Außergewöhnliche Barockmusik beim Klangvokal-Festival

Die italienische Barockmusik, insbesondere die Werke von Komponisten wie Arcangelo Corelli, ist gekennzeichnet durch ihre Virtuosität, Emotionalität und ornamentale Pracht. Das gilt auch für Francesco Geminiani, einem Schüler Corellis und Nicola Porpora. In einem Konzert unter dem Titel „I misteri del dolore“ (Die Geheimnisse des Schmerzes) am 15. März 2024 entführte uns das Ensemble „Accademia Bizantina“ in das Italien des 18. Jahrhunderts, dessen Komponisten ganz Europa mit ihrer Musik eroberten.



Im Mittelpunkt stand aber nicht Corelli, sondern Nicola Porpora (1686-1768), der nicht nur als Komponist, sondern auch als Gesangslehrer eine Berühmtheit war. Er unterrichtete berühmte Sängerinnen und Kastraten wie den legendären Farinelli. Nicola Porpora hatte einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Gesangstechnik und des Belcanto-Stils.

Die „Accademia Bizantina“ unter der Leitung von Ottavio Dantone widmete sich dem Spätwerk Porporas und spielte die erste und zweite „Lezione“ für Solostimme jeweils für Sporan und Alt. Porpora nahm dafür die Klagelieder des Jeremias als Textvorlage. Suzanne Jerosme (Sopran) und Delphine Galou (Alt) zeigten durch ihren Gesang, warum beide zu den begehrten Sängerinnen im Bereich Barock sind.

Dieses Können zeigten beide Sängerinnen bei den zwei „Duetto per la Passione di Gesú Christo“, die ebenfalls in die Spätzeit von Porpora fallen. Hier zeigt der italienische Komponist seine Meisterschaft in der Stimmführung und verwandelt die Passionsgeschichte in ein musikalisch-emotionales Kleinod. Dass die „Accademia Bizantina“ auch aus ausgezeichneten Musikern besteht, zeigten sie bei den beiden Concerti Grossi. Vor der Pause erklang das Concerto Grosso e-Moll op.3 Nr. 6 von Corellis Schüler Geminiani (1687-1762), zum Schluss spielte das Ensemble das Concerto Grosso D-Dur op.6 Nr.4 von Meister Corelli (1653-1713), das erst nach seinem Tod publiziert wurde.




Eine Reise in die Traurigkeit

Wenn es ein Landstrich gibt, das seit 4000 Jahren ständig in Kriegen und Konflikten lebt, dann ist es der Nahe Osten. Familien, die auseinandergerissen wurden, die Angehörige verloren haben, die Gewalt zieht sich durch die Jahrtausende.



Ein Teil davon erzählt die Familiengeschichte „Told by my mother“, die Ali Chahrour als Tanz- und Musikperformance im Theater im Depot am 14. März 2024 aufführte. Die Performance, die in intimen und herzlichen Geschichten von ikonischen Müttern und ihren Familien berichtet, von denen einige verstreut oder verschwunden sind. Ihre Stimmen betreten die Bühne, singen und erzählen, was einmal war, um zu retten, was noch übrig ist. Sie tanzen, um zu überleben, was bleibt.

Die Geschichte von „Told by my mother“ bringt Laila Chahrour, die Mutter mit ihrem Sohn Abbas, der mit 18 Jahren beschloss, sich den Kämpfern anzuschließen, und Ali Chahrour, Choreograf, Tänzer und Verwandter von Laila, zusammen. Er erzählt die Geschichte seiner Tante »Fatima« (ebenfalls eine Cousine von Laila), deren Reise darin bestand, ihr verlorenes Kind »Hassan« zu finden, das seit 2013 in Syrien vermisst wird.

Mit dabei sind die syrische Schauspielerin Hala Omran, die der Geschichte ihre Stimme leiht, sowie die Musiker Ali Hout und Abed Kobeissy. Der musikalische Ansatz der Aufführung bezieht sich auf die Lieder eben dieser Familien, die in Zeiten der Trauer und der Freude gesungen werden, ein kulturelles Erbe arabischer Volkslieder.

Ein eindrücklicher Abend, der meist erfüllt war von großer Traurigkeit. Diese Traurigkeit konnte man fast mit Händen greifen und sie erzählte von den Sorgen der Mütter über Verlust und Angst. Angst, ihre Kinder durch Krieg oder Rechtlosigkeit von einen Tag zum anderen zu verlieren oder nicht zu wissen, wo es ist.

Performende: Hala Omran, Leila Chahrour, Abbas Al Mawla, Ali Hout, Abed Kobeissy, Ali Chahrour

Regie & Choreografie: Ali Chahrour




Utopie oder Dystopie – Wie sieht das Paradies aus?

Der HMKV zeigt Arbeiten von Niklas Goldbach unter dem Titel „Paradise Machine“ vom 16. März bis zum 11. August 2024.

Wie stellen sich Menschen das Paradies vor? Lassen wir die biblische Vorstellung vom Garten Eden mal weg, wird sicherlich oft eine Südseeinsel vor dem geistigen Auge auftauchen mit blauer See und weißem Sandstrand. Niklas Goldbach nimmt in seinen Arbeiten „A State of Happiness“ reale Bilder aus den echten Badelandschaften der Center Parcs und lässt eine Künstliche Intelligenz (KI) die Bilder weiterrechnen.  Erstaunlicherweise wird aus dem paradiesischen Traum bei der KI schnell eine Ruine. Der Verfall ist scheinbar immer mit eingerechnet.



Bleiben wir beim Stichwort „Center Parcs“. Diese Ferienparks faszinierten Goldbach sehr. Gegründet wurden sie vom niederländischen Unternehmer Piet Derksen, die Ferienhäuser hat der Architekt Jacob Bakema gestaltet, die in den Anfangsjahren eine gewisse Modernität ausstrahlten. Eine große Inselküche konnten sich in den 50er/60er Jahren wohl kaum jemand leisten. In seinem Video „Into the Paradise Machine“ macht Goldbach aber auch die Schattenseiten deutlich. Alle Ferienhäuser sehen gleich aus, die Uniformität springt ins Auge und man erwartet beinahe, dass alle Bewohner gleich aussehen wie in einem Horror- oder Science-Fictionfilm.

Abbildung: Niklas Goldbach, Tropicarium Frankfurt, 2023, aus der Serie „Permanent Daylight“, © VG-Bild-Kunst, Bonn, 2024, Gestaltung: Ten Ten Team
Abbildung: Niklas Goldbach, Tropicarium Frankfurt, 2023, aus der Serie „Permanent Daylight“, © VG-Bild-Kunst, Bonn, 2024, Gestaltung: Ten Ten Team

Goldbach kombiniert sein Video mit gesprochnenen Tagebuchaufzeichnungen des Architekten Bakema, der ab 1943 in einem Internierungslager der Deutschen saß und immer wieder befürchten musste, in ein Konzentrationslager deportiert zu werden.

Eine ähnliche Arbeit ist „1550 San Remo Drive“. Hier zeigt Goldbach in einem Video das Exilhaus von Thomas Mann in Kalifornien und kombiniert es mit Texten aus Manns Tagebüchern.

Der Wechsel zwischen Paradies und Verfall ist das Kernthema von Goldbachs Arbeiten im HMKV. In dem fast eine Stunde dauernden Video „Paradise Now“ zeigt der Künstler Großprojekte in Vietnam und Kambodscha, die ein neues Paradies versprechen flankiert von Bildern verfallener Gebäude aus der französischen Kolonialzeit.     

Seine Fotoserie „Permanent Daylight“ behandelt ebenfalls architektonische Wünsche und Realitäten auf der ganzen Welt. Dort treffen auf dem Reißbrett entstandene Stadtviertel oder künstlich angelegte Inseln auf die Dörfer verschlingende Grube des Braunkohlebergbaus Garzweiler.

Das Paradiese schnell zu Abträumen werden, zeigt „A Date with Destiny“. Hier drehte Goldbach ein Video über die Ferienorte am Salton See, der durch einen Unfall entstand, in den 50er Jahren zu einem mondänen Urlaubsort wurde und sich durch Austrocknung zu einem ökologischen Desaster entwickelte.

Zur Ausstellung gibt es öffentliche Führungen:

17.03.2024, 16:00 – 17:00 Uhr

24.03.2024, 16:00 – 17:00 Uhr

Den Veranstaltungsflyer zur Ausstellung können sie sich auf dieser Seite unter: https://hmkv.de/ausstellungen/ausstellungen-detail/niklas-goldbach-the-paradise-machine.html herunterladen.




Das ist unser Bad – Der Volksfeind

Am 09. März 2024 zeigte das Schauspielhaus Dortmund die Premiere von „Der Volksfeind“ von Ibsen in einer Bearbeitung von Julienne De Muirier. Das naturalistische Stück wurde von De Muirier ordentlich durchgeschüttelt und gerührt und dem Publikum serviert. Nur der Cocktail schmeckte nicht allen…



Ich persönlich finde moderne Interpretationen von klassischen Stücken nicht nur gut, sondern sogar notwendig. Denn ich möchte schon, dass die heutigen Probleme auf der Bühne thematisiert und verhandelt werden. Mich interessiert nicht, ob ein Adeliger eine Bürgerliche heiraten kann, mich würde interessieren ob der Spross eines mittelständischen Unternehmens eine Supermarkt-Kassiererin heiraten dürfte. Aber wir sind beim falschen Stück.

Antje Prust, Nika Mišković, Viet Anh Alexander Tran, Sarah Quarshie und Lukas Beeler als Bademeister in "Ein Volksfeind". (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Antje Prust, Nika Mišković, Viet Anh Alexander Tran, Sarah Quarshie und Lukas Beeler als Bademeister in „Ein Volksfeind“. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Das faszinierende beim „Volksfeind“ von Ibsen ist ja, dass es leider(!) immer noch hochaktuell ist. Was ist wichtiger: Der Profit oder die Gesundheit der Menschen oder der Natur. Wenig überraschend ist es meistens so, dass für den schnellen Euro oder Dollar vor allem die Natur und später dann die Gesundheit der Menschen leidet. Die Beispiele dafür sind Legion.

De Muirier versucht sich an einem Kniff und erzählt die Geschichte aus der Sicht eines Bademeisters. Halt stopp, aus der Sicht von fünf Bademeistern. Das Stück hat selbstverständlich auch seine komischen Momente, schließlich ist es ja auch eine „Katastrophenkomödie“, vor allem wenn die fünf AkteurInnen „Lösungen“ für die Klimakatastrophe diskutieren. Argumente wie „nie wieder fliegen“ oder „aufhören, außereuropäisch zu importieren“ zeigen die Diskrepanz der „aufgeklärten“ Menschen in Europa und Nordamerika, die eigentlich wissen müssten, was die Stunde geschlagen hat, aber zwischen „komplett unrealistisch“ und „Nichtstun“ hin- und herschwingen. Da zeigt das Stück seine Qualitäten.

Leider sind Teile dazwischen, die auf mich total unorganisch wirken. Plötzlich tauchen tanzende Bakterien auf, eine Bademeisterin macht Werbung für ihr neues Wasser, seltsame Diskussionen finden statt.  

Keinen Vorwurf möchte ich den fünf Schauspielenden auf der Bühne machen: Viet Anh Alexander Tran, Nika Mišković, Sarah Quarshie, Lukas Beeler und Antje Prust machten noch das Beste aus der Vorlage.  

Wer Ibsens „Volksfeind“ kennt und mit der Erwartung ins Theater geht, zumindest einige Teile oder handelnde Personen wiederzukennen, der wird sicher enttäuscht sein. Ich denke je weniger die Vorlage bekannt ist, desto eher ist die Chance unvoreingenommen in das Stück zu gehen.

Mehr Infos unter www.theaterdo.de




Vielfältige Druckkunst in der Produzentengalerie „Friedrich 7“

Am 15. März 2024 ist der Tag der Druckkunst. Hunderte Veranstaltungen bundesweit und im benachbarten Ausland laden Menschen dazu ein, die verschiedenen Möglichkeiten des Druckes kennenzulernen. In der Produzentengalerie „Friedrich 7“ zeigen vom 10. März bis zum 07. April 2024 vier Künstlerinnen und Künstler ihre grafischen Arbeiten unter dem Titel „Grafische Signaturen“.



So stellt Michael Jaspert die grafische Technik der Radierung vor. Hierfür nimmt er vornehmlich Fotografien von Insekten und Spinnen, die bei anderen Menschen eventuell Abscheu erregen. Doch genau diese Abscheu ist für Jaspert der Anknüpfungspunkt, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Denn der Verlust von Insekten und Spinnen ist eine ernste Angelegenheit für die Natur.

Bettina Köppeler zeigt Werke auf Papier, die in der Technik Monotypie entstanden sind. Auch hier ist die Natur im Mittelpunkt, denn Köpplers Arbeiten zeigen aufgeschichtete Holzstämme in einem beinahe abgeholzten Wald. Für die Künstlerin ist es wichtig zu zeigen, wie die Menschen mit seiner Umwelt umgeht. Die Monotypie ist eine besondere Drucktechnik, bei der nur ein einziges Exemplar gedruckt werden kann.

Marc Bühren stellt Linolschnittarbeiten in Form von Papierobjekten vor. Die Papierobjekte sind eine Mischung zwischen Papierfaltkunst und 3-Druck. Bühren nennt seine Arbeiten „artificial landscapes“, da sie Landschaftreliefs ähneln. Neben Papier enthalten einige Arbeiten goldene Stücke von Rettungsdecken. Die Werke, die auf Papierstelen stehen, symbolisieren die Korrosion im Gebirge aufgrund Umwelteinflüsse.

Bärbel Thier-Jaspert zeigt Papierarbeiten und Buchobjekte, die mittels Monolithografie entstanden sind. In ihren Druckarbeiten stellt sie Stühle in den Mittelpunkt. Zusätzlich präsentiert sie einen Stuhl aus Sonnenblumen.

Außerdem wird das Kölner „Open Press Projekt“ in einer Teilpräsentation vorgestellt. Dieses weltweite Projekt macht Druckgrafik für „Jeden/Jede“ zugänglich (Druckpresse aus dem 3D-Drucker) und veranstaltet regelmäßig eine internationale „Print Exchange“ mit nationalen und internationalen Ausstellungen der eingereichten Werke. Siehe auch unter: www.instagram.com/openpressproject/

Es gibt weitere Ausstellungen zum „Tag der Druckkunst“ in Dortmund.  Zum einen werden am 15. März 2024 von 14 – 18 Uhr im Atelier 15.1 im Kulturort Depot, Dortmund, unterschiedliche Drucktechniken von Bärbel Thier-Jaspert und Michael Jaspert in Form von Grafiken und Buchunikaten präsentiert.

Michaela Düllberg und Claudia König zeigen Arbeiten in verschiedenen Drucktechniken im Atelier 91 im Hof der Kreuzstraße 91. Zu sehen sind die Werke am Freitag, 15. März 2024 von 13-19 Uhr und Samstag, 16. März 2024 von 12-18 Uhr.




Was motiviert Klimaaktivisten?

Klimaaktivisten arbeiten in den verschiedensten Gruppen mit: Extinction Rebellion, Letzte Generation, Fridays for Future oder anderen. Auch die Aktionen sind verschieden: Von Demonstrationen bis hin zu Straßenblockaden. Doch was treibt diese Menschen an? Was sind die Motive, sich zu organisieren und sich im Extremfall auf die Straße zu kleben.



Die Ausstellung „Auf die Straße“ im Raum HANS A in der Hansastraße 6-10 versucht vom 7. bis zum 24. März 2024 einige Antworten zu geben. Verantwortlich für diese Ausstellung sind Studierende der Journalistik und der Szenografie und Kommunikation. Das Konzept stammt von den Studentinnen der Szenografie und Kommunikation Anica Jacobsen und Taisiya Starostina.

Sind für das Konzept der Ausstellung verantwortlich: (vl) Anica Jacobsen und Taisiya Starostina.

Die BesucherInnen können auf fünf Stelen Interviews von KlimaaktivistInnen aus unterschiedlichen Gruppen lauschen, auf Klemmbrettern Abreißzettel sammeln, auf denen Tipps stehen – zum Beispiel, wie man Wählen geht, eine Partei gründet oder eine Blockade startet.

Doch es gibt – passend zum Thema – weitere Sonderveranstaltungen:

7. März, 18 Uhr im STADT_RAUM, Hansastraße 3

„Wie weit muss Protest gehen?“ Talk mit AktivistInnen der Letzten Generation, Fridays for Future, Ende Gelände, Extinction Rebellion und der Grünen Jugend anschließend Vernissage

13. März, 18 – 20 Uhr, HANS A, Hansastraße 6- 10:

„How to: Klimastreik“: Wie organisiere ich eine Demonstration? – Von der Anmeldung bis zum DemoZug mit Fridays for Future Dortmund (bitte anmelden unter hi@aufdiestrasse.info)

16. März, 15 – 18 Uhr HANS A, Hansastraße 6- 10:

„…and action!“: Aktionsworkshop mit Extinction Rebellion Düsseldorf (bitte anmelden unter hi@aufdiestrasse.info)

Informationen:

Die Wanderausstellung „Auf die Straße“ ist vom 7. bis zum 24. März während der Green Culture Week im Raum HANS A zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Mi, Do, Fr 13 – 19.00 Uhr Sa, So 11 – 17.30 Uhr




Postapokalyptische Einsamkeit – György Kurtágs „Fin de Partie“

„Fin de Partie“ – Endspiel. Neben „Warten auf Godot“ wohl das bekannteste Werk von Samuel Beckett. Unvergessen ist auch die Inszenierung von Kay Voges im Dortmunder Schauspielhaus vor über zehn Jahren mit Frank Genser (Clov) und Uwe Schmieder (Hamm), die auf Tournee durch Europa ging.



Bei der Aufführung im Opernhaus Dortmund am 01. März 2024 handelte es sich um die szenische Deutsche Erstaufführung, beziehungsweise Zweit-Inszenierung der Oper des ungarisch-französischen Komponisten György Kurtág. Dabei vertonte Kurtág nicht den kompletten Text, sondern ausgewählte Szenen und Monologe.

Fin de Partie - (v.l.n.r.) Hamm (Frode Olsen), Clov (Morgan Moody) und Nagg Leonardo Cortellazzi (Foto: (c) Thomas M. Jauk)
Fin de Partie – (v.l.n.r.) Hamm (Frode Olsen), Clov (Morgan Moody) und Nagg Leonardo Cortellazzi (Foto: (c) Thomas M. Jauk)

„Fin de Partie“ schrieb Beckett in den 50er Jahren, als die beiden Großmächte USA und UdSSR mit Nuklearwaffen experimentierten. Ironischerweise ist die Gefahr eines Atomkrieges mit dem Ukraine-Krieg nicht geringer geworden, die Dystopie einer Welt, die durch Nuklearwaffen unbewohnbar wird, ist wieder in den Köpfen der Menschen gelangt.

Welche Art von Katastrophe die Menschheit fast vernichtet hat, lässt Becket offen. Hamm (Frode Olsen) ist einer der wenigen Überlebenden in seinem Haus am Meer. Er ist an einem Rollstuhl gefesselt und kann nicht mehr laufen. Sein Diener Clov (Morgan Moody) steht ihm zur Seite, sein Handicap ist, dass er nicht sitzen kann. Hamms Eltern Nell (Ruth Katharina Peeck) und Nagg (Leonardo Cortellazzi) haben keine Beine mehr und werden von Hamm wie Abfall behandelt. Obwohl sie voneinander abhängig sind, machen die Vier sich das Leben schwer. Selbst als Nell stirbt nimmt niemand Notiz. Später im Stück entlässt Hamm Clov, der letztendlich auch gehen will. Zurück bleibt Hamm, der sich seiner Einsamkeit bewusst wird.

Ein absurdes Theaterstück und ein zeitgenössischer Komponist: Wer Mozart-Arien erwartet oder wilde Handlungsstränge, der wird sicher enttäuscht sein, aber der Rest kann sich auf ein intensives Kammerspiel und ein Orchester, das kammmusikartig zusammenspielt, freuen. Denn Kurtág benutzt das große Orchester nicht für überladene Gesten, sondern lässt spannende Kombinationen erklingen, die zu dem Endzeit-Stück passen. Die Musik ist ein klanglicher Minimalismus, der aber in den Monologen manchmal von arien-haften Elementen durchbrochen wird.

So ein besonderes Stück verdient auch eine besondere Inszenierung. Regisseur Ingo Kerkhof lädt die BesucherInnen auf die Bühne. So sitzen alle fast direkt bei den SängerInnen und können beinahe den grünen Rasen betreten, der den Ort der Handlung begrenzt. Erst dahinter befindet sich hinter einem Gaze-Vorhang das Orchester unter der Leitung von Johannes Kalitzke.

Aber im Mittelpunkt stehen die SängerInnen, vor allem Frode Olsen und Morgan Moody, die als Hamm beziehungsweise Clov den größten Anteil haben. Olsen singt und spielt sehr eindringlich den Hausherrn im Rollstuhl, der letztlich erkennen muss, dass die alte hergebrachte Struktur gescheitert ist. Auch Moody spielt die Rolle des Clov, der gefangen ist zwischen Loyalität und Rebellion mit Bravour. Mit Frode Olsen und Leonardo Cortellazzi (Nagg) sind zwei Mitwirkende der Mailänder Uraufführung Teil der szenischen deutschen Erstaufführung an der Oper Dortmund.

„Fin de Partie“ von Kurtág kam nicht umsonst auf den vierten Platz der größten Werke der klassischen Musik des 21. Jahrhunderts bei einer Umfrage der britischen Zeitung „The Guardian“. Daher ist es (nicht nur) für Liebhaber klassischer zeitgenössischer Musik ein Muß.

Weitere Termine finden Sie unter: https://www.theaterdo.de/produktionen/detail/fin-de-partie/




Theater im Depot als Experimentallabor

Ein ungewöhnliches Stück hatte im Theater im Depot am 23. Februar 2024 sein Dortmund-Debut: Alles in Strömen von Polar Publik. Eine Mischung zwischen akustischem Experimentallabor, philosophisches Thema und Musik.



Worum ging es bei „Alles in Strömen“? Im Mittelpunkt stehen die Theorien von Hartmut Rosa und seinen Resonanzen. Im Zentrum von Rosas Resonanztheorie steht der Begriff der Resonanz. Resonanz entsteht, wenn eine Person eine tiefe und positive Beziehung zu etwas oder jemandem entwickelt. Dies kann sowohl in Bezug auf Objekte, wie Kunstwerke oder Natur, als auch in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen geschehen. Wenn eine Person resonante Beziehungen eingeht, fühlt sie sich verstanden, geschätzt und erlebt eine Art „Schwingung“ zwischen sich selbst und der Welt.

Da Resonanzen im akustischen raum entstehen, waren im Theatersaal viele beleuchtete Snaredrums zu sehen, die auf die Musik von Oxana Omelchuk und Axel Lindner leicht zu vibrieren begannen.

Die Resonanztheorie von Rosa versuchten vor allem Fiona Metscher (bekannt aus Produktionen von trafique) und Jimin Seo dem Publikum näherzubringen. Denn sie teilt sich in vier Abschnitte auf: ein gegenüber, Selbstwirksamkeit, Transformation und Unverfügbarkeit. Zusätzlich hatten die BesucherInnen auch Kopfhörer bekommen, auf denen Geschichten erzählt wurden, die für die erzählende Person eine Art von Resonanz gewesen war.

Trotzdem wirkte die Mischung von Philosophievorlesung, akustischen Experimenten und Musik etwas zu verkopft. Begriffe wie „Selbstwirksamkeit“ oder „Transformation“ blieben zu abstrakt. Dennoch ist der Versuch, ein Theaterstück mit Experimenten (die auch mal nicht funktionieren können) aufzuwerten, keine schlechte Idee.




Außergewöhnliche Streichquartette am außergewöhnlichen Ort

Ein Labor machte die Tür auf und lies Musik hinein. Die Akademie für Theater und Digitalität öffnete sich am 22.02.24 für ein Konzert des Equilé Quartett als 3. Kammerkonzert, bestehend aus Nemanja Belej, Sanjar Sapaev (beide Violine), MinGwan Kim (Viola) und Risto Rajakorpi (Violoncello), alle Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker.



Auf dem Programm standen drei sehr unterschiedliche, aber gleichzeitig virtuose Streichquartette. Zu Beginn erklang Mozarts Streichquartett in C-Dur KV 157. Obwohl Streichquartette noch eine relativ „junge“ Gattung waren zu seiner Entstehung 1772/73, zeigen sie dennoch seine bemerkenswerte Beherrschung der Form und sein Talent für Melodie und Harmonie. KV 157 ist ein schönes Beispiel für Mozarts frühe kammermusikalische Meisterschaft und bietet einen Einblick in die Entwicklung seines Stils als Komponist. Sehr schön ist der vierte Satz, das „Presto“. Dieser Satz zeichnet sich durch seine Virtuosität und seine lebendige Energie aus, die den Höhepunkt des Quartetts bildet.

Danach sprangen wir ins 20. Jahrhundert und das Streichquartett Nr.2 in C-Dur von Benjamin Britten erklang. Das Streichquartett Nr. 2 von Britten ist geprägt von einer düsteren Atmosphäre, die die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg reflektiert, in der es komponiert wurde. Diese Stimmung wird durch dissonante Harmonien, ungewöhnliche Klangeffekte und intensive Emotionen verstärkt. Gleichzeitig ist der letzte Satz, die „Chacony“, eine Hommage an Henry Purcell.

Etwa 70 Jahre zuvor komponierte Edvard Grieg sein Streichquartett in g-moll op.27. Griegs Streichquartett Op. 27 ist stark von der norwegischen Volksmusik beeinflusst. Grieg integriert folkloristische Melodien, Rhythmen und Harmonien in das Werk, wodurch eine unverwechselbare nordische Klangwelt entsteht. Diese folkloristischen Elemente verleihen dem Quartett einen einzigartigen Charakter und vermitteln ein Gefühl von regionaler Identität. Die Musik vermittelt oft eine Atmosphäre von Weite, Naturverbundenheit und mystischer Stimmung, die an die majestätischen Landschaften Norwegens erinnert. Was dieses Konzert so besonders machte, war natürlich der Raum in der Akademie. Die Musiker saßen in der Mitte überkreuz auf Podesten. Die Zuschauer in der ersten Reihe saßen teilweise nur einen Meter von den Musikern weg und hatten die Möglichkeit in die Notenblätter zu schauen.




Zeitinsel Arvo Pärt

Das Konzerthaus Dortmund widmete ihre Zeitinsel 2024 dem estnischen Komponisten Avro Pärt. Nach Sofia Asgatowna Gubaidulina im vergangenen Jahr wurde erneut ein zeitgenössischer Komponist in den Mittelpunkt gestellt.



Pärt erfreut ich als zeitgenössischer Komponist einer großen Beliebtheit. Warum das so ist, konnten die BesucherInnen vom 15. bis zum 18. Februar 2024 erleben. Pärts Musik wurde in vier Konzerten sowie zwei Sonderveranstaltungen gewürdigt und in ihrer Breite vorgestellt. Wenn man möchte, war bereits das Konzert des estnischen Dirigenten Paavo Järvi eine Art Prequel zur „Zeitinsel Avro Pärt“, denn Werke des estnischen Komponisten standen auf dem Programm.

Der Donnerstag mit dem Titel „Spiegel im Spiegel“ bot einen Querschnitt der unterschiedlichen Schaffensperioden Avro Pärts. Das Tallinn Chamber Orchester und der Estnische Philharmonische Kammerchor unter der Leitung von Tōnu Kaljuste spielten frühe Werke wie „Solfeggio“ (1963) oder Übungen in der Collagentechnik in „Collage über B-A-C-H“ (1964). Doch Pärt geriet danach in eine Schaffenskrise, aus die er mit dem kurzen Stück „Für Alina“ (1976) wieder entkam. Seine neue Technik, „Tintinnabuli“, ist ein reduzierter Musikstil, der Pärts Beziehung zur Kirchenmusik zeigt. Er wird durch die Verwendung einer Melodie- und einer Dreiklangsstimme gekennzeichnet.

Davon zeugen die beiden Chorwerke „Veni creator“ und „Te deum“, die an diesem Abend zu hören waren. Ein gelungener Einstieg in die Musik von Avro Pärt.

Am Freitag traf Avro Pärt auf Johann Sebastian Bach und Dimitri Schostakowitsch, natürlich nur musikalisch. Die Veranstaltung „Happy Hour – Klassik um Sieben“ wurde launig moderiert von Jan Malte Andresen vom WDR. Das WDR Sinfonieorchester spielte unter der Leitung von Kristiina Poska.  Zu Beginn erklang „Tabula rasa“ von Pärt, das vor allem im zweiten Satz sehr beeindruckend war. Die Musik verändert sich nur minimal, es wird leiser und leiser bis eben die „Stille“, so heißt der zweite Satz, eintritt.

Danach folgten zwei Ausschnitte aus dem Momumentalwerk von Bach „Die Kunst der Fuge“. Poska wählte den Anfang und das unvollendete Ende aus. Soe entschied sich ebenfalls dazu, keines der unzähligen Komplettierungsversuche zu spielen, sondern endete abrupt mit der letzten Note des Manuskripts von Bach. Bach benutzte in diesem letzten Werk die Tonbuchstaben B-A-C-H, auch Schostakowitsch tat dies 210 Jahre später in seiner Kammersinfonie für Streichorchester op.110. Nun musste er im Gegensatz zu Bach etwas tricksen und nahm seine Initialen D-Es-C-H. Die Kammersinfonie (basierend auf dem Streichquartett Nr.8) durchläuft eine breite Palette von Emotionen, von tiefster Verzweiflung bis hin zu Momenten der Hoffnung und des Trotzes. Schostakowitsch integriert geschickt Zitate aus eigenen Werken sowie Zitate von Komponisten wie Gustav Mahler, wodurch eine vielschichtige und kontrapunktische Textur entsteht, die dem Werk zusätzliche Bedeutungsebenen verleiht.

Am Samstag fanden zwei Veranstaltungen statt. Der frühe Nachmittag widmete sich dem „Mindful Listening“, während der Abend der Chormusik vorbehalten war. Elisabeth Lemken war beim „Mindful Listening“ dabei:

Im Rahmen der Reihe „Zeitinsel – Arvo Pärt“ vom 15.02. – 18.02.2024 konnte das Publikum im Konzerthaus Dortmund am 17.02.2024 am Nachmittag für eine Stunde ein Mindful-Listening (achtsames Hören) – Konzert mit unter anderem mit drei passenden Werken des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Nicolas Nomoradze  führte als Moderator und Pianist durch das spezielle Konzert. Ihm zur Seite stand unterstützend der 1980 in Großbritannien geborenen Violinisten Hugo Ticciati.

Das Publikum saß größtenteils dort, wo eigentlich das Orchester seinen Platz findet. Kuschelige Sitz oder Liegemöglichkeiten oder einfach bequeme Stühle sorgten für eine meditative Stimmung. Zusätzlich wurde mit gedämpfter Beleuchtung und kleine runde Lampen am Boden für einen beruhigenden Hintergrund gesorgt.

Einen meditativen Prozess anzustoßen, mit unserem Bewusstsein (unserem bewussten Erleben, zum Beispiel auch von Musik) in Verbindung zu treten, ist ein in die Tiefe gehendes besonderes Erlebnis.

Zur passenden Einstimmung spielte der Pianist „Ich ruf zu dir Herr Jesu Christ“, BWV 639 (um 1705) in der Fassung für Klavier von Ferrucio Busoni.

Die erste meditative Übung bezog sich auf das bewusste Atmen.

Im weiteren Verlauf wurden drei für „das achtsame Hören“ auch atmosphärisch gut ausgewählte Werke von Arno Pärt (1935*), György Ligeti (1923 – 2006) oder dem französischen Komponisten Gabriel Fauré zu Gehör gebracht.

Die beiden meditativen Übungen dazwischen bezogen sich auf bewusste Konzentration auf einzelne Körperbereiche sowie dem Resonanzraum der Musiktöne. Auch der Umgang mit störenden Geräuschen aus dem Außenbereich (etwa Husten aus dem Publikum) war ein Thema.

Ein ungewöhnliche und interessante Musikerfahrung.

Die Mindful-Listening-Konzerte der kommenden Saison finden übrigens am 15.12.2024 und den 02.02.2025 statt.

Die Abendveranstaltung wurde vom estnischen Philharmonischen Kammerchor unter der Leitung von Tōnu Kaljuste getragen, die schon am Donnerstag für ein gelungenes Konzert sorgten. Hier wurde deutlich, wie der sehr religiöse Pärt von der musikalischen Tradition der orthodoxen Kirche, aber auch von den lateinischen Texten der katholischen Kirche geprägt war. Es passte daher sehr gut, dass mit Sergej Rachmaninov und dem zum orthodoxen Glauben konfertierten Engländers John Tavener zwei „gleichgesinnte“ Komponisten zur Seite gestellt wurden. Dazu kam noch Johann Sebastian Bach Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“. Das einzige nichtreligiöse Stück stammte von der estnischen Komponisten Elevin Seppar, die mit „Iris“ der Sibirischen Schwertlilie ein beeindruckendes musikalisches Denkmal setzte.

Zu den Höhepunktend es Konzertes gehörte Pärts „Summa“, ein Werk von erhabener Schlichtheit und spiritueller Tiefe. Es verkörpert Pärts Suche nach einer reinen und unverfälschten Ausdrucksweise, die darauf abzielt, den Hörer in einen Zustand der inneren Einkehr und spirituellen Kontemplation zu versetzen.

Am letzten Tag der Zeitinsel Avro Pärt spielte das Gidon Kremer Trio Stücke von Pärt und Schubert sowie weiteren Zeitgenossen des estnischen Komponisten. Der lettische Violinist Kremer spielte zusammen mit Giedrė Divanauskaitė (Violoncello) und Georgijs Osokins (Klavier). Ein spannendes Stück war „Middelheim“ von Gija Kantscheli. Das Werk „Middelheim“ ist von Kantschelis typischer musikalischer Sprache geprägt, die eine tiefe spirituelle und emotionale Dimension aufweist. Es durchdringt eine Vielzahl von Emotionen, von meditativer Ruhe bis hin zu dramatischer Intensität, und nutzt eine spärliche Instrumentierung, um die Klanglandschaften zu formen und den Fokus auf die melodischen Linien zu lenken. Die Musik durchläuft eine Reihe von Variationen und Entwicklungen, wobei das Violoncello als zentrales Bindeglied fungiert, das die verschiedenen Abschnitte des Stücks verbindet.

Musikalischer Höhepunkt allerdings war das zweite Klaviertrio von Schubert. . Der erste Satz, das „Allegro“ durchläuft eine Vielzahl von Stimmungen, von lyrischen und singenden Melodien bis hin zu dramatischen und kraftvollen Passagen. Die Themen werden von allen Instrumenten des Trios gemeinsam entwickelt und führen zu einer eindrucksvollen und lebendigen musikalischen Erzählung.

Insgesamt war es eine gelungene Zeitinsel, die das Schaffen von Avro Pärt breit dargestellt hat. Erstklassige Musiker und SängerInnen sorgten für abwechslungsreiche Abende und spannende Musikerlebnisse selbst für diejenigen, die nicht ganz so religiös wie Avro Pärt sind.