Geierabend feiert „Pott, Land, Fluss“

Premiere des Dortmunder Alternativkarnevals direkt nach Weihnachten

Dortmund. Der Geierabend 2024 startet ungewöhnlich früh in seine anarchische Karnevalszeit. Bereits am 28. Dezember 2023 feiert das einzige Comedy/Kabarett-Ensemble des Ruhrgebiets die Premiere seines neuen Programms auf Zeche Zollern in Dortmund. Unter dem Titel „Pott, Land, Fluss“ buchstabiert man das Ruhrgebiet satirisch volkommen neu.



„Einmal im Jahr ist Ruhrgebiet“, formuliert Schauspielerin Sandra Schmitz selbstbewusst, „dann wird es bei uns auf Zeche turbulent.“ So schicken die Geier die von ihr gespielte, mehrfach Alleinerziehende Jessica Sch. auf Klassenfahrt ausgerechnet in den Kölner Dom. Die Experten von der Butterpause klagen: „Uns fragt ja keiner!“ Später am Abend fragen sich die Borussen von der Süd, ob es da nicht einen gewissen Samstag im Mai gegeben hat, möglicherweise. Im deutschen Kindergarten wird Abschied vom Pazifismus gefeiert mit früher Wehrertüchtigung und fröhlichem Friedenstaubenschießen.

Dazu wird die spielfreudige Band wieder Eigenes und gut Gecovertes mit satirischen Texten beisteuern. Diese stammen aus einem wachsenden, jungen Team. Zu den Schreibenden zählt Tobias Brodowy, sowas wie der „Chefsatiriker“ des WDR-Hörfunks, unlängst mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet.

Drei Stunden dauert die Reise durch „Pott, Land, Fluss“, die Pause kommt obendrauf. Insgesamt sind schon jetzt 30 Abende bis zum Veilchendienstag am 13. Februar 2024 im LWL-Industriemuseum geplant. „Der beste aller Orte für uns“, meint Steiger Martin Kaysh, der wieder durchs Programm führt, schräg und bissig, immer mit Blick auf die täglichen Schlagzeilen.

Tradition hat der vergebliche Versuch, 20 Kilo Stahlschrott an der Kette loszuwerden. Den Pannekopp-Orden wollen die Geier verleihen für „besondere“ Verdienste ums Ruhrgebiet. Seit 20 Jahren stimmt das Publikum über besonders peinliche Kandidaten ab. Ebenso lange wird der Preis am Veilchendienstag doch nicht abgeholt.

Zum liebevollen Drumherum gehört nicht nur die schönste Zeche der Welt mit ihrem wieder erstrahlten Fördergerüst und beeindruckender Lohnhalle. Die traditionelle Currywurst von Tante Amanda zählt ebenso dazu wie Tanz und Plausch mit den Bühnenakteuren nach der Vorstellung.

Neu sind zwei Ticketformen, die sich an Gruppen richten. Unter dem Motto „Lecker lachen“ erhält man als Bonus bei Buchung eines ganzen Tisches Stößchen und Currywurst kostenlos dazu. Bei der „Wilden Sechzehn“ zahlt man für einen 16-er Tisch nur den Preis von 14 Karten.

Mit dabei sind auch 2024 die Sponsoren und Unterstützer der Vorjahre. Stadt Dortmund, Kulturbetriebe sowie Sparkasse Dortmund, Brinkhoffs´s, DOGEWO21, LWL-Museum Zeche Zollern und dieses Jahr neu dabei Radio 91.2. Alle sind davon überzeugt, „dass der Geierabend wichtiger Teil der Stadt, ihrer Kultur und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner ist“, wie Hendrikje Spengler vom städtischen Kulturbüro formuliert.

Der Vorverkauf startet am 21. Oktober um 9:30 Uhr.

Tickets gibt es unter www.geierabend.de und in allen Vorverkaufsstellen von Ticketmaster.
In Dortmund empfiehlt der Geierabend „Ruhr Nachrichten Service Center“ an der Thier-Galerie, Silberstraße 21, Ticket-Hotline: 0231-905 90.

Geierabend 2024, Motto: „Pott, Land, Fluss“

Spielort: LWL-Industriemuseum Zeche Zollern II/IV, Grubenweg 5, 44388 Dortmund

Premiere: Donnerstag, 28. Dezember 2023




30. Jazztage Dortmund 2023

Die 30. Jazztage Dortmund sind eine kuratierte Konzertreihe mit 15 Veranstaltungen in 4 Wochen. Ein Hörfenster der Spielarten des Jazz und der zeitgenössischen improvisierten Musik, das vor „Ausflügen“ in umliegende Gefilde nicht zurückschreckt. Und auch gesellschaftliche und politische Themen spiegeln sich im Programm.



Mit Black Lives kommt ein Kollektiv nach Dortmund, dass sich ganz dem Kampf gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit durch ihre Musik verschrieben hat: A collective of artists who are continuing to fight for equality and social justice through music. Der aus Odessa stammende Pianist und Komponist Vadim Neselovskyi reflektiert in seiner Suite „Ukrainian Diary“ zusammen mit dem von geflüchteten ukrainischen Musikerinnen neu gegründeten Myria Ensemble seine Empfindungen gegenüber des andauernden russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Die Ruhrgebiets-Band The Sephardics bearbeitet sephardische Musik, die ihren Ursprung im 16. Jahrhundert hat und traditionell geprägt wurde durch die als Sepharden bezeichneten Nachfahren iberischer Juden. Sie kooperieren hier erstmals in einem besonderen Projekt mit dem kurdischen Electro-Disco-Trio Biensüre aus der hippen Hafenstadt Marseille.  

Neben den vielen weiteren Konzerten mit einer stilistischen Spannbreite von Modern Jazz über Improvisationsmusik und experimentell-elektronische Klangwelten über französische Jazz-Chansons bis hin zu brasilianischem Latin-Pop seien noch besonders erwähnt die diesjährigen Kooperationspartner Folkwang Jazz, das junge Dortmunder Kollektiv Bunt oder Blau, das Kollektiv The Dorf und das Tanzcafé Oma Doris als kooperativer Spielort im Musikquartier Brückviertel sowie die Familienkonzertreihe SOUNDZZ. Das Doppelkonzert am Eröffnungsabend wird eingerahmt von der Vernissage der Foto-Ausstellung „Women in Jazz“ von Frank Schindelbeck.

Weitere Informationen zum Programm und den Eintrittspreisen finden Sie unter der Internetseite: https://www.domicil-dortmund.de/jazztage-dortmund.html

 




Hörder Sehfest 2023 – Ein Kulturspaziergang Teil 1

Am 14. und 15. Oktober fand in Hörder das 17. Hörder Sehfest statt. 23 Künstlerinnen und Künstler öffneten ihre Ateliers und zeigten der interessierten Öffentlichkeit ihre Werke. Dabei waren sehr unterschiedliche Arten von Kunst zu sehen, was so einen Spaziergang sehr spannend macht.



Den Anfang machte ich beim Atelier Haus Breslauerstraße. Ein Haus, in dem Menschen mit Handicap leben, die – bei Interesse – an Kursen teilnehmen, die sie künstlerisch unterstützen. Zu sehen waren Bastel- und Holzarbeiten, aber auch Zeichnungen und Malerei.

Im WIR4Raum waren farbenfrohe Keramik von Doro Bigalke und Fotografien von Peter Ache zu sehen. Ache fotografiert unter dem Titel „Das Meer in mir“ die Nord- und Ostsee in ruhigen Bildern.

Annette Endtricht präsentierte Malerei und Grafik, die eher abstrakt war, aber dennoch einen Bezug im Realistischen hatte. Daneben gab es einige Arbeiten mit Dortmund-Bezug zu sehen.

In seinem Atelier zeigte Maler Davoud Sarfaraz seine farbenfrohen Arbeiten sowie einige Drucke. Auch hier gab es viele abstrakte sowie figürliche Arbeiten zu sehen.

Da ich das Sehfest öfter besucht habe, gibt es „alte Bekannte“. Im Atelier Dreisam stellte Peka seine Porträts aus und Michael Schulz-Runge hatte Schachuhren als künstlerische Objekte entdeckt. Dennoch gab es auch jemanden Neues: Rebecca Hofmann zeigte Dioramen, die als Zufallsprodukte entstanden sind.

Mark Bühren zeigte viele unterschiedliche Kunst. Seine letzte Malerei von 2020, seine Arbeiten mit einem 3-D Stift, der hauchdünne Fäden produziert und seine Papierkunst.

Großformatige Bilder erwarteten mich bei Beate Wolf, die anfänglich abstrakt malte und sich dann der figürlichen Malerei annäherte. Die Themen ihrer Bilder spielen mit Erinnerungen aus ihrer Kindheit in der DDR. Ihre Bilder bearbeitet sie mit einer speziellen Spachteltechnik.

 Eine besondere Location war das TurboPropTheater, das seit 1978 existiert und etwa 40 Zuschauer fasst. Unter dem Motto „Dinge erzählen“ wurde Objekte zwischen bildender Kunst und darstellender Kunst gezeigt, also beispielsweise Werkzeug, das in einem Theaterstück Verwendung fand.  

Igor Jablunowskij hatte in seinem Wandmalerei-ART Studio einen Gast dabei: Martina Wernicke zeigte abstrakte Malerei, während der Gastgeber figürlich Arbeiten präsentierte. Ein interessantes Bild war seine Serie von „Abgenutzten Objekten“ wie beispielsweise ein abgebranntes Streichholz. So fühlte sich der Künstler während der Pandemie.

Karla Christoph zeigte in ihrem Atelier neben Werken, die mit dem 3-D Stift erstellt wurden sowie Malerei aus Acryl.

Fundstücke in Kunst verwandelt Gaston Posmek an einem ungewöhnlichen Ort Ort: zwei Garagen in einem verwilderten Garten.  Er sagt selbst, dass seine Kunst aus Rudimenten des urbanen Umfeldes entstehen. Neben Dioramen, Skulpturen und Bilder gab es auch LInoldrucke zu sehen.

Nebenan hatte Stefanie Becker ihren Garten der Figuren geöffnet. Drei neue „Pole-Tänzerinnen“ fanden so ihre Heimat.

Cirtha Krause zeigt uns mit ihren Bildern einen Blick in unsere eigene Galaxie. Ihre Acrylmalerei ist bunt und voller Sterne. Teilweise malt sie auch mit speziellen Farben, die im Dunkeln leuchten.




Künstlerische Grüße aus Dresden

Aus Dresden kommt nicht nur Stollen, sondern auch Künstlerinnen und Künstler. Das Künstlerhaus Dortmund hat acht von ihnen eingeladen, ihre Werke vorzustellen. Doch diese acht Künstlerinnen und Künstler stehen gerade vor einem Wendepunkt: Sie haben ihr Studium bei Professor Ralf Kerbach gerade abgeschlossen und starten ihre künstlerische Laufbahn. Wohin geht die Reise? Daher heißt die Ausstellung „Cliffhanger“ wie kurz beim Ende einer Serienstaffel.



Felina Wießmann malt großformatig und figurativ. Sie benutzt Alltagsmotive, die sich in Konstruktion und Dekonstruktion abwechseln, es darf aber auch durchaus humorvoll sein.

Das Ausstellungsmotiv für "Cliffhanger". (Design: (c) Nicola Bork)
Das Ausstellungsmotiv für „Cliffhanger“. (Design: (c) Nicola Bork)

Ana Pireva malt mit selbstgemachter Tusche Bilder, die auf den ersten Blick sehr dunkel wirken. Erst danach zeigen sich Formen aus ihren abstrakt wirkenden Werken. Ihre Bilder vermitteln eine gewisse Ruhe.

Seine abstrakten Figuren zerfallen in der Fläche. Tillmann Ziola benutzt Titel für seine Werke, um einen Hinweis auf die Handlung seines Bildes zu geben. Seine ausgestellte Plastik ist etwas figürlicher.

Robert Czolkoß findet Architektur und Baustoffe spannend und hat daher als Art Kindheitserinnerung sein Jugendzimmer ins Künstlerhaus gebracht, beziehungsweise eine Schrankwand. Durch die Lage im Raum wird es dem Betrachtenden möglich, eine Auseinandersetzung mit der Formsprache zu suchen.

Christopher Putbrese arbeitet mit gefundenem Material und kombiniert in seinen Arbeiten Bild und Schrift. Putbrese beschäftigt sich mit den Momenten und Gefühlen des Alltags.

Klassische Malerei ist das Sujet von Lena Dobner. Sie malt gerne Porträts, versucht dabei durch Dekonstruktion eine eigene Bildsprache zu erschaffen. Einige ihrer Arbeiten sind durch den Ukrainekrieg beeinflusst.

Leben wir in einer Hyperrealität? Für Shengjie Zong kann diese Frage mit „Ja“ beantwortet werden. In Zeiten, in denen Smartphones den Takt angeben, ist eine Erweiterung der Realität möglich. In diesem Sinne sieht der Künstler auch seine sehr farbigen Bilder.

 Farbig sind auch die Bilder von Aren Shahnazaryan. Er verbindet Form, Farben und Linien mit kleinen Geschichten. Diese Geschichten können durchaus mit Horror, Tragik und Humor verbunden sein. Er übermalt seine Bilder sehr häufig, so dass sie durch die vielen Farbschichten eine Struktur bekommen.

 Die Ausstellung „Cliffhanger“ wurde kuratiert von Denise Ritter und Felina Wießmann und ist bis zum 26.11.2023 zu sehen.




Doch lieber keine Prinzessin sein

„We’re not gonna take it”, übersetzt “Wir werden es nicht hinnehmen“, sangen „Twisted Sisters“ in den 80er Jahren. Ebenso will die Prinzessin (Wendy Krikken) und der Hauslehrer (Franz Schilling) ihre beengten Rollen nicht länger hinnehmen. Statt mit Hardrock wird bei „Prinzessin sein? Nein danke“ von Alexander Becker allerdings den Jüngsten (ab 4 Jahren) der Zauber der klassischen Oper nähergebracht. Ein Premierenbericht vom 10.Oktober 2023.



Tja, es ist nicht leicht, eine Prinzessin zu sein. Statt selbst zu entscheiden, was man möchte, muss frau auf die Hofetikette achten. Was getragen werden darf oder muss, bestimmt nicht sie. Dass alles funktioniert, darauf achtet ihr Hoflehrer, der aber bald feststellt, dass ihn sein Job anödet, da er eben die Etikette durchsetzen muss.

Wendy Krikken, Franz Schilling Foto: (c) Björn Hickmann 
Wendy Krikken, Franz Schilling Foto: (c) Björn Hickmann 

In der halben Stunde zoffen sich die beiden zunächst, um dann festzustellen, dass sie beide aus ihren Rollen ausbrechen wollen. Natürlich wird auch gesungen, beispielsweise aus der „Fledermaus“ mit „Mein Herr Marquis“, oder aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ „Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen“. Für das Stück wurden die Texte passenderweise leicht umgeschrieben.

Ein vergnügliches Stück für Kinder, die damit ein wenig Spaß an der Oper bekommen.

Am 25. November 2023 ist das Stück um 15 Uhr erneut im Opernfoyer zu sehen. Für mobile Vorstellung kann man sich an das Team der Musiktheatervermittlung wenden unter jungeoper@theaterdo.de




szene machen – Bestandsaufnahme der freien Tanz- und Theaterszene

Vom 19. bis zum 29. Oktober 2023 bietet “szene machen!“  ein vielfältiges Programm aus allen Bereichen der Darstellenden Künste.



Der Untertitel „NACHwieVOR“ kann vieles bedeuten. Ist die Situation der freien Szene nach der Pandemie nach wie vor unter Druck oder zeigt das Festival, dass die Qualität nach wie vor gut ist? Wenn ich an die Stücke denke, die ich bisher gesehen habe, kann es nur das zweite sein.

"szene machen" präsentiert 2023 aufregende Produktionen.
„szene machen“ präsentiert 2023 aufregende Produktionen.

Das Repertoire reicht von abendfüllenden Tanz- oder Theaterproduktionen über Performance-Formate bis hin zu Installationen im öffentlichen Raum und szenischen Lesungen an verschiedenen Spielorten der Freien Szene. Die Freien Theater wie das Theater im Depot, das Fletch Bizzel und das Roto Theater öffnen ihre Türen für das Festival. Auch das Turbo Prop Theater in Hörde, das Taranta Babu Kulturcafe, der Rekorder oder in Dortmund noch junge und neue Räume wie raum17 sind Gastgeber*innen.

Das Festival wird nicht kuratiert, doch es gab zwei Bedingungen: es muss professionell sein und es muss einen Dortmund-Bezug haben. Die Besucher:innen dürfen also gespannt sein.

Es gibt am 20. Oktober 2023 einen offenen Tanztag mit verschiedenen Workshops.  Workshopgebühr: pay as you wish, Spendenempfehlung 5€ pro Workshop. Anmeldung unter: hickeycelia@gmail.com

„szene machen“ dient auch als Vernetzung der Akteure rund um die freie Szene. So gibt es ein „mobiles Beratungsbüro“, das über die Fallstricke rund um das Arbeiten im Theaterbetrieb informiert.

Das gesamte Programm finden Sie unter https://www.dott-netzwerk.de/projekte/szene-machen-2023/szene-machen-dortmunder-tanz-und-theaterszene




Max und Moritz – die Streiche gehen weiter

„Rickeracke! Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke.“ So hat „Onkel Willi“ (Wilhelm Busch) das Ende von Max und Moritz in seinen Bildergeschichten beschrieben. Doch sie leben. Markus Veith und Thomas Strunk haben sich in die beiden Übeltäter verwandelt und erzählen von ihren Streichen über die Jahrzehnte. Denn irgendwie scheinen sie ja unsterblich zu sein oder nur sehr langsam zu altern.



Das Programm „Max & Moritz – der alten Knaben letzter Streich“ stammt aus der Feder von Markus Veith und wurde am 29. September 2023 im Fletch Bizzel natürlich in Reimform präsentiert.

Die Bühne brauchte nicht viel an Requisiten. Eine Bank mit einem Max und Moritz Handtuch. Das reichte, um das Publikum im Fletch Bizzel zu begeistern. Es fing mit den neuen Streichen vielleicht etwas gemächlich an, doch ab dem dritten Streich wurde die Spaßschraube deutlich angezogen. Verständlich, sind die beiden alten Knaben ja etwa 160 Jahre alt.

Es ging gerne gegen Menschen, die ihren Dünkel prominent vor sich hertrugen oder Schwächen hatten, die sie gerne verheimlicht hätten. Am Ende sterben die beiden natürlich nicht, sondern begeben sich aufgrund ihres Alters in ein betreutes Wohnen zurück. Dort geben sie den Staffelstab an die Enkel ihrer Mitbewohner weiter, die auch für reichlich Chaos auf einem Marktplatz sorgen.

Vielleicht hätten die beiden noch etwas über ihre Cousins Hans und Fritz erzählen können, die nach Amerika ausgewandert sind und dort als „Katzenjammer Kids“ Karriere machten. Der deutsche Auswanderer Rudolf Dirks schuf die beiden Hauptfiguren nach dem Vorbild von „Max und Moritz“. Die „Katzenjammer Kids“ gelten als der erste Comic.

Auf alle Fälle war es ein äußerst gemütlicher Abend mit Markus Veith und Thorsten Strunk.




Der Entstörer – ein tiefer Fall ins Kaninchenloch

Ein sehr intensives Klassenzimmerstück hatte am 28. September 2023 im KJT Dortmund Premiere. Es ging um das Thema „Verschwörungsideologien“, die vor allen durch die sozialen Medien immer wieder verbreitet werden. Zu den typischen Verschwörungsideologien gehören beispielsweise „Chemtrails“, die „Mondlandung ist fake“, „Die Impf-Verschwörung“ oder „9/11“. Während die „flache Erde“ meist noch ein Schmunzeln wert ist, gibt es mit „QAnon“ eine gefährliche Ideologie, die davon ausgeht, dass eine geheime Elite das Blut von Kindern trinkt und Donald Trump diese bekämpft.



Die „geheime Elite“, die alles lenkt, ist in fast allen Verschwörungsideologien die treibende Kraft, die hinter allem steckt. Es können Pharmakonzerne sein, die NASA, geheime Gesellschaften wie die Illuminaten oder die sogenannte Finanzelite, womit in der Regel die Juden gemeint sind. Daher kann der Brückenschlag von Verschwörungsideologien zum Antisemitismus auch recht klein sein.

Der Entstörer Jonas (Jan Westphal) mit seinen "Beweisen". Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Der Entstörer Jonas (Jan Westphal) mit seinen „Beweisen“. Foto: (c) Birgit Hupfeld)

In „Der Entstörer“ spielt Jan Westphal den Schüler Jonas, der wahrscheinlich durch die Krebskrankheit seiner Mutter in den Bann von Verschwörungsideologien gerät. Durch das „Informieren“, dem stundenlangen Konsum irgendwelcher Google-Treffer und Youtube-Videos, gerät er immer weiter in diese Welt. Westphal macht das in seinem Spiel wirklich beeindruckend, schnell feuert er seine „Argumente“ und „Beweise“ ab, so dass das Publikum beinahe überrumpelt wird.

Doch in den Nebensätzen wird deutlich, dass die Welt von Jonas ziemlich geschrumpft ist. Seinen Kontakt zu seiner Schwester und ihren Kindern hat er verloren, weil er verhindern wollte, dass die Kinder gegen Masern geimpft werden, er bekommt keinen Zugang zu seiner netten Nachbarin und Besuch bekommt er eh nicht mehr, zumal er seine Wohnung vollständig mit Alufolie beklebt hat. Dafür wird er im Netz für seine Ideen bestärkt. Das ist ein wichtiger Punkt, denn der Mangel an sozialem Leben wird durch das Internet kompensiert.

Konzipiert ist „Der Entstörer“ für Klassen ab der 9. Stufe. Es ist auf jeden Fall ein lohnenswertes Stück, das hoffentlich zur Medienkompetenz beiträgt, die mittlerweile sehr wichtig geworden ist. Es ist wichtig, kritisch zu denken, Informationen aus verschiedenen Quellen zu beziehen und sich der Komplexität der realen Welt bewusst zu sein. Denn die von Verschwörungstheoretikern oft genannten Metapher der „roten Pille oder blauen Pille“ aus dem Film „Matrix“ greift zu kurz.  Die rote Pille repräsentiert die Bereitschaft, die Realität und die Wahrheit zu akzeptieren, auch wenn sie verstörend oder herausfordernd ist. Die blaue Pille repräsentiert die Entscheidung, in einer komfortablen Illusion zu bleiben und die Realität zu vermeiden. In der realen Welt kann die Suche nach Wahrheit jedoch komplex sein und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen.  

Es sollte in vielen Klassen zu sehen sein und wenn möglich auch anderen Gruppen zugänglich gemacht werden.      




Penthesilea – wie den Kampf der Geschlechter überleben?

Penthesilea, das Drama von Heinrich von Kleist, diente dem Theaterkollektiv Trafique unter der Leitung von Björn Gabriel als Vorbild für ihre Version von „Penthesilea“ mit dem Untertitel „Battle oft he Sexes“. Das zeigte schon von Anfang an, wohin die Reise in den kommenden 90 Minuten gehen wird. Ein Premierenbericht vom 22.09.2023 aus dem Theater im Depot.



Die Geschichte von Achill und der Amazonenkönigin Penthelisea geht auf Homers (der auch zu Beginn auf der Leinwand erschien) Erzählung über den Trojanischen Krieg zugrunde. Bei ihm nahm Penthelisea ein böses Ende, bei Heinrich von Kleist siegte die Amazonenkönigin.

Lassen wir mal die ganzen Überlegungen über das sagenumwobene Amazonenvolk (no evidence) beiseite, natürlich gab es, mehr als manche bis jetzt annehmen, Kriegerinnen zu allen Zeiten. Doch Trafiques „Penthelisea“ ist auch kein Stück über das weibliche Heldentum, sondern seziert die Beziehung zwischen Mann und Frau.

Diese Beziehung ist nicht einfach und geprägt und Ungleichbehandlungen. Im Stück träumt Penthelisea von einer Welt ohne Männer, die sie als „große Plage der Welt“ bezeichnet. Dieser Monolog, ich könnte ihn neudeutsch auch als „Rant“ bezeichnen, erinnert an einige Science-Fiction-Filme, in denen durch eine Katastrophe oder ähnliches, (fast) nur noch Frauen auf dem Planeten Erde leben. Die Serie „Y: The Last Man“ ist so ein Beispiel.

Wie hat sich Mann denn nun zu verhalten in der Welt, in der Frau ihren gerechten Anteil fordert? Bezeichnet er sich schnell als Feminist, um als „pinker Gockel“ eine Frau in Bett zu bekommen?

Und was wäre, wenn Achill und Penthelisea beide überlebt hätten? Trafique zeigt es uns gegen Ende des Stückes in all seiner Schönheit. Ehe, Kind, Alltagstrott. (K)Eine Alternative?

Eine weitere Figur hat in dem Stück Platz. Ein Namenloser, der anscheinend mit der strikten Einteilung von Mann und Frau bricht. Von der Gesellschaft ausgeschlossen, ist er aber jemand, der sexuelle Selbstbestimmtheit lebt.

„Penthesilea“ gibt keine Antworten auf die Kämpfe zwischen den Geschlechtern, sondern zeigt einen kleinen Einblick in die aktuellen Diskurse. Hervorzuheben sind die drei Darstellenden auf der Bühne: Nicolas Martin, Johanna Reinders und Tomasso Tessitori, die ihre Figuren mit Leben erfüllen. Hinzu kommt der typische Trafique-Stil mit einer Mischung von Film und Schauspiel und den obligatorischen Backgroundgesprächen der Schauspielenden.

Nicht zu vergessen: Trafique schafft es wieder, die Vorlage (hier Kleist) zu entstauben und für den aktuellen Diskurs aufzupeppen.




Im Zwiegespräch mit der Musik

Es ist zunächst ungewöhnlich, denn im Stück „Duett“ beginnen die drei Tänzer:innen Chris Leuenberger,  Jenny Beyer und Chihiro Araki ohne einen Tanzpartner oder Tanzpartnerin. Warum also „Duett“?



Jenny Beyer studierte an der Ballettschule des Hamburg Ballett und bei Codarts/Rotterdam. Ihre vorwiegend auf Kampnagel und bei K3 Tanzplan Hamburg verankerte Arbeit steht für die Einbeziehung und Bindung von Zuschauer*innen durch regelmäßige offene Proben. Sie konzipierte „Duett“ vor zehn Jahren als ein Tanzstück, dass die enge Beziehung des Tanzenden mit der Musik beschreibt. Drei Klavierstücke von Chopin waren die „Begleitung“ der einzelnen Akteure auf dem Tanzparkett.

Jenny Beyer, Chris Leuenberger und Chihiro Araki – Duett (Foto: (c) Thies Rätzke

Am 16. September 2023 im Theater im Depot begann Chris Leuenberger, der „mit“ der Prelude, Op.28, Nr. 4 tanzte. Bekannt geworden ist das Stück auch weil die Band „Radiohead“ die Musik von Chopin für ihren Song „Exit Music for a film“ benutzten. Die anderen Stücke waren Prelude Nr 15, Op. 28 und die Ballade Op. 23.

Es war spannend zu sehen, wie sich die Musik durch die Tanzenden in eine imaginäre Partnerin verwandelte, die durchaus nicht immer wohlgesonnen war, sondern von ihrem menschlichen Counterpart geformt werden musste.  Im letzten Teil sind alle drei Tänzer:innen auf der Bühne, die sich gleichzeitig mit der Musik auseinandersetzen.  

Das rund eine Stunde dauernde Stück war auch ein Einladung an die Besucher:Innen sich mit dem zeitgenössischen Tanz auseinanderzusetzen. Chris Leuenberger,  Jenny Beyer und Chihiro Araki zeigten an diesem Abend die wichtige Beziehung zwischen Tänzer und der Musik.