Fernand Cortez – eine politische Oper

Am 07. April 2022 hatte die Oper „Fernand Cortez oder die Eroberung von Mexiko“ von Gaspare Spontini Premiere im Opernhaus Dortmund. Regisseurin Eva-Maria Höckmayr stellte in ihrer Inszenierung die Figur der Amazily, gesungen von Melody Louledjian, in den Vordergrund.

Die Oper dreht sich zwar um Cortez und seinen Mexikofeldzug (1519-1521), doch der Komponist Spontini hatte etwas anderes im Sinn. Napoleon wollte seinen Spanienfeldzug propagandistisch vorbereiten und sollte in der Figur des Cortez repräsentiert werden, während die Azteken die Spanier waren, die sich nach heldenhaften Kampf von Franzosen besiegt werden sollten.

Fernand Cortez wird in Mexiko sehr zwiespältig gesehen. Das hängt mit dem Erbe der Azteken zusammen, denen sich die Mexikaner durchaus verbunden fühlen. Zumal vor allem durch eingeschleppte Krankheiten etwa 15 Millionen Ureinwohner ums Leben kamen. Doch die Azteken selbst waren wegen ihrer Blutopfer bei den anderen indigenen Völkern weniger beliebt, Stichwort Blumenkriege. Ohne die Unterstützung der anderen indigenen Völker, hätte Cortez es vermutlich nicht geschafft.

Cortez ist obenauf. Mirko Roschkowski (Fernand Cortez), James Lee (Télasco), Morgan Moody (Moralès), Ensemble. (Foto: (c) Björn Hickmann, Stage Picture)
Cortez ist obenauf. Mirko Roschkowski (Fernand Cortez), James Lee (Télasco), Morgan Moody (Moralès), Ensemble. (Foto: (c) Björn Hickmann, Stage Picture)

Wie schon erwähnt, eigentlich sollte die Oper „Amazily“ heißen, nicht nur für Höckmayr ist sie die eigentliche Hauptfigur, denn sie singt vier Arien, Cortez dagegen nur eine. Amazily (eigentlich Maniche oder Doña Marina), die mexikanische Pocahontas, steht zwischen Montezuma und Cortez, den sie liebt. Hin- und hergerissen zwischen ihrem Volk und ihrer Liebe zu den Fremden. Cortez (Mirko Roschewsky) wirkt als guter Motivator für seine Leute, aber er wird von den Ereignissen eher mitgerissen, als sie aktiv zu gestalten. Bezeichnend, dass er im dritten Akt auf dem Boden liegt.

Spontinis Musik kombiniert italienische Melodik mit französischem Pathos. Kein Wunder, ist der Komponist (1774-1851) doch in Italien geboren und hat lange in Frankreich gearbeitet. Das Bühnenbild von Ralph Zeger bestand aus einen großen goldenen Raum, der den Reichtum der Azteken symbolisieren sollte, aber auch die Gier nach dem Edelmetall der Spanier.

Verständlich, dass Louledjian verdientermaßen den größten Applaus bekam, aber auch Roschewsky machte eine gute Figur. Positiv war, dass die Oper bis in die kleineren Rollen gut besetzt war. In der Premiere sangen noch Sungho Kim (Alvar, Bruder von Cortez), Mandla Mndebele (Montezuma), James Lee (Télasco, Bruder von Amazily), Morgan Moody (Moralès, Vertrauter von Cortez) und Denis Velev als böser Oberpriester der Azteken.

Weitere Infos zur Oper unter www.theaterdo.de




Gesualdo und der Tod

Unter dem Titel „Sparge la morte“ entführte am 03. April 2022 das Ensemble La Compagnia del Madrigale mit dem Chor „Il pomo d‘oro“ in die Welt des Komponisten Carlo Gesualdo (1566-1613). Gesulado stand musikalisch zwischen Renaissance und Barock. Das Besondere an diesem Abend: Davide und Guiseppe di Liberto entwickelten für das Programm einen theatralen Rahmen, der sich mit der Kultur des Todes in Süditalien auseinandersetzt.

Der Tod hat im Leben von Gesualdo eine besondere Rolle gespielt. Denn er war nicht nur Komponist, sondern auch Fürst von Venosa, einer kleinen Stadt in Süditalien. 1590 ertappte er und seine Vertrauten Gesualdos Ehefrau Maria d‘Avalos beim Ehebruch und es kam zu drei Morden, wobei die genaue Täterschaft unklar blieb. Er wurde jedenfalls nicht bestraft.

Nicht nur Musik und Gesang, sondern auch eine kleine Inszenierung konnten die Zuhörer*innen bei "Sparge la morte" erleben. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Nicht nur Musik und Gesang, sondern auch eine kleine Inszenierung konnten die Zuhörer*innen bei „Sparge la morte“ erleben. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Im Mittelpunkt des Konzertes standen acht Madrigale von Gesualdo, die sich mit dem Tod als Erlösung vor den eigenen Qualen beschäftigen. Nach dem Tod seines einzigen Sohnes 1600 wurde der Komponist immer depressiver, was sich deutlich in seiner Musik widerspiegelt. Kein fröhliches frohbarockes Fest, eher der Wunsch eines Menschen von den irdischen Qualen erlöst zu werden. „Tötet mich, ihr erdrückenden Qualen, denn ich habe das Leben satt“ heißt es im Madrigal „Ancidetemi pur grievi martiri“.

Zwischen den Madrigalen spielte das Ensemble La Compagnia del Madrigale einige Instrumentalstücke von Gesualdos Zeitgenossen. Dabei durfte natürlich ein Stück des Meistermelancholikers John Dowland nicht fehlen („Semper Dowland, semper dolens“).

Dass das Konzert in einem theatralen Rahmen stattfand, war für mich zunächst etwas ungewohnt, auch wenn die Di Liberto Brüder sehr dezent agierten. Es lenkt doch ein wenig von der Musik und dem Gesang ab. Dennoch war die gespielte Zeremonie einer Beerdigung recht eindrucksvoll in Szene gesetzt und dies nur mithilfe von Lichtelementen.

Stimmungsvoll war auch die Leistung der Musiker*innen und Sänger‘innen, die den Reinoldisaal in die Zeit des Frühbarocks zurückführten. Insgesamt ein gelungener Abend, der neben der Musik auch versuchte, den Umgang mit dem Tod in Süditalien zu vermitteln.




Gute Aussichten im Künstlerhaus

Bis zum 01. Mai 2022 zeigt das Dortmunder Künstlerhaus im Sunderweg 1 die Ausstellung „Gute Aussichten“. Acht Positionen junger deutscher Fotografie zeigen unterschiedlichste Herangehensweisen an das Medium. Von klassischer Portraitfotografie, über KI unterstützte Arbeiten bis hin zu Videoproduktionen reicht die Bandbreite.

Max Dauven verknüpft Fotografie mit dem Internetphänomen „Meme“. Bei den Memes handelt es sich um verfremdete Bilder und ähnliche Vorlagen, die kreativ umgedeutet werden und so gewisse Popularität gewinnen können. Dauven benutzt einige Versatzstücke von Memes und baut sie in seinem Fotostudio analog auf. Selbst die Hängung seiner Werke im Künstlerhaus ist einem Meme nachempfunden.

Max Dauven, Assuming Control, Inkjet-Druck, 80 x 64 cm, gerahmt in Aluminium schwarz, 2021
Max Dauven, Assuming Control, Inkjet-Druck, 80 x 64 cm, gerahmt in Aluminium schwarz, 2021

Mit Irland verbinden die meisten Menschen Positives: grüne Insel, nette Menschen und Guinness. Aber auch in Irland gibt es Armut, in den Städten haben sich Armenghettos gebildet. Tamara Eckhardt hat über lange Zeit die Bewohner des Viertels „St.James Park“ in Limerick fotografisch begleitet und sich dabei auf die Kinder und Jugendlichen konzentriert. Herausgekommen sind starke Bilder von jungen Menschen, die ihren Weg finden müssen in einer Umgebung, die geprägt ist von Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit.

Mit seiner Arbeit „18 Diptychen der lichtbildnerischen Forschung“ hinterfragt Maximilian Gessler die materiellen und technischen Grundlagen der Fotografie. Hingegen arbeitet Alexander Kadow mit „Big Data“ und Algorithmen und schafft abstrakte Schwarz-weiß Kompositionen. Als Basis dienen ihm alte Röntgenbilder.

Die Bilder von Natalia Kepesz haben durch den Krieg in der Ukraine ungeahnte Aktualität bekommen. Denn sie fotografierte Kinder, die in Polen in militärischen Camps und Uniformklassen gehen. Die sind im Polen in den letzten Jahren ziemlich populär geworden. Damit werden Kinder spielerisch mit Gehorsam und Patriotismus indoktriniert, und Krieg als eine Lösung akzeptiert.

Mit den typischen Musterhäusern beschäftigte sich Fiona Körner in ihrer Arbeit „Shoes can change your life, ask Cinderella“. Sie fragte sich, welches Familienbild und welche Werte werden in solchen Einfamilienreihenhaussiedlungen vermittelt? Ist es die typisch weiße, heteronormative Familie?

Wie in einem surrealen Videospiel wirkt die Arbeit „Nichts als Solide“ von Vanessa A. Opoku. Ihre Video-Projektion erkundet den öffentlichen Raum in Berlin gemischt mit Sounds aus Field-Recordings sowie Texten von Mascha Kaléko und May Ayim. Die zweite Arbeit „Haltung“ ist ein computergeneriertes Portrait von Opoku.

In „What has been will be again, What has been done will be done again“ zeigt Künstlerin Zoyeon ihre Zerrissenheit als Ausländerin in einem fremden Land. Die Gefühlswelten changieren zwischen Erstaunen und Hilfslosigkeit. Neben einem etwa 43 minütigen Film zeigt das Künstlerhaus auch einen Digitaldruck in der Größe von 1860x 150 cm.

Künstlerhaus Dortmund
Sunderweg 1
44147 Dortmund

Öffnungszeiten der Ausstellung :
Donnerstag – Sonntag
16 – 19 Uhr




Der Riss durch die Gesellschaft – Kinderkriegen 4.0

Wenn es einen Riss durch die Gesellschaft gibt, dann ist es die Aufteilung in Eltern und Kinderlose. Wenn Freund*Innen irgendwann Eltern werden, dann verändert sich viel. Das Kind erfordert Aufmerksamkeit, gemeinsame Treffen werden komplizierter und die Gesprächsthemen drehen sich mehr und mehr um die Kinder. Eltern lernen andere Eltern kennen somit bilden sich neue Freundeskreise. Aber Eltern sind weiteren Problemen ausgesetzt: Wie erziehe ich die Kinder? Von antiautoritär bis Helikopter-Eltern, die Bandbreite ist riesig und immer wieder ein Streitpunkt.

Diese Themen wurden im Stück „Kinderkriegen 4.0“ von Kathrin Röggla unter der Regie von Schauspielintendantin Julia Wissert am 19. März 2022 angesprochen. Ein Premierenbericht.

Martina Eitner-Acheampong, Linda Elsner, Bettina Engelhardt, Ekkehard Freye, Christopher Heisler, Nika Mišković, Adi Hrustemović sowie der Dortmunder Sprechchor auf der Leinwand.(Foto: © Birgit Hupfeld)
Martina Eitner-Acheampong, Linda Elsner, Bettina Engelhardt, Ekkehard Freye, Christopher Heisler, Nika Mišković, Adi Hrustemović sowie der Dortmunder Sprechchor auf der Leinwand.(Foto: © Birgit Hupfeld)

Schon die Charaktere, die Röggla mit- und gegeneinander auftreten lässt, zeigen die Richtung, in die es gehen soll. Da sind die späten Eltern (Ekkehard Freye und Bettina Engelhardt), die natürlich versuchen mit der Reife ihres Alters zu punkten. „Wir haben unsere eigenen Ideen wie wir Kinder großziehen. Also Prinzipien.“ Dazu kommt eine Figur, die als „Rabenmutter“ bezeichnet wird (gespielt von Nika Mišković). Ihre Kinderzahl ist unbekannt und sie wird von ihrem Umfeld wegen des Umgangs mit ihren Kindern kritisiert. („Wildfremde Menschen ermahnen mich, bei meinem Kind zu bleiben!“). Dazu kommt die Oma (Martina Eitner-Acheampong). Sie ist in den 60er und 70er Jahren sozialisiert worden, ihre Tochter scheint diese Art von Feminismus aber nicht mehr zu interessieren. Oma lässt sich als Kindermädchen für ihre vier Enkel einspannen, wenn auch nur widerwillig. Die Kinderlose (Linda Elsner) fühlt sich naturgemäß ausgeschlossen. („Ich würde gerne hier mitreden, aber darf man ja nur mit einem Kind oder zwei“). Der Bundestagsabgeordnete (Adi Hrustemović) hat eine zwiespältige Rolle. Man weiß nicht, ob er Kinder hat oder nur sagt, dass er welche hätte, um sich beliebt zu machen. Christopher Heisler spielt den engagierten Vater von Henry, der zwar nicht zu sehen, aber anscheinend immer dabei ist. Heislers Kostüm ist übersät von Teddybären und er scheint engagiert zu sein, wenn nicht sogar überengagiert („Sollen wir in dieser Wellnessbude lieber in die Sauna oder ins Kinderkino“).

Das Stück ist eine gute Satire und die Dialoge zwischen den Charakteren sind pointiert. Klar, es ist klischeehaft, aber was soll‘s, denn die Personen könnten einem im wirklichen Leben begegnen. Die Frage nach dem Kinderkriegen (dürfen wir in diese Welt noch Kinder setzen) und der richtigen Erziehungsmethode (Prinzipien!) sorgt für stetigen Output im Ratgebersegment.

Die Bühne wird effektiv genutzt, die rampenähnlichen Bauteile können so schnell zu einem ICE-Abteil oder zu einem Wellnesshotel umfunktioniert werden. Hinzu kommt die digitale Welt auf die Leinwand. Hier sind der Dortmunder Sprechchor und Marlena Keil zu sehen.

Am Ende sind wir nicht schlauer, eine Handlungsempfehlung kann es auch schlecht geben, aber wir haben uns gut unterhalten über die Nöte und Sorgen von Menschen mit und ohne Kinder.




HIP TAP PROJECT – Ein Theater in Bewegung

Es tut sich was im Fletch Bizzel! Einige Premieren konnten schon stattfinden und jetzt stand sogar ein Mini-Festival auf dem Programm.

Das Theater Fletch Bizzel, in Kooperation mit der Kulturwerkstatt Fletch Bizzel, den Kulturbrigaden und dem Kulturrucksack Dortmund hat ein ‚bewegtes‘ Wochenende erleben können. Im ausverkauften Haus klatschten, stampften, tanzten, steppten und strahlten die internationalen Künstler:innen des „HIP TAP PROJECT“ von Freitag bis Sonntag im ganzen Haus.

Daniel Luka, der vielseitiger Performer und Choreograf, der mit hochkarätigen Künstler:innen der internationalen Tanz-und Musikszene zusammenarbeitet, war mit der international renommierten Pariser Companie ‚Hip Tap Project‘ zum ersten Mal zu Gast in Dortmund.

Tap Dance auf höchsten Niveau gab es im Fletch Bizzel. (Foto: © Kulturbrigaden)
Tap Dance auf höchsten Niveau gab es im Fletch Bizzel. (Foto: © Kulturbrigaden)

Es war das Ergebnis einer Begegnung im Netz zwischen der neuen Leiterin des Hauses und dem Tänzer. Rada Radojcic suchte während des Lockdowns einen guten, online unterrichtenden Stepplehrer.

Herausgekommen ist dabei ein Live Programm für das Theater Fletch Bizzel. „BOOM TCHAK!“ heißt das Ganze und Tap Dance, Hip Hop, Body Percussion, Schlagzeug und Kontrabass verschmolzen zu einer f Performance auf der Grenze zwischen Bühnen-Show und Konzert.

Das Publikum war begeistert und sie klatschten, klopften und summten so ausgelassen mit, dass man die aktuellen Krisenmeldungen für einen kurzen Moment hinter sich lassen konnte.

Leela Petronio, Daniel Luka, Jep Meléndez, Ludovic Tronché und Bruno Rousselet boten eine wunderbar professionelle Show, die trotzdem große Publikumsnähe und eine heitere Intimität zuließ. Das Fletch Bizzel wurde zu einem kleinen, bunten und friedvollen Tanzort. Die Kurse am Sonntag wurden gut angenommen – und Beine wurden geschüttelt, Körper geklopft und konzentriert geklatscht, was das Zeug hielt.

Noch zu erwähnen ist die besondere Gelegenheit die sich für auch für Kinder und Jugendliche bot und eine große Resonanz hatte. Bei KIDZ UND TEENS konnten, Dank der Förderung des Kulturrucksacks der Stadt Dortmund, alle Kinder am Samstag an den kostenlosen Körper- & Tanz-Workshop „Booster your Body“ teilnehmen.

Text von Theodor Freima




Emotionales Philharmonisches Konzert

Das 7. Philharmonische Konzert am 15. und 16. März 2022 trug ursprünglich den Namen „Mütterchen Russland“. Jedoch überfiel Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine und somit war den Verantwortlichen klar, dass das Programm überarbeitet werden musste.

Klar war aber auch, dass die russischen Komponisten Peter Tschaikowsky und Modest Mussorsgky nicht für den Krieg gegen die Ukraine verantwortlich sind. Generalmusikdirektor Gabriel Feltz betonte vor dem Konzert, dass russische Kultur ein Pfeiler der europäischen Kultur sei. Damit hat er recht, denn ohne die russischen Komponisten oder Schriftsteller wäre unsere Kultur ärmer.

Pianist Kit Armstrong überzeugte beim Klavierkonzert von Tschaikowsky. (Foto: ©Photo: Marco Borggreve)
Pianist Kit Armstrong überzeugte beim Klavierkonzert von Tschaikowsky. (Foto: ©Photo: Marco Borggreve)

Doch die aktuellen Ereignisse erforderten Programmänderungen. Gleich zu Beginn erklang die ukrainische Nationalhymne, komponiert von Mychajlo Werbyzkyi. Hierbei wurden die Philharmoniker unterstützt von Oleh Lebedyev und Demian Matushevskyi vom Opernstudio NRW und Mitgliedern des Opernchors.

Danach stand das berühmte Klavierkonzert Nr.1 in b-Moll von Peter Tschaikowsky auf dem Programm. Die berühmten Klavierakkorde sind auch nicht Klassikfans ein Begriff, die Älteren kennen sie als Titelmelodie von „Notizen aus der Provinz“ von Dieter Hildebrandt aus den 70er Jahren. Tschaikowskys Freund und Pianist Nikolaj Rubinstein fand es „armselig“ und unspielbar. Dass es durchaus spielbar ist, zeigte Solist Kit Armstrong eindrucksvoll.

Die Musik im ersten Satz ist sehr majestätisch, während im zweiten Satz die Naturbeschreibungen im Vordergrund stehen. Der dritte Satz verlangte wegen der Läufe und Sprünge wieder vom Solisten enormes Können.

Nach der Pause erklang „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorsgky im Arrangement von Maurice Ravel. Eine weitere Besonderheit: Zwischen dem 9. und 10. Bild wurde die Ouvertüre zur Oper „Taras Bulba“ des ukrainischen Komponisten Mykola Lyssenko gespielt. Das Stück „Bilder einer Ausstellung“ ist reine Programmmusik. Mussorsgky versucht, die gesehenen Bilder in Musik umzuwandeln. Ein Ankerpunkt ist die „Promenade“, die den Betrachter darstellt, wie er von Bild zu Bild wandert. Die Musik ist sehr divers, vom bedrohlich-linkischen „Gnomus“ über fröhliche Kinder, die umhertollen in „Tuileries“ bis hin zum düsteren „Katakomben“.

Wegen der schrecklichen Ereignisse in der Ukraine war das 7. kein gewöhnliches Philharmonisches Konzert, doch zeigte es auch die verbindende Kraft der Musik.




vox clamantis – Ein Chorabend mit Gregorianik und Pärt

Es kommt sehr selten vor, doch ich als Atheist muss sagen: Bei dem Konzert von Vox Clamantis aus Estland wäre ich gerne in einer Kirche gewesen. Nichts gegen das Reinoldihaus, es ist wirklich ein wunderbarer Ort für Musikaufführungen geworden, doch die Chormusik aus Gregorianik bis Arvo Pärt gehört einfach in eine Kirche, in der sie ihre akustische Kraft voll entfalten kann. Dennoch konnten die Mitglieder von vox clamantis am 11.März 2022 die Zuhörerinnen und Zuhörer von ihrer Stimmgewalt befreien.

Im Mittelpunkt stand die „Missa syllabica“ von Pärt aus dem Jahre 1977, das bis auf das „Gloria“ aufgeführt wurde. Flankiert wurde es von gregorianischen Gesängen, eines der musikalischen Vorbilder Pärts. Daneben erklang Musik von Pérontin (1160-1230) und Guillaume de Machaut (1300-1377), die die liturgischen Gesänge weiterentwickelt haben. Vor allem Machaut war als „Avantgardist“ stark an der Entwicklung der „ars nova“ beteiligt, die den mehrstimmigen Gesang auf ein neues Niveau hob.

vox clamantis, unter der Leitung von Jaan-Eik Tulve, faszinierte mit früher Chormusik. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
vox clamantis, unter der Leitung von Jaan-Eik Tulve, faszinierte mit früher Chormusik. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Die Mischung zwischen der sehr alten Musik und Pärt (sowie ein Stück von Cyrillus Kreek) war sehr spannend zu erleben, vor allem, wie Pärt sich der frühen Chormusik angenähert und zur Meisterschaft entwickelt hat.

Der Chor bekam den verdienten Applaus und gab noch zwei Zugaben, darunter Pärts Stück „Drrei Kinder aus Fatima“.




Lasst uns tanzen

Niemand konnte ahnen, dass nach der – vermeintlich überstandenen – Corona-Pandemie der Krieg in der Ukraine ausbrach. Die Zeiten für Ekstase scheinen wieder in weiter Ferne gerückt. Doch Tanzen ist für den Menschen eine wichtige Erfahrung. Der Dancefloor wird zu dem Ort, an dem wir gemeinsam Schweiß verlieren. Ein Premierenbericht von „Und ihr wollt tanzen, also tanzt“ vom 03. März 2022.

Der Abend begann intensiv. Vier Tanzende, Alexander Darkow, Marie Popall, Antje Prust (auch Regie) und Mervan Ürkmez tobten sich auf dem Dancefloor zu einem treibenden Techno-Beat auf. Die große Bühne wurde so zu einem Club und die Zuschauer standen am Rand. Doch nicht lange, die vier versuchten die Anwesenden zu animieren, sich zu beteiligen. Mitgetanzt wurde aber sehr wenig. Anscheinend war die Bereitschaft aus sich herauszugehen noch nicht sehr groß oder die feierliche Atmosphäre einer Premiere war hinderlich.

Tanzen besitzt auch etwas mythisches: Mervan Ürkmez, Alexander Darkow, Marie Popall und Antje Prust (Foto: © Florian Dürkopp)
Tanzen besitzt auch etwas mythisches: Mervan Ürkmez, Alexander Darkow, Marie Popall und Antje Prust (Foto: © Florian Dürkopp)

Zu einer exzessiven Feierkultur gehörte in der Vergangenheit auch ein ordentlicher Rave. So machten sich die TänzerInnen mitsamt den Besuchern zu einem kleinen Umzug auf. Vom Hintereingang der Bühne zum Vorplatz, ein paarmal um die drei Kugeln und dann wieder zurück. Doch nicht ohne ein besonderes Zeichen zu bekommen, wie man es aus Diskothekenbesuchen kennt: Den Stempel, damit belegt wird, dass man bezahlt hat. Doch dieses Mal gab es statt eines Stempels aus Tinte ein temporäres Tattoo.

Der Rückweg weckte Erinnerungen. Ein Türsteher, eine lange, enge Treppe in den Keller, Jacke abgeben und wieder zurück auf die Tanzfläche. Am Ende des Abends stand ein Sandwichmaker.

Das Stück verfügt über den gewissen Charme einer Aufführung der freien Szene, die vier Spielenden versuchten auch sehr engagiert, die Besucherinnen und Besucher zu animieren. Vielleicht hätte die Idee eines Clubbesuchs weiter intensiviert werden sollen, die Bilder am Anfang waren nicht so eindeutig.

Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Die Clubs dürfen ab dem 04.03.22 wieder öffnen. Von daher: Und ihr wollt tanzen, also tanzt.




Ein Abend im Design-Möbelhaus

Andere Zeiten verlangen andere Herangehensweisen. So wie bei der Tanz-Theater-Video-Performance des Kollektivs „wichtigemenschen“, die vor dem Schaufenster des dott.werks ihr Stück „Wie willst du leben“ am 26.02.22 um 18 Uhr präsentierten.

Der Raum hinter dem Schaufenster des dott.werks verwandelte sich der Raum zunächst in ein exklusives Möbelgeschäft. Teure „Design“Möbel wie der Hocker „Kayna Wills“ für 3.423,55 € standen im Hintergrund.

Das Ensemble von "wichtigemenschen" (Foto: © Birgit Götz)
Das Ensemble von „wichtigemenschen“ (Foto: © Birgit Götz)

Die Performance hatte zum Ziel zwischenmenschliche Beziehungen zu thematisieren, die sich durch die Pandemie verändert hatte. Digitalität ist zugleich eine Einschränkung wie auch eine Bereicherung. Neue Formate fordern heraus, andere Wege zu finden, um Beziehungen zu Menschen aufzubauen und zu vertiefen.

Sehr humorvoll wurde ein Sessel in „Shabby shick“ vorgestellt. Es gab Gesangsnummern und Tanzchoreografien vor dem Schaufenster zu bestaunen, glücklicherweise gab es für die Zuschauenden warme Getränke.

Darsteller: Antonio Di Nauta, Anna Schroer, Celine Becker, Katharina Kelm, Katharina Roth, Laura Gebauer, Maike Landmann, Mathis Pollmann, Neo Dokka, Sina Rumpke

Team: Birgit Götz, Cordula Hein, Sören Meffert, Frithjof Richard, Nilüfer Kemper




„Horror repräsentiert immer den Entwurf einer Gesellschaft in Unordnung“

Die Ausstellung „Horror im Comic“, kuratiert von Dr. Alexander Braun, präsentiert vom 18. Februar bis zum 14. August 2022 anhand von Originalzeichnungen 70 Jahre Comic-Horror: von Dracula und Frankenstein über Geister und Dämonen bis zur Zombie-Invasion der Walking Dead und japanischem Manga-Gore.

Horror-Comics gibt es seit den frühen 1950er-Jahren. Sofort wurden sie von den konservativen Kräften der amerikanischen Gesellschaft während der McCarthy-Jahre angefeindet. Obwohl die Zeichner sich an den Illustratoren des 19. Jahrhunderts orientierten und die Inhalte der Comic-Hefte sich für die Werte der Verfassung einsetzten: gegen Rassismus, Antisemitismus, Bigotterie und Militarismus.

Leider half alles nicht: Von einem Untersuchungsausschuss des Senats in die Enge getrieben, verabschiedete die Comic-Industrie 1954 einen Selbstzensur-Code, der quasi alle „erwachsenen“ Themen bannte: nicht nur Horror und Crime, sondern auch jegliche politischen, religiösen oder gesellschaftskritischen Themen.

Dr. Alexander Braun präsentiert Horror im Comic. (Foto: © Katrin Pinetzki)
Dr. Alexander Braun präsentiert Horror im Comic. (Foto: © Katrin Pinetzki)

In den späten 60er Jahre wurde Horror wieder zu einer festen Größe der Pop- und Comic-Kultur. Geister, Dämonen und natürlich Zombies waren wieder in den Comics präsent.

Warum überhaupt Horror? „Horror repräsentiert immer den Entwurf einer Gesellschaft in Unordnung. So werden die Bilder im Horror immer dann besonders drastisch und grausam, wenn eine Gesellschaft ihre Perfektion und Makellosigkeit behauptet, oder ihre realen Grausamkeiten zu kaschieren versucht“, sagt Dr. Alexander Braun.

Die Ausstellung präsentiert anhand von 72 Originalwerken und vielen seltenen Archivalien 70 Jahre Comic-Horror. Sie erzählt unter anderem von den italienischen „Fumetti Neri“ (Schwarze Comics), die im Nachkriegs-Italien von Millionen Italienern gelesen wurden und den Boden für die ebenso erfolgreiche wie ambitionierte Reihe „Dylan Dog“ bereiteten. Sie stellt ebenso japanischen Horror als Kapitalismuskritik vor, wie Horror in Science-Fiction und in der Tiefsee.

Zur Ausstellung wird ein 456 Seiten starker Katalog (avant-verlag, Berlin) zum in der Ausstellung ermäßigten Preis von 39 Euro erscheinen.

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. So wird am 31. März Dr. Mark Benecke, Deutschlands bekanntester Kriminalbiologe, zu Besuch sein, um das Genre auf den Prüfstand der Wissenschaft zu stellen. Am 7. April steht der beliebte „Comic-Streit“ im Zeichen des Horrors. Dazu gibt es weitere Programmpunkte und Pädagogik-Angebote.

Eine Online-Einführung in die Ausstellung gibt es unter www.youtube.com/watch?v=C21q19Cclgs

Horror im Comic. 70 Jahre Grusel und Schrecken
18. Februar bis 14. August 2022
schauraum: comic + cartoon, Max-von-der-Grün-Platz 7, 44137
Dortmund
Eintritt frei, empfohlen ab 16 Jahren