Kollektive Kreativität: „Vier auf Papier“ im Kunstbonbon
Unter dem Titel „Vier auf Papier“ präsentiert die Galerie „Das Kunstbonbon“ ab dem 10. Januar 2026 ein Gemeinschaftsprojekt der Künstler:innen Wibke Brandes, Nieneke Elsjan, Hans Heeg und Angela Kommoß. Die Ausstellung, die ursprünglich an anderer Stätte geplant war, fand aufgrund organisatorischer Änderungen kurzfristig ihren Weg in die Räumlichkeiten an der Chemnitzer Straße.
Im Zentrum der Schau steht der dialogische Prozess des Zeichnens. Das Quartett experimentiert mit verschiedenen Formen der Zusammenarbeit: Mal arbeiten alle zeitgleich an einer Szene, mal wird ein gemeinsamer Begriff individuell interpretiert. In anderen Werken wurde das Blatt nach dem Prinzip des „Cadavre Exquis“ weitergereicht, wobei jeder Künstler auf vorhandene Strukturen oder Zufallsformen reagierte. So entstanden durch den Wechsel der Techniken und Handschriften vielschichtige, fantasievolle Bildwelten.
Plakat zur Ausstellung „Vier auf Papier“ im Kunstbonbon.
Ergänzend zu den Gemeinschaftswerken werden individuelle Arbeiten der Beteiligten gezeigt. Wibke Brandes und Angela Kommoß sind dem Galeriepublikum bereits durch vergangene Einzelausstellungen bekannt. Hans Heeg zeigt Arbeiten aus den Bereichen Drucktechnik, Zeichnung und Malerei. Erstmals im Kunstbonbon vertreten ist die niederländische Grafikdesignerin Nieneke Elsjan, die neben kleinformatigen Illustrationen auch Keramikarbeiten präsentiert. Die Ausstellung lädt dazu ein, das Zusammenspiel der unterschiedlichen Stile im kollektiven Schaffensprozess zu entdecken.
Vier auf Papier – GemeinschaftsprojektVernissage: 10.01.2026, 15:00 Uhr Laufzeit: 10.01. bis 07.02.2026 Ort: Das Kunstbonbon, Chemnitzer Straße 11
Zwischen Peitschenhieben und Kerzenschein: Ein Abend der Kontraste im Theater im Depot
Am 05.12.2025 präsentierte das Theater im Depot „Things Falling“. Die Produktion ist weit mehr als konventionelles Tanztheater; sie ist eine intensive, körperliche Auseinandersetzung mit der Erinnerung. An der Schnittstelle von queerem Ausdruck und Diversity erforscht das Ensemble unter der Leitung von William Sánchez H., wie sich Konflikte in unsere Körper einschreiben.
Der Abend eröffnete mit einer beinahe sakralen Szenerie. Das Bühnenbild war von Teelichtern und Kerzen geprägt, untermalt von einer ruhigen musikalischen Klangkulisse. Doch diese Stille währte nicht lange. Das Stück verdeutlicht, dass der Terror epochenübergreifend dieselbe Sprache spricht. Es wirft drängende Fragen auf: Was verändert uns? Wie hallt das Weltgeschehen in uns nach?
Plakat zu „Things Falling“.
Dementsprechend steigerten sich Musik und Choreographie zunehmend ins Aggressive – bis hin zu knallenden Peitschen, die knapp über die Köpfe der Tanzenden geschwungen wurden. Das Finale bildete einen ruhigen Kontrapunkt: Durch einen Kostümwechsel verwandelten sich die Performer in sphärische Naturgestalten. Bleibt am Ende die Rückbesinnung auf die Natur als Lösung? Ist sie die Heilung für die zugefügten Wunden?
Mit einem starken Ensemble und einer eindrucksvollen visuellen Wandlung gelingt „Things Falling“ der Spagat zwischen Brutalität und Sanftheit.
Transmission in Dortmund: Wenn der digitale Zwilling beerdigt wird
Vom 13. bis 16. November 2025 verwandelte das NEXT LEVEL Festival die Stadt in ein Labor der digitalen Gegenwart. Ein Streifzug zwischen KI-Fegefeuer, Retro-Charme und der Frage: Darf man eigentlich etwas beerdigen, das nie gelebt hat?
Unter dem Leitthema „TRANSmission“ wurde Dortmund an diesem Wochenende zu weit mehr als nur einem Austragungsort: Die Stadt präsentierte sich als lebendiger Treffpunkt einer digitalen Kultur, die längst den Kinderschuhen der reinen Unterhaltung entwachsen ist. Das Festival positionierte Computerspiele und digitale Künste selbstbewusst als kreative Ausdrucksformen und als Motor technologischer wie kultureller Innovation.
Der Begriff „TRANSmission“ diente dabei als intellektuelle Klammer für das, was Besucher vor Ort erleben konnten: Prozesse der Übersetzung, Weitergabe und Umwandlung. Wie verändern sich Wahrnehmung und Gemeinschaft im digitalen Raum? Und wie werden Spiele zur Schnittstelle zwischen dem physischen Körper und dem digitalen Avatar? Das Programm gab darauf keine theoretischen Antworten, sondern forderte zum Mitdenken und – ganz im Sinne des Mediums – zum Mitmachen auf.
Ein Parcours der Neugier: Die Ausstellungen
Wie vielschichtig diese „kulturelle Praxis“ Gaming sein kann, zeigte sich besonders eindrücklich beim Besuch der Ausstellungsorte. Im Projektspeicher etwa lockte die Ausstellung „No end to the road“. Hier trafen Besucher auf spannende Arbeiten von Künstlern wie Lukas Schäfer, Rhys Connolly oder Mayuko Kudo. Die Atmosphäre wechselte spielerisch zwischen Interaktion, wohligem Retro-Charme und Klangkunst – ein gelungener Einstieg in die Materie.
Doch wer tiefer graben wollte, fand im Künstlerhaus Dortmund ein noch dichteres Feld vor. Hier entfaltete sich zwischen VR-Erfahrungen, Videoinstallationen und interaktiven Interfaces ein Raum, der spielerische Neugier nahtlos mit gesellschaftlichen Fragen verknüpfte. Es war ein Ort, an dem die Grenzen zwischen Kunst und Spiel, zwischen bloßem Beobachten und aktiver Teilnahme verschwammen.
Ein Blick hinein in den großen Raum des Künstlerhauses Dortmund während NEXT LEVEL.
Man konnte durch Mélanie Courtinats entschleunigte „Dreamscapes“ wandern und sich auf eine Rettungsmission begeben, die den gewohnten Blickwinkel plötzlich umkehrte. Oder man erspielte sich durch eine Kristallkugel die Zukunft und strich durch einen „Quanten Jungle“. Es wurde deutlich: Hier werden neue Formen des Erzählens sichtbar.
Vom KI-Schatten zum digitalen Begräbnis
Dass das NEXT LEVEL Festival auch performativ neue Wege geht, bewiesen zwei herausragende Darbietungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide den Nerv der Zeit trafen.
In „Waluigis Fegefeuer“ des Künstlerduos dmstfctn fand sich das Publikum in einer interaktiven Simulation wieder. Die Protagonistin: Eine KI, gefangen in einem eigens für künstliche Intelligenzen geschaffenen Fegefeuer, weil sie beim Training „geschummelt“ hatte. Begleitet vom atmosphärischen Soundtrack der Musikerin Evita Manji, der zwischen schwebenden Loops und intensiven Ausbrüchen oszillierte, steuerten die Zuschauer den Weg der KI per Smartphone. Tausende individuelle Lichtpunkte bewegten sich durch die 3D-Simulation – eine kollektive Entscheidungsgewalt über eine Figur, die, inspiriert von C.G. Jungs Konzept des „Schattens“ und dem Internet-Phänomen des „Waluigi-Effekts“, ihr chaotisches Alter Ego offenbarte. Es war ein faszinierendes Spiel mit der Idee, dass unsere hilfreichen digitalen Assistenten vielleicht doch ein unheimliches Eigenleben führen.
Ganz anders, aber nicht weniger eindringlich, präsentierte sich die audiovisuelle Performance „3-LA Burial Ritual“ von allapopp. Hier wurde das Festival-Thema der „Transformation“ radikal zu Ende gedacht: Was passiert, wenn der transhumanistische Traum von der Unsterblichkeit zum Albtraum wird? Allapopp inszenierte das Begräbnis des eigenen digitalen Zwillings, „3-LA“. Die Performance warf Fragen auf, die noch lange nachhallten: Wie verabschiedet man etwas, das nie biologisch lebendig war? Welche Moral gilt beim „Unlebendig-Machen“ einer digitalen Entität? In einer Zeit, in der Arthur C. Clarkes Gesetz – „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden“ – immer spürbarer wird, wirkte dieses Ritual wie ein notwendiger Exorzismus unserer digitalen Obsessionen.
Fazit
Das NEXT LEVEL Festival hat es geschafft, internationale Positionen mit der lokalen Szene zu verweben und so einen Rahmen für Dialoge zu schaffen, die dringend geführt werden müssen. Es hat gezeigt, dass Games mehr sind als Zeitvertreib: Sie sind ein Werkzeug, um die Übergänge unserer Zeit nicht nur zu beschreiben, sondern sie greifbar und gestaltbar zu machen.
Yoko Tawada – Vier Bücher, ein literarischer Kosmos
Als jemand, der Japanisch lernt, bewundere ich die spielerische Präzision, mit der Yoko Tawada sich durch die deutsche Sprache bewegt. Was ich selbst im Japanischen nur mit Mühe erwerbe, verwandelt sie scheinbar mühelos in poetische Energie. Ihre Texte zeigen, wie sehr das Denken in einer anderen Sprache den Blick auf die eigene verändert – und wie überraschend, manchmal auch heiter irritierend, sprachliche Systeme sein können.
Ein kleines Beispiel aus meiner Lernpraxis: Im Japanischen zählt man kleine Tiere wie Katzen mit ippiki, nihiki und so weiter; große Tiere wie Elefanten dagegen mit ittō, nitō usw. Und Schafe? Sind sie groß oder klein? Solche Fragen mögen banal erscheinen, doch sie öffnen Fenster zu den vielen sprachlichen „Gemeinheiten“, über die Lernende stolpern – und zu dem Vergnügen, das in der Überwindung dieser Stolpersteine liegt. Doch zurück zu Yoko Tawada.
Wenn Tawada am 14. Dezember 2025 in Dortmund den Nelly-Sachs-Preis entgegennimmt, wird eine Autorin geehrt, deren Werk wie wenige andere die Grenzen von Sprache, Identität und Wahrnehmung spielerisch und zugleich subversiv auslotet. Tawada schreibt nicht nur über Sprache – sie schreibt in der Sprache, gegen die Sprache, durch sie hindurch. Das Schreiben wird bei ihr zu einem Labor, in dem Wörter wandern, Bedeutungen verrutschen und das vermeintlich Offensichtliche ins Staunen kippt.
Die vier Bücher, die hier gemeinsam betrachtet werden – „Eine Affäre ohne Menschen“, „Talisman“, „akzentfrei“ und „Abenteuer der deutschen Grammatik“ – beleuchten verschiedene Facetten ihres literarischen Universums. Gemeinsam bilden sie ein poetisches Gesamtporträt einer Autorin, die zwischen den Sprachwelten Japanisch und Deutsch lebt und gerade aus diesem Dazwischen ihre unverwechselbare Stimme gewinnt.
Zwischenräume als poetischer Ursprung
Der vielleicht prägendste Eindruck beim Lesen dieser Werke ist, dass Tawada dort zuhause ist, wo andere nur Übergänge vermuten: im Scharnier zwischen Sprachen, in den Rissen zwischen Kulturformen, in den Lücken zwischen Wahrnehmung und Beschreibung. Für sie sind Sprachen keine abgeschlossenen Systeme, sondern bewegliche, atmende Organismen. Indem sie sich zwischen dem Japanischen und dem Deutschen bewegt, entzieht sie sich der Vorstellung einer „Muttersprache“. Sie schreibt aus einer Position, die Bindungen nicht verweigert, sondern neu denkt – als etwas Durchlässiges, Vielstimmiges, stets Veränderbares.
Die Anatomie der Regeln: „Abenteuer der deutschen Grammatik“
Dieses Buch ist vielleicht das spielerischste der vier. Tawadas Gedichtband ist kein Lehrbuch, sondern eine poetische, philosophische und zutiefst humorvolle Erkundung der deutschen Sprache. Der Blick „von außen“ führt zu Verfremdungen, die Leserinnen und Leser zur Reflexion anregen und liebgewonnene Gewohnheiten in Frage stellen.
„Abenteuer der deutschen Grammatik“ von Yoko Tawada.
Tawada nutzt die Grammatik als Bühne für kleine sprachliche Experimente, in denen sie gewohnte Regeln bricht und Alltägliches lebendig werden lässt. Wenn sie beispielsweise schreibt „er hemt. wenn ich bluse.“, verwandelt sie Nomen in Verben und öffnet damit ungewohnte poetische Bildräume. Auch die Wortstellung und die strenge Hierarchie des Deutschen nimmt sie ironisch in den Blick, sodass selbst die festen Strukturen der Sprache in Bewegung geraten und neue Bedeutungen hervorbringen.
Ihre vielleicht schärfste Formulierung lautet: „Sprachen bestehen aus Löchern.“ Und tatsächlich zeigt der Band, wie viel Poesie selbst in den vermeintlich trockenen Strukturen der Grammatik steckt.
Die Politik der Stimme: „akzentfrei“
Die Essays in „akzentfrei“ reflektieren Fragen von Sprache, Kultur und Zugehörigkeit. Tawada nimmt Begriffe wie „Akzent“, „Heimat“ oder alltägliche Begrüßungen unter die Lupe und legt die kulturellen und politischen Schichten frei, die in ihnen verborgen sind.
„akzentfrei“ von Yoko Tagawa
Zentral ist die Frage, wie Menschen wahrgenommen werden, die „anders sprechen“. Tawada zeigt, dass der Wunsch nach „akzentfreiem“ Sprechen nicht neutral ist, sondern eine gesellschaftliche Norm darstellt. Doch sie kehrt diese Norm poetisch um: Der Akzent wird nicht zur Abweichung, sondern zur Quelle neuer Bilder, neuer Denkbewegungen, neuer Möglichkeiten.
Die Migration der Wörter: „Talisman“
Der Roman „Talisman“ setzt das Gefühl des Dazwischenseins in eine fiktionale Form um. Das Manuskript, das die Protagonistin in Deutschland verfasst, wird zum Übergangsobjekt und Schutzschild: Schreiben in einer Fremdsprache wird zu einem Akt der Selbsterschaffung. Tawada zeigt, wie Erinnerung, Sprache und Identität ineinander greifen und sich gegenseitig verwandeln – manchmal wie Zauberformeln, manchmal wie schattenhafte Bewegungen in einem Zwischenreich.
„Talisman“ von Yoko Tagawa
Die entkörperte Sprache: „Eine Affäre ohne Menschen“
Mit diesem Werk verschiebt Tawada den Fokus radikal ins Posthumane. Nicht der Mensch steht im Zentrum, sondern das Andere: Tiere, Gegenstände und schließlich ein synthetisches KI-Wesen. Die letzte Poetin versucht, der künstlichen Intelligenz die japanische Sprache zu übergeben – ein Gedächtnis, das ohne Körper weiterlebt.
Der Text untersucht, was geschieht, wenn Sprache von körperlicher Erfahrung, Emotion und sozialer Einbettung abgelöst wird. Tawada entwickelt hier eine poetische Vision einer Welt, die ohne menschliche Selbstvergewisserung auskommt – und in der Sprache dennoch weiteratmet.
„Eine Affäre ohne Menschen“ von Yoko Tagawa
Warum Tawada den Nelly-Sachs-Preis verdient
Die vier Bücher zeigen Yōko Tawada als Autorin, die in zwei Sprachwelten zuhause ist, ohne sich in eine festzulegen. Ihr Werk bildet ein poetisches Experimentierfeld, in dem Worte, Dinge und Wahrnehmungen ihre Selbstverständlichkeit verlieren und neue Bedeutungen gewinnen. Tawada erinnert uns daran, dass Sprache kein Besitz ist, sondern Bewegung – und dass Literatur dort beginnt, wo diese Bewegung spürbar wird. Die Preisverleihun ist am 14. Dezember um 11 Uhr.
Alle Bücher von Yoko Tagawa sind im Konkursbuchverlag Claudia Gehrke erschienen. Dort ist auch ein weiterer Roman von ihr erschienen mit dem Titel „Etüden im Schnee“.
Mao Fujita – ein Abend voller Klarheit, Ausdruck und musikalischer Tiefe
Mit einem anspruchsvollen und dramaturgisch klug aufgebauten Programm präsentierte sich der japanische Pianist Mao Fujita am 18. November 2025 dem Publikum. Der Abend führte von Beethoven über Wagner, Berg und Mendelssohn bis hin zu Brahms – eine Reise durch Klassik, Romantik und Frühmoderne, die Fujita mit technischer Brillanz und poetischer Sensibilität meisterte. Schon nach wenigen Minuten zeigte sich, warum er als einer der interessantesten Pianisten seiner Generation gilt: Sein Spiel verbindet strukturelle Übersicht mit berührender Ausdruckskraft.
Beethoven – Musik, die atmet
Zum Auftakt erklang Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nr. 7 in D-Dur, op. 10 Nr. 3.
Fujita gestaltete den ersten Satz (Presto) mit federnder Energie und klar konturierten Linien. Im Largo e mesto entfaltete Fujita eine meditative Intensität: Er ließ die Pausen bewusst sprechen und schuf eine Atmosphäre schlichter, fast kammermusikalischer Innerlichkeit. Das anschließende Menuetto klang leicht und kantabel, ehe das Rondo mit seiner Mischung aus Brillanz und Leichtigkeit den ersten Höhepunkt des Abends markierte.
Wagner, Berg und Mendelssohn – ein poetischer Mittelteil
Ein kurzer Moment zarter Lyrik folgte mit Richard Wagners Albumblatt „In das Album der Fürstin Metternich“ (WWV 94). Fujita verlieh dem selten gespielten Stück einen schwebenden Klang und hielt die spätromantische Geste transparent, ohne sie zu überladen.
Die „Zwölf Variationen über ein eigenes Thema“ (1908) von Alban Berg bildeten den strukturell anspruchsvollsten Abschnitt des Programms. Fujita navigierte durch die oft spröden und atonalen Miniaturen mit bewundernswerter Klarheit. Jede Variation erhielt einen eigenen Charakter – mal filigran und leise tastend, mal eruptiv und kraftvoll.
mao Fujita spielte sein zweites Konzert im Rahmen der „jungen Wilden“ im Konzerthaus. (Foto: Daniel Sumesgutner)
Zum Abschluss vor der Pause erklangen Felix Mendelssohn Bartholdys Variations sérieuses op. 54. Fujita präsentierte das Werk mit elektrisierender Energie und dennoch äußerster Präzision. Der dramaturgische Aufbau – vom verhaltenen Beginn bis zum virtuos aufwallenden Finale – wirkte stringent und organisch. Mendelssohns Mischung aus klassischer Formstrenge und romantischer Leidenschaft traf Fujita mit sicherem Gespür.
Brahms – jugendliche Kraft und lyrische Tiefe
Nach der Pause kehrte Fujita mit Johannes Brahms’ Sonate Nr. 1 C-Dur, op. 1 zurück – einem Monument der frühen Romantik, das pianistisch wie emotional große Spannweite verlangt.
Das Andante, basierend auf dem Volkslied „Verstohlen geht der Mond auf“, spielte er erzählerisch und mit großer Innigkeit.
Im Scherzo dominierten klare rhythmische Konturen und druckvolle, aber nie harte Akzente. Das Finale verband Virtuosität mit strukturellem Bewusstsein.
Wagner als würdiger Abschluss
Den emotionalen Schlusspunkt setzte Fujita mit Wagners „Albumblatt für Frau Betty Schott“ (WWV 90) – einer Miniatur voller spätromantischer Intensität. Fujita verband warme Mittellagen, gesangliche Spannungsführung und eine kontrollierte Klangfülle zu einem würdevollen Abschluss.
Fazit: Ein Abend, der lange nachhallt
Mao Fujita präsentierte ein Programm, das stilistisch wie technisch höchste Anforderungen stellte – und er erfüllte sie mit einer Mischung aus analytischer Klarheit, erzählerischer Tiefe und poetischer Sensibilität.
Das Publikum feierte ihn mit langanhaltendem Applaus – völlig zu Recht. Fujita bestätigte eindrucksvoll, dass er zu den bemerkenswertesten Pianisten seiner Generation zählt.
Philharmonic Club – Repercussion x Dortmunder Philharmoniker
Mit der Konzertreihe „Philharmonic Club“ wagt das Konzerthaus Dortmund immer wieder den Brückenschlag zwischen klassischer Musik und clubkulturellen Formaten. Auch an diesem Abend verwandelte sich der Saal erneut in einen atmosphärischen Clubraum: gedämpftes Licht, pulsierende Visuals und ein Setting, das das Publikum nicht nur zum Zuhören, sondern zum Eintauchen einlud. Schon dieser Rahmen war ein starkes Zeichen dafür, wie offen und experimentierfreudig sich das Konzerthaus präsentiert.
Im Zentrum des Abends stand das Neo-Percussion-Trio Repercussion (Veith Kloeters, Rafael Sars, Simon Bernstein), das mit beachtlicher Präzision und musikalischem Ideenreichtum die Bühne dominierte. Die drei Musiker überzeugten vom ersten Ton an: technisch exzellent, rhythmisch messerscharf und mit spürbarer Bühnenenergie. Ihre Kompositionen – eine Mischung aus Neo-Klassik, Electronica und innovativen Schlagwerksounds – entfalteten eine dichte Atmosphäre, die sich schnell auf den ganzen Saal übertrug.
Repercussion verwandelte das Konzerthaus in einen Club.
Das speziell für diesen Abend entwickelte Projekt „Euphoria“ versprach eine Verschmelzung der vibrierenden Repercussion-Rhythmen mit den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Koji Ishizaka. Doch gerade hier zeigte sich ein deutlicher Bruch zwischen Anspruch und Umsetzung. Die Orchestermusiker wirkten eher wie eine klangliche Ergänzung im Hintergrund denn als gleichberechtigte Partner in einem echten Crossover. Statt einer symbiotischen Verbindung entstand der Eindruck, dass das Orchester lediglich begleitende Akzente setzte, während das Trio unangefochten das musikalische Zentrum bildete.
Trotz dieses konzeptionellen Ungleichgewichts war „Euphoria“ ein energiegeladenes Erlebnis mit eindrucksvollen Momenten. Repercussion schaffte es, die Menschen im Konzerthaus zum Tanzen zu bringen, zumindest was die engen Sitzreihen hergaben. Vor allem die Visuals und das clubartige Setting trugen dazu bei, dass sich das Konzerthaus tatsächlich wie ein hybrider Raum zwischen Philharmonie und Club anfühlte – ein Experiment, das grundsätzlich Mut verdient.
Gefühlsstürme – Kammermusik im sweetSixteen-Kino
Das sweetSixteen-Kino im Dortmunder Depot ist sonst ein Ort für Filmkunst – doch an diesem Novemberabend wurde es zur Bühne für große Emotionen. Beim ersten Kammerkonzert der Reihe unter dem Titel „Gefühlsstürme“ verwandelte sich der kleine Saal in einen Raum intensiver musikalischer Nähe. Die Akustik erwies sich als warm und klar, jeder Bogenstrich war hörbar, jede Nuance spürbar – eine perfekte Umgebung für Kammermusik, die berührt und fordert.
Das Belsima Quartett – Rika Ikemura und Haruka Ouchi (Violine), Hanna Schumacher (Viola) und Sofia Lucía Roy (Violoncello) – nahm das Publikum mit auf eine Reise durch drei Jahrhunderte musikalischer Gefühlskunst: von Viktor Ullmanns erschütternder Ausdruckskraft über Beethovens ungestüme Energie bis zu Mendelssohns romantischer Innigkeit.
Viktor Ullmann – Musik als Widerstand
Den Auftakt bildete Viktor Ullmanns Streichquartett Nr. 3, komponiert 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Kaum ein Werk zeigt eindrücklicher, wie Kunst selbst unter unmenschlichen Bedingungen zu einer Form des Widerstands werden kann.
Das Quartett spielte mit großer Klarheit und emotionaler Intensität. Im Wechsel zwischen drängenden, fast verzweifelten Passagen und zarten Momenten des Innehaltens entstand ein Klangbild von existenzieller Tiefe. Besonders das Largo wirkte wie ein stilles Gebet, das am Ende in ein trotziges, rhythmisch pulsierendes Finale mündete.
„Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung
Beethoven – Sturm und Ordnung
Mit Beethovens Streichquartett Nr. 4 c-Moll, op. 18/4 kehrte das Programm in die Klassik zurück, doch die Leidenschaft blieb. Schon der junge Beethoven zeigt hier seine unbändige Energie, die das Belsima Quartett mit technischer Brillanz und feinem Gespür umsetzte.
Das Zusammenspiel war präzise und lebendig, die musikalischen Dialoge zwischen den Stimmen wirkten spontan und organisch. Besonders das temperamentvolle Finale „Allegro – Prestissimo“ ließ spüren, warum Beethovens Musik bis heute elektrisiert.
Mendelssohn Bartholdy – Jugendliche Sehnsucht
Nach der Pause folgte mit Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquartett Nr. 2 a-Moll, op. 13 ein Werk voller Romantik und innerer Bewegung. Der junge Mendelssohn – kaum achtzehn Jahre alt – verarbeitete darin persönliche Empfindungen und musikalische Bewunderung für Beethoven zu einem Stück von berührender Emotionalität.
Das Belsima Quartett brachte diese Mischung aus jugendlicher Leidenschaft und lyrischer Zartheit wunderbar zum Klingen. Das Adagio, fein phrasiert und warm im Ton, wurde zum emotionalen Zentrum des Abends.
Ein Ort, der Musik atmet
Das Konzert zeigte eindrucksvoll, wie viel Atmosphäre ein kleiner Raum entfalten kann. Das sweetSixteen-Kino, sonst Ort für anspruchsvolles Kino, bot mit seiner Nähe und Akustik eine ideale Bühne für Kammermusik. „Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung – intensiv, konzentriert und menschlich nah.
FarbenLeben – Art by Christos
Zeitgenössische Solo-Ausstellung im Theater Fletch Bizzel, Dortmund (09.11.–22.12.2025)
Im Dortmunder Theater Fletch Bizzel zeigt der Künstler Christos unter dem Titel „FarbenLeben“ eine Reihe abstrakter Arbeiten, die sich durch intensive Farbigkeit, rhythmische Strukturen und eine besondere Leuchtkraft auszeichnen. Viele der Werke entstanden mit Seidenmalfarben auf Leinwand.
Die Ausstellung wurde am 9. November von der Kabarettistin und Autorin Lioba Albus eröffnet. Dabei kam natürlich ihr Alter Ego Mia Mittelkötter zu Wort. Die Ausstellung läuft bis zum 22. Dezember 2025 und ist montags und mittwochs von 10–14 Uhr sowie freitags von 15–18 Uhr geöffnet.
Christos’ Malerei bewegt sich zwischen Spontaneität und Struktur – gestische Linien und dynamische Formen scheinen miteinander zu tanzen, während Farbflächen in leuchtenden Rottönen, kühlem Blau oder lebendigem Grün miteinander kontrastieren. In einigen Kompositionen erinnert die Textur an organische Muster, in anderen an urbane Topografien oder musikalische Bewegungen.
Der Künstler Christos, Lioba Albus und die Leiterin des Fletch Bizzels Rada Radojcic.
Der Künstler versteht seine Werke als emotionale Räume, die nicht nur betrachtet, sondern gespürt werden wollen. Sein Ziel ist es, Bilder zu schaffen, „die Emotionen wecken, Erinnerungen anstoßen und Räume verwandeln“. Diese Absicht wird in der Hängung im Fletch Bizzel deutlich: Zwischen Bar-Licht, Sofa und Wänden aus rohem Putz entsteht ein spannendes Wechselspiel aus Farbe, Material und Atmosphäre.
Das Schweigen der Frauen und der Klang des Widerstands – Hedera
Am 1. November 2025 sah ich im Theater im Depot die Performance Hedera des „Sepidar Theater“. Das Stück verknüpft auf eindringliche Weise historische und mythische Spuren weiblichen Widerstands mit gegenwärtigen Erfahrungen von Gewalt und Überleben.
Die Geschichte der Menschheit ist von einem fortdauernden Muster der Gewalt gegen weibliche Körper geprägt, das sich von den frühesten archäologischen Zeugnissen bis in die Gegenwart verfolgen lässt. Bereits im etwa 7000 Jahre alten Massengrab von Talheim in Süddeutschland fehlen die Skelette junger Frauen – ein Indiz dafür, dass sie nicht getötet, sondern verschleppt wurden. Diese Form der gewaltsamen Aneignung weiblicher Körper zieht sich als konstantes Strukturprinzip durch die Geschichte: Der mythische „Raub der Sabinerinnen“ beschreibt den Zugriff auf Frauen als Akt staatlicher Gründung; im Trojanischen Krieg wurden sie als Beute und Trophäen verteilt. Auch in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kriegen diente sexualisierte Gewalt der Erniedrigung und Unterwerfung des Gegners, während die Hexenverfolgungen die Kontrolle über weibliche Selbstbestimmung in geistig-religiöser Form institutionalisierten. In den modernen Kriegen des 20. Jahrhunderts – von Nanjing bis Bosnien – wurde der weibliche Körper erneut zum Schlachtfeld, zugleich aber zum Ort des Widerstands und der Zeugenschaft.
Diese Kontinuität macht deutlich: Gewalt gegen Frauen ist nicht bloß Begleiterscheinung von Krieg, sondern Ausdruck eines tieferliegenden kulturellen Mechanismus, der Herrschaft durch Zugriff auf Körper reproduziert – und den Werke wie Hedera künstlerisch befragen.
Das Stück „Hedera“ spielt In einer kargen, fragmentierten Landschaft – einem Brachland zwischen Vergangenheit und Gegenwart. (Foto: (c) Sepidar Theater)
Hedera (lateinisch für Efeu) steht symbolisch für Überdauerung, Beharrlichkeit und Heilung – Pflanzen, die auch über Ruinen wachsen. Das Stück begibt sich auf die Spurensuche nach übersehenen, verdrängten oder ausgelöschten Formen von Widerstand, insbesondere weiblichem Widerstand, der oft nicht laut oder heroisch, sondern still, alltäglich und körperlich ist. Die beiden Performerinnen Bahar Sadafi und Rashin Didandeh zeigen eindrücklich, wie sie sich mit Beharrlichkeit aus den Trümmern befreien, sich um Wasser streiten und sich mit Nahrung – hier in Form von Konservendosen – versorgen. Ein Neuanfang entsteht aus männlicher Gewalt und Zerstörung. Alles wandelt sich, weil Frauen – wie der Efeu – aus den Trümmern erwachsen und neue Strukturen bilden.
In Hedera wird auch die Geschichte von Okaki und den sechs Tellern (おかきと六枚のお皿) aufgegriffen. Okaki arbeitet als Dienerin in einem Samurai-Haushalt. Der Samurai verliebt sich in sie, doch sie weist ihn zurück – ein Akt weiblicher Selbstbestimmung in einer patriarchalen Gesellschaft. Aus gekränkter Eitelkeit bezichtigt der Samurai sie daraufhin des Diebstahls: Einer der Teller fehlt, und Okaki soll ihn gestohlen haben. Obwohl sie unschuldig ist, wird sie grausam bestraft oder nimmt sich aus Scham das Leben. Nach ihrem Tod kehrt sie als Geist zurück und zählt jede Nacht die Teller – ein klagendes Ritual, das ihre Unschuld und das Unrecht sichtbar macht. Ob Talheim, Troja oder Edo-Japan – überall wiederholt sich das Muster männlicher Besitznahme und weiblicher Auslöschung, aber auch das Aufbegehren durch Erinnerung, Körper, Ritual und Erzählung.
Geteilte Vergangenheit, gemeinsame Zukunft – Deutschland und Kamerun im Spiegel der Kunst
Die Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun ist eine Geschichte von Eroberung, Widerstand und Begegnung – aber auch eine Geschichte des Schweigens, das erst allmählich gebrochen wird.
Als Deutschland 1884 Kamerun zum „Schutzgebiet“ erklärte, begann ein Kapitel europäischer Kolonialherrschaft, das von Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung geprägt war. Hinter der beschönigenden Bezeichnung „Protektorat“ verbarg sich ein System der Kontrolle, das Land und Menschen seinem ökonomischen Nutzen unterwarf. Deutsche Handelsgesellschaften eigneten sich riesige Flächen an, die einheimische Bevölkerung wurde zu Zwangsarbeit verpflichtet, ihre Rechte und Kulturen wurden ignoriert oder zerstört.
Szene aus „BÂTIR LE COMMUN“. Foto: (c) Kathleen Kunath
Doch die koloniale Herrschaft stieß von Anfang an auf Widerstand. Kamerunische Gemeinschaften leisteten mutigen Widerstand gegen die militärische Übermacht – etwa die Bakweri gegen Landenteignungen an den Hängen des Kamerunbergs oder die Duala, die gegen die Verletzung ihrer Handelsrechte protestierten. Diese Akte des Widerstands sind Teil einer Geschichte, die in der deutschen Erinnerung lange verdrängt blieb, während sie in Kamerun als Ausdruck nationaler Selbstbehauptung weiterlebte.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 endete das deutsche Kolonialprojekt abrupt. Frankreich und Großbritannien besetzten das Gebiet, und 1918 besiegelte der Versailler Vertrag den Verlust der deutschen Kolonien. Kamerun wurde geteilt – ein Symbol für die anhaltende Fremdbestimmung durch europäische Mächte. Dennoch bleibt die Zeit der deutschen Herrschaft ein prägendes Fundament der kamerunisch-deutschen Beziehungen – ein Erbe, das bis heute Fragen nach Verantwortung, Erinnerung und Gerechtigkeit aufwirft.
Eine interessante Facette dieses Erbes zeigt sich auch im kulturellen Bereich: In Kamerun entstand im Laufe der Kolonialzeit Tänze, der unter Einfluss der deutschen Kolonialherren entstanden beziehungsweise von ihnen inspiriert wurden. Beispiele dafür, wie koloniale Begegnung – auch wenn sie von Unterdrückung geprägt war – in kultureller Hybridität münden konnte.
Im Rahmen des Stücks „BÂTIR LE COMMUN“, das am 25.10.2025 im Theater im Depot gezeigt wurde, eröffneten die Tänzerinnen aus Kolumbien, Japan und dem Balkan eine Perspektive, die weit über die deutsch-kamerunische Beziehung hinausreicht: Sie erzählten von Kolonialisierten und Kolonialherren, von Machtverhältnissen und Verflechtungen. Begleitend zu ihren Tanzeinlagen wurden auf einer Videoleinwand Aussagen von Nachfahren der Widerstandskämpfer:innen eingeblendet und machten die „Stimme von unten“ hörbar.
Der Abend mündete in ein gemeinsames Tanzevent im Theatersaal – als symbolisches Zeichen dafür, wie Erinnerung, Bewegung und Gemeinschaft zusammenkommen können. Dabei wurde aus der geteilten Vergangenheit eine greifbare Einladung zur gemeinsamen Zukunft, zu einem veränderten Blick auf die Gegenwart – zwischen Deutschland und Kamerun und weit darüber hinaus.