Was zieht uns zum Abgrund?

Warum stehen die Menschen dem drohenden Klimawandel so tatenlos entgegen? Eigentlich unverständlich bei den Folgen, die eine Erwärmung unseres Planeten mit sich bringen würde. Welcher Mechanismus sorgt also dafür, dass der Klimawandel den meisten Menschen irgendwie egal ist. Darauf gibt es einige Erklärungsmöglichkeiten, eine theatrale Antwort gibt Björn Gabriel und seine Theatergruppe „Trafique“ in dem Stück „Abgrund“, das am 03. Oktober 2020 Premiere im Fletch Bizzel feierte.

Schon 2014 veröffentlichte der Klimaaktivist George Marshall sein Buch „Don‘t even think about it“ mit dem schönen Untertitel „Warum unsere Gehirne so darauf eingestellt sind, den Klimawandel zu ignorieren“. Einer seiner Kernthesen ist folgender: Der Klimawandel ist vielschichtig, er hat keinen klaren Anfang und kein klares Ende. Es gibt keine einzelne Ursache und keine einzelne Lösung. Er ist sehr anfällig für mehrere Bedeutungen und Interpretationen. Das macht den Klimawandel für den Menschen sehr schwer fassbar.

Doch ein Theaterstück ist keine wissenschaftliche Abhandlung und Björn Gabriel versucht eigene Antworten darauf zu finden. Beide sehen aber in dem Verursacher der Problematik den Menschen. In dem Stück tauchen bestimmte Charaktere auf, die historisch (Kolumbus), mythisch (der Tod) oder fiktional sind. Als Hauptfigur fungierte Doga Gürer als eine Art wissenschaftliches Versuchsobjekt, das selbst auf die Suche geht, nach dem „Warum“ der menschlichen Selbstzerstörungswut. Liegt es an der Prägung, der Reizüberflutung, der Liebe als Form der Verblendung?

Mit Kolumbus trat eine historische Figur auf, die für das Stück als Sinnbild für die beginnende Globalisierung steht. Durch die Entdeckung der Seewege und neuen Länder begann das Zeitalter der Kolonialisierung.

Doga Gürer und im Hintergrund Aischa-Lina Löbbert von "Trafique" in "Abgrund". (Foto: © Anna Lena Marienfeld)
Doga Gürer und im Hintergrund Aischa-Lina Löbbert von „Trafique“ in „Abgrund“. (Foto: © Anna Lena Marienfeld)

Die zweite Figur war ein kleiner selbstironischer Seitenhieb, denn Fiona Metscher spielte eine Künstlerin, entrückt in ihrer Kunst und verloren in der Kulturwirtschaft. „Ich bin nie zufrieden mit mir“, Ich kann mich nie ausruhen“, so ihr Lamento. Doch all die Künstlerinnen und Künstler bekamen mit dem wiederholten Ausspruch „Ihr Wichser“ ihr Fett weg.

Sehr beeindruckend war auch das Kapitel „Routine“. Hier wurde der tägliche Loop, die ständigen Wiederholungen zwischen Aufstehen, Schule/Arbeit, Essen in Dauerschleife gezeigt. Da kommen einem die Textzeiten von „Mad world“ der Gruppe „Tears for fears“ in den Sinn: „Bright and early for the daily races. Going nowhere, going nowhere“ Es hatte etwas von „Das Goldene Zeitalter“ von Kay Voges, dem ehemaligen Intendanten des Dortmunder Schauspielhaus, mit dem Björn Gabriel lange Zeit zusammengearbeitet hat. Passend auf der Leinwand dazu die Bilder von Rädern wie in einem Uhrwerk in dem die Menschen gefangen sind.

Auch die neuen Bewegungen wie „Friday for future“ waren natürlich Thema in „Abgrund“. Bei einer Mittelklassefamilie zu Tisch wurde gelästert. „Die wollen nur nach oben“, „Rache ist das Motiv, nicht Gerechtigkeit“ oder „abweichende Meinung wird als Angriff gewertet“. Besonders dreist wird es, als Familienvater (Dominik Hertrich) sich als „mittelalter weißer Mann“ quasi zum Opfer stilisiert. Das sorgt bei der Tochter (Aisha-Lina Löbbert) logischer für totalen Frust.

In „Abgrund“ gibt es neben der Performance der vier Schauspieler auch einiges an audiovisuellen Content, wie man es neudeutsch sagt. Denn die Hauptbühne war mit Gaze überzogen, worauf Bilder und Videos erschienen. So war es oft, dass man das Gefühl hatte einen Film zu schauen, denn die Akteure sprachen oft in die Kamera. Wer das Fletch Bizzel kennt, wird sich gewundert haben, der Platz, auf sich die Schauspielerinnen und Schauspieler bewegten, war deutlich ausgedehnt worden. Es gab einen Pool, der durchaus genutzt wurde und ein Gewächshaus.

„Abgrund“ bietet keine Antworten, die Zuschauer müssen schon ihre eigenen Schlüsse ziehen. Ob es notwendig ist, Bilder von Naturkatastrophen zu zeigen, ist fraglich. George Marshall, um auf den Beginn zurückzukommen, ist gegen die Missionierung durch Weltuntergangsfantasien, weil es die Menschen ermüdet.

Letztendlich ist „Abgrund“ ein facettenreiches, intensives Theaterstück mit vier sehr engagierten Schauspielerinnen und Schauspielern. Ein großer Dank an Doga Gürer, Dominik Hertrich, Aischa-Lina Löbbert und Fiona Metscher, aber auch an die anderen Mitwirkenden, die für einen gelungenen Abend sorgten. Eine ganz klare Empfehlung für einen Theaterbesuch.

Weitere Termine sind am 16.10., 18.10 und am 07.11. 2020 im Theater Fletch Bizzel. Mehr Infos unter www.fletch-bizzel.de




Klangvokal 20/21 – Ein Abend mit Purcell

Das Festival Klangvokal findet dieses Jahr Coronabedingt in einem andere Format statt. Anstatt viele Konzerte konzentriert in drei Wochen durchzuführen, geht das Festival diesmal über mehrere Monate bis weit ins Jahr 2021. Das Auftaktkonzert „Music for a while“ fand am 01. Oktober statt und stand ganz im Zeichen des englischen Komponisten Purcell. Es sang die Mezzosopranistin Ann Hallenberg, begleitet wurde sie von Christophe Rousset und den Les Talens Lyriques.

Auf der einen Seite sind vermutlich alle froh, dass es nach dem Lockdown endlich wieder Kultur gibt, andererseits sorgen die Regelungen immer noch für Beschränkungen. Nicht nur im Zuschauerraum, auch auf der Bühne wurde auf Anstand beachtet. So kamen von Les Talens Lyriques neben Christophe Rousset (Cembalo) nur noch Atsushi Sakaï (Viola da Gamba) und Karl Nyhlin (Laute) auf die Bühne. Zur Erinnerung: 2019 kamen Les Talens Lyriques noch in voller Besetzung, um die konzertante Aufführung von Händels „Agrippina“ zu begleiten. Durch die spärliche Besetzung hatte das Konzert den Charakter eines intimen Hauskonzertes.

Auch die schwedische Mezzosopranistin Ann Hallenberg ist für treue Besucher der Klangvokal-Konzerte keine Unbekannte. 2015 sang sie bei einem Barockkonzert in der Reinoldikirche und 2017 stand sie auf der Bühne beim Oratorium „The dream of Gerontius“ von Edward Elgar.

Ein gelungener Start in die Spielzeit von Klangvokal mit (v.l.n.r.) Atsushi Sakaï, Christophe Rousset, Ann Hallenberg und Karl Nyhlin (Foto: © Sandra Spitzner).
Ein gelungener Start in die Spielzeit von Klangvokal mit (v.l.n.r.) Atsushi Sakaï, Christophe Rousset, Ann Hallenberg und Karl Nyhlin (Foto: © Sandra Spitzner).

Hallenberg schaffte es mühelos durch ihren lebhaften Vortrag die verschiedenen Stimmungen von Purcells Liedern zu transportieren. Vom fröhlichen „If music is the food of love“ bis hin zum emotionalen „O solitude“zeigte sie ihre tiefe Beziehung zur Alten Musik. Denn Hallenberg ist vor allem durch ihre Beteiligungen an Opern von Händel bekannt.

Neben Liedern von Purcell spielte Rousset noch zwei Suiten des englischen Komponisten. Als Zugabe erklangen noch zwei Songs darunter „Fairest Isle“ aus „King Arthur“.

Der Abend war ein gelungener Start in die Klangvokal Spielzeit 20/21 und machte Zuschauen sowie den Interpreten sehr viel Freude.




Wieso ignorieren wir, dass wir am Abgrund stehen?

„How do we sleep while our beds are burning“, sang die australische Band Midnight Oil in den 80ern, als es um die Verdrängung der Australier gegenüber den Verbrechen an den Aborigines ging. Wenn wir aber an den Klimawandel denken, dann bekommt die Textzeile eine besondere Aktualität, denn unser Bett steht tatsächlich in Flammen: Brände in Sibirien, Kalifornien, Australien und Regenwaldabholzung ins Brasilien. Und was tut die Menschheit? Sie schläft weiter. Welcher Verdrängungsmechanismus sorgt dafür, dass der Mensch immer weiter Richtung Abgrund drängt wie die Lemminge? Auf der Suche nach den Antworten macht sich die Theatergruppe Trafique unter der Leitung des Regisseurs Björn Gabriel. Die Premiere des Stückes „Abgrund“ ist am 03. Oktober 2020 im Fletch Bizzel.

Die Wissenschaft hat versucht auf den Verdrängungsmechanismus eine logische Erklärung zu bieten: Ist unser Gehirn so verdrahtet, dass es allzu schlimme Dinge einfach ignoriert und verdrängt? Oder gibt es eine Art Selbstzerstörungsmechanismus wie bei den Lemmingen? Wobei das mit den Lemmingen ja ein Mythos ist.

Postkartenmotiv von "Abgrund" der Theatergruppe "Trafique" im Fletch Bizzel.
Postkartenmotiv von „Abgrund“ der Theatergruppe „Trafique“ im Fletch Bizzel.

Eines ist klar: Einfache Antworten wird das Stück nicht bieten, hier ist Selbstdenken angesagt. „Abgrund“ wird ein assoziatives Theatererlebnis, multimedial aufbereitet. Die Aktion findet auf der Bühne und hinter der Bühne statt. Wer das Fletch Bizzel kennt, wird etwas erstaunt sein, denn die Inszenierung sprengt den Rahmen. Das Bühnenbild greift in den Raum. Es steht ein Gewächshaus und ein Swimmingpool im Zuschauerraum, es gibt Katakomben hinter der Bühne und natürlich die Hauptbühne. Alles multimedial miteinander verbunden.

Bekannte Figuren tauchen auf, historische und mythische wie Christopher Kolumbus, Sisyphus oder der Tod. Neben atmosphärischer Musik, können sich die Zuschauer auf Werke von Philipp Glass freuen. Texte stammen von Björn Gabriel selbst, die Texte sind Textflächen.

Zum Schluss noch ein Wort zum Namen der Theatergruppe. Angefangen als Sir Gabriel Dellmann, spielte man eine lange Zeit unter dem Namen Sir Gabriel Trafique. Jetzt hat man den Namen verkürzt auf „Trafique“. Für Björn Gabriel ein Synonym für Treffpunkt oder Schmelztiegel.

Die Termine sind am 03.10., 04.10., 16.10., 18.10. 05.11., 07.11., 16.12. und am 17.12.2020 jeweils im Fletch Bizzel. Weitere Infos unter www.fletch-bizzel.de




2170 – Ein Stadtspaziergang mit neuen Geschichten

Eine besondere Premiere feierte das Schauspielhaus unter der neuen Intendantin Julia Wissert. In die neue Spielzeit ging es mit „2170 – Was wird die Stadt gewesen sein, in der wir leben werden“, einem Spaziergang durch die Dortmund Nordstadt: Vom Schauspielhaus zum Hochhaus in der Kielstraße und wieder zurück. Ein Bericht von der Premiere am 25. September 2020.

Der Abend war außergewöhnlich. Er hatte etwas vom Kennenlernen und altem Wiedererkennen. Die bekannten Orte und die unbekannten neuen Schauspielerinnen und Schauspieler. Doch beginnen wir mit dem Start. Nachdem die Teilnehmer in verschiedene Gruppen eingeteilt wurden, begann unsere Reise mit einem kleinen Intermezzo auf der Bühne des Schauspielhauses. Danach starteten wir mit Proviant (Flasche Wasser) bestückt unsere Reise Richtung Kielstraße.

Die Basis der Texte, die auf dieser Station – auch Portale im Stück genannt – vorgetragen wurden, stammten von der kurdisch-deutschen Schriftstellerin Karosh Taha. Die Geschichte des realen Hochhauses in der Kielstraße, gemeinhin „Horror-Hochhauses“ genannt, wird von Taha eindrucksvoll mit Leben gefüllt. Die Geschichten der (fiktiven) Bewohner sprühen voller Lebendigkeit und man spürt, dass es etwas besonderes gewesen sein muss, hier wohnen zu dürfen.

Weiter führte unser Weg zurück in die Innenstadt. Am Hauptbahnhof, vor dem Cinestar war das nächste Portal. Hier stand die Geschichte „Become iron 1“ von der kroatischen Schriftstellerin Ivanka Sajko im Mittelpunkt. Die Geschichte drehte sich um zwei Geschwister einer Familie, die als Neuankömmlinge voller Hoffnung in die Stadt kommen. Das Stück spiegelt gut die Situation der Roma in Dortmund nach, die vielfach in der Nordstadt unter schlimmen Bedingungen hausen müssen. So bekommt der Vater statt einer Wohnung nur eine Matratze für 30 Euro. „eine Matratze für uns fünf, meine Schwester, ich und die Tante werden darauf liegen, die Mutter wird stehen und der Vater wird sich schon zurechtfinden“. Während für den Sohn der Weg klar ist, er will „wie Eisen werden“, hat seine Schwester andere Pläne. Sie will durch eine Heirat der Not entkommen, „die Bahngleise überqueren“ wie es im Stück heißt. Beeindruckend war das Spiel der beiden Performer, die Bruder und Schwester darstellten.

Am nächsten Portal an der Katharinentreppe ging es zunächst um die Gastarbeiter, die bereits in den 60er und 70er Jahren nach Dortmund kamen. Zunächst wollte die Mehrheitsgesellschaft sie nicht hundertprozentig wahrnehmen. „Wir durften euch unterhalten, aber nicht vor dem Kopf stoßen“, heißt es im Text von Akin Sipal. Jetzt rückt die Geschichte der Gastarbeiter in den Mittelpunkt und Sipal sagt irritiert: „Unsere Vögel, die Vögel der Alten, werden nicht auf Kommando prusten, nur weil ihr das von ihnen erwartet.“ Es ist also Geduld erforderlich oder ein neuer Anfang. Denn der Text von Sipal heißt nicht umsonst „Eine neue Republik“. Seine Republik der Dichterinnen und Denker, der Spaziergänger und Vielleserinnen steht als Neubeginn. Ein Hoffnungsschimmer. „Der ideale Weg ist der Weg: gemeinsames Gehen oder Stehen ohne Rivalität.“

Adi Hrustemović vor der Katharinentreppe. Auf den einzelnen Stationen wurden eindrucksvolle Geschichten erzählt, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verweben. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Adi Hrustemović vor der Katharinentreppe. Auf den einzelnen Stationen wurden eindrucksvolle Geschichten erzählt, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verweben. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Das letzte Portal stand an einem geschichtsträchtigen Ort, am Platz der Alten Synagoge. Der Text von Sivan Ben Yishai verknüpft sehr eindrucksvoll die Vergangenheit mit dem Abbruch der Dortmunder Synagoge mit dem Neubeginn und Wiederaufbau. Ein Wiederaufbau auf alten Wunden, die ins Stadtbild gerissen wurden. Und der Neubeginn steht auch für die Ankunft des neuen Ensembles des Schauspielhauses. „Und das ist unser Tag, dieser Tag, der allererste Tag: wir richten unseren Blick nach vorn, wir sind aufgeregt.“

Die neue Intendantin Julia Wissert möchte das Schauspielhaus stärker in die Stadtgesellschaft integrieren. Mit „2170“ hat sie ihr Versprechen gehalten und ist in den Stadtraum vorgedrungen, der unendlich viele Geschichten bereithält. Von Hochhausbewohnern, Neuankömmlingen und Gastarbeitern erzählt das Stück, von verlorener und verlorengehender Architektur. Auch wenn die Idee, der Theaterbesucher läuft durch die Nordstadt nicht neu ist, das gab es bereits zwei Mal in der Spielzeit von Kay Voges, es ist immer wieder ein Erlebnis Theater unter freiem Himmel zu erleben und an ungewöhnlichen Orten. Ein vielversprechender Start für Julia Wissert in ihre erste Spielzeit am Schauspiel Dortmund.

Mehr Informationen zu Terminen und Karten unter https://www.theaterdo.de/produktionen/detail/2170-was-wird-die-Stadt-gewesen-sein-in-der-wir-leben-werden/




Gruppenausstellung im Speicher100 für die argentinische Künstlerin Cecilia

Der Speicher100 in der Speicherstraße 100 ist ein kreativer Ort im Dortmunder Hafen. Passend zu den Corona-Zeiten zeigen die dort ansässigen Künstlerinnen und Künstler Kostproben ihrer Kunst. Mit dabei die argentinische Weltenbummlerin Cecilia Rosalen.

Die Künstlerin Cecilia Rosalen interessiert sich für die kleinen Dinge des Lebens. Zeichnungen von Spinnen und Insekten bevölkern ihren Ausstellungsplatz. Daneben arbeitet sie mit Keramik. Ihre Töpfe haben eine besondere Eigenschaft: Die Pflanzen in ihren Arbeiten haben eine Art symbiotische Gemeinschaft mit dem Topf.

Für Cecilia ist es das erste Mal, dass sie in Deutschland ist. Sie ist seit September 2019 im Land. Die Künstlerin bereiste schon die USA sowie weitere Länder in Südamerika. Darüber hinaus war sie in China, Thailand und Australien. Ihr nächstes Reiseziel wäre Schweden. Es bleibt zu hoffen, dass Corona ihr keinen Strich durch die Rechnung macht.

Der Kulturort Speicher100 zeigt aktuell nicht nur von außen Kunst, sondern auch drinnen eine spannende Gruppenausstellung. Foto: © Jannis Kötting)
Der Kulturort Speicher100 zeigt aktuell nicht nur von außen Kunst, sondern auch drinnen eine spannende Gruppenausstellung. Foto: © Jannis Kötting)

Ein spannendes Projekt verfolgt der Fotograf Marco Wittkowski. Er dokumentiert in den kommenden zehn Jahren die Entwicklung des Dortmunder Hafens. Im Hafen gibt es einige Projekte der Stadt, die das Hafenviertel aufwerten wollen wie beispielsweise die Akademie für Theater und Digitalität. Die Angst der Bewohner ist natürlich, dass eine Gentrifizierung wie beim Phoenix-See droht.

Stefan Malecki zeigt den Wahnsinn der Werbeprospekte. Er sammelte alle Prospekte, die in einem Jahr in einem Haushalt in Köln anfallen. Der mehrere kiloschwere Stapel macht deutlich, welche Energie, Zeit und Arbeit in diese Prospekte gesteckt werden. Die Frage bleibt, welchen Nutzen haben die Dinge, die überwiegend in der Altpapiertonne entsorgt werden.

Die Künstlerin Celeste Martinó präsentiert neben einem Portrait Illustrationen für Kinderbücher. Der Stil ihrer Werke ist unterschiedlich, denn „Ich versuche eine Ästhetik zu finden, die dem Projekt entspricht“. Daher sind realistische, aber auch fantastische Arbeiten zu sehen. Eines beschäftigt sich mit der spanischen Stadt San Sebastian, die früher für ihren Walfang berühmt war.

Zusäzlich zur Kunst stellt sich der Verein „Grenzenlose Wärme – Refugee Relief Work e.V“ vor und präsentiert seine Arbeit in Griechenland anhand einer Fotoserie.

Neben den erwähnten Künstlerinnen und Künstlern sind noch weitere in der Gruppenausstellung zu sehen: Christoph Kibe, Steffen Meister, Stefan Malecki, Marco Wittkowski, Cecilia Rosalen, Celeste Martinó, Lucas Bölter, André Silva, Denis Klatt, Tobias Jeckenburger, Nicolai Prillwitz, Hannes Schlachter, Stefan Lüdemann, Lilian Mühlenkamp, Jens Hülsmann, Jannis Kötting, Christian Bahr sowie Sebastian Heinz (Grenzenlose Wärme – Refugee Relief Work e.V.).

Am 26.09. 2020 wurde die Ausstellung virtuell eröffnet und ein Live-Stream auf Youtube veröffentlicht. Den Live-Stream kann man sich unter https://www.youtube.com/watch?v=VRE9MSq2NsA ansehen. Auf der Internetseite von Speicher100 (https://speicher100.org/) wird der Stream in Kürze in einer neuen, bearbeiteten Version zu sehen sein.

Wer das ganze aber „im wahren Leben“ sehen möchte, der kann eine private Führung unter post@speicher100.de verabreden.




Randale in der Produzentengalerie 42

Bis zum 27. September 2020 zeigt die Produzentengalerie 42 in der Arneckestraße 42 siebzehn Kunstwerke zum Thema „Randale“. Doch damit ist nicht die rohe Gewalt gemeint, sondern die Gefühlswelten, die beim künstlerischen Schaffensprozess entstehen.

Laut Wikipedia bezeichnet Randale „heftigen und lautstarken Protest“ sowie „Ausschreitungen“. Doch den Künstlerinnen und Künstlern in der Ausstellung „Randale“ geht es um die Randale im Kopf eines Künstlers, der an einem Werk arbeitet. Hier ist die kreative Kraft gemeint, die für Randale im Kopf sorgt. Auch unfertige Kunstwerke und mutwillig zerrissene Arbeiten sind zu sehen.

Wenige Werke thematisieren direkt Gewalt. Im Schaufenster der Galerei hängt eine Art haut, die von Pflastersteinen getroffen wird und blutet, auf der anderen Seite ist ein Hochzeitskleid zu sehen, aus dem ein Monster hervorkommt, vielleicht eine Assoziation zu „Alien“.

(v.l.n.r.) Claudia Terlunen, Marika Bergmann und Michaela Düllberg sowie weitere Künstlerinnen und Künstler präsentieren "Randale" in der Produzentengalerie 42.
(v.l.n.r.) Claudia Terlunen, Marika Bergmann und Michaela Düllberg sowie weitere Künstlerinnen und Künstler präsentieren „Randale“ in der Produzentengalerie 42.

Die Arbeiten innerhalb der Galerie sind Abbilder von Schaffensprozessen unterschiedlicher Art, es gibt eine Vielzahl von kleineren Arbeiten, die für 15 € erworben werden können. Folgende Künstlerinnen zeigen ihre Werke: Ulla Kallert, Claudia Terlunen, Barbara Gisbert, Marika Bergmann, Petra Eick, Wendy Wendrikat, Annelie Sonntag, Hartmut Willutzki, Rosa fehr von Ilten, Claudia Karweick und Michaela Düllberg.




Umgang mit Isolation als aktuelles Thema im Kinder- und Jugendtheater

Die Stückentwicklung „miss you“ unter der Regie von Antje Siebers im Kinder und Jugendtheater Dortmund (ab 12 Jahren) beschäftigt sich besonders in der Zeit der Corona-Pandemie mit dem Thema des Umgangs mit Isolation und Suche nach Nähe. Wie gehen wir damit um, auf uns selbst zurückgeworfen zu sein?

Nicht nur in diesen Zeiten ein Thema, was uns alle betrifft und wo wir uns wiederfinden können.Die Premiere im KJT unter Corona-Bedingungen war am 18.09.2020,

Fünf Schauspieler*innen des Ensembles (Thomas Ehrlichmann, Ann-Kathrin Hinz, Andreas Ksienzyk, Max Ranft und Bettina Zobel), atmosphärisch begleitet von Musiker Manuel Loos, führten die Zuschauer*innen in die verschärfte Pandemie-Zeit April 2020.Da hatte uns Corona noch stärker als im Augenblick an unseren Wohnungen gebunden.

In Zeiten des Lockdowns gefangen in der engen Wohnung: Szenenbild mit Ann-Kathrin Hinz  und Thomas Ehrlichmann. (Foto: © Birgit Hupfeld)
In Zeiten des Lockdowns gefangen in der engen Wohnung: Szenenbild mit Ann-Kathrin Hinz und Thomas Ehrlichmann. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Bei der Recherche wurden sie zudem von der Klasse 6c des Goethe-Gymnasiums und ihrer Klassenlehrerin unterstützt. Mit ihren Corona-Tagebüchern aus der Zeit der Selbstisolation wurden ihre Wünsche, Ängste, Sehnsüchte u.s.w. in Form von Tonaufnahmen und Videoprojektionen auf die Bühnenleinwand projiziert.

Mit schwarz-gelbem Klebeband wurden die isolierten engen Wohnräume der fünf Schauspieler*innen auf der Bühne anschaulich manifestiert. Jede der Personen geht mit der Situation anders um und versucht, dass Beste daraus zumachen.

Die einen flüchten sich in schöne Träume und Erinnerungen, andere in Sport oder Renovierungsarbeiten. Die Träume und Erinnerungen wurden mit Hilfe einer Kamera und Miniaturpuppen oder Landschaften als Projektion auf der Leinwand sichtbar gemacht. Wenn die Wohnung verlassen wurde, war Abstand halten und Mund-Nasenmaske zum Schutz einzuhalten.

Witzige Tanz- und Bewegungschoreografien mit Tempo wechselten sich mit meditativ-ruhigeren Passagen ab. Eine Prise Humor war auch mit dabei.

Die Schauspieler*innen hatten die Gelegenheit, ihre emotionale Bandbreite von traurig, sentimental, witzig bis aufbrausend ausspielen.

Informationen zu weitere Aufführungsterminen und Karten erhalten Sie:

Tel.: 0231/ 50 27 222 oder unter www.theaterdo.de




Fordlandia – zwischenmenschliches Zauberballett von Lucia Lacarra und Matthew Golding

Der Lockdown und die Grenzsperrungen führten dazu, dass manche Paare für eine lange Zeit getrennt blieben. Besonders dramatisch war diese Zeit für ein Ballettpaar wie Lucia Lacarra und Matthew Golding, die nicht zusammen arbeiten konnten. Die Lehren aus dieser Zeit verarbeiteten beide zu einem emotionalen Programm, das den Titel „Fordlandia“ trägt. Ein Premierenbericht vom 19.09.2020.

Fordlandia ist eine Mischung zwischen Ballettfilm und realer Aktion auf der Bühne. Zunächst werden einige Zeit Bilder von Matthew Golding und Lucia Lacarra auf der großen Leinwand im Hintergrund gezeigt, während die beiden parallel auf der Bühne beinahe synchron die Choreographie „Stillness“von Anna Hop zur Musik von Chopin tanzten. Dieses doppelte Paar tanzen zu sehen, der Kontrast und die Gleichheit mit den Kinobildern war eine spannende neue Sichtweise.

Leider war das folgende Stück „Close“ dem vorangegangenen zu ähnlich. Die gleiche Choreografin und der gleiche Komponist. Glücklicherweise änderte es sich mit „Snow Strom“, das Programm nahm Fahrt auf. Hier begannen Lucia Lacarra und Matthew Golding im Film zwischen Bäumen zu tanzen. Auf der Bühne tanzte Golding ein wenig parodistisch nach der Musik von Georgi Swiridov einen klassisches Pas de deux.

Begeisterten das Publikum mit ihrem Programm "Fortlandia": Lucia Lacarra und Matthew Golding. (Foto: ©  Leszek Januszewski )
Begeisterten das Publikum mit ihrem Programm „Fortlandia“: Lucia Lacarra und Matthew Golding. (Foto: © Leszek Januszewski )

Der Höhepunkt des Abends war mit Sicherheit das Stück „Fordlandia“ nach der Choreographie von Juanjo Arqués. Während die Kinobilder das Meer zeigen und Lucia Lacarra auf einer Klippe, verwandelte sich die Bühne dank eines riesigen Stoffbandes, blauem Licht und Wind zu einem wilden Meer in dem die Beiden tanzten. Sehr beeindruckend für die Zuschauer.

In „Pile of Dust“ ebenfalls von Juanjo Arqués konnten wir weder Meer noch Wald erblicken, sondern die beiden Tänzer erschienen uns in Spektralfarben wie tanzende Geister. Romantisch wurde es am Ende bei „After the Rain“. Bei ruhiger Musik von Arvo Pärt und einem Hintergrundbild mit lila Wolken, zeigen die Lucia Lacarra und Matthew Golding, dass es nach der schweren Zeit auch wieder Zeichen der Hoffnung gibt und das ein neuer Morgen kommt.

Lucia Lacarra und Matthew Golding zeigten ein beeindruckendes Ballettprogramm. Sehr emotional, technisch sehr hochstehend, der Hoffnung macht auf eine Zeit ohne Beschränkungen und Lockdowns.

Der Titel „Fordlandia“ ist nach dem gescheiterten Projekt von Henry Ford benannt. Die Stadt in Brasilien sollte eine große Kautschukplantage beherbergen. Doch ökologische Probleme und kulturelle Unterschiede zwischen US-Amerikanern und Brasilianern führte zum Niedergang. Jetzt leben nur noch 2.000 Einwohner dort.

Mehr Informationen zu Terminen und Karten unter www.theaterdo.de




Christoph Knecht gewinnt DEW21 Kunstpreis 2020

Der DEW21-Kunstpreis geht in diesem Jahr an den Düsseldorfer Künstler Christoph Knecht. Der Preis wurde gestern (Donnerstag) in festlichem Rahmen im Dortmunder U verliehen. Zugleich wurde das

Künstlerduo Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten mit dem Förderpreis für junge Künstler*innen ausgezeichnet. Ihre Arbeiten sowie die von 12 weiteren Kunstschaffenden, die für den DEW21 Kunstpreis 2020 nominiert waren, sind noch bis zum 4. Oktober auf Ebene 6 im Dortmunder U zu sehen: Fotografien, Installationen und Videobeiträge ebenso wie Klangskulpturen, Gemälde oder bildhauerischen Arbeiten.

Coronabedingt war die Veranstaltung zur Preisverleihung anders als gewohnt. Die BesucherInnen bekamen Nummern und durften auf dem gekennzeichneten Platz die Maske abnehmen. Denn Essen und Getränke wurden auch am Platz gereicht. Neben Dankesreden von Stefan Mühlhofer, der Geschäftsführende Direktor der Kulturbetriebe Dortmund und Heike Heim, der Vorstandsvorsitzenden der DEW21, hielt Wilko Austermann die Laudatio auf Joel Roters, dem Preisträger von 2019. Danach führte Peter Schmieder vom Künstlerhaus Dortmund durch die aktuelle Ausstellung. Die Verkündung der Preisträger übernahm Xenia von Poser (Leiterin Marketing und Kommunikation DEW21).

Beeindruckendes Bild "Europa"aus Kacheln von Christoph Knecht im Hintergrund (v.li.): Heike Heim (DEW21-Vorstandsvorsitzende), DEW21-Kunstpreisträger Christoph Knecht, DEW21-Förderpreisträger Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten sowie Xenia von Poser, Leiterin Marketing und Kommunikation DEW21. Foto: DEW21
Beeindruckendes Bild „Europa“aus Kacheln von Christoph Knecht im Hintergrund (v.li.): Heike Heim (DEW21-Vorstandsvorsitzende), DEW21-Kunstpreisträger Christoph Knecht, DEW21-Förderpreisträger Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten sowie Xenia von Poser, Leiterin Marketing und Kommunikation DEW21. Foto: DEW21

DEW21-Kunstpreisträger Christoph Knecht (Jahrgang 1983) erhielt die Auszeichnung für seine Serie „Europa“, eine riesige Wandarbeit. Sie besteht aus 1.800 Fliesen mit einem Gesamtmaß von ca. 450 x 880 cm. In „Europa“ setzt sich der Künstler mit der eigenen Kultur und Geschichte und dem Wandel durch aktuelle gesellschaftliche, kulturelle und politische Einflüsse auseinander.

Förderpreisträger*innen Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten verbinden mit ihrer Installation „in the flood“ bildhauerische Momente mit musikalischer Inszenierung. Sie werfen ihre Installation aus Schwerlastregalen, Monitoren und Halogenlampen wie ein Bühnenbild in den Raum. Das Ergebnis ist ein eigenes Genre: die „Musicalinstallation“. In den Videos performen drei animierte Charaktere jeweils einen Song. Thematisch geht es zunächst um die für Verbraucher unsichtbaren Material- und Warenströme. Im letzten der drei Songs wird die Netzwerkstruktur der Logistik thematisiert und auf die Analogie zu einem Wurzel- und Pilzgeflecht als symbiotischem Untergrund für die Versorgung von Bäumen verwiesen.




Strukturwandel von oben betrachtet

Die Perspektive verändert den Blick. Plötzlich wird Bekanntes zu Unbekannten und Formen verwandeln sich zu abstrakten Strukturen. „Strukturwandel“ heißt die erste Ausstellung des Fotografen Wolfgang Knappmann im „Wohnzimmer im Piepenstock“ in der Schildstraße in Hörde. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 27. September 2020.

Knapp die Hälfte seiner 29 ausgestellten Bilder hat er mit Hilfe seiner Drohne gemacht. Und der Blick aus der Höhe sorgt für fragende Blicke beim Betrachter. Denn die vertrauten Strukturen wandeln sich zu abstrakten Gebilden, die aussehen, als hätte sie jemand gemalt und nicht fotografiert. Schöne Beispiele dafür sind die Bilder „Das war einmal das Kraftwerk Knepper“ oder „Emscherumbau“. Erst wenn der Betrachter das Bild aus der Nähe betrachtet, werden einzelne Dinge erkennbar. „Wenn man den zusammenhang nicht kennt, dann kann man es nicht einordnen“, so Knappmann.

Somit ist der Titel „Stukturwandel“ doppeldeutig. Einerseits zeigen Bilder von Knappmann den Wandel der Industrie im Ruhrgebiet, andererseits entdeckt der Fotograf den Wandel von Strukturen bei seinen Aufnahmen. Denn neben der Drohnenfotografie hat Knappmann auch einige Makrobilder ausgestellt. Eistropfen oder Rost haben es ihm dabei besonders angetan. Der zweite (oder dritte) Blick ist bei seinen Bildern besonders wichtig.

Wolfgang Knappmann vor seinen Bildern, die er mit seiner Drohne gemacht hat und einem Foto eines Uhus.
Wolfgang Knappmann vor seinen Bildern, die er mit seiner Drohne gemacht hat und einem Foto eines Uhus.

Es gibt bei der Ausstellung viel zu entdecken, denn durch die Architektur des Raumes gibt es viele Bilder in unterschiedlichen Formaten zu sehen, die über einem Fenster hängen oder an einer Säule befestigt sind.

Die besondere Location, das „Wohnzimmer im Piepenstock“ ist ja eine Musikkneipe, macht auch den Besuch der Ausstellung zu etwas Besonderem. Denn man kann natürlich die Bilder während einer Veranstaltung sehen, doch Wolfgang Knappmann bietet an, selbst durch die Ausstellung zu führen. Dazu kann man einen Termin vereinbaren unter foto@knappmann.eu oder telefonisch unter 0163 7373 575.