Lysis-Structure ein Stück, zwei Sprachen, zwei Orte

Am 02. September 2022 hat mit Lysis-Structure ein besonderes Stück Premiere im Fletch Bizzel. Denn in Dortmund und in Batman (Südosten der Türkei) wird das Stück gleichzeitig zu sehen sein. Zwei Sprachen (deutsch und kurdisch) sowie zwei Schauspielerinnen (Melanie Lüninghöner in Dortmund und Pelda Bal in Batman) treten gemeinsam in Beziehung. Die Premiere ist um 20 Uhr.



Wer die Zeiten von Kay Voges als Dortmunder Schauspielintendant erlebt hat, der kann sich womöglich an „Parallelwelten“ erinnern. Dieses Stück fand gleichzeitig in Dortmund in Berlin statt und die Schauspieler kommunizierten dank Glasfaser und Internet live miteinander.

Lysis-Structure setzt noch einen drauf, denn Regisseurin Ayşe Kalmaz und ihre Assistentin Zelal Angay inszenieren das Stück in zwei Sprachen. Für beide Schauspielerinnen eine Herausforderung, wie Melanie Lüninghöfer berichtete. Es muss mehr auf Körpersprache und Blickkontakt geachtet werden. Darüber hinaus gibt es eine weitere Herausforderung für die beiden: Was tun bei einer technischen Panne? Da das Stück nicht von A-Z durchgeprobt ist, können dann Improvisationselemente eingebaut werden.

Das Stück ist eine Melange von Aristophanes („Lysistrata“) und „Die Revolte der Frauen“ des türkischstämmigen Autors Hikmet Ran. In beiden Texten geht es um das Thema, dass Frauen sich gegen den Krieg der Männer stellen.

Doch es geht natürlich um die Frage, wie sähe eine Welt aus, in denen weibliche Prinzipien vorherrschend sind. Für Regisseurin Kalmaz geht es jedoch nicht um den Geschlechterkampf Mann gegen Frau, denn für sie hat jeder Mensch männliche und weibliche Prinzipien, die man auch in Frage stellen kann.

Premiere am 02. September 2022 um 20 Uhr, weiterer Termin am 14. Oktober 2022 um 20:00.

Infos www.fletch-bizzel.de




Theater im Depot startet wieder

Nach langer Zeit, wegen Umbau und Wechsel in der Führungsetage, öffnet das Theater im Depot wieder seine Pforten für die Spielzeit 22/23. ars tremonia sprach mit dem künstlerischen Leiter Jens Heitjohann über das Programm, neue Ideen und was geblieben ist.

Das Theater im Depot war ein wichtiger Spielort für die freie Theaterszene in Dortmund und Umgebung, das wird bleiben, aber die Ausrichtung wird überregionaler und internationaler.



Das zeigt sich zu Beginn, denn die Spielzeiteröffnungspremiere gehört der nordirischen Choreografin Oona Doherty, die am 02.09 und 03.09.22 die mit „Hope Hunt and the Ascension into Lazarus“ einen tänzerischen Parforceritt inszeniert.

Das transnationale Ensemble Labsa zeigt mit „Sorry, ich muss schlafen“ den Schlaf als Akt des Widerstandes, als subversive Aktion. Bei den beiden Abenden im Theater (09.09. und 10.09.22) sind die Besucher*innen herzlich eingeladen, mitzuwirken, Träumen zuzuhören und selbst welche zu erzählen, im „Call Center für Träumer:innen und Nicht-Träumer:innen“ Fragen zu stellen oder beherzt nix zu tun und auch jeder Zeit seine Meinung zu ändern.

Auch das FAVORITEN Festival macht vom 15.09. bis zum 25.09. Halt im Theater im Depot mit verschiedenen Stücken.

Im Oktober dreht sich dann alles um Afrika. Ein Autor aus Brazzaville wird ein klassisches Ein-Personen-Stück aufführen, während Robert Ssempijja dem zeitgenössischen modernen Tanz verbunden ist.

Der November wird zornig. Rolf Dennemann von „artscenico“ präsentiert ein neues Stück, aus Köln kommt Eva-Maria Baumeister und ebenfalls aus Köln kommt Björn Gabriel mit einer neuen Interpretation von Büchners „Lenz“.

Im Dezember übernehmen die Hexen das Kommando. Aus feministischer Sicht beleuchten „Hexpistols“ das Phänomen. Was bleibt: das Weihnachtsmärchen und „Aschenbrödel“.

Der Januar setzt sich weiter mit dem Thema Feminismus aus unterschiedlichen Perspektiven auseinander. Das Sepidar Theater präsentiert ein Stück zu „Femizid“ und „Das dritte Narrativ“ tanzt mit einem Hijab.

Im Februar wird es das erste Projekt eines queeren Ensembles geben, Birgit Götz wird mit 4D ein Tanzprojekt zu „Frauenrollen in Horrorfilmen“ machen.

Was im Februar auf den Fall stattfinden soll, ist die „Versammlung der Versammelten“.  In dieser künstlerischen Konferenz soll ein direkter Austausch aller Akteure stattfinden, die an der programmatischen Arbeit des Theaters partizipieren wollen. Ziel sei auch, das alle Beteiligten gleichberechtigt sind.

Weitere Projekte sind in Planung.

Das Theater im Depot hat auch einen Augmented Reality-Raum, in denen zwei Residenzkünstler*innen Workshops zum Thema anbieten und im April ein eigenes Stück vorstellen. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der Akademie für Theater und Digitalität.

Zur neuen Internetseite des Theaters im Depot: https://www.theaterimdepot.de/de




Musik, Sound und kinetische Objekte – what comes mex?

Seit über 30 Jahren sorgen die mex-Konzerte im Künstlerhaus für außergewöhnliche Klangerlebnisse. Das feiert das Haus jetzt mit einer besonderen Ausstellung, bei der sich die Künstler*innen mit diesen Klangwelten aus unterschiedlicher Sicht auseinandersetzen. Vom 27. August bis zum 02. Oktober 2022 ist die Ausstellung im Künstlerhaus Dortmund zu sehen.

Mit veralteter Haustechnik beschäftigt sich Darsha  Hewitt. Sie ist eine Art Medienarchäologin In ihrer Arbeit „High Fidelity Wasteland II“ benutzt sie Schellackplatten, die Vorgänger der Vinylplatten und spielt sie auf einem 50er Jahre Plattenspieler statt auf 78 rpm auf 16 rpm ab. So wird Musik plötzlich zu einer düsteren Landschaft.



Im tiefen Keller des Künstlerhaus zeigen Jan van IJken und Jana Winderen. Ihr Film „Planktonium“ ist eine Reise in ein unbekanntes Gebiet. Mikroskopisch kleine Strukturen werden sichtbar. Untermalt wird der Film von Klangkompositionen von Winderen, die teilweise unter Wasser oder im Eis entstanden.

Pfeiffer & Kreuzer sind ein konzeptionell arbeitendes Duo. Sie zeigen einige kinetische Arbeiten, die mit unserer Wahrnehmung spielen. So wird ein Kissen zum Rotieren gebracht, bis seine Konturen sich auflösen. Scheibenwischer streicheln Fell, aber in der Gegenbewegung zerzausen sie es.

Bei Joanna Schulte stehen zwei Musikmöbel gegeneinander, die beide „Give me your love“ von Frank Duvall spielen. Die Tonarme sind so manipuliert, dass sie die ein und dieselbe Stelle spielen. Was digital einfach ist, wird hier analog und mechanisch zu einem Loop verarbeitet.

Olsen arbeitet an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Seine Konstruktionen sind jenseits funktionaler und rationaler Logik. Sein Newton’s Buddha entwickelt sich zum perpetuum mobile, ein Chefsessel dreht durch und wird zu „Düsen nach Jägerart“. Olsen nennt seine Arbeiten poetische Tastversuche jenseits sinnvoller Logik.

Natürlich dürfen die Namensgeber der Ausstellung nicht fehlen. 15 Künstler*innen haben einen Kettenfilm mit Sound und visuellen Effekten zusammengestellt, die aufeinander aufbauen. Zu sehen im Keller.




Wet resistance – Der Widerstand, der mit Wasser gefüllten Beutel

Die Künstliche Intelligenz (KI) scheint immer mehr Bereiche des Menschen zu dominieren. Sie kann besser Schach spielen und ist in Logik und Effizienz anscheinend dem Menschen überlegen. Dennoch haben die Menschen (noch?) mehrere Trümpfe. Ihre Kreativität in Kunst und Kultur, die Liebe und den Humor. Die Ausstellung „Wet resistance“ zeigt Arbeiten von neun KünstlerInnen in Dortmunder Kunstverein. Sie ist bis zum 30. Oktober 2022 zu sehen.

Die Arbeiten in der Ausstellung wurden von José Montealegre und Rebekka Seubert kuratiert und zeigen das Irrationale, Feuchte, Moosige, Wuchernde. Dazu wird das saubere, technische, rationale kontrastiert.



Der Titel der Ausstellung „wet resistance“ erinnert an ein Zitat aus Star Trek Folge „Ein Planet wehrt sich“  mit Picard als Captain. Dort bezeichnete eine anorganische Lebensform die Menschen als „Mit Wasser gefüllte Beutel“. Wie sieht uns die sich immer schneller entwickelnde KI? Bis etwas ähnliches wie Commander Data Realität ist, wird es sicher noch einige Zeit dauern, aber dann?

Gleich zu Beginn erwartet die BesucherInnen eine Überraschung. Denn die Fliesen scheinen nicht sachgerecht gelegt worden zu sein. Doch das ist gewollt. Die Arbeit von José Montealegre macht die Schritte der BesucherInnen hörbar. Zudem baut der Künstler eine alte Tomatenform aus Kupfer. Kupfer steht hier für die Technologie.

„Cup with stains“ von Anna Solal zeigt eine Kaffeetasse, die überall im Raum Flecken hinterlassen hat. Ihre Flecken bestehen unter anderem aus kaputten Smartphonebildschirmen, die wie Vögel aussehen. 

Darling Lopez-Salinas benutzt gefundene Materialien für ihre „Wasserpistole“. Das harmlos aussehende Gerät hat es in sich, denn darin befindet sich giftiges Wasser aus einem See in Managua (Nicaragua).

Die Arbeit von Tetsumi Kudos ist geprägt durch die Atombombenabwürfe auf Japan und die Möglichkeit der Auslöschung der Menschheit. Durch den Ukrainekrieg hat die Symbolik von „Souvenir de la mue“ eine neue Aktualität bekommen…

Mit dem Aussterben von Spezies beschäftigt sich auch Julian Irlinger. In seiner Fotoserie „before time“ kombiniert er Dinosaurierspielzeug mit Milch, die von Säugetieren produziert wird.

Die im Raum aufgestellten Fallen von Hanna-Marie Hammari wirken einerseits bedrohlich, sind aber zerbrechliche Objekte aus Keramik.

Die Arbeit von James Krone „Waterhome Series“ besteht aus zwei Teilen. Zum einen ein Aquarium, das vor Jahren mit Wassergefüllt wurde und danach von Algen überwuchert. Vom Mikrokosmos des Wassers inspiriert schuf Krone eine Reihe von Gemälden, die durch Schichtung von Farbe entstanden sind. Zu sehen sind einige Bilder mit ihrer Vorderseite (schwarz) und andere von ihrer Rückseite, auf der die Flecken der durchkommenden Farbe sichtbar sind.

Begrüßt werden die BesucherInnen von einer Plastik, die eine Art Meerjungfrau darstellt. Die Arbeit von Zoe Williams soll den Betrachter in eine Art Zwischenwelt ziehen. Ihre weiteren Zeichnungen spielen mit dem Gegensatzpaar Ekel und Anziehung.

Welche Mittel benötigen wir, um unser Dasein zu verlängern? Schon seit längerem nutzen wir Technik wie Herzschrittmacher, Dialyse oder eben Atemmasken, die die mexikanischer Künstlerin Berenice Olmedo für ihre Arbeiten „Homonyme“ und „Askésis“ benutzt. Auch hier bleibt ein dystopischer Gedanke bestehen: Was werden wir in Zukunft für Hilfsgeräte benutzen müssen, um hier weiterexistieren zu können.

 

José Montealegre_ Pagina 295_2022_Photo Roland Baege

PROGRAMM

Freier Eintritt zu allen Veranstaltungen

DO, 8. SEPTEMBER, 19 UHR 
KLEINER FREITAG 
LA DERNIÈRE SÉANCE #19
19 Uhr: Kuratorinnenführung im Kunstverein
20 Uhr: Filmvorführung im Kino im U: Mundane History (82’), Regie: Anocha Suwichakornpong, Thailand, 2009, Sprache: Thai mit englischen Untertiteln
Kuratiert von Julian Irlinger  

MO, 12. SEPTEMBER, 10-13 UHR 
KÜNSTLER*INNENFRÜHSTÜCK #2
Gastvortrag: Noor Mertens, Kunstmuseum Bochum
Anmeldung unter: artistled@dortmunder-kunstverein.de

DO, 6. OKTOBER, 19 UHR 
KLEINER FREITAG
VIDEOVORTRAG + Q&A
Dr. Astrida Neimanis (Kulturtheoretikerin und Professorin an der UBC Okanagan, Kanada) über ihr Sachbuch „Bodies of Water: Posthuman Feminist Phenomenology“ (2017), Hybridveranstaltung, moderiert von Rebekka Seubert und José Montealegre

SO, 9. OKTOBER, 17 UHR 
SLOW READING CLUB #4
mit Bryana Fritz und Henry Andersen für deutsch- oder englischsprachiges Publikum
Mit philosophischen und literarischen Texten zur Ausstellung schaffen die Lesesessions des Slow Reading Clubs ein kollektives körperliches Erlebnis: Durch Lichtstimmung, Sound, Interventionen und ein besonderes räumliches Setting werden künstliche Situationen erzeugt, in denen gemeinsam gelesen wird.
Anmeldung: visit@dortmunder-kunstverein.de

Dortmunder Kunstverein
Rheinische Straße 1
44137 Dortmund

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag        15 – 18 Uhr
Samstag und Sonntag    11 – 18 Uhr
sowie nach Vereinbarung




Tiere in der Bibel

Mit seinem Buch „…und Gott schuf die Tiere“ präsentiert der Dortmunder Zoodirektor Frank Brandstätter ein kleines, aber reich bebildertes Werk, das im OCM-Verlag erschienen ist.

Tiere in der Bibel – das ist jetzt kein ganz neues Sujet, es gibt auch schon einige Bücher dazu, beispielsweise von Silvia Schroer (Die Tiere in der Bibel, 2010) oder von Peter Goodfellow (Pflanzen und Tiere im Heiligen Land, 2019). Was macht das Buch also aus? Nun, während Schroer eine Altertumswissenschaftlerin ist, scheint Goodfellow ein Vogelkundler zu sein. So haben wir ein Buch vor uns, dass ein waschechter Zoologe geschrieben hat.

Das Buch ist eine kleine zoologische Exegese der Bibelstellen, in denen die Tiere erwähnt werden. Beispielsweise bei „Tauben“. Im Johannesevangelium erfahren wir im Kapitel 2, Vers 14 „Im Tempel fand er die Verkäufer von … Tauben“, dazu ergänzt Brandstätter, dass in der Antike Taubentürme errichtet wurden, damit man Jungvögel absammeln konnte, um sie auf dem Markt (als Opfertiere) anzubieten.

Auf diese Art und weise reisen wir zurück in den alten Orient und lernen die (damalige) Tierwelt kennen. Auch die Fehlinterpretationen. So sind Hasen keine Wiederkäuer wie uns die Bibelautoren erzählen (Leviticus 11,4 oder Deuteronomium 14,7).

Eine kleine Ungenauigkeit passierte dem Autor auf Seite 34 beim „Strauß“. Zum Verbot, Straußenfleisch zu essen (Leviticus 11,13) schreibt Brandstätter „Vielleicht ist das Verbot, Straßenfleisch zu verzehren, auch lediglich eine Vorschrift zur Abgrenzung zu Muslimen, bei denen Straßenfleisch gerne verzehrt wurde und als halal gilt.“

Als das Buch Leviticus geschrieben wurde (die jüngste Handschrift stammt von 350 v.u.Z.), gab es noch keine Muslime. Vermutlich aber andere Völker, die Straußenfleisch verzehrt haben.

Was ziehe ich – als Atheist – für ein Fazit zu dem Buch? Zunächst einmal, es ist unterhaltsam und lehrreich geschrieben und man bekommt ein Gespür, welche Rolle die verschiedenen Tiere in einer bronzezeitlichen Gesellschaft im Vorderen Orient gespielt haben. Die gefährlichen wie der Löwe oder die Haustiere wie Esel oder Schafe.

Und, schuf Gott die Tiere? Ich für meinen Teil bleibe da lieber bei Charles Darwin.

„und Gott schuf die Tiere“, Dr. Frank Brandstätter

OCM-Verlag

Hardcover
– ISBN 978-3-942672-97-9
– 111 Seiten
– 44 farbige Fotos
– 14 x 21 cm
– Fadenheftung
– mit Lesebändchen




Tana-Schanzara-Preis für Carmela de Feo

Das Festival RuhrHOCHdeutsch verlieh am 07. August 2022 zum siebten Mal den Tana-Schanzara-Preis. Die Jury entschied sich für Carmela de Feo und die Künstlerin zeigte bei ihrem kleinen Programmvorgeschmack, dass die Jury die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Die Preisträgerin Carmela de Feo überzeugte die Jury des Tana-Schanzara-Preises. (Foto:  © Ralf Rottmann)
Die Preisträgerin Carmela de Feo überzeugte die Jury des Tana-Schanzara-Preises. (Foto: © Ralf Rottmann)

Carmela de Feo zeigte in ihrer Rolle als „La Signora“, warum sie Preise sammelt wie andere sie mit Preisen überhäuft wird. Ihr Outfit als „Schwarze Witwe der Volksbelustigung“ mit Haarhäubchen und schwarzer, biederer Kleidung täuscht. Dahinter brodelt es mit südeuropäischer Wucht. De Feo hat italienische Wurzeln und das spürt das Publikum in jeder Sekunde.

Darüber hinaus ist sie eine Meisterin des Akkordeons. Und das ist keine Floskel, denn sie studierte das Instrument an der Folkwang Hochschule in Essen. Mit dem Akkordeon also veränderte sie bekannte Pop-Lieder in überaus witzige Nummern. Natürlich durfte auch eine Hommage an ihre Geburtsstadt Oberhausen nicht fehlen.

Wenn die Qualifikation für den Tana-Schanzara-Preis ist, dass die PreisträgerInnen „in unterschiedlicher Weise die Tradition des spezifischen Ruhrgebietshumors aufnehmen und weiterentwickeln“, dann war die Wahl von Carmela de Feo ein Volltreffer.




Bald ist es soweit: Das MICRO!FESTIVAL verzaubert wieder

Am 12. und 13. August zwei Tage lang mit Weltmusik und Straßentheater die Dortmunder Innenstadt – natürlich umsonst und draußen!

26 Ensembles, Künstler*innen und Bands aus 16 Ländern zelebrieren an vier unterschiedlichen Spielflächen ein buntes Programm aus Weltmusik, Straßentheater und Kleinkunst.
Dieses Mal auf zwei würfelförmigen Bühnen, den „Cubes“, auf dem Alten Markt und in der Kleppingstraße sowie einer reinen Straßentheater-Spielfläche auf dem Reinoldikirchplatz. Zusätzlich erwartet die Besucher*innen ein kleines, charmantes Hörvergnügen auf dem Platz von Hiroshima.
Mehr als 30 Programmpunkte versprechen zwei aufregende Tage zwischen atemberaubender Akrobatik, mitreißender Musik, umwerfendem Tanz, beeindruckendem Theater und waghalsigen Zirkuseinlagen.



Freuen sich auf ein tolles Wochenende voller Musik und Theater. (v.l.n.r.) Hendrikje Spengler (Leiterin des Kulturbüros) und die Festivalleiterinnen Katrin Gellermann und Sophie Schmidt.
Freuen sich auf ein tolles Wochenende voller Musik und Theater. (v.l.n.r.) Hendrikje Spengler (Leiterin des Kulturbüros) und die Festivalleiterinnen Katrin Gellermann und Sophie Schmidt.

Musikalisch können sich die MICRO!FESTIVAL-Fans wieder auf eine abwechslungsreiche Auswahl freuen. Die „Creole NRW 2019“-Gewinner RasgaRasga tragen ihr Publikum mit Global-Pop-Klängen als Musik-Höhepunkt am Freitagabend an einen bunten Ort des Miteinanders und des Moments. Live entsteht bei RasgaRasga ein regelrechter Sog, der das Publikum mitreißt und auf die Tanzfläche zieht. Am Samstag darf sich das Publikum unter anderem auf das iranisch-deutsche Ensemble Arash Sasan & Band sowie das international erfolgreiche keltische Quintett The Outside Track aus Irland, Schottland und Kanada freuen.
An beiden Festivaltagen kreiert der DJ, Komponist und Percussionist El Loren aus Madrid mit seinen selbstgebauten Upcycling-Instrumenten aus PVC-Röhren, Eimern, Pfannen, Fahrradklingeln und vielem mehr eine hypnotische Mischung aus Techno, Electro, Dub, HipHop und Funk, die sein Publikum auf der ganzen Welt zum Tanzen verführt.

Tanz, Theater und Akrobatik
Das Programm bietet Straßentheater-Erlebnisse für Groß und Klein. Das Duo Monsieur & Pianistin Nora Born bringt mit seinem Miniaturflügel das Stummfilmfeeling zurück: Es wird getanzt, musiziert, balanciert und jongliert – jedoch alles ohne Worte. Am frühen Freitagabend zeigt der australische Prof. Bubbles dem Publikum wie man riesige Seifenblasen macht. Ein kurzweiliges Spektakel mit bleibenden Eindrücken. Gleichzeitig überrascht der freundliche Briefträger „von nebenan“ mit seinen Fähigkeiten: Felix Ahlert alias „Mr. Postman“ zeigt, was man mit einem Postfahrrad alles Komisches und Erstaunliches anstellen kann. Theater und Kleinkunst gibt es jedoch nicht nur auf der Straßentheaterfläche St. Reinoldi zu sehen. Auf den beiden Bühnen-Cubes zeigt die Italienerin Gaia Ma unter anderem Tanz- und Akrobatikeinlagen, heikle Balanceakte und fliegende Hüte. Zwei Clowns alias Duo Minuusch haben sich ebenfalls auf den Cube Alter Markt geschlichen. Sie verzaubern Jung und Alt mit Spaß, Musik und Artistik und lassen den Alltag für einen Moment verschwinden.

Wer genau hinschaut, kann auch die Specials des MICRO!FESTIVALS entdecken: Eine fantasievolle Reise mit Live-Maler Marc Westermann, Lausch- und Träumgeschichten mit dem Kurbelkoffer sowie ein wachsendes Andenken zum Mitnehmen vom Pantomimen Bastian und seiner Gärtnerei. Als absolutes Theaterhighlight und zum Abschluss des Festivals am Samstagabend gibt das Künstler*innenkollektiv THEATREFRAGILE das Stück „ARE YOU READY?“ zum Besten!
Das auf Maskentheater im öffentlichen Raum spezialisierte Ensemble erarbeitet Stücke zu gesellschaftlich relevanten Themen unter Einbindung der Zivilgesellschaft. Dabei setzen die Darsteller*innen auf zumeist leise Töne, das kurze Innehalten, sensibles Zuhören und Zusehen. Das Publikum wird Zeuge einer inneren wie äußeren Auseinandersetzung mit dem Unvermeidlichen, dem Menschlichen.




Alice „lost“ auf dem Hauptfriedhof

m August des vergangenen Jahres gab es im Fredenbaumpark eine besondere Premiere: Drei freie Theatergruppen führten gemeinsam „Alice im Wunderland“ auf. Für Dortmund war artscenico beteiligt, die den Mittelteil übernahmen. Dieser Mittelteil war auch die Basis für die Aufführung von „Lost in Wonderland – Creatures II“, die am 30. und 31. Juli 2022 auf dem Dortmunder Hauptfriedhof.

(v.l.n.r.) Roman D. Metzner, Lore Duwe, Elisabeth Pleß und Salma Parra im Unterholz des Hauptfriedhofs. (Foto: © Guntram Walter)
(v.l.n.r.) Roman D. Metzner, Lore Duwe, Elisabeth Pleß und Salma Parra im Unterholz des Hauptfriedhofs. (Foto: © Guntram Walter)

Auch wenn einige Elemente aus dem Fredenbaumpark übernommen wurden, es gab auch ein paar Veränderungen. Statt Stefanie Winner spielte Salma Parra die Figur der Alice, die Tänzerin Jelena Ivanovic war mit von der Partie, ebenso wie der Dortmunder Sprechchor.

Nichts gegen den Fredenbaumpark als Location, aber der Hauptfriedhof strahlt als Veranstaltungsort eine ganz andere Aura aus. Allein schon der Beginn am uralten Baum an den Trauerhallen am Eingang versprühte einen eigenartigen Zauber. Vor allem als der Sprechchor, alle gekleidet als weißes Kaninchen, über die Zeit sinnierten: „zu spät“, „die Zeit läuft davon“.

Dann begegnen wir „Dideldum und Dideldei“ (Cynthia Scholz und Chino Monagas), die versuchen, die verwirrte Alice (Salma Parra) ein wenig Orientierung zu geben. Schließlich ist sie ja in einer ziemlich verrückten Gegend gelandet. Beispielsweise mit einer jodelnden Köchin (Lore Duwe) und der unheimlich lässigen Grinsekatze (Elisabeth Pleß), deren Lied „Entspann Dich“ durchaus Hitcharakter besitzt. Sascha von Zambelly spielte erneut den distinguierte „Humpty Dumpty“, der ein schönes Rededuell mit Alice führte. Auch „The Royal Squeeze Box“ (Roman D. Metzner und Aaron Perry) war wieder mit dabei. Die beiden Songs von Queen waren „I want it all“ und gegen Ende „Bohemian Rhapsody“ zusammen mit dem Sprechchor. Roman D. Metzner hatte auch die musikalische Leitung und begleitete mit seinem Akkordeon die Szenen.

Vertraut, aber doch anders. Wie im August 2021 im Fredenbaumpark mit dabei war, hat sicherlich einiges wiedererkannt, aber der Sprechchor hat das Stück noch einmal auf eine höhere Ebene gebracht. Die imposante Präsenz, vor allem zu Beginn und am Ende, war beeindruckend. Auch Salma Parra konnte als „Alice“ überzeugen.




Mit der Dortmunder Gruppe in eine Zeitkapsel

Eine Zeitkapsel ist eigentlich eine Erfindung der Neuzeit. Ab dem 18. Jahrhundert werden sie gerne in Grundsteine eingemauert oder in Kirchturmspitzen gelagert. Ein Zeitkapselprojekt ist die „Crypt of Civilization“, das Objekte aus dem Zeitraum 1900-1950 enthält. Sie soll erst im Jahre 8113 geöffnet werden. Wer auch immer das sein wird. So ambitioniert ist die Ausstellung der Dortmunder Gruppe im Torhaus Rombergpark unter dem Titel „Raum Zeit Kapsel“ nicht, aber die 20 Künstlerinnen und Künstler haben sich in 37 verschiedenen Positionen mit dem Thema beschäftigt. Die Ausstellung findet vom 24. Juli bis zum 14. August 2022 statt.

Einige schöne Ideen zum Thema präsentieren die Mitglieder der Dortmunder Gruppe in dieser Ausstellung. So hat Monika Pfeiffer ihre Angst vor den „Schwarzen Löchern“ im Weltall künstlerisch verarbeitet und hat „Grüne Löcher“ geschaffen. Roul Schneider präsentiert mit „Unser Wille geschehe (Es ist später als zu denkst)“ eine Uhr, auf der es immer 12 Uhr ist. Angesichts des oft getätigten Ausspruchs „Es ist Fünf vor Zwölf“, sollte sich die Menschheit klarmachen, dass es wahrscheinlich schon nach Zwölf ist. In seiner zweiten Arbeit „Fortschrittswahn“ läuft die Zeit rückwärts.

Das Torhaus Rombergpark verwandelt sich in seine Rakete mit Zeitkapsel vom 24. Juli bis zum 14. August 2022. Verantwortlich sind unter anderem (v.l.n.r.) Monika Pfeiffer, Alexander Pohl, Roul Schneider und Christian Psyk.
Das Torhaus Rombergpark verwandelt sich in seine Rakete mit Zeitkapsel vom 24. Juli bis zum 14. August 2022. Verantwortlich sind unter anderem (v.l.n.r.) Monika Pfeiffer, Alexander Pohl, Roul Schneider und Christian Psyk.

Rosa Fehr-von Ilten beschäftigte sich in ihrer dreiteiligen Arbeit „Fortune“ passenderweise mit Glückskeksen. Sammelbilder sind seit Jahrzehnten beliebt. Ob Fußballspieler, Pokémon oder Magic: The gathering, seit dem 19. Jahrhundert wird fleißig gesammelt. Birigt Feike hat sich bei „Cosmic Shells big“ und „Cosmic Shells small“ mit Star Wars Sammelbildern beschäftigt.

Seine eigene Zeitkapsel präsentiert Alexander Pohl mit „Zeit“. Die Holzkiste ist mit einem Fahrradschloss gesichert und jeder Besucher darf sich daran versuchen. Seine weiteren Arbeiten „Driven Drawings“ setzen visualisierend sein Bewegungsprofil von google maps um.

Mariana Gonzaléz Alberti hat sich seit langer Zeit mit Seidenraupen beschäftigt. In „Lebensvariationen I-IV“ zeigt sie die Unterschiedlichen Stufen der Entwicklung dieser Tiere. In „Kosmos der Seidenraupen“ präsentiert sie Spuren der Raupen, die mit ihren Eiern und Sekret ein ganz eigenes Bild erschaffen, das an Sternenbilder erinnert.

Zwei Installationen lenken aber alle Blicke auf sich. Zum ersten arbeitet Christian Psyk in seiner Arbeit „Raumzeitkapsel“ mit gefundenen Objekten. Eine kleine Umkehrung, denn in eine Zeitkapsel kommen ja „originale“ Dinge, die erst nach ihrer Öffnung „gefunden“ werden.

Die zweite Installation ist „Transformer“ von Lutz Kemper. Diese Zeitmaschine ist wirklich beeindruckend. Alte Technik trifft ein wenig Cyberpunk. Das Gefährt hat für die Besucher sicher einiges zu bieten.

Es gibt weitere Kunst in dieser Ausstellung von Marlies Blauth, Claudia Terlunen, Erika A. Schäfer, Wolfgang Schmidt, Era Freidzon, Teresa Crawford Cabral, Martin Becker, Jan Bormann, Sabine Held, Michael Odenwealler, Gudrun Kattke und Pia Bohr.

Torhaus Rombergpark

Öffnungszeiten:

dienstags – samstags, 14:00-18:00 Uhr
sonn- und feiertags, 10:00-18:00 Uhr

Der Eintritt ist frei.




Kultur und Krieg – aktuelles Thema im Atelierhaus Westfalenhütte

Vom 17. Juli bis zum 21. August 2002 zeigt das Atelierhaus Westfalenhütte eine Ausstellung mit einem – leider – sehr aktuellem Thema „Kultur und Krieg“. 23 KünstlerInnen zeigen ihre Positionen.

Sind Kultur und Krieg nicht Gegensätze? So wie Feuer und Wasser? Da, wo Krieg herrscht, muss die Kultur weichen. Doch Krieg ist ein zu emotionales Themenfeld, dass eine Künstlerin oder einen Künstler nicht kalt lassen kann. Lassen wir mal die propagandistischen Werke beiseite, die vor allem während der Ersten und Zweiten Weltkrieg entstanden, die direkten und indirekten Folgen des Krieges wurden schon immer thematisiert. Denken wir an „Guernica“ von Picasso oder an die Arbeiten von Käthe Kollwitz.

Ein Teil der KünstlerInnen präsentieren sich vor dem Atelierhaus.
Ein Teil der KünstlerInnen präsentieren sich vor dem Atelierhaus.

In dieser Ausstellung findet sich die ganze Bandbreite möglicher Interpretationen wieder: Hier einerseits Werke aus langjährigen Zyklen, gemischt mit politischen Erfahrungen, andererseits der exakt terminierbare Impuls (Golf-, Kosovo- oder Ukrainekrieg). Dort die fast trotzige Hoffnung, der Optimismus und feste Glauben an den Frieden und das Gute im Menschen.

Konkrete Kriegsbezüge zeigen zwei Fotografien: eine aus 2002 von Eva-Maria Horstick, entstanden im Kosovo, kurz nach dem Krieg. Ein Fenster spiegelt sich in einem TV-Beitrag. „Kultur ist für mich auch die Flucht weg von den Nachrichten,“ so ihre Aussage.

Das zweite Foto thematisiert exakt 20 Jahre später den Krieg auf die Ukraine. Rita-Maria Schwalgin gelang eine ungewöhnliche Aufnahme einer aufsteigenden Taube vor den Fliegenden Bildern mit den Tauben vor wehender ukrainischer Flagge von Adolf Winkelmann.

Zart doch bittersüß einige grafische Arbeiten im Kontrast zu übermalten alten Zeitungen mit Aussagen von Putin 2013 von Jakob Eicher. Oder die Sänger inmitten bombardierter Häuser von Rika Pütthoff-Glinka. Anklagend die Skulpturen von Claudia Quick und der Schattenkopf von Ludger Hinse.

Nicht nur Kriegsschauplätze sondern auch andere Assoziationen spielten bei der Titelvorgabe eine Rolle und lenken den Blick z. B. auf sozial-, umwelt- und gesundheitspolitische „Kriege“. Typisch hier die Skulptur von Karina Cooper „Not Covid“.

Karl-Ulrich Peisker visualisierte Zerrissenheit: Ein Schrei nach Frieden oder der Schrei nach Liebe!?

Und es gibt auch die wichtigen, hoffnungsvoll, zuversichtlich stimmenden Werke. Farbintensive Verläufe von Anette Göke oder das Blütenmeer von Sabine Oecking. Bei Eva Zimnoch spiegelt es sich direkt im Titel: Dem Krieg zum Trotz – despite the war.

Die Ausstellung wird am 17.07.2022 um 11 Uhr im Rahmen des Sommerfestes im Atelierhaus Westfalenhütte (Freizeitstraße 2, 44145 Dortmund)

Die KünstlerInnen:

Karina Cooper . Manja Dessel . Jakob Eicher . Anette Göke . Susanne Grytzka . Ludger Hinse . Eva-Maria Horstick . Sylvia Jäger . Brigitte Koch . Irmhild Koeniger-Rosenlecher . Peter Kosch . Sandra Lamzatis . L’ARS . Renato Liermann . Sabine Oecking . Karl-Ulrich Peisker . Rika Pütthoff-Glinka . Claudia Quick . Rita-Maria Schwalgin . Verena Stanislawski . Egon Stratmann . Alexandra Wagner . Eva Zimnoch