegeln das Leid und die Unsicherheit des Volkes wider. Dramatisch aufgeladene Turba-Chöre (Massenchöre), etwa beim Duell zwischen Elias und den Baalspropheten, verstärken die theatralische Wirkung.

Facettenreiche Charakterzeichnung in Musik und Text

Auch die Solopartien sind musikalisch vielschichtig gestaltet. Elias (Bass-Bariton) tritt kraftvoll und autoritär auf, offenbart jedoch zugleich menschliche Zweifel. Der Sopran übernimmt häufig die Rolle von Engeln oder Trostfiguren, deren Gesang sich durch lichtvolle, sanfte Linien auszeichnet. Diese kontrastreiche musikalische Gestaltung trägt zur emotionalen Tiefe des Oratoriums bei.

Das Oratorium "Elias" von Mendelssohn Bartholdy erklang in der Reinoldikirche.
Das Oratorium „Elias“ von Mendelssohn Bartholdy erklang in der Reinoldikirche.

Im Zentrum des Werks steht die biblische Figur des Elias. Für die einen ist er eine inspirierende, aber auch radikale Persönlichkeit – ein unbeugsamer Mahner gegen Unrecht und ein Verteidiger spiritueller Werte. Für andere, zu denen ich mich ebenfalls zähle, erscheint Elias hingegen als fanatischer Eiferer. Sein kompromissloses Vorgehen gegenüber Andersgläubigen und die Anwendung von Gewalt werfen aus heutiger Perspektive ethische und gesellschaftliche Fragen auf – insbesondere im Hinblick auf religiöse Toleranz, Machtmissbrauch und den Umgang mit Vielfalt. In einer pluralistischen Gesellschaft hat eine Figur wie Elias keinen Platz.

Mit seiner dramatischen Ausdruckskraft und der vielschichtigen musikalischen Gestaltung hinterließ das Konzert in der Reinoldikirche einen nachhaltigen Eindruck. Der Philharmonische Chor, die Solist:innen und die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Granville Walker überzeugten mit einer packenden Darbietung, die die zeitlose Relevanz und die künstlerische Größe von Mendelssohn Bartholdys Meisterwerk eindrucksvoll zur Geltung brachte.