Am 12. Juni 2022 fand im Konzerthaus Dortmund ein bemerkenswertes Konzert statt. Sir John Eliot Gardiner , der Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists spielten Musik von Schütz, Schein und Bach,
Im Zentrum des Konzertabends stand die Trauermusik. Johann Sebastian Bachs Werk „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (BWV 106) eine frühe Trauerkantate, die thematisch Texte aus dem Alten und Neuen Testament benutzt, um die Ablösung vom alten durch den neuen Bund darzustellen. Auch das zweite Bachstück „O Jesu Christ meines Lebens Licht“ gehört in die gleiche Gattung und wurde vermutlich für eine Trauerfeier komponiert.
Doch Trauerkantaten gab es bereits vor Bach. Auch die frühbarocken Komponisten wie Schütz oder Schein waren in diesem Metier aktiv. Vor allem Johann Hermann Schein (1586-1630) war leidgeprüft. Er verlor gleich sieben Kinder und seine erste Frau. Doch das Konzert begann fröhlich mit einem Hochzeitslied von Heinrich Schütz (1586-1672) „Freue dich des Weibes deiner Jugend“ (SWV 453). Im Mittelpunkt des ersten Teils stand die „Musikalische Exequien“ (SWV 279-281), die als Musik zur Beisetzung des Landesherrn von Heinrich Schütz, Heinrich Posthumus Reuß, gespielt wurde.
Sir John Eliot Gardiner ist seit den 60er Jahren in Sachen Alter Musik unterwegs. Er gründete 1964 den Monteverdi Choir und 1978 die English Baroque Soloists. Die jahrelange enge Zusammenarbeit zwischen Dirigenten, Musikern und Chor war in jeder Sekunde spürbar und erzeugte eine eigene Form der musikalischen Magie.
Ballettgala mit abwechslungsreichem Programm
Auch die 34. Ballettgala am 25. und 26. Juni 2022 zeigte zum Spielzeitabschluss wieder ein breites Spektrum der Ballettkunst. Neben dem Ensemble des Dortmunder Balletts hatte Ballettdirektor Xin Peng Wang internationale Gäste eingeladen. Natürlich führte wieder Kammersänger Hannes Brock durchs Programm.
Den Beginn macht das Ballett Dortmund mit der eindrucksvollen Choreografie „Dust“. Während der erste Teil sehr sakral wirkte, wurde es im zweiten Teil rhythmisch. Das Stück erzeugte schöne Bilder, so wurden aus Armen Schlangen gebildet.
Danach ging es nach Spanien. Lucia Campillo interpretierte das Solostück „Dansa de la Buenaventura“ mit Feuer und Energie und verzauberte das Publikum mit ihrem Flamenco.
Neben dem modernen Tanz gehört das klassische Ballett zu den beliebten Teilen des Programms. Auch dieses Mal kamen die Besucher auf ihre Kosten. Bei „Giselle“, „Donizettis Pax de deux“, „Romeo und Julia“ und „Don Quichotte“ zeigten Tänzerinnen und Tänzer ihre Sprungkraft und Eleganz.
Nach „Giselle“ wurde es Zeit für zwei Uraufführungen. In „Eyes open, shut your eyes“ zeigten Sasha Riva und Simone Repele eine beeindruckende Choreografie voller Synchronizität. Eine Art modernes Pas de Deux zeigten Mayara Magri und Matthew Ball in „(Re) Current“. Trotz des japanischen Titels „Ikigai“ (生甲斐), übersetzt: etwas, wofür man lebt, war das Stück ein Flamenco. Diesmal hatte Lucia Campillo mit Jésus Carmona einen Partner an ihrer Seite.
Nach der Pause wurde es etwas humorig. In „Le grand sot“ (Der große Dummkopf) erlebte das Publikum Caroline Bouquet, Manon Bouquet und Julien Ramade als drei Personen, die einen Workout oder etwas ähnliches vollziehen. Das zur Musik von Ravels „Bolero“. Bei „Inno alla Vita“ erlebten wir die Rückkehr von Riba und Ripele. Diesmal mit einem ernsten Choreografie. Das Thema war der Ukrainekrieg.
Jésus Carmona tantze für uns den „Tanz der Bestie“ (Baile de Bestias). Das Solostück dreht sich um die Bestie in uns, die wir versuchen, unter Kontrolle zu halten.
Zum Schluss zeigte das Dortmunder Ballett noch das Stück „Cacti“ aus dem Programm „Drei Farben: Tanz“. Das wichtigste Requisit sind leuchtende Rechtecke, die als Versteck oder Plattform dienen.
Offene Ateliers 2022 – Kunst in Dortmund
Es hätte so schön sein können. Endlich öffneten die Künstlerateliers und Galerien wieder ihre Türen und das an zwei Wochenenden. Am 11. und 12. Juni 2022 zeigten die Künstlerinnen und Künstler östlich der B54 ihre Arbeiten und am 18. und 19. Juni 2022 waren der Bereich westlich der B54 an der Reihe.
Künstlerinnen und Künstler aus Dortmund öffneten im Juni 2022 ihre Ateliers.
Nachdem ich zumindest den 11. Juni nutzen konnte, um neue und alte Kunst zu entdecken, freute ich mich schon auf das folgende Wochenende, aber leider machte mir Corona einen Strich durch die Rechnung. Glücklicherweise hat unsere Kollegin Anja Cord am 19. Juni einige Ateliers und Künstler*innen westlich der B54 besuchen können.
Daher ist der Bericht, den ich über die Offenen Ateliers schreiben kann, leider nicht so umfangreich, wie ich es erhofft habe.
Los ging es am Samstag, den 11. Juni 2022. Diesmal wollte ich neue Künstlerinnen und Künstler kennenlernen und begann meine Tour in der Ateliergemeinschaft Trappmannpalast in Asseln. Hier sind sieben Künstlerinnen und Künstler aktiv, die alle Interesse an Typographie haben. Claudia Dröge verwandelt Faltschachteln in Kunst oder malt Plakattafeln. Daneben erstellt sie figurative Darstellungen aus Draht, die im Zusammenspiel zwischen Licht und Schatten stehen. Thomas Dröge nimmt Alltagsgegenstände, reist sie aus ihrem gewohnten Zusammenhang und gibt ihnen einen neuen künstlerischen Eindruck. Die Leidenschaft von Kathrin Blanke sind antiquarische Papiere. Auf diese zeichnet sie mit Tusche Motive, die von digitalisierten Fotografien stammen. Es sieht aus wie gedruckt, ist es aber nicht. Bodo Nolte liebt Organigramme und hat diese zu seiner Kunstform bestimmt. Seine seriellen Arbeiten sind sehr klar strukturiert und haben manche Überraschung zu bieten. In einer Serie hat Bodo Nolte die Texte gestickt. Nicole Kötter arbeitet mit Acryl auf Leinwand. Sie plane ihre Bilder nicht, erzählt sie und macht ihre werke im Prozess. Es wird geschichtet, es entstehen Spuren und somit Lebendigkeit. Auch sie arbeitet gerne seriell wie ihre kleine Serie Andreaskreuze veranschaulicht. Frank Damm Arbeiten wirken sehr typografisch. Stempelungen, Collagen aus Zeitschriften und Textfragmente aus Songtexten vereinen sich zu einem Gesamteindruck. Mit der Natur beschäftigt sich Claudia Wenzler. Die meisten ihrer Werke wirken organisch. Das kommt nicht von ungefähr, denn sie sammelt Hölzer, Muscheln oder anderes Material. Neben ihren Naturzeichnungen verwandelt sie ihre Fundstücke auch in kleine kunstvolle Schaukästen.
Danach ging es Richtung Hörde zu Amarok Art. Martin Schipper macht überwiegend Kunst mit Airbrush. Seine fotorealistischen Arbeiten nennt er „expressive Ausdruckskunst“. Es ist faszinierend, was der Künstler mit der Sprühpistole hinbekommt. Ob nun Auftragsarbeiten („Customizing“) oder eigene Ideen, die gerne mit dem Fantasy-Sujet spielen.
Durch den Garten kommt der Besucher zu einer anderen Künstlerin: Susanne M. Weiß. Sie ist sehr vielseitig: Sie malt mit Acryl, macht Spachtelarbeiten, bemalt Teebeutel oder arbeitet mit Ytong-Beton. Zwar malt sie auch abstrakt, aber ihre Lieber gehört Dortmunder Motiven. Darüber hinaus malt sie Bilder mit einer speziellen Farbe, die dafür sorgt, dass die Bilder im Dunkeln leuchten.
Weiter ging es zum Atelier Dreisam. Hier arbeiten Michael Schulz-Runge und Peter Kröker. Kröker hat zum fünften mal an der Ausstellung zum Kalender „Grafik aus Dortmund“ teilgenommen und Schulz-Runge hat mit Farbexperimenten und Bunsenbrenner experimentiert. Zum Hörder „Sehfest“ hoffen die beiden Künstler mehr Neues präsentieren zu können.
Wolfgang Niehoff hat sein Atelier „ARTdOrt“ in der Kaiserstraße und stellt dort seine Arbeiten aus. Er beschäftigt sich mit der Kombination der Gegensatze von organischem Materialien wie Holz und Metall. Die Kombination von Zufall (Fundstücken) und gekauftem Material machen den Reiz der Werke aus, die bis 25 Jahre alt sind.
In einem Dachgeschoss hat Jakob Eicher sein Atelier. Seine bisweilen großformatigen Bilder sind sehr farbintensiv. Zunächst zeichnet der Künstler seine Arbeiten, um sie dann in Variationen immer weiter zu abstrahieren. Ein Thema was Eicher immer wieder beschäftigt ist der „Totentanz“. Dieses Thema beschäftigt Künstler vom 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Eine weitere Serie sind „Zeitungszeugen“, bei der Eicher Zeitungsartikel thematisch in Collagen verwandelt.
Das Atelier Gold beherbergt zwei Künstlerinnen und Künstler: Stefanie Kamrath und Bertrand Otto. Während die abstrakten Arbeiten von Kamrath von Bewegungen geprägt sind, gehört die Liebe von Otto den Trinkhallen im Revier, die er zu Papier bringt.
Im Projektraum Fotografie stellten drei Künstler*innen aus. Tina Dunkel präsentierte ihre seriellen Arbeiten unter dem Titel „Schwarzes Loch“. Eveline Kulik arbeitet an der prozesshaften Entwicklung von Fotogrammen, während Gerhard Kurtz natürliche Gärten poetisch erscheinen lässt.
Im Atelier für plastische Kunst ist Babette Martini zu Hause. Sie beschäftigt sich aktuell sehr stark mit Linolfarben. Thematisch beschäftigt sie sich mit Wales und dem Ruhrgebiet. Beide haben eine große Bergbautradition.
Marika Bergmann arbeitet im Keller des St. John’s Hotel. Dort präsentierte sie sogenannte Gespinstbilder, die sie mit Stoffarbeiten herstellt. Darüber hinaus zeigte sie Acryl- und Ölbilder. I
Auch einen ungewöhnlichen Ort hat das Atelier Schreinerei, dort war wohl die Schreinerei der Sicherheitsfirma Pinger. Jetzt arbeiten verschiedene Künstler*innen auf unterschiedliche Art und Weise: Isa (Acryl), Christoph (Graffiti, Skulpturen, Malerei), Jenny (Illustrationen), André (abstrakte Ölbilder), Selen (Öl und Acryl) und Andi (Papier, Körper und Geschichter)
Im Salon Atelier im Unionsviertel war ein ehemaliger Friseursalon. Anstatt Dauerwellen werden jetzt gemeinsame Kunstprojekte realisiert, die zwischen bildender und darstellender Kunst angesiedelt sind. Zusehen sind: Katja Mudraya, Jamin Pamin Astrid Wilk (links), Nico Jarmuth, Fabian Nehm, Matthias Plenkmann.
Die Natur kommt ins Torhaus
Vom 26. Juni bis zum 17. Juli zeigt die Galerie Torhaus Rombergpark die Ausstellung „Verpflanzungen“ der Künstlerinnen Sabine Held, Anne Jannick und Claudia Terlunen. Die drei Künstlerinnen treten dabei mit der Pflanzenwelt in Dialog.
Bringen die Natur ins Torhaus (v.l.n.r.) Sabine Held, Claudia Terlunen und Anne Jannick.
„Eigentlich ist das eine Art Fortsetzung der Ausstellung ‚Verpflanzungen‘ vom vergangenen Jahr“, erklärte Sabine Held. Damals hatten die Künstlerinnen die Kunst in die Natur, d.h. in den Rombergpark gebracht. Leider wurden einige Objekte gestohlen.
Jetzt bringen die Künstlerinnen die Natur ins Torhaus. Organische Formen und die Garbe Grün dominieren den Ausstellungsraum. Auf vielen Bildern blüht und grünt es, aber es existieren auch andere, düstere Arbeiten. Pollen und andere fremdartig bekannt wirkende Lebensformen sind ebenfalls zu finden.
Die malerischen Arbeiten reichen von gegenständlich bis abstrakt, unterschiedliche Formate bieten den Besuchern Abwechslung. 57 Werke sind zu bestaunen. Jedes Gewächs erzählt quasi seine eigene spannende Geschichte von Anpassungsfähigkeit und Evolution.
Eine Retrospektive für Bernd Figgemeier
Bis zum 17. Juli 2022 zeigt die BBK Westfalen in der BIG GALLERY die Ausstellung „Bernd Figgemeier – ein Lebenswerk“. Der Künstlerbund präsentiert einen umfangreichen Querschnitt der Arbeiten von Figgemeier von 1950 bis 2020.
Es lohnt sich, die Ausstellung chronologisch anzugehen. Figgemeiers Arbeiten der 50er Jahre atmen die farbliche Ästhetik und die Geometrieformen dieser Zeit. In den 70er Jahren arbeitet der Künstler mit der Differenzierung Hell/Dunkel und Strukturen in der Fläche. Gut zu sehen in den Arbeiten „Erg“ oder „Hammada“, die die Wüstenlandschaft auch plastisch erlebbar machen.
In den 80er Jahren entwickelt Figgemeier diesen Stil weiter. Der Bildaufbau ist sehr streng. Die Flächen wirken wie ein Layout, klar unterteilt. Die Farbgebung ist fast monochrom, durch lasierenden Auftrag wird das Reliefbild lebendig. In dieser Zeit beginnt der Mensch eine Rolle in den Arbeiten Figgemeiers zu spielen. Der „Verkünder“ wird mit feinem, aber präzisen Pinselstrich in Aquarell gemalt und bekommt wieder durch die hell/dunkel Kombination seine Plastizität.
Der Mensch als Motiv taucht bei Figgemeier immer prominenter in den Arbeiten auf. Sein vierteiliges Werk „Mensch bilden Brücken“ von 1992 zeigt wieder seine Relieftechnik, die auch in den Arbeiten „up and down“ von 1999 gut zu sehen ist. Für den Künstler ist das lineare der Ausdrucksträger.
In den 2000er Jahren wird der Stil von Figgemeier gegenständlicher. Seine Sportler aus dem Jahre 2002 haben aber immer den klaren Bildaufbau. Sein Interesse an Archäologie zeigt sich in den zwei gezeigten Arbeiten „Sichtbar machen“ aus dem Jahre 2005. Hier wird das Thema Ausgrabung, Zeitbestimmung, mit Öl/Grafit plastisch sichtbar gemacht. Daneben bleibt er seinen monochromen Reliefbildern treu. Der „Verkünder“ wird 2007 zum „Rhetor“.
Darüber hinaus beginnt er plastisch zu arbeiten. Er erschafft Werke aus Bleiblech, die er wieder zu Figuren formt, die seinen Reliefbildern ähneln. Hier schafft die Oxidation den bekannten Hell/Dunkel-Effekt. Figgemeier ist kein Bildhauer, seine Skulpturen sind – wie bei einem Bild – nur von einer Seite zu betrachten.
Ab 2010 beschäftigt sich der Künstler mit dem Thema Wasser. In seinen Bildern steht die kristalline Form im Vordergrund („kristalline Struktur II“, 2010 oder „Packeis“, 2016), während bei den Bleiblecharbeiten die flüssige Form („Welle“, 2020 oder „Wasserfall“, 2020) im Vordergrund steht.
Ich möchte mich bei Karl-Ulrich Peisker bedanken, der sich die Zeit nahm, mit mir durch die Ausstellung zu gehen.
Wie lassen wir uns täuschen? – TÄUSCHEND ECHT:ECHT TÄUSCHEND
Was ist echt und was ist nur vorgespielt? In der virtuellen Welt treffen wir auf Personen, von denen wir nicht wissen, ob sie das sind, was sie behaupten zu sein. Das Künstler:innen-Kollektiv Mia ter Horst, Joshua Martin und Tim Semrau hat sich in seinen Fotografien und Filmen mit der Fragilität der Wahrnehmung beschäftigt. Am 18. Juni 2022 ist die Finissage seiner Ausstellung in .dott.werk, Düsseldorfer Straße 18, ein. Zu sehen sind Film- und Fotoinstallationen.
Bild vom Kollektiv Mia ter Horst, Joshua Martin und Tim Semrau für die Ausstellung „Täuschend Echt:Echt Täuschend.
Die gezeigten Bilder sind spannend aufgebaut. Die haben eine sehr starke architektonische oder zumindest geometrische Komponente. Dann ist oft eine Person in einer ungewöhnlichen Perspektive zu sehen. „Das ist sicher gephotoshopped“ werden manche Besucher*innen denken, dennoch bleibt es unklar. Ist es die ungewöhnliche Perspektive, die die Bildkomposition unwirklich erscheinen lässt? Das Multi-Media-Projekt „TÄUSCHEND ECHT:ECHT TÄUSCHEND“ zeigt unter Berücksichtigung dieser Fragen „Fotocollagen“ aus der realen Welt. Welche der Fotografien sind digital zusammengesetzt? Welche Motive bilden tatsächlich 1:1 das ab, was den Künstler:innen vor die Linse kam?
Am Samstag noch von 12 bis 20 Uhr im .dott.werk, Düsseldorfer Straße 18, 44143 Dortmund zu sehen.
Creatures – und andere komische Vögel
Die Theatergruppe artscenico hat ja schon immer besondere Orte für ihre Theaterperformances gewählt. Sei es Parks, besondere Gebäude oder Friedhöfe. Den Dortmunder Hauptfriedhof haben sie vor einiger Zeit bereits bespielt, jetzt ist die ehrwürdige Trauerhalle des über 100 Jahre alten Bestattungsortes dran.Ars tremonia war bei der Premiere am 28.05.2022 dabei.
Die große Trauerhalle ist schon ein Raum, der ehrfurchtgebietend wirkt und Stille gebietet. Matthias Hecht als eine Art Pastor lässt eine Computerstimme Definitionen zu “Stille” herunterrasseln. Die Stille wird durch das Auftauchen der ersten “Kreatur” zwar nicht gebrochen, denn die Tanzdarbietung auf der Empore lenkt alle Blicke auf sich. Erst später gesellen sich die anderen Kreaturen dazu. Deren Kommunikation beginnt mit Atmen und steigert sich dann zu Vogelgeräuschen. Sind die “Creatures” vielleicht (komische) Vögel, die sich in die Trauerhalle verirrt haben. Sind sie freundlich oder sind sie feindlich gesinnt?
Die Creatures gemeinsam bei einer ihren musikalischen Darbietungen. (Foto: (c) Guntram Walter)
Auf jeden Fall haben sie Instrumente und Lieder mit dabei. Bass, Trompeter, Akkordeon und Gesang machen das Stück zu einem Live-Konzert. Elisabeth Pleß sing eine sehr langsam gezogene Version von Radioheads “Creep”, Es gab einen weiteren Song von Radiohead, eine Version von “Fly Robin Fly” (Silver Convention) und zum Abschluss “Dark Side of the Moon”, aber nicht von Pink Floyd, möglicherweise von Dune.
Dieser Fokus auf den musikalischen Aspekt war sehr gelungen, hat mir gut gefallen. Ebenso die modernen Tanzeinlagen.
Gruselig war es trotz den etwas düsteren Kostümen (Kostüme von Dena Heydari) nicht, eher wirkten die Kreaturen mystisch und geheimnisvoll. Auch nicht als die Akteure die Vorrichtung bedienten, mit der der Sarg hoch- und runter gefahren wird. Die eigene Vergänglichkeit wird jedem sofort bewusst, der die Trauerhalle besucht.
Nach ungefähr 70 Minuten ging ein gelungener Theaterabend zu ende, der durchaus experimentelle Züge trug, aber auch sehr musikalisch war. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Spieltermine gefunden werden. Im Herbst und Winter vielleicht. Denn dann ist die Zeit, in der Angst und Bedrohung stärker zum Tragen kommen.
Mit dabei waren Jochen Brüse, Matthias Hecht, Elise Marschall, Roman D. Metzner, Chino Monagas, Elisabeth Pleß, Lars Wege und Sascha von Zambelly. Die Idee und Kreation stammt von Rolf Dennemann.
Klangvokal 22 – Barocke Kirchenmusik im Orchesterzentrum
Am 27. Mai 2022 präsentierte das Festival Klangvokal Kirchenmusik aus der Barockzeit. Das Ensemble L’arte del mondo spielte Musik von Evartisto Felice Dall’Abaco (1675-1742), Johann Adolf Hasse (1699-1783) und Jan Dismas Zelenka (1679-1745). Besonders Zelenkas Messe “Missa omnium Sanctorum” stand im Mittelpunkt. Unterstützt wurden die Musiker unter der Leitung von Ulrich Arns vom Kammerchor der TU Dortmund und den vier Sängerinnen und Sängern Wendy Krikken (Sopran), Nicolas Tamagna (Altus), Hugo Hymas (Tenor) und Tomáš Kral (Bass).
Barocke Kirchenmusik auf hohem Niveau im Orchesterzentrum. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)
Den Beginn des Konzertes machte aber ein Instrumentalstück eines Komponisten, der keine Verbindung zu Dresden hatte: Evartisto Dall’Abaco. Sein “Concerto A quattro” in D-Dur verbindet kontrapunktische Klarheit mit dem galanten französischen Stil. Barockmusik pur.
Johann Hasses “Misere” in c-moll ist ein spannendes Musikstück, bei dem sich Arien und Choreinsätzen abwechseln. Dass Hasse als spätbarocker Opernkomonist aktiv war, spürt man in jeder Note. Die einzelnen Teile könnten auch aus einer seiner unzähligen Opern stammen (werden sie vermutlich auch). Aber gerade das macht die Musik so interessant und abwechslungsreich, bei dem sich der Kannerchor und die vier Solisten auszeichnen konnten.
Temprament, außergewöhnliche Harmonik und reiche Melodien. Dennoch hatte es Jan Zelenka nicht leicht, sei es zu Lebzeiten, als er seinem Traumjob vergeblich hinterlief. Sei es nach seinem Tod, als der Barockmusiker in Vergessenheit geriet. Doch in den vergangenen Jahren wird Zelenka wieder öfter aufgeführt. Mit Recht. Seine “Missa omnium sanctorum” (ZWV 21) ist ein Meisterwerk. In seinen letzten Jahren versucht der Komponist alte Techniken mit neuen Elementen zu verknüpfen. Das ist in der Musik spürbar. Durchaus eine Herausforderung für alle Beteiligten, die sie aber meisterten.
Ein gelungener Abend, der verdientermaßen Standing Ovations erhielt.
Die Walküre – Vater-Tochter-Drama
Was war das für ein Operntag mit Richard Wagners „Walküre“ am 21. Mai 2022. Worauf sollte ich den Fokus lenken? Auf die überzeugende Stéphanie Müther als Brünnhilde? Auf Astrid Kessler und Daniel Frank als Liebes- und Geschwisterpaar Sieglinde und Siegmund? Auf die frische Bearbeitung von Regisseur Peter Konwitschny und Frank Philipp Schlößmann (Bühne und Kostüme)? Oder auf die Musik mit den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz? Zusammenfassend kann ich sagen, dass alle Komponenten dazu beigetragen haben, dass der Abend ein sehr gelungener Abend wurde.
Doch eine kleiner Wermutstropfen bleibt. Warum wurde der Dortmunder „Ring“ mit dem zweiten Teil eröffnet? Was ist mit dem „Rheingold“? Ich lese ja auch nicht den zweiten Teil von „Herr der Ringe“ vor dem ersten Teil. Dadurch fehlt mir persönlich der logische Faden. Warum handelt Wotan (Noel Bouley) so „merkwürdig“? Vereinfacht gesagt: Wotan hat beschlossen, dass die Welt nach Gesetzen handelt, an die sich alle halten müssen. Dummerweise auch er. Das hat für das Liebespaar Sieglinde und Siegmund (beide Wotans Kinder) schlimme Folgen. Denn statt der „freien Liebe“, muss Wotan auf die Moralgöttin Fricka (Kai Rüütel) hören, die ausgerechnet auch seine Frau ist. Zumal Sieglinde ihren Ehemann Hunding (Denis Velev) verlassen hat. So muss er der Walküre Brünnhilde, seiner Tochter, widerwillig den Befehl geben, Hunding siegen zu lassen und Siegmund nach Walhalla zu bringen. Doch Brünnhilde lässt sich von Siegmund erbarmen und wird im dritten Akt für ihren Frevel gegenüber Wotan bestraft.
Die Geschichte, dass sich Götter oder ähnlich hohe Tiere an ihren eigenen Gesetzen verstricken und böse auf die Nase fallen, ist nicht neu, aber die Wucht und Dramatik, die Richard Wagner in über drei Stunden auf die Bühne bringt, ist bemerkenswert. Vor allem der erste Akt mit Siegmund und Sieglinde ist atemberaubend, als beide erkennen, dass sie Geschwister sind, aber nichts gegen ihre Gefühle tun können und sich ihre gegenseitige Liebe gestehen. Die Dortmunder Philharmoniker und Gabriel Feltz scheinen die „Walküre“ auch zu genießen und kosten jeden Moment musikalisch aus.
Kommen wir zur Inszenierung. Konwitschny und Schlößmann haben ein kleines Faible für Küchen, denn in allen drei Akten steht die Küche im Mittelpunkt. Ist sie im Haus von Hunding noch ziemlich ärmlich, wird sie im Haus von Wotan etwas moderner, bis im dritten Akt eine schöne moderne Küche im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen Tochter Brünnhilde und Vater Wotan wird.
Verständlich, denn Wagners „Ring“ ist immer noch eine hochaktuelle Erzählung von der Gier nach Macht und Reichtum bis zum Untergang. Da haben (fake) Wikingerhelme und ähnliches nichts verloren.
Ein großes Lob haben auch die Sängerinnen und Sänger verdient. Vor allem Stéphanie Müther als Brünnhilde. Zunächst fröhlich herumtollend mit ihrem Vater, gegen Ende voller Verzweiflung und Entsetzen nach seinem Urteilsspruch. Jeder im Publikum konnte mit ihr mitfiebern. Großartige Leistung. Nicht zu vergessen Astrid Kessler und Daniel Frank als Sieglinde und Siegmund, die den ersten Akt glänzend gestalteten. Auch Noel Vouley war als Wotan beeindruckend.
Jede Sekunde war ein Erlebnis. Ein Muss, nicht nur für Wagner-Fans.
The Tenebrae Consort – Gregorianischer Choral und Musik aus der Tudorzeit
Schon 2017 war das „Tenebrae Consort“ zu Gast beim Klangvokal-Festival und eigentlich waren sie auch gebucht, um am 20. Mai 2020 in der Marienkirche zu singen. Doch Corona machte wie so oft einen dicken Strich durch die Rechnung und so mussten die Liebhaber englischer Chormusik zwei Jahre warten, um das Konzert zu erleben. Am 17. Mai 2022 war es am geplanten Ort – der Marienkirche – soweit.
Zu hören gab es neben alten gregorianischen Gesängen, Musik der englischen Komponisten John Sheppard, William Byrd, John Blitheman und Thomas Tallis. Alle Vier komponierten in der Zeit, in der England zwischen dem katholischen Glauben und der Reformation stand, so komponierte Tallis beispielsweise zu Beginn noch für die katholische Messe, danach für die protestanische. Darüber hinaus gab es in der Regierungszeit von Maria (1553-1558) eine kurze katholische Restaurationszeit.
Laut Programmheft sollte das Konzert den Tagesablauf eines Mönches in einer mittelalterlichen englischen Kathedrale darstellen. Das Konzert selbst faszinierte mehr durch die Gegensätze zwischen den schlichten, aber kraftvollen gregorianischen Chorälen und dem polyphonen Gesang des 16. Jahrhunderts. Hier zeigte vor allem Tallis seine Meisterhaft, die vom Chor exzellent rezipiert wurde. Die fünf Sänger und die Sängerin nutzen den Klangraum, den die Marienkirche bot gut aus und zeigten, dass diese Art von Gesang auch den richtigen Ort braucht, um zu klingen.
Persönlich fand ich den gregorianischen Gesang „Komplet in der Fastenzeit“ zu Beginn ein wenig zu lang, hingegen waren beide „Lamentations of Jeremiah“ von Tallis eines der Höhepunkte des Konzertes.
Ein gelungener Ausflug in die Spätrenaissance an einem geeigneten Ort. Gesungen haben Martha McLorinan (Mezzosopran), Jeremy Budd (Tenor), Nicolas Madden (Tenor), Joseph Edwards (Bariton), Nigel Short (Bariton & Leitung) und Tom Herring (Bass).