Geteilte Vergangenheit, gemeinsame Zukunft – Deutschland und Kamerun im Spiegel der Kunst

Die Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun ist eine Geschichte von Eroberung, Widerstand und Begegnung – aber auch eine Geschichte des Schweigens, das erst allmählich gebrochen wird.

Als Deutschland 1884 Kamerun zum „Schutzgebiet“ erklärte, begann ein Kapitel europäischer Kolonialherrschaft, das von Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung geprägt war. Hinter der beschönigenden Bezeichnung „Protektorat“ verbarg sich ein System der Kontrolle, das Land und Menschen seinem ökonomischen Nutzen unterwarf. Deutsche Handelsgesellschaften eigneten sich riesige Flächen an, die einheimische Bevölkerung wurde zu Zwangsarbeit verpflichtet, ihre Rechte und Kulturen wurden ignoriert oder zerstört.

Szene aus "BÂTIR LE COMMUN". Foto: (c) Kathleen Kunath
Szene aus „BÂTIR LE COMMUN“. Foto: (c) Kathleen Kunath

Doch die koloniale Herrschaft stieß von Anfang an auf Widerstand. Kamerunische Gemeinschaften leisteten mutigen Widerstand gegen die militärische Übermacht – etwa die Bakweri gegen Landenteignungen an den Hängen des Kamerunbergs oder die Duala, die gegen die Verletzung ihrer Handelsrechte protestierten. Diese Akte des Widerstands sind Teil einer Geschichte, die in der deutschen Erinnerung lange verdrängt blieb, während sie in Kamerun als Ausdruck nationaler Selbstbehauptung weiterlebte.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 endete das deutsche Kolonialprojekt abrupt. Frankreich und Großbritannien besetzten das Gebiet, und 1918 besiegelte der Versailler Vertrag den Verlust der deutschen Kolonien. Kamerun wurde geteilt – ein Symbol für die anhaltende Fremdbestimmung durch europäische Mächte. Dennoch bleibt die Zeit der deutschen Herrschaft ein prägendes Fundament der kamerunisch-deutschen Beziehungen – ein Erbe, das bis heute Fragen nach Verantwortung, Erinnerung und Gerechtigkeit aufwirft.
Eine interessante Facette dieses Erbes zeigt sich auch im kulturellen Bereich: In Kamerun entstand im Laufe der Kolonialzeit Tänze, der unter Einfluss der deutschen Kolonialherren entstanden beziehungsweise von ihnen inspiriert wurden. Beispiele dafür, wie koloniale Begegnung – auch wenn sie von Unterdrückung geprägt war – in kultureller Hybridität münden konnte.
Im Rahmen des Stücks „BÂTIR LE COMMUN“, das am 25.10.2025 im Theater im Depot gezeigt wurde, eröffneten die Tänzerinnen aus Kolumbien, Japan und dem Balkan eine Perspektive, die weit über die deutsch-kamerunische Beziehung hinausreicht: Sie erzählten von Kolonialisierten und Kolonialherren, von Machtverhältnissen und Verflechtungen. Begleitend zu ihren Tanzeinlagen wurden auf einer Videoleinwand Aussagen von Nachfahren der Widerstandskämpfer:innen eingeblendet und machten die „Stimme von unten“ hörbar.
Der Abend mündete in ein gemeinsames Tanzevent im Theatersaal – als symbolisches Zeichen dafür, wie Erinnerung, Bewegung und Gemeinschaft zusammenkommen können. Dabei wurde aus der geteilten Vergangenheit eine greifbare Einladung zur gemeinsamen Zukunft, zu einem veränderten Blick auf die Gegenwart – zwischen Deutschland und Kamerun und weit darüber hinaus.




Die Choreografie der Zärtlichkeit auf dem Hansaplatz

Samstagabend, der 18. Oktober, ein grauer, stiller Herbstabend. Der Hansaplatz liegt in kühles Licht getaucht, wenige Passanten, die sich eilig durch die Stadt bewegen. Mit einem Kopfhörer über der Mütze stehe ich, gemeinsam mit einigen anderen, mitten auf dem Platz. Leise Musik und Texte fließen in mein Ohr, während vor uns die Tänzer:innen agieren – manchmal zögerlich, manchmal fließend, immer achtsam.

Die Performance mírate a través de mi ist eine Einladung, das Alltägliche neu zu betrachten – jene kleinen, oft unscheinbaren Gesten, die unser Zusammenleben prägen und doch so leicht im Lärm des Alltags verloren gehen. „What is love?“, fragte einst Haddaway – und mit ihm unzählige andere vor und nach ihm. Eine klare Antwort blieb stets aus. Vielleicht, so legt die Performance nahe, liegt sie nicht in großen Gesten, nicht im „Willst du mich heiraten?“ auf offener Bühne, sondern in den kleinen, fast unbemerkten Momenten: in der Hand der Mutter, die das Kind sicher hält, in vertrauten Ritualen des Miteinanders, im kurzen Blick, der mehr sagt als Worte.

mírate a través de mi – „Sieh dich durch mich“ – ist eine poetische Rückbesinnung auf die Substanz des Zwischenmenschlichen. Die Besonderheit der Performance liegt in ihrer Offenheit: Performer:innen und Publikum teilen denselben Raum, dieselbe Bewegung, denselben Atem. Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum lösen sich auf, ebenso die Trennung zwischen aktiv und passiv, zwischen Beobachten und Beobachtetwerden. Es entsteht ein Resonanzraum, in dem Wahrnehmung selbst zum Teil der Choreografie wird – ein feines, fast körperloses Gewebe aus Nähe und Achtsamkeit.

mírate a través de mi - kleine Gesten der Liebe. Foto (c) Álvaro Severino
mírate a través de mi – kleine Gesten der Liebe. Foto (c) Álvaro Severino

Die über Kopfhörer eingespielten Stimmen erzählen von Zuneigung, Verbundenheit und Verletzlichkeit – von dem, was Menschen im Innersten verbindet. In der Verbindung von Bewegung und Klang wächst eine „leise Choreografie des Miteinanders“, die sich nicht in geschlossenen Räumen verliert, sondern sich mitten in der Stadt entfaltet, zwischen Pflastersteinen und Passant:innen, zwischen Leben und Kunst.

mírate a través de mi ist damit eine stille Hommage an die Liebe – an das, was sie im Kern ausmacht: die kleinen, fast unsichtbaren Gesten, die das Leben bereichern. Konzipiert und choreografiert wurde das Stück von Camila Scholtbach Sánchez, getanzt von Birgit Götz und Andreas Simons, mit Texten von Judith Grytzka und Musik von Álvaro Severino Ramírez. Gemeinsam erschufen sie auf dem Dortmunder Hansaplatz ein zartes Geflecht aus Bewegung, Klang und Gefühl – eine kurze, aber eindringliche Erinnerung daran, dass Zärtlichkeit kein Luxus, sondern eine Form der Aufmerksamkeit ist.




„touching the not yet“: Liminalität zwischen Brachen und Erwachsensein

Das Ruhrgebiet ist bis heute eine Landschaft der Narben. Ehemalige Industrieareale, Halden, stillgelegte Bahntrassen und verlassene Gewerbeflächen prägen das Gesicht einer Region, die nicht recht weiß, ob sie endlich Zukunft werden oder weiterhin Vergangenheit konservieren will. Diese Brachen sind mehr als topografische Restflächen: Sie sind liminale Räume – Orte ohne klare Funktion, Zonen des Dazwischen, in denen die alte Ordnung abgeschafft ist und die neue noch nicht begonnen hat. Besonders Jugendliche finden hier Rückzugsorte und Möglichkeitsräume, die der kuratierte Stadtraum längst nicht mehr bietet: Graffiti, Skaten, Musik, selbstgebaute Freiräume – nicht erlaubt, nicht geplant, aber möglich.

Mit dieser Ästhetik des Übergangs beschäftigt sich das Stück „Power Strangers – touching the not yet“ der Gruppe Sticky Fragments, das am 17. Oktober 2025 im Theater im Depot zu sehen war. Es führt zurück in eine Zeit, in der solche Brachen noch mythische Orte der Selbstvergewisserung waren. Drei „Power Strangers“ blicken zurück auf Wünsche, Sehnsüchte und verheißungsvoll flackernde Zukunftsentwürfe ihrer Jugend – jene Lebensphase, die selbst liminal ist: Pubertät als Schwebezustand zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Sozialisation und Selbstbehauptung. Doch schnell stellt sich eine Frage, die schwerer wiegt als die Nostalgie, die sie hervorruft: Wer werden wir gewesen sein? Was ist geblieben von den Visionen? Und was hängt heute an uns wie ein ausgeleierter Hoodie, der mehr peinliche Erinnerung als gelebtes Leben ist?

Fundstücke, Erinnerungsstücke? (Foto: Sticky Fragments)
Fundstücke, Erinnerungsstücke? (Foto: Sticky Fragments)

Musik, Videokunst und Physical Theatre versuchen, Antworten zu ertasten. Das Publikum wühlt in Fundstücken aus der Emscher, lauscht dem Sound eines Bahnhofs – selbst ein archetypischer Schwellenort – und beobachtet nächtliche Bushaltestellen, an denen das Stück jene vertraute Urbanpoesie beschwört, die man vielleicht aus Jugendfilmen kennt. Alles ist Bewegung, Suchbewegung, tastendes Voranschreiten.

Doch so sinnlich das Material ist, so bleibt eine Spannung bestehen: Reicht die ästhetische Geste, um die politische Leerstelle zu füllen? Brachen verschwinden im Ruhrgebiet – zugunsten von Investorenfantasien, Logistikboxen und urbaner Verwertungsprosa. Immerhin erlaubt der Schlussmoment – ein gemeinsamer Schritt hinaus in die kalte Dortmunder Nacht – einen Perspektivwechsel: Die Bühne zersplittert, der Stadtraum übernimmt, und plötzlich steht man selbst in einem Zustand, der wieder Übergang ist.

Das Theater verweigert die Antwort. Und vielleicht ist genau das der ehrlichste Satz, den man über Jugend, über Brachen – und über diese Region – überhaupt sagen kann.




Szene machen 25 – ein Ausflug in die Stückentwicklung

Beim diesjährigen Festival „Szene machen“ ging es nicht so sehr um fertige Stücke, sondern um den Entwicklungsprozess oder Möglichkeiten der Partizipation im Theater. Der Autor war für ars tremonia am 10, Oktober im Theater im Depot, um zwei Stücke, oder besser: zwei Entwicklungen.

Den Begin machte der Dortmunder Sprechchor mit „Irgendwas mit Wasser und Solidarität“ . Eine Stunde lang wurden alle Zeugen wie ein Satz, unterschiedlich ausgesprochen, seine Bedeutung veränderte. Wie durch verschieden Betonungen der Charakter wechselte. Zum Schluss wurde der Text mit Musik kombiniert und entfachte eine ungeheure Wucht. Der Workshop war ein gelungener Einblick in die Arbeit des Sprechchores.

Der Sprechchor Dortmund gewährte einen Einblick in eine Workshop Situation. (Foto: (c) Sprechchor Dortmund)
Der Sprechchor Dortmund gewährte einen Einblick in eine Workshop Situation. (Foto: (c) Sprechchor Dortmund)

Der zweite Teil lautete „NeuroQueer Vortex – Show & Tell“ von Queeres Theater Kollektiv. Es behandelte zwei Themen. Zum einen arbeitet das Queere Theater Kollektiv an immersiven Bühnentechnologien, Live-Kameras und digitale Licht- und Sounddesigns. Das Ziel ist es, alle Elemente einer Aufführung gleichrangig zu behandeln. Das andere Thema war, wie ein Theaterabend so gestaltet werden kann, dass sich alle Personen in einem Theaterraum wohlfühlen.




Leseabend im Haus Wenge

Es gibt Kulturorte, die kennt man in- und auswendig, weil man sie mehrmals im Monat besucht und dann gibt es Kulturorte, die neu entdeckt werden. Wie das Haus Wenge in Lanstrop. Dort lasen am 10. Oktober 2025 Bernd Kleber und seine Autoren-Freunde Clara Sinn, Martina Bracke und Björn Neumann. Zur Schande des Autors musste er wegen eines weiteren Kulturtermins schon vor der Pause gehen, aber es reichte, um einen keinen Vorgeschmack zu bekommen.

Bernd Kleber ist ein Berliner Autor und Podcaster und stellte den Band 4 seiner KURZUM-Kurzgeschichten vor. Er trägt den bezeichnenden Titel „Mein Sofa, die Erde“. Hier finden sich Kurzgeschichten von 13 Autoren und Autorinnen, die Kleber während seiner kreativen Reise schätzen gelernt hat.

Unterhaltsame Kurzgeschichte im Haus Wenge in Lanstrop. (Foto: (c) pixabay)
Unterhaltsame Kurzgeschichte im Haus Wenge in Lanstrop. (Foto: (c) pixabay)

Aber die Autor:innen lasen auch Werke, die nicht im Buch standen wie Martina Bracke, die mit „Apfelkuchen mit Sahnehäubchen“ eine hintersinnige Krimigeschichte geschrieben. In die Zeit der Rosenkriege führte uns Björn Neumann. Das Schicksal der beiden Neffen Eduard und Richard des Königs Richard III. stand im Mittelpunkt. Wurden sie umgebracht oder sind die lebend aus dem Tower gekommen?




Beyond Gravity 2025

Vom 01. bis 05. Oktober 2025 fand die zweite Ausgabe des Festivals „Beyond Gravity“ statt – ein Festival für digitale Kunst, Tanz und Performance. Wie bereits vor zwei Jahren wurden die Veranstaltungen hauptsächlich im Theater im Depot und in der Akademie für Theater und Digitalität gezeigt. Neu dabei war in diesem Jahr auch das Kulturforum Witten.
Zusätzlich war ein Residenzprogramm unter dem Titel „Decolonising the Digital“ integriert. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie digitale Technologien gesellschaftliche Ungleichheiten verstärken können – und wie Kunst dazu beitragen kann, diese sichtbar zu machen und Alternativen zu entwickeln. Dafür wurden zwischen Juni und Oktober 2025 drei Künstler*innen-Teams aus dem sogenannten „Global South“ eingeladen, die gemeinsam mit Partnern aus dem Ruhrgebiet neue Projekte entwickelten.

„Früher war mehr Lametta“, heißt es bei Loriot. Vor zwei Jahren boten Programme wie „I AM (VR)“ von Susanne Kennedy und Markus Selg atemberaubende Erlebnisse. Dieser Wow-Effekt fehlte mir in dieser Ausgabe ein wenig. Am ehesten kam noch „Turbulence“ von Norbert Pape und Simon Speiser heran, das mich im Meer schwimmen und Muscheln berühren ließ. Die beiden zeichneten auch verantwortlich für „Touching Clouds“, das vor zwei Jahren gezeigt wurde. Darüber hinaus gab es in der Mittelhalle des Depots verschiedene Games, die zum Mitspielen einluden.

Ein fotografischer Einblick in die Arbeit "Turbulence" von Norbert Pape & Simon Speiser.
Ein fotografischer Einblick in die Arbeit „Turbulence“ von Norbert Pape & Simon Speiser.

Im Theatersaal des Depots sah ich am 01. Oktober „Dear Dead Doctor“, ein Stück von Kiran Kumār über seinen Großvater, der in Indien in westlicher Medizin ausgebildet wurde. Kumār nimmt Ivan Illich zum Vorbild, um die westliche Medizin zu kritisieren. Illich argumentierte, dass die moderne Medizin ein „iatrogenes“ System hervorgebracht habe – also mehr Schaden anrichte, als sie heile, indem sie Menschen passiv mache, ihnen Eigenverantwortung entziehe und das Leben pathologisiere. Als säkularer Humanist lehne ich diese normativen Kritikpunkte von Illich – und damit auch von Kumār – ab. Für mich wären vielmehr Aufklärung, Partizipation der Patient:innen, transparente Entscheidungsprozesse und Zugangsgerechtigkeit zentrale Forderungen, um die Medizin menschlicher zu gestalten.
Die Umsetzung des Stücks war jedoch sehr gelungen: Zwei Darstellerinnen hängten Stoffbahnen nebeneinander, auf denen Fotos, Tagebuchauszüge und auch Tanzszenen projiziert wurden. Das erinnerte ein wenig an eine Petersburger Hängung.

Am nächsten Tag verbrachte ich die Zeit in der Akademie für Theater und Digitalität. Das erste Stück führte die Besucher:innen nach Kamerun und stellte die Frage: Welche Kriterien muss ein Häuptling oder König erfüllen, um als würdig zu gelten? „KAM (noble)“ zeigt, dass dies kein angeborener Wert ist, sondern innerhalb der Gemeinschaft erworben werden muss, die darüber genau wacht. Dies wurde in einem Animationsfilm verdeutlicht.

Den Abschluss bildete „Climb a Mountain: Mira“ von Julia Riera. Es erinnerte mich etwas an „The Dead Code Must Be Alive“ von Brigitte Huezo damals, doch es ist immer wieder faszinierend, welche Wirkung die auftauchenden digitalen Körper auf den Leinwänden entfalten.




Täuschung im Chat: „Cyber Cyrano“ am KJT Dortmund

Mit „Cyber Cyrano“ von István Tasnádi in der Regie von Johanna Weißert präsentierte das Kinder- und Jugendtheater Dortmund am 27. September 2025 ein Stück, das Motive des bekannten Dramas „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand aufgreift. In Rostands Stück verliebt sich der Titelheld Cyrano in seine Cousine Roxane. Cyrano ist ein Meister der Worte, leidet jedoch unter seiner großen Nase. Roxane wiederum schwärmt für Christian, den Cyrano heimlich mit seiner Sprachgewandtheit unterstützt.

Tasnádi stellt diese Grundidee auf den Kopf. Hier ist es nicht der „hässliche“ Mann, der dem hübschen, aber einfältigen Rivalen hilft, sondern die Schülerin Zoe (Sar Adina Scheer), die sich in ihren langjährigen Klassenkameraden Mats (Jan Westphal) verliebt hat. Dieser wiederum scheint Gefühle für die neue Mitschülerin Lina (Annika Hauffe) zu entwickeln. Aus Eifersucht erfindet Zoe ein wohlhabendes Geschwisterpaar, Viktor und Moira, mit denen sie angeblich befreundet ist. In Wahrheit steckt jedoch sie selbst hinter deren Chatnachrichten: Viktor schreibt mit Lina, Moira mit Mats.

Jan Westphal, Annika Hauffe, Sar Adina Scheer(Foto: ©Birgit Hupfeld)
Jan Westphal, Annika Hauffe, Sar Adina Scheer
(Foto: ©Birgit Hupfeld)

Schon das Bühnenbild macht die Szenerie klar: Wir befinden uns in einer Schule. Rechts stehen zwei Schulbänke mit Tafel, links deutet sich eine Aula an, in der Lina und Mats eine Choreografie zu einem Song von Taylor Swift proben – sehr zum Missfallen von Zoe. Wenn sie über ihre Intrigen nachdenkt, nimmt sie Platz in einem Ball Chair.

Das Stück, das sowohl komische als auch nachdenkliche Momente bietet, wirft die Frage auf: Sind junge Menschen tatsächlich so leichtgläubig, dass sie jede Nachricht auf dem Smartphone unhinterfragt akzeptieren? Selbst Menschen mit Lebenserfahrung haben sich schon von angeblichen „Prinzen“ aus Nigeria täuschen lassen, die ihnen Millionen versprachen. Ähnlich überzogen wirken die Geschichten des angehenden Diplomaten Viktor, der mit eigenem Segelboot und angeblicher Fähigkeit in die Zukunft zu blicken daherkommt – oder Moira, die angeblich schon mit 14 als Model um die Welt reiste. Erst sehr spät überprüft Mats die Erzählungen und entlarvt Zoe, was schließlich zu ihrem Rauswurf aus der Schule führt.

„Cyber Cyrano“ ist somit keine Liebesgeschichte und auch keine Tragödie, sondern vielmehr ein Appell an die Medienkompetenz: Glaubt nicht alles, was in Chats oder sozialen Medien steht, und überprüft Informationen kritisch – vor allem dann, wenn sie zu schön klingen, um wahr zu sein.

Die Inszenierung richtet sich sprachlich klar an ein jugendliches Publikum, ohne dabei in künstlichen Jugendslang zu verfallen. Zudem hatte das Stück durchaus poetische Momente. Sar Adina Scheer, Jan Westphal und Annika Hauffe überzeugten durch lebendiges Spiel und wurden vom fast ausverkauften Saal mit großem Applaus belohnt.

So zeigt „Cyber Cyrano“, dass es nicht nur pädagogisch relevant, sondern auch als Theatererlebnis sehenswert ist.

 




Buch, Bilder, Jazz – Günter Rückert zeigt seine Vielseitigkeit

Wenn Günter Rückert  ins fletch bizzel lädt, dann wird das Theater voll. Wie am 26. September 2025. Mit einer einfachen Buchpremiere gibt er sich nicht zufrieden: Neben der Vorstellung seines neuen Werkes zeigt er fast 30 seiner Bilder und sorgt gemeinsam mit der Band Les Schamöörs für die passende jazzige Umrahmung.

Rückert ist in der Dortmunder Kunst- und Kulturszene bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“. Maler, Karikaturist, Autor, langjähriger Regisseur des „Geierband“ – sein künstlerisches Schaffen ist ebenso vielfältig wie energiegeladen.

Im Mittelpunkt des Abends stand das Buch „Balgen“, in dem Rückert Geschichten aus seiner Kindheit erzählt. Aufgewachsen in einem Arbeiterviertel in Dortmund-Marten der 50er- und 60er-Jahre, wusste er früh: Mit anderen Kindern gab es immer etwas zu erleben. Der Bergbau blühte, das Ruhrgebiet war im Wandel – und die Zeichenkunst öffnete dem jungen Günter den Weg aufs Gymnasium. Dort allerdings fühlte er sich nicht immer zuhause, wie seine bissigen Bemerkungen über das Lateinfach deutlich machten.

Günter Rückert beim Erzählen seiner geschichten.
Günter Rückert beim Erzählen seiner geschichten.

Von handfesten Auseinandersetzungen mit Nachbarskindern bis hin zu den Abenteuern als „Bandmitglied ohne Instrumente“ reicht die wilde Fahrt durch ein Ruhrgebiet, das es heute so nicht mehr gibt. Die ausgewählten Bilder, die Rückert im ganzen Haus platzierte, gaben diesen Erinnerungen eine eindrucksvolle visuelle Ergänzung.

Auch die Musik kam nicht zu kurz: Rückert griff selbst zum Akkordeon, unterstützt von Les Schamöörs und seiner langjährigen Weggefährtin Franziska Menze-Moritz. So wurde der Abend zu einer lebendigen Mischung aus Literatur, Kunst und Musik – und spiegelte damit perfekt die Vielseitigkeit seines Schöpfers.

 




Linien ohne Grenzen – Among Other Things im Künstlerhaus Dortmund

Zeichnung bedeutet längst nicht mehr nur Bleistift auf Papier.
Die Ausstellung Among Other Things – Zeichnung als erweiterte Praxis zeigt, wie vielseitig und experimentell dieser künstlerische Ausdruck heute sein kann.

Die teilnehmenden Künstler:innen nutzen Zeichnung nicht nur als Bild, sondern auch als Prozess, als Spur, als Bewegung im Raum. Ihre Arbeiten reichen von klassischen Blättern bis hin zu Installationen, Objekten, Videos oder Performances. Linien, Gesten und Strukturen überschreiten dabei bewusst die gewohnten Grenzen des Mediums.

Der Titel Among Other Things deutet an: Zeichnung ist hier nur ein Teil unter vielen – verbunden mit anderen Ausdrucksformen, offen für neue Verbindungen. Besucher:innen sind eingeladen, ihre eigenen Vorstellungen von Zeichnung zu hinterfragen und diesen offenen, lebendigen Sprachraum der Kunst zu entdecken.

Titelgrafik: Sandra Opitz, Debora Ando
Titelgrafik: Sandra Opitz, Debora Ando

Die Künstler:innen der Ausstellung

Nora Mona Bach

Die Dortmunder Künstlerin Nora Mona Bach treibt den Begriff der Zeichnung bis an seine Grenzen. Ihr Material: pulverisierte Kohle – archaisch, erdig, fast mythisch. Auf dem Papier entstehen spannungsreiche Kompositionen, in denen Flächen, Gesten und Pastellfarben aufeinandertreffen. Cut-Outs und herausgelöste Elemente erweitern den Bildraum, als wolle die Zeichnung selbst in Bewegung geraten. Die Werke changieren zwischen Landschaft und Atmosphäre, zwischen Fotogramm und Geologie – Sedimentschichten aus Erinnerung und Wahrnehmung, die den Blick des Publikums ständig in Bewegung halten.

Sarah Casey

Die britische Künstlerin und Forscherin Sarah Casey verbindet Zeichnung mit Wissenschaft. Ihre Werke entstehen oft unter Einfluss von Zeit, Licht und Umweltbedingungen. Seit einigen Jahren arbeitet sie mit Gletscherarchäologen in der Schweiz zusammen und verarbeitet „Gletschermehl“ – ein feines Sediment, das beim Rückzug des Eises zurückbleibt – zu Zeichnungen auf Glas. So verwandeln sich wissenschaftliche Spuren in poetische Bilder. Casey ist international präsent, mit Ausstellungen unter anderem im Henry Moore Institute oder in Paris, und erhielt zahlreiche Preise. Neben ihrer künstlerischen Arbeit schreibt sie über Zeichnung und lehrt an der Lancaster University.

Satomi Edo – City Map

Die Älteren werden sich erinnern: Bevor es Google Maps gab, benutzten viele Menschen einen Falk-Plan, der eine besondere Falttechnik besaß. Satomi Edo erinnert mit ihren Arbeiten an Stadtpläne – und entzieht ihnen gleichzeitig jede Funktion. Die Objekte erinnern an gefaltete Sightseeing-Maps, doch sie zeigen weder einen Standort noch ein Ziel. Stattdessen öffnen sie Räume für Fantasie-Städte ohne Grenzen. Blau, Grau und Weiß stehen dabei für Himmel, Erde und Zukunft. Edo lädt das Publikum ein, nicht den schnellsten Weg zu suchen, sondern beim Entfalten neue Weltbilder zu entdecken.

Vanessa Enríquez

Die in Mexiko geborene und international arbeitende Künstlerin Vanessa Enríquez versteht Zeichnung als kontemplativen, fast meditativen Prozess. Inspiriert von Physik, Kosmologie und Philosophie, entwickelt sie komplexe geometrische Strukturen, die sich über das klassische Blatt hinaus in Raum und Klang entfalten. So entstehen immersive Installationen, die wie Partituren wirken und die verborgenen Rhythmen der Natur spürbar machen. Ihre Arbeiten wurden weltweit gezeigt, unter anderem in Paris, Japan und Mexiko.

Petra Fiebig

Seit über zehn Jahren bleibt Petra Fiebig ihrem Sujet treu: dem Interieur. Leere Räume, ohne Menschen – doch voller Geschichten. Mit Bleistift erschafft sie Szenen, in denen Realität und Fiktion ineinanderfließen. Schraffuren, feine Striche und ein reduziertes Schwarz-Weiß erinnern an alte Fotografien und lassen den Blick auf das Wesentliche zu. So werden wir als Betrachtende zu stillen Gästen in einer unbekannten Welt, immer zwischen Neugier und Grenzüberschreitung.

Bjørn Hegardt – Eternal Return

Der norwegische Künstler Bjørn Hegardt zeigt in seiner Installation Eternal Return den ewigen Kreislauf von Natur, Mensch und Kosmos. Zeichnungen und Animationen auf Podesten verwandeln sich in ein visuelles Netz aus Linien, Formen und Transformationen. Abstraktes wird zu Natur, Natur zu Geometrie – ein ständiges Werden und Vergehen. Hegardt, auch Herausgeber des renommierten FUKT Magazine, verbindet Zeichnung, Film und Raum zu einer poetischen Landschaft.

Wolfgang Lüttgens

Bei Wolfgang Lüttgens dreht sich alles um die Linie – als zeichnerisches wie konzeptuelles Element. Ob mit Stift, Aquarell oder digitalem Pigmentdruck: Lüttgens überlagert, fragmentiert und verwandelt seine Arbeiten in fragile, aber präzise Bildfelder. Linien, Brüche und Überlagerungen fordern das Publikum heraus, genau hinzusehen – zwischen Fläche, Raum und Illusion.

Wandstrukturen

Minimalistisch und doch kraftvoll: Geometrische Formen, mal verdichtet, mal gestreut, besetzen die Wand. Farbe, Licht und Raum verändern ihre Wirkung – zwischen Ruhe und Dynamik, Ordnung und Auflösung. So schaffen die „Wandstrukturen“ neue Wahrnehmungsräume, die Architektur und Betrachter:innen gleichermaßen mit einbeziehen.

Sandra Opitz

Für Sandra Opitz ist Zeichnen eine Form des Denkens. Ihre Werke verbinden Beobachtungen von Natur, Körper und Mythologie zu wandelbaren Metamorphosen. Linien und Flächen verschmelzen zu tagebuchartigen Aufzeichnungen, in denen Kämpfe, Selbstsuche und Weiblichkeit thematisiert werden. Dabei tritt ihr eigener Körper oft handelnd in Erscheinung – ein Spiel mit inneren und äußeren Bildern, das sich ständig neu erfindet.

Piia Rossi

Die finnische Künstlerin Piia Rossi verbindet Kunst und Alltag auf ganz unmittelbare Weise. Bei einstündigen Spaziergängen sammelt sie Fundstücke, die sie in kleine Objekte verwandelt – ein „räumliches Zeichnen“ mit Naturmaterialien. Diese intuitiven Arbeiten wirken wie spontane Gedanken in materieller Form. Rossi beschäftigt sich häufig mit Fragen nach Identität und Zugehörigkeit und ist mit ihren Arbeiten in Sammlungen in Finnland und international vertreten.

Musikalisches Highlight

Auch die Musik findet ihren Platz: Rascunhos de Cordas (Saitenskizze), eine Drei-Kanal-Videoinstallation des Gitarristen Artur Miranda Azzi, entstand aus dem Film Ceci n’est pas une guitar. Darin bricht Azzi mit den Konventionen der klassischen Gitarre und verwandelt das Instrument in ein Medium für avantgardistische Experimente.

Ausstellung im Überblick

Among Other Things – Zeichnung als erweiterte Praxis
27. September – 2. November 2025
Künstlerhaus Dortmund, Sunderweg 1, 44147 Dortmund

Öffnungszeiten:
Donnerstag – Sonntag, 16 – 19 Uhr




Eva-Maria Horstick: „Treppentwist…“

Mode, Krieg, Stadt und Natur – scheinbare Gegensätze, die in Eva-Maria Horsticks Kunst zu einer intensiven Bildsprache verschmelzen. Die Dortmunder Künstlerin versteht ihre Arbeit nicht als Dekoration, sondern als Haltung: Kunst, die Fragen stellt, Empathie weckt und die Würde des Menschen in den Mittelpunkt rückt.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die Installation „Brandzeichen der Natur“, für die Horstick über zwei Jahrzehnte Baum-Asche sammelte. In kleinen Glasbehältern präsentiert, wird sie zum Mahnmal für brennende Wälder und die fragile Lebendigkeit unserer Umwelt.

Ein Bild aus der Ausstellung von Eva-Maria Horstick. (c) Eva-Maria Horstick
Ein Bild aus der Ausstellung von Eva-Maria Horstick. (c) Eva-Maria Horstick

Geprägt ist ihr Schaffen auch von den Erfahrungen im Kosovo, wo sie als Zeugin des Krieges ihre erste dokumentarische Arbeit gegen Menschenhandel begann. Gewalt, Ausbeutung und Würde sind seither wiederkehrende Themen in ihrem Werk.

Gleichzeitig bleibt Horstick mit Serien wie „Töchter der Erde“ der Mode verbunden – jedoch nicht als Schönheitsideal, sondern als Bühne für Diversität, Menschlichkeit und Präsenz. Ihre nächtlichen Stadtfotografien schließlich verwandeln urbane Räume in seelische Landschaften, die Isolation und Fragilität spürbar machen.

Eckdaten

  • Eröffnung: 04.09.2025, 18:30 Uhr

  • Finissage: 27.09.2025, 16:00 Uhr

  • Öffnungszeiten: Do 16–19 Uhr, Sa 13–16 Uhr

  • Sonderöffnung: 20.09.2025, 13–21 Uhr (DEW21 Museumsnacht)

  • Ort: HANS B, Hansastraße 6–10, Dortmund

Ein Projekt im Rahmen von KOMMEN BLEIBEN GEHEN – Kreative Projekte an temporären Orten.