Endspurt im Orgelsommer 2023

Noch drei Konzerte finden im Rahmen der diesjährigen Orgelwoche in der Dortmunder Propsteikirche statt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Abschlusskonzert, denn dort spielt Simon Daubhäußer werke des Hörder Komponisten Edurad Wilsing kommen.



Die Konzerte beginnen um 19:30 Uhr und der Eintritt ist frei.

21.07. Tamás Bódiss (Budapest)

Franz Tunder (1614-1667) Praeludium in G

Nun lob mein Seel den Herren – Choral und Variazione aus der Lüneburger Tabulatur (1650)

J. S. Bach (1685-1750) Phantasie und Fuge g minor BWV 542

J. G. Walther (1684-1748), Nun lob mein Seel den Herren – Choralbearbeitung

J. G. Albrechtsberger (1736-1809), Fuge B-A-C-H

F. Liszt (1811-1886) Angelus! Prière Aux Anges Gardiens

J. N. Hummel (1778-1837) Praeludium und Fuge c minor

F. Liszt: Weimars Volkslied

A. Guilmant (1837-1911), Nun lob mein Seel den Herren – Choral, op. 93.

28.07. Mario Hospach-Martini (Konstanz)

Dietrich Buxtehude (1637-1707) Toccata in d BuxWV 155

Johann Adam Reincken (1642-1722) Choralfantasie „An Wasserflüssen Babylon“

Johann Sebastian Bach (1685-1750) Sarabande con partite BWV 990

César Franck (1822-1890) Choral Nr.1 in E-Dur

04.08. Simon Daubhäußer

Während des Abschlusskonzertes am 4.8. wird es zu einer (Wieder-)Uraufführung von Orgelwerken bzw. kontrapunktischen Studien des Hörder Komponisten Eduard Wilsing kommen. Durch die Forschungsarbeit und das Engagement von Gerhard Stranz werden dem Dortmunder Publikum an unterschiedlichen Orten und in verschiedensten Besetzungen Auszüge aus Wilsings Werk wieder vor Ohren geführt. Der Zeitgenosse von Felix Mendelssohn Bartholdy, die beide Kompositionsunterricht bei Ludwig Berger hatten, hat sich unter anderem durch die bisher wenig bekannte Sicherung von Werken von Johann Sebastian Bach, so auch für das Weihnachtsoratorium und die Matthäuspassion, und vor allem auch durch die fast in Vergessenheit geratenen eigenen Werken in hohem Maße verdient gemacht. Er schuf u.a. das von Schumann hochgelobte 16stimmige Oratorium De Profundis, Klavier und Vokalwerke und das in seiner Anlage einmalige Oratorium „Jesus Christus“. … Erläuterungen zu den Werken erwarten Sie eingebettet in ein Programm aus klassischen Werken des organistischen Konzertrepertoires zum Abschluss der diesjährigen Reihe.




Viva Vassileva – Ein Abend für Percussion

Freund:innen von Schlagwerk und Percussion jeder Art hatten am 22. Juni 2023 einen großen Abend im Konzerthaus. Denn die Percussionistin Vivi Vassileva war nicht nur alleine gekommen, sie hatte auch das Extasi Ensemble mit dabei: Jürgen Leitner, Aleksandar Georgiev, Valentin Vötterl und Leon Lorenz sorgten dafür, dass die Bühne des Konzerthaus gefüllt war mit Toms, Becken, Xylophone, Marimbaphone und anderen Dingen, die zur Klangerzeugung nützlich sind. Mit dabei war auch der Pianist Per Rundberg.



Mir als „einfachen“ Schlagzeuger, der schon froh darüber ist, Groove und Tempo zu halten, nötigte das Konzert höchsten Respekt ab. Denn es geht ja nicht nur darum, einen Rhythmus zu spielen, sondern auch die Melodieinstrumente wie Xylophone perfekt zu spielen.

Nach einem kleinen Aufwärmstück ging das Konzert mit dem „Inferno“ von Daniel Bjarnasson weiter. Hier ging es direkt in die Hölle mit Gongs, Becken und anderen unheilvollen Klängen. Zum Einsatz kam auch ein Txalaparta, ein baskisches Schlaginstrument. Insgesamt ein starkes Stück, dass die Dunkelheit und Düsternis feiert.

Nach der Pause ging es mit dem „Oraculum“ von Oriol Cruixent weiter. Ebenfalls ein modernes Stück, geschrieben 2019, mit sieben Sätzen, die den sieben Chakren zugeordnet sind. Gingen wir vor der Pause im letzten Stück in die Hölle, so arbeiteten sich die Künstler langsam in den Himmel, oder zur „Erleuchtung“. Auch hier wurden unzählige Schlagwerke gebraucht und kombiniert, so dass magische Klänge zustande kamen.

Steve Reichs „Drumming“ Part I ist ein Kleinod der minimal music. Im Mittelpunkt stehen Rhythmen, die durch Phasenverschiebung neue Muster bilden. Ein sehr intensives Stück, bei dem vier Musiker gleichzeitig für einen intensiven Sound sorgten.

Ein gelungener Abend, nicht nur für Freund:innen von Percussions. Gut aufgelegte Musiker und moderne Musik, eine tolle Kombination bei den „jungen Wilden“.




Eine Oper als Requiem

Wenn ein Opernkomponist wie Gaetano Donizetti ein Requiem komponiert, dann können sich die Zuhörenden auf ein Werk freuen, dass dramatisch, lyrisch und alles dazwischen ist. Die Dortmunder Philharmoniker und der Philharmonische Chor des Dortmunder Musikvereins unter der Leitung von Granville Walker präsentierten das Werk am 17. Juni 2023 in der Reinoldikirche im Rahmen des Festivals „Klangvokal“.



Die „Messa di Requiem“ von Donizetti wurde ursprünglich im Jahr 1835 komponiert. Sie wurde zu Ehren des italienischen Schriftstellers und Dichters Alessandro Manzoni geschrieben, der ein enger Freund von Donizetti war. Das Werk wurde jedoch erst nach Donizettis Tod im Jahr 1846 veröffentlicht.

Donizettis Requiem ist ein liturgisches Werk für Solisten, Chor und Orchester. Es besteht aus den traditionellen Teilen des Requiems, wie dem Introitus, dem Kyrie, dem Dies Irae, dem Offertorium, dem Sanctus und dem Agnus Dei.

Doch seine Arbeit als Opernkomponist kommt deutlich zum Tragen. Donizetti verwendet ausdrucksstarke Melodien, die oft von den Solisten und dem Chor interpretiert werden. Diese Melodien haben oft eine lyrische Qualität, die typisch für Donizettis Opern ist. Wie in seinen Opern geht es aber nicht nur lyrisch zu. Die dramatischen Passagen des Dies Irae oder des Offertoriums erinnern an die intensiven Momente in seinen Opern, in denen Spannung und Leidenschaft dargestellt werden.

Dafür braucht man gute Stimmen. Mit Anna Sohn (Sopran), Anna Harvey (Mezzosopran), Carlos Cardoso (Tenor), Germán E. Alcántara (Bariton) und Jens Hamann (Bass) hatte Granville Walker exzellente Solisten an seiner Seite, die vom Philharmonischen Chor adäquat begleitet wurden.

Der Abend hat gezeigt: Ein gelungenes Requiem von Donizetti, das sich vor Verdis Requiem nicht zu verstecken braucht.




Drei Aspiranten der Dortmunder Gruppe in der BIG Gallery

Caro Fugazzi, Steffen Mischke und Thomasz Thun sind die neuen Beitrittskandidaten der Künstlervereinigung Dortmunder Gruppe. Um sie vorzustellen, werden ihre Arbeiten vom 25. Juni bis zum 16. Juli 2023 in der BIG gallery gezeigt.



Auf florale Elemente konzentriert sich Thomasz Thun zurzeit in seinen Arbeiten. Doch die Bilder sind weit entfernt von den klassischen Stillleben. Auf den ersten Blick wirken sie rauh und grob wie aus einem Skizzenbuch. Aber das Material Papier macht sie auch gleichzeitig verletzlich wie die echten Blüten.

Caro Fugazzi, Steffen Mischke und Thomasz Thun in der BIG Gallery. (Foto: (c) Alexander Pohl)
Caro Fugazzi, Steffen Mischke und Thomasz Thun in der BIG Gallery. (Foto: (c) Alexander Pohl)

Auch Caro Fugazzi malt auf ungewöhnlichem Grund. Sie benutzt Packpapierrollen, die von der Decke bis zum Boden reichen. Die Werke, die sie zeigt, sind aktuell in der Galerie entstanden. Fugazzi arbeitet mit Kohle und Kreide. Da das Packpapier braun ist, hat die Künstlerin die Möglichkeit mit der Farbe Weiß zu arbeiten. Sie ist inspiriert durch Höhlenmalerei.

Weiß ist nicht das Kernthema von Steffen Mischke. Seine Bilder sind bunt expressiv, die Farbe beinahe sinnlich überbordend.  Es scheint, als wolle Mischke austesten, was für den Betrachter noch ertragbar ist.

Warum die drei Künstler:innen in die Dortmunder Gruppe wollen? Es geht vor allem um den künstlerischen Zusammenhalt und die größeren Möglichkeiten, die ein Künstlerbund bietet, berichteten die anwesenden Thun und Fugazzi.

Die Ausstellung wird am 25. Juni um 14 Uhr in der BIG gallery eröffnet.




Archipel – Inseln zwischen Ebbe und Flut

Mit dem Stück „Archipel – ein Kaleidoskop menschlicher Beziehungen“ präsentierte das ensemble 17 am 09. und 10. Juni 2023 im Theater im Depot ein tiefsinniges Stück über unterschiedliche Gefühllagen.



Das Bühnenbild von Matthias Schubert zeigte eine Landschaft zwischen Wohnzimmer und Strand. Ein Bild an der Wand, fliegende Möwen und andere Gegenstände komplettierten die Ausstattung.

Der Mensch als Insel. Das kann verschieden Interpretiert werden. Individualität und Einzigartigkeit: Jeder Mensch ist auf seine Weise einzigartig und unterscheidet sich von anderen. Isolation und Selbstständigkeit: Jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse, Ziele und Verantwortlichkeiten und muss lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Einsamkeit und Abgrenzung: Jeder Mensch hat eine innere Welt, die für andere Menschen nicht vollständig zugänglich ist, was zu einem Gefühl der Isolation führen kann. Unabhängigkeit und Autonomie: Jeder Mensch hat die Fähigkeit und die Verantwortung, Entscheidungen unabhängig zu treffen und sein eigenes Leben zu gestalten, ohne von anderen abhängig zu sein.

Ähnlich war das Theaterstück aufgebaut. Als Szenencollage  mit Fremdtexten und eigenen Texten erarbeiteten sich Philipp Böddecker, Jeanette Kindas, Klara Noack, Anastasia Papoutsoglou, Anke Pidun, Katharina Stillger und Bettina zeuch unter der Leitung von Barabara Müller verschiedene Szenen, die komische, nachdenkliche, aber auch traurige Elemente beinhaltete. Vor allem das Thema Einsamkeit versus Lust auf Menschen wurde häufiger thematisiert („Ich bin kein wir“). Das ensemble 17 ist aus der damaligen Theaterwerkstatt im Depot entsatnden, die vor Corona in aller Regelmäßigkeit Stücke im Depot aufgeführt hat. Schön zu sehen, dass es jetzt weitergeht. Das „Archipel“ lässt auf alle Fälle hoffen, dass es in Zukunft weitere Stücke zu sehen gibt.  




Mit der „romantischen Sinfonie“ in die Spielzeitpause

Mit Bruckner und Gubaidulina verabschiedeten sich die Dortmunder Philharmoniker und ihr Leiter, Gabriel Feltz in die Sommerpause. Nicht ganz, denn am 19. Juni steht noch das 3. Konzert für junge Leute an. Dennoch war das 10. Philharmonische Konzert ein würdiger Abschluss der Spielzeit.



Und gewichtig war auch die 7. Sinfonie von Bruckner, die nach der Pause erklang. Die 7. Sinfonie ist in vier Sätzen angelegt und nimmt den Hörer mit auf eine emotionale Reise. Auch wenn ich persönlich mit Bruckner nicht warm werde, der dritte und vierte Satz seiner „Siebten“ haben mir sehr gut gefallen. Der dritte Satz, das Scherzo, bringt eine willkommene Abwechslung mit seinem lebhaften, tänzerischen Charakter. Hier zeigt sich Bruckners Fähigkeit, rhythmische Energie und spielerische Melodien zu kombinieren. Das Finale ist geprägt von einer enormen dynamischen Bandbreite, von zarten, fast schwebenden Passagen bis hin zu kraftvollen, mitreißenden Orchesterstürmen.

Vor der Pause erklang noch das „Märchenpoem“ der Komponistin Sofia Gubaidulina. Diese Spielzeit widmete ihr das Konzert bereits eine Zeitinsel. Das „Märchenpoem“ basiert auf das Märchen die „Schneekönigin“. Ein bemerkenswertes Merkmal von „Märchenpoem“ ist Gubaidulinas Verwendung von Klangsymbolik, um die Charaktere und die Atmosphäre des Märchens darzustellen. Sie schafft Klangbilder, die die Kälte der Schneekönigin, die Verlockungen des Bösen und die Hoffnung der Protagonisten einfangen.

Den Beginn des Konzertes machte ein kurzes, aber musikalisch spannendes Stück, dessen Urheberschaft im Dunkeln liegt. Ist das „Sinfonische Präludium“ von Anton Bruckner oder von seinem Schüler Rudolf Krzyzanowski. Vielleicht war es auch eine „Hausarbeit“, die Bruckner Krzyzanowski gestellt hatte.

Ein wuchtiger, sehr romantischer Abend ging mit Standing Ovations zu Ende.




Eine Nymphe, ein Gott und Barockmusik

Der 2. Juni 2023 stand im Zeichen der Barockmusik. Georg Philip Telemann, Carl Heinrich Graun und Georg Friedrich Händel ließen die Zeit des 18. Jahrhunderts wiederaufleben. Für das Konzert im Reinoldisaal im Rahmen des Festivals Klangvokal gaben sich Sopranistin Sophie Junker und Bariton Tomáš Král die Ehre, unterstützt vom {oh!} Orkiestra unter der Leitung von Martyna Pastuszka.



Doch für die beiden Sänger gab es zunächst eine Pause. Denn zunächst war Telemann an der Reihe und das Orchester spielte seine Ouvertüre-Suite „L’omphale“. Der Titel der Suite bezieht sich auf die griechische Mythologie, genauer gesagt auf Omphale, die Königin von Lydien. Die Suite ist daher von einem gewissen mythologischen und exotischen Flair geprägt. Charakteristisch für „L’omphale“ ist Telemanns geschickte Instrumentation und seine Fähigkeit, verschiedene Klangfarben zu nutzen, um die verschiedenen Stimmungen und Charaktere der einzelnen Sätze hervorzubringen. Diese Aufgabe wurde vom {oh!} Orkiestra mühelos umgesetzt.

Dann wurde es Zeit, die Geschichte von Apollo und Daphne zu erzählen, oder besser zu singen. Worum geht es? Apollo verfolgte Daphne hartnäckig, während sie seine Annäherungsversuche energisch ablehnte. Um ihrer Verfolgung zu entkommen, flehte Daphne zu ihrem Vater und bat ihn um Hilfe. Peneios erhörte ihr Gebet und verwandelte sie in einen Lorbeerbaum, der als Symbol der Reinheit und des Schutzes galt. Die Geschichte von Apollo und Daphne symbolisiert die Unmöglichkeit der Liebe zwischen einem göttlichen Wesen und einer sterblichen Kreatur. Sie thematisiert auch das Streben nach Freiheit und den Widerstand gegen die Liebe, die oft als unausweichliche und unkontrollierbare Kraft dargestellt wird.

Es ist kein Wunder, dass Barockkomponisten diese Geschichte liebten und vertonen mussten. Das geschah oft in Form der Kantate, die meisterlich durch Johann Sebastian Bach ausgeführt wurde. Graun lässt in seiner Kantate „Apollo amante di Dafne“ nur den Gott zu Wort kommen, so dass wir zunächst Bariton Tomáš Král erleben, der die Verwandlung von Daphne in einen Lorbeerbaum beklagt.

Nach der Pause stand Händel mit seiner Kanrtate „Apollo e Dafne“ auf dem Programm. Die Musik von „Apollo e Dafne“ zeichnet sich durch ihre Virtuosität, ihre lyrische Schönheit und ihre emotionale Ausdruckskraft aus. Händel verwendet eine breite Palette musikalischer Ausdrucksmittel, um die Gefühle und Charaktere der Protagonisten darzustellen. Die Musik ist reich an melodischen Erfindungen, kunstvollen Ornamenten und kontrapunktischen Passagen. Auch die beiden Solisten waren in guter Stimmung.  Tomáš Král als auch Sophie Junker, die uns schon im November 2021 in die Barockzeit entführte, schafften es, uns mit ein paar kleinen Schauspieleinlagen die Handlung näherzubringen. Dass beide über außergewöhnliche Stimmen verfügen, machte den Musikgenuss an diesem Abend komplett.




Tanztheater – mittendrin statt nur dabei

Mit dem Stück „Sitzen ist eine gute Idee“ präsentierte Antje Pfundtner im Theater im Depot ein Stück um das Thema „wofür würdest du aufstehen?“ Dabei kombinierte die Choreografin verschiedene Elemente zu einem Programm, dass das Publikum integrierte.



Wer kennt es nicht, die „Reise nach Jerusalem“? Antje Pfundtner eröffnete damit ihr Stück. Die einzelnen Menschen mussten auf Aufforderung ihren Platz wechseln, doch keine Angst, niemand musste stehen. So unterhaltsam ging es weiter. Statt von weitem auf eine Bühne zuschauen, wurden wir Teil ihrer Performance und ob sie uns direkt berührte oder einen Ball durch die Reihen schoss, es wurde nie langweilig.

Das ist eben das Schöne, was Live-Kunst ausmacht, mal eben ein Teil der Inszenierung zu werden und nicht etwas passiv über den Bildschirm zu konsumieren.

Aber was ist mit dem Gegensatz von Sitzen und Aufstehen? Ist Aufstehen immer etwas Aktives und sitzen passiv? Ist Sitzen „für den Arsch“ wie es Fußballfans deklamieren, die lieber auf ihrer Stehplatztribühne stehen.

Und zum Schluss die spannende Frage: Wann stehen wir – das Publikum – auf? Wann wissen wir, wann das Stück zu ende ist? Klar, nach dem Schlussapplaus. Aber wenn der nicht kommt? Haben wir den Mut, aufzustehen und zu gehen?

„Sitzen ist eine gute Idee“ zeigt uns auf unterhaltsame Weise den Unterschied zwischen Sitzen und Aufstehen. Wobei ja es ja auch mit dem Aufstehen nicht getan ist…Was folgt danach?

Antje Pfundtner war nicht allein, sie kam „in Gesellschaft“, das heißt zusammen mit ihrem Team, mit dem sie gemeinsam Theaterstücke entwickelt.




Tanzen als Gemeinschaftserlebnis – 30 x anders

Individualität und Gemeinschaft kommen beim modernen Tanz zusammen. Sehr eindrucksvoll zu sehen beim neuen Programm des JugendTanzTheaterBallettDortmund mit dem Titel „30 x anders“. Jedes der 30 Mitglieder ist ein Individuum mit all seinen verschiedenen Fähigkeiten, die in den verschiedenen Choreographien von Justo Moret gekonnt gezeigt wurden.



Schon der Beginn war sehr beeindruckend. Düster, in Nebel gehüllt, präsentierte sich die Bühne, auf der eine Gruppenchoreographie den Start ins Programm eröffnete. Später kamen verschiedene Duette und Soli, die das Können der einzelnen Akteur:innen unter Beweis stellten.

Das komplette Programm war in keinster Weise „amateurhaft“, außer man benutzt das Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung: Nämlich um jemanden zu beschreiben, der eine bestimmte Aktivität aus Leidenschaft oder als Hobby ausübt, im Gegensatz zu jemandem, der professionell oder beruflich in diesem Bereich tätig ist. Und die Leidenschaft für den modernen Tanz war jedem der 30 Akteur:Innen deutlich anzumerken.

Was dem JugendTanzTheaterBallettDortmund noch fehlt, ist mehr männliche Beteiligung, denn von den 30 Tänzer:innen, waren nur zwei Männer (wenn ich die Besetzungsliste richtig gelesen habe). Also, Jungs, traut euch!




Sean Shibe – Gitarrenmusik aus fünf Jahrhunderten

Am 31. Mai 2023 hieß es wieder „Musik für Freaks“ und zu Gast war Sean Shibe, seines Zeichens Gitarrist und Lautenist. Jetzt werden sich einige fragen, was ist daran jetzt „freakig“. Nun, Shibe spielte im dritten Drittel seines Programmes auf der E-Gitarre. Und die E-Gitarre ist für klassische Musik schon außergewöhnlich. In der zeitgenössischen klassischen Musik wird die E-Gitarre oft als Klangfarbe verwendet, um eine breitere Palette an Klängen und Ausdrucksmöglichkeiten zu erreichen. Sie erzeugt einen charakteristischen Klang, der von den herkömmlichen akustischen Gitarren abweicht. Dieser Klang kann mit verschiedenen elektronischen Effekten und Verstärkungstechniken weiter manipuliert werden, um eine noch größere Vielfalt an Klängen zu erzeugen.



Doch beginnen wir mit dem Anfang. Hier spielte Sean Shibe auf der Laute kurze Stücke von Robert Ballard und Pierre Attaingnant, die den damaligen Zeitgeist einfingen und ähnlich klangen wie die Werke von John Dowland.

Im zweiten Teil stand die akustische Gitarre im Mittelpunkt. Nach einer Bearbeitung von Bachs Präludium und Fuge in Es-Dur wurde die Musik moderner. Mit Thomas Adès, Manuel de Falla, Francis Poulenc und Harrisson Birtwistle stammten alle Komponisten aus dem 20. bzw. 21. Jahrhundert. Der Charakter veränderte sich, rhythmische Figuren und Dissonanzen erklangen.

Doch auch das war nicht das besondere an diesem Konzert. Denn Im Schlussteil spielte Sean Shibe auf der E-Gitarre und benutzte für die gespielten Stücke  Loops und Effektgeräte. Damit erklangen Olivier Messiaens „O sacrum convivium“ und Hildegard von Bingens „O choruscans lux stellarum“ sehr spährisch, fast entrückt. Beeindruckend war Shibe aber in dem Werk „Electric counterpoint“ von Steve Reich, dass durch die Rhythmik an manchen Stellen durch aus den Rock ins Konzerthaus brachte.

Den Schlusspunkt machte „Buddha“ von Julius Eastman. Als Komponist schuf Eastman eine Reihe von Werken, die sich durch ihre repetitive Struktur und minimalistische Ästhetik auszeichneten. Er experimentierte mit Klangfarben, Wiederholungsmustern und Zeitstrukturen, wobei er oft auf die Improvisation als gestalterisches Element zurückgriff. Obwohl Eastman in den 1970er und 1980er Jahren einige Erfolge hatte und mit renommierten Ensembles und Komponisten zusammenarbeitete, geriet er später in finanzielle Schwierigkeiten und litt unter persönlichen Problemen, die zu einem Rückzug aus der Musikszene führten. In den letzten Jahren hat es eine Wiederentdeckung und Neubewertung von Eastmans Werk gegeben. Neue Generationen von Musikern und Musikliebhabern haben sein Werk wieder aufgegriffen und seine Bedeutung in der Avantgarde-Musik erkannt.   Das gelungene Konzert von Sean Shibe machte deutlich, dass die E-Gitarre nicht nur das Standart-Instrument für Pop, Rock oder Metal ist. Die E-Gitarre kann nicht nur bei neuen Kompositionen eingesetzt werden, sondern sie ist auch in der Lage durch die Effekte neue Klangfarben an alten Kompositionen zu erschaffen. Das hat Sean Shibe unter Beweis gestellt.