Eine Reise mit dem fliegenden Teppich

Am 22. Oktober 2022 entführte Rebal Alkhodari und die Mitmusizierenden die Zuhörenden im Reinoldisaal und nahm sie mit auf seinem fliegenden Teppich auf eine weite Reise. Unsere musikalische Tour begann in Granada und führte uns über das Mittelmeer bis in den Iran und nach Afghanistan. Einen Abstecher nach Deutschland gab es auch.



Zusammen mit dem Orpheus XXI NRW Ensemble und dem Orpheus XXI NRW Chor standen fast 30 Beteiligte auf der Bühne, die mit verschiedener orientalischer Musik die Menschen im Reinoldisaal faszinierten.

Nach einem beinahe Ouvertüre-artigen Stück namens „Rumi 2222“ begann unsere Reise. Sie führte uns im Zickzackkurs durch eine islamisch-orientalisch geprägte Welt, sei es aktuell oder historisch. So wurden Lieder aus Spanien und Portugal ebenso gespielt wie Lieder aus dem Nahen Osten.

Auf einer Leinwand wurden einige Drohnenaufnahmen von Städten der betreffenden Länder gezeigt. Beispielsweise sah man Petra in Jordanien oder Lissabon zu Portugal.

Die Musik war abwechslungsreich, von traurigen Stücken wie dem portugiesischen „Una tarde“, dem schon ein wenig die Fado-Schwermütigkeit eingeimpft scheint bis hin zu fröhlichen „Wa’uniha“ aus Palestina. Die beiden gespielten Lieder aus dem „Westen“ nämlich „Ecco la prima vera“ und „Unter den Linden“ klangen auch nicht völlig fehl am Platz, denn durch die Kreuzzüge kam auch die arabische Musik in den Westen.

Besonders zu erwähnen sind die Sänger*innen aus dem Chor, die neben Rebal Alkhodari solistische Funktionen übernommen haben.

Fazit: Eine gelungene Reise auf dem fliegenden Teppich durch eine alte und reiche Musikkultur.




Kunstvolles ahnen – Ausgabe 17 von ARTIC

Die in Dortmund erscheinende Kunst- und Kulturzeitschrift ARTIC beschäftigt sich in der 17. Ausgabe mit dem Thema „ahnen“. Ars tremonia sah sich das Heft einmal genauer an und war beeindruckt.



Das Wort „ahnen“ hat eine vielfältige Bedeutung. Klein geschrieben bedeutet es soviel wie „eine Intuition zu haben“, anders gesagt, das Bauchgefühl. Groß geschrieben ist es ein Verweis auf unsere Vorfahren, unsere „Ahnen“.

Die Ausgabe von ARTIC versammelt unterschiedliche künstlerische und philosophische Standpunkte zu diesem Begriff. Dabei ist es auffällig, wie hochwertig das Heft ist. Die Ausgabe ist eingeschlagen in ein engmaschiges Netz, so das der Titel leicht verschwommen erahnbar ist. Aber im Innenteil geht es weiter: Hier ist echte Kunst zu finden, in dieser Ausgabe unter anderem ein Fotoabzug, der die Zeitschrift zum Kunstsammelobjekt macht.

Das Layout wurde von Frank Georgy entworfen. Er nutzt erfrischende Typografie, die die Leserin oder den Leser auch mal zwingen, das Heft um 45 Grad zu drehen. Der Umschlag wurde von dem Künstler und ARTIC – Mitherausgeber Andreas Drewer gestaltet.

Doch was ist mit dem Inhalt? 26 Künstlerinnen und Künstler haben ihren Beitrag zum Heft geleistet. Manche, wie der DJ Sven Väth, nur kurz im Rahmen einer Befragung, andere wie der Kölner Autor Albert Kamps veröffentlichen eine längere Kurzgeschichte. Der Philosoph Hubertus Busche wirft einen erkenntnistheoretischen Blick auf die Ahnungen. Die Kurzgeschichten und Gedichte in dieser Ausgabe sind auf jeden Fall genauso einen Blick wert wie die graphischen Arbeiten.

ARTIC Nr. 17 erscheint in einer Auflage von 550 Stück und kostet 20 Euro. Das Magazin ist über den Direktversand (zzgl. Versandkosten) zu beziehen und über die ISSN 0945-9863 in jeder Buchhandlung bestellbar.




Hosenrolle – Das Weibliche zwischen Selbst- und Fremdbestimmung

Eine Frau steht vor einer entscheidenden Frage: Soll sie ihr Buch unter ihrem Namen veröffentlichen oder unter einem Pseudonym. Männlich? Weiblich? Was würde es bedeuten? Verschwindet dadurch das Weibliche oder ist das ein emanzipatorischer Akt. Dieser Frage geht das Theaterkollektiv „Sepidar“ im Fletch Bizzel unter dem Titel „Hosenrolle“ nach. Premiere ist am 28. Oktober 2022.



In der Theatersprach bezeichnet die „Hosenrolle“ einen männlichen Charakter, der von einer Frau (meist Mezzosopran) gesungen wird. Im Theaterstück geht es aber um eine Autorin, die sich entscheiden muss, unter ihrem Namen oder unter männliches Pseudonym zu veröffentlichen. Beides hat Vor- und Nachteile.  

Das Team um die beiden Performer*innen Elina Brams Ritzau und Mamadoo Mehrnejad hat viel recherchiert. Herausgekommen ist ein Stück, bei dem die beiden Performer*innen die die Vor- und Nachteile und die Widersprüche einer  Pseudonymwahl herausarbeiten. Dabei wird darauf geachtet, keine Klischees zu bedienen. Es gibt auch keine eindeutigen Antworten, denn jede*r sollte die Freiheit haben, zu entscheiden, was ihm oder ihr passt.

Die Bühne wird sehr minimalistisch gehalten sein und es wird viel mit Schatten gearbeitet. Bücher spielen eine große Rolle.

Sepidar Theater – „Hosenrolle“

Fr. 28. Oktober 20.00 Uhr PREMIERE

Fr. 25. November 20.00 Uhr

Sa. 26. November 20.00 Uhr

PREISE: 17/8 €

www.fletch-bizzel.de




Blasmusik und Alpenglühen

Eigentlich passen ja die Begriffe „Blasmusik“ und „Alpenglühen“ gut zusammen, aber bei einem Klassikkonzert? Unter der Leitung von Gabriel Feltz spielten die Dortmunder Philharmoniker das Konzert für Violoncello und Blasorchester von Friedrich Gulda und die „Alpensinfonie“ von Richard Strauss beim 2. Philharmonischen Konzert am 18. Oktober 2022.



Friedrich Gulda komponierte sein „Violoncellokonzert mit Blasmusik“ 1980 und es waren neben Blasmusik auch deutlich hörbare Elemente aus dem Blues und Rockbereich zu hören. Besonders in der Ouvertüre konnte neben Solist Wolfgang Emanuel Schmidt auch der Gitarrist und der Schlagzeuger der Dortmunder Philharmoniker ihr Können zeigen. Schmidt war vor allem in der Cadenz gefordert, wo er allein mit seinem Instrument zu erleben war und ungewöhnliche Töne und Rhythmen aus seinem Instrument zauberte.

Nach der Pause war des dann Zeit für den Gipfelsturm von Richard Strauss. Seine „Alpensinfonie“ sollte zwischenzeitlich „Der Antichrist“ heißen. Strauss war zu dieser Zeit stark von Nietsche beeinflusst so komponierte er auch „Also sprach Zarathustra“. Fü Strauss widersprechen die christlichen Werte der Natur.

Die Spiritualität, die in dem Werk nichtsdestotrotz zu finden ist, kommt aus den Naturbeschreibungen. Wasserrauschen am Wasserfall, Vogelgezwitscher im Wald, Kuhglocken auf der Alm. Die Zuhörerinnen und Zuhörer konnten dem Auf- und Abstieg des Bergsteigers nachverfolgen. Natürlich hat das Werk auch eine weitere Interpretationsebene: So ist die „Alpensinfonie“ auch ein musikalisches Gleichnis für Geburt, Leben und Tod eines Menschen.

Es war auf jeden Fall ein gelungener musikalischer Abend, der neben neuen Hörerlebnissen auch weihevoll-naturalistische Musik zu bieten hatte.




Der Vampir, das sind wir

„Die tonight“ von Sivan Ben Yishai hatte bereits die vergangenen Spielzeit Premiere gefeiert, aber aus verschiedensten Gründen konnten wir von ars tremonia niemand zu den Terminen hinschicken. Bei der Wiederaufnahme am 14. Oktober 2022 hat es endlich geklappt und ich konnte mir ein Bild von der Aufführung (Regie: Paul Spittler) im Studio machen.



Das Stück heißt komplett „Die tonight, live forever oder Das Prinzip Nosferatu“ und ist in den vergangenen Jahren öfters auf den verschiedenen Schauspielbühnen aufgeführt worden. Im Mittelpunkt stehen drei namenlose Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig zu Nachtmenschen werden oder bereits welche sind.

Da wäre zum einen der Makler (gespielt von Linus Ebner), der ein wenig an die Figur Jonathan Harker aus „Dracula“ erinnert. Er verfällt langsam, aber sicher der Nacht. Drogen und homosexuellen Sex ist für ihn die Erfüllung, aber auch Flucht aus den kalten Vorstädten. Am eindrucksvollsten ist die „Business-Frau“ (Valentina Schüler), die nicht nur scheinbar alle Selbstoptimierungsbücher gelesen hat, sondern alles als ihr „Projekt“ sieht. Selbst als sie mit Krebs konfrontiert wird. Die zweite Frau (Lola Fuchs) kann obwohl sie müde und kaputt von der Arbeit ist, dem Reiz der Nacht nicht widerstehen.

Alle drei sind Getriebene, die der Nacht verfallen sind. Anders gesagt: Sie verwandeln sich aus eigenem Willen in Untote. Kein Vampir – ob Nosferatu oder Dracula – muss sie dazu machen.

Neben dem Blutsaugermythos präsentiert uns das Stück noch einen besonders gruseligen Ort in Paris: Die Katakomben. Von 1785 bis zum 19. Jahrhundert wurden in den alten unterirdischen Steinbrüchen von Paris etwa 6 Millionen Gebeine überführt. Etwa zwei Kilometer vom riesigen, teilweise noch unerforschten Gelände ist öffentlich zugänglich. Natürlich gibt es auch einen Horrorfilm aus dem Jahre 2014 (As above – so below) zum Thema.




Dortmunds vierter „Stadtbeschreiber“ kommt aus der Schweiz: Alexander Estis folgt auf Elias Hirschl

Der in der Schweiz lebende Autor und Kolumnist Alexander Estis wird Dortmunds vierter Stadtbeschreiber. Er wurde von der Jury unter rund 40 Bewerber*innen für das Literaturstipendium ausgewählt und wird ab Mai 2023 für sechs Monate in Dortmund leben und schreiben. Derzeit ist Alexander Estis Stadtschreiber von Heilbronn.



Über die Entscheidung freut er sich sehr und dankt der Jury: „Ich bin gespannt auf neue Begegnungen und auf die Gespräche mit der Dortmunder Bevölkerung, die ich führen möchte, um Geschichten, Sehnsüchte, Träume oder auch Ängste zu sammeln, die sich auf die Stadt Dortmund und deren Wandel beziehen“, so Estis.
Spezialist für literarische Kleinformate
Alexander Estis ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1986 in einer jüdischen Künstlerfamilie in Moskau geboren; dort erhielt er eine Ausbildung an Kunstschulen und bei Moskauer Künstler*innen. 1996 siedelte er mit seinen Eltern nach Hamburg über. Nach Abschluss des Studiums in deutscher und lateinischer Philologie arbeitete er als Dozent für deutsche Sprache und Literatur an verschiedenen Universitäten. Seit 2016 lebt er als freier Autor in Aarau (Schweiz).
Alexander Estis arbeitet vorwiegend in literarischen Kleinformen. Diese zeichnen sich aus durch stilistische Vielfalt sowie die Verschmelzung von Satire und Ernst, von Essayistik und Belletristik, prosaischer und metrischer Form sowie von Wort und Bild. Zuletzt erschien sein fünftes Buch, die Prosasammlung „Legenden aus Kalk“. Estis verfasst Essays, Glossen und Kolumnen u.a. für „Die Zeit“, Deutschlandfunk Kultur, NZZ, Tagesanzeiger, WOZ. Ferner übersetzt er Lyrik und Prosa aus dem Russischen und Lateinischen. Alexander Estis ist Mitglied in zahlreichen literarischen Vereinigungen. Für seine Texte erhielt er mehrfach Auszeichnungen und Stipendien.
Urbane Visionen aus Dortmund
In Dortmund möchte er der Bevölkerung mit seinem Projekt „Urbane Visionen“ eine literarische Stimme verleihen und sie dazu einladen, die Stadtentwicklung zu kommentieren und zu begleiten. In Gesprächen will er die mit der Stadt verbundenen Narrative, Sehnsüchte, Träume, aber auch Ängste herausarbeiten und als literarisch gestaltete Visionen publizieren.
Darüber hinaus will Alexander Estis sich mit Lesungen und Kooperationen mit Medien, Autor*innen und anderen Künstler*innen sowie Schreibwerkstätten und ähnlichen Mitmach-Formaten in die Stadtgesellschaft einbringen.
Die Jury überzeugte er u.a. mit einer Textauswahl aus seinem Band „Fluchten“, der 2022 in der Salzburger Edition Mosaik erschienen ist. „Seine Texte zeichnen sich durch hinreißende Lakonie, feine Stilistik und treffsichere Ironie aus. In satirischer Überhöhung, gepaart mit deskriptiver Nüchternheit, folgt er dem Diktum von Humor als Notwehr auf ganz eigene Weise, ausgestattet mit einem raumgreifenden und bildgewaltigen Erzählton. Irritierend, verstörend und zugleich von heiterer Melancholie und zum Kaputtlachen komisch, sind seine Texte“, so die Jury in ihrer Begründung.
Alexander Estis wird für die Dauer seines Stipendiums in einer von der Stadt angemieteten Wohnung in Dortmund nahe des Literaturhauses im Kreuzviertel wohnen. Er erhält ein monatliches Honorar von 1800 Euro.
Das Stadtbeschreiber-Stipendium
Das Stadtbeschreiber-Stipendium wird seit 2020 jährlich vergeben und setzt sich inhaltlich mit Transformationsprozessen in Dortmund auseinander. In der Zeit des Stipendiums arbeitet der/die Stipendiat*in eng mit dem Kulturbüro, dem Literaturhaus Dortmund und weiteren Institutionen der regionalen Literaturszene zusammen, bringt sich in die Stadtgesellschaft ein und vernetzt sich mit lokalen Literaturakteur*innen.
Mehr über Alexander Estis: estis.ch




Game on! – Ausstellung verbindet Kunst und Spiel

Bis zum 20. November 2022 zeigt das Künstlerhaus am Sunderweg 1 eine hochinteressante Ausstellung zu den Themen Kunst und Spiel. Elf Positionen zeigen die Verbindung zwischen Spiel und Kunst. Das Spielerische oder auch die Erinnerung an die Kindheit werden von den Künstler*innen unterschiedlich bearbeitet. Und wie es sich zu einer solchen Ausstellung gehört, manche Kunstwerke laden zum Ausprobieren ein.



Florian Witt zeigt ein großes Wandgemälde, dass wie eine Art Puzzle aufgebaut ist. So dass der Künstler nur einen Ausschnitt zeigen kann, der ein Gesamtwerk. Zum Ausprobieren ist seine Windmühle. Hier müssen die Besucher*innen Hand an die Kurbel legen, so dass sich – über Seile gespannt – eine Windmühle betreiben lässt. Da die Kurbel aus Holz ist und beim Bewegen Geräusche von sich gibt, spielt Witt auch mit der Zerbrechlichkeit.

Mara Heuer arbeitet seriell und zeigt auf großformatigen LKW-Planen ihre Serie „Knuddel mich“. Hier stehen Kuscheltiere im Mittelpunkt, die Kindheitserinnerungen wecken. Nostalgische Gefühle könnten bei den Besucher*innen aufkommen: „Hatte ich nicht so ein Kuscheltier?“

Von Architektur fasziniert ist Elizabeth Charmrock. Die Künstlerin kombiniert Stadtplanung mit künstlerischem Ansatz. Dazu hat sie kleine Modelle gebastelt, die sie zu einer Stadt zusammengefügt hat. Besucher*innen können selbst probieren, ihre Stadt zu bauen und sogar für Zuhause die Modelle kaufen.

Glenn de Cock entwickelte ein Computerspiel in einer U-Bahn, in dessen Tunneln sich eine Sagenfigur aufhält, der Tatzelwurm. Diese Ästhetik der eidechsenartigen Kreatur findet sich in seinen 3-D Drucken wieder. So schuf der Künstler ein Schachspiel, das von den Besucher*innen gespielt werden kann.

Bei den Kunstwerken von Ellen DeElaine ist Mitmachen und Miträtseln erlaubt. Ihre Arbeiten sind inspiriert von Rätseln, die oft in Zeitschriften für Kinder auftauchen, bei denen man beispielsweise einen Ausgang finden muss. So wird ein QR-Code zu einem Labyrinth.

Ebenfalls zum Mitspielen ist das Kartenspiel von Renaud Héléna. Die Aufgaben erinnern an Kommunikationsspiele. Hinzu kommt eine gewisse Doppeldeutigkeit, die auch in seinen anderen Spielen zu finden ist und eine Identifizierung erschweren.

Von alten Spielerlebnissen kommen wir zur Gegenwart oder besser in die Zukunft. Line Finderup verwandelt das Künstlerhaus via „virtual reality“ in eine österreichische Weinstube im Freien.  Es ist faszinierend, wie sich der Raum verändert und man sich schnell in der künstlichen Welt verlieren kann.

Maria Kobylenko und Raiko Sanchez zeigen eine Welt, in der Spielfiguren zum Leben erwachen. Die digitalen Spielwesen sind an keine realen Vorgaben geknüpft und wirken futuristisch.

Gleich zwei Arbeiten zeigt Jule Tabea Martin. In der ersten Arbeit verbindet sie Basketballkörbe, die mit menschlichen Haaren geknüpft sind. In der zweiten Arbeit steht die Kombination zwischen Tischtennis und Haaren im Mittelpunkt. Die Haare stehen hier bei für ein weibliches Prinzip, währen die beiden Sportarten männlich dominiert sind. Auch steht die Berührung der Haare/Netze in beiden Sportarten für etwas Gegensätzliches. Fällt im Basketball ein Ball durch das Netz zählt dies als positives Ereignis, während beim Tischtennis der Netzkontakt negative Folgen hat.

Ein interaktives Spiel  mit dem Titel „Stormy Night“ stellt Sharon Paz vor. Die Teilnehmer*innen müssen sich in drei Kapitel durch eine schlaflose Nacht in einem dreidimensionalen Raum zurechtfinden.

Raumzeichnungen nennt W.N. van Ravenhorst ihre Installationen. Das hauptsächliche Element sind Sicherheitsgurte, die sich interaktiv von den Besucher*innen verändern lassen. Es erinnert an Fadenspiele wie das Abnehmen, die man früher als Kind gespielt hat.

Künstlerhaus Dortmund, Sunderweg 1

 Öffnungszeiten der Ausstellung Donnerstag bis Sonntag 16 bis 19 Uhr  




Tension – Spannung in der BIG Gallery

Bis zum 06. November 2022 zeigt die BIG gallery in der Rheinischen Straße 1 die Ausstellung „Tension“ der Künstlergruppe „Collectif le maronniers“ aus Amiens, der französischen Partnerstadt Amiens.



„Tension“ bedeutet wie im Englischen „Spannung“ und Spannungen haben wir momentan leider mehr als genug. Elf Künstler*innen zeigen ihren Blick auf den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Ängste vor den Schrecken des Krieges sind allzu deutlich in den Arbeiten zu sehen. Gibt es Hoffnung?

Geradezu wütend wirkt eine Arbeit von Geneviève Agache, die in einem knallenden Rot gehalten ist. „Die Aggressionen der Welt nehmen zu“, schreibt sie im Katalog zur Ausstellung.

Lookace Bamber zeigt überarbeitete Fotografien, die mit Farbe bearbeitet wurden. Passend zum Thema herrscht die Farbe Schwarz vor.

Von Bienenwaben fasziniert ist France Dufour. Die geometrischen Arbeiten strahlen Licht und Farbe aus. Farbig sind auch die Werke von Christian Dupuis. Dazwischen platziert der Künstler grafische Elemente, die die Farbigkeit unterbrechen.

Kriege gehören leider zur Geschichte der Menschheit dazu. Vor allem der Erste Weltkrieg hat beispielsweise an der Somme zahlreiche Spuren hinterlassen wie unzählige Soldatenfriedhöfe. Michel Gombart fotografierte diese Hinterlassenschaften menschlicher Grausamkeit in eindrücklicher Weise.

Virgine Fender erstellte einige Poster, die sich mit dem Thema Krieg und Frieden beschäftigen. Menschenleer sind die Fotos von Lolita Lejeune. Das Besondere daran ist. Dass sie wie Schwarz-Weiß-Bilder wirken, jedoch enthalten sie immer keine kleine Spur Farbe, wenn man sie genauer betrachtet.

In den Fotos von Yazid Medmoun tauchen Menschen auf und zwar schauen sie Nachrichten über den Ukraine-Krieg. Den Künstler interessiert, wie die Menschen auf die Ereignisse reagieren. Angsterfüllt oder gelassen.

Großformatige Arbeiten in Schwarz und Grau zeigt Patrice Roger. Die wuchtigen Arbeiten sind der Ausdruck des Künstlers nach der Suche nach Wahrheit, nach einer Zukunft.

Der Mensch ist im Zentrum der Arbeiten von Bernard Sodoyez. Trotz aller Farbigkeit wirken die Gestalten in seinen Bildern sehr zerrissen und verletzlich. Verständlich bei all den Krisen und Konflikten in der Welt. Auch Jean-François Petitperrin interessiert sich für den Menschen. Sein Körper, seine Form, aber vor allem, was er mit seiner Lebensweise auf der Erde bewirkt.




Lenz von Trafique – Wahnsinniger oder Held

Woher kommt die Faszination von Georg Büchner sich mit Menschen zu beschäftigen, die nach heutiger Definition als „psychisch krank“ gelten würden? Liegt es daran, dass er Arzt war? Bei „Woyzeck“ ist es der langsame Wahn, vielleicht mitverursacht durch medizinische Experimente, die ihn zu einem Eifersuchtsmord treibt. Und bei Lenz?



Die Theatergruppe Trafique um Björn Gabriel aus Köln präsentierte am 07. Oktober 2022 im Roto-Theater wegen einer Corona-Erkrankung nur einen Film, der aber weit mehr war als nur eine abgefilmte Bühne, sondern auch die Dynamik des Stückes einfangen konnte, wenn auch der wichtige direkte Kontakt zum Publikum fehlte.

Dieses saß trotzdem erwartungsvoll im Roto-Theater, ausgestattet mit einer Tüte Popcorn und lies sich auf den „Lenz“ ein. Im Film von Trafique steht die Begegnung von Lenz mit dem Pfarrer Oberlin im Mittelpunkt und die Entwicklung des Wahnsinns von Lenz. Büchners Arbeit basiert auf dem Schicksal des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz, der von 1751 – 1792 lebte. Auch Pfarrer Johann Friedrich Oberlin (1740-1826) ist eine historische Figur, die bis heute einen positiven Ruf genießt.

Eindrücklich zeigten die drei Schauspieler Anna Marienfeld, Franziska Schmitz und Stephan Weigelin den Weg in den Wahnsinn. In kalter blauer Farbe zeichnet der Film Oberlins Haus, dessen oberflächlicher Humanismus auch viel Kälte ausstrahlt. Im satten Grün hingegen erscheinen die Naturszenen.

Doch woran krankt Lenz? An seinem Idealismus? Vielleicht an seiner Orientierungslosigkeit? Der historische Lenz stammt aus dem Baltikum und hat sich früh von seinem Elternhaus entfernt, ging nach Straßburg und St. Petersburg. Schließlich starb er in Moskau.

Was kann einem Menschen denn Halt geben? Als Sohn eines Pfarrers, der bei einem Pfarrer Asyl sucht, kann es nur die Religion sein. Denn in dieser Zeit wurden psychische Erkrankungen gerne auch als „Sünde“ gegen Gott bezeichnet. Doch die Religiosität Oberlins kann Lenz nicht helfen, Lenz versucht sogar in seinem Wahn ein jüngst gestorbenes Kind wieder aufzuwecken.

Büchners Lenz spielt in einer Zeit voller Umbrüche. 1835 ist in Deutschland die Zeit der Industrialisierung und des Frühkapitalismus. Gewaltige Umbrüche tun sich auf, die die Gesellschaft umwälzen werden. In dieser Zeit leben Menschen wie Lenz, die aus der Zeit gefallen sind. Büchners Lenz versucht seinen Idealismus und Heimat zu bewahren in einer Zeit der Umbrüche und Orientierungslosigkeit und scheitert. Die Religion hat ihre Bindungskraft und ihre Versprechungen verloren. Es bleibt der Wahnsinn.

Manche Zeiten kommen wieder. Die Orientierungslosigkeit, die die Digitalisierung und die aktuellen Krisen manchen Menschen gebracht hat, ist vielfach spürbar.




Was kümmern uns die Toten – Antigone im Fletch Bizzel

In den Zeiten des Ukraine-Krieges gehen andere Katastrophen leicht unter: Klimawandel oder eben Geflüchtete, die über das Mittelmeer fliehen. Das geht nicht immer gut, viele verlieren ihr Leben im Meer. Was hat das mit Antigone zu tun? Nun, sie macht auf die Toten aufmerksam. Das passt nicht jedem. Das Kollektiv HER.story präsentierte eine moderne „Antigone“ im Fletch Bizzel. ars tremonia war am 30. September 2022 dabei.



Weiß und beige. Das Bühnenbild und die Kostüme werden durch diese beiden Farben dominiert. Auf der Bühne liegt massenhaft Müll herum. Die Stadt Theben wird durch eine Holzkonstruktion dargestellt, im Hintergrund ist Platz für die Leinwand. Auf der Leinwand rauscht nicht nur das Meer, auch die Texte des Chores sind dort zu sehen. Der Schauspieler und Musiker Mohammadhossein Mehrnejad macht passende Geräusche zu den einzelnen Szenen.

Aber zurück zu Antigone. In der antiken Version begräbt sie gegen König Kreons Willen ihren Bruder, der gegen Theben gekämpft hat. Hier in der Version, die sich aus den Texten von Thomas Köck und Berichten von Menschen speist, die die Mittelmeerüberfahrt überlebt haben, geht es um die Toten, die das Mittelmeer angespült hat.

„Was kümmern uns die Toten“ sagt der Chor. „man will das doch nicht sehen.“ Die Überflussgesellschaft, die von allem zu viel hat, möchte mit diesem Problem nichts zu tun haben. Schließlich habe man selbst genug am Hals. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Das kann Antigone (Jasmina Musić) nicht akzeptieren, sie bringt die Toten vom Strand in die Stadt, damit sie von allen gesehen werden. Ja, denn es sind auch unsere Toten. Es sind diejenigen, die für unseren Wohlstand sorgen: für unseren Kaffee, unseren Kakao, für unsere seltenen Erden aus den Minen und so weiter.

Kreon (Toni Gajanović) kann das nicht akzeptieren, denn es ist „gegen das Gesetz“. Er verkauft dies als „gelebte demokratische Praxis“. Antigones Schwester Ismene (Nermina Kukić) versucht diplomatisch zu agieren, scheitert aber. Ebenso wie der Versuch von Haimon (Mohammadhossein Mehrnejad) seinen Vater umzustimmen.

Was wiegt schwerer: Ignoranz oder Solidarität? Wie lange kann eine Gesellschaft noch wegschauen? Wir brauchen auf jeden Fall mehr Antigones und weniger Kreons. Denn Europa liegt am Strand.