Die Neuen des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler Westfalen e. V. (BBK) präsentieren sich ab kommenden Sonntag in der BIG gallery direkt neben dem Dortmunder-U. Im 900 qm großen Foyer wird endlich wieder eine spannende Kunstausstellung gezeigt und so Kunst sicht- und erlebbar. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 14.11.2021.
Der Ausstellungstitel „Die Neuen“ ist zugleich Programm: Der BBK freut sich, seine „NEUEN Mitglieder“ der letzten 4 Jahre mit ihren Arbeiten präsentieren zu können. 27 zum Teil weit über NRW hinaus bekannte Künstler*innen sind dem Aufruf gefolgt und hatten Arbeiten eingereicht. Zu sehen sind jeweils zwei Werke von 21 Künstlerinnen und 6 Künstlern aus 16 Städten. Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll die große Bandbreite künstlerischen Schaffens in Westfalen. Thematisch wurden keine Vorgaben gemacht – erwünscht war die typische, individuelle, künstlerische Ausdrucksform. So kontrastieren filigrane, eher ästhetische bis hin zu politischen Arbeiten. Die Werke umfassen die Bereiche Malerei, Grafik, Fotografie, Plastik, Skulptur und Video.
Beklemmend aktuell und politisch brisant die schon 2012 in Bethlehem entstandenen Bilder aus der Serie „Wall“ von Eva Horstick, wo sie Fotos von Kriegsgeschehen mit Popart und Zeichnungen mit Mangamotiven überlagert, um ein Plädoyer für Freiheit und Toleranz zu geben. Direkt kontrastierend daneben farbstarke Menschengruppen von Anette Göke mit der Botschaft „Vielfalt macht bunt“. Angelockt durch ein scheinbar widersprüchliches Verhältnis von Bild und Rahmen erschließt sich bei Klaus Pfeiffer erst mit dem nebenstehenden Text aus der Fabel „Der Blick vom Turm“ von Günter Anders die -fast- surreale Botschaft.
Die Skulpturen von Karina Cooper oder die zart geflochtenen Gebilde von Sylvia Jäger besitzen eine organische Ästhetik. Coopers Arbeiten wirken dabei wie holzgewordene Ammoniten oder andere Fossilien.
Im begleitenden Katalog sind alle Werke abgebildet, die Lebensläufe inklusive der Ausstellungstätigkeiten dargestellt. Die Kunsthistorikerin Anke Schmich hat sich mit der künstlerischen Arbeitsweise sowie dem jeweiligen Werk beschäftigt und so erschließen sich auch eher „sperrige“ Werke dem lesenden Betrachter.
Fünf – Schicksale von Fünflingen
Das Stück „Fünf“ von Lina Mareike Wolfram, Seth Tietze und Sofie Neu erzählt das Schicksal von fünf eineiigen Mädchen, die am 28. Mai 1934 in Kanada geboren wurden. Die Weltsensation warf schnelle ihre Schattenseiten auf die Mädchen, die als Begaffungsobjekte in einem Vergnügungspark leben mussten und somit ihrer Kindheit beraubt wurden. Premiere hatte „Fünf“ im Rahmen des Summer up Festivals am 17. Oktober 2021.
Die Geschichte handelt von Yvonne, Annette, Cécile, Emilie und Marie Dionne. Entgegen aller Erwartungen überleben die Fünflinge und werden zur Sensation. In der Folge werden sie ihren Eltern weggenommen und in einer Art Vergnügungspark namens „Quintland“ zur Schau gestellt. Mit neun Jahren kehrten sie wieder zu ihren Eltern zurück, wurden dort nicht glücklich, weil sie unter anderem von ihrem Vater sexuell missbraucht wurden. Mit 19 Jahren zogen sie gemeinsam aus ihrem Elternhaus aus. Emilie starb schon früh mit 20 Jahren, Annette und Cécile sind noch am Leben.
Wolfram und Tietze erzählen die Geschichte der fünf Mädchen und Frauen mit sehr viel Humor, auch wenn sie aus heutiger Sicht sehr traurig ist. Die Mädchen werden im Prinzip wie Tiere im Zoo behandelt und von Eltern und anderen Menschen als Geldquelle missbraucht. Der Schwerpunkt des Stückes liegt deutlich auf die Jahre in „Quintland“.
Die Schauspielerinnen wechselten die Kostüme, benutzen Fotomasken, um beispielsweise den Hausarzt der Dionnes, Dr. Dafoe, darzustellen oder fuhren als die kleinen Fünflinge mit dem Dreirad über die Bühne des Studios. Gelungen war auch die Idee mit der Kamera und einem Puppenhaus manche Szenen auf die Leinwand zu bringen. Wie es sich für die damalige Zeit gehört, natürlich in Schwarz-Weiß.
Ein gelungener Geschichtsunterricht in Schauspielform über das Leben von fünf Mädchen, dessen Schicksal in Deutschland so gut wie unbekannt sein dürfte. Ihrer Kindheit und Jugend beraubt, wurden sie benutzt, um andere reich zu machen. Ob es heute anders wäre? Gut, in einen Vergnügungspark würde man die Kinder wohl nicht mehr stecken. Aber wir haben heute genug andere Vermarktungsmöglichkeiten, sodass es für skrupellose Eltern genug Gelegenheiten gäbe, die Kinder auf twitch, instagram oder youtube zur Schau zu stellen, um den berühmten Rubel rollen zu lassen.
Brauerei-Museum bekommt neue Leitung
(Stadt Dortmund) Generationenwechsel in der Leitung des Brauerei-Museums Dortmund: Corinna Schirmer (32) löst Dr. Heinrich Tappe (64) ab, der am 15. Oktober in den Ruhestand geht. Tappe leitete das Museum seit dessen Eröffnung 2006 am aktuellen Standort an der Steigerstraße. Zuvor hatte er das Brauereiarchiv im Westfälischen Wirtschaftsarchiv Dortmund aufgebaut.
Seine Nachfolgerin am Museum, die Kulturanthropologin Corinna Schirmer, kam 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin für ein Forschungsprojekt an das Deutsche Kochbuchmuseum Dortmund, für das sie auch weiterhin zuständig bleibt. Unter der Leitung von Heinrich Tappe ist die Beliebtheit des Brauerei-Museums kontinuierlich gestiegen; zuletzt – vor Corona – hatte das Museum mehr als 23.000 Besucher*innen im Jahr. „Mit Dr. Tappe geht ein sehr geschätzter, langjähriger Museumsleiter in den Ruhestand, der die Dortmunder Biergeschichte wohl wie kaum ein anderer in der Stadt kennt. Das von ihm aufgebaute Brauerei-Museum ist ein touristischer Magnet nicht nur für die Dortmunderinnen und Dortmunder, sondern auch für zahlreiche nationale und internationale Gäste“, sagt Dr. Dr. Elke Möllmann, Geschäftsbereichsleiterin der Dortmunder Museen.
Dr. Heinrich Tappe übergibt an Corinna Schirmer. (Fotos: Katharina Kavermann, Dortmund Agentur)
Heinrich Tappe recherchierte und gestaltete zahlreiche Sonderausstellungen für das Brauerei-Museum, darunter „BVB 09 und die Dortmunder Brauereien“ (2009), „Von Bierpalästen, Kneipen und Trinkhallen“ (2013) oder die Ausstellung „Essen außer Haus: Von Restaurants und anderen Speisegaststätten“ (in Kooperation mit dem MKK und dem Hoesch-Museum). Unter seiner Federführung entstanden ein Film und die Medienstationen im Museum, außerdem ist er Autor eines Informationsfilms zur Geschichte des U-Turms, der im Foyer des Dortmunder U zu sehen ist.
Die neue Leiterin am Brauerei-Museum, Corinna Schirmer kommt aus Bonn, wo sie Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Geschichte studierte. Anschließend absolvierte sie ihren Master in Kulturanthropologie/Volkskunde. Sie war als wissenschaftliche Volontärin im Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte beim Landschaftsverband Rheinland in Bonn tätig und beschäftigte sich schon dort mit nahrungsethnologischen Themen.
„Die Geschichte der Brauerei mit all ihren Facetten – vom Alltag der Angestellten über wirtschaftshistorische Themen bis hin zur Bedeutung des Biere für die Menschen im Revier und darüber hinaus – ausstellen und weiter erforschen zu dürfen, empfinde ich gerade in einer Stadt wie Dortmund als große Freude. Denn alleine der bei den Dortmunder Bürgerinnen und Bürgern nach wie vor oft zu vernehmende Dreiklang ,Kohle-Stahl-Bier‘ zeigt, welchen Stellenwert das Brauereiwesen hier noch immer hat“, so Corinna Schirmer.
Das Brauerei-Museum Dortmund widmet sich der langen und erfolgreichen Brautradition der größten Stadt Westfalens und des Ruhrgebiets. Es vermittelt Eindrücke von der Blütezeit der Bierstadt Dortmund seit den 1950er Jahren, berichtet aus der Geschichte der zahlreichen Dortmunder Brauereien und erläutert den Prozess des Brauens, insbesondere des industriellen Brauens. Es informiert über Produktion und Bierkonsum vor 1950 ebenso wie über das Brauen im Mittelalter.
Sehnsucht – ein barockes Schwelgen
Am 09. Oktober 2021 feierte „Sehnsucht – ein barockes Pasticcio“ in der Oper Premiere. Mit dem Begriff „Pasticcio“ nennt man einen Zusammenschnitt aus verschiedenen Opern. In diesem Fall wurden überwiegend Arien aus Opern von Händel , aber auch von Purcell oder anderen Komponisten der Barockzeit gespielt.
Um die verschiedenen Arien wurde eine kleine Geschichte gesponnen, in dessen Zentrum ein Mann stand, der von Erinnerungen an die Vergangenheit gequält wird. In der Rolle dieses Mannes sehen wir den Countertenor David DQ Lee, während sein Vergangenheits-Ich vom Sopranist Bruno de Sá dargestellt wird. Warum die geplante Verlobung mit dem Sopran (Sooyeon Lee) nicht zustande kam, wird auf der Bühne in gespielten Rückblenden erzählt. Ob nun seine sexuelle Orientierung den Ausschlag gab, wie bei der „Weihnachtsfeier“ angedeutet wurde oder andere Dinge, jedenfalls bleibt eine Sehnsucht für die eventuell verpassten Chancen. Auch von der Enttäuschung der Eltern musste er sich lösen.
Das alles wurde auf der Bühne in opulenter Weise dargestellt. Alle Beteiligten waren Meister ihres Faches und hatten auch sehr viel Freude an der Aufführung. Neben den erwähnten Lees waren noch die Mezzosopranistin Hyona Kim und der Bass Denis Velev zu hören. Doch was Sopranist (ja, ohne „in“) de Sá sang, war enorm beeindruckend. Seine Stimme erreichte Höhen, die unglaublich waren. Dazu noch die Begleitung der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster und der Abend war perfekt.
Leider ließ der Zuspruch des Dortmunder Publikums zu wünschen übrig, es bleibt zu hoffen, dass die weiteren Termine besser besucht werden.
Wir können in sekundenschnelle Nachrichten von Europa nach Australien verschicken, fliegen in hoher Geschwindigkeit von A nach B und auch sonst ist unsere Zeit eher von Hektik geprägt. Ein Beispiel könnten wir uns an den Kontinentalplatten nehmen. Sie bewegen sich langsam, sehr langsam. Entweder voneinander weg oder aufeinander zu, es kommt vor, dass sie sich berühren und es in Folge zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen kommt.
Doch ich war bei keiner geologischen Veranstaltung, sondern habe am 08. Oktober 2021 die Premiere von „körper kontinent/kontinent körper von dorisdean im Theater im Depot geschaut. Mit dabei waren von dorisdean Patrizia Kubanek, Anna Júlia Amarel, Philipp Hohmann und Natasha Padilha.
Ein besonderer Fokus der freien Performance-Kompagnie liegt darauf, dass möglichst viele Menschen mit verschiedenen Einschränkungen der Theatervorstellung folgen können. So wurde die Vorstellung der Akteure zu Beginn nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch oder Spanisch gemacht. Oft wurde erzählt, was die Schauspieler*innen gerade tun und wo sie sich auf der Bühne befinden. Eine sehr gute Aktion, die Blinden oder stark Sehbehinderten eine Möglichkeit bot, das Stück zu verfolgen.
Zu Beginn des Stückes: Natasha Padilha, Patrizia Kubanek und Anna Júlia Amarel. (Foto: Lukas Zander)
Gleich zu Beginn wähnte man sich kurz in einer Art Fitnessstudio, denn Amarel, Hohmann und Padilha stellten mit Gymnastikbällen und Sport erst den Urkontinent Pangäa dar, dann die weitere Entwicklung instruiert von Kubanek, die im E-Rollstuhl saß. Eine kurze Geschichte des Kontinentaldriftes in tänzerisch-sportlicher Form.
Das Stück war insgesamt in vier Teile unterteilt, wobei der zweite Teil „Dinosaurier“ sehr emotionale Elemente hatte, denn das Zusammentreffen zweier Kontinentalplatten wurde wie eine erotische Begegnung zweier Menschen dargestellt, erst fordernd die Nähe gesucht, dann vielleicht erschreckt über die Härte des Zusammenkommens.
Bewegung oder das Bewegtwerden spielt eine wichtige Rolle im Leben der Menschen. Doch es gibt nicht nur die Freiheit sich bewegen zu können, sondern auch die Freiheit zu bleiben, also nicht bewegt zu werden.
Ein ungewöhnlicher Theaterabend mit einem ungewöhnlichen Thema, der aber zum Nachdenken anregt.
Session Night – Funkiger Abend im Fletch Bizzel
Seit einiger Zeit hat das Fletch Bizzel mit Dixon Ra auch einen musikalischen Leiter. Der Saxophonist und Multiinstrumentalist nutzt seine musikalischen Fähigkeiten nicht nur, Theaterstücke zu begleiten, sondern bietet Interessierten auch unter dem Namen „Session Night“ eine neue musikalische Reihe an, bei der er auch Gäste einlädt. Manche werden sich an das „Small Beast“ erinnern, das unter dem damaligen musikalischen Leiter des Schauspielhauses, Paul Wallfisch, zum festen Repertoires der Dortmunder Musikliebhaber avancierte.
Den ersten Abend der „Session Nights“ am 05.10.21 bestritt Dixon Ra alleine, begleitet von Marc Reece (Gitarre), Caspar van Meel (Bass) und Lennart Rybica (Schlagzeug). Und die Musik zeigte sofort die Richtung an: Funk. „Stratus“ von Billy Cobham und „Blast“ von Marcus Miller ließen Erinnerungen an Serien wie „Straßen von San Francisco“ aufkommen. Der dritte Titel „Jovano Jovanke“ zeigte auch, dass Dixon Ra sehr gut Jazz-Funk mit traditionellen Balkanmelodien verbinden kann. Nach zwei Liedern vom Gastgeber gab es noch drei Zugaben. Bei „Bar Jedan Ples“ sang dann die künstlerische Leiterin Rada Radojčić und brachte den Saal vollends in Stimmung.
Gute Stimmung herrschte schon vorher. Denn alle Beteiligten waren handwerklich oberste Klasse. Dixon Ra ließ sein Saxophon mal weich mal rau klingen. Verzerrte Töne machten den Sound des Instrumentes interessant. Daneben hatte Dixon Ra auch Hochkaräter eingeladen. Marc Reece bewies, dass er nicht nur im Bluesrock-Genre zu Hause ist, sondern auch als Funk-Gitarrist begeistern kann. Caspar van Meel wurde 2003 beim „Grote Prijs van Nederland“ als bester Bassist ausgezeichnet und er zeigte, dass er den Titel 2021 vermutlich verteidigen könnte. Das Fundament legte Lennart Rybica am Schlagzeug, der auch mit einigen Soloeinlagen punkten konnte.
Insgesamt ein guter Start in die „Session Nights“, der neugierig macht auf die weiteren Folgen. Am 02.11.21 hat Dixon Ra die Coverband Wild Child eingeladen, wer am 07.12.21 dabei sein wird, ist noch eine Überraschung.
Der Mythos von Europa war das Thema von „europa verschwindet“ einem Theaterstück oder einer Installation im Theater – je nach Ansichtssache. Denn es traten im engeren Sinne keine Schauspieler auf, sondern im Mittelpunkt stand ein Diorama, gestaltet von der Bühnenbildnerin Nicole Marianna Wytyczak. Text bekamen die Zuschauer*innen über Kopfhörer serviert. Ein Premierenbericht vom 02. Oktober 2021.
Europa und der Stier. Laut dem Mythos entführte der Gott Zeus die phönizische Königstocher Europa in Gestalt eines Stieres. Doch welche weiteren Mythen hat Europa? In künstlerischer Hinsicht sicherlich das Eurovision Song Contest, der ein gesamteuropäisches Event ist und mittlerweile sogar Australien als Teilnehmer hat.
Aber zurück zum Stück. Das Diorama zeigt eine Meereslandschaft, daneben Wald und Wasserfälle. Steine und Gräser bilden sind außerhalb des Bildes, ebenso wie ein grüner Steg, der ins Bild hineinführt.
Die Texte stammen von unterschiedlichen Autor*innen wie Marlena Keil, Tucké Royale, isabella Sedlak, Rebecca Solnit, Miroslava Svolikova und Raphael Westermeyer, der auch einen Live-Auftritt als Museumsbesucher hat.
Die Kernfrage nach der Identität von Europa bleibt ungeklärt. Europa hat einiges in der Welt verursacht. Weltkriege, Kolonialisierung, um nur zwei zu nennen, die die Welt nachhaltig verändert haben. Aber trotzdem bleibt Europa immer noch ein Sehnsuchtsort für Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass ein Stier sie über das Mittelmeer trägt.
Ein weiteres Thema in dem 50-minütigem Stück war der Eurovision Song Contest, kurz ESC. Eine schweizerische Erfindung, um die Völker nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zusammenzubringen, zumindest musikalisch. Nicht ganz zu Unrecht wurde das Spektakel bei „europa verschwindet“ karikiert und als durchkommerzialisiert beschrieben.
Sehr schön fand ich das Ende, als Raphael Westermeyer als Museumsbesucher durch das – mittlerweile bewusst demolierte – Diorama geht und wir über Kopfhörer die Beschreibung eines Kunsthistorikers zu dem zum Kunstwerk gewordenen Bühnenbild hören. Da auch die Zuschauer als Teil der Installation bezeichnet werden, ist die nächste Metaebene erreicht.
Ich bin schon tot – Sepidar Theater thematisiert Misogynie
Sexual violence doesn’t start and end with rape It starts in our books and behind our school gates Men are scared women will laugh in their face Whereas women are scared it’s their lives men will take(„Mother“, IDLES)
Die Tänzerinnen, schwarz gekleidet, tanzen und erzählen Frauenschicksale. Von der Geburt über die Hochzeit bis hin zur Geburt der eigenen Tochter. Aber in Wirklichkeit ist das ein Zyklus der Benachteiligung. Auch wenn Fotos, die im Hintergrund der Bühne gezeigt werde, suggerieren, dass das Stück in einem arabisch geprägten Land spielt, so ist patriarchale Gewalt überall auf der Welt vertreten. Aktuelle Zahlen machen dies deutlich: 2017 wurden weltweit 50.000 Frauen Opfer eines Femizid, die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts, so berichtet die UNODC. 2019 wurden in Deutschland 69.881 Fälle von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt. Frauenrechte müssen immer wieder neu erkämpft werden und haben auch Rückschläge erlitten wie aktuell in Afghanistan.
Regisseur Mamadoo Mehrnejad und Regisseurin Bahar Sadafi vom Sepidar Theater machen sofort deutlich: Alle Frauen haben mit schlimmen Erlebnissen zu kämpfen. Eine feministische Kunsthistorikerin kann scheinbar ohne Repressalien arbeiten, doch ihre Bemühungen laufen ins Leere. Ein junges Mädchen wird von ihrem Großvater sexuell missbraucht, getarnt als „Wolf und Schaf“-Spiel. Die dritte Frau heiratet, aber einen unbekannten Mann, den sie erst auf ihrer Hochzeit kennenlernt und der sie betäubt, um sie zu vergewaltigen. Die Rahmenhandlung des Stückes integriert ist die Geschichte des Serienmörders Saifulqalam, der verkleidet als Zauberer, Frauenarzt oder Fotograf unzählige Frauen ermordete.
Bahar Sadafi, Narges Moghimi, Elisa Marshall und Maedeh Mizaei zeigen sehr eindrücklich, wie die Unterdrückung, unter der Frauen immer noch zu leiden haben, weiterbesteht, auch wenn sich die Gesellschaftsform oberflächlich ändert. Denn auch als in dem fiktiven Land die „Partei“ die Macht übernimmt und scheinbar Männer und Frauen gleichstellt, wird schnell klar, dass das klassische Rollenbild weiter fortbesteht. Beispielsweise wird der moderne Tanz verboten, weil er zu „abstrakt“ ist und die Frauen besser „Folkloretänze“ machen sollen. Besserung für die Frauen stellt sich nicht ein.
„Ich bin schon tot“ zeigt in erschreckender Weise, dass Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft verankert ist und Frauen von ihrer Geburt an Angst haben müssen, von Männern getötet zu werden. Ob als junges Mädchen, Ehefrau oder generell deswegen, weil sie weiblich sind. Ein eindrucksvoller Abend im Theater im Depot. Einziger Wermutstropfen: Das Stück sollte häufiger zu sehen sein.
Literaturfestival LesArt mit Wladimir Kaminer, Christian Berkel und Perry Rhodan
Das bekannte Dortmunder Literaturfestival „LesArt“ findet – so hoffen es die Veranstalter – 2021 endlich wieder unter normalen Bedingungen ab. Das heißt, Künstler sind wieder bei Veranstaltungen live vor Publikum zu sehen. Dabei planen die Organisatoren die 2G-Regel (geimpft, genesen) anzuwenden. Der Vorverkauf für das Festival beginnt am 09. Oktober 2021. LesArt läuft vom 02. bis zum 14. November 2021.
Es ist wahr, der Weltraumheld Perry Rhodan wird 60 Jahre alt. Perry Rhodan ist die erfolgreichste Science-Fiction-Heftroman-Serie der Welt. Am 02. November 2021 trifft der Exo-Soziologe Dr. Andreas Anton auf den literarischen Vater Hartmut Kasper. Kasper hat unter dem Pseudonym Wim Vandemann als Exposé-Autor geprägt.
Bei der Vorstellung des Programms von LesArt: Björn Wiggers (Bereichsleiter Vorstandsstab / Kommunikation Sparkasse Dortmund), Hartmut Salmen (Literaturhaus Dortmund) und Isabel Pfarre (Kulturbüro Dortmund).
Doch es gibt auch irdische Themen. In einer Stadt wie Dortmund gehört Fußball dazu. Deshalb findet das „LesArt Stadion“ stilecht im Westfalenstadion statt. Am 08. November 2021 spricht Alexander Heflik über Erwin Kostedde, den ersten schwarzen Nationalspieler. Unter dem Titel „Zwischen Puff und Barcelona“ liest Ben Redelings aus seinen Fußball-Kolumnen.
Einem verstorbenen Autor wird am 09. November 2021 im domicil gedacht: Wiglaf Droste. Einige seiner Freunde und Wegbegleiter wie Fritz Eckenga oder Ralf Sotscheck werden einen Abend für ihn gestalten. Der Inhalt ist immer noch ein Geheimnis.
Ralf Sotscheck bleibt ein wenig länger, denn der langjährige Irland-Korrespondent der taz liest am 10. November 2021 im Museum für Kunst und Kulturgeschichten aus seinen Texten. Dabei wird er begleitet von der Küppersbusch-Band, dessen Bandleader der Moderator, Journalist und Dortmunder Friedrich Küppersbusch ist.
Das LesArt-Festival präsentiert auch bekannte Autoren. Christian Berkel ist am 06. November 2021 im Fletch Bizzel zu Gast und liest aus seinem Roman „Ada“. Wladimir Kaminer kommt am 11. November 2021. Kaminer hat neue Geschichten dabei, die er unter dem Titel „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon … und andere Familiengeschichten“ im Museum für Kunst und Kulturgeschichte vorträgt.
Selbstverständlich findet das alljährliche KindergartenBuchTheaterFestival im Fletch Bizzel wieder statt. Vom 08. bis zum 12. November 2021 bringen 15 Kindergärten 15 Kinderbücher auf die Bühne.
Zeit für die LesArt.Gala ist es dann am 13. November 2021. Im domicil wird der LesArt-Preis der jungen Literatur verliehen, Musik gibt es von Nic Koray und eine Lesung mit Mimi Fiedler. „Sie dürfen den Frosch jetzt küssen. Traumhochzeit mit Hindernissen.“ Ein bewusst heiteres Thema in den letzten Tagen des Festivals, denn wegen Corona ist der Bedarf an fröhlicher und heiterer Literatur sicher höher als sonst.
Daneben gibt es noch viel mehr zu entdecken. Das gesamte Programm mit Spielstätten und Eintrittspreisen finden Sie unter https://www.lesart.ruhr/programm-2021/
Für mich ist das einfach eine visuelle Sprache – Interview mit der Kostümbildnerin Anna Hörling
Anna Hörling ist Kostümbildnerin und gestaltete die Kostüme sowie das Bühnenbild für die Produktionen „Alice im Wunderland“ und „Piratenmolly Ahoy!“ von Rada Radojčić im Theater Fletch Bizzel. Wie lief die Zusammenarbeit und welche Aufgaben eine Kostümbilderin hat, das fragte ars tremonia.
Anna Hörling in ihrem Atelier.
ars tremonia: Wie lange kennen Sie sich und Rada?
Hörling: Das ist ganz witzig gewesen. Eigentlich kenne ich Rada gerade erst seit letztes Jahr im September, also jetzt ein Jahr. Es war so ein Match „Made in Heaven“. Das war ein Zufall. Die Tochter einer der Schauspielerin, die auch jetzt in Molly und die Herzkönigin bei Alice im Wunderland spielt, wohnt hier im Haus.
Und dann schellte die eines Tages und sagte: ‚Ja, also meine Mutter ist Schauspielerin und die haben ein Kostümproblem‘. Ja, sage ich, super. Da sind sie an der richtigen Adresse. Dann habe ich mit Rada telefoniert und es ging sofort los. Ich bin da quasi noch auf den letzten Drücker mit in die Maschine eingestiegen.
ars tremonia: Weil ich weiß, dass Rada früher die Kostüme selber gemacht hat. Kannten Sie die Sachen, die sie vorher gemacht hat?
Hörling: Nein, eigentlich gar nicht. Ich hatte das wohl mal gesehen, als die Kulturbrigaden sich gebildet haben. Das fand ich super, bei denen wollte ich mich mal melden, aber wie das so ist, habe ich nie gemacht. Ich hatte ein paar Plakate gesehen und war auch bei ihr. Ehrlich gesagt, man merkt ja die Chemie und die war eigentlich sofort da. Es gab keine Probleme, außer dass sie gewohnt war, alles selber zu machen. Und auf einmal war da jemand anders. Sie hat es aber manchmal vielleicht vergessen, weil sie schneller bearbeitet und umgestellt hat, aber das war eigentlich minimal. Das war wirklich von Anfang an super entspannt mit uns. Wir sind auch beide Freunde von Voice Nachrichten und immer, wenn man eine Idee hat, zack, schnell, voice geschickt, ein Bild geschickt. Wir haben jetzt beide was in unserem Nachrichtenverlauf gesucht und wir schicken uns ganz schön viele Bilder und viele Nachrichten, das funktioniert wunderbar. Also das ist richtig gut.
ars tremonia: Also so läuft dann auch die Ideengebung für Piratenmolly? Rada hat gerade die Idee im Kopf und spricht dann mit ihnen oder haben sie die Idee?
Hörling: Nein, also sie hat das Stück ausgesucht und ich muss es dann immer erst mal lesen. Rada guckt schon schnell und recherchiert, schaut, wie haben andere das vielleicht gemacht. Davon will ich mich erst mal freimachen, bis ich es gelesen habe. Und dann fange ich auch an zu suchen. Und wir haben aber gemerkt, dass wir tatsächlich oft ähnliche Quellen angucken. Dann pitcht man sich das zu. Ich denke, das wäre super, dann schicke ich ihr ein Bild oder umgekehrt.
Und bei Piratenmolly haben wir uns richtig zusammengesetzt, haben einen ganzen Nachmittag ganz viele Ideen gebrainstormt. Das war ja dann noch nicht fürs Fletch geplant, sondern für diesen Wohnwagen, den Rada hat machen lassen.
Es ist ja immer eine Mischung aus technischen Modalitäten für so ein Bühnenbild. Was geht und was braucht das Stück? Was für Verwandlungen kann man dann auch wirklich machen? Ähnlich ist es aber auch bei den Kostümen. Also da gucke ich nämlich: Was ist das für ein Charakter? Und dann muss ich wieder Rada fragen: Wie legst du den Charakter an? Das ist manchmal so, dann mache ich eine Zeichnung. Und dann sagt sie: Oh ja, also eigentlich haben wir den jetzt anders gedacht. Bei Alice war das die Raupe zum Beispiel. Da hatte ich eigentlich eher so einen älteren Typ drin gesehen. Eigentlich soll er das wie einen jungen Kiffer spielen. Auch okay, dann baue ich das um. Aber das da ist jetzt kein Drama.
ars tremonia: Und wie sieht dann die Arbeit einer Kostümbildnerin aus, wenn man sagt Okay, ich habe die Idee, fängt man dann an auf Papier? Wie geht es weiter?
Hörling: Ja, es ist so unterschiedlich. Ich fange erst mal an, tatsächlich so researchmäßig. Also ich gucke für Molly, welche Bilder gibt es von Piraten, was hatten die an und dann kommt man von Hölzchen auf Stöckchen, man sieht auch schon andere Details.
Bei Alice im Wunderland war es zum Beispiel so, ich habe mich bewusst von diesen ganzen Disney Sachen und so möglichst wegbewegt und hab gedacht, was gibt es da alles? Es sind ja sehr skurrile Charaktere. Manchmal ist es so, dann habe ich ein Material, bei dem ich denke, beides würde jetzt passen, weil es einen guten Fall hat oder weil es sich gut modellieren lässt und dann habe ich sofort eine Idee, wie ich das machen würde.
Wir hatten so viele wilde Möglichkeiten wie jetzt bei Molly. Da wussten wir ja auch, wer die Zielgruppe ist. Das sind kleine Kinder und wir hatten erst eine ganz einfache Idee. Wir wollten das Stück erst mit einer Person spielen, dann alles mit Puppen. Dann haben wir überlegt, wie können wir das mit den Puppen machen, eine richtige Handpuppe oder eine Stabpuppe?
Also all solche Sachen sind wir durchgegangen und dadurch sind wir irgendwie bei diesen Anziehpuppen gelandet. Dann habe ich oder Rada gesagt, lass uns die Kostüme machen wie Anziehpuppen. Wir sind auf die Idee gekommen, wir machen das wie eine Collage. Ich habe alles auf eine Pappe und habe die Pappe so ein bisschen gebogen, dass sie am Körper besser sitzt und habe dann mit Stoffen und Farbe und viel Klebstoff die Kostüme mehr modelliert und gemalt. Das ist das Anziehpuppenprinzip.
ars tremonia: Wird das in Stoff umgewandelt?
Hörling: Ja eben nicht. Zum Beispiel bei dem Matsche Piet. Ich habe halt diese Pappe unten drunter gelegt und hab dann darunter ausgepolstert, weil er so ein bisschen dickeren Bauch haben sollte. Dann habe ich Stoff draufgeklebt und hab den wiederum angemalt. Also es ist so ein Mixed Media, aber es hat halt alles diesen anziehpuppenartigen Charakter. Sie haben alle ein Kostüm drunter, was dann komplett aus Stoff ist.
ars tremonia: Wie gefährlich ist das denn? Gerade beim Thema Pirat, das man nicht direkt gleich in die Jack Sparrow Ecke gerät.
Hörling: Ja, das sind die ersten Referenzen, allerdings ist es ja jetzt in diesem Fall, dass sie eine Piratenkapitänin wird. Da habe ich zum Beispiel bei Vivienne Westwood geschaut, denn Westwood hat eine Piraten-Kollektion gemacht ganz früh. Das fand ich spannend und habe da so ein paar Elemente herausgenommen. Ich gucke dann aber auch wirklich in historischen Büchern und das alles puzzelt sich dann zu dem Entwurf am Ende zusammen.
ars tremonia: Welche Rolle spielen Kostüme für sie im Theater?
Hörling: Also beim Theater ist es ja so, ich habe das auch studiert und im Studium hatte man mir gesagt, eigentlich sollte nichts auf der Bühne sein, was nicht etwas erzählt, also Stückrelevant ist oder symbolisch. Das finde ich total spannend. Es ist für Mode und Kostüme in der Hochform dann eben eine Art Sprache, sie erzählen und sollen auch etwas erzählen. Die Kostüme sollen dem Schauspieler helfen, in den Charakter hereinzufinden und den auch unterstreichen und eben die Form geben. Für mich ist es natürlich eine wunderschöne Ausdrucksform. Es kommt natürlich auf das Stück und die Modalitäten an. Es bringt ja nichts, wenn ich jemanden in ein wildes buntes Kostüm stecke und es ist eine tragische Todesszene. Es muss ja passen. Für mich ist das einfach eine visuelle Sprache, die das Stück nochmals unterstreicht.
ars tremonia: Wie wichtig ist es, den eigenen persönlichen Geschmack herauszustellen und gleichzeitig den Gegebenheiten unterzuordnen?
Hörling: Das ist eigentlich ganz leicht. Weil man erzählt ja etwas und es muss immer im Dienst der Geschichte stehen. Es gibt manchmal so Geschichten, wo ich denke, wow, das hätte ich mir aus freien Stücken nicht unbedingt ausgesucht, aber sobald man da drin ist und sich hineingefunden hat und die Essenz herausnimmt, dann kommen die Ideen passend dazu. Natürlich habe ich eine eigene Handschrift. Das ist normal und ich finde, das sollte auch so sein, das sollte man nicht verleugnen. Natürlich liegen mir bunte wilde Sachen, aber ich kann auch anders. Ich muss gucken, wie inszeniert der Regisseur oder die Regisseurin, was wollen wir damit ausdrücken, was ist die Grundidee oder was ist die Grundmassage des Stückes, und wie kann ich es dann dadurch interpretieren mit meinen Kostümen und meinem Bühnenbild.
ars tremonia: Stichwort Bühnenbild für Piratenmolly. Worauf achten Sie da?
Hörling: Piratenmolly gibt natürlich stark was vor, da kann man nicht so einfach abstrakt werden. Und wir haben bestimmte Szenen, die wir da bedienen und mussten tatsächlich auf technische Möglichkeiten schauen, wie wir das jetzt auf der Bühne lösen und hinterher für den Wohnwagen. Ich wollte, dass es alles so ein bisschen aussieht wie ein Kinderbild, das fand ich ganz schön. Und da haben wir wirklich was Tolles hinbekommen. Wir haben drei Wände, in denen Öffnungen sind, wo Leute herauskommen, es ist ein wenig spielerisch und witzig. Fenster öffnen sich, da guckt man durch, dann wird etwas heruntergerollt. Es verändert sich am laufenden Band und immer auf eine andere Weise, sodass es auch immer eine Überraschung ist. Das finde ich immer toll, wenn es eine Überraschung ist, die man gar nicht erwarten konnte.
ars tremonia: Wann haben Sie mit der Arbeit für Piratenmolly begonnen
Hörling: Piratenmolly hatte eine lange Reise gehabt dank Corona. Wir haben glaube ich, das erste Mal im letzten Jahr im November oder bereits Ende Oktober gesprochen. Da haben wir angefangen zu überlegen, aber es war überhaupt nicht klar, wann und wie wir das wirklich aufführen können. Daher ging das erst einmal ein wenig zäh, dann hatten wir im Januar und Februar so eine ganz intensive Phase, wo Rada viel geprobt hat und da habe ich schon die Kostüme mit angefertigt. Weil wir dachten, dass wir es im April herausbringen können, was dann auch nicht ging. Daher ist das so ein Ding, was sich sehr lang geschleppt hat.