Für mich ist das einfach eine visuelle Sprache – Interview mit der Kostümbildnerin Anna Hörling

Anna Hörling ist Kostümbildnerin und gestaltete die Kostüme sowie das Bühnenbild für die Produktionen „Alice im Wunderland“ und „Piratenmolly Ahoy!“ von Rada Radojčić im Theater Fletch Bizzel. Wie lief die Zusammenarbeit und welche Aufgaben eine Kostümbilderin hat, das fragte ars tremonia.

Anna Hörling in ihrem Atelier.
Anna Hörling in ihrem Atelier.

ars tremonia: Wie lange kennen Sie sich und Rada?

Hörling: Das ist ganz witzig gewesen. Eigentlich kenne ich Rada gerade erst seit letztes Jahr im September, also jetzt ein Jahr. Es war so ein Match „Made in Heaven“. Das war ein Zufall. Die Tochter einer der Schauspielerin, die auch jetzt in Molly und die Herzkönigin bei Alice im Wunderland spielt, wohnt hier im Haus.

Und dann schellte die eines Tages und sagte: ‚Ja, also meine Mutter ist Schauspielerin und die haben ein Kostümproblem‘. Ja, sage ich, super. Da sind sie an der richtigen Adresse. Dann habe ich mit Rada telefoniert und es ging sofort los. Ich bin da quasi noch auf den letzten Drücker mit in die Maschine eingestiegen.

ars tremonia: Weil ich weiß, dass Rada früher die Kostüme selber gemacht hat. Kannten Sie die Sachen, die sie vorher gemacht hat?

Hörling: Nein, eigentlich gar nicht. Ich hatte das wohl mal gesehen, als die Kulturbrigaden sich gebildet haben. Das fand ich super, bei denen wollte ich mich mal melden, aber wie das so ist, habe ich nie gemacht. Ich hatte ein paar Plakate gesehen und war auch bei ihr. Ehrlich gesagt, man merkt ja die Chemie und die war eigentlich sofort da. Es gab keine Probleme, außer dass sie gewohnt war, alles selber zu machen. Und auf einmal war da jemand anders. Sie hat es aber manchmal vielleicht vergessen, weil sie schneller bearbeitet und umgestellt hat, aber das war eigentlich minimal. Das war wirklich von Anfang an super entspannt mit uns. Wir sind auch beide Freunde von Voice Nachrichten und immer, wenn man eine Idee hat, zack, schnell, voice geschickt, ein Bild geschickt. Wir haben jetzt beide was in unserem Nachrichtenverlauf gesucht und wir schicken uns ganz schön viele Bilder und viele Nachrichten, das funktioniert wunderbar. Also das ist richtig gut.

ars tremonia: Also so läuft dann auch die Ideengebung für Piratenmolly? Rada hat gerade die Idee im Kopf und spricht dann mit ihnen oder haben sie die Idee?

Hörling: Nein, also sie hat das Stück ausgesucht und ich muss es dann immer erst mal lesen. Rada guckt schon schnell und recherchiert, schaut, wie haben andere das vielleicht gemacht. Davon will ich mich erst mal freimachen, bis ich es gelesen habe. Und dann fange ich auch an zu suchen. Und wir haben aber gemerkt, dass wir tatsächlich oft ähnliche Quellen angucken. Dann pitcht man sich das zu. Ich denke, das wäre super, dann schicke ich ihr ein Bild oder umgekehrt.

Und bei Piratenmolly haben wir uns richtig zusammengesetzt, haben einen ganzen Nachmittag ganz viele Ideen gebrainstormt. Das war ja dann noch nicht fürs Fletch geplant, sondern für diesen Wohnwagen, den Rada hat machen lassen.

Es ist ja immer eine Mischung aus technischen Modalitäten für so ein Bühnenbild. Was geht und was braucht das Stück? Was für Verwandlungen kann man dann auch wirklich machen? Ähnlich ist es aber auch bei den Kostümen. Also da gucke ich nämlich: Was ist das für ein Charakter? Und dann muss ich wieder Rada fragen: Wie legst du den Charakter an? Das ist manchmal so, dann mache ich eine Zeichnung. Und dann sagt sie: Oh ja, also eigentlich haben wir den jetzt anders gedacht. Bei Alice war das die Raupe zum Beispiel. Da hatte ich eigentlich eher so einen älteren Typ drin gesehen. Eigentlich soll er das wie einen jungen Kiffer spielen. Auch okay, dann baue ich das um. Aber das da ist jetzt kein Drama.

ars tremonia: Und wie sieht dann die Arbeit einer Kostümbildnerin aus, wenn man sagt Okay, ich habe die Idee, fängt man dann an auf Papier? Wie geht es weiter?

Hörling: Ja, es ist so unterschiedlich. Ich fange erst mal an, tatsächlich so researchmäßig. Also ich gucke für Molly, welche Bilder gibt es von Piraten, was hatten die an und dann kommt man von Hölzchen auf Stöckchen, man sieht auch schon andere Details.

Bei Alice im Wunderland war es zum Beispiel so, ich habe mich bewusst von diesen ganzen Disney Sachen und so möglichst wegbewegt und hab gedacht, was gibt es da alles? Es sind ja sehr skurrile Charaktere. Manchmal ist es so, dann habe ich ein Material, bei dem ich denke, beides würde jetzt passen, weil es einen guten Fall hat oder weil es sich gut modellieren lässt und dann habe ich sofort eine Idee, wie ich das machen würde.

Wir hatten so viele wilde Möglichkeiten wie jetzt bei Molly. Da wussten wir ja auch, wer die Zielgruppe ist. Das sind kleine Kinder und wir hatten erst eine ganz einfache Idee. Wir wollten das Stück erst mit einer Person spielen, dann alles mit Puppen. Dann haben wir überlegt, wie können wir das mit den Puppen machen, eine richtige Handpuppe oder eine Stabpuppe?

Also all solche Sachen sind wir durchgegangen und dadurch sind wir irgendwie bei diesen Anziehpuppen gelandet. Dann habe ich oder Rada gesagt, lass uns die Kostüme machen wie Anziehpuppen. Wir sind auf die Idee gekommen, wir machen das wie eine Collage. Ich habe alles auf eine Pappe und habe die Pappe so ein bisschen gebogen, dass sie am Körper besser sitzt und habe dann mit Stoffen und Farbe und viel Klebstoff die Kostüme mehr modelliert und gemalt. Das ist das Anziehpuppenprinzip.

ars tremonia: Wird das in Stoff umgewandelt?

Hörling: Ja eben nicht. Zum Beispiel bei dem Matsche Piet. Ich habe halt diese Pappe unten drunter gelegt und hab dann darunter ausgepolstert, weil er so ein bisschen dickeren Bauch haben sollte. Dann habe ich Stoff draufgeklebt und hab den wiederum angemalt. Also es ist so ein Mixed Media, aber es hat halt alles diesen anziehpuppenartigen Charakter. Sie haben alle ein Kostüm drunter, was dann komplett aus Stoff ist.

ars tremonia: Wie gefährlich ist das denn? Gerade beim Thema Pirat, das man nicht direkt gleich in die Jack Sparrow Ecke gerät.

Hörling: Ja, das sind die ersten Referenzen, allerdings ist es ja jetzt in diesem Fall, dass sie eine Piratenkapitänin wird. Da habe ich zum Beispiel bei Vivienne Westwood geschaut, denn Westwood hat eine Piraten-Kollektion gemacht ganz früh. Das fand ich spannend und habe da so ein paar Elemente herausgenommen. Ich gucke dann aber auch wirklich in historischen Büchern und das alles puzzelt sich dann zu dem Entwurf am Ende zusammen.

ars tremonia: Welche Rolle spielen Kostüme für sie im Theater?

Hörling: Also beim Theater ist es ja so, ich habe das auch studiert und im Studium hatte man mir gesagt, eigentlich sollte nichts auf der Bühne sein, was nicht etwas erzählt, also Stückrelevant ist oder symbolisch. Das finde ich total spannend. Es ist für Mode und Kostüme in der Hochform dann eben eine Art Sprache, sie erzählen und sollen auch etwas erzählen. Die Kostüme sollen dem Schauspieler helfen, in den Charakter hereinzufinden und den auch unterstreichen und eben die Form geben. Für mich ist es natürlich eine wunderschöne Ausdrucksform. Es kommt natürlich auf das Stück und die Modalitäten an. Es bringt ja nichts, wenn ich jemanden in ein wildes buntes Kostüm stecke und es ist eine tragische Todesszene. Es muss ja passen. Für mich ist das einfach eine visuelle Sprache, die das Stück nochmals unterstreicht.

ars tremonia: Wie wichtig ist es, den eigenen persönlichen Geschmack herauszustellen und gleichzeitig den Gegebenheiten unterzuordnen?

Hörling: Das ist eigentlich ganz leicht. Weil man erzählt ja etwas und es muss immer im Dienst der Geschichte stehen. Es gibt manchmal so Geschichten, wo ich denke, wow, das hätte ich mir aus freien Stücken nicht unbedingt ausgesucht, aber sobald man da drin ist und sich hineingefunden hat und die Essenz herausnimmt, dann kommen die Ideen passend dazu. Natürlich habe ich eine eigene Handschrift. Das ist normal und ich finde, das sollte auch so sein, das sollte man nicht verleugnen. Natürlich liegen mir bunte wilde Sachen, aber ich kann auch anders. Ich muss gucken, wie inszeniert der Regisseur oder die Regisseurin, was wollen wir damit ausdrücken, was ist die Grundidee oder was ist die Grundmassage des Stückes, und wie kann ich es dann dadurch interpretieren mit meinen Kostümen und meinem Bühnenbild.

ars tremonia: Stichwort Bühnenbild für Piratenmolly. Worauf achten Sie da?

Hörling: Piratenmolly gibt natürlich stark was vor, da kann man nicht so einfach abstrakt werden. Und wir haben bestimmte Szenen, die wir da bedienen und mussten tatsächlich auf technische Möglichkeiten schauen, wie wir das jetzt auf der Bühne lösen und hinterher für den Wohnwagen. Ich wollte, dass es alles so ein bisschen aussieht wie ein Kinderbild, das fand ich ganz schön. Und da haben wir wirklich was Tolles hinbekommen. Wir haben drei Wände, in denen Öffnungen sind, wo Leute herauskommen, es ist ein wenig spielerisch und witzig. Fenster öffnen sich, da guckt man durch, dann wird etwas heruntergerollt. Es verändert sich am laufenden Band und immer auf eine andere Weise, sodass es auch immer eine Überraschung ist. Das finde ich immer toll, wenn es eine Überraschung ist, die man gar nicht erwarten konnte.

ars tremonia: Wann haben Sie mit der Arbeit für Piratenmolly begonnen

Hörling: Piratenmolly hatte eine lange Reise gehabt dank Corona. Wir haben glaube ich, das erste Mal im letzten Jahr im November oder bereits Ende Oktober gesprochen. Da haben wir angefangen zu überlegen, aber es war überhaupt nicht klar, wann und wie wir das wirklich aufführen können. Daher ging das erst einmal ein wenig zäh, dann hatten wir im Januar und Februar so eine ganz intensive Phase, wo Rada viel geprobt hat und da habe ich schon die Kostüme mit angefertigt. Weil wir dachten, dass wir es im April herausbringen können, was dann auch nicht ging. Daher ist das so ein Ding, was sich sehr lang geschleppt hat.




Kunst im Wald

Der BBK Ruhrgebiet lädt zu einer ganz besonderen Ausstellung ein: Waldspaziergang, so lautet der Titel. Ungewöhnlich ist der Ort, ein Wäldchen beim Kulturhaus Neuasseln und die Möglichkeit des Besuches, denn der Waldspaziergang ist nur an den vier Sonntagen im Oktober im Rahmen einer Führung möglich. Die Ausstellungseröffnung ist am 03. Oktober um 12 Uhr.

Kunstwerke in den öffentlichen Raum oder in die freie Natur zu stellen, ist für eine Künstler*in nicht immer ohne Risiko. Im öffentlichen Raum besteht die Gefahr des Vandalismus, in der freien Natur setzen Wind und Wetter den Kunstwerken zu. Doch es ist auch eine Chance. Denn anders als in einem Ausstellungsraum kann der Besuchende manchen Kunstwerken des „Waldspaziergangs“ sehr nahe kommen oder auch berühren. Dieses haptische Vergnügen macht die Kunst „begreifbarer“. Darüber hinaus werden äußere Einflüsse wie Regen die Kunstwerke verändern oder Tier sie in Besitz nehmen. Das alles ist den Künstler*innen bewusst und manchmal sogar gewollt.

Entdecken Sie die Kunst!? Außergewöhnliche Ausstellung an einem außergewöhnlichen Ort.
Entdecken Sie die Kunst!? Außergewöhnliche Ausstellung an einem außergewöhnlichen Ort.

18 Künstler*innen haben ein oder mehrere Werke in den kleinen Wald platziert. Darunter sind viele Installationen, für die manchmal in der Ausstellungspraxis nicht viel Raum bleibt. Die Freiluftveranstaltung stieß jedenfalls bei den beteiligten Künstler*innen auf Zuspruch.

Der erste Eindruck ist, dass der Wald verzaubert wurde. Und von unterschiedlichen Kreaturen bewohnt wird. Maxie von Schwerin lässt beispielsweise ihre Raupen durch die Äste kriechen, es gibt „Viecher“ und andere Waldbewohner. Bei Ali Reza Javadi bekommen die Bäume kleine Augen, sodass sich die Besucher beobachtet führen können. Wer sich dadurch unwohl fühlt, der wird bei Karin Jessen „gut behütet“, die Künstlerin hat Hutformen aus Papier an einen Baum gehängt. Mit der Frage „Was ist Glück“ beschäftigt sich die Arbeit von Rosa Fehr von Ilten. An Ästen hängen goldene Glückskekse, während unten eine ebenfalls golden glitzernde Survivaldecke liegt, die voller kleiner Regenpfützen ist.

Mit dabei sind: Beate Bach, Karla Christoph, Rosa Fehr von Ilten, H.D. Gölzenleuchter, Christiane Heetmann, Sonja Heller, Jutta Hellweg, Ali Reza Javadi, Karin Jessen, Anette und Lukas Lenzing, Heide Möller, Tanja Melina Moszyk, Monika Pfeiffer, Barbara Ring, Solmund Rita Schnell, Claudia Terlunen, Maxie von Schwerin und Eva Witte Mante.

Das war nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Ausstellungsprogramm, denn es lohnt sich auf jeden Fall, den Weg Richtung Asseln zu machen, um alle Kunstwerke zu betrachten. Aber, wie erwähnt, nur zu bestimmten Zeiten:

Am 03, Oktober um 12 Uhr mit einer Einführung von Dr. Bernd Gülker, die weiteren Termine sind am 10., 17. Und 24. Oktober 2021 jeweils von 14:00 bis 14:45, 14:45 – 15:30 und 15:30 bis 16:15.

Das Wäldchen befindet sich neben dem Kulturhaus Neuasseln am Buddenacker 9.




Im Strom der Gedanken – Das Mrs. Dalloway Prinzip / 4:48 Psychose

Mit „Das Mrs. Dalloway Prinzip“ von Virginia Woolf und „4:48 Psychose“ von Sarah Kane präsentierte das Schauspielhaus Dortmund am 25. September 2021 eine doppelte Premiere. Beide Stücke, die durch eine Pause getrennt waren, verband eine gemeinsame Ästhetik. Ein Premierenbericht …

Auch wenn beide Stücke zeitlich weit auseinanderliegen, Woolf schrieb „Mrs. Dalloway“ 1925 und „4:48 Psychose“ 1998/99 gibt es einiges, was beide verbindet. Beide Stücke sind von einer Frau geschrieben, beide Autorinnen kämpften gegen ihre psychischen Krankheiten und stellen eine Frau in den Mittelpunkt, auch wenn es bei „4:48 Psychose“ nicht explizit erwähnt wird, so ist der Text von Kane wohl aus eigenem Erleben geschrieben. In beiden Texten geht es auch um das gescheiterte Verhältnis zwischen Psychiater und Patienten, bei Sarah Kane steht das im Mittelpunkt des Stücks. Hinzu kommt noch, dass beide Texte dem Genre des „Stream of consciouness“ (Gedankenstroms) zuzuordnen sind. Bei dieser Literatur werden die Gedanken und Gefühle der handelnden Person beschrieben, wie sie aus ihnen hinauszufließen scheinen.

Szene aus "Das Mrs. Dalloway Prinzip": (v.l.n.r.) Raphael Westermeier, Linda Elsner, Bettina Engelhardt, Nika Mišković und Adi Hrustemović. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Szene aus „Das Mrs. Dalloway Prinzip“: (v.l.n.r.) Raphael Westermeier, Linda Elsner, Bettina Engelhardt, Nika Mišković und Adi Hrustemović. (Foto: © Birgit Hupfeld)

„Mrs. Dalloway“ spielt im England nach dem Ersten Weltkrieg und beschriebt zum einen eine Gruppe von Menschen aus der Oberschicht, die sich in eine neue Zeit zurechtfinden muss, sowie von Personen, die den Krieg zwar physisch, aber nicht psychisch überlebt haben. IM Mittelpunkt steht die Titelgeberin Clarissa Dalloway, die standesgemäß verheiratet war, aber immer noch Gefühle für den wiederkehrenden Peter Walsh zu haben scheint, der sich vor langer Zeit nicht getraut hatte, sie damals zu fragen. Clarissa erinnert sich zudem auch an eine kurze lesbische Episode. Der zweite Erzählstrang handelt von Septimus Warren Smith, der durch den Krieg schwer psychisch geschädigt wurde und sich letztlich umbringt, trotz der vergeblichen Bemühungen seiner behandelnden Ärzte.

Selen Kara legte den ersten Teil wie eine Art Schachpartie an. Die Erzählerin (Linda Elsner) bewegt die Figuren auf ihre jeweiligen Positionen und lässt die dann agieren. Dazu ist die Bühne (Lydia Merkel) samt Kostüme (Anna Maria Schorles) in schwarz-weiß gehalten, alles ist reduziert, nur ein Baum mit Schreibmaschinenseiten als Element. So ist der Fokus der Zuschauenden unweigerlich auf die Schauspielerinnen und Schauspieler gerichtet.

Für den zweiten Teil hat sich Kara einen weiteren Kniff ausgedacht. Kann man „4:48 Psychose“ auch als Monolog aufführen, so splittete die Regisseurin den Text über die sieben Akteurinnen und Akteure. Der Text ist sehr eindringlich und erzählt, dass die Autorin nur um 4:48 „wach“ ist, das heißt, wenn die Medikamente keine Wirkung mehr haben. Dann wird der Geist klar, aber auch der Wahnsinn hält Einzug. Der Text liest sich stellenweise wie eine Anklage gegen eine Psychiatrie, die versucht hat, den Patienten nur mittels chemischen Keulen unter Kontrolle zu bekommen und weniger den Menschen hinter der Krankheit zu sehen. Somit ist das Schicksal der Erzählerin aus „4:48 Psychose“ ähnlich wie dem von Septimus aus dem ersten Teil. „Sie haben eine glänzende Karriere vor sich“, sagt Dr. Bradshow am Ende zu Septimus, anscheinend ohne zu ahnen wie sich sein Patient fühlt. Und der Psychiater fragt bei Sarah Kane: „Sie haben sehr viele Freunde. Was geben Sie Ihren Freunden, dass sie so hilfsbereit sind?“

Auch wenn zwischen den beiden Stücken über 70 Jahre liegen, es gibt doch erstaunliche Gemeinsamkeiten, die Regisseurin Selen Kara sauber herausarbeitet. Dabei hilft ihr das Ensemble, bestehend aus Linda Elsner, Bettina Engelhardt, Christopher Heisler, Adi Hrustemović, Nika Mišković, Antje Prust und Raphael Westermeier. Ein sehr intensiver Theaterabend, der sich auf alle Fälle lohnt.

Weitere Termine unter www.theaterdo.de




30 Jahre artscenico – drei Monate Festival mit Brennschärfe X

An einem ungewöhnlichen, aber sehr ehrwürdigem Ort feiert die freie Theatergruppe um Rolf Dennemann ihr 30-jähriges Bestehen: Das Haus Schulte-Witten in Dorstfeld ist der Schauplatz eines Programms, das über drei Monate das Erdgeschoss in künstlerische Anordnungen verwandelt. Der Startschuss fällt am 01. Oktober 2021 um 18 Uhr.

Rund 36 einzelne Veranstaltungen halten das Haus Schulte-Witten in künstlerischem Atem. Möglich gemacht hat das eine Kooperation mit der Stadt- und Landesbibliothek und die Förderung durch das NRW Landesbüro für freie Künste.

Der Eingangsbereich vom Haus Schulte Witten. Im Erdgeschoss wird artscenico von Oktober bis Dezember 2021 der Hausherr sein.
Der Eingangsbereich vom Haus Schulte Witten. Im Erdgeschoss wird artscenico von Oktober bis Dezember 2021 der Hausherr sein.

Ein zentraler Punkt ist die gleichnamige Fotoausstellung namens „Helter Skelter“. Die Ausstellung ist immer mittwochs von 17.00 – 21.00 Uhr geöffnet und von donnerstags – sonntags immer 1 Stunde vor Veranstaltungsbeginn. Die Fotos von Guntram Walter sind schöne Zeitdokumente über die verschiedensten Aktion von artscenico. Dazu gibt es die Möglichkeit, Unikate zu kaufen. Daneben gibt es einen kleinen Raum – für zwei bis drei Menschen gleichzeitig – in dem Filme angeschaut werden können.

Doch die Eröffnung bietet noch mehr, nämlich den ersten „in-ear“ Abend. Hier müssen Matthias Hecht, Elisabeth Pleß, Sascha von Zambelly und Stefanie Winner direkt wiedergeben, was sie auf dem Ohr gesagt bekommen. Ohne Zeit zu reflektieren. Um 20 Uhr ist am 01. Oktober Zeit für Künstler wie Jonathan Meese, Joseph Beuys und andere. Weitere dieser „in-ear“ Abende gibt es am 09.10.21 um 20 Uhr mit dem Thema „Wissenschaftler“ und am 05.11.21 um 20 Uhr sowie am 06.11.21 um 19 Uhr mit dem Thema Sport.

Musikalisch bietet die Veranstaltungsreihe auch einiges. Volker Wendland spielt mit Gregor Hengesbach Gypsy Swing am 02.10.21 um 19 Uhr und am 16.12.21 um 15 Uhr, am 07.10.21 um 20 Uhr präsentiert sich Chilek mit der ungewöhnlichen Kombination Gitarre, Cello und Schlagwerk, Yoyo Röhm bringt am 21.10.21 um 19 Uhr musikalische Gäste mit. Literatur trifft auf Musik am 25.11.21 um 20 Uhr, denn dann liest Elisabeth Pleß und Chilek machen dazu Musik.

Für langjährige Mitstreiter von artscenico finden gesonderte Abende statt, bei denen sie sich präsentieren können. Thomas Kemper entwickelt seine „Frauenfigur“ am 30.10.21 um 19 Uhr, danach ist der Besucher zu Gast bei Matthias Hecht am 26.11.21 um 19 Uhr und am 17.12.21 um 20 Uhr präsentiert Elisabeth Pleß ihr Programm.

Selbstverständlich ist auch Rolf Dennemann beim Mammutprogramm vertreten. „Hattingen ist nicht Helsinki“ lautet seine Lesung mit Drums und Piano, die am 12.11.21 um 20 Uhr stattfinden wird. Daneben macht er auch das Gespräch „Der Tod auf Visite“ am 19.11.21 um 20 Uhr, bei dem es um die Frage geht, wie er und sein berufliches Umfeld mit seiner Krebserkrankung umgeht.

Darüber hinaus gibt es weitere Veranstaltungen mit Lesungen, Musik und sogar Tanz. Eine Filmcrew kommt dreimal zum Filmen und an manchen Tagen kann man sein mitgebrachtes Grillgut grillen lassen. Wann? Das ausführliche Programm finden Sie auf https://www.artscenico.de/blog/2021/09/10/brennschaerfe-x/. Dort finden Sie auch Informationen zu Kartenreservierungen.

In den Veranstaltungsraum passen coronabedingt nur 20 Menschen, es kann sein, dass die Kapazität auf 30 erhöht werden kann. Dennoch möchten die Veranstalter von artscenico, dass der intime Charakter gewahrt wird.
Eintritt:
Normaler Ausstellungsbesuch: kostenfrei
Konzerte: 15 €/10 €
Performances: 10 €/5 €
Tanzabende: 15 €/10 €
L’après-midi (sonntags): 5 €
Flatrate alle Veranstaltungen: 100 €

Eine Reservierung ist erforderlich. Es gelten die Regeln der Coronaschutzverordnung.




Klangvokal – arabischer Gesang trifft auf Weltjazz

Die Band Masaa ist eine spannende Mischung, die arabische Lyrik mit zeitgenössischem Jazz verbindet. Das sahen auch die Kritiker so und vergaben den Deutschen Jazzpreis an die Band. Am 22. September 2021 konnte sich das Publikum im Reinoldihaus im Rahmen des Festivals Klangvokal von der Qualität der Musik überzeugen.

Der Kopf der Band ist Rabih Lahoud, der mit seinem arabischen Gesang eine ganz besondere Note einbrachte. Natürlich gab und gibt es arabische Jazzmusiker, die überwiegend Instrumentalisten sind wie Trompeter Ibrahim Maalouf oder Dhafer Youssef, der das klassische arabische Instrument Oud spielt. Lahoud benutzt seine Stimme wie ein Instrument, das Umspielen der Töne, typische für die Maqamat der arabischen Welt, beherrscht er meisterhaft. Dabei öffnen sich für den Zuhörer neue und bekannte Klangwelten. So gibt sich das erste Lied melancholisch, beinahe wie ein portugiesischer Fado. Einmal quer durchs Mittelmeer bis zum Libanon, dem Geburtsort von Lahoud.

Die vier Musiker von "Masaa" bei ihrem Konzert. (v.l.n.r.) Reentko Dirks, Rabih Lahoud, Marcus Rust und Jakob Hegner. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Die vier Musiker von „Masaa“ bei ihrem Konzert. (v.l.n.r.) Reentko Dirks, Rabih Lahoud, Marcus Rust und Jakob Hegner. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Doch die Musik ist nicht immer ruhig und melancholisch, sie wird teilweise wild und rhythmisch, besitzt reiche dynamische expressive Wechsel wie beim Lied „Herzlicht“, bei der die Trompete zunächst nur dezente Tontupfer von sich gibt. Der Jazz von Massa ist keiner, bei dem man gemütlich im Sessel sitzen und sich berieseln lassen kann, hier wird der Kopf gefordert.

Das ist ein guter Moment, um die Mitmusiker von Lahoud vorzustellen. Da wäre Marcus Rust an der Trompete zu nennen. Er begleitet Lahouds Gesang wie eine zweite Stimme und manchmal hat man den Eindruck, es stehen zwei Sänger auf der Bühne. Von ruhiger Begleitung bis hin zu einem Trompetengroove reicht die Bandbreite.

Da es in der Band keinen Bassisten gibt, füllen Reentko Dirks an der Doppelhals-Gitarre sowie Jakob Hegner am Schlagzeug die Rollen des Rhythmus-Fundaments aus. Beide ergänzen sich sehr gut, es scheint eine gute Kommunikation zu geben und beide sind Virtuosen an ihren Instrumenten.

Nach zwölf Songs und zwei Zugaben war das Konzert von Masaa vorbei. Das Publikum im Reinoldihaus hat eine gelungene Melange zwischen Orient und westlichen Jazz erlebt. Solche ungewöhnliche, aber bereichernde Musik macht den Reiz von Klangvokal aus.




Piratenmolly Ahoi oder warum sollte ein Mädchen nicht Piratin werden können?

Molly hat einen Traum: Die will unbedingt Seemann werden. Doch auf hoher See werden harte Männer gebraucht. Kann sie es trotzdem schaffen, als Matrose die sieben Weltmeere zu bereisen? Aus der Vorlage von Eva-Maria Stüting bringt Regisseurin und künstlerische Leiterin Rada Radojčić eine rund 50-minütige Version für Kinder ab sechs Jahren auf die Bühne des Fletch Bizzels mit viel Musik. Die Premiere ist am 24. September 2021 um 18 Uhr.

Da ich das Vergnügen hatte bei einer Probe dabei zu sein, konnte ich erste Eindrücke sammeln. Bühnenbild und Kostüme haben eine leichte Anmutung der Augsburger Puppenkiste und auch die drei Schauspieler*innen agieren auf der Bühne ein wenig, als ob sie an unsichtbaren Schnüren hängen. Dazu passt, dass die Kostüme der Schauspieler*innen wirken, als ob sie für Anziehpuppen gemacht wurden. Ein ungewöhnlicher Grundstoff ist Pappe. „Ich habe die Pappe dann gebogen, damit das am Körper besser sitzt und habe dann mit Stoffen und Farbe die Kostüme mehr modelliert“, erzählt Kostümbildnerin Anna Hörling.

Drama: Kann Molly (Christiane Wilke) den Piratenkapitän (Vassily Kazakos) von ihren Fähigkeiten überzeugen? (Foto: © Kulturbrigaden)
Drama: Kann Molly (Christiane Wilke) den Piratenkapitän (Vassily Kazakos) von ihren Fähigkeiten überzeugen? (Foto: © Kulturbrigaden)

Diese Art von Kostümen ist für die Akteure auf der Bühne ungewöhnlich. „Das Spielen ist sehr anspruchsvoll“, so Radojčić, „es ist eine viel größere Körperlichkeit nötig“. Zur Musik, die wie bei der Produktion „Alice im Wunderland“ von Dixon Ra stammt, ist zu sagen, dass sie die comichafte Inszenierung mit entsprechender Musik begleitet. Bei aller Buntheit und Fröhlichkeit ist Regisseurin Radojčić wichtig, dass das Stück für Jung und Alt ist, denn schließlich ist das Thema der klassischen Rollenverteilung immer noch ein ernstes. Die Kinder sollen animiert werden, ihre Träume zu verwirklichen.

Die drei Schauspieler*innen, die bei der Produktion von „Piratenmolly Ahoi!“ dabei sind, Bettina Stöbe, Christiane Wilke und Vassily Kazakos, sind lange mit dem Fletch Bizzel verbunden.

Für die Premiere am 24. September 2021 gibt es noch wenige Restkarte, weitere Vorstellungen sind am 10. Oktober um 15 Uhr, am 28. November um 11 Uhr und am 01. Dezember um 10 Uhr.

Mehr Informationen unter www.fletch-bizzel.de




Aufstieg möglich oder Türe zu – La Chemise Lacoste

Schlechte Chancen für Arbeiterkinder, die Aufstiegschancen hängen in Deutschland immer noch stark von Bildungsstand der Eltern ab, schreibt die Zeit am 02.04.2020, die Wirtschaftswoche bläst am 31.05.2021 ins gleiche Horn: Arbeiterkinder werden ausgebremst. Und selbst wenn man es schafft, die Leiter hochzuklettern, wird man akzeptiert? Im Stück „La Chemise Lacoste“ (Das Lacoste-Hemd) von Anne Lepper ist von Akzeptanz nichts zu spüren. Die Inszenierung von Dennis Duszczak beschreibt den Versuch eines Aufstiegs. Die Premiere war am 19. September 2021 im Studio des Schauspielhauses.

Der Inhalt in aller Kürze: Der erste Teil des Stückes: Felix wurde vom Staats auserwählt, er darf die Ärmlichkeit seiner Familie und seiner Umgebung verlassen und als Balljunge beim Tennis mitmachen. Doch die arrivierten Balljungen Philipp und Toby sind nicht seine Freunde. Im zweiten Teil feiert Tennis-Star Sebastian eine Party, dafür hat er mit Kay eine Frau an seiner Seite. Doch erfüllt sie auch die Erwartungen der anderen Gäste?

Sarah Yawa Quarshie als Balljunge und Anton Andreew als Felix. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Sarah Yawa Quarshie als Balljunge und Anton Andreew als Felix. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Gleich zu Beginn ein schöner Kniff von Duszczak: Auf der Bühne ist ein drehbarer großer Kasten, der sich erst einmal zu einer Puppenbühne verwandelt: Felix und seine Familie, dargestellt von fünf gleich aussehenden Puppen freuen sich über seine Aufstiegsmöglichkeiten mit fast schon biblischen Worten: „Der eine, der gerettet wird“. Wie bei Jakob und seine Brüder.

Doch wird Felix mit seiner Sprache und seiner Kleidung in den oberen Kreisen akzeptiert? Jedenfalls – jetzt sind die echten Schauspieler an der Reihe – die beiden Balljungen Toby und Philipp (Alexander Darkow und Sarah Yawa Quarshie) machen sich erst einmal über Felix (Anton Andreew) lustig und lassen ihn deutlich spüren, dass er nicht dazugehört. „Es geht etwas Dumpfes von dir aus“, sagen sie zu ihm. „Jemand der von unten kommt, soll auch unten bleiben“. Erst durch totale Anpassung erreicht Felix, sein altes Leben zu verleugnen und erhält auch die gleiche Kleidung von Toby und Philipp.

Der zweite Teil thematisiert den Aufstieg von Frauen über einen erfolgreichen Partner. Hier ist es Tennis-Star Sebastian (Darkow), der das Mädchen Kay (Lola Fuchs) zu seiner Begleitung erkoren hat. Sind die Gäste zunächst von Kay noch angetan „Es muss schön sein, einen Menschen aus dem Dreck zu holen“, werden sie immer aggressiver.

Das Stück ist fetzig inszeniert, es fängt mit Punk-Rock an und bleibt auch sonst sehr musikalisch. Der große Kasten auf der Bühne (Bühnenbild und Kostüme Thilo Ullrich) dreht sich und auch sonst sind die Akteure in Bewegung (was sich für ein Stück, in dem Tennis eine Rolle spielt, nichts Ungewöhnliches sein muss).

Letztendlich zeigt das Stück wie schwer bis unmöglich es für Menschen „von unten“ ist, sich nach oben zu arbeiten. Sprache, Kleidung, Verhalten, die Unkenntnis über gewisse Regeln, alles lässt sie auffliegen. Selbstverleugnung scheint die einzige Möglichkeit zu sein, akzeptiert zu werden. Doch wie hoch ist der Preis.

Wer ein Stück sehen will, das leider immer noch aktuell ist, sollte sich „La Chemise Lacoste“ unbedingt anschauen. Mehr Informationen unter https://www.theaterdo.de/produktionen/detail/la-chemise-lacoste/.




Anfassen – auf der Suche nach Kontakt

Haben wir nach dem Lockdown vergessen, wie es ist, den anderen anzufassen? Müssen wir es wieder neu lernen? Und haben wir schon einmal über unsere Hände nachgedacht? Fragen, die sich das Stück „anfassen“ der Theatergruppe 4.D stellt und in insgesamt 10 Versuchen probiert Antworten zu finden. Die Premiere fand am 18. September im Fredenbaumpark und im Theater im Depot statt.

In der Produktion von „anfassen“ steckt einiges vom Dortmunder Schauspielhaus drin. Nicht nur das Mitglieder des Dortmunder Sprechchors teilgenommen haben, der ehemalige Dramaturg Thorsten Bihegue schrieb den Text zum Stück.

Die Figur von Elina Ritzau feierte die Distanz zwischen den Menschen.
Die Figur von Elina Ritzau feierte die Distanz zwischen den Menschen.

Zu Beginn wurden wir ins zwei Gruppen aufgeteilt und mit Kopfhörern und zwei Guides in den Fredenbaumpark geleitet. Dort wartete der erste Versuch auf uns. Pia Wagner, eine der Schauspieler*innen, versuchte uns das „Anfassen“ vorsichtig näherzubringen. Ging das Vorbeilaufen und die Begrüßung noch allen locker von den Lippen, war es beim „Berühren“ schon komplizierter, denn auch schon vor Corona war das Berühren von fremden Personen durchaus heikel, denn nicht jede*r möchte angefasst werden.

Als Teil der blauen Gruppe gingen wir weiter zum Versuch Nummer 3. Hier auf einer Parkbank hielt Jubril Sulaimon eine Elegie auf seine Hände. Ein perfektes Werkzeug, die Dinge tun, ohne es ihnen bewusst sagen zu müssen. Danach gelangten wir nach einem kleinen Spaziergang zu Versuch 2, dort hatte sich Elina Ritzau hinder einem Schirm mit langen Schnüren versteckt und feierte den Abstand. „Viel Luft zwischen den Körpern“ und „diese tolle Leere will ich nicht mehr missen“, stand sie für alle, die sich – vielleicht schon vor Corona – von Menschen eher fernhielten. Für die „Social Distancing“ kein neuer Begriff, sondern eine Lebenseinstellung ist.

Der vierte Versuch, geleitet von Matthias Damberg stellte wieder die Hände in den Mittelpunkt, denn schließlich heißt das Stück ja „anfassen“. Und das geht nur mit den Händen. Zurück am Theater im Depot konnten die Teilnehmenden den digitalen Sprechchor, der uns über die Kopfhörer begleitet hatte, auch „in echt“ sehen, oder fast: Denn der Sprechchor wurde auf hängende Gazebanner projiziert, durch die man durchgehen konnte.

Wer sich fragte, wo der „Tanz“ bei der Tanz-Theater-Performance blieb, wurde nicht enttäuscht, denn die Versuche sechs bis zehn fanden auf der Bühne im Theater im Depot statt. Hier waren alle Akteure von 4.D aktiv auf der Bühne und zeigten ein beeindruckendes Zusammenspiel zwischen Tanz und Wort. Ob der Versuch aus einem beengenden Raum auszubrechen, dargestellt durch einen Lichtkegel oder die Leere zu zeigen, wenn ein Mensch fehlt, es machte riesen Spaß den vier bei ihren Versuchen zuzuschauen.

Wer Lust auf eine spannende Theater-Performance hat, der kann noch am 25. und 26. September 2021 jeweils um 19 Uhr teilnehmen. Karten gibt es unter www.depotdortmund.de/theater-tanz.html.




Chaflierplatz – Ausstellung im Kunstverein von Iván Argote

Der kolumbianische, in Paris lebende Künstler Iván Argote präsentiert uns einen neuen Begriff: chaflieren. Mit diesem Begriff fördert uns der Künstler auf, den öffentlichen Raum fantasievoll zu nutzen. Der Kunstverein zeigt neben Videos verschiedene Bronzeskulpturen, gestaltete Bänke, Zeichnungen und einen großen Chaflierplatz. Die Ausstellung ist bis zum 21. November zu sehen.

Die Idee, sich den öffentlichen Raum anzueignen, ist nicht neu. Bereits in den 60er Jahren formulierte der französische Philosoph Henri Lefebvre das „Recht auf Stadt“, indem er dazu aufrief, den urbanen Raum als Ort der Begegnung zu gestalten. Argote geht noch einen Schritt weiter, indem er Orte des Dialogs schafft, die unser Verhältnis zum „Anderen“ sowohl in zwischenmenschliche Ebene als auch im globalen Kontext analysieren. Das erklärt er in Video „La Plaza del Cafleo“ von 2019.

Iván Argote auf seinem Chaflierplatz im Dortmunder Kunstverein.
Iván Argote auf seinem Chaflierplatz im Dortmunder Kunstverein.

Diese Plaza findet sich auch im Kunstverein wieder. Der „Chaflierplatz“ ist eine spielerische Bodenskulptur aus eingefärbt beton, deren Hände mal vier, mal sechs oder mal fünf Finger haben. Alle Hände sind durch ihre Fingernägel miteinander verbunden. Inspiriert wurde der Künstler auch durch die AfD, die „Deutschland. Aber normal“ zur Bundestagswahl plakatiert. Dabei stellt sich nicht nur für den Künstler die Frage: Was ist „normal“? Was passiert mit den „Unnormalen?“ Argote Arbeit zeigt, dass der „Andere“ nicht als Fremder angesehen werden sollte, sondern als Einheit in der Diversität.

Wenn der „Andere“ unbekannt ist und nur in der Fantasie existiert, dann macht man sich merkwürdige Vorstellungen. In der Antike und im Mittelalter stellte man sich die Menschen auf der Südhalbkugel als „Antipoden“ vor. Ihre Füße sitzen verkehrt herum am Körper, sodass sie nach einer Richtung schauen und in die andere laufen. Argotes Antipoden aus Bronze sind selbstbewusst und schauen stolz und fröhlich.

Es gibt verschiedene Sondertermine zur Ausstellung. Am 23.09.21 gibt es nicht nur um 19 Uhr eine Ausstellungsführung, im Kino im Dortmunder U findet um 19:45 Uhr ein Videoscreening mit vier Filmen, die der Künstler zusammengestellt hat.

Am 07.10.21 gibt um 18 Uhr eine öffentliche Führung statt und am 21.10.21 um 19 Uhr ein Ausstellungsgespräch.

Der Dortmunder Kunstverein ist geöffnet dienstags bis freitags von 13 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 16 Uhr. Weitere Informationen auf www.dortmunder-kunstverein.de.




1. Philharmonisches Konzert – musikalischer Neustart mit Bruckner

Endlich ist die Zeit vorbei, in der man die Dortmunder Philharmoniker nur auf CD hören könnte, am 14. Und 15. September 2021 startete das Orchester mit seinem Generalmusikdirektor Gabriel Feltz in die neue Spielzeit. Unter der Überschrift „Gottestürme“ stand Bruckner 5. Sinfonie auf dem Programm, ein musikalischer Gigant, der in 80 Minuten vermessen und analysiert wurde.

Nichts gegen Spotify, sie haben eine Reihe schöner Aufnahmen von Anton Bruckners 5. Sinfonie in ihrem Angebot, aber nichts geht über die Erfahrung eines Live-Konzertes. Husten, Rascheln, das Stimmen der Instrumente, all das macht das Erlebnis einzigartig. Wenn dann noch die Blechbläser und die Pauken mit ihrer Kraft in der Magengegend zu spüren sind, das bekommt man auch mit dem besten Kopfhörer nicht hin.

GMD Gabriel Feltz eröffnete die neue Spielzeit mit seinen Dortmunder Philharmonikern. (Foto: © Jürgen Altmann)
GMD Gabriel Feltz eröffnete die neue Spielzeit mit seinen Dortmunder Philharmonikern. (Foto: © Jürgen Altmann)

Die 5. Sinfonie ist durch ihr Hauptthema in den letzten Jahren wieder ins Bewusstsein der Menschen gelangt, denn es klingt so ähnlich wie der Gitarren-Riff von „Seven Nation Army“ von der Band „The White Stripes“. Ob Jack White Bruckners Sinfonie jemals gehört hat und sich bewusst oder unbewusst hat inspirieren lassen, bleibt offen.

Jedenfalls ist das „kontrapunktische Meisterstück“, so Bruckner selbst über die 5. Sinfonie, ein ordentliches Stück Arbeit für die Blechbläser und den Paukisten Frank Lorenz. Aber sie hat auch zärtliche Momente wie der Beginn des Adagios, die von der Oboe getragen wird und von Christiane Dimigen behutsam vorgetragen wurde.

Die Aufgabe von Gabriel Feltz war es, in der sehr komplexen Sinfonie die musikalische Dramaturgie zu finden. Der Wechsel zwischen Steigerung und Spannungsabbau ist in dieser Sinfonie essenziell. Auch das schafft der Generalmusikdirektor gekonnt, indem er fast zu einer Art „Mischpult“ mutiert und die einzelnen Gruppen mal lauter mal leiser spielen lässt.

Ja, die 5. Sinfonie ist eine Art Tonkathedrale, die vor allem im Schlusssatz ihre Wunder und ihre Kraft präsentiert. Daneben bietet der 2. Satz wunderbare Momente der Ruhe und des Innehaltens.

Musikalisch ist der Start in die neue Spielzeit der Dortmunder Philharmoniker gelungen. Beim Blick durch die Besucherränge schien es, als ob das Vertrauen in die Zeit der “Post-Pandemie” noch nicht ganz zurück ist. Es wird wohl einige Zeit dauern, bis alle sich wieder an volle Konzerthäuser gewöhnt haben, ohne Angst vor Ansteckung zu haben. Die Philharmoniker jedenfalls haben am Dienstag ihr Bestes gegeben, um die Besucher*innen wieder ins Konzerthaus zu locken.