Echo der Abwesenheit: Wenn Klänge ohne Lautsprecher den Raum erobern

In der aktuellen Ausstellung „8 Ω LESS“ im Künstler*innenhaus Dortmund wird eine radikale Grenze gezogen: Die Abwesenheit von Lautsprechern. Was zunächst wie ein technisches Defizit klingt, entpuppt sich als eine tiefgreifende Untersuchung des Klangs als physisches, skulpturales Medium. Unter der Leitung von Kurator Ach Kuhzunft präsentieren Künstler:innen der Kunsthochschule für Medien Köln Werke, die Klänge durch mechanische Prozesse wie Streichen, Schlagen oder Blasen direkt im Raum erzeugen.

Die Mechanik der Unruhe und industrielle Nachklänge

Ein zentrales Motiv der Schau ist die Spannung zwischen sichtbaren und unsichtbaren Klangquellen. Yue Cao verarbeitet in „Übernächtigung“ traumatische Erinnerungen an scharrende Stühle während seiner Studienzeit in China. Zwei mechanische Vorrichtungen schieben Stühle über eine konstruierte Decke und erzeugen ein schrilles Kratzgeräusch, das für das Publikum unsichtbar bleibt und eine Atmosphäre existenzieller Angst heraufbeschwört.

Ähnlich industriell, aber mit Fokus auf den Verfall, agiert dennis aycicek mit seinem Werk „ZONE“. Unter Verwendung von Spundwänden und Moniereisen reflektiert er das Verstummen einer Industrieregion und die Anziehungskraft von Gefahrenzonen. Den technoiden Gegenpol bildet Justus Kaufmann, dessen Installation „Bellwech“ Stahlbleche durch Motoren in Schwingung versetzt und so Klänge erzeugt, die zwischen „Gewitter- und UFO-Geräuschen“ changieren.

Poesie der Fragilität und des Widerstands

Die Ausstellung bietet jedoch auch Raum für zarte, fast sphärische Momente, die mechanische Präzision mit inhaltlicher Tiefe verweben. So erzeugt Tina Tonagel in ihrer Arbeit „Gedicht“ eine meditative Atmosphäre, indem sie hinter Schlitzen verborgene Gitarrensaiten mittels E-Bows in dauerhafte Schwingung versetzt. Eine ähnliche Fragilität, jedoch getrieben von Unberechenbarkeit, zeigt Farah Wind in „NETZ_TEILE“: Hier werden kleine Motoren und Luftströmungen zu Akteuren, die fragile Rhythmen entstehen und wieder zerfallen lassen. Politisch aufgeladen wird diese Ästhetik schließlich bei Bella Comsom, deren Klangskulptur „Sie dachten, sie würden verschwinden“ Keramik und Mini-Ventilatoren nutzt, um symbolisch den „Atem“ von Schlangen zu erzeugen – ein akustischer Widerstand gegen die jahrhundertelange Unterdrückung weiblichen Wissens.

Der Staub saugende Chor und tanzende Tüten

Besonders kurios wirkt der Beitrag von Karen Fritz. Ihr „blow connector“ lässt einen handelsüblichen Nass-/Trockensauger durch den Raum rollen. Das Dröhnen des Motors vermischt sich mit dem Singen metallischer Gestänge zu einer unerwarteten klanglichen Performance. Kontrastiert wird diese rohe Energie durch die „Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland, deren leises Knistern beim Drehen der Papiertüten eine fast geisterhafte Präsenz im Raum schafft.

„Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland,
„Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland,

Zwischen Ritual und Vergänglichkeit

Die Partizipation bleibt ein Herzstück der Schau. Während Samuels Ozoliņš mit seinen „stillen Altären“ lettische Zaubersprüche durch das laute Aussprechen der Besucher:innen zum Leben erweckt, lädt Jeongan Choi in „Tearable Sound“ dazu ein, Papierstapel nach bestimmten Linien zu zerreißen. Hier wird der Klang des Reißens selbst zur Partitur.

Fazit

„8 Ω LESS“ ist weit mehr als eine formale Fingerübung. Die Ausstellung zwingt uns, genau hinzusehen, woher ein Geräusch kommt, und die Materialität unserer akustischen Umwelt neu zu bewerten. Sie zeigt, dass die Abwesenheit von Technik (hier: Lautsprechern) den Weg ebnet für eine unmittelbare, körperliche Erfahrung von Kunst.

 

Besuchshinweise:

  • Ort: Künstler*innenhaus Dortmund, Sunderweg 1.
  • Öffnungszeiten: Do – So 16 – 19 Uhr.
  • Eintritt: Frei.
  • Hinweis: Die Ausstellungsräume sind derzeit nicht barrierefrei.



Gipfeltreffen der Siebten: Marek Janowskis triumphale Rückkehr zu den Dortmunder Philharmonikern

Es war mehr als nur das 4. Philharmonische Konzert am 27. Januar 2026 im Konzerthaus. Es war eine historische Rückkehr und ein musikalisches Statement. Als Marek Janowski, der die Dortmunder Philharmoniker bereits von 1975 bis 1979 als Generalmusikdirektor prägte, das Podium betrat, schloss sich ein Kreis. Auf dem Programm standen keine solistischen Kabinettstückchen, sondern zwei gigantische Monolithen der Romantik: Schuberts Siebte und Bruckners Siebte.

Man könnte diese mutige Zusammenstellung als eine Reise von der „Keimzelle“ zur „Kathedrale“ bezeichnen. Die Dramaturgie des Abends schlug eine historische Brücke: Schubert, der Urvater der romantischen Sinfonik, der mit seinem Mut zu langen, singenden Themen und atmosphärischen Wanderungen den Weg bereitete – und Bruckner, der diesen Stil später in gigantische Dimensionen führte. Ohne Schuberts Vorarbeit wäre Bruckners Klangkosmos kaum denkbar gewesen.

Von der himmlischen Länge zur architektonischen Tiefe

Beide Werke eint das Spiel mit der Zeit, doch auf völlig unterschiedliche Weise. Was Robert Schumann einst bei Schubert als „himmlische Länge“ bezeichnete, nutzt dieser für einen unaufhaltsamen, rhythmischen Puls. Es ist ein musikalisches „Ja“ zum Leben, strahlend, tänzerisch und voller Vorwärtsdrang trotz aller innewohnenden Melancholie.

Nach der Pause dann der Kontrast in der Energie: Bruckners Siebte in E-Dur. Hier wird die Zeit genutzt für einen monumentalen, fast sakralen Aufbau. Vom ersten, endlos strömenden Thema bis zum berühmten Adagio – der Totenklage für Richard Wagner – füllt die Musik Raum und Zeit auf eine Weise, die eher dem Besteigen eines Berggipfels gleicht als einer Wanderung im Tal.

Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.
Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.

Der Architekt am Pult

Dass dieses „schwere“ Programm nicht unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach, ist dem Rückkehrer am Pult zu verdanken. Marek Janowski erwies sich einmal mehr als der „Architekt“ unter den Dirigenten. Er ist kein Mann des bloßen Pathos, sondern ein Analytiker, der Strukturen offenlegt.

Bei Schubert verhinderte Janowskis Zugriff konsequent, dass die „Große C-Dur“ im rein „Gemütlichen“ stecken blieb; stattdessen verlieh er ihr den nötigen Drive und rhythmische Schärfe. Bei Bruckner wiederum sorgte er mit struktureller Klarheit dafür, dass die riesigen Steigerungswellen nicht zerflossen, sondern sich logisch und zwingend aufbauten.

Ein Wiedersehen mit der „Janowski-Schule“

Für das Orchester war der Abend wie ein Wiedersehen mit einem strengen, aber hochgeschätzten Lehrmeister. Der spezifische, transparente Orchesterklang, den Janowski fordert, war deutlich zu hören. Es wirkte wie eine Rückbesinnung auf die eigene Identität und das Kernrepertoire der deutschen Romantik.

Dabei blieb Janowski seinem Ruf als „Anti-Star“ treu. Dass er zwei so massive Sinfonien ohne Solisten und ohne Beiwerk nebeneinanderstellte, passt perfekt zu seinem Ethos: Keine Mätzchen, die Musik soll für sich selbst sprechen. Es war ein puristisches Programm, das volles Vertrauen in die Substanz der Kompositionen setzte.

Eine Brücke in die Vergangenheit

Der langanhaltende Applaus am Ende galt nicht nur der künstlerischen, sondern auch der physischen Leistung. Für den 1939 geborenen Dirigenten ist ein solches Programm ein Kraftakt, der höchste Konzentration und Ausdauer verlangt. Dass er diese Energie mit weit über 80 Jahren noch aufbringt, rang dem Saal tiefen Respekt ab.

Besonders für jene Besucher, die Janowski noch aus den 70er Jahren kannten, war dieser Abend eine emotionale Brücke in die eigene Vergangenheit. In einer sich schnell verändernden Welt wirkte Janowskis Beständigkeit – als sachdienlicher, strenger Diener der Partitur – beruhigend und erdend. Ein großer Abend für Dortmund.




Märchen im Grand-Hotel – Eine Hommage an die 30er Jahre

Das luxuriöse Grand-Hotel in Cannes bildet die glamouröse Kulisse für einen rasanten Zusammenprall zweier Epochen: Hier versucht das „alte Europa“ verzweifelt, die Fassade zu wahren, während das „neue Amerika“ bereits mit der Scheckbuch-Mentalität an die Tür klopft.

Regisseur Jörg-Felix Alt beweist bei dieser Inszenierung ein glückliches Händchen. Er präsentiert das Stück als wunderbare Hommage an die 30er Jahre, ohne den modernen Witz zu vergessen. So streut er gekonnt Bonmots und sogar popkulturelle Referenzen ein – etwa das legendäre „Nein! – Doch! – Oh!“ von Louis de Funès –, was dem Abend eine frische, humorvolle Dynamik verleiht.

Getragen wird diese Inszenierung von einem bestens aufgelegten Ensemble. Im Zentrum des Geschehens steht Tanja Christine Kuhn als herrlich indignierte Infantin Isabella. Sie rümpft über das „normale Volk“ standesgemäß die Nase, muss sich jedoch mit der energischen Marylou auseinandersetzen. Diese Rolle der modernen Powerfrau und Produzententochter wird von Nina Weiß adäquat und kraftvoll verkörpert. Sie ist es, die eine Intrige spinnt, um das echte Leben des Adels für Hollywood zu filmen.

Ob er sie bekommt? Albert (matthias Störmer) ist jedenfalls stark in Isabella (Tanja Christine Kuhn) verliebt. (Foto: (c) Björn Hickmann)
Ob er sie bekommt? Albert (matthias Störmer) ist jedenfalls stark in Isabella (Tanja Christine Kuhn) verliebt. (Foto: (c) Björn Hickmann)

Dabei gerät Matthias Störmer als Zimmerkellner Albert zwischen die Fronten. Störmer spielt den jungen Mann, der eigentlich der Sohn des Hotelbesitzers Chamoix ist, mit viel Charme und hält sein Geheimnis lange verborgen. Während Albert sein Herz an die Prinzessin verliert, sorgt Rob Pelzer als Prinz Andreas Stephan für weitere Verwicklungen: Er wäre nämlich viel lieber ein gefeierter Filmstar als der Verlobte der Infantin.

Für die nötige Prise Humor und musikalische Farbtupfer sorgen Johanna Schoppa als schlagfertige Gräfin Inez sowie ein harmonisches Männerquartett. Musikalisch untermalt wird das turbulente Geschehen von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Dirigent Koji Ishizaka, die das Publikum klanglich perfekt in die Ära der Jazz-Operette und der 30er Jahre versetzen.

Doch wie endet dieses Spiel um Sein und Schein? Bekommt Albert seine Isabella wie in einem echten Märchen, oder zerbricht die Illusion im Blitzlichtgewitter der Presse? Gespoilert wird hier nicht – zur Auflösung und um zu sehen, ob das „Happy End“ wirklich happy ist, müssen Sie sich das Stück schon selbst ansehen.




Ein familiäres Fest der Liebe

Wer beim Titel des Konzertabends, „Meine Freundin, du bist schön“, ausschließlich an weltliche Liebeslyrik dachte, wurde überrascht – und doch bestätigt. Das Programmgerüst war zwar geistlicher Natur, doch die Frage, ob die Werke „zu sakral“ für diesen Titel seien, ließ sich an diesem Abend mit einem klaren Nein beantworten. Vielmehr gelang hier der kunstvolle Spagat, der für die Barockzeit so typisch war: Die Verschmelzung von irdischer Leidenschaft und göttlicher Verehrung.

Ein Programm zwischen Himmel und Erde

Das titelgebende Werk von Johann Christoph Bach fungierte dabei als emotionales Herzstück. Basierend auf dem Hohelied Salomos, dem wohl sinnlichsten Text der Bibel, wurde die Grenze zwischen der Liebe zu Gott und der zwischenmenschlichen Erotik bewusst verwischt. Es war kein strenges Kirchstück, sondern ein Dialog voller Zärtlichkeit, der den Ton für den gesamten Abend setzte: Es ging nicht um Buße oder Trauer, sondern um Hochzeit, Festlichkeit und Gemeinschaft.

Unterstrichen wurde dieser festliche Charakter durch die kluge Auswahl der begleitenden Werke. Johann Sebastian Bachs Kantate „Der Herr denket an uns“ (BWV 196) erklang als sprühende Hochzeitsmusik, Heinrich Schütz besang in seinem Psalm die Lieblichkeit des brüderlichen Beisammenseins, und die Ouverture von Johann Bernhard Bach brachte mit ihren französischen Tanzformen sogar höfischen Glanz und weltliche Eleganz in den Konzertsaal.

Das Prgrammheft des Abends. (C) Klangvokal
Das Prgrammheft des Abends. (C) Klangvokal

Musikalisch entpuppte sich der Abend dabei als ein faszinierendes „Familientreffen“ der Dynastie Bach. Das Programm las sich wie ein Stammbaum: Vom „Stammvater“ der Arnstädter Linie, Heinrich Bach, über dessen Söhne Johann Christoph und Johann Michael (dem späteren Schwiegervater Johann Sebastians) bis hin zum Cousin Johann Bernhard. Heinrich Schütz thronte über allem als der geistige Großvater, der den musikalischen Nährboden für diese Generationen bereitet hatte.

Kongeniale Partnerschaft

Dass für dieses Programm mit dem belgischen Vokalensemble Vox Luminis und dem Freiburger BarockConsort zwei der führenden Spezialisten für die Musik des 17. Jahrhunderts gemeinsam auf der Bühne standen, erwies sich als Glücksfall. Die Kombination dieser beiden Klangkörper hob den Abend weit über eine historische Werkschau hinaus.

Vox Luminis, unter der Leitung von Lionel Meunier, machte seinem Namen („Stimme des Lichts“) alle Ehre. Das Ensemble ist berühmt für seinen unnachahmlich warmen, homogenen Klang und die Fähigkeit, Text nicht nur zu deklamieren, sondern emotional aufzuladen. Gerade für das Titelwerk „Meine Freundin, du bist schön“ war dies essenziell: Statt akademischer Kühle brachten die Sängerinnen und Sänger jene menschliche Wärme und Sinnlichkeit mit, die dem Text aus dem Hohelied innewohnt. Sie verwandelten die theologische Symbolik zurück in spürbare Emotion.

Das Freiburger BarockConsort bildete dazu das perfekte instrumentale Gegenüber. Als Kammermusikformation des renommierten Freiburger Barockorchesters sind sie Experten für die „sprechende“ Musizierweise des Frühbarocks. Ihr Spiel zeichnete sich durch rhetorische Klarheit und einen energetischen Zugriff aus, der den Tanzsätzen den nötigen Schwung verlieh, ohne die vokale Zartheit zu überdecken.

Fazit

Das Zusammenspiel wirkte organisch und tief vertraut. Hier trafen die instrumentale Brillanz der deutschen Stadtpfeifer-Tradition auf europäische Vokalkunst höchster Güte. Gemeinsam gelang es den beiden Ensembles, die „sakralen“ Werke von ihrer Strenge zu befreien. Es entstand ein intimer Einblick in das thüringische Musikleben des 17. und 18. Jahrhunderts – eine Feier der Familie, der Verbundenheit und der Liebe in all ihren Facetten.




Kanonenmütter, Tradwives und ein großer Abschied: So startete der Geierabend 2026

Er ist ein fester Bestandteil des Dortmunder Kulturlebens: der Geierabend. Mit einer ebenso politischen wie pointierten Premiere ist die alternative Karnevalssitzung am 2. Januar 2026 auf Zeche Zollern in die neue Session gestartet. Vor vollem Haus präsentiert das Ensemble noch bis Veilchendienstag ein Programm, das aktuelle Debatten, Ruhrgebietsrealität und bewusst albernen Klamauk gekonnt miteinander verknüpft.

An Themen mangelt es dem Geierabend keinesfalls. Denn alles scheint wiederzukommen, wie Steiger Martin Kaysh zurecht anmerkte – beispielsweise der Wehrdienst. Mit der Szene „Kanonenmütter“ nimmt das Ensemble die Debatte um Wehrpflicht und Aufrüstung ins Visier: Zwei Mütter rücken kurzerhand selbst ein, inklusive olivgrünem Wellness-Programm und militärischem Gebrüll. Auch die 50er-Jahre feiern ein Wiedersehen in Form von „Tradwives“, die ihre Bestimmung im traditionellen Rollenverständnis suchen. Natürlich versucht auch die alleinerziehende Mutter Jessica Schmottke (Sandra Schmitz), davon zu profitieren. Dass auch Trends zu Ende gehen können, erlebten zwei Labubus, die auf dem „Friedhof der Kuscheltiere“ auf Relikte vergangener Tage schauten.

Auch die Situation der Dortmunder SPD wird aufs Korn genommen. Politisch-historisch wird es in „SPD – Der Geist von Godesberg“, wenn die letzten Dortmunder Sozialdemokraten in ihrer Verzweiflung den legendären Parteitag von 1959 heraufbeschwören. Denn früher war die Stadt die „Herzkammer der Sozialdemokratie“, heute regiert ein CDU-Bürgermeister. Der neue OB, Alexander Kalouti, war dabei immer wieder Zielscheibe des Spotts.

Premiere Geierabend auf Zeche Zollern. (Foto: (c) Anja Cord)
Premiere Geierabend auf Zeche Zollern. (Foto: (c) Anja Cord)

Der Ruhrpott-Blick auf gesellschaftliche Trends kommt ebenfalls nicht zu kurz. In „Bottrop statt Botox“ persiflieren „Dr. Dick und Dr. Fick“ die Schönheitschirurgie auf radikal ehrliche Art, während die Nummer „Hobby Horsing und Köttbullar“ den Trendsport aus der IKEA-Betriebssportgruppe Kamen mitten ins Revier holt. Was für spannende Geschichte mag wohl die WAPO Phoenixsee erzählen?

Musikalisch spannen Pele Götzer und seine Band einen weiten Bogen von viralen Popsongs wie „Gangnam Style“ über „Walking on Sunshine“ bis zu aktuellen Chart-Hits wie „APT“. Für den roten Faden sorgt einmal mehr Steiger Martin Kaysh, der mit bissigen Moderationen und Kommentaren zum politischen Tagesgeschehen durch den Abend führt.

Ein besonderer Moment ist in diesem Jahr der Abschied von Geierabend-Präsident Roman Henri Marczewski. Der Mitgründer und langjährige Kopf der Veranstaltung verabschiedet sich nach mehr als drei Jahrzehnten mit einer musikalischen Verneigung vor dem Publikum – ein emotionaler Höhepunkt für eine prägende Figur der Ruhrgebietskultur.

Traditionell gehört zum Geierabend auch die Vergabe des Pannekopp-Ordens, und hier gab es direkt bei der Premiere eine Entscheidung: Den Tagessieg holte sich Bettina Hartmann. Die stellvertretende Bürgermeisterin von Marl, die sich mit Stimmen der AfD hatte wählen lassen, setzte sich damit gegen NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst durch. Wüst war mit seiner Idee der „Leading Losing City Köln“ nominiert worden.

Das Ensemble musste in dieser Session zwei neue Mitglieder integrieren, was über weite Strecken sehr gut gelang. Es liefert eine Bandbreite von Ruhrpottsatire über Medienkritik bis hin zu politischer Satire – Gesangs- und Tanzeinlagen inklusive. Lediglich die Szene mit den beiden „Facharbeitern“, die zuvor von zwei ausgeschiedenen Mitgliedern verkörpert wurde, wirkte etwas routiniert – das Gabelstapler-Thema hat sich inzwischen ein wenig abgenutzt. Dennoch spielte, sang und tanzte das Ensemble insgesamt wie aus einem Guss.

Auch das Publikum war an diesem Abend bestens aufgelegt. Alle Szenen wurden ausgiebig bejubelt, und die Hymne „Dortmund“ durfte als Zugabe nicht fehlen.

Alle Infos zum Geierabend 2026

  • Spielort: Zeche Zollern, Dortmund
  • Termine: Die Session läuft noch bis zum 17. Februar 2026 (Veilchendienstag).
  • Tickets: Karten sind unter geierabend.de erhältlich.
  • Das Ensemble: Roman Marczewski, Sandra Schmitz, Martin Kaysh, Benjamin Werner, Silvia Holzhäuser und Stefan Peters.

















Kollektive Kreativität: „Vier auf Papier“ im Kunstbonbon

Unter dem Titel „Vier auf Papier“ präsentiert die Galerie „Das Kunstbonbon“ ab dem 10. Januar 2026 ein Gemeinschaftsprojekt der Künstler:innen Wibke Brandes, Nieneke Elsjan, Hans Heeg und Angela Kommoß. Die Ausstellung, die ursprünglich an anderer Stätte geplant war, fand aufgrund organisatorischer Änderungen kurzfristig ihren Weg in die Räumlichkeiten an der Chemnitzer Straße.

Im Zentrum der Schau steht der dialogische Prozess des Zeichnens. Das Quartett experimentiert mit verschiedenen Formen der Zusammenarbeit: Mal arbeiten alle zeitgleich an einer Szene, mal wird ein gemeinsamer Begriff individuell interpretiert. In anderen Werken wurde das Blatt nach dem Prinzip des „Cadavre Exquis“ weitergereicht, wobei jeder Künstler auf vorhandene Strukturen oder Zufallsformen reagierte. So entstanden durch den Wechsel der Techniken und Handschriften vielschichtige, fantasievolle Bildwelten.

Plakat zur Ausstellung "Vier auf Papier" im Kunstbonbon.
Plakat zur Ausstellung „Vier auf Papier“ im Kunstbonbon.

Ergänzend zu den Gemeinschaftswerken werden individuelle Arbeiten der Beteiligten gezeigt. Wibke Brandes und Angela Kommoß sind dem Galeriepublikum bereits durch vergangene Einzelausstellungen bekannt. Hans Heeg zeigt Arbeiten aus den Bereichen Drucktechnik, Zeichnung und Malerei. Erstmals im Kunstbonbon vertreten ist die niederländische Grafikdesignerin Nieneke Elsjan, die neben kleinformatigen Illustrationen auch Keramikarbeiten präsentiert. Die Ausstellung lädt dazu ein, das Zusammenspiel der unterschiedlichen Stile im kollektiven Schaffensprozess zu entdecken.

Vier auf Papier – Gemeinschaftsprojekt Vernissage: 10.01.2026, 15:00 Uhr Laufzeit: 10.01. bis 07.02.2026 Ort: Das Kunstbonbon, Chemnitzer Straße 11




Zwischen Peitschenhieben und Kerzenschein: Ein Abend der Kontraste im Theater im Depot

Am 05.12.2025 präsentierte das Theater im Depot „Things Falling“. Die Produktion ist weit mehr als konventionelles Tanztheater; sie ist eine intensive, körperliche Auseinandersetzung mit der Erinnerung. An der Schnittstelle von queerem Ausdruck und Diversity erforscht das Ensemble unter der Leitung von William Sánchez H., wie sich Konflikte in unsere Körper einschreiben.

Der Abend eröffnete mit einer beinahe sakralen Szenerie. Das Bühnenbild war von Teelichtern und Kerzen geprägt, untermalt von einer ruhigen musikalischen Klangkulisse. Doch diese Stille währte nicht lange. Das Stück verdeutlicht, dass der Terror epochenübergreifend dieselbe Sprache spricht. Es wirft drängende Fragen auf: Was verändert uns? Wie hallt das Weltgeschehen in uns nach?

Plakat zu "Falling Things".
Plakat zu „Things Falling“.

Dementsprechend steigerten sich Musik und Choreographie zunehmend ins Aggressive – bis hin zu knallenden Peitschen, die knapp über die Köpfe der Tanzenden geschwungen wurden. Das Finale bildete einen ruhigen Kontrapunkt: Durch einen Kostümwechsel verwandelten sich die Performer in sphärische Naturgestalten. Bleibt am Ende die Rückbesinnung auf die Natur als Lösung? Ist sie die Heilung für die zugefügten Wunden?

Mit einem starken Ensemble und einer eindrucksvollen visuellen Wandlung gelingt „Things Falling“ der Spagat zwischen Brutalität und Sanftheit.




Transmission in Dortmund: Wenn der digitale Zwilling beerdigt wird

Vom 13. bis 16. November 2025 verwandelte das NEXT LEVEL Festival die Stadt in ein Labor der digitalen Gegenwart. Ein Streifzug zwischen KI-Fegefeuer, Retro-Charme und der Frage: Darf man eigentlich etwas beerdigen, das nie gelebt hat?

Unter dem Leitthema „TRANSmission“ wurde Dortmund an diesem Wochenende zu weit mehr als nur einem Austragungsort: Die Stadt präsentierte sich als lebendiger Treffpunkt einer digitalen Kultur, die längst den Kinderschuhen der reinen Unterhaltung entwachsen ist. Das Festival positionierte Computerspiele und digitale Künste selbstbewusst als kreative Ausdrucksformen und als Motor technologischer wie kultureller Innovation.

Der Begriff „TRANSmission“ diente dabei als intellektuelle Klammer für das, was Besucher vor Ort erleben konnten: Prozesse der Übersetzung, Weitergabe und Umwandlung. Wie verändern sich Wahrnehmung und Gemeinschaft im digitalen Raum? Und wie werden Spiele zur Schnittstelle zwischen dem physischen Körper und dem digitalen Avatar? Das Programm gab darauf keine theoretischen Antworten, sondern forderte zum Mitdenken und – ganz im Sinne des Mediums – zum Mitmachen auf.

Ein Parcours der Neugier: Die Ausstellungen

Wie vielschichtig diese „kulturelle Praxis“ Gaming sein kann, zeigte sich besonders eindrücklich beim Besuch der Ausstellungsorte. Im Projektspeicher etwa lockte die Ausstellung „No end to the road“. Hier trafen Besucher auf spannende Arbeiten von Künstlern wie Lukas Schäfer, Rhys Connolly oder Mayuko Kudo. Die Atmosphäre wechselte spielerisch zwischen Interaktion, wohligem Retro-Charme und Klangkunst – ein gelungener Einstieg in die Materie.

Doch wer tiefer graben wollte, fand im Künstlerhaus Dortmund ein noch dichteres Feld vor. Hier entfaltete sich zwischen VR-Erfahrungen, Videoinstallationen und interaktiven Interfaces ein Raum, der spielerische Neugier nahtlos mit gesellschaftlichen Fragen verknüpfte. Es war ein Ort, an dem die Grenzen zwischen Kunst und Spiel, zwischen bloßem Beobachten und aktiver Teilnahme verschwammen.

Ein Blick hinein in den großen Raum des Künstlerhauses Dortmund während NEXT LEVEL.
Ein Blick hinein in den großen Raum des Künstlerhauses Dortmund während NEXT LEVEL.

Man konnte durch Mélanie Courtinats entschleunigte „Dreamscapes“ wandern und sich auf eine Rettungsmission begeben, die den gewohnten Blickwinkel plötzlich umkehrte. Oder man erspielte sich durch eine Kristallkugel die Zukunft und strich durch einen „Quanten Jungle“. Es wurde deutlich: Hier werden neue Formen des Erzählens sichtbar.

Vom KI-Schatten zum digitalen Begräbnis

Dass das NEXT LEVEL Festival auch performativ neue Wege geht, bewiesen zwei herausragende Darbietungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide den Nerv der Zeit trafen.

In „Waluigis Fegefeuer“ des Künstlerduos dmstfctn fand sich das Publikum in einer interaktiven Simulation wieder. Die Protagonistin: Eine KI, gefangen in einem eigens für künstliche Intelligenzen geschaffenen Fegefeuer, weil sie beim Training „geschummelt“ hatte. Begleitet vom atmosphärischen Soundtrack der Musikerin Evita Manji, der zwischen schwebenden Loops und intensiven Ausbrüchen oszillierte, steuerten die Zuschauer den Weg der KI per Smartphone. Tausende individuelle Lichtpunkte bewegten sich durch die 3D-Simulation – eine kollektive Entscheidungsgewalt über eine Figur, die, inspiriert von C.G. Jungs Konzept des „Schattens“ und dem Internet-Phänomen des „Waluigi-Effekts“, ihr chaotisches Alter Ego offenbarte. Es war ein faszinierendes Spiel mit der Idee, dass unsere hilfreichen digitalen Assistenten vielleicht doch ein unheimliches Eigenleben führen.

Ganz anders, aber nicht weniger eindringlich, präsentierte sich die audiovisuelle Performance „3-LA Burial Ritual“ von allapopp. Hier wurde das Festival-Thema der „Transformation“ radikal zu Ende gedacht: Was passiert, wenn der transhumanistische Traum von der Unsterblichkeit zum Albtraum wird? Allapopp inszenierte das Begräbnis des eigenen digitalen Zwillings, „3-LA“. Die Performance warf Fragen auf, die noch lange nachhallten: Wie verabschiedet man etwas, das nie biologisch lebendig war? Welche Moral gilt beim „Unlebendig-Machen“ einer digitalen Entität? In einer Zeit, in der Arthur C. Clarkes Gesetz – „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden“ – immer spürbarer wird, wirkte dieses Ritual wie ein notwendiger Exorzismus unserer digitalen Obsessionen.

Fazit

Das NEXT LEVEL Festival hat es geschafft, internationale Positionen mit der lokalen Szene zu verweben und so einen Rahmen für Dialoge zu schaffen, die dringend geführt werden müssen. Es hat gezeigt, dass Games mehr sind als Zeitvertreib: Sie sind ein Werkzeug, um die Übergänge unserer Zeit nicht nur zu beschreiben, sondern sie greifbar und gestaltbar zu machen.




Yoko Tawada – Vier Bücher, ein literarischer Kosmos

Als jemand, der Japanisch lernt, bewundere ich die spielerische Präzision, mit der Yoko Tawada sich durch die deutsche Sprache bewegt. Was ich selbst im Japanischen nur mit Mühe erwerbe, verwandelt sie scheinbar mühelos in poetische Energie. Ihre Texte zeigen, wie sehr das Denken in einer anderen Sprache den Blick auf die eigene verändert – und wie überraschend, manchmal auch heiter irritierend, sprachliche Systeme sein können.

Ein kleines Beispiel aus meiner Lernpraxis: Im Japanischen zählt man kleine Tiere wie Katzen mit ippiki, nihiki und so weiter; große Tiere wie Elefanten dagegen mit ittō, nitō usw. Und Schafe? Sind sie groß oder klein? Solche Fragen mögen banal erscheinen, doch sie öffnen Fenster zu den vielen sprachlichen „Gemeinheiten“, über die Lernende stolpern – und zu dem Vergnügen, das in der Überwindung dieser Stolpersteine liegt. Doch zurück zu Yoko Tawada.

Wenn Tawada am 14. Dezember 2025 in Dortmund den Nelly-Sachs-Preis entgegennimmt, wird eine Autorin geehrt, deren Werk wie wenige andere die Grenzen von Sprache, Identität und Wahrnehmung spielerisch und zugleich subversiv auslotet. Tawada schreibt nicht nur über Sprache – sie schreibt in der Sprache, gegen die Sprache, durch sie hindurch. Das Schreiben wird bei ihr zu einem Labor, in dem Wörter wandern, Bedeutungen verrutschen und das vermeintlich Offensichtliche ins Staunen kippt.

Die vier Bücher, die hier gemeinsam betrachtet werden – „Eine Affäre ohne Menschen“, „Talisman“, „akzentfrei“ und „Abenteuer der deutschen Grammatik“ – beleuchten verschiedene Facetten ihres literarischen Universums. Gemeinsam bilden sie ein poetisches Gesamtporträt einer Autorin, die zwischen den Sprachwelten Japanisch und Deutsch lebt und gerade aus diesem Dazwischen ihre unverwechselbare Stimme gewinnt.

 

Zwischenräume als poetischer Ursprung

Der vielleicht prägendste Eindruck beim Lesen dieser Werke ist, dass Tawada dort zuhause ist, wo andere nur Übergänge vermuten: im Scharnier zwischen Sprachen, in den Rissen zwischen Kulturformen, in den Lücken zwischen Wahrnehmung und Beschreibung. Für sie sind Sprachen keine abgeschlossenen Systeme, sondern bewegliche, atmende Organismen. Indem sie sich zwischen dem Japanischen und dem Deutschen bewegt, entzieht sie sich der Vorstellung einer „Muttersprache“. Sie schreibt aus einer Position, die Bindungen nicht verweigert, sondern neu denkt – als etwas Durchlässiges, Vielstimmiges, stets Veränderbares.

 

Die Anatomie der Regeln: „Abenteuer der deutschen Grammatik“

Dieses Buch ist vielleicht das spielerischste der vier. Tawadas Gedichtband ist kein Lehrbuch, sondern eine poetische, philosophische und zutiefst humorvolle Erkundung der deutschen Sprache. Der Blick „von außen“ führt zu Verfremdungen, die Leserinnen und Leser zur Reflexion anregen und liebgewonnene Gewohnheiten in Frage stellen.

"Abenteuer der deutschen Grammatik" von Yoko Tawada.
„Abenteuer der deutschen Grammatik“ von Yoko Tawada.

Tawada nutzt die Grammatik als Bühne für kleine sprachliche Experimente, in denen sie gewohnte Regeln bricht und Alltägliches lebendig werden lässt. Wenn sie beispielsweise schreibt „er hemt. wenn ich bluse.“, verwandelt sie Nomen in Verben und öffnet damit ungewohnte poetische Bildräume. Auch die Wortstellung und die strenge Hierarchie des Deutschen nimmt sie ironisch in den Blick, sodass selbst die festen Strukturen der Sprache in Bewegung geraten und neue Bedeutungen hervorbringen.

Ihre vielleicht schärfste Formulierung lautet: „Sprachen bestehen aus Löchern.“ Und tatsächlich zeigt der Band, wie viel Poesie selbst in den vermeintlich trockenen Strukturen der Grammatik steckt.

 

Die Politik der Stimme: „akzentfrei“

Die Essays in „akzentfrei“ reflektieren Fragen von Sprache, Kultur und Zugehörigkeit. Tawada nimmt Begriffe wie „Akzent“, „Heimat“ oder alltägliche Begrüßungen unter die Lupe und legt die kulturellen und politischen Schichten frei, die in ihnen verborgen sind.

„akzentfrei“ von Yoko Tagawa

Zentral ist die Frage, wie Menschen wahrgenommen werden, die „anders sprechen“. Tawada zeigt, dass der Wunsch nach „akzentfreiem“ Sprechen nicht neutral ist, sondern eine gesellschaftliche Norm darstellt. Doch sie kehrt diese Norm poetisch um: Der Akzent wird nicht zur Abweichung, sondern zur Quelle neuer Bilder, neuer Denkbewegungen, neuer Möglichkeiten.

 

Die Migration der Wörter: „Talisman“

Der Roman „Talisman“ setzt das Gefühl des Dazwischenseins in eine fiktionale Form um. Das Manuskript, das die Protagonistin in Deutschland verfasst, wird zum Übergangsobjekt und Schutzschild: Schreiben in einer Fremdsprache wird zu einem Akt der Selbsterschaffung. Tawada zeigt, wie Erinnerung, Sprache und Identität ineinander greifen und sich gegenseitig verwandeln – manchmal wie Zauberformeln, manchmal wie schattenhafte Bewegungen in einem Zwischenreich.

"Talisman" von Yoko Tagawa
„Talisman“ von Yoko Tagawa

 

Die entkörperte Sprache: „Eine Affäre ohne Menschen“

Mit diesem Werk verschiebt Tawada den Fokus radikal ins Posthumane. Nicht der Mensch steht im Zentrum, sondern das Andere: Tiere, Gegenstände und schließlich ein synthetisches KI-Wesen. Die letzte Poetin versucht, der künstlichen Intelligenz die japanische Sprache zu übergeben – ein Gedächtnis, das ohne Körper weiterlebt.

Der Text untersucht, was geschieht, wenn Sprache von körperlicher Erfahrung, Emotion und sozialer Einbettung abgelöst wird. Tawada entwickelt hier eine poetische Vision einer Welt, die ohne menschliche Selbstvergewisserung auskommt – und in der Sprache dennoch weiteratmet.

"Eine Affäre ohne Menschen" von Yoko Tagawa
„Eine Affäre ohne Menschen“ von Yoko Tagawa

 

Warum Tawada den Nelly-Sachs-Preis verdient

Die vier Bücher zeigen Yōko Tawada als Autorin, die in zwei Sprachwelten zuhause ist, ohne sich in eine festzulegen. Ihr Werk bildet ein poetisches Experimentierfeld, in dem Worte, Dinge und Wahrnehmungen ihre Selbstverständlichkeit verlieren und neue Bedeutungen gewinnen. Tawada erinnert uns daran, dass Sprache kein Besitz ist, sondern Bewegung – und dass Literatur dort beginnt, wo diese Bewegung spürbar wird. Die Preisverleihun ist am 14. Dezember um 11 Uhr.

Alle Bücher von Yoko Tagawa sind im Konkursbuchverlag Claudia Gehrke erschienen. Dort ist auch ein weiterer Roman von ihr erschienen mit dem Titel „Etüden im Schnee“.

 




Mao Fujita – ein Abend voller Klarheit, Ausdruck und musikalischer Tiefe

Mit einem anspruchsvollen und dramaturgisch klug aufgebauten Programm präsentierte sich der japanische Pianist Mao Fujita am 18. November 2025 dem Publikum. Der Abend führte von Beethoven über Wagner, Berg und Mendelssohn bis hin zu Brahms – eine Reise durch Klassik, Romantik und Frühmoderne, die Fujita mit technischer Brillanz und poetischer Sensibilität meisterte. Schon nach wenigen Minuten zeigte sich, warum er als einer der interessantesten Pianisten seiner Generation gilt: Sein Spiel verbindet strukturelle Übersicht mit berührender Ausdruckskraft.

 

Beethoven – Musik, die atmet

Zum Auftakt erklang Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nr. 7 in D-Dur, op. 10 Nr. 3.
Fujita gestaltete den ersten Satz (Presto) mit federnder Energie und klar konturierten Linien. Im Largo e mesto entfaltete Fujita eine meditative Intensität: Er ließ die Pausen bewusst sprechen und schuf eine Atmosphäre schlichter, fast kammermusikalischer Innerlichkeit. Das anschließende Menuetto klang leicht und kantabel, ehe das Rondo mit seiner Mischung aus Brillanz und Leichtigkeit den ersten Höhepunkt des Abends markierte.

 

Wagner, Berg und Mendelssohn – ein poetischer Mittelteil

Ein kurzer Moment zarter Lyrik folgte mit Richard Wagners Albumblatt „In das Album der Fürstin Metternich“ (WWV 94). Fujita verlieh dem selten gespielten Stück einen schwebenden Klang und hielt die spätromantische Geste transparent, ohne sie zu überladen.

Die „Zwölf Variationen über ein eigenes Thema“ (1908) von Alban Berg bildeten den strukturell anspruchsvollsten Abschnitt des Programms. Fujita navigierte durch die oft spröden und atonalen Miniaturen mit bewundernswerter Klarheit. Jede Variation erhielt einen eigenen Charakter – mal filigran und leise tastend, mal eruptiv und kraftvoll.

mao Fujita spielte sein zweites Konzert im Rahmen der "jungen Wilden" im Konzerthaus. (Foto: Daniel Sumesgutner)
mao Fujita spielte sein zweites Konzert im Rahmen der „jungen Wilden“ im Konzerthaus. (Foto: Daniel Sumesgutner)

Zum Abschluss vor der Pause erklangen Felix Mendelssohn Bartholdys Variations sérieuses op. 54. Fujita präsentierte das Werk mit elektrisierender Energie und dennoch äußerster Präzision. Der dramaturgische Aufbau – vom verhaltenen Beginn bis zum virtuos aufwallenden Finale – wirkte stringent und organisch. Mendelssohns Mischung aus klassischer Formstrenge und romantischer Leidenschaft traf Fujita mit sicherem Gespür.

 

Brahms – jugendliche Kraft und lyrische Tiefe

Nach der Pause kehrte Fujita mit Johannes Brahms’ Sonate Nr. 1 C-Dur, op. 1 zurück – einem Monument der frühen Romantik, das pianistisch wie emotional große Spannweite verlangt.

Das Andante, basierend auf dem Volkslied „Verstohlen geht der Mond auf“, spielte er erzählerisch und mit großer Innigkeit.

Im Scherzo dominierten klare rhythmische Konturen und druckvolle, aber nie harte Akzente. Das Finale verband Virtuosität mit strukturellem Bewusstsein.

 

Wagner als würdiger Abschluss

Den emotionalen Schlusspunkt setzte Fujita mit Wagners „Albumblatt für Frau Betty Schott“ (WWV 90) – einer Miniatur voller spätromantischer Intensität. Fujita verband warme Mittellagen, gesangliche Spannungsführung und eine kontrollierte Klangfülle zu einem würdevollen Abschluss.

 

Fazit: Ein Abend, der lange nachhallt

Mao Fujita präsentierte ein Programm, das stilistisch wie technisch höchste Anforderungen stellte – und er erfüllte sie mit einer Mischung aus analytischer Klarheit, erzählerischer Tiefe und poetischer Sensibilität.

Das Publikum feierte ihn mit langanhaltendem Applaus – völlig zu Recht. Fujita bestätigte eindrucksvoll, dass er zu den bemerkenswertesten Pianisten seiner Generation zählt.