Am Anfang war der Strich

Besonders für die bildenden Künstler beginnt die Arbeit an einem neuen Werk mit einem simplen Strich mit einem Bleistift oder ähnlichem Werkzeug. Die Skizze bildet die Grundlage. Im Fokus der Ausstellung „a bit of the side III – Zeichnungen auf Seitenwegen“ stehen Zeichnungen, die sich selbst weiter verändern oder die Veränderung schon in sich tragen. Somit wird der simple Strich zu einem Objekt, das Farbe, Ton oder Dreidimensionalität erhält. Kuratiert von Elly Valk-Verheijen und Maria Schleiner zeigen sieben Künstler*innen ihre Positionen vom 23. Oktober bis zum 28. November 2021 im Künstlerhaus.

Bei Nina Brauhauser hat die Skizze den Weg in die Dreidimensionalität geschafft, sie sind zu einer Plastik geworden, die aus der Bewegung entstanden sind. Das Besondere: Die Künstlerin fotografiert ihre Plastik und somit erschafft sie durch das Schattenspiel ebenfalls eine Dreidimensionalität, die den Betrachtenden durchaus irritieren kann.

Vor der Arbeit von Samuel Treindl stehen (v.l.n.r.) die Kuratorinnen Maria Schleiner und Elly Valk-Verheijen sowie die Künstlerinnen Marta Colombo und Mira Schumann.
Vor der Arbeit von Samuel Treindl stehen (v.l.n.r.) die Kuratorinnen Maria Schleiner und Elly Valk-Verheijen sowie die Künstlerinnen Marta Colombo und Mira Schumann.

Mira Schumann zeigt Arbeiten aus der Reihe „Anwesenheiten“. Sie erschafft kleine Räume aus Elementen, die wie Szenen aus Puppenhäusern wirken. Zeichnungen scheinen zu schweben und muten wie kleine Geister an, die die Szenerie beleben. So können die Betrachtenden eigene Geschichten entwickeln.

Digital wird es nebenan, denn da zeigt Gerhard Reinert seine interaktiven Sekundenfilme. Die digitalen Zeichnungen verändern ihre Form, sobald jemand mit der Maus über die hinwegfährt oder darauf klickt. Darüber hinaus kann man auch auf die Seite sekundenfilme.de gelangen, auf der noch weitere Links zu experimentellen Filmen zu finden sind.

Alltagsgegenstände haben Marta Colombo während der Corona-Zeit fasziniert. Dabei verknüpft sie Zeichnungen mit dreidimensionalen Objekten. Die Elemente in den Zeichnungen lassen sich nämlich in irgendeiner Art in der Objekten wiederfinden, beispielsweise durch die Farbe. Darüber hinaus spielt sie mit der Architektur des Raumes, indem sie den Weißraum in ihren zeichnerischen Arbeiten der Leere des Raumes gegenüberstellt.

Beinahe meditative Arbeiten erzeugt die Schweizer Künstlerin Evelina Cajacob. In ihren Videoarbeiten tritt sie in Dialog mit dem Raum und beschäftigt sich sehr stark mit dem Material. In einem Fall ist es ein langes Bergseil, das sich fast sinnlich über den Bildschirm schlängelt und Elemente der Pareidolie herbeirufen kann.

Im Eingangsbereich hat Samuel Treindl sein „Spuckschutz“ aufgebaut. Ein verspieltes Objekt aus Alltagsmaterialien, das seinen Zweck, Menschen vor anderen Menschen zu „schützen“ gleich wieder dekonstruiert durch seine teilweise Offenheit und seine Unperfektion.

Zeichentrickfilme im ursprünglichen Sinn zeigt Anna Lytton. Vor allem „Shell“ überzeugt mit vielen witzigen Ideen und auch „Mirror“ kombiniert Bleistiftzeichnungen mit realer Haut zu einem visuellen Kunstwerk.

Öffnungszeiten des Künstlerhauses, Sunderweg 1:

Donnerstag 16:00–19:00
Freitag 16:00–19:00
Samstag 16:00–19:00
Sonntag 16:00–19:00



Die Neuen stellen sich vor

Die Neuen des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler Westfalen e. V. (BBK) präsentieren sich ab kommenden Sonntag in der BIG gallery direkt neben dem Dortmunder-U. Im 900 qm großen Foyer wird endlich wieder eine spannende Kunstausstellung gezeigt und so Kunst sicht- und erlebbar. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 14.11.2021.

Der Ausstellungstitel „Die Neuen“ ist zugleich Programm: Der BBK freut sich, seine „NEUEN Mitglieder“ der letzten 4 Jahre mit ihren Arbeiten präsentieren zu können. 27 zum Teil weit über NRW hinaus bekannte Künstler*innen sind dem Aufruf gefolgt und hatten Arbeiten eingereicht. Zu sehen sind jeweils zwei Werke von 21 Künstlerinnen und 6 Künstlern aus 16 Städten. Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll die große Bandbreite künstlerischen Schaffens in Westfalen. Thematisch wurden keine Vorgaben gemacht – erwünscht war die typische, individuelle, künstlerische Ausdrucksform. So kontrastieren filigrane, eher ästhetische bis hin zu politischen Arbeiten. Die Werke umfassen die Bereiche Malerei, Grafik, Fotografie, Plastik, Skulptur und Video.

2. Vorsitzende), Christoph Mandera (Geschäftsführer) und Karl-Ulrich Peisker (Kurator, Grafik Katalog), (Foto: © Rita-Maria Schwalgin) vom BBK Westfalen.
Anette Göke (2. Vorsitzende), Christoph Mandera (Geschäftsführer) und Karl-Ulrich Peisker (Kurator, Grafik Katalog), (Foto: © Rita-Maria Schwalgin) vom BBK Westfalen.

Beklemmend aktuell und politisch brisant die schon 2012 in Bethlehem entstandenen Bilder aus der Serie „Wall“ von Eva Horstick, wo sie Fotos von Kriegsgeschehen mit Popart und Zeichnungen mit Mangamotiven überlagert, um ein Plädoyer für Freiheit und Toleranz zu geben. Direkt kontrastierend daneben farbstarke Menschengruppen von Anette Göke mit der Botschaft „Vielfalt macht bunt“. Angelockt durch ein scheinbar widersprüchliches Verhältnis von Bild und Rahmen erschließt sich bei Klaus Pfeiffer erst mit dem nebenstehenden Text aus der Fabel „Der Blick vom Turm“ von Günter Anders die -fast- surreale Botschaft.

Die Skulpturen von Karina Cooper oder die zart geflochtenen Gebilde von Sylvia Jäger besitzen eine organische Ästhetik. Coopers Arbeiten wirken dabei wie holzgewordene Ammoniten oder andere Fossilien.

Im begleitenden Katalog sind alle Werke abgebildet, die Lebensläufe inklusive der Ausstellungstätigkeiten dargestellt. Die Kunsthistorikerin Anke Schmich hat sich mit der künstlerischen Arbeitsweise sowie dem jeweiligen Werk beschäftigt und so erschließen sich auch eher „sperrige“ Werke dem lesenden Betrachter.




Fünf – Schicksale von Fünflingen

Das Stück „Fünf“ von Lina Mareike Wolfram, Seth Tietze und Sofie Neu erzählt das Schicksal von fünf eineiigen Mädchen, die am 28. Mai 1934 in Kanada geboren wurden. Die Weltsensation warf schnelle ihre Schattenseiten auf die Mädchen, die als Begaffungsobjekte in einem Vergnügungspark leben mussten und somit ihrer Kindheit beraubt wurden. Premiere hatte „Fünf“ im Rahmen des Summer up Festivals am 17. Oktober 2021.

Die Geschichte handelt von Yvonne, Annette, Cécile, Emilie und Marie Dionne. Entgegen aller Erwartungen überleben die Fünflinge und werden zur Sensation. In der Folge werden sie ihren Eltern weggenommen und in einer Art Vergnügungspark namens „Quintland“ zur Schau gestellt. Mit neun Jahren kehrten sie wieder zu ihren Eltern zurück, wurden dort nicht glücklich, weil sie unter anderem von ihrem Vater sexuell missbraucht wurden. Mit 19 Jahren zogen sie gemeinsam aus ihrem Elternhaus aus. Emilie starb schon früh mit 20 Jahren, Annette und Cécile sind noch am Leben.

Fünflinge im Vergnügungspark: Das Schicksal der Dionne-Mädchen im Studio. (Foto: © Susanna Poldauf)
Fünflinge im Vergnügungspark: Das Schicksal der Dionne-Mädchen im Studio. (Foto: © Susanna Poldauf)

Wolfram und Tietze erzählen die Geschichte der fünf Mädchen und Frauen mit sehr viel Humor, auch wenn sie aus heutiger Sicht sehr traurig ist. Die Mädchen werden im Prinzip wie Tiere im Zoo behandelt und von Eltern und anderen Menschen als Geldquelle missbraucht. Der Schwerpunkt des Stückes liegt deutlich auf die Jahre in „Quintland“.

Die Schauspielerinnen wechselten die Kostüme, benutzen Fotomasken, um beispielsweise den Hausarzt der Dionnes, Dr. Dafoe, darzustellen oder fuhren als die kleinen Fünflinge mit dem Dreirad über die Bühne des Studios. Gelungen war auch die Idee mit der Kamera und einem Puppenhaus manche Szenen auf die Leinwand zu bringen. Wie es sich für die damalige Zeit gehört, natürlich in Schwarz-Weiß.

Ein gelungener Geschichtsunterricht in Schauspielform über das Leben von fünf Mädchen, dessen Schicksal in Deutschland so gut wie unbekannt sein dürfte. Ihrer Kindheit und Jugend beraubt, wurden sie benutzt, um andere reich zu machen. Ob es heute anders wäre? Gut, in einen Vergnügungspark würde man die Kinder wohl nicht mehr stecken. Aber wir haben heute genug andere Vermarktungsmöglichkeiten, sodass es für skrupellose Eltern genug Gelegenheiten gäbe, die Kinder auf twitch, instagram oder youtube zur Schau zu stellen, um den berühmten Rubel rollen zu lassen.




Brauerei-Museum bekommt neue Leitung

(Stadt Dortmund) Generationenwechsel in der Leitung des Brauerei-Museums Dortmund: Corinna Schirmer (32) löst Dr. Heinrich Tappe (64) ab, der am 15. Oktober in den Ruhestand geht. Tappe leitete das Museum seit dessen Eröffnung 2006 am aktuellen Standort an der Steigerstraße. Zuvor hatte er das Brauereiarchiv im Westfälischen Wirtschaftsarchiv Dortmund aufgebaut.

Seine Nachfolgerin am Museum, die Kulturanthropologin Corinna Schirmer, kam 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin für ein Forschungsprojekt an das Deutsche Kochbuchmuseum Dortmund, für das sie auch weiterhin zuständig bleibt.
Unter der Leitung von Heinrich Tappe ist die Beliebtheit des Brauerei-Museums kontinuierlich gestiegen; zuletzt – vor Corona – hatte das Museum mehr als 23.000 Besucher*innen im Jahr. „Mit Dr. Tappe geht ein sehr geschätzter, langjähriger Museumsleiter in den Ruhestand, der die Dortmunder Biergeschichte wohl wie kaum ein anderer in der Stadt kennt. Das von ihm aufgebaute Brauerei-Museum ist ein touristischer Magnet nicht nur für die Dortmunderinnen und Dortmunder, sondern auch für zahlreiche nationale und internationale Gäste“, sagt Dr. Dr. Elke Möllmann, Geschäftsbereichsleiterin der Dortmunder Museen.

Dr. Heinrich Tappe übergibt an Corinna Schirmer. (Fotos: Katharina Kavermann, Dortmund Agentur)
Dr. Heinrich Tappe übergibt an Corinna Schirmer. (Fotos: Katharina Kavermann, Dortmund Agentur)

Heinrich Tappe recherchierte und gestaltete zahlreiche Sonderausstellungen für das Brauerei-Museum, darunter „BVB 09 und die Dortmunder Brauereien“ (2009), „Von Bierpalästen, Kneipen und Trinkhallen“ (2013) oder die Ausstellung „Essen außer Haus: Von Restaurants und anderen Speisegaststätten“ (in Kooperation mit dem MKK und dem Hoesch-Museum). Unter seiner Federführung entstanden ein Film und die Medienstationen im Museum, außerdem ist er Autor eines Informationsfilms zur Geschichte des U-Turms, der im Foyer des Dortmunder U zu sehen ist.

Die neue Leiterin am Brauerei-Museum, Corinna Schirmer kommt aus Bonn, wo sie Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Geschichte studierte. Anschließend absolvierte sie ihren Master in Kulturanthropologie/Volkskunde. Sie war als wissenschaftliche Volontärin im Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte beim Landschaftsverband Rheinland in Bonn tätig und beschäftigte sich schon dort mit nahrungsethnologischen Themen.

„Die Geschichte der Brauerei mit all ihren Facetten –  vom Alltag der Angestellten über wirtschaftshistorische Themen bis hin zur Bedeutung des Biere für die Menschen im Revier und darüber hinaus – ausstellen und weiter erforschen zu dürfen, empfinde ich gerade in einer Stadt wie Dortmund als große Freude. Denn alleine der bei den Dortmunder Bürgerinnen und Bürgern nach wie vor oft zu vernehmende Dreiklang ,Kohle-Stahl-Bier‘ zeigt, welchen Stellenwert das Brauereiwesen hier noch immer hat“, so Corinna Schirmer.

Das Brauerei-Museum Dortmund widmet sich der langen und erfolgreichen Brautradition der größten Stadt Westfalens und des Ruhrgebiets. Es vermittelt Eindrücke von der Blütezeit der Bierstadt Dortmund seit den 1950er Jahren, berichtet aus der Geschichte der zahlreichen Dortmunder Brauereien und erläutert den Prozess des Brauens, insbesondere des industriellen Brauens. Es informiert über Produktion und Bierkonsum vor 1950 ebenso wie über das Brauen im Mittelalter.




Sehnsucht – ein barockes Schwelgen

Am 09. Oktober 2021 feierte „Sehnsucht – ein barockes Pasticcio“ in der Oper Premiere. Mit dem Begriff „Pasticcio“ nennt man einen Zusammenschnitt aus verschiedenen Opern. In diesem Fall wurden überwiegend Arien aus Opern von Händel , aber auch von Purcell oder anderen Komponisten der Barockzeit gespielt.

Um die verschiedenen Arien wurde eine kleine Geschichte gesponnen, in dessen Zentrum ein Mann stand, der von Erinnerungen an die Vergangenheit gequält wird. In der Rolle dieses Mannes sehen wir den Countertenor David DQ Lee, während sein Vergangenheits-Ich vom Sopranist Bruno de Sá dargestellt wird. Warum die geplante Verlobung mit dem Sopran (Sooyeon Lee) nicht zustande kam, wird auf der Bühne in gespielten Rückblenden erzählt. Ob nun seine sexuelle Orientierung den Ausschlag gab, wie bei der „Weihnachtsfeier“ angedeutet wurde oder andere Dinge, jedenfalls bleibt eine Sehnsucht für die eventuell verpassten Chancen. Auch von der Enttäuschung der Eltern musste er sich lösen.

Eine Weihnachtsfeier, die schiefging.  (links Bruno de Sá, rechts Denis Velev) Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture
Eine Weihnachtsfeier, die schiefging. (links Bruno de Sá, rechts Denis Velev) Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture

Das alles wurde auf der Bühne in opulenter Weise dargestellt. Alle Beteiligten waren Meister ihres Faches und hatten auch sehr viel Freude an der Aufführung. Neben den erwähnten Lees waren noch die Mezzosopranistin Hyona Kim und der Bass Denis Velev zu hören. Doch was Sopranist (ja, ohne „in“) de Sá sang, war enorm beeindruckend. Seine Stimme erreichte Höhen, die unglaublich waren. Dazu noch die Begleitung der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster und der Abend war perfekt.

Leider ließ der Zuspruch des Dortmunder Publikums zu wünschen übrig, es bleibt zu hoffen, dass die weiteren Termine besser besucht werden.

Mehr Informationen unter www.theaterdo.de




Kontinentaldrift als Theaterstück

Wir können in sekundenschnelle Nachrichten von Europa nach Australien verschicken, fliegen in hoher Geschwindigkeit von A nach B und auch sonst ist unsere Zeit eher von Hektik geprägt. Ein Beispiel könnten wir uns an den Kontinentalplatten nehmen. Sie bewegen sich langsam, sehr langsam. Entweder voneinander weg oder aufeinander zu, es kommt vor, dass sie sich berühren und es in Folge zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen kommt.

Doch ich war bei keiner geologischen Veranstaltung, sondern habe am 08. Oktober 2021 die Premiere von „körper kontinent/kontinent körper von dorisdean im Theater im Depot geschaut. Mit dabei waren von dorisdean Patrizia Kubanek, Anna Júlia Amarel, Philipp Hohmann und Natasha Padilha.

Ein besonderer Fokus der freien Performance-Kompagnie liegt darauf, dass möglichst viele Menschen mit verschiedenen Einschränkungen der Theatervorstellung folgen können. So wurde die Vorstellung der Akteure zu Beginn nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch oder Spanisch gemacht. Oft wurde erzählt, was die Schauspieler*innen gerade tun und wo sie sich auf der Bühne befinden. Eine sehr gute Aktion, die Blinden oder stark Sehbehinderten eine Möglichkeit bot, das Stück zu verfolgen.

Zu Beginn des Stückes: Natasha Padilha, Patrizia Kubanek und Anna Júlia Amarel. (Foto: Lukas Zander)
Zu Beginn des Stückes: Natasha Padilha, Patrizia Kubanek und Anna Júlia Amarel. (Foto: Lukas Zander)

Gleich zu Beginn wähnte man sich kurz in einer Art Fitnessstudio, denn Amarel, Hohmann und Padilha stellten mit Gymnastikbällen und Sport erst den Urkontinent Pangäa dar, dann die weitere Entwicklung instruiert von Kubanek, die im E-Rollstuhl saß. Eine kurze Geschichte des Kontinentaldriftes in tänzerisch-sportlicher Form.

Das Stück war insgesamt in vier Teile unterteilt, wobei der zweite Teil „Dinosaurier“ sehr emotionale Elemente hatte, denn das Zusammentreffen zweier Kontinentalplatten wurde wie eine erotische Begegnung zweier Menschen dargestellt, erst fordernd die Nähe gesucht, dann vielleicht erschreckt über die Härte des Zusammenkommens.

Bewegung oder das Bewegtwerden spielt eine wichtige Rolle im Leben der Menschen. Doch es gibt nicht nur die Freiheit sich bewegen zu können, sondern auch die Freiheit zu bleiben, also nicht bewegt zu werden.

Ein ungewöhnlicher Theaterabend mit einem ungewöhnlichen Thema, der aber zum Nachdenken anregt.




Session Night – Funkiger Abend im Fletch Bizzel

Seit einiger Zeit hat das Fletch Bizzel mit Dixon Ra auch einen musikalischen Leiter. Der Saxophonist und Multiinstrumentalist nutzt seine musikalischen Fähigkeiten nicht nur, Theaterstücke zu begleiten, sondern bietet Interessierten auch unter dem Namen „Session Night“ eine neue musikalische Reihe an, bei der er auch Gäste einlädt. Manche werden sich an das „Small Beast“ erinnern, das unter dem damaligen musikalischen Leiter des Schauspielhauses, Paul Wallfisch, zum festen Repertoires der Dortmunder Musikliebhaber avancierte.

Den ersten Abend der „Session Nights“ am 05.10.21 bestritt Dixon Ra alleine, begleitet von Marc Reece (Gitarre), Caspar van Meel (Bass) und Lennart Rybica (Schlagzeug). Und die Musik zeigte sofort die Richtung an: Funk. „Stratus“ von Billy Cobham und „Blast“ von Marcus Miller ließen Erinnerungen an Serien wie „Straßen von San Francisco“ aufkommen. Der dritte Titel „Jovano Jovanke“ zeigte auch, dass Dixon Ra sehr gut Jazz-Funk mit traditionellen Balkanmelodien verbinden kann. Nach zwei Liedern vom Gastgeber gab es noch drei Zugaben. Bei „Bar Jedan Ples“ sang dann die künstlerische Leiterin Rada Radojčić und brachte den Saal vollends in Stimmung.

Sorgten für einen gelungenen Abend: (v.l.n.r.) Marc Reece, Lennart Rybica, Dixon RA und Casper van Mee. (Foto: © Rada Radojčić)
Sorgten für einen gelungenen Abend: (v.l.n.r.) Marc Reece, Lennart Rybica, Dixon RA und Casper van Mee. (Foto: © Rada Radojčić)

Gute Stimmung herrschte schon vorher. Denn alle Beteiligten waren handwerklich oberste Klasse. Dixon Ra ließ sein Saxophon mal weich mal rau klingen. Verzerrte Töne machten den Sound des Instrumentes interessant. Daneben hatte Dixon Ra auch Hochkaräter eingeladen. Marc Reece bewies, dass er nicht nur im Bluesrock-Genre zu Hause ist, sondern auch als Funk-Gitarrist begeistern kann. Caspar van Meel wurde 2003 beim „Grote Prijs van Nederland“ als bester Bassist ausgezeichnet und er zeigte, dass er den Titel 2021 vermutlich verteidigen könnte. Das Fundament legte Lennart Rybica am Schlagzeug, der auch mit einigen Soloeinlagen punkten konnte.

Insgesamt ein guter Start in die „Session Nights“, der neugierig macht auf die weiteren Folgen. Am 02.11.21 hat Dixon Ra die Coverband Wild Child eingeladen, wer am 07.12.21 dabei sein wird, ist noch eine Überraschung.

Mehr Informationen unter www.fletch-bizzel.de




Europa verschwindet – eine theatrale Installation

Der Mythos von Europa war das Thema von „europa verschwindet“ einem Theaterstück oder einer Installation im Theater – je nach Ansichtssache. Denn es traten im engeren Sinne keine Schauspieler auf, sondern im Mittelpunkt stand ein Diorama, gestaltet von der Bühnenbildnerin Nicole Marianna Wytyczak. Text bekamen die Zuschauer*innen über Kopfhörer serviert. Ein Premierenbericht vom 02. Oktober 2021.

Europa und der Stier. Laut dem Mythos entführte der Gott Zeus die phönizische Königstocher Europa in Gestalt eines Stieres. Doch welche weiteren Mythen hat Europa? In künstlerischer Hinsicht sicherlich das Eurovision Song Contest, der ein gesamteuropäisches Event ist und mittlerweile sogar Australien als Teilnehmer hat.

Das Diorama von Nicole Marianna Wytyczak. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Das Diorama von Nicole Marianna Wytyczak. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Aber zurück zum Stück. Das Diorama zeigt eine Meereslandschaft, daneben Wald und Wasserfälle. Steine und Gräser bilden sind außerhalb des Bildes, ebenso wie ein grüner Steg, der ins Bild hineinführt.

Die Texte stammen von unterschiedlichen Autor*innen wie Marlena Keil, Tucké Royale, isabella Sedlak, Rebecca Solnit, Miroslava Svolikova und Raphael Westermeyer, der auch einen Live-Auftritt als Museumsbesucher hat.

Die Kernfrage nach der Identität von Europa bleibt ungeklärt. Europa hat einiges in der Welt verursacht. Weltkriege, Kolonialisierung, um nur zwei zu nennen, die die Welt nachhaltig verändert haben. Aber trotzdem bleibt Europa immer noch ein Sehnsuchtsort für Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass ein Stier sie über das Mittelmeer trägt.

Ein weiteres Thema in dem 50-minütigem Stück war der Eurovision Song Contest, kurz ESC. Eine schweizerische Erfindung, um die Völker nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zusammenzubringen, zumindest musikalisch. Nicht ganz zu Unrecht wurde das Spektakel bei „europa verschwindet“ karikiert und als durchkommerzialisiert beschrieben.

Sehr schön fand ich das Ende, als Raphael Westermeyer als Museumsbesucher durch das – mittlerweile bewusst demolierte – Diorama geht und wir über Kopfhörer die Beschreibung eines Kunsthistorikers zu dem zum Kunstwerk gewordenen Bühnenbild hören. Da auch die Zuschauer als Teil der Installation bezeichnet werden, ist die nächste Metaebene erreicht.




Ich bin schon tot – Sepidar Theater thematisiert Misogynie

Sexual violence doesn’t start and end with rape
It starts in our books and behind our school gates
Men are scared women will laugh in their face
Whereas women are scared it’s their lives men will take
(„Mother“, IDLES)

Die Tänzerinnen, schwarz gekleidet, tanzen und erzählen Frauenschicksale. Von der Geburt über die Hochzeit bis hin zur Geburt der eigenen Tochter. Aber in Wirklichkeit ist das ein Zyklus der Benachteiligung. Auch wenn Fotos, die im Hintergrund der Bühne gezeigt werde, suggerieren, dass das Stück in einem arabisch geprägten Land spielt, so ist patriarchale Gewalt überall auf der Welt vertreten. Aktuelle Zahlen machen dies deutlich: 2017 wurden weltweit 50.000 Frauen Opfer eines Femizid, die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts, so berichtet die UNODC. 2019 wurden in Deutschland 69.881 Fälle von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt. Frauenrechte müssen immer wieder neu erkämpft werden und haben auch Rückschläge erlitten wie aktuell in Afghanistan.

Regisseur Mamadoo Mehrnejad und Regisseurin Bahar Sadafi vom Sepidar Theater machen sofort deutlich: Alle Frauen haben mit schlimmen Erlebnissen zu kämpfen. Eine feministische Kunsthistorikerin kann scheinbar ohne Repressalien arbeiten, doch ihre Bemühungen laufen ins Leere. Ein junges Mädchen wird von ihrem Großvater sexuell missbraucht, getarnt als „Wolf und Schaf“-Spiel. Die dritte Frau heiratet, aber einen unbekannten Mann, den sie erst auf ihrer Hochzeit kennenlernt und der sie betäubt, um sie zu vergewaltigen. Die Rahmenhandlung des Stückes integriert ist die Geschichte des Serienmörders Saifulqalam, der verkleidet als Zauberer, Frauenarzt oder Fotograf unzählige Frauen ermordete.

Sepidar Theater zeigt bei „Ich bin schon tot“ eine faszinierende Kombination zwischen Schattentheater und „realem“ Theater. (Foto: © Gerd Schmedes)
Sepidar Theater zeigt bei „Ich bin schon tot“ eine faszinierende Kombination zwischen Schattentheater und „realem“ Theater. (Foto: © Gerd Schmedes)

Bahar Sadafi, Narges Moghimi, Elisa Marshall und Maedeh Mizaei zeigen sehr eindrücklich, wie die Unterdrückung, unter der Frauen immer noch zu leiden haben, weiterbesteht, auch wenn sich die Gesellschaftsform oberflächlich ändert. Denn auch als in dem fiktiven Land die „Partei“ die Macht übernimmt und scheinbar Männer und Frauen gleichstellt, wird schnell klar, dass das klassische Rollenbild weiter fortbesteht. Beispielsweise wird der moderne Tanz verboten, weil er zu „abstrakt“ ist und die Frauen besser „Folkloretänze“ machen sollen. Besserung für die Frauen stellt sich nicht ein.

„Ich bin schon tot“ zeigt in erschreckender Weise, dass Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft verankert ist und Frauen von ihrer Geburt an Angst haben müssen, von Männern getötet zu werden. Ob als junges Mädchen, Ehefrau oder generell deswegen, weil sie weiblich sind. Ein eindrucksvoller Abend im Theater im Depot. Einziger Wermutstropfen: Das Stück sollte häufiger zu sehen sein.




Literaturfestival LesArt mit Wladimir Kaminer, Christian Berkel und Perry Rhodan

Das bekannte Dortmunder Literaturfestival „LesArt“ findet – so hoffen es die Veranstalter – 2021 endlich wieder unter normalen Bedingungen ab. Das heißt, Künstler sind wieder bei Veranstaltungen live vor Publikum zu sehen. Dabei planen die Organisatoren die 2G-Regel (geimpft, genesen) anzuwenden. Der Vorverkauf für das Festival beginnt am 09. Oktober 2021. LesArt läuft vom 02. bis zum 14. November 2021.

Es ist wahr, der Weltraumheld Perry Rhodan wird 60 Jahre alt. Perry Rhodan ist die erfolgreichste Science-Fiction-Heftroman-Serie der Welt. Am 02. November 2021 trifft der Exo-Soziologe Dr. Andreas Anton auf den literarischen Vater Hartmut Kasper. Kasper hat unter dem Pseudonym Wim Vandemann als Exposé-Autor geprägt.

Bei der Vorstellung des Programms von LesArt: Björn Wiggers (Bereichsleiter Vorstandsstab / Kommunikation Sparkasse Dortmund), Hartmut Salmen (Literaturhaus Dortmund) und Isabel Pfarre (Kulturbüro Dortmund).
Bei der Vorstellung des Programms von LesArt: Björn Wiggers (Bereichsleiter Vorstandsstab / Kommunikation Sparkasse Dortmund), Hartmut Salmen (Literaturhaus Dortmund) und Isabel Pfarre (Kulturbüro Dortmund).

Doch es gibt auch irdische Themen. In einer Stadt wie Dortmund gehört Fußball dazu. Deshalb findet das „LesArt Stadion“ stilecht im Westfalenstadion statt. Am 08. November 2021 spricht Alexander Heflik über Erwin Kostedde, den ersten schwarzen Nationalspieler. Unter dem Titel „Zwischen Puff und Barcelona“ liest Ben Redelings aus seinen Fußball-Kolumnen.

Einem verstorbenen Autor wird am 09. November 2021 im domicil gedacht: Wiglaf Droste. Einige seiner Freunde und Wegbegleiter wie Fritz Eckenga oder Ralf Sotscheck werden einen Abend für ihn gestalten. Der Inhalt ist immer noch ein Geheimnis.

Ralf Sotscheck bleibt ein wenig länger, denn der langjährige Irland-Korrespondent der taz liest am 10. November 2021 im Museum für Kunst und Kulturgeschichten aus seinen Texten. Dabei wird er begleitet von der Küppersbusch-Band, dessen Bandleader der Moderator, Journalist und Dortmunder Friedrich Küppersbusch ist.

Das LesArt-Festival präsentiert auch bekannte Autoren. Christian Berkel ist am 06. November 2021 im Fletch Bizzel zu Gast und liest aus seinem Roman „Ada“. Wladimir Kaminer kommt am 11. November 2021. Kaminer hat neue Geschichten dabei, die er unter dem Titel „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon … und andere Familiengeschichten“ im Museum für Kunst und Kulturgeschichte vorträgt.

Selbstverständlich findet das alljährliche KindergartenBuchTheaterFestival im Fletch Bizzel wieder statt. Vom 08. bis zum 12. November 2021 bringen 15 Kindergärten 15 Kinderbücher auf die Bühne.

Zeit für die LesArt.Gala ist es dann am 13. November 2021. Im domicil wird der LesArt-Preis der jungen Literatur verliehen, Musik gibt es von Nic Koray und eine Lesung mit Mimi Fiedler. „Sie dürfen den Frosch jetzt küssen. Traumhochzeit mit Hindernissen.“ Ein bewusst heiteres Thema in den letzten Tagen des Festivals, denn wegen Corona ist der Bedarf an fröhlicher und heiterer Literatur sicher höher als sonst.

Daneben gibt es noch viel mehr zu entdecken. Das gesamte Programm mit Spielstätten und Eintrittspreisen finden Sie unter https://www.lesart.ruhr/programm-2021/