Oratorium „La vièrge“ in der Reinoldikirche

Eigentlich wäre die Marienkirche in Dortmund der passendere Ort für die Aufführung von Jules Massenets „La vièrge“, denn die Handlung dreht sich um Maria, die Mutter Jesu. Am 24. September wurde das Stück im Rahmen des Festivals Klangvokal in der Reinoldikirche aufgeführt.



Jules Massenets (1842-1912) ist vor allem als Opernkomponist bekannt, „Manon“ ist eines seiner bekanntesten Opern. Doch er schuf auch Oratorien über biblische Figuren wie Maria Magdalena, Eva oder eben Maria.

Wer bei „La vièrge“ eine durchgehende Handlung erwartet, der wurde enttäuscht, denn das Libretto von Charles Grandmougin setzt einzelne Schlaglichter. Die Verkündung, das Festmahl zu Kanaa, Karfreitag und Marias Himmelfahrt sind die vier Themen. Große Soloparts haben außer Maria nur der Erzengel Gabriel, der Rest ist mehr oder weniger Stichwortgeber. Von daher ist es nicht unverständlich, dass das Stück nach seiner Uraufführung 1880 lange nicht Vergessenheit geriet, obwohl das Präludium des vierten Teils („Le dernier sommeil de la vièrge“) heute noch in Konzerten gespielt wird.

Obwohl Massenet ja ein Opernkomponist war, schafft er es in „La vièrge“ bis auf wenige Ausnahmen nicht, einen Spannungsbogen zu erzeugen. Immerhin hat der zweite Teil (Festmahl zu Kanaa) Rhythmik und Dynamik.

Für die Vorlage konnten die Musiker und Sänger nichts, sie machten das beste daraus. Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Granville Walker, der Philharmonische Chor des Dortmunder Musikvereins und der Opernkinderchor waren ebenso mit Leidenschaft dabei wie die Solokünstler*innen Valentina Stadler, Suzanne Jerosme, Lotte Verstaen, Sungho Kim und Thomas Laske.




Moderne Antigone im Fletch Bizzel

Das Künstler*innenkollektiv „HER.STORY“ präsentiert am 30. September und am 01. Oktober 2022 das Stück „Antigone am Strand“. Das Stück basiert einerseits auf den antiken Text von Sophokles, zum anderen auf „Antigone – ein Requiem“ von Thomas Köck sowie Texten von Geflüchteten. Ars tremonia war auf dem Pressegespräch.

Das Kernelement des antiken Stoffes ist, dass Kreon, der Tyrann von Theben, verbietet die Beerdigung seines Neffen Polyneikes, der gegen die eigene Stadt Krieg geführt hat. Antigone, die Schwester von Polyneikos und Kreons Schwiegertochter in spe, widersetzt sich dem Verbot und wird lebendig eingemauert.

Thomas Köck aktualisierte das Stück im Hinblick auf die Flüchtlingswellen über dem Mittelmeer. Bei Köck werden am Strand zahllose Leichen angespült. „Was geht das uns an“, fragt der Chor. Aber Antigone lassen die Toten nicht kalt und stellt sich gegen Kreon.

Auch in der Produktion „Antigone am Strand“ ist die Titelheldin die starke Figur und bietet Kreon die Stirn. Ebenso wie ihre Schwester Ismene, die versucht, liberal und diplomatisch zu bleiben. Kreon wird in dem Stück nicht als antiker Herrscher dargestellt, sondern wie ein moderner, neoliberaler Machtmensch.

Auch wenn das Stück sich um die Bestattung von Toten handelt, geht es auch um die Schönheit des (Über-)Lebens, denn Texte von Geflüchteten, die über die Balkanroute gekommen sind, sind miteingeflossen.

Jasmina Musić spielt die Antigone, Toni Gojanović den Kreon. Der Videokünstler Timo Vogt wird den Chor auf die Bühne bringen.

Gefördert wird „Antigone am Strand“ unter anderem vom Forum Darstellende Künste.

Premiere ist am 30. September 2022 um 20 Uhr, die zweite Vorstellung am 01. Oktober 2022, ebenfalls um 20 Uhr.

Karten unter www.fletch-bizzel.de




Verlorene Jugend – Die Bakchen im Schauspielhaus

Wenn es einen Verlierer in der Dauerkrise gibt, dann sind es die Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Neben Corona-Krise und Ukraine-Krieg existiert weiterhin der Klimawandel und seine Folgen. Gerade die Beschränkungen wegen Corona haben die Jugendlichen stark getroffen. Keine Partys, keine Diskothekenbesuche, Isolation statt mit Kommiliton*innen abhängen. Die Zäsur war gravierend. Und jetzt? In der Ukraine herrscht brutaler Krieg und täglich sterben Menschen, der Klimawandel zeigt immer schneller sein hässliches Gesicht, da bleibt nicht viel Fröhliches?



Das Dortmunder Schauspielhaus widmetet sich dieses Themas und brachte „Bakchen – Die verlorene Generation“ als erste Regiearbeit von Intendantin Julia Wissert in dieser Spielzeit auf die Bühne.

Die Geschichte von Euripides kurz erzählt: Dionysos, der Gott des Rausches, kehrt nach langer Zeit in seine Heimatstadt zurück, aus der er vertrieben wurde. Er sammelt eine Schar von Anhängern (im Original Frauen, in der Dortmunder Inszenierung Jugendliche) und zieht mit ihnen in die Berge. Hier können sie sich unter der Führung von König Pentheus‘ Tochter von den Widersprüchen der Gesellschaft befreien. Doch aus der Idylle wird eine Tragödie.

Julia Wissert inszeniert das Stück ganz im Einfluss von Dionysos. Es wird wild getanzt, rhythmische Bewegungen, stampfende Musik (live gespielt von Yotam Schlezinger), alles scheint in Bewegung. Logisch, dass sich die Tochter von König Pentheus (Valentina Schüler) den Angeboten von Dionysos (Antje Prust) nicht widersetzen kann. Denn ihr Vater (Adi Hrustemović) ist taub und blind für die Sorgen und Probleme seiner Tochter. Einzig Kadmos, (Alexander Darkow), der Vater von Pentheus scheint zu verstehen, was in den jungen Leuten vorgeht, was zu Konflikten mit seinem Sohn führt.

In „Bakchen“ sind neben Euripides noch weitere Texte eingeflossen. Erwähnenswert dabei sind Online-Tagebuchaufzeichnungen von nikxxo auf der Plattform wattpad.com, die von Depression und Suizidgedanken geprägt sind.  In den Texten wird die Unfähigkeit der Eltern deutlich, die ihre Kinder nicht wahrnehmen oder ernstnehmen.

Ein Wort noch zum gelungenen Bühnenbild von Nicole Marianne Wytyczak. Zeigte es zunächst nur ein halbversunkenes Auto entwickelte sich die Bühne später in einen Kontrast zwischen der jugendlichen Idealwelt mit Blumen und der kaputten und zerstörten Welt der Erwachsenen.

Neben den vier Schauspieler*innen gehört ein Lob auch den „Bakchen“: Es waren Physical Theatre Studierende der Folkwang Universität der Künste.

Fazit: Viel Musik, viel Bewegung. Julia Wissert hat den über 2000 Jahre alten Text kräftig entstaubt und ihm eine Erfrischungskur verpasst. Apropos verpassen: Dieses Stück auf keinen Fall.

Termine und Infos: www.theaterdo.de




Zu Besuch bei russischen Jahrmärkten und Zirkussen

Trotz (oder gerade wegen) des Angriffskrieges Russland auf die Ukraine stand das erste Philharmonische Konzert der Spielzeit 22/23 im Zeichen russischer Musik. Schtschedrin, Glasunov und Strawinsky hießen die Komponisten, die gespielt wurden. Dazu dirigierte die russischstämmige Anna Skryleva und Solist des Abends war Alexander Prushinskiy, der zwar in Novosibirsk geboren wurde, aber ein Heimspiel hatte, denn er ist der 1. Konzertmeister der Dortmunder Philharmoniker.



Das also zur angeblichen Dämonisierung russischer Kultur, als ob Glasunow, Strawinsky oder Schriftsteller wie Tschechow oder Dostojewski etwas für die aktuelle Politik der russischen Regierung könnten.

Eine Neuerung gab es auch, denn die Philharmonischen Konzerte beginnen jetzt eine halbe Stunde eher. Für manche Besucher*innen kam das überraschend, so dass einige erste nach der Pause in das Konzert kamen. Dennoch blieben manche Plätze unbesetzt. Schade, denn die Musik war grandios.

Gleich zu Beginn entführte uns Rodin Schtschedrin mit seiner „Alten russischen Zirkusmusik“ in den Zirkus. Atemlose Spannung bei den Artisten, fröhliche Musik bei den Clownereien. Wie auch bei seiner „Carmen-Suite“ hat der Komponist wieder eine Vielzahl an Perkussion-Instrumente eingesetzt, die die Dortmunder Philharmoniker auch mit Begeisterung einsetzten.

Noch benebelt von der Zirkuswelt wurde es romantisch. Denn Alexander Glasunov mit seinem spätromantischen Konzert für Violine und Orchester in a-moll war an der Reihe. Hier zeigte der andere Alexander, nämlich Prushinskiy, warum er einst zu den russischen Wunderkindern gehörte. Meisterhaft bewerkstelligte er die anspruchsvolle Partitur.

Nach der Pause erklang die Ballettmusik zu „Petrushka“ von Igor Strawinsky. Geschrieben nur sechs Jahre nach Glasunows Violinkonzert, scheinen musikalisch aber Jahrzehnte dazwischen zu liegen, auch wenn die Bearbeitung von 1947 gespielt wurde.  Modern und frisch präsentieren die Dortmunder Philharmoniker die tragische Geschichte von Petrushka (der russischen Version vom Kasper).

Musikalisch war es ein abwechslungsreiches Konzert, das durchaus mehr Besucher*innen verdient hätte.




Das Vieh ist noch Natur – Woyzeck zum Spielzeitauftakt

Bunt, reduziert und mit SM-Anleihen – die Inszenierung von Georg Büchners „Woyzeck“ durch Jessica Weisskirchen setzt auf skurrile Einfälle und schräge Kostüme. Die Regisseurin rückt Nebenfiguren wie den Hauptmann und den Doktor stärker in den Mittelpunkt. Die Premiere war am 09. September 2022 im Studio des Schauspielhauses.



Eigentlich ist die Geschichte von „Woyzeck“ aktuell wie nie. Es geht einerseits um einen klassischen Femizid, das heißt ein Mann tötet seine Frau/Freundin aus Eifersucht, andererseits um das Thema „psychische Erkrankung“, den das Woyzeck Probleme hat, spürt man direkt am Anfang, als er über Freimaurer fabuliert. Doch viel wichtiger: Das Stück hat auch eine gesellschaftliche Dimension. Denn Woyzeck steht in der sozialen Rangordnung ganz unten. Er verdient als Soldat nicht genug, um seine Marie zu heiraten und lässt sich daher zu Menschenversuchen ein, die zu einer Mangelernährung führen.  Das verstärkt seine psychischen Probleme immer mehr.

Weisskirchen reduziert die Personen auf vier: Marie (Linda Elsner), Hauptmann (Ekkehard Freye), Doktor (Nika Mišković) und Woyzeck (Raphael Westermeier). Durch die Kostüme erscheinen die Akteure Chimärenhaft. Besonders schön ist der Doktor, der – komplett in Weiß – wirkt wie eine Mischung zwischen Domina und einem verrückten Professor.

Die Inszenierung von Weisskirchen thematisiert das Viehische im Menschen. Oder anders gesagt, Kleidung und Erziehung haben den Tieren die menschliche Seite verliehen. Gut in der Jahrmarktszene zu erkennen: „Mensch, sei natürlich! Du bist geschaffen aus Staub, Sand Dreck! Denn was willst du mehr sein als Staub, Sand, Dreck?“ singt der Chor der Tiere und weiter „Jetzt die Kunst, geht  aufrecht, hat Rock und Hosen, hat ein Säbel“.

Der animalischen Seite steht der Hauptmann mit seiner Moral und Tugendbegriffen und der Doktor als Mann der Wissenschaft entgegen, die beide auf Woyzeck herabsehen, der in seiner gesellschaftlichen Stellung keinen Platz für Moral hat.

Das Tierische, oder besser Viehische kommt den Besucher*innen gleich zu Beginn entgegen, denn die Schauspieler*innen begrüßen die Zuschauer wie Tiere im Zoo oder im Zirkus, die sicher hinter Gittern sind.    

Dadurch das Woyzeck, mehrere Jobs hat, um über die Runden zu kommen, hetzt er durch das Stück, das das Bühnenbild aufnimmt, indem es sich in ein Karussell verwandelt und Schwung aufnimmt.  Auch gelungen war die Szene, als Woyzeck in einem Popcornwagen saß, der mit Erbsen (aus Papier) gefüllt war und vom Doktor über die Bühne gezogen wurde.

Jessica Weisskirchen sorgt mit ihrer Inszenierung für einen neuen Einblick in den allzu bekannten Stoff und findet mit Günter Hans Wolf Lemke einen idealen Partner für Bühnenbild und Kostüme.

Weiter Termine und Informationen: www.theaterdo.de




20 Jahre Konzerthaus Dortmund – Symbol des Wandels

Am 08.09.2002 fand im Dortmunder Konzerthaus der „Tag der offenen Tür“, rund 40.000 Besucher*innen wollen das neue Haus in der Brückstraße kennenlernen. In den 20 Jahren hat das Konzerthaus es geschafft, in die Champions League der europäischen Konzerthäuser zu gelangen und Künstler*innen von Weltformat zu engagieren. Das alles ist ein Verdienst der drei Intendanten Ulrich Andreas Vogt, Benedikt Stampa und Raphael von Hoensbroech.



Die damaligen Pläne fand nicht überall positive Resonanz, aber das Konzerthaus hat im Laufe der Zeit das Brückstraßenviertel geprägt und die Weichen gestellt für die Chorakademie und das Orchesterzentrum. Damit ist das Konzerthaus ein Symbol des Wandels wie Kulturdezernent Jörg Stüdemann betonte.

Obwohl der Kartenverkauf das Niveau von 2019, also vor Corona, erreicht hat, gibt es noch einiges zu tun. „Neuen Bevölkerungsschichten haben wir noch nicht erreicht“, gibt von Hoensbroech zu, auch wenn neue Formate wie Community Music das Motto „Musik für alle“ Realität werden lassen soll.

Passend zum 20jährigen Jubiläum gab es natürlich eine festliche Saisoneröffnung mit dem Leipziger Gewandhausorchester unter der Leitung von Andris Nelsons. Das Eröffnungskonzert wurde überschattet von der Nachricht vom Tod der Queen, an die mit einer Schweigeminute gedacht wurde. Dazu passte das erste Stück, die „Kammersinfonie op. 110a“ von Dimitri Schostakowitsch. Denn die „Sinfonie“ wirkte wie ein Requiem, schwermütig und düster. Kein Wunder, ging es um die Opfer des Faschismus, die der Komponist sehr eindrücklich in seinem Werk musikalisch würdigte.

Auch der zweite Teil war Schostakowitsch gewidmet. Sein „Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester Nr. 1“ war voller kleinerer musikalischer Ideen und überraschte beim Hören immer wieder. Die beiden Solisten Gábor Richter (Trompete) und Mao Fujita (Klavier) zeigten mit dem Orchester ein wunderbares Zusammenspiel.

Nach der Pause erklang die 7. Sinfonie von Beethoven. Auch wenn der zweite Satz, das Allegretto, berühmter ist und in vielen Filmen Verwendung fand, so ist für mich der vierte Satz mit seinem energischen Tempo und den Trompeten eines meiner Favoriten.




Neun Sonnen – Digitale Utopien in der UWEI

Vom 08. September 2022 bis zum 15. Januar 2023 zeigt die UWEI des Dortmunder U die immersive Ausstellung „Neun Sonnen“. Hier gibt es alternative Realitäten zu entdecken, sich zu entschleunigen und neue virtuelle Räume entdecken. #neunsonnenexperience



Wenn Künstler sich die Zukunft vorstellen, wird es meistens düster. Dystopien in verschiedenster Form lassen grüßen, die Farbe Schwarz ist vorherrschend. Doch diese Ausstellung ist anders. Bunt und farbig. Gemäß den Satz der Science-Fiction Autorin Octavia E. Butler „Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Aber es gibt neue Sonnen.“ präsentieren elf Künstler*innen Arbeiten, die das Verhältnis zwischen Natur und Technik thematisieren. Wie sehen ihre Utopien aus?

Die Videoarbeit von Johanna Mangold zeigt überhaupt keine positive Utopie. Denn sie zeigt das Verhältnis zwischen einer Ameisenart und parasitären Pilzen, die sich zu einer Symbiose vereinigen. Leider zum Nachteil der Ameisen. In ihrem Video verbindet sie 2-D Animationen mit Synthesizer-Sounds und Text.

Virtual Reality (VR) ist das Stichwort für Lena Biresch und Nico Parisius. Sie bilden das Kollektiv PRESS [ST]ART und bieten mit „Me, myself and my Avatar“ einen Ausflug in virtuelle Welten. Hier können Besucher via VR-Brille einen von drei Avataren steuern, die allesamt Besonderheiten haben wie beispielsweise einen dritten Arm. Wie geht das menschliche Gehirn damit um?

Gamer unter den Besucher*innen werden Spaß haben an „Orun Rere – Swarm Prototype 4“ der beiden Künstlerinnen Glor’la & alpha_rats. Kann man in den meisten Spielen nur „männlich“ oder „weiblich“ wählen, ist „Orun Rere“ ein Spiel ohne binäres Denken.

Augmented Reality hat durch Pokeman Go vor einigen Jahren einen Boom erlebt. Die Künstlerin Eunjeong Kim verwandelt ihren Bereich mithilfe eines Tablets in einen Raum, in denen Objekte auftauchen, die sich bewegen und auch klingen.

„Chasing Landscapes“ heißt die interaktive Installation von Vesela Stanoeva, die gleichzeitig auch Kuratorin der Ausstellung ist. Ihre projizierte bunte Landschaft kann durch Besucher*innen gestaltet werden, die die Installation per Bewegung zu einem anderen Ort verändern können.

Dimitris Gkikas entführt die Besucher*innen mit „Mnemosyne Unit-01“ in eine ferne Zukunft. Seine Installation erzählt die Geschichte einer Kreatur, die wegen eines Virus sämtliche DNA der Menschheit in sich aufgenommen hat.  

Andrea Familari ist ein Medienkünstler, der bei dieser Ausstellung mit einem Spiegel (TTN-YOU) aufwartet. Anders als im Märchen, sagt er nichts, sondern reagiert auf dem Lärm, den eine Person erzeugt. So entstehen ungewöhnliche bunte Bilder.

Eine virtuelle Reise zu den fünf menschlichen Sinnen ermöglicht das Studio „Baum & Leahy“. Begleitet von den Hütern der Sinne können sich die Besucher*innen auf neue Erlebnisse in der virtuellen Welt freuen.

Ein wenig Zeit brauchen die Besucher*innen für „Sleep like Mountains“ von Lotta Stöver. Hier wird die Oberfläche des menschlichen Körpers gemessen und mit Geodaten der Erde verglichen. So bekommt der/die Besucher*in einen Ort präsentiert, der seinem/ihrem Körper entspricht.

Wird es in der Zukunft eine Form der digitalen Unsterblichkeit geben? MengXuan Sun experimentiert mit dieser Frage in ihrer Video Installation „TaiChu3030“. Hier können die Besucher*innen wieder mit einer VR-Brille in virtuelle Welten abtauchen und einen imaginären Blick in die Zukunft werfen können.

Für die Ausstellung wurde extra ein Sounddesign geschaffen. Verantwortlich dafür ist der Soundkünstler Christian Bröer. Besonders schön ist auch das Ausstellungsdesign geworden. Mehr als 15.000 Papierstreifen führen die BesucherInnen durch die einzelnen Räume. Dazu gibt es auch noch ein futuristisches Sofa als „Snoezel-Element“.

Die UZWEI freut sich schon auf Reaktionen der Besucher*innen unter dem Hashtag #neunsonnenexperience

Die Eröffnung ist am Donnerstag, dem 08. September 2022 um 17 Uhr.




Lesebuch Josef Krug – Kennenlernen in kleinen Häppchen

Um einen Autor kennenzulernen, ist eine Zusammenstellung mit unterschiedlichen Texten ein guter Start. Genauso ist es mit dem „Lesebuch Josef Krug“, das Walter Gödden zusammengestellt hat. Es enthält kurze Texte, Gedichte und Ausschnitte von längeren Texten. Sie stammen aus den Jahren 19179 bis 2019. Sie bilden einen guten Querschnitt und zeigen die Entwicklung von Josef Krug.



Josef Krug ist 1950 in Bad Brückenau geboren und studierte ab 1971 in Bochum. So kam er ins Ruhrgebiet, 1984 zog er nach Dortmund, wo er heute noch lebt.

Seine frühen Texte beschäftigen sich mit der Verdrängung der Gräueltaten der Nazis. Sehr eindrücklich in den Erzählungen „Fremde im Ort“ und „Das Griechenlied“. Die Ignoranz gegenüber dem Leid der Menschen kommt im Text mit „Die alten Leute haben nichts als ihre Pflicht getan“ deutlich hervor. Diesen Spruch kann man bis heute hören. Erschreckend, wenn man bedenkt, wie viele Naziverbrechen ungesühnt blieben.

Die Beschäftigung mit der Nazizeit kommt auch in einigen Gedichten vor. In „Jidddisch“, „Majdenek-Prozess“ oder sehr emotional in „Fahrpläne, Dienstpläne“.

Wenn man als Autor im Ruhrgebiet beheimatet ist, das muss man sich zwangsläufig mit dem Thema Arbeit beschäftigen. In „Ruhrpottriviera“ lernen wir eine sehr eifrige Sekretärin kennen, fahren mit dem „Europabus Istanbul“ in die Heimat der türkischen Gastarbeiter und erfahren in den Gedenkblättern für die Zeche Grimberg 3/4 von einem Bergwerksunglück.

Mit der Erzählung „Gespräche mit Irmela“ ist auch eine bitter-süße Geschichte vorhanden, in der ein schüchterner Student den Hausbesuch der Seminarschönheit Irmela falsch deutet.

Vom hoffentlich bald erscheinenden Roman „Fadenschein“ sind ebenfalls Auszüge enthalten. Hier kämpft der introvertierte Titelheld gegen eine autoritäre Elterngeneration in einer Kleinstadt. Seinen Wunsch nach Emanzipation setzt sich dann in der Bundeswehr, im Studium sowie in einer linksdogmatischen Bewegung weiter fort.

Lesebuch Josef Krug
Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Walter Gödden
Nylands Kleine westfälische Bibliothek 102
ISBN 978-3-8498-1723-7
2021, 166 Seiten
8,50 €




Wäre Frauenpower die Lösung? – Lysis-Structure im Fletch Bizzel

Wäre das nicht eine schöne Vorstellung? 1914 hätten sich die Frauen in Deutschland, Russland, Frankreich, England, Österreich-Ungarn ihren Männern verweigert und hätten den Ersten Weltkrieg verhindert. So wie in der Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes.



Doch wir haben 2022, es tobt der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und die Situation der Frauen in dieser Welt könnte nicht unterschiedlicher sein. In dem Stück „Lysis-Structure“ setzt Regisseurin Ayşe Kalmaz zwei Frauen aus unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Lebensentwürfen in einen gemeinsamen Kontext. Können Frauen aus Dortmund und Batman (südöstliche Türkei) für ein gemeinsames Ziel (Frieden!) einstehen? Die Situation für kurdische Frauen unterschiedet sich fundamental. Das macht Schauspielerin Pelda Bal schon gleich zu Beginn deutlich. Menschen werden verhaftet, getötet.

Das Grundproblem wird klar benannt: Alte Männer, die sich wie absolute Herrscher aufführen und ihre Untertanen wie Bauern in den Krieg schicken. Doch was hilft? Wie bei Aristophanes den Sex verweigern? Ohne Kinder, keine Soldaten, kein Krieg. Aber könnte dann die Menschheit nicht aussterben?

Die Besinnung auf das „weibliche Prinzip“ könnte die Lösung sein, doch was ist das genau? Letztendlich geht es ja nicht um das Geschlecht, sondern um Macht und Machtausübung. Und Macht kann korrumpieren, wie das Beispiel Patricia Schlesinger zeigt und Frauen sind auch nicht per se friedfertiger oder sozialer wie ein Blick nach Großbritannien (Margaret Thatcher) beweist.

Aber das Besondere bei „Lysis-Strcuture“ war das Zusammenspiel der beiden Schauspielerinnen. Sie waren zwar gleichzeitig auf der Bühne zu sehen, dennoch über 4000 km voneinander entfernt. Moderne Technik macht es möglich, dass die emotionalen und intensiven Dialoge zwischen Melanie Lüninghöner und Pelda Bal an beiden Orten gleichzeitig zu erleben waren.

Eine weitere Rolle spielte der Dortmunder Sprechchor, unterteilt in Männer- und Frauenchor, die mittels Videoprojektion als „Volk“ ihre Kommentare abgaben. Zudem gab es kurze Interviews mit kurdischen Frauen.

Ayşe Kalmaz kombinierte die beiden Texte von Aristophanes („Lysistrata“) und „Die Revolte der Frauen“ des türkischstämmigen Autors Nâzım Hikmet zu einer gelungenen Einheit, unterstützt von der sehr emotionalen Leistung beider Schauspielerinnen.

Am 14. Oktober 2022 um 20 Uhr haben die Dortmunder noch einmal die Chance, sich „Lysis-Structure“ im Fletch Bizzel anzuschauen, danach gibt es noch eine Aufführung in Köln.

www.fletch-bizzel.de




Landschaftsbilder von  Johann Hinger an zwei Orten

Vom 04. September 2022 bis zum 15. Januar 2023 stellt das Hoesch-Museum und das Atelierhaus Westfalenhütte insgesamt über 60 Arbeiten von Johann Hinger aus. Das Hauptthema seiner Bilder sind die Landschaften des Ruhrgebiets.

Wie kommt ein Österreicher ins Ruhrgebiet? Der Liebe wegen. Deshalb wechselte Johann Hilger von der Kunstakademie in Wien nach Düsseldorf und zog 1976 ins Ruhrgebiet. Hier fand er auch sein Hauptthema: Die Landschaften des Ruhrgebiets.



Abseits der Klischees hat das Ruhrgebiet einiges zu bieten. Die Kombination von Industriestrukturen und Natur macht die Gegend zu etwas Besonderem. Hier wechselt sich ein stillgelegtes Stahlwerk mit einem ursprünglichen Wald ab, ein belebter Binnenhafen mit ruhiger Flussaue. Die Motive von Johann Hinger halten die Balance zwischen Industrie, Kultur und Natur.

Auch wenn die Landschaftsbilder durchaus an die klassischen Romantiker erinnern, gibt es einen großen Unterschied, wie Hinger erzählt. Das Licht, das eine wichtige Rolle spielt, ist bei ihm kein göttliches Licht, sondern eher wissenschaftlich kühl. Seine Bilder sind der Moderne verpflichtet ohne den romantischen Eskapismus.

Während im Hoesch-Museum etwa 20 Bilder hängen, sind ein paar hundert Meter weiter im Atelierhaus Westfalenhütte von Brigitte Bailer rund 40 weitere Arbeiten von Johann Hinger zu sehen. Der Spaziergang wischen den beiden orten dauert etwa 10 Minuten und lohnt sich. Denn im Atelierhaus ist unter anderem eine großformatige Ansicht von Dortmund zu sehen. Dort sind auch die Bildbände von Joahnn Hinger zu sehen.

Ausstellungseröffnung ist im Hoesch-Museum um 11 Uhr und um 13 Uhr im Atelierhaus Westfalenhütte (Freizeitstraße 2).

Öffnungszeiten Hoesch-Museum: Dienstag, Mittwoch: 13:00 – 17:00 Uhr

Donnerstag: 09:00 – 17:00 Uhr

Sonntag: 10:00 – 17:00 Uhr

An allen Feiertagen geschlossen.

Öffnungszeiten Atelierhaus Westfalenhütte

Öffnungszeiten:
Mittwoch 17.00 – 21.00 Uhr          
Sonntag   11.00 – 13.00 Uhr          
täglich nach Vereinbarung