Theaterstück über Hatespeech – CO-OP MODE

Im Kinder- und Jugendtheater hatte am 28. April 2023 die Stückentwicklung „CO-OP MODE“ unter der Regie von Nora Kühnhold und Renée Grothkopf Premiere. Das große Thema war der Umgang mit Hatespeech.



Hatespeech kann sowohl online als auch offline auftreten und kann schwerwiegende negative Auswirkungen auf die betroffenen Personen haben. Es kann zu einer Verbreitung von Angst, Hass und Intoleranz führen und kann dazu beitragen, bestehende soziale Ungleichheiten und Diskriminierungen zu verstärken.

Thomas Ehrlichmann und Jan Westphal in "CO-OP MODE" (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Thomas Ehrlichmann und Jan Westphal in „CO-OP MODE“ (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Darüber hinaus kann Hatespeech auch dazu beitragen, die freie Meinungsäußerung zu unterdrücken und die öffentliche Debatte zu verzerren. Es kann dazu führen, dass bestimmte Gruppen von Menschen aus der Diskussion ausgeschlossen werden und sich zurückziehen, aus Angst vor Angriffen oder aus Frust über eine nicht zugängliche Debatte.

In dieser Stückentwicklung ging es einerseits um das Onlinespiel „Consentia“, das auf einem Kooperationsmodus basiert und in dem Spielziele gemeinsam erreicht werden sollen. Doch der Server bricht zusammen. Ist es ein Hackerangriff von Rechtsextremen, denen das Spiel zu „links“ ist? Jedenfalls ist Vincent samt seinem Freund*innen im Netz ratlos.

Gleichzeitig stehen für Vincent (Thomas Ehrlichmann) und seinem Freund Lukas (Jan Westphal) ein Referat über Nietzsche an. Lukas, der sich auch nicht in „Consentia“ einloggen kann, stöbert durch Foren und wird durch die dortige negative Stimmung immer weiter heruntergezogen, bis er auch an Mobbing gegen eine Mitschülerin teilnimmt.

Nach dem chaotischen Referat vergisst Lukas sein Handy und Vincent entdeckt die Forengespräche. Vincent und seine Freunde machen sich zunächst daran, offensiv mit Gegenrede gegen das Mobbing vorzugehen und später stellt Vincent Lukas zur Rede.

Das Spiel „Consentia“ ist der Aufhänger und der Anker in diesem Stück. Es dominiert die Bühne, denn rechts neben der Bühne zeigt eine Leinwand die Grafik des Spiels, während in der Mitte auf einem aufgemalten Spielfeld die Avatare „in echt“ zu sehen sind.

Doch gezeigt wird, dass das größere Problem die Internetforen ist, in denen unmoderiert jeder schreiben kann, was ihm passt. Auch Hatespeech. Was die einen als „ultimative Freiheit“ sehen, dient rechtsextremistische und frauenfeindliche Gruppen wie INCELS dazu, junge und leicht beeinflussbare Menschen zu rekrutieren und zu radikalisieren.

Dennoch ist es falsch, das Internet in Bausch und Bogen zu verdammen. Denn gerade für marginalisierte Minderheiten kann das Internet ein Ort sein, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden und Kontakt aufzunehmen. Das wurde in „CO-OP MODE“ durch kleine Einspielfilmchen gezeigt.

Wer Hatespeech bekämpfen möchte, kann sich unter anderem bei hassmelden.de oder der App „Meldehelden“ informieren.

Weitere Vorstellungen sind am 21., 22. und 23. Mai. Informationen unter www.theaterdo.de




Kuckucksei – Eine Fabel über Akzeptanz

Das mit den Neuankömmlingen ist so eine Sache. Sie haben andere Bräuche, andere Nahrungsgewohnheiten und so weiter. Doch dann entdeckt man, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. So auch beim Stück „Kuckucks-Ei auf Insel 3“ vom Turbo Prop Theater am 23. April 2023 im Fletch Bizzel. Geeignet ab vier Jahren.



Mitten im Meer schwimmt eine grüne Insel – ein Paradies für bunte Vögel.

Unterschiedlich, aber doch ähnlich. Gemeinsamkeiten verbinden. (Foto: (c) Turbo Prop Theater)
Unterschiedlich, aber doch ähnlich. Gemeinsamkeiten verbinden. (Foto: (c) Turbo Prop Theater)

Hier fühlt Familie Kugelhupf sich richtig wohl. Papa Caruso hat heute Nestdienst auf dem Ei, denn Mama Lizzi schmettert ein flottes Liedchen auf Nachbars Vogelhochzeit.

Doch dann passiert es: Ein fremder Vogel nistet sich ausgerechnet in den Baum von Caruso ein. Natürlich versucht er den fremden Vogel zu vertreiben, aber schließlich lässt er sie gewähren. Beide brüten über ihren Eiern, aber als die Zeit zum Schlüpfen kommt, gibt es eine Überraschung.

“Kuckucksei“ ist eine kleine Fabel über Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie Bekämpfung von Vorurteilen. Schön, dass Fluchtgründe – hier die Erderwärmung – zumindest kurz angesprochen wird. Von den beiden Puppenspielern wird „Kuckucksei“ sehr gut gespielt, die Kinder sind sehr schnell im Stück und sind die 60 Minuten bei der Sache.




Frauen Film Fest Dortmund+Köln 2023 – erfolgreich durchgestartet nach Corona

Am Abend ging in der Dortmunder Schauburg mit der Preisverleihung des 40.Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Köln eine der erfolgreichsten Ausgaben der Festivalgeschichte zu Ende. Die erste nachpandemische Edition wurde von Besucher*innen und Filmschaffenden gefeiert: Rekordzahlen bei den Akkreditierten, zahlreiche ausverkaufte Vorstellungen und intensive Debatten in Dortmund und Köln.



Der mit 15.000 Euro dotierte Preis des IFFF Dortmund+Köln ging in diesem Jahr an den spanischen Wettbewerbsbeitrag MOTHERHOOD (LA MATERNAL) der Regisseurin Pilar Palomero. Er erzählt von der 14-jährigen Carla. Sie schwänzt die Schule, hängt mit ihrem Freund ab und streitet mit ihrer Mutter. Als die
Schwangerschaft festgestellt wird, findet sie in »La Maternal«, einem Zentrum für jugendliche Mütter, Hilfe und neue Verbündete. Wie wird man Mutter, wenn man selbst noch ein Kind ist? Palomero arbeitet mit Laien, die ihre eigenen Geschichten erzählen. Grandios ist die junge Hauptdarstellerin Carla Quílez.
Die Jury war mit den deutschen Filmschaffenden und filmpolitischen Aktivistinnen Helke Sander, Sara Fazilat und Maria Furtwängler besetzt. Bei der Preisverleihung riefen sie ausdrücklich zur Solidarität mit den Frauen in Iran auf.

Jury und Preisträgerinnen mit Festivalleiterin Maxa Zoller. (Foto: (c) Julia Reschucha)
Jury und Preisträgerinnen mit Festivalleiterin Maxa Zoller (2. Reihe Mitte). (Foto: (c) Julia Reschucha)

Der Internationale Spielfilmwettbewerb präsentierte acht aktuelle Spielfilme aus Brasilien, Deutschland, Frankreich, Indonesien, Mexiko, Palästina und Spanien.
Er gibt Regisseur*innen eine Plattform, die interessante Debüts vorgelegt hatten oder bereits ein größeres Œuvre aufweisen. Das Preisgeld wird zwischen der Regisseurin (5.000 Euro) und dem deutschen Verleih (10.000 Euro) geteilt. Damit soll der Vertrieb der Filme von Regisseurinnen in Deutschland unterstützt werden.

Nach Auszählung der letzten Stimmen stand fest: Der mit 1.000 Euro dotierte Publikumspreis der Sparkasse Dortmund ging in diesem Jahr an die Dokumentarfilmerin Claudia Richarz für HELKE SANDER: AUFRÄUMEN. Er ist das Porträt der bahnbrechenden Filmarbeit von Helke Sander – Filmemacherin, Autorin, Mitbegründerin der zweiten deutschen Frauenbewegung, Gründerin der ersten europäischen feministischen Filmzeitschrift »Frauen und Film«. Diese ganz aktuelle Arbeit von Claudia Richarz (VULVA 3.0, ABNEHMEN IN ESSEN, u.a.) feierte in Dortmund Weltpremiere. Sie nahm den Preis am Abend persönlich entgegen. Den Preis übergab Gabriele Kroll als Vertreterin des Vorstandes des Sparkasse Dortmund. An der Abstimmung um den Publikumspreis nahmen alle Festivalfilme teil, die in den letzten zwei Jahren entstanden waren und länger als 60 Minuten sind.

Weitere Preisträgerinnen: • Shoot KHM & IFFF Dortmund+Köln Nachwuchspreis für Künstlerinnen der KHM geht 2023 an Hanna Noh
• ECFA Kurzfilmpreis geht an TULA von Bea de Silva




IFFF Tag 5 – Mediterranean Fever

So ein wenig ähnelt der Plot von „Mediterranean Fever“ von Regisseurin Maha Haj an den französischen Film „Die Filzlaus“ von 1973 mit Jacques Brel und Lino Ventura. Ein depressiver Mensch mit Selbstmordabsichten sucht einen Auftragskiller und findet ihn beim kleinkriminellen Nachbarn.



In „Mediterranean Fever“ spielt der Nahostkonflikt eine bedeutende Rolle, beide Protagonisten sind offenbar Palästineser, die in Haifa (Israel) leben. Waleed ist Schriftsteller, der wegen seiner Depression an einer Schreibblockade leidet und sein Nachbar Jalal arbeitet überall auf dem Bau, hat aber auch kriminelle Geschäfte, die ihn einholen.

Ausschnitt aus dem Film "Mediterranean Fever" (Foto. (c) Pallas-Film)
Ausschnitt aus dem Film „Mediterranean Fever“ (Foto. (c) Pallas-Film)

)So entwickelt sich im Film eine Männerfreundschaft, die zunächst geprägt ist von beiderseitiger Abneigung, bis sie sich besser kennenlernen. Diese Nähe zu kriminellen Geschäften nutzt Waleed aus, um Jalal nach einem Auftragsmörder zu fragen.

Diese schwarze Komödie stellt zwei unterschiedliche Männer gegenüber. Den depressive, antriebslosen Waleed und den patenten Jalal. Aus dieser Kombination ergeben sich zwangsläufig humorvolle Situationen. Der Nahostkonflikt hängt wie eine Wolke über dem Film. Meist wird er in den Fernsehnachrichten thematisiert, er spielt auch eine Rolle in den Schulproblemen mit Waleeds Sohn.

Sehr gut gelungen sind die Bilder, die neben schönen Strandbildern auch einen kleinen Einblick in das arabische Leben im israelischen Haifa zeigen. Dazu kommen zwei gute Hauptdarsteller.




„Piano-Klassik –Wilsing mit Genuss“

Eine gemeinsame Veranstaltung von Hörde International e.V. und den Dortmunder Philharmonikern.

Sonntags-Matinee, 14.5.2023, 11.30 – 13.00 Uhr im Hörder Bürgersaal/Hörder Bahnhofstraße 16
Musik von Eduard Wilsings und weiterer Meister der Klaviermusik und danach (ab etwa 13.15/13.30 Uhr) „Wilsing-Schmaus“ im Restaurant/Cabaret Queue Hermannstraße 74.



Auch bei dem 3. Wilsing-Klassik-Konzert im Bürgersaal wieder ein gerade neu entdecktes Werk des Hörder Komponisten Eduard Wilsing im Mittelpunkt stehen. Seine Bearbeitung der 8. Sinfonie von Ludwig van Beethoven in einer Klavierfassung für „4 Hände“ wird eine Überraschung sein. Die Sinfonie ist, ähnlich wie die Werke von Eduard Wilsing, zu Unrecht weniger beachtet worden. Mit 30 Minuten ist es Beethovens kürzeste Sinfonie. In ihr sprudelt es von Humor und überraschenden Wendungen, da sich Beethoven mit seinen Ideen nicht an die damals üblichen Konventionen gehalten hat. So ist dieses Werk gerade im Rahmen der kurzweiligen Matinee am Sonntag passend.
Mit eingängigen Werken anderer Meister der Klaviermusik, nämlich Schubert und Debussy, sowie einer Fuge von Wilsing, die als Frühwerk stark an Bach erinnert, haben Tatiana Prushinskaya und Karsten Scholz ein stimmiges Programm zusammengestellt. Beide sind als Solorepetitorin bzw. Solorepetitor vielbeschäftigte Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker.
Ihre Mitwirkung macht erkennbar, dass die Veranstaltung gemeinsam von Hörde International und den Dortmunder Philharmonikern getragen wird und so Dortmunder Philharmoniker in Hörde präsent sein werden.
Wilsing mit Genuss lautet der Titel nicht ohne Grund, denn im Zusammenwirken mit dem Cabaret Queue können Besuchende und Interessierte einen „Wilsing-Schmaus“ genießen.
Nach dem Konzert am 14.5. umfasst der „Wilsing-Schmaus“ ein Hauptgericht (auch vegetarisch) und den damals „typischen“ Nachtisch zum Preis von 16 Euro.
So kann nach dem Konzertgenuss bei einem Austausch zwischen Interessierten und den Musizierenden der Genuss auch noch weitergeführt werden und damit auch Alleinstehenden ein Angebot gemacht werden, sich mit jemandem über das Konzerterlebnis auszutauschen.
Der Eintritt zu dem Konzert ist frei.
Um Spenden für die Wilsing-Veranstaltungsreihe wird gebeten.
Anmeldungen sind erforderlich:
Zum Konzert per Email an: wilsing@hoerde-international.de
Zum Wilsing-Schmaus über die Internetseite des Cabaret Queue: www.cabaretqueue.de oder telefonisch unter: 01514/6245611




Selbstermächtigung des weiblichen Körpers – Velvet

In ihrer Tanzperformance „Velvet“ setzt sich Tänzerin Claire Vivianne Sobottke mit der Geschichte des weiblichen Körpers auseinander. Das Stück spielt in einem Garten mit Steinen, und Blumen und bietet mit der archaisch, rhythmischen Musik von Tian Rotteveel einen Par-Force-Ritt. Ein Bericht über die zweite Aufführung am 21. April 2023 im Theater im Depot.



Es ist erstaunlich, welche Querverbindungen entstehen können. Auf dem Internationalen Frauenfilmfestival lief im Wettbewerbsprogramm der Film „Regel 34“ der brasilianischen Regisseurin Júlia Murat über eine angehende Pflichtverteidigerin, die tagsüber Frauen hilft, aber abends über eine Plattform ähnlich wie „Onlyfans“ ihren Körper gegen Geld zur Schau stellt. In „Velvet“ wie in „Regel 34“ geht es um die Wiederaneignung des weiblichen Körpers.

"Velvet" ist eine sehr ausdrucksstarke, intensive Tanzperformance von Claire Vivianne Sobottke. (Foto: (c)  Eike Walkenhorst)
„Velvet“ ist eine sehr ausdrucksstarke, intensive Tanzperformance von Claire Vivianne Sobottke. (Foto: (c) Eike Walkenhorst)

Über Jahrtausende haben Männer geschafft, den weiblichen Körper durch Kleidervorschriften und Verbote unter ihrer Kontrolle zu bekommen. Die Angst vor dem weiblichen Körper und der weiblichen Sexualität scheint tief zu sitzen.

Ein anderer Aspekt, die tierisch-animalische Wildheit fasziniert Sobottke ebenfalls. Der Begriff „Wildnis“ symbolisiert für sie ein unerforschtes Gebiet, in dem keine menschlichen Regeln gelten und nicht-menschliche Kräfte und Wesen wirken. So taucht gegen Ende eine Bärin auf, mit die Tänzerin Sex simuliert, dabei wird seine Dominanz gebrochen und die Tänzerin ist die aktive Person.

Die Performance von Sobottke ist ein grotesker Tanz mit vielen repetitiven Elementen. Sie erzählt quasi in ihrem Stück die „Menschwerdung“ von Menschenaffen bis hin zum modernen Menschen und durchbricht dabei die vierte Wand. So wurde beispielsweise meine Brille zum Requisit.

Das Stück „Velvet“ ist nicht umsonst ab 14 Jahre, denn Sobottke tanzt den Großteil ihres Programms nackt. Es ist für die Zuschauenden die direkte Konfrontation mit einem weiblichen Körper.

Nicht zu vergessen ist die intensive Musik von Tian Rotteveel. Zusammen mit Kelly O’Donohue, Abigail Sanders (beide Blechblasinstrumente), Almut Lustig, Sabrina Ma (beide Percussion) , Camilla Scholtbach (Bärin) und Tian Rotteveel (Spinett, Harmonium) wurden archaische Klänge erzeugt, die die Tanzperformance sehr effektvoll ergänzte.

Ja, die Wildnis ist nicht ganz ungefährlich und hat nichts mit sauberen, gefegten Wegen zu tun. Wer sich traut, kann mit „Velvet“ ein außergewöhnliches wildes Tanztheater erleben.




IFFF Tage 3 – La Maternal

In „La maternal“ (Mutterschaft) der spanischen Regisseurin Pilar Palomero geht es um die Folgen einer Schwangerschaft für die 14-jährige Carla. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie geht ein Kind damit um, selbst ein Kind zu bekommen und es aufzuziehen.



„La maternal“ ist ein Film bei dem ich zumindest einen familiären Bezug herstellen kann, denn meine Cousine bekam ihr erstes Kind ebenfalls mit 15 Jahren. Gerade in dem Alter, in dem Jugendliche die starren Regeln der Eltern in Frage stellen, sich ausprobieren und eigene Grenzen ausloten, ist für Carla diese Zeit sehr schnell vorbei.

Carla (Mitte) will trotz Schwangerschaft etwas Spaß haben. (Foto: (c) IniciaFilms BteamProds)
Carla (Mitte) will trotz Schwangerschaft etwas Spaß haben. (Foto: (c) IniciaFilms BteamProds)

Dabei macht es der Film nicht einfach, die Protagonistin Carla (gespielt von Carla Quílez) zu mögen. Zunächst schaut sie mit ihren Freund Efrain Pornos, dringt in fremde Wohnungen ein und verwüstet sie oder spielt mit anderen Jungs Fußball. Später kommt sie in ein Heim für werdende jugendliche Mütter und lernt langsam, sehr langsam, dass ihr früheres Leben vorbei ist und eines mit vielen Verpflichtungen beginnt. Palomero setzt den Fokus sehr stark auf diesen Lernprozess, der bei Carla aber sehr spät entsteht. Danach ist auch das Verhältnis mit ihrer Mutter deutlich besser.

Der Film überzeugt auch durch tolle Bilder eines Spaniens jenseits von Sonne und Strand. Eine staubige Hauptverkehrsstraße, an der unentwegt Laster vorbeirasen, ist die Kinderstube von Carla. Kein Traumort.

Sehr gut in Szene gesetzt ist auch das Zentrum für jugendliche Mütter. Ein Hoffnungsort, denn hier lernt Carla neue Freundinnen, die ihr zeigen, was auf sie zukommt und es gibt auch eine Solidarität unter den jungen Müttern. Glücklicherweise sinkt die Zahl minderjähriger Mütter in den vergangenen Jahren. Waren es 2016 in Deutschland noch 5.377 Schwangerschaften, fiel diese Zahl 2021 auf 4.097. Dennoch ist die Zahl minderjähriger Mütte5r beispielsweise in Spanien deutlich niedriger, selbst wenn man die Einwohnerzahlen in Relation setzt. Es bleibt noch viel zu tun, um die emotionalen Belastungen und die gesellschaftlichen Stigmatisierungen jugendlicher Mütter zu minimieren.




IFFF Tag 2 – Rule 34

Die „Regel 34“ ist ein Internet-Meme und besagt: von allem, was passiert, gibt es eine pornografische Variante. Der gleichnamige Film von der brasilianischen Regisseurin Júlia Murat dreht sich um die angehende Pflichtverteidigerin Simone (Sol Miranda), die abends ihre Sexualität vor der Internetkamera auslebt, wofür sie ähnlich wie bei Onlyfans und ähnlichen Portalen bezahlt wird.



Irgendwann wird Simone von einem BDSM-Video zu fasziniert, dass sie versucht, in diese Welt zwischen Erotik und Gewalt einzudringen. Am Ende lässt Júlia Murat aber offen, ob ihre Protagonistin sich auf ein echtes Treffen mit einem Mann einlässt, bei dem es keine Regeln gibt.

Simone (Sol Miranda) und ihre Freund*innen beim Schauen von Pornos. (Foto:  (c) by IFFF)
Simone (Sol Miranda) und ihre Freund*innen beim Schauen von Pornos. (Foto: (c) by IFFF)

Der Film stellt die Frage, ob es möglich ist, dass jemand tagsüber als Feministin die patriarchale Gesellschaft in Brasilien bekämpft, in der Männer ihre Frauen schlagen, und abends ihre Sexualität auslebt, bei der sie sich von Männern schlagen lässt. Feminismus ist eine vielschichtige Bewegung, die sich für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern einsetzt und auch die sexuelle Autonomie von Frauen unterstützt. Daher ist es in meinen Augen kein Gegensatz, da dies im Einklang mit feministischen Werten und Idealen steht, die Frauen ermutigen, ihre eigenen Entscheidungen in Bezug auf ihre Sexualität zu treffen und die Kontrolle über ihren eigenen Körper zu behalten. Im Film sagt Simone sinngemäß „Meine Sexualität ist nicht politisch“.

An sich wäre das ein gutes Thema für einen Film geworden, doch Júlia Murat verknüpft die drei Ebenen (Anwältin, Freundeskreis, Sex vor der Kamera) kaum miteinander, so dass sie nebeneinanderlaufen und etwas unorganisch bleiben. Sehr gut dagegen ist die Hauptdarstellerin Sol Miranda, die die Suche von Simone nach ihrer Sexualität sehr gut darstellt.




IFFF Tag 1 – Angry Annie

Frankreich in den 70er Jahren. Abtreibung war verboten, Frauen, die sich in einer verzweifelten Situation befanden und es trotzdem machen wollten, mussten nach Holland oder zu sogenannten Engelmacherinnen. Die Engelmacherinnen boten Frauen oft unsichere und schmerzhafte Methoden an, um ungewollte Schwangerschaften zu beenden, wie zum Beispiel das Einführen von gefährlichen Substanzen oder Werkzeugen in die Gebärmutter. Diese illegalen Praktiken waren mit einem hohen Risiko für die Gesundheit und das Leben der Frauen verbunden. In dieser Zeit spielt „Angry Annie“ von Blandine Lenoir, eines der acht Wettbewerbsfilme des diesjährigen Frauenfilmfestivals.



Annie (LaureCalamy) ist eine Arbeiterin in einer Matratzenfabrik und wird ungewollt schwanger. Sie nimmt Kontakt mit einer MLAC (Mouvement pour la liberté de l’avortement et de la contraception)-Gruppe auf. „MLAC“ steht für Bewegung für die Freiheit zum Abtreiben und für Empfängnisverhütung. Schritt für Schritt politisiert sie sich und wird immer aktiver im Kampf der Frauen auf Wahlfreiheit.

Dank der exzellenten Hauptdarstellerin funktioniert der Film auf mehreren Erzählebenen. Im Mittelpunkt steht natürlich die langsame Politisierung von Annie, auch hervorgerufen durch den Tod ihrer Nachbarin, die durch die Behandlung einer Engelmacherin stirbt. Anfangs noch schüchtern bei den treffen der MALC, engagiert sie sich mehr und mehr. Das hat auf der weiteren Ebene, der Familie, Konsequenzen. Die Zeit, die sie für ihr Engagement aufbringt, fehlt der Familie. Sie entfremdet sich von ihrem Mann, findet aber Kontakt zu ihrer Tochter. Letztlich findet Annie auch ihre berufliche Bestimmung.

Foto aus dem Film "Angry Annie" von Blandine Lenoir. (Foto: (C)  Aurora Films Local Films)
Foto aus dem Film „Angry Annie“ von Blandine Lenoir. (Foto: (C) Aurora Films Local Films)

Der Film macht aber auch wütend. Wütend auf die Staaten, in denen Frauen immer noch keine Wahlmöglichkeiten haben. Wütend auf Länder wie die USA und andere (ja, auch in Deutschland gibt es eine kleine laute Minderheit), die die Uhr zurückdrehen wollen und für die Frauen nur Gebärmaschinen sind, natürlich im Namen ihrer Religion oder was sie dafür halten.

Deshalb muss der Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau unbedingt weitergehen. Bleiben wir wütend wie Annie.




Malerische Fluchten von Barbara Giesbert

Barbara Giesberts Herangehensweise an ein Bild ist immer schon „Einfach anfangen und gucken, was es werden möchte“, aber bei der jetzt gezeigte Bildreihe könnte man es schon fast „intuitives Malen“ nennen, denn es war eine Art Therapie, mit der sie in den ersten Corona-Zeiten ihre Sehnsucht nach Reisen und Meer verarbeitete. Plötzlich konnte man nirgendwo mehr hin! Auch von der Familie und Freunden musste/sollte man Abstand halten….was blieb da noch? Das Atelier! Anders als manche Künstler:innen hatte Barbara Giesbert keine Blockade, sondern ihre Kreativität blühte stetig auf und sie malte ihre Eindrücke aus fernen Ländern, die sie nicht besuchen konnte. Die Stimmungen und Anblicke, an die sie sich erinnerte, die Farben, die ihr hier zu Hause fehlten, das Meer, die Berge, die Landschaften…alles fand seinen Platz auf den Leinwänden.



Da Auslandsreisen nicht möglich waren und später die Sehnsucht nach Meer nur im Inland gestillt werden konnte, begab sich Barbara Giesbert dann in den heimischen Garten und die umliegenden Wälder und entdeckte dort die vielfältige Schönheit der Birken für sich. Dadurch inspiriert, entstand eine Serie mit Birkenbildern und -Collagen, in denen die Künstlerin mit Fotos, Teilen von Birkenrinde, Blättern, Zweiglein, Papier und Farbe experimentierte.

Die Ausstellung im Kunstbonbon in der Chemnitzer Straße 11 zeigt aus Platzgründen nur einen Teil der damals entstandenen Werke, aber auch die Auswahl lässt den Betrachter erahnen, welche Sehnsüchte Barbara Giesbert damals antrieben und mit welcher Neugier sie sich der Erkundung der Birken widmete.

Und so gibt es recht unterschiedliche Werke zu sehen: auf der einen Seite die intensiven Farben der „Sehnsuchtsbilder“, aber auch die reduzierte Farbpalette der Birken, die jedoch durch interessante Strukturen und Kontraste zum genaueren Hinsehen anregen.

„Barken, Birken, Borkum – Hauptsache raus!“
Vernissage: 22.04.2023 um 15 Uhr
Ausstellung vom 22.04. bis 20.05.2023