Ein Abend für den Hooligan der Inbrunst – Wiglaf Droste

Am 09. November 2021 feierte das lesArt Festival mit „Teach me laughter, save my soul“ einen Mann, der sehr streitbar war und dabei eine satirische und literarische Eloquenz hatte, die ihresgleichen suchte: Wiglaf Droste. Er wird gerne als „Tucholsky unserer Tage“ bezeichnet, der Abend im domicil zeigte, wie vielschichtig und unbequem dieser Mann war, der 2019 leider viel zu früh verstarb.

Zu Beginn gab es eine Art Einführung zur Hauptperson. In dem etwa 15minütigen Film wird sehr schnell klar, dass Wiglaf Droste sich nicht scheute nach beiden Seiten auszuteilen. Klar hasste er Nazis, doch auch die typischen Esoterik-Linken bekamen ihr Fett weg. Er schrieb unter anderem für die taz, Titanic, junge Welt und andere Medien, später gab er mit Sternekoch Vincent Klink die Zeitschrift „Häuptling eigener Herd“ heraus. Darüber hinaus war er ein veritabler Sänger, seine erste Platte hieß „Grönemeyer kann nicht tanzen“ und imitierte den Bochumer Sänger sehr gut. Mit dem Essener Spardosen-Terzett veröffentlichte er einige Alben. Natürlich veröffentlichte er auch viele Bücher.

Ein Abend für einen alten Weggefährten. (v.l.n.r.) Danny Dzuik, Rayk Wieland, Ralf Sotschek, Fritz Eckenga und Klaus Bittermann feierten Wiglaf Droste. (Foto: © Hartmut Salmen)
Ein Abend für einen alten Weggefährten. (v.l.n.r.) Danny Dzuik, Rayk Wieland, Ralf Sotschek, Fritz Eckenga und Klaus Bittermann feierten Wiglaf Droste. (Foto: © Hartmut Salmen)

An diesem Abend erzählten seine Werkgefährten Fritz Eckenga, Ralf Sotschek, der Irland-Korrespondent der taz, Rayk Wieland oder der Verleger Klaus Bittermann Geschichten über ihn und mit ihm. Was auffällt, die Geschichten sind häufig alkoholgeschwängert und es macht deutlich, dass es bei Droste ziemliche Abstürze gab. Daher starb er auch schon mit 57 Jahren an Leberzirrhose. Musikalisch wurde der Abend begleitet von Danny Dziuk, der am Klavier Lieder von Droste oder die von ihm inspiriert wurden, zu Gehör brachte.

Alles in allem fehlt jemand wie Droste in unseren Corona-Zeiten.




DADADO vergibt den Prixx de No Bell

In Dortmund wird die Kunstrichtung DADA von engagierten Künstlerinnen und Künstlern unter dem Namen DADADO in Ehren gehalten. Nicht nur wegen Richard Hülsenbeck, der in Dortmund auf dem Südwestfriedhof liegt, auch das Museum Ostwall leistet mit seinem Schwerpunkt Fluxus, das mit DADA verwandt ist, einen Beitrag. Am 18.11.21 organisierte also DADADO die 5. DADADO-Filmnacht im Fletch Bizzel, bei dem auch Preise vergeben wurden, nämlich der „Prixx De No Bell“ in vier Kategorien.

Die Organisatoren von DADADO haben die Filmnacht in drei Teile geteilt. Im ersten Teil konnten die Besucherinnen und Besucher sieben Filme außerhalb des Wettbewerbs erleben. Darunter witzige Tutorials wie das finnische „How to open a door“ oder „Homemaid Noise Tutorial“ von Peter Valek. Der tschechische Künstler avancierte mit seinem leicht chaotischen Experiment zum Star des Abends. Leider, so erzählte Moderator Volker Krieger, wären bisher alle Kontaktbemühungen gescheitert wären. Dennoch wollen die Organisatoren weiter versuchen, mit Valek in Kontakt zu treten.

So schön wurden die Preise in den vier Kategorien präsentiert.
So schön wurden die Preise in den vier Kategorien präsentiert.

Nicht alle Beiträge waren neue Produktion, so war der Beitrag von Uwe Wand „Bestiarum von Ernst Jandl” bereits 1989/90 als Diplomarbeit erschienen. Neu war hingegen Beitrag des LK Kunst der Gesamtschule Gartenstadt, die mit ihrer Arbeit ein wenig an die animierten Zwischensequenzen der Monty Python erinnerte. Die Mühen der Schülerinnen und Schüler wurden mit einem Preis in der “Categorie Special” gewürdigt.

Im zweiten Teil wurde auch ein Film gezeigt, und zwar „Entr’acte“ aus dem Jahr 1924. Der dadaistische Kurzfilm von Reneé Clair wurde dabei vom Kollektiv Trio Randale musikalisch und tänzerisch begleitet. Ein äußerst gelungen Zwischenakt.

Der dritte Part war den 16 Wettbewerbsfilmen gewidmet. Ob es am Mangel an Teilnehmern lag? Jedenfalls nahm die Künstlergruppe „Leuchtstoff“ aus Witten mit 11 Filmen teil, der Dortmunder Künstler Arp Diegà schickte drei Beiträge ins Rennen.

Es ist nicht verwunderlich, dass Leuchtstoff zumindest einen Preis abräumen könnte, sie holten den zweiten Platz, de Catégorie Grande, mit ihrem Beitrag „Onomatopoesie“, was nach meiner Einschätzung näher an DADA war, als die anderen Beiträge. Der dritte Platz ging an Frank Niehusmann, der mit seinem „One two Test“, die Wordakrobatik des DADA Dank Sampling in die Moderne katapultiert.

Den ersten Preis erhielt Uwe Koslowski. Sein Film „Keine Panikattacken“, eigentlich ein Tutorial zum Thema „Passen Sie auf, dass genug Klopapier in der Toilettenkabine ist“, könnte die Konkurrenten hinter sich lassen.

Ein schöner kurzweiliger Abend, an dem DADA gefeiert wurde. Er hätte nur mehr Publikum verdient.




Eine abwechslungsreiche Ausstellung – das kann man mal machen

Die fünfte gemeinsame Ausstellung aller vier Dortmunder Künstlerverbände trägt den schönen Titel „Kann man mal machen“. 41 Künstlerinnen und Künstler wurden letztlich von einer Jury ausgewählt und präsentieren Skulpturen, Fotos, Malerei und weitere Spielarten der bildenden Kunst. Gezeigt wird die Ausstellung in der BIG gallery am Dortmunder U vom 21.11.21 bis zum 16.01.21.

Den Satz „kann man mal machen“ ist mir meist in der Sportreportage begegnet. Wenn ein Spieler etwas Außergewöhnliches tut, beispielsweise den Ball aus 40 Metern in Tor zu dreschen, dann sagt der Reporter – etwas lakonisch – „kann man mal so machen“ .

Laden zu einer abwechslungsreichen Ausstellung in die BIG gallery  ein. (v.l.n.r.) Die Organisatoren Axel M. Mosler, Irmhild Koeniger-Rosenlechner und Karl-Ulrich Peisker.
Laden zu einer abwechslungsreichen Ausstellung in die BIG gallery ein. (v.l.n.r.) Die Organisatoren Axel M. Mosler, Irmhild Koeniger-Rosenlechner und Karl-Ulrich Peisker.

Und wie ist das als bildende Künstler*in? Günter Rückert schreibt in seinem Pressetext zur Ausstellung, dass „Können“ einerseits bedeutet, dass man in der Lage ist oder die Fähigkeit besitzt, etwas zu tun. „Machen“ verweist auf die Tätigkeit, also den Umgang mit Material beispielsweise. Anders interpretiert, kann das Motto auch bedeuten, etwas ganz Verrücktes zu machen, weil man es halt kann.

Daher finden sich viele spannende Beiträge in der Ausstellung, von denen ich nur ein paar vorstellen möchte, denn ein Besuch der Ausstellung lohnt sich auf alle Fälle. Karl-Ulrich Peisker hat ein „Chemogramm“ gemacht, in dem er verschiedene Chemikalien wie Terpentin oder Nagelhautentferner zwischen zwei Glasplatten gelegt hat. Den dadurch entstandenen Prozess hat er durch sein Eingreifen gesteuert und ist so einem interessanten Ergebnis gekommen.

Ute Höschen hat eine Vielzahl von PET Flaschen zu einem riesigen Gesamtbild verklebt. Kritik an der männlich dominierten Geschäftswelt zeigt die Arbeit von Heide Müller. Hier sind einige gebügelte Herrenhemden zu sehen. Gisbert Danberg präsentiert mit „Tholus_aranae“ eine riesige Spinne, die aus einem Warhammer-Spiel zu kommen scheint. Dagegen ist Dieter Ziegenfeuters Arbeit „Pommes Ketchup“ so appetitlich, dass es sich jeder Imbissbudenbesitzer in sein Lokal hängen sollte. Medienkritik kommt von Rita-Maria Schwalgin. Sie fotografierte Fotos von Facebook-Freundschaftsanfragen, die sie bekommen hat unter dem Titel „Kontakt unerwünscht“. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie nervig so etwas sein kann. Axel M. Mosler zeigt Fotografien einer alten Litfaßsäule, deren alte Geschichte Wind und Wetter hervorzauberte. Da die Plakate immer übereinander geklebt wurden, konnte man welche bewundern, die von 2005 stammen. Durch die Witterung und den Verfall bekommt das Ganze einen archäologischen Touch.

Die vier teilnehmenden Künstlerverbände sind BBK Ruhrgebiet, BBK Westfalen, Künstlervereinigung Dortmunder Gruppe und Westfälische Künstlerbund Dortmund.

Die Öffnungszeiten der BIG gallery sind montags bis freitags von 10:00 bis 19:00 Uhr sowie sonntags von 14:00 bis 17:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.




Fußball in den 70er Jahren oder als Paul Breitner die Scherben besuchte

Man kann wirklich nicht sagen, dass die 70er Jahre ein erfolgreiches Jahrzehnt für den Ballspielverein Borussia aus Dortmund war. In der Saison 71/72 ging es für vier Spielzeiten in die Zweitklassigkeit und am Ende der Spielzeit 78/79 stand das 0:12 gegen Borussia Mönchengladbach.Mit diesen JAhren beschäftigen sich die Fußballbücher von Alexander Heflik und Bernd-M. Beyer. Während sich Beyer mit der Saison 71/72 und dessen Einbettung in die kulturelle Gesamtsituation der Bundesrepublik beschäftigt, thematisiert Hefliks Buch einen tragischen Helden: Erwin Kostedde. Passenderweise fanden die Lesungen im Rahmen des Les.Art-Festivals am 08. November 2021 in den Umkleidekabinen des Westfalenstadions statt.

Alexander Heflik erzählte die tragische Geschichte von Erwin Kostedde, dem ersten schwarzen NAtionalspieler. (Foto: © Hartmut Salmen)

Da ich mich entscheiden musste, begann ich mit der Heimkabine und lauschte zunächst den Worten von Alexander Heflik. Es gibt sicherlich viele tragische Helden und einer trägt den Namen Erwin Kostedde. Ein begnadeter Fußballer, der erste schwarze Nationalspieler, aber auch jemand, der gut darin war, falsche Entscheidungen zu treffen. Ob es nun der richtige Verein für die Karriere war oder finanzielle Optionen. Kostedde hatte erfolgreiche Zeiten in Offenbach und in Belgien sowie spät in seiner Karriere in Bremen, wo er zum dritten Mal auf Otto Rehagel traf. Er hatte bereits in Offenbach und in Bremen mit ihm trainiert. Von 1976 bis 1978 spielte Kostedde auch in Dortmund. Er traf gleich beim ersten Spiel nach dem Wiederaufstieg gegen den HSV doppelt. In der zweiten Saison lief es dann nicht mehr so rund für den Stürmer.

Wegen seiner Hautfarbe war Kostedde ähnlich wie Jimmy Hartwig Opfer von Rassismus. Bei Kostedde war seine Hautfarbe sogar der Grund, dass man ihn fälschlicherweise verdächtigte, eine Spielhalle überfallen zu haben. Er musste mehrere Monate in Untersuchungshaft verbringen.

Die 70er Jahre waren nicht nur eine Hochzeit der deutschen Nationalmannschaft, sondern war auch eine gesellschaftlich spannende Zeit.Bernd-M. Beyer berichtete darüber. (Foto: © Hartmut Salmen)
Die 70er Jahre waren nicht nur eine Hochzeit der deutschen Nationalmannschaft, sondern war auch eine gesellschaftlich spannende Zeit.Bernd-M. Beyer berichtete darüber. (Foto: © Hartmut Salmen)

Nach 45 Minuten und 15 Minuten Pause ging es dann in die Gästekabine, wo Bayer aus seinem Buch „71/72 – Die Saison der Träumer“ las. Die Anfänge der 70er Jahre in Deutschland waren geprägt von der neuen Ära von Willy Brandt, der mit seiner Ostpolitik viele Türen öffnete, aber auch in konservativen Kreisen verhasst war. Die Anfänge der RAF machten sich bemerkbar, in der Bundesliga leckte man sich die Wunden nach dem Bundesligaskandal. Meister wurden die Bayern, die den BVB zu Hause mit 11:1 schlugen. Der BVB beendete die Saison als Tabellenvorletzter und stieg ab. Fußballerisch war die deutsche Nationalmannschaft 1972 an der Spitze. Sie wurde souverän Europameister und verzauberte mit ihrer Spielweise. Währenddessen kam 1972 ein prägendes Musikalbum auf dem Markt mit dem Titel „Keine Macht für Niemand“ von „Ton, Steine, Scherben“. Diese revolutionäre Platte fand Anklang bei einem Revoluzzer in München: Paul Breitner. Breitner, der sich mit Mao-Bild und „Pekinger Rundschau“ ablichten ließ, wurde die Platte von der Band geschenkt, worauf sich Breitner mit einem Gegenbesuch in Berlin revanchierte. Ein Europameister und Bayern-Star zu Gast bei einer Politrockband. Wäre heute nicht denkbar, oder?




Eine Frage der Gerechtigkeit – besser ist besser – oder nicht?

Wie bemisst man die Leistung einer Schauspieler*in oder einer Performer*in? Wer mehr Applaus bekommt, bekommt auch mehr Geld? Wäre das gerecht oder öffnet diese Methode nicht noch mehr Missbrauch. Die Theatergruppe „i can be your translator“ fragt in ihrem neuen Stück „besser ist besser“ nach der Gerechtigkeit von Bezahlung. Die Dortmunder Premiere fand am 06. November 2021 im Theater im Depot statt.

Das Besondere an der Theatergruppe „i can be your translator“ ist, dass drei ihrer Mitglieder „challenged people“ sind, wie es mein Kollege Gerd Wüsthoff in der Vorbesprechung nannte und was ich gerne übernehmen will. Denn es geht darum, wie werde ich bewertet, wenn ich bestimmte Aufgaben meistere. Dafür hat sich die Gruppe eine Art Wettkampf ausgedacht. Die Bühne ist grandios gestaltet. Es gibt im hinteren Bereich einen Boxring und passend dazu tragen alle sieben Spieler*innen eine schwarze Boxhose. Dazu hängen oben große Porträts von ihnen als Gelduhr. Das Motto ist klar: Im Topf sind mehrere tausend Euro Abendgage. Es soll nach erbrachter Leistung bewertet werden und das Publikum entscheidet. Das entscheidende Kriterium ist die Lautstärke des Applauses.

Das Ensemble von " i can be your translator" bei den Proben zum Stück.(Foto:© Louisa-Marie Nübel)
Das Ensemble von “ i can be your translator“ bei den Proben zum Stück.(Foto:© Louisa-Marie Nübel)

Neben einer Aufwärmrunde führte der Moderator die Teilnehmer*innen durch zwei Hauptrunden und einer Finalrunde. Dabei wurden Dinge veranstaltet wie Tanzen, Emotionen zeigen (vor Publikum weinen) oder mit einer lachenden Maske am Bühnenrand stehen. Nach jeder Hauptrunde wurde die Lautstärke des Publikumsapplauses für jeden Teilnehmer in Geld umgerechnet.

Was kam heraus? Die drei „challanged“ Mitglieder wurden mit deutlich mehr Geld bedacht und landeten auf den ersten drei Plätzen. Ist das gerecht den anderen vier gegenüber? Gab es einen Mitleidbonus?

Mitnichten, denn ich bin davon überzeugt, dass die Umrechnungen Fake waren und es eigentlich um etwas anderes ging. Denn zum Schluss sagte Linda Fisahn, eine der Spieler*innen, im Nebensatz: „Wenigstens kann ich das Geld behalten, in der Behindertenwerkstatt würden sie mir das wegnehmen“. Wussten Sie, dass der Stundenlohn in einer Behindertenwerkstatt bei 1,35 € liegt („Stern“ vom 23.04.2021)? Das wären 200 € im Monat bei einer Vollzeitstelle. Ist das gerecht?

Daher macht das Stück bei all seiner Komik, die es in sich trägt, auch sehr nachdenklich. Lis Marie Diehl, Linda Fisahn, Christian Fleck, Julia Hülsken, Lina Jung, Christoph Rodatz, Christian Schöttelndreier und Laurens Wältken zeigen wie ungerecht es bei der Bezahlung zugehen kann.




5G – Superhelden auf verzweifelter Mission

Eine ungewöhnliche Premiere gab es am 04. November 2021 im Studio des Schauspielhauses. „5G – Die Rückkehr der Superheld*innen“. Eine Stückentwicklung des Regie-Teams unter Dennis Duszczak und den Schauspielern Anton Andreew, Linus Ebner, Lola Fuchs und Sarah Yawa Quarshie.

Superhelden wie wir sie kennen, gibt es seit etwa 100 Jahren. Lassen wir die antiken Hilden wie Herkules außen vor, gehören sie zur Comic-Kultur wie Enten und Mäuse aus dem Hause Disney. Superman war der erste Superheld mit Kostüm, Hintergrundgeschichte und Schwächen. Danach kamen seine Kollegen wie Spiderman, Batman und sicher hunderte andere. Inzwischen sind sie präsent im Kino in unzähligen Filmen und prägen die Pop-Kultur.

Lana (Sarah Yawa Quarshie), die Fliege (Anton Andreew), Asha (Lola Fuchs) und Lapsus of Light (Linus Ebner) wirken ratlos. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Lana (Sarah Yawa Quarshie), die Fliege (Anton Andreew), Asha (Lola Fuchs) und Lapsus of Light (Linus Ebner) wirken ratlos. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Doch die Dortmunder Superhelden sind anders. Sie können nicht fliegen oder sich an Spinnenfäden herunterhangeln, sie haben andere, spezielle Fähigkeiten. Da wäre Lana, die sich so vorstellt: „Ich bin Lana Morello und ich gehe jedes Risiko ein.“ Sie ist Influenzerin und Netzaktivistin und hat durch die Schwarmintelligenz die Fähigkeit erworben, Gedanken zu lesen. „Am Ende aller Tage werden das Recht und die Freiheit auf meiner Seite sein. Denn es gibt viele, die mir folgen, die so denken wie ich, denn sie denken durch mich. Meine Gedanken sind ihre Gedanken.“

Während Lana also eine Mission hat, sieht es bei Lapsus of Light (LOL) anders aus. „Ich hasse Recycling und vegane Mülltrennung. Aufräumen? Langweilig! Chaos, das ist das Ziel.Wisst ihr was? Ich lade Euch ein in meine kleine Chaosfamilie und stelle euch meine bezaubernden Verwandten vor“ Er ist eine Art Personifizierung der Spaßgesellschaft. Seine Fähigkeit ist, Menschen in Delfine zu verwandeln.

Das Gegenteil von LOL stellt „Die Fliege“ dar. Während LOL die Welt bunt und fröhlich sieht, steht die “Fliege“ für das Notwendige. „Wir sind die Deadline. Die Ersten bei jeder Katastrophe. Die Ersten bei der Leiche, die Ersten, wenn es ernst wird. Die ersten bei verdorbenen Fraß: Ich vertilge und beseitige.“ Er ist Recyclingspezialist.

Fehlt nur noch ein Superheld und dieser Held hat ein Geheimnis (Achtung! Spoiler), den Asha (kurz für X ASH – A 12) ist der Sohn eines superreichen Unternehmers mit Weltraumambitionen. Wem Tesla einfallt, liegt richtig. Sein geheimer Plan ist es, die Superkräfte der drei zu stehlen und für teures Geld als Produkt auf den Markt zu bringen. „Die Gabe von dem Mann in Lila, Lapsus of Light, Menschen in Delfine zu verwandeln, würde ich analysieren, um daraus die ultimative Droge zu entwickeln. Eine Art Heroin ohne Nebenwirkungen. Den enormen Bestand dieser zukünftigen Droge würde ich dann künstlich verknappen, das Gerücht, dass es etwas Neues auf dem

Markt gibt, bei den richtigen Leuten streuen und sie dann durch Unterhändler teuer im Darknet

verscherbeln. Die Fähigkeit von diesem komischen Typen mit dem S-Fehler, würde ich extrahieren, um ein effizientes Recyclingsystem für den Mars zu entwickeln. Und die Fähigkeit von Lana Morello, Gedanken zu lesen, würde ich schließlich als Marktforschungsinstrument an diverse High Ranking Unternehmen verkaufen.“

So kann man das Stück auch als Kritik lesen, menschliche Bedürfnisse, Fähigkeiten und Notwendigkeiten zu kapitalisieren.

Die vier Akteure auf der Bühne bieten ein grandioses Schauspiel. Anton Andreev hat mit seiner Fliegenmaske und seinem summenden S die Lacher auf seiner Seite. Ebenfalls exaltiert spielt Linus Ebener Lapsus of Light im schicken Lila, während Sarah Yawa Quarshie eine Lana spielt, deren Selbstbewusstsein nur so strahlt. Sie ist auch die einzige Superheldin mit Cape, das macht sie besonders. Lola Fuchs spielt den kühlen Asha als blassen hinterlistigen Elfen.

Ein gelungener Abend, der nicht nur lustig ist oder sich über Superhelden lustig macht, sondern versucht einen Blick in die Zukunft zu werfen: Wie weit lassen sich unsere Wünsche und Fähigkeiten kapitalisieren.

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Der Platz – Der Aufstieg führt zur Sprachlosigkeit

Am 30. Oktober 2021 feierte das Theaterstück „Der Platz“ seine Premiere im Schauspielhaus. Die Regisseurin und Intendantin Julia Wissert inszenierte den Roman von Annie Ernaux als Monologstück, das von sechs Schauspieler*innen getragen wurde.

Die Geschichte der Familie von Ernaux ist beinahe typisch und kam so ähnlich auch in meiner Familie vor. Mein Urgroßvater kam aus einer ländlichen Gegend in der Nähe von Posen und landete 1900 in Dortmund. Mein Großvater und Vater waren beide Bergleute, also Arbeiter, während ich den „Aufstieg“ Dank meines Studiums „geschafft“ habe. Bei Ernaux ging es ähnlich vonstatten, arbeitete der Großvater noch auf dem Land, begann ihr Vater in der Fabrik, um sich später eine Gaststätte samt Laden zuzulegen. Das war ein Aufstieg in die Mittelschicht.

Antje Prust, Linda Elsner, Raphael Westermeier, Lola Fuchs, Marlena Keil und Mervan Ürkmez (Foto: © Birgit Hupfeld)
Antje Prust, Linda Elsner, Raphael Westermeier, Lola Fuchs, Marlena Keil und Mervan Ürkmez (Foto: © Birgit Hupfeld)

Dennoch schien ihr Vater immer zwischen den beiden Klassen zu wandern. Einerseits fand er die Sprache der einfachen Leute negativ. „Für meinen Vater war das Patois etwas Altes, Hässliches, ein Zeichen gesellschaftlicher Unterlegenheit. Er war stolz darauf, es abgelegt zu haben.“

Seine Tochter, die Erzählerin schafft den Einstieg in das Bürgertum, in der andere Werte zählten. Damit hatte sie zunächst Schwierigkeiten. „Ebenso brauchte ich Jahre, bis ich die übertriebene Freundlichkeit ‚verstand‘, mit der gebildete Menschen etwas so Simples wie „guten Tag“ sagten.“

Doch je mehr sich die Tochter von ihren Eltern entfremdet, desto deutlicher wird der soziale Unterschied, zumal sie einen Mann aus dem Bildungsbürgertum geheiratet hatte „Wie sollte ein Mann, der ins Bildungsbürgertum hineingeboren worden war, mit einer ironischen Grundhaltung, sich in der Gesellschaft rechtschaffener Leute wohlfühlen, deren Liebenswürdigkeit, die er durchaus sah, in seinen Augen niemals das entscheidende Defizit wettmachen können, die Unfähigkeit, ein geistreiches Gespräch zu führen.“

Die Bühne war stark reduziert. Ein Gartenhäuschen als Reminiszenz an den Vater, der gerne im Garten gewerkelt hatte. Dazu viele Gartenutensilien aus Plastik. Am linken Rand stand ein Pult, auf dem die Musikerin houaïda passende Musik und Gesang beisteuerte. Auch wenn Antje Prust, Linda Elsner, Lola Fuchs, Marlena Keil, Mervan Ürkmez und Raphael Westermeier in ihren bunten Kostümen einen guten Job machten, eigentlich ist „Der Platz“ in dieser Form ein Monodrama, ein Einpersonenstück. Denn es berichtet eigentlich nur die Erzählerin und andere Figuren tauchen nicht auf. Das wäre sicherlich noch intensiver geworden und beispielsweise Marlena Keil hat dies bei „Die Erzählung der Magd Zerline“ von Hermann Broch bereits unter Beweis gestellt, das so etwas sehr gut funktioniert.

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Komponistinnen des Barocks im Mittelpunkt

Mal Hand aufs Herz? Wie viele Komponistinnen kennen Sie? Dem einen oder anderen wird Clara Schumann einfallen oder auch Fanny Hensel, aber dann wird es ein Feld für Expert*innen. Auch in der Barockzeit sah es nicht anders aus, obwohl schon 1568 Maddalena Casulana, die erste Komponistin, dessen Werke gedruckt werden, in einem Vorwort schrieb, dass Frauen auch die gleichen intellektuellen Fähigkeiten besitzen wie Männer.

Es ist schön, dass sich das Festival Klangvokal in einem Konzert dem Schaffen zweier Frauen widmet, die als Schülerinnen von Francesco Cavalli ihre Ausbildung bekamen. Die Rede ist von Barbara Strozzi (1619-1677) und Antonia Bembo (1640-1720), deren Arien und Instrumentalmusik am 24. Oktober beim Konzert „Le donne di Cavalli“ im Reinoldihaus zu hören waren. Zu Gehör gebraucht wurde die Musik von der Sopranistin Mariana Flores und begleitet wurde sie von der Capella Mediterranea unter der Leitung von Leonardo García Alarcón.

Mariana Flores (im rosa Kleid) und die Capella Mediterranea verzauberten die Zuhörer*innen. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Mariana Flores (im rosa Kleid) und die Capella Mediterranea verzauberten die Zuhörer*innen. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Und konnten die weiblichen Kompositionen herausgehört werden? Wohl kaum. Vor allem Strozzi, die selbst Sängerin war, zeigte eine Fülle an musikalischen Emotionen. Lyrisch und dramatisch in „Sino alla morte“, melancholisch in „Che si può fare“ oder wild und ungestüm in È pazzo il mio core“. Auch ihre Kollegin Antonia Bemba stand in Nichts nach, leider wurden von ihr nur zwei Stücke aufgeführt. Neben Francesco Cavalli erklangen auch Werke von zwei Zeitgenossen von Cavalli Biagio Marini (1594-1663) und Giovanni Antonio Bertoli (1598-1645).

Interessant ist auch, dass fast 400 Jahre später die Thematik in den Liedern, die Sorgen und Ängste, immer noch aktuell sind. So heißt es in Cavallis „Dimmi, Amor, che fare“ „Werde ich immer dahinvegetieren? Werde ich alleine alt werden?“ Strozzi thematisiert die unmögliche Liebe mit den Worten „Mein Herz ist verrückt“ in der Arie „È pazzo il mio core“.

Natürlich stand Mariana Flores im Mittelpunkt des Konzertes, die mit ihrer Stimme den Zuhörenden den Geist des Barocks näherbrachte. Doch auch die Musiker*innen hatten ihren Anteil daran, uns in eine Zeitmaschine zu setzen, die uns im 17. Jahrhundert ausspuckte. Zumal es auch einige schöne Instrumentalstücke gab, in denen vor allem Flötistin Mélanie Flahaut glänzen konnte.

Ein Abend, geradezu geschaffen für Klangvokal: Außergewöhnliches Programm mit einer vorzüglichen Stimme samt Musikern. Es wäre schön, wenn die Wiederentdeckung von Komponistinnen weitergehen würde und diese auch einen Platz in den Konzertprogrammen finden könnten.




Der Chor kriegt die Krise

Seit 2.500 Jahren ist er fester Bestandteil des Theaters: der Sprechchor. Die alten Griechen benutzten ihn als „Stimme des Volkes“, als „moralische Instanz“ oder als „Kommentator“. Mittlerweile gehört er wieder öfter zu Inszenierungen dazu, im Schauspiel Dortmund ist der Sprechchor sogar ein festes Ensemblemitglied. Nach „anfassen“ ging der Sprechchor wieder „fremd“ für die neue Produktion „schwierig“ von vier.D. Sie stellt in der großen Mittelhalle des Kulturorts Depot den Sprechchor in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Premiere war am 22. Oktober 2021.

Auf weißen Papphockern sitzend erlebt das Publikum mitten in der Halle ein Chor, der irgendwie in eine Krise gekommen ist. Sind es die Anforderungen? „Viel zu viel“ und „viel zu hoch“ klingt wie eine Kritik an zu absurden Texten oder an zu merkwürdigen Regieanweisungen von Regisseuren, die beispielsweise einen Sprechchor aus Hartz-IV-Empfängern fordert.

Verdienter Schlussapplaus für die beiden Protagonisten und den Sprechchor. (Foto: © Lukas Staab)
Verdienter Schlussapplaus für die beiden Protagonisten und den Sprechchor. (Foto: © Lukas Staab)

Schnell kommt auch etwas wie Neid gegenüber der Protagonistin (Christiane Wilke) auf, die im Laufe des Stückes eine Entwicklung durchlaufen kann, was dem Chor als Einheit, als Masse verwehrt bleibt. Dieser Konflikt zwischen Individualität und dem „Wir“ durchzieht das gesamte Stück. Der Versuch eines zweiten Protagonisten (Thomas Kemper) aus dem Chor heraus eine Individualität zu erreichen, scheitert letztendlich.

Aber hat der Chor nicht recht mit seiner Bemerkung, dass es das „Volk“ oder eine „moralische Instanz“ gar nicht mehr gebe? Sind wir nicht alle mittlerweile zu Individuen geworden, die ein „gesundes Volksempfinden“ wie es perfide unter den Nazis hieß, nicht mehr nötig haben? Oder haben wir den Chor als moralischen Rückhalt weiter nötig. Eine Antwort darauf gibt es nicht, auch dem Chor fällt keine andere Antwort ein und sagt deshalb fast resignierend: „Ich möchte gern ein anderer sein, mir fällt aber keiner ein.“

„Schwierig“ ist nicht nur ein Stück über dem Chor, sondern auch mit dem Chor und die Mittelhalle des Depots ist ein sehr guter Ort, um die mehr als 20 Chormitglieder in Szene zu setzen. Da das Publikum in der Mitte saß, mussten sie die Perspektive mal ändern. Trotz des Halls in dem großen Raum konnte ich alles gut verstehen. Eine weitere Arbeit von Thorsten Bihegue, der wie bei „Anfassen“ den Text schrieb und die Regie führte. Birgit Götz war für zwei wunderschöne Choreografien zuständig und Manuel Loos für die Musik. Es war ein sehr gelungenes Stück über das Seelenleben eines Sprechchors.

Das Stück wird noch am 26. und 27. Oktober 2021 im Depot gespielt. Kartenreservierungen sind über die Homepage möglich: www.depotdortmund.de. Weitere Informationen zum Stück sind auf der Homepage www.vier-d.info/projekte/schwierig oder den Social Media Kanälen von vier.D und dem Dortmunder Sprechchor erhältlich.




Am Anfang war der Strich

Besonders für die bildenden Künstler beginnt die Arbeit an einem neuen Werk mit einem simplen Strich mit einem Bleistift oder ähnlichem Werkzeug. Die Skizze bildet die Grundlage. Im Fokus der Ausstellung „a bit of the side III – Zeichnungen auf Seitenwegen“ stehen Zeichnungen, die sich selbst weiter verändern oder die Veränderung schon in sich tragen. Somit wird der simple Strich zu einem Objekt, das Farbe, Ton oder Dreidimensionalität erhält. Kuratiert von Elly Valk-Verheijen und Maria Schleiner zeigen sieben Künstler*innen ihre Positionen vom 23. Oktober bis zum 28. November 2021 im Künstlerhaus.

Bei Nina Brauhauser hat die Skizze den Weg in die Dreidimensionalität geschafft, sie sind zu einer Plastik geworden, die aus der Bewegung entstanden sind. Das Besondere: Die Künstlerin fotografiert ihre Plastik und somit erschafft sie durch das Schattenspiel ebenfalls eine Dreidimensionalität, die den Betrachtenden durchaus irritieren kann.

Vor der Arbeit von Samuel Treindl stehen (v.l.n.r.) die Kuratorinnen Maria Schleiner und Elly Valk-Verheijen sowie die Künstlerinnen Marta Colombo und Mira Schumann.
Vor der Arbeit von Samuel Treindl stehen (v.l.n.r.) die Kuratorinnen Maria Schleiner und Elly Valk-Verheijen sowie die Künstlerinnen Marta Colombo und Mira Schumann.

Mira Schumann zeigt Arbeiten aus der Reihe „Anwesenheiten“. Sie erschafft kleine Räume aus Elementen, die wie Szenen aus Puppenhäusern wirken. Zeichnungen scheinen zu schweben und muten wie kleine Geister an, die die Szenerie beleben. So können die Betrachtenden eigene Geschichten entwickeln.

Digital wird es nebenan, denn da zeigt Gerhard Reinert seine interaktiven Sekundenfilme. Die digitalen Zeichnungen verändern ihre Form, sobald jemand mit der Maus über die hinwegfährt oder darauf klickt. Darüber hinaus kann man auch auf die Seite sekundenfilme.de gelangen, auf der noch weitere Links zu experimentellen Filmen zu finden sind.

Alltagsgegenstände haben Marta Colombo während der Corona-Zeit fasziniert. Dabei verknüpft sie Zeichnungen mit dreidimensionalen Objekten. Die Elemente in den Zeichnungen lassen sich nämlich in irgendeiner Art in der Objekten wiederfinden, beispielsweise durch die Farbe. Darüber hinaus spielt sie mit der Architektur des Raumes, indem sie den Weißraum in ihren zeichnerischen Arbeiten der Leere des Raumes gegenüberstellt.

Beinahe meditative Arbeiten erzeugt die Schweizer Künstlerin Evelina Cajacob. In ihren Videoarbeiten tritt sie in Dialog mit dem Raum und beschäftigt sich sehr stark mit dem Material. In einem Fall ist es ein langes Bergseil, das sich fast sinnlich über den Bildschirm schlängelt und Elemente der Pareidolie herbeirufen kann.

Im Eingangsbereich hat Samuel Treindl sein „Spuckschutz“ aufgebaut. Ein verspieltes Objekt aus Alltagsmaterialien, das seinen Zweck, Menschen vor anderen Menschen zu „schützen“ gleich wieder dekonstruiert durch seine teilweise Offenheit und seine Unperfektion.

Zeichentrickfilme im ursprünglichen Sinn zeigt Anna Lytton. Vor allem „Shell“ überzeugt mit vielen witzigen Ideen und auch „Mirror“ kombiniert Bleistiftzeichnungen mit realer Haut zu einem visuellen Kunstwerk.

Öffnungszeiten des Künstlerhauses, Sunderweg 1:

Donnerstag 16:00–19:00
Freitag 16:00–19:00
Samstag 16:00–19:00
Sonntag 16:00–19:00