Mit „Zuversicht“ in die 15. Spielzeit vom KLANGVOKAL MUSIKFESTIVAL

Das KLANGVOKAL Musikfestival Dortmund startet in seine 15. Saison und präsentiert unter dem Motto „Zuversicht“ bei 24 Veranstaltungen an acht verschiedenen Spielorten vokale Höhepunkte aus Oper, Chor, Jazz und Weltmusik mit illustren Gästen wie Jordi Savall, Vox Luminis und Daniel Behle. Das Festival wird am 21. Mai feierlich mit Claudio Monteverdis „Marienvesper“ in der St. Reinoldikirche eröffnet und endet am 18. Juni mit der konzertanten Aufführung der Barockoper „Carlo il Calvo“ im Konzerthaus Dortmund. Vom 7. September 2023 bis zum 15. März 2024 schließt sich eine Saison mit sieben weiteren Konzerten an und ermöglicht Freund*innen des Gesangs damit fast ein ganzes Jahr voller Konzertfreuden.



Opernraritäten aus Italien und Liedgesang aus Deutschland
Gleich drei Werke aus dem Mutterland der Oper sind in diesem Jahr bei Klangvokal zu erleben: Im Juni gelangt Saverio Mercadantes Wiederentdeckung „Il giuramento“ exklusiv im Rahmen des Festivals zur Aufführung und Nicola Antonio Porporas barockes Kleinod „Carlo il Calvo“ erklingt unmittelbar nach einer Aufführung an der Mailänder Scala in gleicher Besetzung in Dortmund. Emilio de‘ Cavalieris frühbarockes Meisterwerk „Rappresentatione di anima et di corpo“ steht im Oktober auf dem Programm und Gaetano Donizettis opernnahe „Messa di Requiem“ wird exklusiv für das Festival einstudiert.        

Nach einer längeren Zäsur ist auch wieder Liedgesang vertreten: Mit Daniel Behle widmet sich einer der renommiertesten deutschen Tenöre dem Œuvre von Robert Schumann und Richard Strauss.

Musik der Renaissance und des Barock        
Mit der Cappella Mediterranea, The Tallis Scholars, dem {oh!} Orkiestra Historyczna unter Martyna Pastuszka, der Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone und der lautten compagney BERLIN unter Wolfgang Katschner präsentieren weitere Akteure der internationalen Alte Musik-Szene Werke der Renaissance und des Barock.

Chorgesang und Weltmusik        
Auch im Bereich Weltmusik gibt es viel zu entdecken: Während Jordi Savall sich mit seinen Ensembles auf „Die Routen der Sklaverei“ begibt, wandeln der Amaan Choir XXI und Orpheus XXI NRW unter der Leitung von Rebal Alkhodari auf den Spuren des andalusischen Forschers „Leo Africanus“. Das Quintett L’Alba lädt unterdessen zu einer musikalischen Reise nach Korsika ein und die Singer-Songwriterin Somi präsentiert eine Hommage an ihr Vorbild Miriam Makeba. Ein weiterer Höhepunkt: Zum 15. FEST DER CHÖRE haben sich wieder über 100 Chöre angemeldet.

Treue lohnt sich        
Bei Buchungen ab drei Veranstaltungen erhalten die Kund*innen über das Festival-Büro zusätzlich 20 % Ermäßigung auf ihre Karten. Schüler*innen, Auszubildende, Bufdis, Studierende bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres sowie Inhaber des Dortmund-Passes erhalten über das Klangvokal-Büro sogar 50 % Ermäßigung auf den Kartennettopreis.

Hier finden Sie die Veranstaltungsübersicht: https://www.klangvokal-dortmund.de/programm/veranstaltungen.html

Das programmbuch als PDF: https://www.klangvokal-dortmund.de/fileadmin/user_upload/Programmbuch_2023/230207_KLANGVOKAL_Programmbuch_final.pdf




Opulente, bildgewaltige Oper – Nixon in China

Eine Oper über einen Staatsbesuch in den 70er Jahren? Nicht nur ein Staatsbesuch, eines der wichtigsten Treffen zweier Staatsmänner nach dem Zweiten Weltkrieg. Nixons Staatsbesuch in China im Jahr 1972 war ein historisches Ereignis, das zu einer wichtigen Wende in den Beziehungen zwischen China und den USA führte. Vor diesem Besuch hatten China und die USA seit fast 25 Jahren keine diplomatischen Beziehungen mehr, und beide Länder betrachteten sich gegenseitig als Feinde. Der Besuch führte zu einer deutlichen Entspannung in einer Zeit des kalten Krieges.



Daraus machte John Adams nach einem Libretto von Alice Goodman eine Oper, die 1987 aufgeführt wurde. Martin C. Berger verwandelte mit seinem Team die Opernbühne in ein visuelles Kunstwerk. Musikalisch begleitet von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Olivia Lee-Gundermann und einer starken Solistencrew stand einem gelungenen Opernabend zur Premiere am 26. Februar 2023 nichts im Weg.

Morgan Moody (Henry Kissinger), Daegyun Jeong (Chou En-lai), Petr Sokolov (Richard Nixon), Irina Simmes (Pat Nixon), Opernchor Theater Dortmund, Foto: (c) Thomas M. Jauk
Morgan Moody (Henry Kissinger), Daegyun Jeong (Chou En-lai), Petr Sokolov (Richard Nixon), Irina Simmes (Pat Nixon), Opernchor Theater Dortmund, Foto: (c) Thomas M. Jauk

Die Bilder, die Berger vor allem im ersten Akt auf die Bühne zauberte waren umwerfend. So lächelte uns ein riesiger Mao an, das bekannte Bild des Mondes mit einer Rakete im Auge aus „Frau Luna“ tauchte auch auf. Auf der Bühne hatte Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter Nixon und Kissinger im ersten Akt in College-Uniformen gesteckt, während Mao und seine Sekretärinnen in einer Hippiekommune zu leben schienen.

Musikalisch betonte Komponist John Adams die kulturellen Unterschiede. Während bei den Amerikanern Jazz-Rhythmen eingewoben wurden, erklang bei den Chinesen eher traditionelle Klänge. Doch insgesamt ist die Musik von „Nixon in China“ typisch für den minimalistischen Stil von John Adams, der sich durch repetitive Rhythmen, klare melodische Linien und eine ständige Entwicklung und Transformation musikalischer Motive auszeichnet.

Während der erste Akt dem Besuch von Nixon gewidmet ist und allgemeine Freude darüber herrscht, wird es im zweiten Akt etwas ruhiger. Er zeigt im Dialog zwischen Nixon und Mao die politischen und ideologischen Unterschiede zwischen den USA und China auf. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Ballett, aus der Feder von Maos Frau Chiang Chìng stammt. Dort kämpfen Frauen gegen den Missbrauch durch Männer. Es ist ein wichtiges politisches Statement, das die Ideologie der chinesischen Führung unterstreicht und die Rolle der Frauen im revolutionären Kampf betont. Nixons Ehefrau Pat nimmt das Ballett so mit, dass sie anscheinend Teil davon wird. Auch ein Seitenhieb an die Rolle der Frau im Westen.

Der dritte Akt ist geprägt von introspektiven und emotionalen Momenten und zeigt die persönlichen Auswirkungen der Reise auf die Protagonisten. Hier erinnern sich Nixon und seine Frau an Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg und Mao und seine Frau an das erste Kennenlernen.

Ein paar besondere Einfälle hatte das Regieteam beim wechseln zwischen den Akten. Im ersten Akt gab es gegen Ende eine Sammlung von „ungleichen Paaren“, die sich in Zeitlupe küssten. Von Hitler und Stalin bis BVB-Fan und Schalke-Fan war einiges ungewöhnliches dabei.

Zwischen dem zweiten und dritten Akt hatte das SeniorInnentanztheater einen großen Auftritt, denn sie verkleideten sich als mehr und minder berühmte und beliebte Prominente. Das Ehepaar Honecker war vertreten, Karl Marx kam in Begleitung eines Queen Elizabeth war da, Saddam Hussein und viele mehr. Martin C. Berger hatte die Idee, den dritten Teil in einem Seniorenheim spielen zu lassen, passend zum ruhigen und zurückblickenden Charakter des Aktes.  

Bleiben die Stimmen: Hier jemanden herauszuheben ist schwer. Vielleicht noch Daegyun Jeong, der als Premier Chou En-lai brillierte. Aber auch Petr Sokolov (Richard Nixon), Irina Simmes (Pat Nixon), Alfred Kim (Mao), Hye Jung Lee (Chiang Ch’in) und Morgan Moody (Henry Kissinger) hatten ihre Szenen. Wichtig ist aber in der Oper der Chor, schließlich spielt das Stück ja in China. Hier konnte sich der Opernchor Dortmund und das Projekt Extrachor verdientermaßen auszeichnen. Mit dabei war auch das NRW Juniorballett.

Ein Opernabend der besonderen Art. Es lohnt sich.




Ein Festival der jungen Wilden – Rising stars

Am 25. Februar 2023 gab es einen Marathon im Konzerthaus. Natürlich einen musikalischen Marathon. Sechs SolokünstlerInnen und das Aris Quartett präsentierten ihr Können. Unterschiedliche Musikstile aus über fünf Jahrhunderten konnten die BesucherInnen genießen. Das Konzert hatte den Übertitel Mensch – Natur – Technik. Moderiert wurde der Abend vom Pressesprecher des Konzerthauses Heiko Schmitz.



Den Beginn machte die Violinistin Diana Tishchenko, die vom Pianisten José Gallardo begleitet wurde. Ihr Konzert hatte einen orientalischen Touch, Ravels „Tzigané“ entführte uns in die Welt der Sinti und Roma, während der türkische Komponist Fazil Say die Zerstörung der Natur anprangerte. Ein berührender Moment war als Tishchenko im zweiten Satz den „verletzten Vogel“ auf ihrer Violine wehklagen ließ.

Die Perkussionistin Vanessa Porter war erst vor kurzem im Konzerthaus zu bewundern, denn die gab zusammen mit ihrer Schwester ein Konzert im Rahmen der Zeitinsel Gubaidulina. Vanessa Porters Superkraft ist es, als allen Dingen Klänge und Rhythmen zu erzeugen. Ob es zerknülltes Papier ist oder ihr eigener Körper, alles wird zu Musik. Doch das ist nicht alles: Sie beherrscht das Vibraphon meisterlich wie beim Stück „Shapes“ von Emil Kuyumcuyan. In „Le corps à corps“ für Stimme und Zarb von Georges Aperghis wird auch die Stimme als Rhythmusinstrument eingesetzt.   

Die Stimme stand im Mittelpunkt des dritten Teils. Hier sang James Newby, begleitet von Joseph Middleton einige Lieder die sich mit Flora und Fauna beschäftigten. Selbstverständlich durfte Schuberts „Forelle“ nicht fehlen, aber die Auster von Cole Porter war ebenfalls vertreten wie die Robbe (The seal man“ von Rebecca Clarke oder der Kolibri von Ernest Chausson.Die Welt der Blumen vertrat unter anderem Mozarts „Veilchen“. Die musikalische Bandbreite reichte vom romantischen Kunstlied bis hin zum jazzigen Cole Porter.

Auch das Aris Quartett im vierten Teil des Programms hatte unterschiedliche musikalische Stile im Angebot. Den beginn machte das zeitgenössische Wer der japanischen Komponistin Misato Mochizuki. In ihrer Auftragsarbeit „in-side“ referiert sie den Schöpfungsmythos der japanischen Urmythologie. In ihrem Stück wird das Götterpaar Izanagi und Izanami durch das Cello repräsentiert, während die anderen Instrumente die Geburten der anderen Götter und Geister symbolisieren.

Der Höhepunkt war aber das Streichquartett Nr. 6 in f-moll von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Da die Saxophonistin Jess Gillam erkrankt war, sprangen Lucienne Renaudin Vary an der Trompete sowie Félicien Brut am Akkordeon ein. Und wer Akkordeon sagt, muss auch Piazzolla sagen. Gespielt wurden zwei Stücke des argentinischen Komponisten: „Chau Paris“ und „Maria de Buenos Aires“ dazu „Maria“ aus der West Side Story von Leonard Bernstein. Beide Musiker begeisterten das Publikum durch ihre Virtuosität und Spielfreude und konnten erst nach einer Zugabe von der Bühne.

Die Reise durch mehrere Jahrhunderte klassischer Musik und die unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstler faszinierten das Publikum. Ein langer, aber auch musikalisch unterhaltsamer Abend ging zu Ende.




Eine queere Geistergeschichte

Mit „Tanz der Krähen“ zeigte das Theater im Depot am 24. und 25. Februar eine Produktion des Queeren Theater Kollektivs. Ars tremonia war am 24. Februar dabei und hat sich zwar nicht gegruselt, aber dafür viel über queere Lebenswelten erfahren.



„Tanz der Krähen“ basiert lose auf den Kurzgeschichtenband „Die Geisterjägerin“ von Chris* Lawaai. In einer Welt, die voller Magie ist, mit Tarotkarten und natürlich mit Geistern.

Kann sich noch jemand an den Aufschrei erinnern, als eine Neuauflage des „Ghostbuster“-Films erschien, weil die Protagonisten Frauen waren? Das Theaterstück dreht die Schraube nochmals weiter. Die Hauptfigur Robyn (keine Pronomen) identifiziert sich als genderfluid, demisexuell und demiromantisch. Stilsicher und in der Magie versiert, führt Robyn das familiäre Geschäft mit dem Übernatürlichen auf die eigene Art weiter. Eine weitere Hauptfigur Sammi (they/them) identifiziert sich als nicht-binär, androsexuell und mit emotionaler Anziehung. Sammi bezeichnet sich selbst als Geisterjäger*in und hat dabei eine besondere Bindung zu zwei Krähen. Hinzu kommt Cael, er identifiziert sich als androgyn, pansexuell und panromantisch. Hat aber ein Problem: Er ist tot und taucht als Geist auf dem Smartphone auf.

Es gibt bereits Filme, die sich dem Thema Geister auf Smartphones widmen, wie beispielsweise „Unfriended“ von 2014, aber die Geschichte orientiert sich eher an „klassischen“ Künsten, die dem Wicca-Kult“ ähneln. Es gibt Rituale mit den vier Elementen, Tarot-Karten, Kräuterbehandlungen und Tiermagie.  

Unterbrochen wurde das Stück durch kleine Choreografien, bei denen die Darstellenden ihre Gedanken zu emotionaler Nähe und Beziehungen ausdrücken.

Die Aufführung bestach nicht so sehr mit dem Gruselfaktor, sondern mit Informationen über queere Lebenswelten. Hier erfuhren die BesucherInnen einiges über nichtbinäre Geschlechteridentitäten, Demiromantik oder der chosen familiy.

Besonders gefiel mir die Bühne, die mit weißen Bannern gefüllt war. Auf diesen Bannern wurden Filme und Bilder projiziert und es gab eine Art Schattentheater.

Auf der Bühne standen Nys (Robyn), Francis Siefer (Sammy), Johanna Angona, Emir Ersoy, Nikola Asif, Lisa und Markus.




Geierabend 2023: Positive Bilanz – Claudia Roth gewinnt Pannekopporden

Nach zwei Jahren Pause konnte endlich wieder der Dortmunder Alternativkarneval abheben: Der Geierabend war zurück auf Zeche Zollern. Mit beinahe 90 Prozent Auslastung konnten der Präsident, der Steiger und das Team zufrieden sein. Insgesamt konnten über 8000 ZuschauerInnen über die Gags „geiern“.



Dabei standen am Anfang große Fragezeichen. Würden sich die Dortmunder nach der langen Pause durch Corona noch an den Geierabend erinnern? Der Vorverkauf verlief zufriedenstellend und so konnte die Spielzeit 2023 an den Start gehen. Wie würden die ZuschauerInnen die neuen MitstreiterInnen aufnehmen? Denn alte, geliebte Figuren sind verschwunden. Doch das Team um den Präsidenten (Roman Marczewski) und den Steiger (Martin Kaysh) konnte sie schnell überzeugen.

Ob Claudia Roth sich den Pannekopporden umhängt? Hier wird er präsentiert von Mit-Regisseur Joey Gerome Porner, Martin Kaysh (Steiger) Roman Marczewski (Präsident) und Sandra Schmitz.
Ob Claudia Roth sich den Pannekopporden umhängt? Hier wird er präsentiert von Mit-Regisseur Joey Gerome Porner, Martin Kaysh (Steiger) Roman Marczewski (Präsident) und Sandra Schmitz.

Die lange Pause war die Möglichkeit neue KollegInnen ins Team zu werfen. Das gelang überraschenderweise sehr gut. „Alte Figuren wurden gut ersetzt“, so Schauspielerin Sandra Schmitz, „neue Figuren gut angenommen.“ Dazu gehörten „Die Experten“ (Sebastian Thrun und Angelo Enghausen Micaela), die mit ihrem Spruch „Uns fragt ja keiner“ schon jetzt einen künftigen Klassiker des Geierabends geschaffen haben. Der Spirit in der Truppe scheint sehr gut gewesen zu sein, denn „wir mussten nichts nachproben“, erzählt der Steiger.

Zufrieden kann auch Joey Gerome Porner sein, einer der beiden Regisseure. Neue Autoren wie Tobias Brodowy brachten Schwung hinein, ebenso wie Musiker wie David Finke (beratender musikalischer Leiter) oder Boris Gott. Lob gab es auch für das junge Designerteam, das Logos, Kostüme und Bühne gebaut hat.

Glücklich war das Geierabend-Team, dass wenig am Programm geändert werden musste.  Die größte Angst, so der Steiger war, dass Jude Bellingham in der Winterpause von Dortmund zu einem anderen Verein gewechselt wäre.

Kommen wir zur wichtigsten Sache: Wer hat den Pannekopporden gewonnen? Für 2023 war es eine eindeutige Sache: Claudia Roth hat deutlich gewonnen gegen die Kaulitz-Brüder (Tokyo Hotel). Hat sie Online „nur“ zwei Drittel der Stimmen erhalten, gewann sie jede der einzelnen 28 Vorstellungen mit meist sehr deutlichem Vorsprung. Die vergangenen Male als die Abstimmungen so deutlich waren, gewannen Opel und (natürlich) Schalke. Ob Claudia Roth an diesem Abend (21.02.23) den 28 Kilo schweren Metallschrott abholt, darf allerdings bezweifelt werden.

Gibt es wieder ein Sommerfestival bei Tante Amanda in Westerfilde? Hier sind noch nicht alle Fragen geklärt, es gibt im Sommer noch Gespräche.

Allen Fans des Geierabends sollten sich aber schon den 28. Dezember 2023 im Kalender groß anstreichen, denn dann ist der Premierentermin für die neue Saison.




Female Splatter – Opfer oder Täterin?

In der Gesellschaft wird männliche Toxizität bereits benannt und angeprangert. Doch was ist mit weiblicher Toxizität? Sind Frauen als Chefin oder Regisseurin anders oder behandeln sie ihre KollegInnen und BefehlsempfängerInnen genauso schlecht wie manche (nicht alle) Männer. Das Stück „Female Splatter“ beschreibt die versteckten und subtilen Formen der Ungleichheit, vor allem in Kulturbetrieben. Stutenbeißen par exellence. Ein Bericht von der Premiere am 11. Februar 2023 im Theater im Depot.



Die arme Sandra Wickenburg. Die Schauspielerin war in diesem Stück der Punchingball für die „künstlerischen Visionen“ eines Regisseurs und später einer Regisseurin. Sie musste das „Gretchen“ aus Goethes „Faust“ auf Ansage in immer absurderen Formen spielen. Ob mit Kussmund oder als Mann gespielt, es gab nichts, was der Regie nicht einfiel. 

Gab es Unterschiede in der Behandlung? Nein, bei beiden wurde mehr oder weniger offen angesprochen, dass sie (also Sandra) doch froh sein solle, dass sie für diese Rolle besetzt würde.  Der Begriff „weibliche Toxizität“ wird oft verwendet, um negative Verhaltensweisen oder Einstellungen zu beschreiben, die Frauen gegenüber anderen Frauen oder gegenüber Männern zeigen können. Es bezieht sich auf toxische Verhaltensweisen, die speziell von Frauen ausgehen und die darauf abzielen, andere Frauen zu manipulieren, zu demütigen oder zu isolieren.

Ein weiteres wiederkehrendes Element war das „Quiz“ an dem gefragt wurde, welche „Alice“ hat es gesagt. Die Auswahl war zwischen Alice Weidel, Alice Schwarzer und Alice (im) Wunderland. Dabei fiel die Zuordnung nicht schwer, welche Alice sich für Frauenrechte einsetzt und welche Alice eher weniger.

In der Produktion von 4.D spielten neben der bereits erwähnten Sandra Wickenburg noch Cordula Hein, Birgit Götz und Pia Wagner mit. Da Götz vom Tanz und Wagner vom physical theatre kommt, gab es einige schöne Choreografien zu bewundern. Wie das Laufen auf Pumps oder eine Runde Dressurreiten.

Dank des Umbaus im Theater im Depot konnte die Produktion auch in einem besonderen Format durchgeführt werden.  Das Publikum saß im hinteren Bereich, die Sitzreihen in U-Form angeordnet, auf seiner Seite eine riesige Leinwand (für die Videos war Kathlina Reinhardt). So war der direkte Kontakt der Schauspielerinnen zum Publikum gegeben.

Der einzige Wermutstropfen ist, dass „Female Splatter“ (Regie: Swentja Krumscheidt) leider nur zweimal im Depot laufen durfte. Ich hoffe doch sehr, dass es Möglichkeiten gibt, dieses Stück an anderen Orten aufzuführen. Denn es lohnt sich. Alle vier Frauen zeigen eine unglaubliche Bühnenpräsenz.




Zeitinsel Gubaidulina – Fokus auf Chorgesang

Das Konzert am Samstagabend, den 04.02.23, war drei Komponisten gewidmet. Orlando di Lasso, Sofia Gubaidulina und Martin Wistinghausen. Doch im Mittelpunkt stand der „Sonnengesang“ von Sofia Gubaidulina, den sie nach den Texten von Franz von Assisi komponiert hatte. Eigentlich ein Konzert für Violoncello, das aber sehr starke Chorpassagen hat. Auch „Lo frate sole“ von Wistinghausen war inspiriert vom „Sonnengesang“, doch die Texte, die Wistinghausen benutzte, stammten überwiegend nicht aus religiösen Texten, sondern von weltlichen Autoren, wie Georg Trakl. Auch verschiedene Sprachen wurden für das Werk benutzt wie Griechisch oder Japanisch.   



Das Stück von Wistingausen war eine Auftragsarbeit des Konzerthauses und war bereits für 2020 geplant, doch Corona machte dem einen Strich durch die Rechnung. Die Musik ist wie bei Gubaidulina neue Musik. Zwei Perkussionisten (Alexander Maczewski und Nicholas Bardach) sorgten für die rhythmische Struktur. Die Texte wurden von dem Chor (Chorwerk Ruhr) nicht nur gesungen, sondern auch geflüstert oder gesprochen.

Chorwerk Ruhr und die beiden Perkussionisten Alexander Maczewski und Nicholas Bardach. (Foto:  (c) Petra Coddington)
Chorwerk Ruhr und die beiden Perkussionisten Alexander Maczewski und Nicholas Bardach. (Foto: (c) Petra Coddington)

Danach setzten wir uns in eine Art Zeitmaschine und landeten im Frühbarock. Orlando di Lasso verzauberte uns mit „Osculetur me“ und Chorwerk Ruhr mit glasklarem Gesang.

Der „Sonnengesang“ von Sofia Gubaidulina ist ein beeindruckendes Werk, das sich durch eine eindringliche Spiritualität und eine experimentelle Instrumentation auszeichnet. Es verwendet ungewöhnliche Klänge und Spieltechniken, um eine mystische Atmosphäre zu schaffen. Die Musik ist oft von Osteuropäischer Folklore und der orthodoxen Kirchenmusik beeinflusst und zeigt Gubaidulinas Interesse an der Verbindung von Klassik und Spiritualität. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der musikalische Höhepunkt bei den Worten „altissimo, altissimo“ (Höchster, Höchster) liegt.

Der Cellist hat in diesem Konzert auch weitere Aufgaben. Er spielt nämlich gegen Ende auch Trommel und scheint den Chor mit einer Art singender Säge zu „dirigieren“.




Zeitinsel Gubaidulina – Zwischen Bach und Bajan

Der 04. Februar 2023, samstagfrüh um 11 Uhr. Die richtige Zeit für das nächste Konzert der Zeitinsel Gubaidulina. Dieses Mal standen Werke von Johann Sebastian Bach und eben Sofia Gubaidulina auf dem Programm. Daneben stand ein ungewöhnliches Instrument im Mittelpunkt: das Bajan. Das russische Instrument Bajan ist eine Art Akkordeon. Es ist ein handgefertigtes Instrument mit Tasten und Bassknöpfen, das einen warmen und voluminösen Klang hat. Aber es kann auch anders: Grollen, Fauchen und Atmen.



Die drei Stücke von Bach wurden vom Cellisten Narek Hakhnazaryan sehr gefühlvoll gespielt. Dabei waren Besucher und Musiker gleichzeitig auf der Bühne, so dass es ein intimes Konzert wurde. Der Kontrast zur Musik von Gubaidulina war sehr stark, aber ich denke, jeder Besucher konnte die spirituellen Gemeinsamkeiten zwischen dem Barockmeister und der Komponistin zeitgenössischer Kammermusik spüren.

Die Akteure des Samstagvormittagskonzerts (v.l.n.r.) kathrin Rabus, Elsbeth Moser, Narek Hakhnazaryan und Li Chang. (Foto: (c) Petra Coddington)
Die Akteure des Samstagvormittagskonzerts (v.l.n.r.) kathrin Rabus, Elsbeth Moser, Narek Hakhnazaryan und Li Chang. (Foto: (c) Petra Coddington)

„Silenzio“ ist ein Stück, das 1991 komponiert wurde. Es ist ein besonderes Beispiel für Gubaidulinas Verwendung von Stille und Raum in ihrer Musik, um tiefgreifende spirituelle und emotionale Ausdrucksformen zu schaffen. Hier spielen Violine, Violoncello und eben das Bajan eine wichtige Rolle. Der extrem leise Beginn auf der Violine (Kathrin Rabus) sorgt dafür, dass die Aufmerksamkeit der Besucher geschärft wird. Man hört sogar das Umblättern der Seiten. Das entscheidende ist aber der Einsatz des Bajans, gespielt von Elsbeth Moser. Von zärtlichem Wispern bis hin zu wütendem Grollen entlockt sie dem Instrument ungeahnte Lebendigkeit.

In der Bearbeitung für Violoncello und Bajan erklang „In croce“. Es verwendet eine starke kontrapunktische Struktur, um eine dichte, atmosphärische Klangwelt zu schaffen. Zusätzlich zu den komplexen polyphonen Strukturen enthält das Stück auch meditative Passagen, die das Thema „Kreuz“ aufnehmen, Auch hier fängt das Bajan langsam an, fast suchend, bis es im späteren Verlauf im komplexer und intensivere Klangstrukturen bildet.

Beim letzten Stück „De profundis“ musste Elsbeth Moser aus gesundheitlichen Gründen passen, ihr Schüler Li Chang übernahm ihren Part. „De profundis“ verwendet eine Vielzahl von Klängen und Farben, um eine dichte und atmosphärische Klangwelt zu schaffen. Das Stück ist geprägt von seiner starken rhythmischen Struktur und den kontrastreichen Passagen, die von leisen, meditativen Abschnitten zu lauten und explosiven Ausbrüchen wechseln. Hier kann man spüren, dass das Bajan atmet.




Zeitinsel Gubaidulina – Orgel, Percussion und Klangerforschung

Es gibt sicherlich vieles, was die russische Komponistin Sofia Gubaidulina auszeichnet, aber eines davon ist die fast kindliche Suche nach Klängen und Klangfarben. Hierbei bietet natürlich die Orgel an, die durch ihre Klangmöglichkeiten ein unerschöpfliches Repertoire bietet und die Perkussionsinstrumente, deren Zahl riesig zu sein scheint. Vanessa Porter und ihre Schwester Jessica zeigten zusammen mit dem Organisten Lars Schwarze beim Freitagabendkonzert (03.02.23) im Konzerthaus der Zeitinsel Sofia Gubaidulina die Experimentierfreude der Komponistin.



Den beginn machte eine Eigenkomposition von Vanessa Porter, #1 (Hashtag 1). Das Stück wirkt sehr sphärisch, ruhig, glockenklar.

Jessica (links) und Vanessa Porter beim Late Night Konzert zur Zeitinsel Gubaidulina (Foto: (c) Petra Coddington)
Jessica (links) und Vanessa Porter beim Late Night Konzert zur Zeitinsel Gubaidulina (Foto: (c) Petra Coddington)

Beim ersten Werk von Gubaidulina „Detto I“ für Orgel und Schlagzeug prallen die Gegensätze aufeinander. Ruhige Passagen werden durch eine Art von Blitzgewitter unterbrochen und die dissonanten Partien hinterlassen beim Zuhören ein Gefühl von „hier stimmt etwas nicht“. Passen eigentlich für ein Gruselfilm oder Computerspiel mit ähnlichem Thema.

Ein technisches Stück von Robert Marino „Eight on 3 and Nine on 2“ zeigte die Fähigkeiten der beiden Schwestern auf den Toms und der Bassdrum. Nach einer weiteren Komposition von Porter, #5 (Hashtag 5), die ein wenig an „Drumming“ von Steve Reich angelehnt war, entführte uns Gubaidulina mit „Hell und Dunkel“ für Orgel erneut in ihre Klangwelten. Das Stück zeichnet sich durch seine expressiven Klänge und einen starken Kontrast zwischen den hellen und dunklen Klangfarben aus, die Lars Schwarze aus der Orgel des Konzerthauses zaubert.

Danach Bach, ja Johann Sebastian. Seine „Fantasie und Fuge in a-moll“ erklang diesmal nicht für Cembalo, sondern auf die Vibraphone, gespielt von den beiden Porter-Schwestern. Ein ungewöhnlicher Klang, der einen vielleicht auf eine Karibik-Insel verschlug.




Isata Kanneh-Mason – Emotionen in c-moll

Am 31. Januar 2023 präsentierte die Pianistin Isata Kanneh-Mason, eine der jungen Wilden, bezaubernde Klaviermusik im Konzerthaus. Romantik von Mendelssohn-Bartholdy, spätromantisches von Ernst von Dohnányi und ein modernes Stück der jamaikanischen Komponistin Eleanor Alberga.



Eleanor Albergas Musik schöpft sich aus den unendlichen Quellen von Klassik, Jazz und den Rhythmen ihrer Heimat Jamaika. Das ist beim Klavierquintett „Clouds“ nicht anders. Sehr rhythmisch spielt das Streichquartett im ersten Satz mit Kanneh-Mason zusammen. Der zweite Teil ist ruhiger, fast sphärisch ziehen die „Wolken“ daher, manche Glissandi spielt Kanneh-Mason im Klavierkasten, was einen Klang einer Harfe ähnelt. Der dritte Satz beginnt wieder wild, beruhigt sich aber wieder.

Am Anfang und Ende des Konzertes standen zwei Werke in c-moll. Den beginn machte Felix Mendelssohn-Bartholdy. Das Klaviertrio Nr. 2 c-moll ist ein anspruchsvolles, dramatisches Werk, das seine virtuosen Fähigkeiten im Klavierspiel, seine Meisterschaft im Schreiben für Streicher und seine tiefe emotionale Intensität zeigt. Hier konnte Isata Kanneh-Mason ihre emotionale Spielweise gut unter Beweis stellen.

Das gleiche gilt für das Klavierquintett Nr. 1 von Ernst von Dohnányi. Die musikalische Sprache von Dohnányi ist eine Mischung aus klassischer Tradition und moderner Experimentierfreude. Seine Kompositionen sind melodisch reichhaltig und rhythmisch anspruchsvoll, während sie gleichzeitig eine dichte, expressiv-emotionale Atmosphäre schaffen.

Isata Kanneh-Mason wurde begleitet vom Maxwell Quartett, bestehend aus Colin Scobie (Violine), George Smith (Violine), Elliott Perks (Viola) und Duncan Strachan (Cello). Quartett und Solistin waren gut aufeinander abgestimmt und harmonisierten perfekt.