Der Häßliche – sind schöne Menschen im Vorteil?

Glaubt man der Wissenschaft, dann ja. Schon Babys schauen hübsche Gesichter länger an als hässliche. Zum anderen schließen Menschen von den äußeren Attributen auf die inneren Merkmale. Das heißt schöne Menschen gelten als erfolgreicher, kompetenter, selbstsicherer und so weiter. So kommt es in der Oper „Der Häßliche“ von Thierry Tidrow, dass der gute Herr Lette (Marcelo de Souza Felix) sein eigenes Projekt nicht auf dem Kongress vorstellen darf, sondern sein Assistent Karlmann (Daegyun Jeong). Die Begründung vom Chef (Ruth Katharina Peeck) lautet: Er sei zu hässlich. „Ihr Gesicht geht nicht“, wird Lette gesagt. Auch seine Frau (Anna Lucia Struck) findet ihn hässlich, sagt aber zur Entschuldigung „Als Mensch bist du sehr schön“.

Lette geht zum Schönheitschirurgen und lässt sich ein neues Gesicht verpassen und siehe da, alle lieben ihn. Sie lieben ihn so sehr, dass er sich vor weiblichen Avancen kaum retten kann und er mit dem Doktor als Anschauungsmaterial durch die Lande zieht. Lettes Erfolg bringt Neider auf den Plan, sein Kollege Karlmann lässt sich ebenfalls das Gesicht verschönern.

Die OP scheint gelungen: Ruth Katharina Peeck (Scheffler), Marcelo de Souza Felix (Lette), Anna Lucia Struck (Fanny) Foto:Björn Hickmann, Stage Picture
Die OP scheint gelungen: Ruth Katharina Peeck (Scheffler), Marcelo de Souza Felix (Lette), Anna Lucia Struck (Fanny) Foto:Björn Hickmann, Stage Picture

Und hier wird die Geschichte der Oper etwas abstrus, denn der Doktor hat anscheinend in der „VEB Schönheitschirurgie“ gelernt und kann nur ein Gesicht modellieren. So bekommen mehr und mehr Menschen Lettes Gesicht und sind nicht mehr zu unterscheiden, außer durch die Stimme. Klingt ein wenig wie „Angriff der Klonkrieger“. Nachdem sich viele Menschen Lettes neues Gesicht tragen, wie beispielsweise Karlmann, ist die Besonderheit nicht mehr da. Lette wird gefeuert, verliert auch seine Frau und findet erst in der Beziehung zum Sohn einer Unternehmerin, der auch „sein“ Gesicht trägt, anscheinend eine gewisse Erfüllung. Obwohl beide wie verliebte Narzissten wirken.

Die Premiere vom 20. Februar im Operntreff zeigte vier gut aufgelegte Sängerinnen und Sänger. Das Bühnenbild von Emine Güner konnte gefallen, denn aus den wenigen Elementen wurde viel gemacht. So verwandelte sich der Arbeitsplatz in einen Küchentisch oder eine OP-Liege. Die Musik von Tidrow ist abwechslungsreich, mal erklingt ein Walzer, mal scheint man barocke Elemente herauszuhören.

Mehr Informationen zur Oper „Der Häßliche“ gibt es auf dieser Seite




Fieberträume im .dott.werk

Mit einer Gruppenausstellung präsentiert sich das .dott.werk im Kaiserstraßenviertel diesmal als Raumgeber für bildende Kunst: Bis zum 25. Februar 2022 stellen in der Düsseldorfer Straße 18 vier Künstlerinnen aus dem Netzwerk FemArt Dortmund ihre Arbeiten. Mit dabei sind Yume No Yukari, Ewa Mazur-Koj, Jasmin Al-Lahham (Miami Punk Machine) und Kuriosa.

In einem Fiebertraum erzeugt das Gehirn Bilder oder Visionen, die sowohl fantastisch als auch albtraumhaft, absurd oder grotesk sein können. Zum anderen scheint die Zeit der Corona-Pandemie mit den ganzen Lockdowns sich auch wie ein Fiebertraum anzufühlen.

Miami Punk Machine - Wolpertinger
Miami Punk Machine – Wolpertinger

Bei der Fotografin Yume No Yukari wirken die Frauenportraits durch Fotoeffekte surreal und experimentell. Die Verfremdung durch Lichteffekte schafft eine Unwirklichkeit beim Betrachtenden.

Vornehmlich mit Acryl, aber auch anderen Materialien wie Tusche arbeitet Ewa Mazur-Koj. Thematisch beschäftigt sich mit dem Thema häuslicher Gewalt und Einsamkeit, die vor allem durch die Corona-Pandemie stärker zum Tragen gekommen sind. Ihre Arbeiten wirken düster, stellen Personen dar, die durch Einsamkeit verkümmert sind. Eindringlich sind ihre Arbeiten, die sich mit häuslicher Gewalt befassen.

Kuriosa arbeitet mit vielen unterschiedlichen Arbeiten. Sie zeichnet, malt und fertigt textile Kunst. In ihren Bildern arbeitet sie Gegenstände ein, so das aus dem Bild ein dreidimensionales Kunstwerk wird. Ihre Arbeiten sind, so die Künstlerin, eine Brücke zwischen Vision und Wirklichkeit.

Die Arbeiten von Miami Punk Machine sind sehr illustrativ, es tauchen Fantasiefiguren wie Werwölfe, Hexen oder Wolpertinger auf. Auch dem Klarträumer, dem Oneironaut, ist ein Bild gewidmet.

Öffnungszeiten des .dott.werks: Sonntag (20.2), Montag (21.2.), Dienstag (22.2.), Mittwoch (23.2.), Freitag (25.2.): 15 – 19 Uhr




Der letzte Vorhang – Bohème oder Biedermeier

Nachdem mich der ÖPNV bei der Premiere von „Der letzte Vorhang“ schmählich im Stich gelassen hatte, nutze ich die Gelegenheit, um mir die nächste Vorstellung am 11.02.22 im Fletch Bizzel anzuschauen. Julias Seifert und Karl Hartmann überzeugten in der Rolle von Lies und Richard.

Das Zweipersonenstück von Maria Goos fesselt auf zwei Ebenen. Zum einen ist da die Probe zu einem nicht genannten Stück, das die beiden Proben, welches deutliche Anklänge an „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ besitzt. Zum anderen geht es um verschiedene Lebensentwürfe. „Der letzte Vorhang“ unter der Regie von Rainer Muxfeldt wechselt öfter zwischen diesen Ebenen.

Lies und Richard waren ein Traumpaar des Theaters, vor zehn Jahren entschied Lies sich, einen reichen Arzt zu heiraten und nach Südfrankreich zu gehen. Richard hingegen blieb dem Theater und seinem unsteten Leben treu. Für das aktuelle Stück, an dem er arbeitet, fehlt ihm die Bühnenpartnerin. Also fragt er Lies, die zusagt.

Foto vom Flyer für das Stück „Der letzte Vorhang“.
Foto vom Flyer für das Stück „Der letzte Vorhang“.

Die Wortgefechte zwischen Lies und Richard – ob im „realen“ Leben oder im zu probenden Stück – wecken Erinnerungen an Richard Burton und Elisabeth Taylor, die ihre Eheprobleme in der Verfilmung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ quasi mit verarbeiteten.

Doch „Der letzte Vorhang“ ist noch mehr. Es geht hier auch über verschiedene Lebensentwürfe. Richard ist der geborene „Bohème“, typischer Künstler, dessen zweite Wohnung seine Stammkneipe ist und der natürlich ein Alkoholproblem hat, wie seine Rolle im Theaterstück. Lies hat sich in den 10 Jahren in Frankreich an ein geregeltes Leben in Südfrankreich gewöhnt. Bezeichnend dazu ist, dass Richard in der Probenpause einen gekauften Hamburger isst, während Lies an einer Möhre knabbert. Lies Mann, Wouter, der seine Frau begleitet, taucht nur kurz auf (auch gespielt von Hartmann). Der Gynäkologie, der sich für Kunst interessiert, ist Richard jedoch nicht gewachsen. Dennoch bleibt Lies bei ihm, auch wenn Wouter sich mit einem Rubens verspekuliert und Richard sie an die schönen gemeinsamen Momente erinnert.

„Der letzte Vorhang“ ist ein ruhiges Zweipersonenstück, es hat ein leisen Humor und zeigt vor allem die innere Zerissenheit von Lies ganz deutlich, die die Schauspielerei vermisst, aber dennoch die Sicherheit vorzieht. Richard hingegen entwickelt sich immer mehr zu seinem „Kollegen“ Bruscon aus dem Stück „Der Theatermacher“ von Thomas Bernhard, der rechthaberisch alle seine Kolleginnen und Kollegen vergrault.




Interaktive Performance im Dortmunder dott.werk

Das neue Experimentierlabor dott.werk (Dortmunder Tanz & Theaterszene) in der Düsseldorfer Straße 18) war am 11.02.2022 ab 18:00 Uhr ein Ort für die interaktive Performance des Sepidar Theater Kollektivs. Es ist bekannt für seine Stückentwicklungen aus den Elementen Schauspiel, Klanginstallationen sowie Physical Theatre.

Dazu gehören Aylin Kreckel, Bahareh Sadafi und Mamadoo Mehmejad. Sie haben unter dem Motto „Erzähl mir eine Geschichte!“ ein interessantes Projekt mit dem Ziel entwickelt, an dessen Ende ein Theaterstück stehen soll. Für ihr neues Projekt haben sie prägende Geschichten aus dem Kaiserstraßenviertel gesammelt und auf diese Weise neue Erzählungen initiiert. Am Freitag konnten sich Zuschauer*innen von außen durch das große Schaufenster des Kulturortes ein Bild von dem gegenwärtigen Entwicklungsstand machen.

Dekorierte Fensterscheibe für das Projekt „Erzähl mir eine Geschichte!“  vom Sepidar Theater.
Dekorierte Fensterscheibe für das Projekt „Erzähl mir eine Geschichte!“ vom Sepidar Theater.

Der Innenraum war wie ein gemütliches Wohnzimmer eingerichtet. Die drei Künstler*innen hatten vor sich zwischen Kartons mit Aufdrucken wie „Vorsicht zerbrechlich“, „Fragil“ oder „Küche“, allerlei „Erinnerungsstücken“ sowie alten Schallplatten und ähnliches platziert.

Während unterschiedliche kurze Erzählungen der Befragten für das Publikum hörbar eingespielt wurden, wurden von innen am Schaufenster jeweils passende Begriffe aufgeklebt. Die Erinnerungen umfassten Erlebnisse am Meer, Natur, Geruch von Kaffee, Liebe, aber auch Ängste.

Danach wurden die Erzählungen der Viertelbewohner mit gemalten Begriffen oder Gegenständen angebracht und so ein Zusammenhang hergestellt.

Es gab auch die Möglichkeit, über eine Handy-Nummer mit den Akteuren im Innenraum (interaktiv) in Kontakt zu treten.

Der Prozess zeigt, wie die einzelnen Geschichten des Viertels zu einem kollektiven Gedächtnis verbunden werden können. Es stellt sich hier die Frage, inwieweit Heimat bedeuten kann, an gemeinsamen Erzählungen und Erlebnis-Erinnerungen zu partizipieren.

Schließlich wurde das Schaufenster mit den Begriffen und Symbolen noch auf eine Leinwand im Hintergrund des Innenraums projiziert und mit einer Video-Installation mit eindringlichen unterschiedliche Farbwellen begleitet.

Ein außen vor dem Schaufenster angebrachter Kasten lädt immer noch ein: „Erzähl deine Geschichte!“… Wir dürfen gespannt sein, wie es weiter geht.




„Ist das Ruhr oder kann das weg?“ jetzt online zu sehen

Krüger und Kemper präsentieren Kunst-Film über Heimatgefühle

Zwei Urgesteine der Dortmunder Theaterszene, Hans-Peter Krüger und Thomas Kemper, präsentieren im .dott.werk, Düsseldorfer Str. 18 in Dortmund, ihren Kurzfilm „Ist das Ruhr oder kann das weg?“ Mittlerweile ist der Film auch auf der Internetseite vom .dott.werk zu sehen https://www.dott-netzwerk.de/dott-werk/profile/ist-das-ruhr-oder-kann-das-weg oder auf Vimeo: https://vimeo.com/674535963

Zum Film sagt Hans-Peter „Fips“ Krüger: „Frei nach Kafka ist die Heimat ein Mütterchen, das Krallen hat. Eine Sehnsucht, der wir glücklich entflohen sind und die wir uns doch immer wieder herbeiwünschen. Eine Erinnerung, die wir lieben und hassen, Heimat ist eine fiktive Absurdität, eine absurde Fiktion, eine Inszenierung des Wünschenswerten. Im Ruhrgebiet ist Heimat Abschiedsschmerz und Willkommenskultur, eine Herzensangelegenheit.“ Oder vielleicht nur im Suff zu ertragen.

Kunstsinnige Diskussion über das (R)uhrgebiet: Hans-Peter Krüger (links) und Thomas Kemper . Film-Stills (© Mario Simon)
Kunstsinnige Diskussion über das (R)uhrgebiet: Hans-Peter Krüger (links) und Thomas Kemper . Film-Stills (© Mario Simon)

Der Text von Hans-Peter Krüger, vielen Dortmunder:innen bekannt als langjähriger Protagonist des Geierabends, spielt mit Worten, Klischees und Gefühlen. Im gekonnten Schlagabtausch mit Krüger entfaltet Thomas Kemper seine komplette Bandbreite an tiefsinniger und komischer Darstellungskunst, die er bereits in zahlreichen freien Produktionen unter anderem am Theater im Depot oder bei artscenico unter Beweis gestellt hat.

Das Ganze hat Mario Simon, an der Akademie für Theater und Digitalität verantwortlich für audio-visuelle Medientechnik und Audio-Video-Produktion, in eine phantastisch-ästhetische Klang- und Bildwelt eingebettet. Da wird Ruhrwald wieder Urwald, da erklingt ein leiser Ruhrschrei hinaus in den Wahn der Welt.

Der .dott.salon ist der neue Treffpunkt im Kaiserviertel für Kulturinteressierte, Anwohner:innen aus dem Viertel und Akteur:innen der freien Szene. Freitags steht die Tür im .dott-werk ab 15 Uhr offen, Neugierige sind stets willkommen. Immer wieder geben Künstler:innen Einblicke in ihre aktuellen Projekte.




Eine Auseinandersetzung mit Menschlichem und Tierischem

Ausstellung von Claudia Häßner in der Galerie im Depot

Unter dem Titel „ein erschrockenes Augenzwinkern, das vom Alltag gezeichnet ist“ präsentiert die Galerie im Depot Arbeiten von Claudia Häßner. Es ist die erste Ausstellung der Künstlerin im Depot, wo sie auch ihr Atelier hat. Zu sehen sind die Arbeiten vom 10. bis zum 20. Februar 2022.

Neben 16 großformatigen Bildern zeigt Häßner auch viele kleinformatige Arbeiten, manche nur wenige Zentimeter groß. Diese abstrakten Bilder sind in einem Prozess entstanden, immer wenn sich die Künstlerin an einem der großen Bilder festbiss, entstanden die abstrakten Bilder als Art Gegenmotiv. In diesem experimentellen Prozess arbeitete Häßner viel mit dem Spachtel. Dass diese Bilder keinen Titel haben ist Absicht, denn jeder Betrachter sollte etwas anderes sehen.

Claudia Häßner neben zwei ihrer großformatigen Bilder. Während das linke sehr abstrakt ist, kann man im rechten Bild die Formen eines Tintenfisches erkennen.
Claudia Häßner neben zwei ihrer großformatigen Bilder. Während das linke sehr abstrakt ist, kann man im rechten Bild die Formen eines Tintenfisches erkennen.

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt aber in den 16 großformatigen Arbeiten. Hier mischt sich Gegenständliches mit Abstraktem. Kinderköpfe, Tintenfische, Frösche, manches scheint auf den ersten Blick klar und deutlich, manches bleibt undeutlich und der Fantasie der Besucher überlassen.

Auffällig sind auch bestimmte Farbkombinationen. Bei einigen Bildern dominieren Brauntöne sowie Ocker und Indigo, bei anderen dominieren kräftige Farben. „Die Farbwahl hat viel mit meinem gegenwärtigen Zustand zu tun“, bestätigt die Künstlerin.

Claudia Häßner geht nicht nur mit dem Malwerkzeug um, sondern auch mit Worten. Der Titel der Ausstellung stammt aus einem ihrer Gedichte und drei lyrische Arbeiten sind im Ausstellungsraum ebenfalls zu finden.

Öffnungszeiten:

Montag – Mittwoch geschlossen
Donnerstag + Freitag 17 – 20 Uhr
Samstag + Sonntag 15 – 18 Uhr

Der Eintritt ist frei!




Der Tod, das Mädchen und die böhmische Volksseele

Kammerkonzert mit Werken von Franz Schubert und Antonín Dvořák

„Der Tod und das Mädchen“ ist ein Sujet der bildenden Kunst seit der Renaissance. Die Kombination zwischen dem unausweichlichen Tod auf der einen und dem jungen Leben im Bild des Mädchens entwickelt schnell eine erotische Komponente. Einige Jahrhunderte später griff der Dichter Matthias Claudius (1740-1815) das Thema auf und schrieb ein zweistrophiges Gedicht, ein Frage- und Antwortspiel, bei dem der Tod versucht, dem Mädchen die Angst zu nehmen.

Dieses kleine Gedicht vertonte Franz Schubert 1817 in seinem Kunstlied „Der Tod und das Mädchen“ und Teile davon in den zweiten Satz seines Streichquartetts in d-Moll zu verwenden sodass das Streichquartett den gleichen Titel bekam.

Musik von Franz Schubert und Antonín Dvořák erklang beim 3. Kammerkonzert. (Foto: © ApfelEva /pixabay)
Musik von Franz Schubert und Antonín Dvořák erklang beim 3. Kammerkonzert. (Foto: © ApfelEva /pixabay)

Beim dritten Kammerkonzert wurde das Stück am 07.02.2022 im Orchesterzentrum von Lisa Trautmann, Iris Plettner (beide Violine), MinGwan Kim (Viola) und Markus Beul (Cello) zu Beginn gespielt. Die Musiker, Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker, präsentierten das Werk in einfühlsamer Weise.

Alle vier Sätze des Streichquartetts sind in Moll gehalten, eine Schwermut durchdringt die vier Sätze, dennoch zeigt sich Schubert in seiner Musik vollkommen auf der Höhe. Besonders berührend ist der vierte Satz, bei dem der Komponist sein Lied „Der Erlkönig“ zitiert, bei dem es auch um den Tod eines jungen Menschen geht.

Nach der Pause ging es etwas fröhlicher zu, denn Antonin Dvořák entführte uns mit seinem Streichquintett in G-Dur op. 77 in seine tschechische Heimat. Dabei unterstützte Tomoko Tadokoro am Kontrabass ihre vier MitstreiterInnen. Bereits im zweiten Satz, dem Scherzo ist die tschechische Volkseele in ihrem Element. Tanzmelodien und lyrische Elemente wechseln sich ab, sodass die melancholische Stimmung schnell verflog.

Ein schöner Kammermusikabend, der durchaus mehr ZuhörerInnen verdient hätte, denn live gespielte Musik ist immer ein besonderes Erlebnis.




go area – Kunst aus dem Ruhrgebiet im Künstlerhaus Dortmund

Nach der Ausstellung „go local“ im Mai/Juni vergangenen Jahres, präsentiert das Künstlerhaus Dortmund wieder heimische Künstlerinnen und Künstler. Lag der Fokus 2021 noch auf Dortmund, wurde der Blick weiter in die Ferne gerichtet. Diesmal sind es Künstlerinnen und Künstler aus dem Ruhrgebiet. Die 16 Positionen sind vom 05.02. bis zum 13.03. 2022 zu sehen.

Die Kuratierung übernahmen in diesem Fall die BewohnerInnen des Künstlerhauses selbst. Jede/r hatte seine/n KandidatIn, die er/sie auch betreute. Herausgekommen sind 16 künstlerische Positionen, die sich nicht nur durch das Material und die Herangehensweise unterscheiden, sondern auch generationsübergreifend sind.

Felina Wießmann, Innenraum 2, Öl auf Leinwand, 2021
Felina Wießmann, Innenraum 2, Öl auf Leinwand, 2021

Günter Rückert ist in Dortmund kein Unbekannter. Seine witzigen Portraits und anderen Bildern reflektiert er mit spitzem Stift gesellschaftliche Zustände.

Die Arbeit von Ulrike Rutschmann wird wie ein geisterhaftes Portrait. Nur bei genauem Hinsehen sind Schemen zu kennen. Das ist von der Künstlerin bewusst gewählt, um die Fragilität menschlicher Existenz zu betonen.

In Corona-Zeiten kam die Zoom-Konferenz in Mode. Matthias Schamp entwickelte ein Collagenformat, bei dem die Teilnehmer sich so arrangierten, dass aus mehreren Einzelfotos ein ganzes Gesamtfoto wurde.

Den Rhein-Heren-Kanal mit seiner Umgebung und den Jugendlichen nahm Inna Schneider im Sommer 2019 auf und erschuf klare Bilder, die an die unbeschwerte Zeit erinnert.

Silke Schönfeld zeigt ein filmisches Portrait der Kick-Boxerin Aleyna Asya Akgün, von den Kampfvorbereitungen bis hin zu den Wettkämpfen.

Champagnerfarben ist das Bild von Philipp Valenta auf den ersten Blick. Kein Wunder, hat der Künstler tatsächlich mit dem edlen Getränk gearbeitet. Doch dann werden Flecken sichtbar wie auf schmutzigen Laken. Somit steht neben der Monochromie auch der Gegensatz wischen Edel und Schmutzig im Mittelpunkt.

Felina Wießmann ist fasziniert von „Lost Places“, vor allem von denen , die während Corona geschlossen waren. Sie fügt aber in ihren Bildern Menschen ein, die geisterhaft die „lost places“ bevölkern. Zudem benutzt sie für ihre Arbeiten eine reduzierte Farbpalette.

Mit der Farbe „Weiß“ beschäftigt sich Christoph Breitmar, in seinem Bild verbindet sich Leinwand, Grundierung, Farbe und Firnis mit Licht zu einem neuen Gesamtbild, das sogar den Raum mitaufnimmt.

„everything is the same“, so lautet der Titel der Arbeit von Sarel Debrand-Passard. Ein Laserpointer mit einem Motor zeigt abwechselnd in die vier Himmelsrichtungen. Hier wird der Versuch einer Verortung vorgenommen. Wo befindet man sich, wohin geht man?

Manche Dinge scheinen ja ein Eigenleben zu entwickeln. Das musste Martin Gensheimer feststellen, dessen Bleistifte in seiner Umhängetasche ein fixiertes Blatt Papier beschrieben. Die Werke, die daraus entstanden sind, verknüpft Gensheimer mit genauen Datums- und Zeitangaben sowie Beschreibung der Tätigkeit.

Es ist schon ein großer Kontrast: der große Raum des Künstlerhauses und die filigranen Arbeiten von Chun-Lan Hermann. Denn in den beiden Bildern ist ein menschliches Haar eingearbeitet. Hermann beschäftigt sich mit der Corona-Pandemie und dem Riss durch die Gesellschaft.

Renate Neuser verwendet gerne unterschiedliche Materialien und verbindet diese miteinander. So kann ein Stein auf einem Holzsockel stehen. Eine weitere Besonderheit ihrer Arbeiten ist die Farbigkeit ihrer Plastiken.

Mit ihrer schlesischen Familiengeschichte hat sich Julia Nitschke beschäftigt. Im Mittelpunkt ihrer Filmskizze stehen eine Oblate, die aufzeigt, wie alle Familiengeschichten (wahre und ausgedachte) miteinander verbunden sind.

Der erste Blick in den von Evangelos Papadopoulos gestalteten Raum erweckte ein Eindruck einer einstürzenden Decke, denn von oben sind Gipskartonplatten, Dachlatten und weiteres zu sehen. Metall und Stein erweitern die Materialauswahl. Seine Großskulpturen erobern den Raum und stehen in Auseinandersetzung mit seiner Atmosphäre und den Lichtverhältnissen.

Holga Rosen ist in Dortmund natürlich bekannt durch seine Cartoons, die er seit über 20 Jahren in den Ruhr-Nachrichten veröffentlicht. Auch im comic schauraum hatte er eine eigene Ausstellung.

Susan Dominique Feind druckt ihre eigenen Fotos auf Stoffe und macht daraus Kleidungsstücke. Durch das Tragen der Kleidungsstücke wird daraus eine Präsentationsfläche und damit wieder Kunst.

Öffnungszeiten Ausstellung Donnerstag – Sonntag 16 – 19 Uhr




5. Philharmonische Konzert – Lichtblicke mit Carmen

Zufall oder nicht? Das Akkordeon ist im Januar 2022 das „Instrument des Monats“ in der Musikschule Dortmund und passenderweise stand es auch im Mittelpunkt des 5. Philharmonischen Konzertes am 11. Januar 2022. Ksenija Siderova zeigte den Zuhörern im Konzerthaus, welche klanglichen Möglichkeiten im Akkordeon stecken, eine wahre Botschafterin ihres Instrumentes.

Leider musste das Programm des Philharmonischen Konzertes geändert werden, da die geplanten Werke von Ottorino Resphighi eine volle Orchesterbesetzung fordern und dies wegen des aktuellen Infektionsgeschehens nicht möglich war. Daher wurde die Carmen-Suite von Rodin Schtschedrin als Ersatz gespielt.

Ksenija Siderova zeigte ihr Können am Akkordeon. (Foto: © Dario Acosta)
Ksenija Siderova zeigte ihr Können am Akkordeon. (Foto: © Dario Acosta)

Den Anfang machten die „Vier Jahreszeiten“, aber nicht von Vivaldi, sondern vom Argentinischen Komponisten Astor Piazzolla. Begleitet von Siderova und den Dortmunder Philharmoniker erlebten die Zuhörer ein Jahr in Buenos Aires. Das komplette Stück atmet den Tango und seine synkopischen Rhythmen nehmen uns mit auf eine ferne Reise. Im Gegensatz zu Vivaldi beginnt Piazzolla mit dem Sommer, der in Argentinien heiß ist, sodass die Leidenschaft erst richtig am Abend beginnen kann. Während auch in Südamerika der Herbst und Winter trist und düster wirken, beginnt die Lebensfreude im Frühling von neuem. Es ist sehr erfrischend, Siderova beim Spielen zuzusehen, welche Töne sie dem Akkordeon entlockt. Das ist alles weit entfernt von dem betulichen Volksmusikstigma, dass das Instrument vielleicht noch besitzt.

Nach der Pause kam die Carmen-Suite von Rodin Schtschedrin zu Gehör. Anscheinend hatte der russische Komponist ein Faible für Percussions-Instrumente, denn nicht weniger als fünf Mann aus dem Orchester spielten eine ungeheure Anzahl an kleinen und großen Dingen aus dem Instrumentariums des Schlagwerks. Ob das der Grund war, dass die Suite bei seiner Premiere 1967 in der Sowjetunion nicht gut ankam? Es wurde dem Komponisten vorgeworfen, das Erbe Bizets zu beschmutzen und seine Carmen sei viel zu erotisch. Vielleicht war den Funktionären auch die Idee einer selbstbewussten und selbstbestimmten Frau zu suspekt. Denn in Wirklichkeit erweist Schtschedrin der Musik von Bizet eine große Ehre und egal wie Schtschedrin die Melodien bearbeitet, sie bleiben deutlich erkennbar.




Mit Leidenschaft ins Jahr 2022

Es ist eine liebgewonnene Tradition. Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz führen uns mit dem Neujahrskonzert musikalisch ins neue Jahr. Diesmal gab es für die BesucherInnen im Konzerthaus nicht nur was für die Ohren, sondern auch was zu sehen.

„Tanzende Leidenschaft“ hieß das diesjährige Motto und so erklang neben Ballettmusik von Aram Khatschturian und Amilcare Ponchielli auch Tänze von Dvořák und Márquez. Den Abschluss machte Maurice Ravel mit seinem Stück „La valse“, bei dem er einen Walzer musikalisch zerstört oder „dekonstruiert“ wie man heute sagen würde. Verzerrte Rhythmen und Dissonanzen prägen das Ende des Stückes.

Foto: © Alexandra Koch / pixabay.com
Foto: © Alexandra Koch / pixabay.com

Den musikalischen Ritt durch die Welt von Tschechien über Russland nach Mexiko und wieder nach Frankreich begleitete das personifizierte Jahr 2022 (Andrea Hoever), die über ihren verflossenen (das Jahr 2021) trauerte. Ganz ehrlich, ich bin ja geneigt zu sagen, schlimmer als 2021 kann das neue Jahr eigentlich nicht werden. Lockdown, keine Kultur für eine lange Zeit. Lassen wir uns mal überraschen.

Das optische Highlight bereitete Rainer Schiffmann. Der Illustrator saß live auf der Bühne und malte passend zur Musik entsprechende Bilder. So schuf er eine Balletttänzerin zu Ponchiellis „Tanz der Stunden“, einen entschlossenen Spartacus für die gleichnamige Musik von Khatschturian und zum Schluss löschte er langsam ein Bild eines tanzenden Paares zur immer wilder werdenden Musik von Ravel.

Mit dem „Säbeltanz“ von Khatschturian als Zugabe wurden die Besucher nach Hause geschickt.