The Tallis Scholars – Musik zu Ehren von heiligen Frauen

Nach 2015 und 2018 konnte ich zum dritten Mal das Vokalensemble „The Tallis Scholars“ im Rahmen des Festivals Klangvokal erleben.  Und erneut gab es ausgewählte Musik aus der Zeit der Renaissance, wobei sich auch drei modernere Komponisten mit „hineingeschmuggelt“ hatten. Das Konzert fand am 25. Mai 2023 in der Propsteikirche statt.



Das bemerkenswerte an dem Konzert war, dass alle aufgeführten Werke eine heilige Frau im Mittelpunkt hatte. Überwiegend stand Maria, die Mutter Jesu, im Zentrum, Francesco Guerrero widmete Maria Magdalena eine Motette.

Nach Orlando di Lassos „Alma redemptoris mater” war der erste Teil des Konzertes der Missa „Ave maris stella“ von Josquin Desprez gewidmet. Die „Ave maris stella“ ist eine Marienantiphon, eine Hymne an die Jungfrau Maria, und Josquin Desprez basierte seine Messe auf diesem gregorianischen Choral. Die Messe wurde wahrscheinlich um das Jahr 1500 komponiert und ist eines von Josquins bekanntesten Werken. Josquin Desprez schafft eine eindringliche musikalische Darstellung der Verehrung der Jungfrau Maria. Durch den Einsatz verschiedener kompositorischer Techniken wie Imitation, Kontrapunkt und Klangfarbenwechsel erzeugt er eine vielschichtige und emotionale Wirkung. Diese Wirkung wurde von den die Sänger:innen der Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Philips in gewohnt hochwertiger Weise erzielt.

Nach der Pause ging es mit Renaissancemusik von Francesco Guerrero weiter.  Seine Musik zeichnet sich durch eine ausgeprägte melodische Schönheit, sorgfältige Textausdeutung und ein feines Gespür für Kontrapunkt und Harmonie aus. Danach gab es eine kleine Zeitreise in die Jetztzeit. Der zeitgenössische Komponist Matthew Martin zeichnet sich durch eine moderne Tonsprache und eine sorgfältige Textausdeutung aus. Seine Kompositionen vereinen traditionelle und zeitgenössische Elemente und zeigen eine beeindruckende Beherrschung von Harmonik, Rhythmik und Klangfarben.  Auch hier überzeugten die Tallis Scholars ebenso wie beim russischen „Bogoroditse Devo“ von OIgor Strawinsky, der sehr stark auf die russisch-orthodoxe Kirchenmusik in seiner Komposition zurückgreift.

Ein Name durfte bei moderner geistlicher Chormusik natürlich nicht fehlen: Arvo Pärt. Hier erklang „Virgencita“, die an eine Marienerscheinung im 16. Jahrhundert in Mexiko erinnern soll.

Zum Schluss ging es wieder zurück in die Renaissance. Heinrich Isaacs „Virgo prudentissima“ ist ein mehrstimmiges Chorstück, das typisch für die polyphone Musik der Renaissance ist. Die Komposition besteht aus vier oder fünf Stimmen, die in kunstvoller Weise miteinander verwoben sind. Isaac ist durch seine Komposition „Innsbruck, ich muss dich lassen“ bekannt geworden.

Das Konzert hat wieder mal gezeigt: Wer Chormusik aus Renaissance-Zeit liebt, wird an den Tallis Scholars nicht vorbeikommen.




Phantomschmerz – Geschichten über Verlust und Widerstand

Mit „Phantomschmerz“ hatte der letzte Teil der Trilogie über die Existenz der Frau Premiere, die das Sepidar Theater auf die Bühne brachte. Nach „Ich bin schon tot“ (2021) und „Hosenrolle“ (2022) ging es bei „Phantomschmerz“ feministischen Kämpfe und Wunden von Frauen. Das Solostück für Bahar Sadafi hatte am 26. Mai 2023 im Theater im Depot Premiere.



Wer hat die Macht über den Körper der Frau? Gewalt gegen den Körper der Frau hatte in der Geschichte viele Formen angenommen. Von Säureangriffen über Fußbinden im alten China, Narben- und Brandmarkierungen, um äußerlich zu zeigen, zu welcher Gemeinschaft die Frau gehört reicht das (sicherlich nicht vollständige) Repertoire. Doch eine der schlimmsten Formen der weiblichen Verstümmlung ist die der Genitalverstümmlung, die immer noch praktiziert wird.   

Phantomschmerz von Sepidar Theater. Bild: (c) Parva Zahed)
Phantomschmerz von Sepidar Theater. Bild: (c) Parva Zahed)

Um diese Genitalverstümmlung drehte sich der Anfang der Performance von „Phantomschmerz“. Eindrucksvoll berichtet Sadafi als Erzählerin von der Beschneidung ihrer älteren Schwester, wobei deutlich wird, dass auch Frauen dieses barbarische Ritual unterstützt haben.

Die zweite Geschichte handelt von einer kämpferischen Frau, die im Gefängnis versucht, sich individuelle Freiräume zu erkämpfen, was aber – auch durch die Mitinsassinnen – niedergeschlagen wird. Das Abschneiden ihrer Haare ist auch eine Form der Verstümmelung.

Das Stück hat natürlich auch eine positive Perspektive. Denn wenn Frauen sich gegen jegliche Verstümmelung und Aneignung ihres Körpers zur Wehr setzen, diesen „Phantomschmerz“ über den Verlust in Wut und Energie umsetzen, dann können sie den Kampf gewinnen. Im Stück präsentiert Sadafi folgende Analogie: Bei Schere-Stein-Papier gewinnt die Schere gegen das Papier. Aber das Papier wird zerschnitten und die Streifen werden immer mehr.




Siegfried mit Witz und Klasse

Nach der „Walküre“ in der vergangenen Spielzeit hatte am 20. Mai 2023 „Siegfried“ aus dem Ringzyklus von Richard Wagner einen großen Auftritt in der Oper Dortmund. Und wie schon in der „Walküre“ hat Peter Konwitschny wieder eine gelungene Inszenierung auf die Bühne gezaubert, dessen zweiter Akt sehr an der Humorschraube dreht.



Die Geschichte von „Siegfried“ ist schnell erzählt. Er ist das Kind der Zwillinge Siegmund und Sieglinde und der Enkel von Wotan. Die schwangere Sieglinde wird von der Walküre Brünhilde gerettet, was deren Verbannung nach sich zog (Das passierte in „Walküre“).

Siegfried wächst beim Zwerg Mime auf, der zwar Schmied ist, aber das zerbrochene Schwert Nothung nicht zusammenfügen kann. Siegfried, der genervt ist von seinem Ziehvater, schafft es alleine Nothung zu reparieren und tötet damit den „Wurm“ Fafner. Zur Belohnung bekommt Siegfried den Niebelungenhort, auf den Mime und sein Bruder Alberich (Morgan Moody) auch scharf ist. Mime wird von Siegfried getötet und unser Held begibt sich zu dem Ort, an dem Brünhilde hinter einem Riegel aus Feuer schläft und befreit sie.

„Siegfried“ zeichnet sich aus, dass es wenig weihevoll ist und die Handlung durchaus auch komödiantisch interpretiert werden kann. Konwitschny charakterisiert Siegfried (Daniel Frank) im ersten Akt als aufmüpfigen Jugendlichen, der die Autorität seines Ziehvaters Mime (Matthias Wohlbrecht) recht deutlich in Frage stellt. Siegfried, der aussieht wie eine Mischung zwischen Hippie und Jack Sparrow, möchte auch gar nicht die Zuneigung von Mime haben, die auch nur vorgetäuscht ist, wie wir später erfahren.

Im zweiten Akt wird es komödiantenhaft, alle Schwere von Wagners Bühnenfestspielen wird hinweggeblasen. Alleine dafür lohnt sich der Besuch von „Siegfried“. Hier ein paar Einfälle: Siegfried kann sein Horn nicht blasen, zur Unterstützung kommt Hornist Jan Golebiowski auf die Bühne,  die dunkle Höhle von Fafner entpuppt sich als goldener Raum mit Fafner (Denis Velev) in der Badewanne und der Waldvogel (Alina Wunderlin) hat ein wenig was von der Fee Tinkerbell.

Im dritten Akt hat Wotan alias Der dunkle Wanderer (Thomas Johannes Mayer) einen Auftritt mit der Göttin Erda (Aude Extrémo) hat, die er aus einer Art Tiefkühltruhe hervorzaubert. Ihre Warnung vor dem Ende von Göttern, Riesen und Zwergen bekommt Wotan bei einem Zusammentreffen mit seinem Enkel Siegfried selbst zu spüren. Das Ende gehört natürlich Brünnhilde (Stéphanie Müther) und Siegfried, der seine Wunschfrau trotz Rettung erstmal noch überzeugen muss. 

Da staunt Siegfried (Daniel Frank) nicht schlecht, was für Töne Hornist Jan Golebiowski aus seinem Instrument zaubert. (Foto: (C) Thomas M. Jauk)
Da staunt Siegfried (Daniel Frank) nicht schlecht, was für Töne Hornist Jan Golebiowski aus seinem Instrument zaubert. (Foto: (C) Thomas M. Jauk)

Die Inszenierung von „Siegfried“ zeigt wieder, warum Dortmund zur Oper des Jahres gewählt wurde. Tolle Stimmen bis in die kleinsten Nebenrollen, engagierte musikalische Begleitung durch die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Gabriel Feltz und eine frische, humorvolle Inszenierung von Peter Konwitschny. So verwandelt man die vier Stunden Musik in ein anspruchsvolles Seh- und Hörerlebnis. Kein Raum für überbordenden Pathos, keine Germanentümelei oder ähnliches.

Das Bühnenbild von Johannes Leiacker ist sehr reduziert. „Siegfried“ spielt größtenteils in Büro- oder Baucontainer, die man von großen Baustellen kennt, die aber effektiv als Wohnort eingerichtet wurden. Besonders die Höhle von Fafner war sehr fantasiereich ausgestaltet. Die Reduktion des Bühnenbildes ging zum Schluss noch weiter, denn Siegfried und Brünnhilde treffen sich auf der fast leeren Bühne.

Der Schlussapplaus für alle Beteiligten machte deutlich, dass in Dortmund ein zeitgemäßer und gleichzeitig qualitativ hochwertiger „Siegfried“ im Spielplan steht, der vom Publikum angenommen wird.




Kunstwandeln – theatrale Spaziergänge durch das Grün des Ruhrgebiets

Das Festival wird veranstaltet von artscenico performing arts, Dortmund und Jelena Ivanovic, Essen in Kooperation mit Theater Kreuz&Quer, Duisburg sowie
ORKESTRA/Markus Stollenwerk, Hattingen. Es findet an vier Wochenenden zwischen dem 18. Mai und dem 12. Juni an öffentliche Orten in den beteiligten Städten statt
und präsentiert verschiedene Kunstgenres von Theater über Kindertheater, Musik bis zu Tanz.



Am Pfingstwochenende, vom 27. – 29.Mai., gastiert das Festival nun mit drei Veranstaltungen in Dortmund.
Hierbei präsentiert das Festival mit dem bekannten Dortmunder Theaterlabel artscenico e.V. als Gastgeber an drei Tagen die Produktionen dreier Gastgruppen.

Was erwartet das Publikum?

Am 27.05.2023 um 18.00 Uhr erlebt das Publikum auf dem Gelände der Galopprennbahn Dortmund-Wambel einen konzertanten Spaziergang mit Live-Malerei, inszeniert von
ORKESTRA/ Markus Stollenwerk, Hattingen
mit dem Titel Soundscaping

 
Am 28.05.2023 um 15.00 Uhr laden wir alle Menschen ab 5 Jahren ein zur Kindertheatervorstellung des Theater Kreuz & Quer – Von Einer, die auszog das Fürchten zu lernen –
Ein Clownstheater mit zwei Rucksäcken, einem Hochsitz und einem Märchenwald…

Veranstaltungsort ist hier der Fredenbaumpark (Eingang Beethovenstraße/Klinikum Nord)

Und am 29.05.2023 um 18.00 Uhr präsentiert Kunstwandeln die Essener Choreographin und Tänzerin
Jelena Ivanovic und ihre Gruppe Tanzgebiet mit der Tanztheaterproduktion Heimland? im Externbergpark (Evinger Stadtpark) in Dortmund-Eving.

Infos zu den Veranstaltern und teilnehmenden Gruppen entnehmen Sie bitte den Anhängen oder unter www. kunstwandeln-ruhr.de
Alle Veranstaltungsorte sind für mobilitätseingeschränkte Personen zugänglich. Bei Fragen hierzu kontaktieren Sie
uns bitte unter orga@artscenico.de

Ticketpreise 17 €/ermäßigt 10 €/6 € Kinder bis 14 J und Einheitspreis Kindertheater am 28.05.
Tickets unter: https://ticketree.de/event/kunstwandeln/ oder orga@artscenico.de (Reservierung)
oder an der Tageskasse der jeweiligen Orte.




Doom – ein nebliger, düsterer Ort

Es war alles angerichtet für ein Metal-Konzert am 13. Mai 2023. Die Fläche des Theaters im Depot war in dichtem Nebel gehüllt. Die Zuschauer konnten es sich aber gemütlich machen, Sitzkissen waren vorbereitet.



Bei „Doom“ denken Gamer natürlich sofort an das legendäre Computerspiel, doch die Schöpfer Layton Lachman und Samuel Hertz verbinden mit dem Titel die gleichnamige Spielart des Heavy Metals „Doom Metal“. „Doom Metal“ zeichnet sich dadurch aus, dass die Akkordwechsel sehr langsam vonstattengehen und die Songs durchaus über 10 Minuten dauern können. Die Abgabe von Ohrstöpsel machte klar: Es wird laut werden.

Insgesamt stand vier Performer:innen auf der Bühne, von denen drei hauptsächlich getanzt haben und ein Gitarrist. Die erste Phase wirkte – so mein Eindruck – als wenn die drei Tänzer:innen typische Rockposen annahmen, die Musiker auf der Bühne performen. In der zweiten Phase wurde es dann laut, denn dann benutzten alle vier Gitarren und Bässe und sorgen dank Rückkopplung dafür, dass die Musik im wahrsten Sinne des Wortes spürbar war.

Aber es gab auch ruhigere Phasen, ein Solotanz mit Fahrradfahrendem Kollegen oder einen eher spirituellen Gesang.  Nicht zu vergessen, ein Stück Orange für das Publikum in einem Setting, das etwas an BDSM erinnerte.

Doom war ein Erlebnis für alle Sinne. (Foto: (c): Carla Schleiffer)
Doom war ein Erlebnis für alle Sinne. (Foto: (c): Carla Schleiffer)

Dass das Stück über Trauer und Verlust handeln soll, wie in dem kleinen Begleitzettel erklärt, wird mit nicht deutlich gemacht. Ich finde es aber auch nicht schlimm, denn ich finde es wichtiger, dass der Betrachter sich selbst seine Gedanken machen muss.

„Doom“ ist kein Produkt für die Masse. Schon allein deshalb, weil „Doom Metal“ selbst eine Nische in der Nische Heavy Metal ist.  Diese Musik wird man im Radio äußerst selten hören.

„Doom“ war ein Erlebnis für alle Sinne, das den Betrachtenden hineinzog in eine düstere, neblige Welt. Es bedarf schon etwas an Unerschrockenheit, um sich dieser Erfahrung zu stellen.

 Die Beteiligten: Layton Lachman, Samuel Hertz, emeka ene, und Caroline Neill Alexander.




Von Weißert bis Wissert – gelungene Gala für die Schauspielfreunde

Viele Köche verderben den Brei – so sagt man. Aber der Galaabend am 12. Mai 2023 zu Ehren des 40-jährigen Jubiläums der „Schauspielfreund*innen“ bewies das Gegenteil. Alle sechs Sparten des Theaters präsentierten sich von ihrer besten Seite bei „6und40“.



Vor 40 Jahren kamen in Dortmund Pläne auf, die Schauspielsparte aus Kostengründen zu schließen. Dagegen regte sich bürgerschaftlicher Protest und in Folge wurde der Verein „Dortmunder für ihr Schauspiel“ gegründet. Der Verein ist eine Lobby für das Schauspiel sowie das Kinder- und Jugendtheater, und unterstützt beide Bühnen tatkräftig.

Schlussapplaus mit allen Beteiligten; vorne: Mandla Mndebele
(c) Birgit Hupfeld
Schlussapplaus mit allen Beteiligten; vorne: Mandla Mndebele
(c) Birgit Hupfeld

Aber bei so einem Jubiläum ließ sich das Theater es nicht nehmen, mit allen Sparten zu feiern und so gab es unter der Gesamtleitung von Andreas Gruhn, dem Leiter des KJT, ein buntes Programm mit alten Bekannten und jungen Gesichtern.  Moderiert wurde das ganze von Ensemblemitglied Raphael Westermeier.

Den Beginn der Gala gestaltete der Sprechchor mit „A little help from my friends“. Andreas Weißert und Harald Schwaiger aus der Zeit vor Kay Voges waren da, ebenso wie Andreas Beck, der zehn Jahre unter Voges spielte. Ja, auch Kay Voges persönlich war aus Wien angereist, um den „Schauspielfreund*innen“ für ihre Unterstützung zu danken. Von der Oper waren Sungho Kim und Mandla Mndebele gekommen, die ein Duett aus „La Bohéme“ sagen.

Neben den alten Recken gab es natürlich auch neue Gesichter zu sehen. Das NRW Juniorballett tanzte und der Jugendclub des Schauspiels zeigte einen kleinen Ausschnitt aus seinem aktuellen Programm.   Den Besucher*innen wurde vom Schauspiel eine kleine Kostprobe aus „Bakchen“ geboten.

Gegen Ende zeigten Ensemblemitglieder des KJT den Auftritt der Handwerker aus Shakespeares „Sommernachtstraum“.  Der kurze Ausschnitt kam beim Publikum sehr gut an, steht aber nicht im Programm der kommenden Spielzeit. Bei der positiven Resonanz – vielleicht ändert sich dies noch.

Mit „You’ll never walk alone”, gesungen von Mandla Mndebele, wurde die gelungene Gala beendet.

Mehr zu den Schauspielfreund*innen unter www.schauspielfreunde.do




Klassische Musik zwischen Wien und Edinburgh

Beim 3. Konzert Wiener Klassik mit dem Titel „Von Wien bis Edinburgh“ am 08.05.2023 im Dortmunder Konzerthaus standen Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) und Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 – 1847) und der Bezug zweier ihrer Werke zu diesen Städten im Mittelpunkt.



Außerdem spielte die Klarinette, welche gerade erst zu Mozarts Lebenszeit langsam an Beachtung gewonnen hatte, eine wesentliche Rolle.

Für die Entstehung des Konzerts für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622 am Anfang des Abends war die Begeisterung Mozarts für das Instrument maßgeblich. Die entstand in Wien durch seine Freundschaft zu den Brüdern Stadler, zwei Klarinettenvirtuosen.

Der Dortmunder Philharmoniker unter der souveränen Leitung von Nabil Shehata stand als Solo-Klarinettistin Alina Heinl (Seit 2020 in dieser Position bei der Dortmunder Philharmoniker) bei diesem Werk zur Verfügung.

Sie meisterte im kongenialen Zusammenwirken mit dem Orchester dieses musikalisch reichhaltige und anspruchsvolle Konzert mit Leichtigkeit und Empathie. Ob virtuose Läufe, gewagten Sprünge, ausdruckstarkes Legato – Spiel  oder etwa der Wechsel zum bewegende, langsame 2. Satz.

Das Werk strahlte eine Stimmung von gelöster Heiterkeit mit einer Portion Wehmut aus.

Die Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 (genannt „Die Schottische“) von Felix Mendelssohn-Bartholdy nach der Pause entstand zehn Jahre nach einem dreiwöchigen Aufenthalt des Komponisten in Edinburgh und der Besichtigung des Holyrood Castles.

Die Klarinette bekam auch hier eine tragende Rolle. So in der Eröffnung des Scherzos. Deren besondere Klangfarbe zieht sich wie ein roter Faden durch die vier ineinander Sätze durch die Sinfonie. Diese sind auf verschiedene Weise thematisch miteinander verwoben.

Das Werk besticht durch seine Wechsel von romantischen musikalischen Abschnitten und dramatischen, bis zum Schluss hymnisch wachsenden Steigerungen. Für die Leistungen aller Beteiligten gab es am Ende viel Beifall vom Publikum.




In der Übersetzung verlorengegangen – Aşk (Liebe)

Das türkische Wort „Aşk“ kann man im Deutschen mit „Liebe“ übersetzen, doch dann geht einiges von den Nuancen des Wortes verloren – es ist „Lost in Translation“ wie der komplette Titel des deutsch-türkischen Stückes heißt. „Aşk – Lost in Translation“ begibt sich auf die Suche nach den unterschiedlichen Bedeutungen dieses kleinen Wortes. Sinem Süle und Aydın Işık wühlen sich im Theater im Depot gemeinsam durch die ost-westliche Literatur. Begleitet wurden sie von Kemal Dinç mit seiner Bağlama. Regie, Texte und künstlerische Leitung hatten Ayşe Kalmaz und Kemal Dinç.



„What is love?“ sangen bereits Howard Jones in den 80ern und Haddaway in den 90ern. Unzählige Lieder über die Liebe wurden getextet und komponiert. Doch die Frage ist ja, was für eine Art „Liebe“ ist „Aşk“? Ist es das körperliche Begehren nach einer anderen Person, oder kann es auch die Liebe zu einer Idee oder ähnlichem bedeuten. So gibt es den Begriff der „Agape“, die selbstlose, nicht sinnliche Liebe, im Gegensatz zu „Eros“, dem sinnlichen Verlangen.

Sinem Süle und Aydın Işık auf der Suche nach der Bedeutung von "Aşk". (Foto: (c) Kalmaz / Dinç)
Sinem Süle und Aydın Işık auf der Suche nach der Bedeutung von „Aşk“. (Foto: (c) Kalmaz / Dinç)

So diskutieren und streiten Süle und Işık über die verschiedenen Bedeutungsebenen und machen für mich eines deutlich: Der Job eines Übersetzers ist nicht ohne. Denn ohne den richtigen Zusammenhang, kann in der Übersetzung einiges an Feinheiten verloren gehen. Das ist etwas, an dem Übersetzungsprogramme trotz immer besser werdender KI scheitern. Hier ist immer noch der Mensch gefragt, der durch sein Wissen und seine Erfahrung Begriffe richtig einordnen kann.

Das 60-minütige Stück war sehr kurzweilig und hatte mit Kemal Dinç auch jemanden, der musikalische Highlights setzen konnte. Ein vergnüglicher ost-westlicher Ritt durch die Literatur.




Chiffre 23 – Ausstellung der Dortmunder Gruppe um eine geheimnisvolle Zahl

Was hat der Ausstellungsname „Chiffre 23“ wohl zu bedeuten? Ich habe mal ChatGPT gefragt, der in der Ausstellung auch thematisiert wird, und folgende Antowrten bekommen:  In der Numerologie wird die Zahl 23 als eine Kombination der Energien der Zahlen 2 und 3 betrachtet. In der jüdischen mystischen Tradition der Kabbala wird die Zahl 23 mit dem hebräischen Buchstaben „Mem“ in Verbindung gebracht, der mit Wasser assoziiert wird. Die Zahl 23 wird daher oft mit dem Zugang zu tiefer Weisheit und spirituellem Wachstum in Verbindung gebracht. Der Diskordianismus besagt, dass die Zahl 23 eine geheime Bedeutung und eine mysteriöse Kraft hat, die in allen Aspekten des Lebens auftaucht.



Da ich aber eher zum „Team Science“ gehöre, ist meine Interpretation, dass die Zahl „23“ für das Jahr 2023 steht. So ist das in der modernen Kunst, es gibt es kein „Richtig“ oder „Falsch“, es liegt im Auge des Betrachtenden.

Die Künstler*innen: Gudrun Kattke, Jan Bormann, Mariana González Alberti und Alexander Pohl von der Künstlervereinigung: Dortmunder Gruppe e.V. Foto: © (Copyright) Michael Lemken
Die Künstler*innen: Gudrun Kattke, Jan Bormann, Mariana González Alberti und Alexander Pohl von der Künstlervereinigung: Dortmunder Gruppe e.V. Foto: © (Copyright) Michael Lemken

Aber kommen wir zu den Fakten_: Die Ausstellung läuft vom 07.  bis zum 28. Mai in der Städtischen Galerie Torhaus Rombergpark. 20 Künstlerinnen und Künstler stellen Werke aus unterschiedlichen Bereichen aus.

Ein beeindruckendes Werk ist „Illusion und Schöpferkraft“ von Roul Schneider. Wie ein riesiger Computer-Chip aus Kohle wirkt die Arbeit, mit Verbindungen aus Metall, die sich in die Erde bohren.

Gegenüber ist eine weitere großformatige Arbeit. Der Künstler Martin Becker hat einen riesigen Feuersturm ins Torhausgebracht. Vielleicht ein Ergebnis des Ukraine-Krieges oder anderer blutiger Konflikte.

Mit dem Thema Krieg beschäftigt sich auch Alexander Pohl. Die beiden Werke „Happyness is a warm gun“ und “Wir werden irgendwann dahin gehen wo die meisten von uns schon sind“ kritisiert die Gewinne der Waffenindustrie und die Folgen des Ukraine-Krieg.

Jan Bormann stellt zwei Plastiken aus. „Gesicherte Energie“ nimmt Bezug auf die Kohle im Ruhrgebiet und die Frage, wieso im Ruhrgebiet die Erdwärme nicht genutzt wird. Beim „Kraft-Rad“ will das Rad seine Freiheit gewinnen.

Mit „Golem23“ verbindet Era Freidzon den alten Mythos vom Golem mit der Künstlichen Intelligenz. Das Erschaffen eins künstlichen Wesens aus Schlamm (Golem) einerseits und Daten (KI) andererseits zeigt, dass beide eine gewisse Eigenständigkeit und Identität entwickeln könn(t)en.

Die Zahl 23 ist eine Primzahl. Periodischen Zikaden oder 17-Jahres-Zikaden (Magicicada), haben einen bemerkenswerten Fortpflanzungszyklus, der in Primzahlen ausgedrückt werden kann. Daher hat Mariana González Alberti einige Larven ausgestellt. Aus der Ferne sehen sie aus, als wären sie aus Metall, sind aber aus Pappe.

Eine zarte Landschaft, aus Faden gebildet, zeigt Sabine Held. Gudrun Kattke verarbeitet den Verlust eines engen Freundes mit der mehrteiligen Installation „VIP*RIP“.  Darüber hinaus gibt es Arbeiten zu sehen von Marlies Blauth, Teresa Crawford Cabral, Birgit Feike, Rosa Fehr von Ilten, Lutz Kemper, Erwin Löhr, Dina Nur, Monika Pfeiffer, Christian Psyk, Erika A. Schäfer, Wolfgang Schmidt und Claudia Terlunen.

Der Eintritt zu der sehenswerten Ausstellung ist frei.  Die Öffnungszeiten des Torhauses sind dienstags bis samstags 14-18 Uhr und sonn- und feiertags 10 bis 18 Uhr.




Wo kommt der Strom für die Roboter her?

Im Stück „Strom – eine Robotergeschichte“ erzählte uns Yvonne Dicketmüller am 30. April 2023 im Theater Fletch Bizzel einiges über Energiesparen und Stromfresser. Das Theaterstück ist konzipiert für Kinder ab 5 Jahren.



In einer Robotermetropole leben Roboter in Saus und Braus. Sorglos verprassen sie Strom, wo sie nur können. Eines Tages aber stellen sie fest, dass ihr Lebenselixier, der Strom, zu versiegen droht. Alle Energiereserven sind verbraucht und die Roboter stehen vor dem Aus. Sie drohen auszusterben.

Szenenbild aus "Strom - eine Robotergeschichte" von Yvonne Dicketmüller. (Foto: (c) Yvonne Dicketmüller)
Szenenbild aus „Strom – eine Robotergeschichte“ von Yvonne Dicketmüller. (Foto: (c) Yvonne Dicketmüller)

Auch dem kleinen Roboter Adam setzt der bereits beginnende Energiemangel zu. Doch als sein geliebtes Haustier, Bello, verschwindet, mobilisiert er seine letzten Energiereserven, um Bello wiederzufinden.

Das Stück überzeugt nicht nur durch die liebevoll gestalteten Hauptfiguren und die Spielorte, auch Dicketmüller gibt ihren Hauptfiguren die nötige Tiefe. Vielleicht sind die Fragen, die sie im Laufe des Stückes stellt, für die ganz Kleinen noch zu schwer, aber alle konnten der – an manchen Stellen urkomischen – Handlung gut folgen.

Der zweite Aspekt, der in dem Stück eine Rolle spielt, ist das Stromsparen. Denn ein hoher Energieverbrauch sorgt dafür, dass immer mehr Energie benötigt wird. Wenn dann wie in der Roboterstadt die Kohle ausgeht, wird es im wahrsten Sinne des Wortes zappenduster.

Das Stück bietet einen großen Mitmachcharakter für danach. Denn die Lösung, die „Mutter Natur“ vorschlägt, ist die gute alte Gemüsebatterie. Eine Gemüsebatterie ist eine Art von Bio-Batterie, die durch den Einsatz von elektrisch leitfähigen Gemüsesorten wie Kartoffeln, Gurken oder Tomaten Strom erzeugt. Die Funktionsweise einer Gemüsebatterie beruht auf einem elektrochemischen Prozess, bei dem die in den Gemüsesorten enthaltenen Elektrolyte (in der Regel Phosphorsäure) in Verbindung mit zwei verschiedenen Metallen als Elektroden verwendet werden.

Damit kann man beispielsweise eine LED-Lampe zum Glühen bringen, aber ob es für Roboter Adam reichen würde?

Auf jeden Fall lernen die Kinder in diesem Stück, dass sie sorgsam mit Energie umgehen müssen.