Paavo Järvi – das Prequel zur Zeitinsel Avro Pärt

Der estnische Dirigent Paavo Järvi präsentierte mit dem Estonian Festival Orchestra einen Vorgeschmack auf die kommende Zeitinsel für seinen estnischen Landsmann Arvo Pärt. Daneben gab es Musik des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov und dem russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch zu genießen.



Den beginn machte Silvestrov mit seiner lyrischen „Abendserenade“. Seine Musik ist leise, behutsam und die Melodien sind sachte miteinander verwoben.

Die Sinfonie Nr.1 von Arvo Pärt, die danach erklang, verweist auf alte musikalische Traditionen. Titel wie Kanon, Präludium und Fuge könnten wir eigentlich von Johann Sebastian Bach und Zeitgenossen erwarten, aber nicht von einem Werk aus dem Jahre 1963. Die konstruktive Grundlage der Sinfonie ist die Notenreihe aus der Zwölftonmusik, die streng eingehalten wird. Die Kanons im ersten Satz verlaufen in Wellen, die gegen Ende am höchsten ansteigen. Ein Violinsolo zu Beginn des Präludiums scheint die Rolle eines langsamen Mittelsatzes zu spielen. Der eigentliche Höhepunkt der gesamten Komposition wird in der Fuge durch einen einzigen energiegeladenen dynamischen Aufstieg gebildet.

Danach stand „Summa“ von Pärt auf dem Programm. Es wurde erstmals 1977 unter dem Titel „Credo“ komponiert und später 1991 für Streichorchester unter dem Titel „Summa“ überarbeitet. In „Summa“ verwendet Pärt die Tintinnabuli-Technik, bei der zwei Stimmen, die Melodie und der Tintinnabuli (Glockenklang), miteinander verflochten sind. Die Melodie bewegt sich oft in Schritten, während die Tintinnabuli-Stimme einfache Dreiklänge spielt. Das Ergebnis ist eine ruhige und meditative Atmosphäre.

Nach der Pause erklang das „Cantus in Memory of Benjamin Britten“ von Pärt, dem es leider nicht vergönnt war, den britischen Komponisten persönlich kennenzulernen. Auch hier verwendet Pärt die Tintinnabuli-Technik, wobei im „Cantus“ die Glocke eine zentrale Rolle spielt. Die Wirkung von „Cantus“ liegt in seiner ruhigen Intensität und der Kombination von Traurigkeit und Schönheit. Es erzeugt eine eindringliche und meditative Stimmung.

Zum Schluss wurde auch die erste Sinfonie von Schostakowitsch gespielt. Hier zeigte der erst 19-jährige Komponist schon, was ihn später auszeichnete: Das Brechen mit traditionellen Formen sowie Ironie und Satire. Die Sinfonie Nr. 1 zeigt zwar Einflüsse von zeitgenössischen Komponisten wie Igor Strawinsky, Sergej Prokofjew und Alexander Skrjabin. Dennoch entwickelt Schostakowitsch bereits hier seinen eigenen, unverkennbaren Stil.

Paavo Järvi begeisterte mit seinen Musikern das Dortmunder Publikum, so dass er sogar eine Zugabe geben musste. Ein großartiger Start in die Zeitinsel Arvo Pärt.




austropott mit neuer Premiere: Die Tür nebenan

Die Liebessorgen und-nöte der 40jährigen ist das Thema der Komödie „Die Tür nebenan“ von Fabrice Roger-Lacan. Premiere hat das Stück in Dortmund am 27. Januar 2024 im Kino im U. Spielt wird es von Michael Kamp und Monika Bujinski, beide vom Theater austropott.



Zum Stück: Eigentlich stehen beide Hauptpersonen mit beiden Beinen im Leben. Er arbeitet in der Werbebranche, sie ist Psychologin. Das Problem: Sie wohnen Tür an Tür, aber können sich nicht leiden, zumal sie völlig unterschiedlich ticken. Also komplett das Gegenteil von gleich und gleich gesellt sich gern. Ihre wahre Liebe suchen sie im Internet. Wer erfahren möchte, wie sie doch zueinanderfinden, sollte sich ein Ticket für die Vorstellungen von „Die Tür nebenan“ besorgen.

Haben sich wegen Kleinigkeiten in den Haaren: Monika Bujinski (Sie) und Michael Kamp (Er). (Foto: (c) austropott)
Haben sich wegen Kleinigkeiten in den Haaren: Monika Bujinski (Sie) und Michael Kamp (Er). (Foto: (c) austropott)

Das Stück von Roger-Lacan passt perfekt in das Beuteschema von austropott. „Es ist für zwei Personen, es ist eine gelungene, nicht zu platte Komödie und die Leute können sich damit identifizieren“, erklärte Michael Kamp. Auch der Grund, warum es wieder eine französische Komödie ist, hatte er eine Antwort parat: „Die Franzosen haben mehr Esprit“, so der Schauspieler.

Wer interessiert ist an „Die Tür nebenan“: Termine und Karten gibt es auf der Internetseite von austropott: https://austropott.de/stuecke/die-tur-nebenan.html




Rising Stars – Sternstundenmarathon im Konzerthaus

Einmal im Jahr ist es soweit – ein über vierstündiges Konzert mit aufstrebenden NachwuchskünstlerInnen. Die „jungen Wilden“ zeigten, dass sie an ihren Instrumenten bereits wahre Meister sind. Es spielten Júlia Pusker (Violine), Christia Hudziy (Klavier), Sebastian Heindl (Orgel), Sean Shibe (Gitarre), das Sonoro Quartett, Mathis Stier (Fagott) und Ria Akamatsu (Klavier).



Den Beginn machte die Violinistin Júlia Pusker, die begleitet wurde von Christia Hudziy am Klavier. Den Beginn machten die „Fünf Melodien“ von Sergej Prokofjew in der Fassung für Violine und Klavier. Diese Stücke sind charakterisiert durch ihre expressive Vielfalt und die Fähigkeit des Komponisten, eine breite Palette von Emotionen und Stimmungen zu erfassen. Danach folgte das Auftragsstück für Pusker. Alle „Rising stars“-Künstler bekommen jeweils ein Auftragswerk auf ihren Leib geschrieben. Und Éric Tanguy schaffte mit „Trois pièces“ für Violine solo die Virtuosität von Pusker zu unterstreichen. Sein Stück ist eine Art Hommage an das Instrument und zeigt die Bandbreite der Emotionen, die die Violine hervorbringen kann. Den Schlusspunkt setzte Pusker mit der Rhapsodie für Violine und Klavier von Béla Bartók. Die wilden Tänze aus seinem Heimatland Ungarn hat der Komponist bewahrt, was zu einem wunderbaren Hörerlebnis führte.

Danach war Sebastian Heindl an der Orgel an der Reihe. Wer Bach erhofft hatte, wurde enttäuscht, denn Heindls Leidenschaft liegt nicht nur in der Klassik, sondern auch im Jazz und im Rock. Vor allem die Hammondorgel hat es ihm angetan. So kamen neben Clara Schumanns „Caprice à la Boléro“ und Camile Saint-Saens “Dance macabre” auch eine “Rock-Toccata” von Heindls selbst komponiert zu Gehör. Es ist faszinierend, wie Heindl die Orgel so einstellen kann, dass sie wie unterschiedliche Instrumente klingt. Auch das Stück „Orck“, das von Moritz Eggert für ihn geschrieben wurde, verwendet verschiedene Spieltechniken und unterstreicht die Virtuosität von Heindl.

Nach der großen Pause stand Sean Shibe im Mittelpunkt. Bei seinem Solo-Konzert im Mai 2023 zeigte sich Shibe noch experimentierfreudig und spielte auf Laute, Gitarre und E-Gitarre. Beim Sternstundenmarathon beließ er es bei akustischer Gitarre. Auf seinem Programm stand Johann Sebastian Bachs „Präludium, Fuge und Allegro“ (BWV 998). Bachs herausragender Technik, expressiver Tiefe und innovativem Geist wurde von Shibe Genüge getan. Auch beim Auftragswerk von Thomas Adès („Forgotten dances“) zeigte, dass Shibe ein wahrer Meister am Griffbrett ist. Die Akkordfolgen und Läufe waren ziemlich herausfordernd.

Danach war es Zeit für das Sonoro Quartett. Sie starteten das Konzert mit dem Streichquartett Hob. III:78, das durch seine melodische Schönheit, formale Klugheit, dynamische Vielfalt und den programmatischen Charakter des zweiten Satzes, der den Sonnenaufgang darstellt, beeindruckt. Auch die MusikerInnen Sarah Jégou-Sagemann (Violine), Jeroen de Beer (Violine), Séamus Hickey (Viola) und Léo Guiguen (Violoncello) konnten auch musikalisch überzeugen und harmonierten perfekt zusammen.

Das zweite Stück, ein Auftragswerk Annelies van Parys mit dem Titel „Tsunami“, ist geografisch in Japan angesiedelt, jedoch geht es in dem Stück nicht um einen Wassertsunami, sondern um den Klang einer Vielzahl von Zikaden. So wurden die Streichinstrumente des Sonoro Quartetts zu einem Meer von Zikaden.

Von einem Inselstaat zum nächsten führte uns Mathis Stier nach der Pause. Mit seinem Fagott ging es nach Island. „Remenbering“ von Maria Huld Markan Sigfúsdóttir beschäftigt sich mit dem Thema Gedächtnisverlust, Demenz und vagen Erinnerungstücken, die ab und zu auftauchen. Die Kombination zwischen dem Fagott und der Elektronik, die bearbeitete Klänge von Cellos abspielen, sorgte für eine mystische Atmosphäre.  

Danach folgte die Sonate für Fagott und Klavier von Camille Saint-Saëns. Stier zeigte uns ihre Eleganz, melodische Schönheit und Virtuosität. Seine Begleiterin am Klavier war Rie Akumatsu. Zum Schluss spielten beide noch „Interférences“ von Roger Boutry. In diesem Werk setzt Boutry die einzigartigen Qualitäten des Fagotts ein, um melodische Linien und virtuose Passagen zu präsentieren, während das Klavier als Begleitinstrument und zur Erweiterung des Klangspektrums dient.




Queens – weibliche Machtkämpfe

Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ hatte unter dem Titel „Queens“ unter der Regie von Jessica Weisskirchenam 12. Januar 2024 Premiere im Studio des Schauspielhauses. Und wie es sich zu einem Studiostück gehört, erlebten die Zuschauer eine komprimierte Fassung, die kammerspielartig das Drama auf die beiden Hauptpersonen konzentriert. Schließlich ging es beim Kampf zwischen der beiden Königinnen Elizabeth und Mary auch um den weiblichen Umgang mit Macht in gefährlichen Zeiten.



Auf der Bühne war die Farbe Rot dominierend. [Edit: Im ersten Text stand irgendetwas von einem Baum, dabei war es eine Gebärmutter, aus der die beiden Königinnen hervorkamen. da habe ich in Anatomie schlichtweg nicht aufgepasst. Mea culpa.] Doch ihr Leben verlief in verschiedene Richtungen. Zwar war Mary Königin von Schottland und Frankreich, aber da gehörte ein Ex- davor. Zudem war sie katholisch erzogen worden und das gefiel der englischen Königin Elizabeth überhaupt nicht. Mary versuchte ihren Anspruch auf den englischen Thron geltend zu machen, denn Elisabeth war die Tochter der zweiten Ehefrau von Heinrich dem VIII., Anne Boleyn, die nach katholischer Lesart ungültig war. Diese Bedrohung durch Mary war für Elizabeth zu gefährlich. Mit tödlichen Konsequenzen für Mary.

Marlena Keil (Mary) und Linda Elsner (Elizabeth) - zwei Königinnen im Kampf um Macht und Einfluss. (Foto: (c) Birigt Hupfeld)
Marlena Keil (Mary) und Linda Elsner (Elizabeth) – zwei Königinnen im Kampf um Macht und Einfluss. (Foto: (c) Birigt Hupfeld)

Die Nebenfiguren haben im Gegensatz zu Schillers Drama in „Queens“ keinen großen Raum. Ekkehard Freye und Lukas Beeler spielen die unterschiedlichen Figuren durchaus mit Witz. Wobei der Auftritt von Beeler bemerkenswert war, denn er war erst einen Tag für den erkrankten Viet Ahn Alexander Tran eingesprungen.

In „Queens“ gibt es auch wie in antiken griechischen Stücken einen Chor. Nämlich den „Chor der toten Königinnen“, der das Stück kommentierend begleitet. Bestehend aus Mitgliedern des Dortmunder Sprechchors waren sie entsprechend wie „Untote“ maskiert und sorgten für einen gewissen Grusel.

Der Fokus lag auf die beiden Königinnen. Linda Elsner (Elizabeth) und Marlena Keil (Mary) lieferten sich erbitterte Duelle, die ihren Höhepunkt beim gemeinsamen Treffen im Park fand. Eine tolle Leistung beider Schauspielerinnen.

Vielleicht war die Gebärmutter ein wenig wuchtig für das kleine Studio, aber es war sehr beeindruckend, wenn er gefährlich rot glühte. Von daher auch ein Lob an den Ausstatter Günter Hans Wolf Lemke.

Sind Frauen die besseren Herrscherinnen? Gäbe es ohne sie keine Kriege, Not und Elend? Mary scheint es zu glauben, denn „Eine Königin ohne König ist gar nicht. Aber eine Königin mit einer anderen Königin ist alles.“ Auch Elizabeth ist hoffnungsvoll“ Gemeinsam können wir diese Welt erheben, die nur Blut kennt, Kampf und Mord.“ Das wäre mit Sicherheit ein schöner Gedanke, doch auch Frauen sind anscheinend nicht besser, denken wir an Marie LePen oder an Giorgia Meloni, die Vorsitzende der italienischen Postfaschisten.

Auch Elizabeth muss sich letztlich entscheiden, eine gefährliche Gegenspielerin auszuschalten, die eine Bedrohung für ihre Macht sein könnte. Da scheinen Frauen nicht anders zu ticken als Männer.

Weitere Informationen zu „Queens“ finden Sie auf der Seite: https://www.theaterdo.de/produktionen/detail/queens/




Rolf Dennemann verstorben

2024 fängt für das Dortmunder Kulturleben mit einer schlechten Nachricht an: Rolf Dennemann, der Kopf und Macher von artscenico ist in der Nacht vom 05. auf den 06. Januar 2024 gestorben.



Natürlich hatte unser Kulturblog schon früh seine Fühler nach Rolf und artscenico ausgestreckt. Der erste Beitrag über ihn war noch im Rahmen der Vorstellung des Programms der Museumsnacht 2013. Damals berichtete meine Frau noch über eine Performance in den Katakomben des Dortmunder U unter dem Titel „Lost in Culture“.

Danach sahen Rolf und ich uns regelmäßig bei Pressekonferenzen, zunächst überwiegend im Theater im Depot, in denen Performances wie „Missing Links“ oder „Die Messe“ stattfanden. Für manche (zu) ungewöhnlich, mich haben diese Performances immer wieder fasziniert. Ich erfuhr auch, wie tief er in der Dortmunder Kulturszene verwurzelt war.

Was Rolf und artscenico ausmachten, war, dass sie auch immer in die Stadtgesellschaft hineingingen. Das „Tal der fliegenden Messer“ sowie der Nachfolger „Juckpulver und Hagebuttentee“ fanden in einem Hinterhof der Missundestraße statt, für „Alice“ wurde der Fredenbaumpark zum Wunderland und Rolf zeigte auch, dass Kultur auf Friedhöfen sich nicht ausschließen.

Nicht zu vergessen, durch Rolf habe ich bemerkenswerte SchauspielerInnen wie Elisabeth Pleß, Thomas Kemper, Chino Monagas oder Cynthia Scholz kennengelernt.

Vom Depot zur Nordstadt über den Hauptfriedhof bis hin zum Haus Schulte-Witten: Unsere Wege haben sich oft gekreuzt und ich war immer gespannt, was Rolf sich wieder hat einfallen lassen. ars tremonia dankt dir für all diese Erfahrungen.




Geierabend 2024 – Barbie, Taylor Swift und Waltrop

Was haben die Begriffe Barbie, Taylor Swift und Waltrop miteinander zu tun? Nun, sie waren Themen beim Geierabend 2024, der etwas früher, nämlich am 28. Dezember 2023 seine Premiere auf Zeche Zollern in Dortmund-Bövinghausen feierte.



So schnell geht ein Jahr herum, war es nicht erst gestern, dass wir bei der Geierabend-Premiere waren. Egal, fetzig geht’s los mit der Motto-Musik der diesjährigen Session „Stadt, Land, Pott“. Die altbewährte Mischung von Sketchen und Musik funktioniert wie immer, auch wenn die erste Nummer „Prada und Pedigree“ über Reiche und ihre Hunde in meinen Augen noch nicht so richtig zündet, nimmt der Geierabend langsam, aber sicher an Fahrt auf.

Kurze Session: Der Geierabend 2024 geht nur bis zum 13. Februar 2024. (Foto: (c) Anja Cord)

Das liegt daran, dass einige neuere Figuren wie „Die Experten“ schon einen gewissen Kultstatus erarbeitet haben und die Stimmung im Saal nach oben treiben können.

Vor allem beim zweiten Teil ging so richtig die Post auffe Zeche ab. „Hartmut“ schob Maskottchenfrust, eine Reviergeschichtsstunde über den Kohlefund Anno 1536, ein Tuppermusical oder die „Heckenfreunde Huckarde“ (Motto: Liberté, Egalité, Huckardé) mit Hanfanbauproblemen: Die Besucher waren aus dem Häuschen.

Selbstredend durfte auch Klassiker wie „Nikki und Oppa“ nicht fehlen, die neuen „2 vonne Süd“ oder die alleinerziehende „Jessica Schmottke“.

Stark ist der Geierabend immer dann, wenn er aktuelle Themen auf‘s Korn nimmt. Die Flüchtlingskrise wird sehr böse abgehandelt, die Situation der LieferdienstfahrerInnen wird angesprochen oder die Frage gestellt, was macht die Künstliche Intelligenz im Urlaub? Beim letzteren Sketch übrigens ein großes Sonderlob an die Kostümbildnerin.

Die musikalischen Beträge konnten ebenfalls gefallen, waren passend und zeugten von der großen Musikalität des Ensembles und der Band.

Und was hat es mit Barbie, Taylor Swift und Waltrop jetzt auf sich? Natürlich konnte der Geierabend den jüngsten Erfolgsfilm über die – mittlerweile feministisch gelesene – Plastikpuppe nicht ignorieren und schickte sie mit Ken zu ihrem Vorbild in den Pott. Taylor Swift tritt 2024 ausgerechnet in Gelsenkirchen auf, was natürlich nicht unkommentiert blieb. Und Waltrop ist die „Partnerstadt“ des Geierabends 2024.

Selbstverständlich wurden auch die beiden Nominierten für den Pannekopp-Orden vorgestellt: Zu Wahl standen Der NABU für die konsequente Verhinderung eines Radweges auf einer stillgelegten Zechenbahntrasse und Siegfried Russwurm, der BDI-Chef, der mit seiner Idee, den Aufsichtsrat bei Thyssen-Krupp von drei auf fünf aufzublähen. Am Premierenabend gewann übrigens Russwurm.

Auch für 2024 gilt: Der Geierabend ist Pflichtprogramm für Dortmunder und darüber hinaus. Das Ensemble um den Präsidenten Roman Marczewski und dem Steiger Martin Kaysh lieferten wie gewohnt Qualität ab. Was anderes wird im Ruhrpott auch nicht erwartet. Sandra Schmitz, Angelo Enghausen-Micaela, Silvia Holzhäuser und Sebastian Thrun sorgten unter der Regie von Björn Jung für 3 ½ Stunden gute Laune.

Karten gibt es unter www.geierabend.de




Falling down – Radikalisierung in der Bubble

Nein, mit dem Film „Falling Down“ von 1993 mit Michael Douglas hat das Stück von trafique nichts zu tun. Es geht in dem Theaterstück um die gefährliche Radikalisierung im heimischen Zimmer. Gezeigt wurde es am 15. Dezember im Dortmunder ROTO-Theater.



Die Figur des fiktiven Protagonisten Stefan S. orientiert sich an einem realen Fall. Stefan S. kriminelle Laufbahn ist die eines Internet-Trolls, der innerhalb eines Jahres vom Hassmail-Schreiber zum Organisator und Influencer eines rechtsextremen Netzwerks aufsteigt.

Es ist ja zunächst nichts Verwerfliches: Menschen tauschen sich gerne mit Gleichgesinnten aus, anstatt mit Leuten, die gegensätzliche Ansichten vertreten. Doch das birgt auch Gefahren. In einer Filterblase („Bubble“) kann eine Person eine verzerrte Vorstellung von der Realität entwickeln, da sie nur mit Informationen konfrontiert wird, die ihre bestehenden Überzeugungen stützt. Dadurch können Vorurteile verstärkt werden. Das wiederum führt dazu, dass die gesellschaftliche Polarisierung verstärkt wird, indem sie Menschen in „uns“ und „sie“ einteilen. Also „Freund“ und „Feind“.

Dieses Phänomen erleben wir bei religiösen Fanatikern ebenso wie bei Rechtsextremen. Stefan S. (gespielt vom Namensvetter Stephan Weigelin) ist so ein Beispiel. Auf seinem Kanal „Faust“ kotzt er sich „privat“ über die fehlenden „deutschen Werte“ auf und erfährt Zustimmung. Geschützt von den eigenen Vier-Wänden und der Zweidimensionalität des heimischen Computers handelt er jahrelang anonym. Der Kanal wächst und wächst und radikalisierende rechte Strippenzieher (gespielt von Anna Marienfeld) vereinnahmen ihn. Doch dann geht er zu weit. Er verliert die Kontrolle über sein Netzwerk und „die Geister, die er rief“ verselbständigen sich, bis es zur Katastrophe kommt.

Das Stück wird von Weigelin sehr eindrucksvoll gespielt, vor allem sein Wechsel zwischen der Hauptfigur Stefan und dem Darsteller Stephan. Dazu kam das wunderbare Bühnenbild. Eine durchsichtige Filterblase mit Tisch und PC sowie eine Leinwand für die Videos reichte, um die Gedankenwelt eines sich radikalisierenden Menschen darzustellen. Es ist erschreckend, wie schnell so etwas passieren kann. Daher muss die Gesellschaft versuchen, Einfluss zu nehmen, beispielsweise durch die Unterstützung von Gegenextremismus-Programmen oder schon sehr früh die Medienkompetenz stärken.  

Text und Regie kam von Björn Gabriel, für die Ausstattung und Produktion war Anna Marienfeld zuständig. In den Videos waren noch Anna Marienfeld, Clara Thull, Björn Gabriel, Sissi Weigelin und Lisa Reutelsterz zu sehen.




Schriftsteller Saša Stanišić erhält Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund

Der Schriftsteller Saša Stanišić ist am Sonntag (10. Dezember) in einem Festakt mit dem Nelly-Sachs-Literaturpreis der Stadt Dortmund ausgezeichnet worden.



Bürgermeisterin und Juryvorsitzende Barbara Brunsing übergab den mit 15.000 Euro dotierten und damit wichtigsten Dortmunder Kulturpreis im Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Im Anschluss trug sich der Autor in das Goldene Buch der Stadt Dortmund mit den Worten ein: „…niemals aufhören, zuzuhören.“

Saša Stanišić bedankte sich mit einer berührenden Rede, in der er betonte, wie wichtig es sei, trotz aller Widerstände, trotz Krieg und Rassismus, Spuren zu hinterlassen, „trotzdem warnen, vielleicht hört ja wirklich jemand zu. Trotzdem weiterschreiben, vielleicht sagt ja jemand: Aha. Trotzdem nicht verstummen angesichts des Abgrunds.“

Fluchterfahrung als zentraler Moment

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und floh mit 14 Jahren vor den Schrecken des Krieges nach Deutschland. Früh entdeckte er die Liebe zur Sprache und hatte den Wunsch, Schriftsteller zu werden. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet.

„Zum zentralen Moment seines Schreibens macht er die Fluchterfahrung. Mit Ironie und Witz behandelt er auch das Unangenehmste, das ihm und seiner Familie sowohl in Jugoslawien als auch in Deutschland widerfahren ist, ohne dabei zu verharmlosen“, sagte Jury-Mitglied Dr. Bozena Badura über Saša Stanišić. In ihrer Laudatio bescheinigte die Literaturkritikerin Saša Stanišić sprachliche Virtuosität, eine komplexe Handlungsführung, authentische Figuren und präzise gestaltete Romanwelten. Damit habe er die deutschsprachige Literatur um die Erzähltradition der Balkankulturen bereichert.

Texte verbinden Kulturen miteinander

Seine Texte entfalteten eine außergewöhnliche Sogkraft, die es den Lesenden ermögliche, sich restlos in die Figuren hineinzuversetzen und so die beschriebenen Erfahrungen geradezu zu durchleben. Dies erschaffe eine einzigartige emotionale Dimension der Verständigung, die Kulturen und Menschen miteinander verbindet, so Dr. Bozena Badura.

Saša Stanišić

Saša Stanišić lebt seit 1992 in Deutschland. Er veröffentlichte die Romane „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006), „Vor dem Fest“ (2014) und „Herkunft“ (2019), den Erzählband „Fallensteller“ (2016) sowie zuletzt mehrere Kinderbücher.

Seine Werke wurden in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Saša Stanišić erhielt u.a. den Preis der Leipziger Buchmesse für „Vor dem Fest“ und für „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis 2019, sowie u.a. den Eichendorff-Literaturpreis, den Schillerpreis und den Hans-Fallada-Preis. Er lebt und arbeitet in Hamburg.




Die Grenzen der Wahrnehmung – Match:Endlichkeit

Die Künstler Anna-Maria Bogner und Siniša Kandić stellen in der Ausstellung MATCH:ENDLICHKEIT , die im Künstlerhaus seit dem 08. Dezember 2023 läuft, die Art und Weise in Frage, wie wir Dinge sehen. Mit ihren Kunstwerken möchten sie, dass wir über die üblichen Arten des Sehens nachdenken und verstehen, wie wir Räume wahrnehmen. Dabei nutzen sie geschickt die Möglichkeiten und Grenzen unserer Sinneswahrnehmung und zeigen uns so neue Perspektiven auf bisher unbemerkte Aspekte von Räumen sowie darauf, wie sich Bilder in Räume verwandeln.



In der allgemeinen Bedeutung bezieht sich der Begriff „Raum“ auf einen abgegrenzten Bereich oder eine Umgebung, die physische Ausdehnung hat. Das bedeutet, ohne Grenzen kein Raum. Bogner spielt in ihren Kunstwerken mit der Raumwahrnehmung. In welchen Räumen bewege ich mich, wie konstituieren sich meine Räume, welche Räume öffnen sich mir und welche verschließen sich mir durch meine eigene Verortung im Raum?

In einem Raum entführt uns Bogner in die Zeit, als Urlaubsfotos nicht per WhatsApp, sondern per Diaprojektor geteilt wird. Da die Dias alle leer sind, können die Besucher durch Tagträume versuchen, ihre Wahrnehmung auszutesten.

In seinen „Vitrinen“ macht Siniša Kandić schwebende Bilder und zeigt uns, dass Bilder nicht nur flach sind. Er benutzt zwei Glasschichten, um die strengen Regeln der Malerei aufzubrechen. Das bedeutet, dass das Bild nicht nur auf einer Ebene ist, sondern wie in einem Raum schwebt. Der Außenraum, der Betrachter und die Elemente im Bild vermischen sich. Es ist wie ein faszinierendes Spiel, bei dem man immer etwas Neues entdecken kann So werden Bilder zu echten Raum-Bildern.

Um einen künstlerischen Ansatz zu verfolgen, hat Kandić einen ungewöhnlichen Weg gewählt und verwendet für seine Malerei Kaffeepulver. Das bringt interessante Fragen auf, zum Beispiel über das Bild selbst und wie der Künstler sich daran erinnert. Es zeigt, dass Kunst viele verschiedene Dimensionen haben kann.

Die Reihe Zeitungslektüre setzt sich mit dem „Bild aus der Zeitung“ auseinander. Durch den Einsatz unterschiedlicher Bildherstellungsverfahren führt der Künstler zu unerwarteten Bild-Dekonstruktionen, die oft bis zur Grenze der Unkenntlichkeit der ursprünglichen Bildvorlage und darüber hinausführen. So entsteht ein völlig neues Bild, in dem Kandić einen geistigen Raum für den Betrachter schafft.

Zusätzlich gibt es als Rahmenprogramm Performances verschiedener KünstlerInnen:

Samstag, den 16. Dezember, 17 Uhr, Camillo Guthmann

Samstag, den 6. Januar, 17 Uhr, Eleonora Arnold

Samstag, den 13. Januar, 17 Uhr, Julian Mattlinger

Sonntag, den 21. Januar, 17 Uhr, Anna Veronika Hargitai

Bitte beachten Sie: Vom 18. Dezember 2023 bis einschließlich 3. Januar 2024 bleibt das Künstlerhaus geschlossen.

Die Ausstellung ist ab dem 4. Januar 2024 wieder geöffnet.




Scherbergartenidylle – 4. Philharmonisches Konzert

Moritz Schreber (1808-1861) hat nicht nur seltsames orthopädisches Gerät erfunden, er war auch ein Vertreter der „schwarzen Pädagogik“. Bekannt ist er als der Namensgeber der heutigen Schrebergärten, die in Großstädten das Stadtbild prägen. Natürlich auch im Ruhrgebiet. Das 4. Philharmonische Konzert unter der Leitung von GMD Gabriel Feltz am 05. und 06. Dezember 2023 widmete sich diesem Thema.



Gute Wölfe kommen in Schrebergärten noch relativ selten vor, aber „Peter und der Wolf“ von Sergej Prokofjew ist immer ein Genuss, vor allem, wenn Bruno Knust die Geschichte vorliest und sprachlich damit in Dortmund ansiedelt.

„Peter und der Wolf“ ist ein musikalisches Märchen für Kinder, das der russische Komponist Sergei Prokofjew im Jahr 1936 geschrieben hat. Das Werk kombiniert Orchester- und Erzählerstimmen. Jedes Tier und auch Peter selbst werden durch spezifische Instrumente im Orchester repräsentiert. Die Ente wird beispielsweise durch die Oboe dargestellt, die Katze durch die Klarinette, der Vogel durch die Flöte und Peter durch die Streicher. Der Wolf wird durch drei Hörner dargestellt.

Es war ein vergnüglicher Auftakt für das Konzert, ein Klassiker, den man immer wieder gerne hören kann.

Nach der Pause konnten die Dortmunder Philharmoniker so richtig ihr Können zeigen. Auf dem Programm stand die komplette Ballettmusik zu „Daphnis und Chloé“ von Maurice Ravel. Das Ballett erzählt die Geschichte von Daphnis und Chloé, zwei jungen Hirten, die sich ineinander verlieben. Die Musik zu „Daphnis et Chloé“ ist besonders bekannt für ihre raffinierte Orchestration und die Verwendung eines Chores. Der Chor beim Philharmonischen Konzert bestand aus dem CHORWERK RUHR, Kammerchor der TU Dortmund und Mitglieder des Opernchors des Theaters Dortmund.

Beeindruckend ist vor allem der dritte Teil, der „Danse générale“. Der dritte Teil beginnt mit einem lebhaften und animierten Abschnitt, der die lebendige Handlung des Balletts darstellt. Die Musik durchläuft verschiedene Stimmungen und Themen, die den Fortgang der Geschichte begleiten. Der Chor verleiht dem Stück zusätzlich eine majestätische Dimension.