artscenico – Der Klang der Stille am Hauptfriedhof

Im winterlichen Ambiente präsentierte die Theatergruppe artscenico ihren dritten Teil der „Creatures“-Reihe unter dem Titel „Sound of silence“. Am 29.01.23 begaben sich die Künstlerinnen und Künstlermit den Zuschauenden auf eine kleine künstlerische Tour über den Dortmunder Hauptfriedhof.



Angeführt von zwei „Vogelkundlern“ (Ismail Monagas und Cynthia Scholz) nach der Melodie von Mozarts „Vogelfänger“ marschierte die Gruppe von Station zu Station, um dort einige der Kreaturen zu erleben.

Natürlich waren die bekannten Gesichter von artscenico wieder da. Sascha von Zambelly spielte unter anderem einen Friedhofsbesucher, der lautlos die Besucher unterhielt. Schließlich hieß das Programm auch „Sound of silence“ und der Dortmunder Sprechchor, sang passend dazu das bekannte Lied von „Simon & Garfunkel“.

Skurrile Stationen gab es natürlich auch. So suchte beispielsweise ein Taucher jemanden, der in einen „Brunnen“ (Wasserentnahmestelle) steigt. Sehr schön war die Szene auf der Toilette im Hauptfriedhof. Hier spielten zwei Mitglieder des Sprechchors eine große Rolle, der eine als Kuckuck, die andere als Wetterhäuschenfigur. Nach einem unterhaltsamen Vortrag über das Nichts ging es zur nächsten Station.

Es war ein sehr musikalischer theatraler Spaziergang. Neben „Sound of silence“, wurden auch „Der lachende Vagabund“ oder „Auf einem Baum ein Kuckuck“ zum Besten gegeben. Als Akteure dabei waren: Sprechchor Dortmund, Jochen Brüse, Roman D. Metzner, Ismail Monagas, Elisabeth Pleß, Cynthia Scholz, Lars wege und Sascha von Zambelly.

Nach fast zwei Stunden war Schluss und die tapferen Wandernden wurden mit einer Tasse Punsch wieder aufgewärmt. Am 19.02.23 und 12.03.23 wird „Sound of Silence“ wiederholt. Dan ist zu hoffen, dass die Temperaturen etwas höher sind als Ende Januar. Zumindest sollte an warme Kleidung gedacht werden.

Wer lyrische, musikalische und szenische Perfomances mag, sollte sich unter www.artscenico.de anmelden.




Unter Grund – Fakten statt Emotionen

Willkommen im Schauspiel-Kolleg. Heute geht es um Bergbaugeschichte, Klimawandel und Terraforming des Mars. Als Bonus gibt es noch eine kleine Krimigeschichte. Klingt spannend? War es aber nicht.



Zum Plot von “Unter Grund”. Umweltaktivisten entführen einen Milliardär in ein wiedereröffnetes Bergwerk, in dem die Menschen in Zukunft leben sollen, weil es auf der Oberfläche zu heiß ist. Wohingegen einige reiche Personen sich auf dem Mars abgesetzt haben, der dank Terraforming lebenswert geworden ist.

Ein klein wenig Emotion zwischen Vater (Ekkehard Freye) und Tochter (Antje Prust) (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Ein klein wenig Emotion zwischen Vater (Ekkehard Freye) und Tochter (Antje Prust) (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Was hätten wohl Streaminganbieter wie Netflix daraus gemacht? Natürlich ist es unfair, das städtische Schauspiel mit einem milliardenschweren Unternehmen zu vergleichen, aber was am 28. Januar 2023 auf der großen Bühne unter dem Titel “Unter Grund” präsentiert wurde, war zwar informativ, aber leider auch emotionslos und blutleer.

Das Stück wurde geschrieben von Sanja Mitrović, die auch Regie führte. Sie schafft es reale Fakten mit einem fiktiven Szenario zu verknüpfen, vergisst aber das Wichtigste: Eine Geschichte zu erzählen mit Figuren, die Emotionen bei den Zuschauenden auslösen.

Schon der Beginn, die Exposition, war langatmig. Die Tochter (Antje Prust) erzählt aus dem Off über die Beziehung zu ihrem Vater (Ekkehard Freye), während er auf der Bühne ist.

Beim Wiedersehen kommt es nur zu einer kurzen Umarmung. Emotion pur.

Immerhin die Zuschauenden lernen etwas über die Beweggründe, warum Menschen aktiv werden und über Konzepte wie die CO2-Münze oder höhere Besteuerung von Wohlhabenden.

Zusätzlich wird Terraforming so erklärt, als wenn man einen Artikel im „Spektrum der Wissenschaft“ liest. Alles sehr informativ, aber das können Harald Lesch und Mai Thi Nguyen-Kim besser.

Der Antagonist, der entführte Milliardär (Alexander Darkow), kommt als eindimensionaler Unsympath daher, er könnte glatt ein Schild mit „Elon Musk“ um den Hals tragen. 

Am Ende finden beide Parteien irgendwie zusammen, weil es auf dem Mars zu Problemen kam und die Reichen festgestellt haben, dass mit Umweltschutz doch Geld zu verdienen ist. Aha. Das Stück endete mit dem Steiger-Lied, Ruhrgebiets-Kitsch par excellence, aber immerhin etwas, was emotional ist.

Wie bereits erwähnt, das Stück ist sehr informativ: Ein wenig Bergbaugeschichte, Ideen und Konzepte der Klimaaktivisten, Terraforming des Mars, alles das wird vermittelt. 

Auch möchte ich das Bühnenbild von Jasmin Holbus positiv erwähnen, ein riesiger drehbarer Kohleklotz, der sich in eine Schwarzkaue und in ein Bergmannszimmer verwandeln konnte.

Ich hätte mir nur eine Geschichte etwas mehr Emotionen gewünscht und ich vermute, die Schauspielenden Ekkehard Freye, Antje Prust, Raphael Westermeier, Adi Hrustemović, Valentina Schüler und Alexander Darkow auch.




Ins Licht geholt – Komponistinnen im Fokus

Die Welt der Musik ist eine Welt der Männer. Auch heute noch. Dabei gab es schon im Barock Frauen, die komponierten. Barbara Strozzi oder Antonia Bemba wurden vor nicht allzu langer Zeit beim Festival klangvokal mit einem Konzert geehrt. Wir berichteten darüber.



Dennoch werden Frauen als Komponistinnen nach wie vor marginalisiert. Sie sollten ihre musikalischen Fähigkeiten als „Hobby“ ausleben und sich um Haus und Familie kümmern. Das Konzert „Am Rande des Lichts: Komponistinnen gestern und heute“ am 27. Januar 2023 im Konzerthaus Dortmund präsentierte Musik von Frauen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Auch wenn die hämischen Kommentare und hanebüchenen „Argumente“ männlicher Musiker über Komponistinnen nachgelassen haben, so scheint es doch doppelt schwer zu sein, dass Musik von Frauen wahrgenommen wird.
Das WDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Miguel Pérez Iñesta spielte an diesem Abend Werke von neun Komponistinnen, wobei das „Konzert für Klavier und Orchester a-Moll“ von Clara Schumann im Mittelpunkt stand.
So unterschiedlich wie die Komponistinnen war auch die Musik, die vom Impressionismus über den Neoklassizismus bis zur Romantik reichte.
Den Anfang machte Maria Bach, die nicht nur als Komponistin, sondern auch als Malerin tätig war. Sie schrieb 400 Lieder, und im Konzert erklangen die „Préludes des cloches“, ein kleines impressionistisches Stück.
Die rhythmisch-dynamische „Ouvertüre“ von Grażyna Bacewicz begeisterte das Publikum auf Anhieb. Die polnische Komponistin erhielt leider nicht die Aufmerksamkeit wie ihre männlichen Kollegen, z.B. Penderecki.

Augusta Holmès wurde eine „glorreiche Karriere“ vorausgesagt, doch viele ihrer Werke sind noch unentdeckt. Auch hier muss man sagen: leider, denn das träumerisch-lyrische „La nuit et l’amour“ ist von bezaubernder Schönheit.
Elizabeth Maconchy wird gerne auf ihre 13 Streichquartette reduziert. Dabei hat sie viel mehr Musik komponiert, die leider nur selten auf den Spielplänen der Konzerthäuser zu finden ist. Dass sich das ändern sollte, zeigte das gespielte „Allegro molto“ aus der „Sinfonie für Doppelstreichorchester“.
Neoklassizistisch kam die „Petite Suite“ von Germaine Tailleferre daher. Die eingängigen, verspielten Melodien wirkten beruhigend. Einige Musiker waren auf den oberen Rängen verteilt, was ein interessantes Klangbild ergab.
Danach erklang das „Konzert für Klavier und Orchester in a-Moll“ von Clara Schumann. Am Klavier saß Nathalia Milstein, die das Stück einfühlsam interpretierte. Ein ganz besonderes Erlebnis war das Zusammenspiel zwischen der Cellistin und der Pianistin zwischen dem ersten und dem zweiten Satz. Ein wunderbares Stück Musik von einer 16-Jährigen.

Etwas düsterer wird es in Rebecca Clarkes „Poem“ für Streichquartett. Das expressive Stück aus dem Jahr 1926 wirkt wie ein Suchender. Hin und wieder meint man einen Herzschlag zu hören.
Wer romantische Musik mag, kam bei „Dreaming“ von Amy Beach auf seine Kosten. Wie viele andere Komponistinnen vor ihr wurde auch sie nach ihrer Heirat von ihrem Mann gezwungen, ihre Konzerttätigkeit aufzugeben bzw. in ihrem Fall auf ein Konzert pro Jahr zu reduzieren. In „Dreaming“ gefällt besonders das Zusammenspiel von Cello und Klavier.
Das Finale ist Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy, gewidmet. Das „Andante soave“ aus den „Sechs Melodien für Klavier“ strömt wie in Wellen auf die Zuhörenden zu und umspült sie. Ein Juwel der romantischen Musik.
Aber das Konzert war ja „Am Rande des Lichts“ überschrieben. Behutsam wurden Lichtelemente des Künstlers Iñigo Giner Miranda in den Konzertsaal integriert und rückten die Frauen vom Rand des Lichts in den Mittelpunkt. Es war effektvoll, lenkte aber nicht von der Musik ab.
Generell ist zu wünschen, dass mehr Komponistinnen auf den Spielplänen der Konzerthäuser stehen, es gibt viel zu entdecken.




Stand der Dinge – künstlerische Standortbestimmung

In der BIG gallery startet am 29. Januar 2023 die Ausstellung des Westfälischen Künstlerbundes. Sie geht bis zum 26. März 2023. An der Ausstellung nehmen 11 Künstlerinnen und Künstler teil, der Titel lautet „Stand der Dinge“.



„Stand der Dinge“ kann vieles bedeuten. Einerseits ist es eine Frage: wie ist jetzt der Stand der Dinge? Es ist die Möglichkeit innezuhalten oder ein Fazit zu ziehen. Zu sehen sind klassische Malerei, Druckgrafik, Landschaftsfotografie und einige Skulpturen.

Ein Katalog zur Ausstellung ist ebenfalls erschienen.
Ein Katalog zur Ausstellung ist ebenfalls erschienen.

Einige der Arbeiten sind erschreckend aktuell. Die Bilder von Irmhild Koeniger-Rosenlechner sind zwar von Anfang der 90er Jahre über den Bosnien-Krieg, sind aber im Zeichen des jetzigen Kriegs in der Ukraine wieder aktuell.

Die Natur hat ja auch immer etwas Erhabenes bis Spirituelles. In den Arbeiten von Petra Böttcher-Reiff und Klaus Pfeiffer sieht man das sehr gut. Tiefrote Sonnenuntergänge (Böttcher-Reiff) kontrastieren dabei mit den Schwarz-weiß Fotos von Pfeiffer. Verzweiflung oder doch Hoffnung?

Axel M. Mosler Fotografie spielt mit Gegenständen, die vom Menschen in die Natur gestellt wurde. Hier der Kontrast besonders gut zu sehen, der zwischen die Natur tobt, die versucht sich etwas zurückzuholen, was der Menschen in die Natur gesetzt hat.

Dieter Ziegenfeuter zeigt wieder seine legendären Wolkenbilder. Auf der einen Seite Schwarz und bedrohlich, auf der anderen Seite aber durch aus in einem fröhlichen Weiß und hoffnungsvoll.

Die Arbeiten von Walter Hellenthal mäandern zwischen dem Organischen und Anorganischen. Die Natur steh im Mittelpunkt seines künstlerischen Statements zum Stand der Dinge.

In den Weltall entführt uns der Künstler Andi Knappe. Seine Space-Bilder entführen uns in den unendlichen Raum mit offenem Ausgang. Was wird uns dort erwarten? In eine ähnliche Richtung gehen die Stahlarbeiten von Sebastian Wien. Sind es vielleicht Außerirdische, die nur darauf warten in unsere Realität zu gelangen?

Muss der Stand der Dinge eigentlich ein fester Punkt sein? Für Richard A. Cox nicht. Seine tanzenden Bilder zeigen die ewigen Bewegungen. Panta rhei.

In einem geheimnisvollen Spiel mit ovalen Formen und Strukturen entführt der Künstler Christoph Ihrig den Betrachtenden in der Ausstellung. Philipp Pohl hingegen zeigt Gedanken- und Bilderwelten abendländischer und anderer spiritueller Tradition.




SUPERRAUM präsentiert „Ein Blick in Dortmunder Kunst“

Die Dortmunder*innen können wieder „Ein Blick in die Dortmunder Kunst“ bekommen: Die Ausstellung der Kunst-Ankäufe aus dem Jahr 2022 ist noch bis zum 11. Februar im SUPERRAUM (Brückstr. 64) zu sehen. Das Kulturbüro präsentiert dort 37 Neuerwerbungen von 31 Künstler*innen – und damit auch die Kreativität, Vielfalt und unbändige Schaffenskraft der heimischen Kunstszene. Der Eintritt ist frei.



Seit über 60 Jahren kauft die Stadt Dortmund Kunstwerke heimischer Künstler*innen an, bewahrt diese und ermöglicht den Bürger*innen durch die neu geschaffene KUNST AUS(LEIHE) DORTMUND den Zugang zu dieser Kunst. Im Anschluss an die Ausstellung können Besitzer*innen eines Bibliotheksausweises auf die neu angekauften Werke ausleihen.

Einblicke in die Ausstellung im Superraum in der Brückstraße. (Foto:  (c) Katrin Pinetzki / Stadt Dortmund)
Einblicke in die Ausstellung im Superraum in der Brückstraße. (Foto: (c) Katrin Pinetzki / Stadt Dortmund)

Erstmals gibt es zur Ausstellung auch eine Playlist: Der Dortmunder DJ Mitch Lexus hat sich im Auftrag des Kulturbüros von den angekauften Werken musikalisch inspirieren lassen. Die Playlist findet sich unter soundcloud.com/mitchlexus/sets/ein-blick-2022. „Zu manchen Werken zeitgenössischer Kunst findet man vielleicht nicht sofort Zugang – aber die Musik kann dabei helfen, sie mit dem Herzen zu begreifen“, beschreibt Hendrikje Spengler, Leiterin des Kulturbüros, die Idee hinter dieser neuen Art der Kulturvermittlung.
Die Ausstellung ist geöffnet dienstags 12 bis 16 Uhr, mittwochs 14 bis 18 Uhr, donnerstags 16 bis 19 Uhr und samstags 12 bis 16 Uhr.
Infos zur Ausstellung, den angekauften Werken und Künstler*innen:
dortmund.de/einblick

Infos zur Kunstausleihe: dortmund.de/kunstausleihe




Franz Liszt schickt uns in die Hölle – 5. Philharmonische Konzert

Das 5. Philharmonische Konzert am17. Und 18. Januar 2023 entführte die Zuhörenden im zweiten Teil an einen ungemütlichen Ort, der Hölle wie sie sich Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ vorstellte. List vertone zwar nur das „Inferno“ und das „Fegefeuer“, aber das mit musikalischer Wucht. Kein Wunder, dass Richard Wagner von der Tonsprache Liszts angetan war.



Doch beginnen wir am Anfang. Die Leistung der Dortmunder Philharmoniker hatte an den beiden Abenden Josep Caballé Domenech, der sein Dirigat sehr souverän absolvierte.

Vor der Pause war Musik von Dimitri Schostakowitsch an der Reihe. Wer beim Neujahrskonzert dabei war, wird sich bei der „Suite Nr.1 für Jazzorchester“ an die fröhliche, beschwingte Musik erinnern. Musikalisch vergnüglich ging es mit dem „Konzert Nr.1 für Klavier, Streichorchester und Trompete“ weiter. Schostakowitsch verknüpft verschiedene Musikstile wie russische Romantik, mit Neoklassik und Moderne und füllt es mit Parodien und Klamauk auf. Oliver Schnyder am Klavier und Balázs Tóth waren die Solisten an den beiden Abenden.

Danach ging es in die Unterwelt. Liszt führte uns wie in einem abwärts fahrenden Aufzug musikalisch ins „Inferno“ inklusive dem kompletten Chaos in der Tiefe und den Höllenqualen der dort gefangenen Seelen.

Der zweite Teil, das „Fegefeuer“, eigentlich ja „Läuterung“ ist ruhiger, die Seelen warten schließlich nach erlittenen Qualen auf den Aufstieg ins Paradies. Liszt hat aber noch gegen Ende eine Überraschung in Petto: Ein Frauenchor (hier die Damen des Kammerchors der TU Dortmund und die Damen des Bach-Chors Hagen) stimmt engelsgleich das „Magnificat“ an, mit dem die Seelen ins Paradies geleitet werden.  




Aufstand der Dinge – surreales Objekttheater im Fletch Bizzel

In unserer Gesellschaft werden Dinge in Massenfertigung hergestellt, um nach Gebrauch einfach weggeworfen zu werden. Doch was ist, wenn diese Dinge eine Art Seele haben und eigene Wünsche formulieren könnten? Undenkbar? Doch im japanischen Volksglauben gibt es Alltagsgegenstände, die zum Leben erwachen und den Besitzer für seinen mangelnden Respekt strafen. Sie werden „Tsukumogami“ genannt.



Doch das Theaterstück „Aufstand der Dinge“ ist kein Horrorstück. Das Turbo Prop Theater (Rüdiger Eggert, Oliver Kockskämper und Thomas Wienand) unterstützt von Bianca Lammert und Hans-Peter Krüger, der auch den Text schrieb, nahmen die Geschichte „Aufstand der Dinge“ von Erhart Kästner als Grundlage. Die Premiere war am 14.01.2023

Die Kugelschreiberin Isabella und der Engländer Brain proben den Aufstand der Dinge. (Foto: (c) Oliver Kockskämper)
Die Kugelschreiberin Isabella und der Engländer Brain proben den Aufstand der Dinge. (Foto: (c) Oliver Kockskämper)

Das Fletch Bizzel verwandelte sich an diesem Abend in einen Kinosaal, auf dessen Leinwand eine Live-Animation gezeigt wurde. Die Dinge, die zum Leben erwachten, wurden auf einer Art Techniktisch gefilmt und auf die Leinwand projiziert.

Zur Geschichte: Anders als in der Bibel gab es noch einen achten Schöpfungstag: Da wurden die Alltagsgegenstände erschaffen. Doch die Menschen wurden der Dinge überdrüssig und alte, unbrauchbare Sachen wurden in den Abfall geworfen oder fristeten ihr Dasein auf den Dachboden. Die beiden Hauptfiguren Kugelschreiber(in) Isabella und der Engländer Brain (also das Werkzeug)  machen sich mit weiteren Leidensgenossen wie einer Milchtüte oder einer Gießkanne zu einem fernen Ort auf, der sie zu ihrem Sehnsuchtsort bringen soll.  Ob sie ihre Erlösung finden?

Das Stück lehrt uns auf witzige Art und Weise, dass wir mit den Alltagsgegenständen achtsamer umgehen sollten. Nicht, weil sie eine Seele haben, sondern weil wir mit unserer Wegwerfmentalität auch für die Umweltproblematik verantwortlich sind. Müllberge wachsen und für jedes neue Ding müssen Rohstoffe und Energie verbraucht werden. Mehr Wertschätzung für die Alltagsgegenstände um uns herum würde uns ganz guttun.

Noch zu erleben am 28.01., 17.03. und 18.03. Mehr Infos unter www.fletch-bizzel.de




Sie sind wieder hier, in ihrem Revier – Geierabend 2023

So lange mussten wir und das Ensemble des Geierabends aufeinander warten. Am 05. Januar 2023 war es endlich soweit: Die Premiere der aktuellen Geierabend-Session konnte im altbekannten Ort, der Zeche Zollern II, starten. In der Zwischenzeit hatte sich beim Ensemble einiges geändert. Wie haben sich die Neuen integriert?  Ars tremonia war vor Ort.



Der Geierabend war schon immer dafür bekannt, dass neben den allgemeinen Katastrophen, die passiert sind, auch der Pott im Mittelpunkt des Programms steht. Nicht nur, weil Recklinghausen dieses Jahr die „Partnerstadt“ des Geierabends ist. Nein, hier treten Figuren auf, die besonderen Ruhrpott-Charme versprühen wie „Miss Annen“ oder auch die Mehrfach-Alleinerziehende „Jessica“ – beides gespielt von Sandra Schmitz. Nachbarschaftsstreitigkeiten gibt’s zwar überall, doch wo werden sie musikalisch schöner aufbereitet wie im „Grillmusical“. Doch es gibt im Ruhrgebiet ernste Themen, vor allem in Dortmund: Rechtsradikalismus bei der Polizei, Stichwort „Rassist*innen“.

Das Ensemble des Geierabends beim Finale. (Foto:  © busseniusreinicke.de )
Das Ensemble des Geierabends beim Finale. (Foto:  © busseniusreinicke.de )

Es ist das Markenzeichen des Geierabends geworden, politische und eher klamaukige Themen bunt zu mischen und zu präsentieren. Lieferengpässe, Home-Office im AKW, Olaf Scholz wurden ebenso durch den Kakao gezogen wie die Grünen. Oder besser gesagt: die Oliv-Grünen.

Doch damit bekamen die Grünen nicht genug Fett weg, denn eine ihrer bekanntesten Politikerin, Claudia Roth, wurde zur Trägerin des Pannekopp-Ordens nominiert, weil sie das „Bundesinstitut für Fotografie“ lieber in Düsseldorf haben will, statt in Essen, wie es Experten vorschlugen. Sie gewann bei der Premiere haushoch gegen die Kaulitz-Brüder, die Dortmunds Architektur kritisierten. Unter www.geierabend.de kann auch online abgestimmt werden.

Sehr schön fand ich persönlich die Szenen „Immer noch warten auf Godot“, weil der analoge Godot keinen Zugang zu dem digitalen Estragon und Wladimir findet und „Altersgeilzeit“, die den Trend zu „Milfs“, also die sexuelle Begierde jüngerer Männer zu älteren Frauen, karikiert.

Und wie passten die neuen und alten Mitglieder des Geierabends zusammen? Nahezu perfekt. Angelo Enghausen Micaela, Sebastian Thrun, Nina Mühlmann und Silvia Holzhäuser wirkten so, als hätten sie schon ewig mit Sandra Schmitz, dem Steiger (Martin Kaysh) und dem Präsidenten (Roman Marczewski) zusammengearbeitet.

Auch die Geierabend-Band sorgte dafür, dass es musikalisch rund lief. Die Songs zu den einzelnen Stücken waren sehr gut ausgewählt.

Mehr möchte ich nicht verraten, denn ihr sollt natürlich die Chance ergreifen und euch selbst überzeugen, dass der Geierabend wieder live vor Ort ist. Eins ist klar: Es lohnt sich.

Termine, Karten und weitere Informationen unter www.geierabend.de




Ein amerikanisch-russisches Neujahrskonzert

Traditionell spielen die Dortmunder Philharmoniker am Neujahrstag zweimal ihr Neujahrskonzert. Dirigiert von Gabriel Feltz und moderiert von der ehemaligen Leichtathletin Jana Hartmann spielte das Orchester die Sinfonie Nr.2 von Leonard Bernstein und die Suite für Varieté-Orchester von Dimitri Schostakowitsch. Vom Titel „Auf den Spuren des Jazz“ war allerdings wenig zu hören.



Leonard Bernstein ist ähnlich wie Antonio Vivaldi mit einem bestimmten Stück verbunden. Sind es bei Vivaldi die „Vier Jahreszeiten“, so ist es bei Bernstein die „West Side Story“. Doch beide Komponisten haben natürlich weitere Musik komponiert und so war es eine schöne Erfahrung die 2. Sinfonie für Klavier und Orchester zu hören. Dabei ist es nicht einfach zu entscheiden, ob das Werk nun eine Sinfonie oder ein Klavierkonzert ist. Der Solist Sunwook Kim meisterte das Stück auf alle Fälle mit Bravour.

Bernstein vertonte das Gedicht „The Age of Anxiety“ (Das Zeitalter der Angst) von Wynstan H. Auden 1949. In seiner Musiksprache wechselt er zwischen Avantgarde, Romantik und Jazz-Elementen, vor allem aus dem damals populären Bebop.  

Der zweite Teil war dem russischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch gewidmet. Seine „Suite für Varieté-Orchester“ wird fälschlicherweise als „Suite für Jazzorchester Nr.2“ angegeben, was aber falsch ist. Die Musik erinnert mit seinen Walzern und anderen Tänzen stark an Zirkus- oder eben Varietémusik und ist sehr schwungvoll. Sie passt ideal zu einem Neujahrskonzert. Am bekanntesten ist sicherlich der Walzer Nr.2, der als Filmmusik von „Eyes wide shut“ bekannt wurde. Keine Überraschung, denn Schostakowitsch war ein geschätzter Filmkomponist.  




Weihnachten dem Roboter überlassen?

Eine Mischung aus Tanz und Theater präsentierte das Ensemble pottporus im Theater im Depot am 23. und 24. Dezember 2022. Selbstverständlich ging es um Weihnachten. Dortmund war der Abschluss der kleinen Tournee, die das Ensemble durchs Ruhrgebiet und ins Rheinland führte.



HipHop und Weihnachten – wie passt das zusammen. Erst einmal gar nicht, so scheint es. Ülkü Öztürk ist der neue Hausmeister im Hochhaus an der Emscherstraße 55 und muss von seinem Vorgänger Kalle Gutowski die jährliche Weihnachtsfeier im Partykeller des Hochhauses organisieren. Doch er hat keine Ahnung, was er tun muss. Daher soll sich seine Tochter Yasemin darum kümmern, doch die hat einen großen Tanzwettbewerb im Kopf. Die Lösung scheint einfach: Ein Weihnachtsroboter soll alles erledigen. Was kann da schon schiefgehen.

Das Stück von Till Beckmann (Text) und Zekai Fenerci (Idee) in der Regie von Jennifer Ewert spielt geschickt mit der Idee der künstlichen Intelligenz. Auch wenn das Motiv des Roboters, der doch nicht so intelligent ist, wie er anfangs erscheint, nicht neu ist, es ist immer wieder schön – vor allem für die jüngeren Zuschauer:innen – wenn der Roboter für Chaos sorgt.

Zudem sorgen die Tanzeinlagen und Choreografien von Jacqueline Neuenhausen, Souhail Jalti und Claudio Schulz-Keune gut ins Stück integriert.

Ohne zu spoilern kann ich verraten, dass es ein Happy End für alle Beteiligten gibt (außer für den Roboter), auch wenn das Ende vielleicht etwas abrupt kommt.