Rolf Dennemann verstorben

2024 fängt für das Dortmunder Kulturleben mit einer schlechten Nachricht an: Rolf Dennemann, der Kopf und Macher von artscenico ist in der Nacht vom 05. auf den 06. Januar 2024 gestorben.



Natürlich hatte unser Kulturblog schon früh seine Fühler nach Rolf und artscenico ausgestreckt. Der erste Beitrag über ihn war noch im Rahmen der Vorstellung des Programms der Museumsnacht 2013. Damals berichtete meine Frau noch über eine Performance in den Katakomben des Dortmunder U unter dem Titel „Lost in Culture“.

Danach sahen Rolf und ich uns regelmäßig bei Pressekonferenzen, zunächst überwiegend im Theater im Depot, in denen Performances wie „Missing Links“ oder „Die Messe“ stattfanden. Für manche (zu) ungewöhnlich, mich haben diese Performances immer wieder fasziniert. Ich erfuhr auch, wie tief er in der Dortmunder Kulturszene verwurzelt war.

Was Rolf und artscenico ausmachten, war, dass sie auch immer in die Stadtgesellschaft hineingingen. Das „Tal der fliegenden Messer“ sowie der Nachfolger „Juckpulver und Hagebuttentee“ fanden in einem Hinterhof der Missundestraße statt, für „Alice“ wurde der Fredenbaumpark zum Wunderland und Rolf zeigte auch, dass Kultur auf Friedhöfen sich nicht ausschließen.

Nicht zu vergessen, durch Rolf habe ich bemerkenswerte SchauspielerInnen wie Elisabeth Pleß, Thomas Kemper, Chino Monagas oder Cynthia Scholz kennengelernt.

Vom Depot zur Nordstadt über den Hauptfriedhof bis hin zum Haus Schulte-Witten: Unsere Wege haben sich oft gekreuzt und ich war immer gespannt, was Rolf sich wieder hat einfallen lassen. ars tremonia dankt dir für all diese Erfahrungen.




Geierabend 2024 – Barbie, Taylor Swift und Waltrop

Was haben die Begriffe Barbie, Taylor Swift und Waltrop miteinander zu tun? Nun, sie waren Themen beim Geierabend 2024, der etwas früher, nämlich am 28. Dezember 2023 seine Premiere auf Zeche Zollern in Dortmund-Bövinghausen feierte.



So schnell geht ein Jahr herum, war es nicht erst gestern, dass wir bei der Geierabend-Premiere waren. Egal, fetzig geht’s los mit der Motto-Musik der diesjährigen Session „Stadt, Land, Pott“. Die altbewährte Mischung von Sketchen und Musik funktioniert wie immer, auch wenn die erste Nummer „Prada und Pedigree“ über Reiche und ihre Hunde in meinen Augen noch nicht so richtig zündet, nimmt der Geierabend langsam, aber sicher an Fahrt auf.

Kurze Session: Der Geierabend 2024 geht nur bis zum 13. Februar 2024. (Foto: (c) Anja Cord)

Das liegt daran, dass einige neuere Figuren wie „Die Experten“ schon einen gewissen Kultstatus erarbeitet haben und die Stimmung im Saal nach oben treiben können.

Vor allem beim zweiten Teil ging so richtig die Post auffe Zeche ab. „Hartmut“ schob Maskottchenfrust, eine Reviergeschichtsstunde über den Kohlefund Anno 1536, ein Tuppermusical oder die „Heckenfreunde Huckarde“ (Motto: Liberté, Egalité, Huckardé) mit Hanfanbauproblemen: Die Besucher waren aus dem Häuschen.

Selbstredend durfte auch Klassiker wie „Nikki und Oppa“ nicht fehlen, die neuen „2 vonne Süd“ oder die alleinerziehende „Jessica Schmottke“.

Stark ist der Geierabend immer dann, wenn er aktuelle Themen auf‘s Korn nimmt. Die Flüchtlingskrise wird sehr böse abgehandelt, die Situation der LieferdienstfahrerInnen wird angesprochen oder die Frage gestellt, was macht die Künstliche Intelligenz im Urlaub? Beim letzteren Sketch übrigens ein großes Sonderlob an die Kostümbildnerin.

Die musikalischen Beträge konnten ebenfalls gefallen, waren passend und zeugten von der großen Musikalität des Ensembles und der Band.

Und was hat es mit Barbie, Taylor Swift und Waltrop jetzt auf sich? Natürlich konnte der Geierabend den jüngsten Erfolgsfilm über die – mittlerweile feministisch gelesene – Plastikpuppe nicht ignorieren und schickte sie mit Ken zu ihrem Vorbild in den Pott. Taylor Swift tritt 2024 ausgerechnet in Gelsenkirchen auf, was natürlich nicht unkommentiert blieb. Und Waltrop ist die „Partnerstadt“ des Geierabends 2024.

Selbstverständlich wurden auch die beiden Nominierten für den Pannekopp-Orden vorgestellt: Zu Wahl standen Der NABU für die konsequente Verhinderung eines Radweges auf einer stillgelegten Zechenbahntrasse und Siegfried Russwurm, der BDI-Chef, der mit seiner Idee, den Aufsichtsrat bei Thyssen-Krupp von drei auf fünf aufzublähen. Am Premierenabend gewann übrigens Russwurm.

Auch für 2024 gilt: Der Geierabend ist Pflichtprogramm für Dortmunder und darüber hinaus. Das Ensemble um den Präsidenten Roman Marczewski und dem Steiger Martin Kaysh lieferten wie gewohnt Qualität ab. Was anderes wird im Ruhrpott auch nicht erwartet. Sandra Schmitz, Angelo Enghausen-Micaela, Silvia Holzhäuser und Sebastian Thrun sorgten unter der Regie von Björn Jung für 3 ½ Stunden gute Laune.

Karten gibt es unter www.geierabend.de




Falling down – Radikalisierung in der Bubble

Nein, mit dem Film „Falling Down“ von 1993 mit Michael Douglas hat das Stück von trafique nichts zu tun. Es geht in dem Theaterstück um die gefährliche Radikalisierung im heimischen Zimmer. Gezeigt wurde es am 15. Dezember im Dortmunder ROTO-Theater.



Die Figur des fiktiven Protagonisten Stefan S. orientiert sich an einem realen Fall. Stefan S. kriminelle Laufbahn ist die eines Internet-Trolls, der innerhalb eines Jahres vom Hassmail-Schreiber zum Organisator und Influencer eines rechtsextremen Netzwerks aufsteigt.

Es ist ja zunächst nichts Verwerfliches: Menschen tauschen sich gerne mit Gleichgesinnten aus, anstatt mit Leuten, die gegensätzliche Ansichten vertreten. Doch das birgt auch Gefahren. In einer Filterblase („Bubble“) kann eine Person eine verzerrte Vorstellung von der Realität entwickeln, da sie nur mit Informationen konfrontiert wird, die ihre bestehenden Überzeugungen stützt. Dadurch können Vorurteile verstärkt werden. Das wiederum führt dazu, dass die gesellschaftliche Polarisierung verstärkt wird, indem sie Menschen in „uns“ und „sie“ einteilen. Also „Freund“ und „Feind“.

Dieses Phänomen erleben wir bei religiösen Fanatikern ebenso wie bei Rechtsextremen. Stefan S. (gespielt vom Namensvetter Stephan Weigelin) ist so ein Beispiel. Auf seinem Kanal „Faust“ kotzt er sich „privat“ über die fehlenden „deutschen Werte“ auf und erfährt Zustimmung. Geschützt von den eigenen Vier-Wänden und der Zweidimensionalität des heimischen Computers handelt er jahrelang anonym. Der Kanal wächst und wächst und radikalisierende rechte Strippenzieher (gespielt von Anna Marienfeld) vereinnahmen ihn. Doch dann geht er zu weit. Er verliert die Kontrolle über sein Netzwerk und „die Geister, die er rief“ verselbständigen sich, bis es zur Katastrophe kommt.

Das Stück wird von Weigelin sehr eindrucksvoll gespielt, vor allem sein Wechsel zwischen der Hauptfigur Stefan und dem Darsteller Stephan. Dazu kam das wunderbare Bühnenbild. Eine durchsichtige Filterblase mit Tisch und PC sowie eine Leinwand für die Videos reichte, um die Gedankenwelt eines sich radikalisierenden Menschen darzustellen. Es ist erschreckend, wie schnell so etwas passieren kann. Daher muss die Gesellschaft versuchen, Einfluss zu nehmen, beispielsweise durch die Unterstützung von Gegenextremismus-Programmen oder schon sehr früh die Medienkompetenz stärken.  

Text und Regie kam von Björn Gabriel, für die Ausstattung und Produktion war Anna Marienfeld zuständig. In den Videos waren noch Anna Marienfeld, Clara Thull, Björn Gabriel, Sissi Weigelin und Lisa Reutelsterz zu sehen.




Schriftsteller Saša Stanišić erhält Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund

Der Schriftsteller Saša Stanišić ist am Sonntag (10. Dezember) in einem Festakt mit dem Nelly-Sachs-Literaturpreis der Stadt Dortmund ausgezeichnet worden.



Bürgermeisterin und Juryvorsitzende Barbara Brunsing übergab den mit 15.000 Euro dotierten und damit wichtigsten Dortmunder Kulturpreis im Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Im Anschluss trug sich der Autor in das Goldene Buch der Stadt Dortmund mit den Worten ein: „…niemals aufhören, zuzuhören.“

Saša Stanišić bedankte sich mit einer berührenden Rede, in der er betonte, wie wichtig es sei, trotz aller Widerstände, trotz Krieg und Rassismus, Spuren zu hinterlassen, „trotzdem warnen, vielleicht hört ja wirklich jemand zu. Trotzdem weiterschreiben, vielleicht sagt ja jemand: Aha. Trotzdem nicht verstummen angesichts des Abgrunds.“

Fluchterfahrung als zentraler Moment

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und floh mit 14 Jahren vor den Schrecken des Krieges nach Deutschland. Früh entdeckte er die Liebe zur Sprache und hatte den Wunsch, Schriftsteller zu werden. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet.

„Zum zentralen Moment seines Schreibens macht er die Fluchterfahrung. Mit Ironie und Witz behandelt er auch das Unangenehmste, das ihm und seiner Familie sowohl in Jugoslawien als auch in Deutschland widerfahren ist, ohne dabei zu verharmlosen“, sagte Jury-Mitglied Dr. Bozena Badura über Saša Stanišić. In ihrer Laudatio bescheinigte die Literaturkritikerin Saša Stanišić sprachliche Virtuosität, eine komplexe Handlungsführung, authentische Figuren und präzise gestaltete Romanwelten. Damit habe er die deutschsprachige Literatur um die Erzähltradition der Balkankulturen bereichert.

Texte verbinden Kulturen miteinander

Seine Texte entfalteten eine außergewöhnliche Sogkraft, die es den Lesenden ermögliche, sich restlos in die Figuren hineinzuversetzen und so die beschriebenen Erfahrungen geradezu zu durchleben. Dies erschaffe eine einzigartige emotionale Dimension der Verständigung, die Kulturen und Menschen miteinander verbindet, so Dr. Bozena Badura.

Saša Stanišić

Saša Stanišić lebt seit 1992 in Deutschland. Er veröffentlichte die Romane „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006), „Vor dem Fest“ (2014) und „Herkunft“ (2019), den Erzählband „Fallensteller“ (2016) sowie zuletzt mehrere Kinderbücher.

Seine Werke wurden in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Saša Stanišić erhielt u.a. den Preis der Leipziger Buchmesse für „Vor dem Fest“ und für „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis 2019, sowie u.a. den Eichendorff-Literaturpreis, den Schillerpreis und den Hans-Fallada-Preis. Er lebt und arbeitet in Hamburg.




Die Grenzen der Wahrnehmung – Match:Endlichkeit

Die Künstler Anna-Maria Bogner und Siniša Kandić stellen in der Ausstellung MATCH:ENDLICHKEIT , die im Künstlerhaus seit dem 08. Dezember 2023 läuft, die Art und Weise in Frage, wie wir Dinge sehen. Mit ihren Kunstwerken möchten sie, dass wir über die üblichen Arten des Sehens nachdenken und verstehen, wie wir Räume wahrnehmen. Dabei nutzen sie geschickt die Möglichkeiten und Grenzen unserer Sinneswahrnehmung und zeigen uns so neue Perspektiven auf bisher unbemerkte Aspekte von Räumen sowie darauf, wie sich Bilder in Räume verwandeln.



In der allgemeinen Bedeutung bezieht sich der Begriff „Raum“ auf einen abgegrenzten Bereich oder eine Umgebung, die physische Ausdehnung hat. Das bedeutet, ohne Grenzen kein Raum. Bogner spielt in ihren Kunstwerken mit der Raumwahrnehmung. In welchen Räumen bewege ich mich, wie konstituieren sich meine Räume, welche Räume öffnen sich mir und welche verschließen sich mir durch meine eigene Verortung im Raum?

In einem Raum entführt uns Bogner in die Zeit, als Urlaubsfotos nicht per WhatsApp, sondern per Diaprojektor geteilt wird. Da die Dias alle leer sind, können die Besucher durch Tagträume versuchen, ihre Wahrnehmung auszutesten.

In seinen „Vitrinen“ macht Siniša Kandić schwebende Bilder und zeigt uns, dass Bilder nicht nur flach sind. Er benutzt zwei Glasschichten, um die strengen Regeln der Malerei aufzubrechen. Das bedeutet, dass das Bild nicht nur auf einer Ebene ist, sondern wie in einem Raum schwebt. Der Außenraum, der Betrachter und die Elemente im Bild vermischen sich. Es ist wie ein faszinierendes Spiel, bei dem man immer etwas Neues entdecken kann So werden Bilder zu echten Raum-Bildern.

Um einen künstlerischen Ansatz zu verfolgen, hat Kandić einen ungewöhnlichen Weg gewählt und verwendet für seine Malerei Kaffeepulver. Das bringt interessante Fragen auf, zum Beispiel über das Bild selbst und wie der Künstler sich daran erinnert. Es zeigt, dass Kunst viele verschiedene Dimensionen haben kann.

Die Reihe Zeitungslektüre setzt sich mit dem „Bild aus der Zeitung“ auseinander. Durch den Einsatz unterschiedlicher Bildherstellungsverfahren führt der Künstler zu unerwarteten Bild-Dekonstruktionen, die oft bis zur Grenze der Unkenntlichkeit der ursprünglichen Bildvorlage und darüber hinausführen. So entsteht ein völlig neues Bild, in dem Kandić einen geistigen Raum für den Betrachter schafft.

Zusätzlich gibt es als Rahmenprogramm Performances verschiedener KünstlerInnen:

Samstag, den 16. Dezember, 17 Uhr, Camillo Guthmann

Samstag, den 6. Januar, 17 Uhr, Eleonora Arnold

Samstag, den 13. Januar, 17 Uhr, Julian Mattlinger

Sonntag, den 21. Januar, 17 Uhr, Anna Veronika Hargitai

Bitte beachten Sie: Vom 18. Dezember 2023 bis einschließlich 3. Januar 2024 bleibt das Künstlerhaus geschlossen.

Die Ausstellung ist ab dem 4. Januar 2024 wieder geöffnet.




Scherbergartenidylle – 4. Philharmonisches Konzert

Moritz Schreber (1808-1861) hat nicht nur seltsames orthopädisches Gerät erfunden, er war auch ein Vertreter der „schwarzen Pädagogik“. Bekannt ist er als der Namensgeber der heutigen Schrebergärten, die in Großstädten das Stadtbild prägen. Natürlich auch im Ruhrgebiet. Das 4. Philharmonische Konzert unter der Leitung von GMD Gabriel Feltz am 05. und 06. Dezember 2023 widmete sich diesem Thema.



Gute Wölfe kommen in Schrebergärten noch relativ selten vor, aber „Peter und der Wolf“ von Sergej Prokofjew ist immer ein Genuss, vor allem, wenn Bruno Knust die Geschichte vorliest und sprachlich damit in Dortmund ansiedelt.

„Peter und der Wolf“ ist ein musikalisches Märchen für Kinder, das der russische Komponist Sergei Prokofjew im Jahr 1936 geschrieben hat. Das Werk kombiniert Orchester- und Erzählerstimmen. Jedes Tier und auch Peter selbst werden durch spezifische Instrumente im Orchester repräsentiert. Die Ente wird beispielsweise durch die Oboe dargestellt, die Katze durch die Klarinette, der Vogel durch die Flöte und Peter durch die Streicher. Der Wolf wird durch drei Hörner dargestellt.

Es war ein vergnüglicher Auftakt für das Konzert, ein Klassiker, den man immer wieder gerne hören kann.

Nach der Pause konnten die Dortmunder Philharmoniker so richtig ihr Können zeigen. Auf dem Programm stand die komplette Ballettmusik zu „Daphnis und Chloé“ von Maurice Ravel. Das Ballett erzählt die Geschichte von Daphnis und Chloé, zwei jungen Hirten, die sich ineinander verlieben. Die Musik zu „Daphnis et Chloé“ ist besonders bekannt für ihre raffinierte Orchestration und die Verwendung eines Chores. Der Chor beim Philharmonischen Konzert bestand aus dem CHORWERK RUHR, Kammerchor der TU Dortmund und Mitglieder des Opernchors des Theaters Dortmund.

Beeindruckend ist vor allem der dritte Teil, der „Danse générale“. Der dritte Teil beginnt mit einem lebhaften und animierten Abschnitt, der die lebendige Handlung des Balletts darstellt. Die Musik durchläuft verschiedene Stimmungen und Themen, die den Fortgang der Geschichte begleiten. Der Chor verleiht dem Stück zusätzlich eine majestätische Dimension.




Naghash Ensemble – neue armenische Musik mit alten Texten

Am 01. Dezember 2023 gab es wieder ein außergewöhnliches Konzert im Rahmen der Festivalreihe „Klangvokal“. Dieses Mal entführte uns das Naghash Ensemble nach Armenien. John Hodian, der Komponist, Pianist und Kopf des Ensembles, kombinierte mittelalterliche Texte und zeitgenössische Musik.



Wie soll ich die Musik vom Naghash Ensemble beschreiben? Vielleicht passt Progressive Folk. Denn in den Spielarten von Progressive Rock oder Progressive Metal mischen sich verschiedene Ebenen, die Tempi wechseln, mal wird es lauter, dann wieder leiser. Diese verschiedenen Ebenen und Strukturen finden sich auch in der Musik von John Hodian wider. Es sind halt nicht die 3‘30‘‘ Stücke, sondern Hodian sucht behutsam die besondere Magie der Texte, auf die er seine Melodien baut.  

Folk ist vielleicht ein einfacherer Begriff, denn die Musiker spielen traditionelle Instrumente. Arak Nikoghosyan spielt Oud, das auch in der arabischen Welt bekannt ist, Tigran Novhansisyan ist ein Meister an Dhol und Dumbek und Harutyun Chkolyan lässt die armenischen Holzblasinstrumente wie Duduk, Zurna, Schwi und Pku erklingen. Derade Chkolyans Spiel lässt sofort eine melancholische Stimmung entstehen.

Das alleine wäre schon faszinierend genug, doch das Naghash Ensemble besteht noch aus drei Sängerinnen, die es mit Leichtigkeit schaffen, die mittelalterlichen Texte mit Seele zu erfüllen. Hasmik Baghdasaryan (Sporan), Tatevik Movsesyan (Sporan) und Arpine Ter-Petrosjan (Alt) verzauberten durch ihren Gesang.

Ein toller Abend mit exzellenten Musikern und Sängerinnen. Eine spannende Melange aus mittelalterlichen Texten und zeitgenössischer Musik, sehr viele Folkelemente und eine gehörige Portion armenischer Melancholie.




Beyond gravity – das zweite Wochenende

Vom 24.11. bis zum 26.11. wurden wieder im Theater im Depot und in der Akademie für Theater und Digitalität die VR-Brillen aufgesetzt und die ZuschauerInnen in virtuelle Welten geschickt.



Am Freitag erlebte ich ein Doppelprogramm mit „Touching clouds“ (akademie) und „Bodies under Influence“ (Depot). In „Touching Clouds“von Norbert Pape und Simon Speiser gelangte ich in eine Welt, die gefüllt war mit Objekten wie Steinen, Tarotkarten oder merkwürdigen Pflanzen, die eine Aktion ausführten und/oder eine Sounddatei abspielten. So ging ich auf Entdeckungstour durch eine magisch anmutende Welt. Die anderen BesucherInnen waren in einem schemenhaften Schwarz-Weiß zu erkennen, so dass wir uns nicht gegenseitig über den Haufen liefen.

„Bodies under Influence“ von Fernanda Ortiz war eine außergewöhnliche Tanzperformance. Mit VR-Brillen ausgestattet wurden wir in eine futuristische Welt entführt. Dort tanzte ein menschlich aussehendes Wesen, dass sich aber immer in eine Symbiose mit der Natur und anderen Lebewesen hineinwächst. Sidn unsere Avatare zunächst ohne Gliedmaßen, so „bekommen“ wir später Hände, mit denen wir eine kleine blaue Kugel steuern können. Ein tolles Erlebnis!

Zum Schluss sah ich mir am Samstag noch „Get real“ an. Hier wurden wir zunächst in Paare eingeteilt. Ich begann mit meiner Reise in die virtuelle Welt. Es begann mit einer Raumerkundung und ging dann weiter auf eine Art Platz, auf dem zu Technomusik getanzt werden konnte. Es konnte Kontakt zu den anderen Avataren aufgenommen werden oder einfach der Raum erkundet werden. Es war irre, einfach mal durch einen der Pfeiler zu fahren. Gegen Ende haben die Partner, die die ganze Zeit auf einem Stuhl saßen, die anderen „abgeholt“. Dann wurden die Plätze getauscht.

Gesamtes Fazit: Insgesamt habe ich in den zwei Wochen wirklich spannende, aufregende und innovative Formate erlebt. Dabei stehen wir bei diesen Technologien sicher noch am Anfang und die Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft. Ich hoffe auch, dass das Festival einen festen Platz in Dortmunds Kulturkalender findet und ich die Entwicklung von Theater und Digitalität weiter verfolgen kann.




Dortmunder Deklamationen – Dada in Dortmund lebt (noch)

Am 23. November 2023 fanden im Theater Fletch Bizzel die zweiten Dortmunder Deklamationen statt. Sie wurden organisiert und von der Dortmunder Dada-Gruppe DADADO. Es gab für die BesucherInnen Wort- und Musikbeiträge der besonderen Art.



Den Beginn machte das Mitch Heinrich Quartett dessen Performance ein wenig an Free Jazz erinnerte.
Hans-Ulrich Heuser war der erste, der mit seinen Wortbeiträgen an die große Dada-Kultur von vor 100 Jahren anknüpfte. Was kaum in Dortmund bekannt ist: auf dem Südwestfriedhof liegt mit Richard Hülsenbeck ein Mitbegründer des Dadaismus begraben.
Ellen Widmaier und Guido Schlösser kombinierten Text und Musik. Die Texte von Widmaier, beeinflusst durch konkrete Poesie, wurden durch die musikalische Begleitung von Schlösser interessant gestaltet.
Calvin Kleemann zeigte mit seinen Beitrag das auch Poetry Slam in Richtung Dada gehen kann.

Danach wurde das Publikum involviert, denn Christiane Köhne alias Adda veranstaltete ein Quiz zum Thema Dada. Es musste erraten werden, von welchem Dadaisten die vorgelesenen Zitate stammten. Selbst für die Experten war das Quiz schon eine harte Nuss.
Nach einem weiteren musikalischen Beitrag präsentierten Thomas Kade und Michael Heinrich wieder dadaistische Wortbeiträge, bis die Dortmunder Deklamationen nach einem weiteren Musikbeitrag feierlich durch Dieter Gawol alias A.Dièga beendet wurden.

Was auffällt: Wenn Dada in Dortmund eine Zukunft haben soll, muss an einer Verjüngungskur (Publikum und AkteurInnen) gearbeitet werden. Mit Calvin Kleemann ist DADADO sicherlich auf einem guten Weg, der aber weiter beschritten werden sollte.




Jenseits der Schwerkraft – Festival Beyond Gravity

Newton, Einstein und andere aufgepasst: Das Festival „Beyond Gravity“ bringt vom 17. bis zum 26. November 2023 die Schwerkraft durcheinander. Schon das erste Wochenende bot unglaubliche Erlebnisse in der Virtuellen Realität, vom Fahrstuhlfahren über Wüstenwind, der über die Haut streicht, bis hin zu modernem Tanztheater, bei dem der Zuschauer mittendrin ist.



Das Festival, das im Theater im Depot und in der Akademie für Theater und Digitalität stattfindet, zeigt auch eine Richtung, in der sich das Tanztheater hinbewegen kann: Eine Mischung zwischen VR und „echten“ Menschen.

Dabei sollte es aber nicht vergessen werden, dass dieser Weg auch einige Hürden hat: Die VR-Brillen, die bis jetzt zum Einsatz kamen, verursachen noch hohe Kosten. 50 Personen gleichzeitig in virtuelle Tanzräume zu schicken, wäre vermutlich unbezahlbar. Ein anderes Problem, das ich persönlich teile: 38,1 % aller Erwachsenen in Deutschland tragen eine Brille. Es muss daher auf diese nicht kleine Gruppe geachtet werden.

Kommen wir zum bisherigen Programm. Das erste, was ich am 17.11.23 besucht habe war „I AM (VR)“ von Susanne Kennedy und Markus Selg, die für diese Arbeit mit Rodrik Biersteker zusammengearbeitet haben. Das war unglaublich. Auf einem Fluss fahrend gelang ich in einen Raum mit vielen weiteren Kammern, von denen sich eine als Waldschlucht entpuppte, ein Fahrstuhl brachte mich nach oben und ich fuhr über eine Planetenoberfläche. Eine Wahnsinnsreise.

Der zweite Beitrag an diesen Abend war „Coded Rituals“, vom Cistifellea Collective (Dortmund) & Camila Scholtbach (Tänzerin). Ein Tanztheaterstück, das in zwei Teilen aufgebaut war. Der erste Teil spielte in einem hellen Kasten, der mit durchsichtiger Folie umspannt war. Im Innern befand sich die Tänzerin, die sich langsam aus ihrem Käfig befreite. Eine Analogie mit dem Verpuppen eines Insekts war zu erkennen. Im zweiten Teil tanzte Scholtbach nicht mehr alleine, sondern hatte virtuelle Begleitung, hier drehte es sich offenbar um Reproduktion.

“One Window is Enough” von Sara Escribano Maenza (Köln), Anna Schneider (Hamburg) & Lieve Vanderschaeve (Bonn) führte uns wieder teilweise in virtuelle Welten.

Die Choreografin Sara Escribano präsentiert in Zusammenarbeit mit der Tanzkünstlerin Anna Schneider und der Videokünstlerin Lieve Vanderschaeve eine Mischung aus Tanzperformance und digitaler Kunst.

In einem Spiel zwischen Körper und Technologie, bei dem der Körper eine Quelle und die Technologie ein Übersetzer/Mitgestalter der Choreografie ist, lassen sie Bewegung entstehen. Dabei entführten sie die BesucherInnen in eine Wüste und schafften es sogar mit Windmaschinen einen Sandsturm erlebbar zu machen. Der zweite Part ihres Programms fand wieder in der Realität statt, beide Tänzerinnen tanzten auf und mit einer Schaukel.

Am Samstag (18.11.23) stand mein erster Besuch in der Akademie für Theater und Digitalität auf dem Programm. „Das Totale Tanz Theater 360“ nimmt Ideen von Oskar Schlemmer aus den 1920er Jahren auf und bringt sie in die virtuelle Zukunft. Erschaffen von der Interactive Media Foundation und Filmtank, in Ko-Kreation mit Artificial Rome tauchen die Besucher mittels VR-Brille in einen gewaltigen, virtuellen Bühnenbau ein und durchlaufen mit einer von ihnen aktivierten Tanzmaschine eine tänzerische Choreographie über drei Ebenen. Dabei begleitet sie die Frage nach ihrer wirklichen Einflussmöglichkeit auf Raum und Maschine. Aus dem Ineinandergreifen von menschengemachter Choreographie, persönlicher Intervention sowie maschinellem Algorithmus ergeben sich dabei immer neue Formen der Bewegung und des Tanzes im Raum.

The Dead Code Must Be Alive!” von Brigitte Huezo brachte am Sonntag (19.11.23) wieder die Kombination zwischen realer Tänzerin auf der Bühne und zeitgliecher Animation auf drei Bildschirmen. Während sich ein Tänzer über die Bühne bewegt, entfaltet sich ein unendlicher virtueller Raum um einen Avatar, der seine Bewegungen widerspiegelt. Der physische und der virtuelle Körper sind untrennbar miteinander verbunden, aber nie ohne Reibung. Denn es ist nicht alles perfekt im Cyberspace.