Zeitinsel Arvo Pärt

Das Konzerthaus Dortmund widmete ihre Zeitinsel 2024 dem estnischen Komponisten Avro Pärt. Nach Sofia Asgatowna Gubaidulina im vergangenen Jahr wurde erneut ein zeitgenössischer Komponist in den Mittelpunkt gestellt.



Pärt erfreut ich als zeitgenössischer Komponist einer großen Beliebtheit. Warum das so ist, konnten die BesucherInnen vom 15. bis zum 18. Februar 2024 erleben. Pärts Musik wurde in vier Konzerten sowie zwei Sonderveranstaltungen gewürdigt und in ihrer Breite vorgestellt. Wenn man möchte, war bereits das Konzert des estnischen Dirigenten Paavo Järvi eine Art Prequel zur „Zeitinsel Avro Pärt“, denn Werke des estnischen Komponisten standen auf dem Programm.

Der Donnerstag mit dem Titel „Spiegel im Spiegel“ bot einen Querschnitt der unterschiedlichen Schaffensperioden Avro Pärts. Das Tallinn Chamber Orchester und der Estnische Philharmonische Kammerchor unter der Leitung von Tōnu Kaljuste spielten frühe Werke wie „Solfeggio“ (1963) oder Übungen in der Collagentechnik in „Collage über B-A-C-H“ (1964). Doch Pärt geriet danach in eine Schaffenskrise, aus die er mit dem kurzen Stück „Für Alina“ (1976) wieder entkam. Seine neue Technik, „Tintinnabuli“, ist ein reduzierter Musikstil, der Pärts Beziehung zur Kirchenmusik zeigt. Er wird durch die Verwendung einer Melodie- und einer Dreiklangsstimme gekennzeichnet.

Davon zeugen die beiden Chorwerke „Veni creator“ und „Te deum“, die an diesem Abend zu hören waren. Ein gelungener Einstieg in die Musik von Avro Pärt.

Am Freitag traf Avro Pärt auf Johann Sebastian Bach und Dimitri Schostakowitsch, natürlich nur musikalisch. Die Veranstaltung „Happy Hour – Klassik um Sieben“ wurde launig moderiert von Jan Malte Andresen vom WDR. Das WDR Sinfonieorchester spielte unter der Leitung von Kristiina Poska.  Zu Beginn erklang „Tabula rasa“ von Pärt, das vor allem im zweiten Satz sehr beeindruckend war. Die Musik verändert sich nur minimal, es wird leiser und leiser bis eben die „Stille“, so heißt der zweite Satz, eintritt.

Danach folgten zwei Ausschnitte aus dem Momumentalwerk von Bach „Die Kunst der Fuge“. Poska wählte den Anfang und das unvollendete Ende aus. Soe entschied sich ebenfalls dazu, keines der unzähligen Komplettierungsversuche zu spielen, sondern endete abrupt mit der letzten Note des Manuskripts von Bach. Bach benutzte in diesem letzten Werk die Tonbuchstaben B-A-C-H, auch Schostakowitsch tat dies 210 Jahre später in seiner Kammersinfonie für Streichorchester op.110. Nun musste er im Gegensatz zu Bach etwas tricksen und nahm seine Initialen D-Es-C-H. Die Kammersinfonie (basierend auf dem Streichquartett Nr.8) durchläuft eine breite Palette von Emotionen, von tiefster Verzweiflung bis hin zu Momenten der Hoffnung und des Trotzes. Schostakowitsch integriert geschickt Zitate aus eigenen Werken sowie Zitate von Komponisten wie Gustav Mahler, wodurch eine vielschichtige und kontrapunktische Textur entsteht, die dem Werk zusätzliche Bedeutungsebenen verleiht.

Am Samstag fanden zwei Veranstaltungen statt. Der frühe Nachmittag widmete sich dem „Mindful Listening“, während der Abend der Chormusik vorbehalten war. Elisabeth Lemken war beim „Mindful Listening“ dabei:

Im Rahmen der Reihe „Zeitinsel – Arvo Pärt“ vom 15.02. – 18.02.2024 konnte das Publikum im Konzerthaus Dortmund am 17.02.2024 am Nachmittag für eine Stunde ein Mindful-Listening (achtsames Hören) – Konzert mit unter anderem mit drei passenden Werken des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Nicolas Nomoradze  führte als Moderator und Pianist durch das spezielle Konzert. Ihm zur Seite stand unterstützend der 1980 in Großbritannien geborenen Violinisten Hugo Ticciati.

Das Publikum saß größtenteils dort, wo eigentlich das Orchester seinen Platz findet. Kuschelige Sitz oder Liegemöglichkeiten oder einfach bequeme Stühle sorgten für eine meditative Stimmung. Zusätzlich wurde mit gedämpfter Beleuchtung und kleine runde Lampen am Boden für einen beruhigenden Hintergrund gesorgt.

Einen meditativen Prozess anzustoßen, mit unserem Bewusstsein (unserem bewussten Erleben, zum Beispiel auch von Musik) in Verbindung zu treten, ist ein in die Tiefe gehendes besonderes Erlebnis.

Zur passenden Einstimmung spielte der Pianist „Ich ruf zu dir Herr Jesu Christ“, BWV 639 (um 1705) in der Fassung für Klavier von Ferrucio Busoni.

Die erste meditative Übung bezog sich auf das bewusste Atmen.

Im weiteren Verlauf wurden drei für „das achtsame Hören“ auch atmosphärisch gut ausgewählte Werke von Arno Pärt (1935*), György Ligeti (1923 – 2006) oder dem französischen Komponisten Gabriel Fauré zu Gehör gebracht.

Die beiden meditativen Übungen dazwischen bezogen sich auf bewusste Konzentration auf einzelne Körperbereiche sowie dem Resonanzraum der Musiktöne. Auch der Umgang mit störenden Geräuschen aus dem Außenbereich (etwa Husten aus dem Publikum) war ein Thema.

Ein ungewöhnliche und interessante Musikerfahrung.

Die Mindful-Listening-Konzerte der kommenden Saison finden übrigens am 15.12.2024 und den 02.02.2025 statt.

Die Abendveranstaltung wurde vom estnischen Philharmonischen Kammerchor unter der Leitung von Tōnu Kaljuste getragen, die schon am Donnerstag für ein gelungenes Konzert sorgten. Hier wurde deutlich, wie der sehr religiöse Pärt von der musikalischen Tradition der orthodoxen Kirche, aber auch von den lateinischen Texten der katholischen Kirche geprägt war. Es passte daher sehr gut, dass mit Sergej Rachmaninov und dem zum orthodoxen Glauben konfertierten Engländers John Tavener zwei „gleichgesinnte“ Komponisten zur Seite gestellt wurden. Dazu kam noch Johann Sebastian Bach Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“. Das einzige nichtreligiöse Stück stammte von der estnischen Komponisten Elevin Seppar, die mit „Iris“ der Sibirischen Schwertlilie ein beeindruckendes musikalisches Denkmal setzte.

Zu den Höhepunktend es Konzertes gehörte Pärts „Summa“, ein Werk von erhabener Schlichtheit und spiritueller Tiefe. Es verkörpert Pärts Suche nach einer reinen und unverfälschten Ausdrucksweise, die darauf abzielt, den Hörer in einen Zustand der inneren Einkehr und spirituellen Kontemplation zu versetzen.

Am letzten Tag der Zeitinsel Avro Pärt spielte das Gidon Kremer Trio Stücke von Pärt und Schubert sowie weiteren Zeitgenossen des estnischen Komponisten. Der lettische Violinist Kremer spielte zusammen mit Giedrė Divanauskaitė (Violoncello) und Georgijs Osokins (Klavier). Ein spannendes Stück war „Middelheim“ von Gija Kantscheli. Das Werk „Middelheim“ ist von Kantschelis typischer musikalischer Sprache geprägt, die eine tiefe spirituelle und emotionale Dimension aufweist. Es durchdringt eine Vielzahl von Emotionen, von meditativer Ruhe bis hin zu dramatischer Intensität, und nutzt eine spärliche Instrumentierung, um die Klanglandschaften zu formen und den Fokus auf die melodischen Linien zu lenken. Die Musik durchläuft eine Reihe von Variationen und Entwicklungen, wobei das Violoncello als zentrales Bindeglied fungiert, das die verschiedenen Abschnitte des Stücks verbindet.

Musikalischer Höhepunkt allerdings war das zweite Klaviertrio von Schubert. . Der erste Satz, das „Allegro“ durchläuft eine Vielzahl von Stimmungen, von lyrischen und singenden Melodien bis hin zu dramatischen und kraftvollen Passagen. Die Themen werden von allen Instrumenten des Trios gemeinsam entwickelt und führen zu einer eindrucksvollen und lebendigen musikalischen Erzählung.

Insgesamt war es eine gelungene Zeitinsel, die das Schaffen von Avro Pärt breit dargestellt hat. Erstklassige Musiker und SängerInnen sorgten für abwechslungsreiche Abende und spannende Musikerlebnisse selbst für diejenigen, die nicht ganz so religiös wie Avro Pärt sind.




Experimental Toppings 2024 – Neues aus der Szenischen Forschung

Zum zweiten Mal findet im Theater im Depot das Festival „Experimental Toppings“ statt, eine Zusammenarbeit zwischen dem Studiengang Szenische Forschung an der Ruhr-Universität Bochum und dem Theater. Vom 02. bis 04. Februar 2024 wurden Forschungsstände, Wiederaufnahmen und Neuproduktionen präsentiert.



Leider war es mir nicht möglich, am Freitag die Arbeiten von Mira-Alina Schmidt und Camilia Scholtbach zu sehen, da ich leider auf einem anderen Termin war.

Da „Willkommend“ von Marina Fervenza & Viro sowie „cogito moves“ von Saskia Schalenbach das ganze Festival über liefen, hier ein paar Anmerkungen. Die Video-Installation „cogito moves“ zeigte Scans von menschlichen Gehirnen beim Denken. Lassen sich Gedanken nachweisen und wenn ja, sind sie ein Beweis für meine Existenz?

Für die Audioinstallation „Willkommend“ wurde im Theaterfoyer ein Tisch freigeräumt. Hier erzählten die beiden KünstlerInnen über ihre Erfahrungen in ihrer 3-wöchigen Residenz am Künstlerhaus Helleweg, dazu gab es Stimmen der Bewohner von Versmold und Bockhorst.

Kann man aus Müll Kunst machen? Sicher. Kann man daraus die Zukunft lesen? Vielleicht. Neele Ruckdeschel und Ruth Gordon bildeten das Duo „witches’wednesday“ und ermutigten die BesucherInnen aus dem sammelten Müll eine eigene Skulptur zu errichten, die Ruckdeschel dann interpretierte. Es konnte aber auch ein Sinnbild für die Beliebigkeit von Kunstexpertisen sein…

Nooshin Seifi führte uns BesucherInnen mittles Augenmasken in die Dunkelheit. Gruselige Geräusche, kaum hörbare Gesprächsfetzen brachten uns die Situation von Blinden und Sehbehinderten etwas näher. Seifi ging es im Besonderen um Personen, die durch Gummischosse ihr Augenlicht verloren.

Am Samstagabend überraschte uns Judith Grytzka mit einer frischen Inszenierung von „Lysistrata“. Der antiken Geschichte über einen Sexstreik von Frauen gegen ihre kriegslüsternen Männer. Ich musste erneut feststellen, dass die antiken griechischen Stücke immer noch eine große Relevanz für unser heute haben. An der Performance auf der Bühne waren beteiligt: Marina Fervenza, Lea Maline Hiller und Annalena Volk. Erstaunlich war, dass der Rant über die Lage der Frau (also wie sie zu sein hat) im Stück, fast gleich ist mit der Brandrede, die Gloria gegen Ende im „Barbie“-Film von sich gibt.  

Der Sonntagabend war eine Melange einer realen Figur, Andrew Tate und einer fiktiven Figur aus der Bibel, Samson. Cornelius Heuten und Christian Minwegen verschmolzen beide Figuren zu einer extremen misogynen Figur „Samson Tate“. Die Figure des biblischen Samson ist im laufe der Geschichte sehr unterschiedlich bewertet worden, durch seine letzte Tat, die Zerstörung eines Philistertempels mit Tausenden Toten gilt er auch als Prototyp des Selbstmordattentäters. Andrew Tate ist ein ehemaliger Kickboxer, der in den sozialen Medien durch seine chauvinistischen und frauenfeindlichen Äußerungen zu einer Berühmtheit geworden ist. Heuten und Minwegen verknüpfen beider Lebensläufe aus dem „Buch der Richter“ und dem realen Leben zu einer extrem unsympathischen Figur Samson Tate. Dabei ist ein wichtiger Punkt, dass das Gift, was diese Figur verspritzt, weitere Generationen vergiftet werden.




Inner Mining / Outer Mining – Globaler Ressourcenabbau im Künstlerhaus

Das Ruhrgebiet war im 19. und 20. Jahrhundert ein Musterbeispiel des Extraktivismus, der wirtschaftlichen und sozialen Praxis, bei der natürliche Ressourcen im großen Maßstab gewonnen oder „extrahiert“ wurde. Das Künstlerhaus selbst war ein Teil dieses „Extraktivismus“, denn sie wurde vor 100 Jahren als Waschkaue für die benachbarte Zeche gebaut.



Also ist es ein guter Ort, um die Ausstellung „Inner Mining / Outer Mining“ zu beherbergen, die diesmal ein externer Kurator, Julian Volz, verantwortet. Der Untertitel „A global constellation“ macht deutlich, dass der Extraktivismus mittlerweile auf der ganzen Welt vorherrscht, wobei der klassische Abbau von Ressourcen vornehmlich in der sogenannten „Dritten Welt“ unter katastrophalen Bedingungen stattfindet.

Die 10 KünstlerInnen aus Europa und Afrika zeigen Arbeiten, die sich mit dem Ausbeuten der Landschaft sowie der eigenen Ausbeutung beschäftigen. Die Ausstellung ist bis zum 14. März 2024 zu sehen.

Die aus Südafrika stammende Künstlergruppe CUSS Group zeigt eine Serie in drei Episoden mit dem Titel „Fully Automated Luxury Influencer“. In „Fully Automated Luxury Influencer“ beschäftigt sich die CUSS Group anhand von Metaphern mit den vielfältigen Facetten des zeitgenössischen Influencer*innentums. Dabei kommen Elemente aus Genres wie dem Science-Fiction oder des Horrors zum Einsatz, um die surrealen und barocken Dimensionen der Influencer*innenkultur darzustellen.

In dem Werkkomplex „Nur die Harten kommen in den Garten“ beschäftigt sich Pia vom Ende mit der Thematik der Selbstoptimierung. Ursprünglich als interaktive VR-Arbeit angelegt, untersucht die Künstlerin mit diesem Werk die Verlockungen des Aufstiegs, welches das Internet an vielen Ecken bereithält, und dabei Handlungsmacht suggeriert. In der Ausstellung findet sich hingegen ein anderer Teil des Werks, für den vom Ende zentrale Motive aus dem VR in das Medium der Malerei übertragen hat. Weitere Spannung kreiert vom Ende, indem sie Symboliken, die ganz deutlich als solche des Aufstiegs identifizierbar sind, wie Treppen, Wolken, Raketen oder klatschende Hände, auf düstere Symboliken, wie Blitze oder verformte Clowns treffen lässt. Nicht zufällig taucht das Motiv des Clownsgesicht dabei in allen Malereien der Serie wieder auf. Obwohl der Clown ursprünglich eine Figur ist, deren Funktion darin besteht, die Menschen zum Lachen zu bringen, wird er spätestens seit den 1980er Jahren, popularisiert durch Stephen Kings Mörderclown „Pennywise“ aus seinem Roman „Es“, zunehmend mit gefährlichen Psychopathen in Zusammenhang gebracht.

In ihrem Werkkomplex “Stone Free“ bringt die Künstlerin Ângela Ferreira die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Minen in einer Konstellation zusammen, um nach der Stellung des Bergbaus in der Gegenwartsgesellschaft sowie dessen neokolonialen Implikationen zu fragen. Der Ausgangspunkt ist dabei die östlich von Pretoria gelegene Cullinan Diamantenmine.



Die „Chislehurst Caves“, also die zweite Mine, auf die sich Fereira für ihr Projekt bezieht, macht die Verflechtung Südafrikas mit der ehemaligen Kolonialmacht deutlich. Die bereits im 19. Jahrhundert stillgelegte Kreidemine liegt südöstlich von London. Nach der Stilllegung fungierte sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Konzertort für die gegenkulturellen Bewegungen. So trat dort etwa Jimi Hendrix mehrmals auf. Die heute als Touristenattraktion geltende Mine steht damit auch für den Wandel der Formen des Extraktivismus in den westlichen Metropolen, die zunehmend auf die kreativen Kapazitäten des Menschen zielt. In der Arbeit „Research Composite 6“ finden sich Studien zu den Eingängen beider Minen. In anderen Zeichnungen beschäftigt Ferreira sich mit „Star of Africa“ Diamanten, etwa mit seinen Umrissen und Schnittformen.

Der Tagebau reißt Löcher in die Landschaft, die wie Wunden aussehen. Doch der Bergbau hat nicht nur die Oberflächen der Landschaft geprägt, sondern auch die Menschen, die in der Umgebung leben. Die Filmemacherin Katarina Jazbec arbeitete mit einer Gruppe von Stahlarbeitern, jungen Umweltschützer*innen und einer Geologin zusammen.

Einen ungewöhnlichen Weg als Künstler wählte Andy Kassier. Bekanntheit erlangte er durch seine Langzeit-Performance „Success is just a smile away” auf instagram (2013 – 2023). Zehn Jahre lang inszenierte Kassier sich dabei als erfolgreicher und gutaussehender Bussinesstyp, der um die Welt jettet. Im Künstlerhaus sind folgende Arbeiten zu sehen: Eine Skulptur aus reinem Sizilium zeigt die Naturschönheit des Steins und reflektiert dabei auf die Abhängigkeit der meisten Zukunftsbilder von extraktivistischen Praktiken. Zentral für die Serie ist das Ölgemälde „Celestial Odyssey“. Es zeigt das Gesicht des Künstlers vollverchromt vor einem blauen, leicht bewölkten Himmel, während über seinem Kopf ein Cowboyhut zu schweben scheint. Die metallene Oberfläche und die kantigen Umrisse seines Gesichtes lassen ihn dabei als eine Art Hybrid zwischen Mensch und Maschine erscheinen.  



Waffenkauf im Künstlerhaus?  Christian Kölbl präsentiert nun mit seinen „CK Guns“ seine eigene Lifestylewaffen. In trendigen Farbkombinationen und mit dem echten Christian Kölbl Branding versehen, versprechen die nach Tutorials aus dem Internet gefertigten 3-D Druck Waffen einen echten Distinktionsgewinn für ihre Träger*innen. Die Waffe kann über die Homepage des Künstlers erworben werden.

Auf einem schmalen Betonsockel hat der Künstler Johannes Leidenberger ein Stahlgestell angebracht, das einen Kohlestein quasi mühelos in die Luft hebt. Dort ruht die Kohle nun bequem wie auf einem Thron, sie scheint beinahe zu schweben. Daher der Titel „Residuum“. Es ist der Stahl, der dieses Schweben möglich macht. Dabei war es ja eigentlich andersrum: Erst die Kohleförderung in großem Stil machte den großflächigen Einsatz von Stahl in Architektur, Transportwesen, Militärtechnik aber auch in der Kunst erst möglich. Leidenbergers Kohle ist so präzise geschnitten, wie ein Diamant. Durch seine geraden Linien arbeitet er die ästhetischen Qualitäten der Rohstoffe heraus und macht die Extraktion auch als ein ästhetisches Projekt sichtbar.

Auch Helena Uambembes Installation aus Macheten verbindet Fragen der Alltagswelt mit denen der antikolonialen Politik und des Widerstands. Während die Machete in vielen afrikanischen Ländern ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand in der Landwirtschaft ist, geriet sie auch zu einem Symbol der antikolonialen Kämpfe. Noch heute findet sie sich in der Flagge Angolas wieder und auch die streikenden Minenarbeiter in Marikana versuchten verzweifelt, sich mit Machteten gegen die Polizeikugeln zu wehren.

In der zweiten Arbeit, der Videoperformance „How to make a mudcake“ (Wie man einen Schlammkuchen macht) handelt es sich nicht um ein kindhaftes Spiel. Spätestens ihre leicht sarkastischen Kommentare und verwendeten Utensilien, wie etwa die Wasserflaschen von Soldaten, machen dies deutlich: „27 years of democracy and more than 44 years of independence didn‘t do much to the soil and the underlying issues.“



Im Keller läuft das Video von Salvatore Vitale. In seinem Video „I am a human” nimmt Vitale Rückgriff auf die Formen des spekulativen Dokumentarismus, um in einer assoziativen Montage über den Zusammenhang zwischen dem Bergbau in Südafrika, IT-Technologien und der Ausbeutung in der Gig-Ökonomie nachzudenken. In seinen Bildern dokumentiert er dabei weniger deren Arbeit selbst als deren Lebensumfeld und Alltagskultur, etwa ihre selbstgemachte Musik und ihre Tänze. Diese parallelisiert der Künstler dann wiederum mit Einblicken in die Arbeitsbedingungen von südafrikanischen IT-Freelancern, die er über die Online-Plattform Upwork beauftragt hat, um Videos, Bilder und Musik zu erstellen, die ihr tägliches Leben und ihre Arbeitsumgebung zeigen.




Unselfing – Bekämpfung des Egoismus

Ein klein wenig Egoismus ist ja nicht schlecht, aber wenn es ständig nur „Ich!Ich!Ich!“ heißt, das Selbst zum Kapital wird, braucht es eine Korrektur. Das ist das „Entselbstung“ oder „Unselfing“.



Die gleichnamige Ausstellung „Unselfing“ in Dortmunder Kunstverein bezieht sich dabei auf die Arbeiten der Philosophin Iris Murdoch. Der Begriff „Unselfing“ beszieht auf ein Konzept, das sie in ihrem Buch „The Sovereignty of Good“ (Die Souveränität des Guten) aus dem Jahr 1970 eingeführt hat. Iris Murdoch argumentiert darin, dass wir unsere selbstzentrierte Sichtweise überwinden müssen, um moralisch gute Handlungen zu vollbringen. Das „Unselfing“ bezieht sich auf den Prozess der Entselbstung oder der Befreiung von egozentrischen Denkmustern. Das „Unselfing“ beinhaltet also eine Verschiebung von der Selbstbezogenheit zu einem größeren Verständnis und einer größeren Aufmerksamkeit für die Welt außerhalb des eigenen Ichs.

In der Gruppenausstellung, die bis zum 12. Mai 2024 im Dortmunder Kunstverein zu sehen ist, zeigen sieben KünstlerInnen ihre Arbeiten zu diesem Thema.

Ja Jess präsentiert Silikonmasken, die an der Zunge miteinander verbunden sind. Durch die Möglichkeit, dass zwei Menschen diese Masken tragen können, entsteht eine nonverbale Kommunikation, eine Art Nabelschnur. In einem weiteren Werk zeigt Jess umgedrehte Kopfkissen, die in Särgen eingesetzt werden. Damit symbolisiert Jess den Tod seines ursprünglichen Geschlechts.

Der ukrainische Künstler Yuri Yefanov fragte sich 2021, ob menschliche Verständigung auch ohne feste Sprachkonventionen gelingen kann? Aus dem Workshop entstand ein Audiostück, was im Kunstverein zu hören ist. Als Vergleich wird am 05. Mai 2024 in Dortmund ein ähnliches Projekt durchgeführt.

Wer nicht genug vom Hören hat, kann sich bei einer Hörstation ein Gespräch zwischen der Philosophin Iris Mudoch und dem Philosophen Jiddu Krishnamurti anhören. Bei denen geht es um die Frage des Selbst und des Entselbsten.

Nicht nur für Computerarchäologen interessant sind die Arbeiten von Lilian Schwartz. Lilian Schwartz‘ Arbeit konzentrierte sich hauptsächlich auf Computergrafik und digitale Kunst. In den 1960er und 1970er Jahren arbeitete sie mit den damals verfügbaren Computertechnologien, um abstrakte visuelle Kunstwerke und Animationen zu schaffen. Die Fortschritte in der Grafiktechnologie, die durch Künstler wie Schwartz inspiriert wurden, trugen zur Verbesserung der visuellen Darstellung in Computerspielen bei. Zu sehen sind frühe Filme, die zwischen 1970-1974 entstanden sind.

Motten haben in Deutschland wegen der Kleider- und Lebensmittelmotte keinen so ganz guten Ruf, aber ein riesiger Pfauenspinner (Lunar Moth) hängt in halber Höhe über den Boden. Die Motte ist die nächtliche Schwester des Schmetterlings, das Symbol der Trans-Community für Veränderung des Selbst (Raupe->Schmetterling). Geschaffen haben das Kunstwerk Avaf und David Reiber Otálora.

Mit einer anderen Philosophin, nämlich Donna Harraway beschäftigt sich der Künstler Jessy Razafimandimby. Harraway entwickelte das Konzept des „Kinship“. Ihr Ansatz zur Kinship-Idee basiert auf der Vorstellung von „geflickten Identitäten“ und „affektiven Verbindungen“. Statt fester, biologischer Verwandtschaftsbeziehungen setzt sie auf flexible und offene Konzeptionen von Gemeinschaft und Bindung. Razafimandimby benutzt als Kinship seine Beziehung zu seinem verstorbenen Hund und zwingt auch die BesucherInnen bei einem Objekt die Sichtweise eines Hundes anzunehmen.

Musik machen mit einem Teppich? Ja, das geht. Es ist sogar möglich, die Meeresgeräusche nachzuahmen. Cevdet Erek zeigt, wie mit einem Teppich und Handbewegungen die Meeresbrandung in die Dortmunder Innenstadt kommt. Ein Heft bietet eine Anleitung zur Vorbereitung und Durchführung des „See Szenen Stückes“.

„Insektenhotels“ heißen die Arbeiten von David Reiber Otálora. Seine Werke sind auf die Bedürfnisse von Insekten und Vögeln hin gestaltet. Sie können auch funktional als Insektenhotels eingesetzt werden. Beim Film von Yael Bartana „Pardes“ geht es um die persönliche Sinnsuche westlicher Menschen, die in den Urwald fahren, um an einem Ritual teilzunehmen. Bei diesem Ritual wird ein psychedelisches Getränk verabreicht, wobei es zu einer spannenden oder schrecklichen Erfahrung kommen kann. Darüber hinaus kann der Betrachter entscheiden, ob die Kommerzialisierung dieses Rituals positiv oder negativ ist.




Surreale Welten im Phoenix des Lumières – Dali und Gaudi

Mit „Dalí: Das endlose Rätsel“, „Gaudí: Architektur der Fantasie“ und „3 Movements“ locken drei neue, immersive Ausstellungen in die ehemalige Gasgebläsehalle auf dem Gelände Phoenix-West. Nach der kurzen Umbauphase im Januar haben Besucherinnen und Besucher nun die Möglichkeit in die Kunstwerke der katalanischen Meister einzutauchen. Tickets können online und vor Ort erworben werden und bieten Zugang zu allen drei Ausstellungen.



Renaud Derbin, Direktor von Phoenix des Lumières, konnte zufrieden sein: „Mit Phoenix des Lumières haben wir 2023 ein neues Zentrum für immersive Kunst etabliert. Im ersten Jahr konnten wir mit über 530.000 verkauften Tickets einen großen Erfolg verzeichnen.“
Dieses Mal geht die Reise nach Spanien, genauer gesagt nach Katalonien. Den Kern der neuen Dauerausstellung bilden die Werke Salvador Dalís. Durch rund 100 Videoprojektoren, 28 Lautsprecher und 10 Subwoofer werden auf einer Projektionsfläche von über 5.600 m² die Werke zum Leben erweckt und zaubern eine surreale Szenerie inmitten von Dortmund. Die Kurzausstellung zu Antoni Gaudís architektonischen Meisterwerken rundet den katalanischen Teil der Dauerausstellung mit einem farbenfrohen und lebendigen Erlebnis ab.

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den Werken von Dalí, aber auch die Werke von Gaudi beeindrucken der ehemaligen Gasgebläsehalle.
Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den Werken von Dalí, aber auch die Werke von Gaudi beeindrucken der ehemaligen Gasgebläsehalle.

Die Ausstellung „Dalí: Das endlose Rätsel“ begleitet Interessierte durch unterschiedliche Schaffensphasen des Künstlers und nimmt sowohl berühmte als auch weniger bekannte Werke auf. Besucherinnen und Besucher folgen Dalí auf eine künstlerische Reise. Musikalisch begleitet wird das Visuelle von der Musik der Band Pink Floyd: Es treffen Künstler aufeinander, die sich nicht vor Experimenten und dem Herausfordern von Konventionen scheuten.
Die dynamische und farbenvolle Kurzausstellung „Gaudí: Architektur der Fantasie“ komplimentiert die Bilder von Dalí, der maßgeblich von dem Architekten Antoni Gaudí inspiriert wurde. Die immersive Ausstellung würdigt den Baumeister der ikonischen Sagrada Família in Barcelona anhand seiner modernistischen Gebäude, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.
Mit einem Sprung aus dem Katalonien des 20. Jahrhunderts entdecken Besucherinnen und Besucher eine moderne Welt des Tanzens. Für „3 Movements“ wurde erneut das istanbuler Kunst-, Design- und Technologiestudio Nohlab ins Boot geholt. „3 Movements“ ist eine 6-minütige immersive audiovisuelle Erfahrung, die die Beziehung zwischen menschlichen Körperbewegungen und Raum und Zeit erforscht.

Die Öffnungszeiten des Kunstzentrums
Montag bis Donnerstag, von 10 bis 17 Uhr
Freitag und Samstag, von 10 bis 21:00 Uhr
Sonn- und Feiertage, von 10 bis 18 Uhr
Stille Feiertage (Karfreitag, Allerheiligen, Volkstrauertag, Totensonntag): geschlossen

Informationen finden Interessierte unter:
https://www.phoenix-lumieres.com/de/besuch/oeffnungszeiten-und-tarife

Preise

Regulärer Tarif 16 €
Seniorentarif (ab 65 Jahre) 15 €
Ermäßigter Tarif (Schüler:innen, Studierende,
Auszubildende, Personen mit
Schwerbehindertenausweis (Schwerbehinderte
Menschen mit Merkzeichen B sind zur
Mitnahme einer Begleitperson berechtigt).
Bei Vorlage eines Belegs, der – 6
Monate alt ist.) 14 €
Kinder & Jugendliche (5-17 Jahre) 10 €
Familientarif (2 Erwachsene + 2 Kinder) 42 €
Geschenk-/Flextickets 25 €
Gruppe (ab 15 Personen) 13 € pro Person
Schulklassen 8 € pro Person
Freier Eintritt für Kinder unter 5 Jahren

Der Besuch der Ausstellung ist für Kinder unter 2 Jahren nicht empfohlen.
An Familientagen (dienstags) gibt es vergünstigte Preise beim Eintritt für Erwachsene, Kinder & Jugendliche und Familien.

Eintrittskarten
Die Eintrittskarten sind erhältlich unter: www.ticket.phoenix-lumieres.com




Die lebensnahen Bilder der Dortmunder Fotografin Annelise Kretschmer

„Kosmos des Lebens“: Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte zeigt Bilder einer Pionierin der Fotografie

Die Dortmunderin Annelise Kretschmer (1903-1987) gehört zu den bedeutenden Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Im MKK Dortmund wird ihr Schaffen mit etwa 60 Werken gewürdigt.
Die Ausstellung wird am Donnerstag, 25. Januar, um 18 Uhr im Museum für Kunst und Kulturgeschichte eröffnet und ist bis zum 21. April dort zu sehen. Anschließend wandert sie bis Oktober 2025 an acht weitere Standorte in Westfalen-Lippe. In Dortmund wird die Ausstellung ergänzt mit Bildern aus dem MKK Dortmund. Rund 50 Ausstellungsreproduktionen aus dem Bestand des LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster sowie sieben Vintage-Prints aus dem Bestand des MKK zeichnen Kretschmers künstlerische Entwicklung in vier Kapiteln nach.



Annelise Kretschmers Fotografien zeigen ein breites Spektrum an Motiven und Themen – kaum ein Lebensbereich bleibt ausgespart. Sie behauptete sich mit ihrem Fotoatelier in Dortmund in einer Zeit als Künstlerin, als Männer noch unangefochten das Kulturleben dominierten.
Eigene künstlerische Handschrift
In den künstlerischen Entwicklungen der Weimarer Republik wie der Neuen Sachlichkeit oder des Bauhauses erarbeitete sich Annelise Kretschmer eine eigenständige Position. Auch nach der Zäsur des Zweiten Weltkrieges verfolgte sie ein eigenes ästhetisches Konzept. Sie besitzt eine frische Sicht auf die Dinge, was besonders bei ihren reportagehaften Bildern gut sichtbar ist.

Auswahl von Frauenporträts von Anneliese Kretschmer. (Foto: (c) Anja Cord)
Auswahl von Frauenporträts von Anneliese Kretschmer. (Foto: (c) Anja Cord)

Internationale Anerkennung
Als eine der ersten Frauen in Deutschland, die ein Fotoatelier eröffneten, fand Annelise Kretschmer bereits in den späten 1920er-Jahren international Anerkennung. Sie nahm an wichtigen Ausstellungen des noch jungen Mediums Fotografie teil, wie der „Film und Foto“ in Stuttgart, und konnte in Zeitschriften publizieren.

Dortmunder Atelier war wichtiger Anlaufpunkt
Die NS-Zeit bedeutete für Kretschmer, die einen jüdischen Vater hatte, nicht nur persönlich, sondern auch beruflich einen großen Einschnitt. Zwar konnte sie in geringem Umfang weiterarbeiten, an die frühen Erfolge aber nicht wieder anschließen. Später war sie sehr gut in der Kunst- und Kulturszene vor allem von Dortmund vernetzt, ihr dortiges Atelier war ein wichtiger Anlaufpunkt. So zeigt die Ausstellung auch einen Einblick in das kulturelle und städtische Leben von Dortmund. „Wir hoffen das auf Feedback von den Dortmunder* innen, die das Atelier besucht haben, wir suchen Fotos und Geschichten“, sagt Museumsdirektor Dr. Jens Stöcker. Anekdoten und Familienporträts könnten gerne an folgende E-Mail geschickt werden: CWalda@stadtdo.de.
Porträts von Künstlerinnen bis Wissenschaftlerinnen
Sie porträtierte zahlreiche Künstlerinnen und Kulturschaffende. Aber auch andere Personen wie Industrielle oder Wissenschaftlerinnen wurden von ihr fotografiert. Kretschmer entwickelte eine bildnerische Sprache, mit der sie die Persönlichkeit des Menschen einfangen konnte. Ihre Porträt-Aufnahmen sprechen durch ihre Unmittelbarkeit an und berühren, besonders bei ihre Frauenporträts schafft sie es, die Stärke der Frauen herauszuarbeiten. Sie schafft eine Situation des direkten Kontaktes zwischen Betrachtenden und fotografischem Abbild. „Mit dieser Ausstellung rücken wir eine ganz besondere Künstlerin in den Fokus. Ihre Arbeiten, vor allem ihre Porträts, bestechen durch Intensität und Unmittelbarkeit des Ausdrucks“, sagt die Kuratorin der Ausstellung, Ute Christina Koch

Digitale Führungen
Interessierte können sich nicht nur in der Ausstellung, sondern auch in digitalen Führungen der Künstlerin thematisch nähern, beispielsweise im Hinblick auf ihre Netzwerke. Die Führungen werden mittels eines QR-Codes vor Ort im Museum bereitgestellt. Zudem haben die Geschichtsmanufaktur Dortmund und Sophie Reinlaßöder vom LWL-Museumsamt ein Begleitprogramm für Erwachsene sowie Familien entwickelt.
Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster. Das Museum hat im Dezember 2019 den Nachlass der Künstlerin erworben, bestehend aus 2.600 Fotografien als Originalvergrößerungen und etwa 13.000 Negativen.
Foto-Ausstellung im Studio des Museums für Kunst und Kulturgeschichte,
Hansastr. 3, 44137 Dortmund

  1. Januar 2024 bis 21. April 2024
    Der Eintritt ist frei.



Der Ring des Nibelungen – alle gegen Wotan

Tja, er hat es halt verkackt, der gute Wotan. Dabei hat er doch nur das Beste gewollt. Aber wie heißt es doch so schön: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Dafür bekommt er nun Feuer von allen Seiten. Alberich, Fricka, Brünnhilde, die Kinder der Riesen: Alle haben ein Hühnchen mit Wotan zu rupfen. Denn es ist schon peinlich für einen Gott der Verträge, wenn man sich selbst nicht an Abmachungen hält.



Während es bereits zahlreiche Analysen des Werkes von Richard Wagner gibt, die sich auf die ökonomischen Aspekte des „Rings“ beziehen, so setzt sich Autor Necati Öziri mit den zwischenmenschlichen Dingen auseinander. Intendantin Julia Wissert inszenierte das Stück.

Sarah Quarshie (Erda) und das Ensemble. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Sarah Quarshie (Erda) und das Ensemble. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Der Beginn des Stückes ist sehr launig, denn Arda (Tamer Tahan) erklärt erst einmal seinem fiktiven Onkel, was eigentlich die „Nibelungensage“ ist. Schließlich hat er Zweifel, ob er als Gastarbeiterkind und bildungsfern aufgewachsen überhaupt „mitmachen kann“. Nach einer kleinen Zusammenfassung übernimmt Erda (Sarah Quarshie) die Bühne und liest der Menschheit die Leviten, spart dabei auch nicht mit aktuellen Bezügen. „Ihr verschanzt euch auf eurer Burg Walhall hinter hohen Mauern, hinter Zäunen aus Feuer du aus Furcht vor den Heimlosen, die euch heimsuchen, gewährt ihr nur noch den Toten den Eintritt in euer Reich.“

Danach waren die „Götter“ an der Reihe. Alberich (Adi Hrustenović), der als hässlich gebrandmarkte Zwerg machte den Anfang.  Er sprach für die „Einsamen, die Anstrengenden, die Unsympathischen“. Als nächstes sprach die Walküre und Tochter Wotans, Brünnhilde (Nika Mišković). Um Nachschub für Wotans Armee der toten Helden zu sammeln, müssen die Walküren dafür sorgen, „dass die Völker dieser Welt sich weiterhin bekriegen“. Diese Sinnlosigkeit ist sie satt und kündigt an, auf Alberichs Schiff mit den „Verlierern der Geschichte“ zu gehen.

Die Kinder der Riesen, die sich für den Bau der Burg Walhall kaputtgeschuftet hatten und beim Lohn von Wotan betrogen wurden (statt der Göttin der Jugend bekamen sie verfluchtes Gold) forderten von Wotan die Jugend zurück. Die Live-Komponistinnen Isabelle Papst und Maike Küster spielten auf das Schicksal der Gastarbeiter an, die sich in Deutschland und anderen Ländern kaputtgeschuftet hatten.

Auch Wotans Ehefrau Fricka (Antje Prust), auf der Bühne nackt und somit verletzlich,  hatte mit ihm ein Hühnchen zu rupfen, was ihr sichtlich schwerfiel. Denn sie liebt ihn eigentlich immer noch, obwohl er sich von ihr entfernte, wie sie beklagt. Auch die Tatsache, dass Wotan eine Geliebte hat (Brünhilde ist das Kind von Erda und Wotan), macht ihr nicht so sehr zu schaffen wie die Tatsache, dass sie in seinen Augen „verschwindet“, weil sie zu alt geworden ist.

Zum Schluss darf sich Wotan (Alexander Darkow) rechtfertigen. Seine Argumente, er habe schließlich aus dem Chaos etwas aufgebaut, seiner Familie ein Heim geschaffen. Er verhält sich wie der typische „alte, weiße Mann“, der weder seine Fehler eingestehen will, noch akzeptiert, dass sich die Welt gerade verändert. Frustriert, dass seine Arbeit und Mühen nicht von der Nachfolgegeneration gewürdigt werden. Letztlich steckt er „seine“ Welt selbst in Brand.

Julia Wissert gelang ein durch den „Ring“ eine gelungene Inszenierung des alten, germanischen Mythos. Wagner-fern und Dank Öziri auf aktuelle Themen konzentriert. Ragnarök, also die Götterdämmerung, wird kommen und Wotan und die alten Götter und ihre Ordnung hinwegfegen. Sie halten sich leider bis zum Schluss an die Macht und sorgen für Not und Elend. Die angeblichen Verlierer der Weltgeschichte sammeln sich und keine Burg Walhall wird sie aufhalten.

Ein gelungenes Spektakel, auch dank der Livemusik von Isabelle Papst, Maika Küster und Yotam Schlezinger, die die Bühne teilweise ordentlich gerockt haben.

Wer also den „Ring“ mal ohne Wagnerianisches Pathos in weniger Zeit erleben möchte oder überhaupt mal wissen möchte, worum es beim „Ring“ geht, sollte auf jeden Fall eine Vorstellung besuchen.

Infos unter www.theaterdo.de




Paavo Järvi – das Prequel zur Zeitinsel Avro Pärt

Der estnische Dirigent Paavo Järvi präsentierte mit dem Estonian Festival Orchestra einen Vorgeschmack auf die kommende Zeitinsel für seinen estnischen Landsmann Arvo Pärt. Daneben gab es Musik des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov und dem russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch zu genießen.



Den beginn machte Silvestrov mit seiner lyrischen „Abendserenade“. Seine Musik ist leise, behutsam und die Melodien sind sachte miteinander verwoben.

Die Sinfonie Nr.1 von Arvo Pärt, die danach erklang, verweist auf alte musikalische Traditionen. Titel wie Kanon, Präludium und Fuge könnten wir eigentlich von Johann Sebastian Bach und Zeitgenossen erwarten, aber nicht von einem Werk aus dem Jahre 1963. Die konstruktive Grundlage der Sinfonie ist die Notenreihe aus der Zwölftonmusik, die streng eingehalten wird. Die Kanons im ersten Satz verlaufen in Wellen, die gegen Ende am höchsten ansteigen. Ein Violinsolo zu Beginn des Präludiums scheint die Rolle eines langsamen Mittelsatzes zu spielen. Der eigentliche Höhepunkt der gesamten Komposition wird in der Fuge durch einen einzigen energiegeladenen dynamischen Aufstieg gebildet.

Danach stand „Summa“ von Pärt auf dem Programm. Es wurde erstmals 1977 unter dem Titel „Credo“ komponiert und später 1991 für Streichorchester unter dem Titel „Summa“ überarbeitet. In „Summa“ verwendet Pärt die Tintinnabuli-Technik, bei der zwei Stimmen, die Melodie und der Tintinnabuli (Glockenklang), miteinander verflochten sind. Die Melodie bewegt sich oft in Schritten, während die Tintinnabuli-Stimme einfache Dreiklänge spielt. Das Ergebnis ist eine ruhige und meditative Atmosphäre.

Nach der Pause erklang das „Cantus in Memory of Benjamin Britten“ von Pärt, dem es leider nicht vergönnt war, den britischen Komponisten persönlich kennenzulernen. Auch hier verwendet Pärt die Tintinnabuli-Technik, wobei im „Cantus“ die Glocke eine zentrale Rolle spielt. Die Wirkung von „Cantus“ liegt in seiner ruhigen Intensität und der Kombination von Traurigkeit und Schönheit. Es erzeugt eine eindringliche und meditative Stimmung.

Zum Schluss wurde auch die erste Sinfonie von Schostakowitsch gespielt. Hier zeigte der erst 19-jährige Komponist schon, was ihn später auszeichnete: Das Brechen mit traditionellen Formen sowie Ironie und Satire. Die Sinfonie Nr. 1 zeigt zwar Einflüsse von zeitgenössischen Komponisten wie Igor Strawinsky, Sergej Prokofjew und Alexander Skrjabin. Dennoch entwickelt Schostakowitsch bereits hier seinen eigenen, unverkennbaren Stil.

Paavo Järvi begeisterte mit seinen Musikern das Dortmunder Publikum, so dass er sogar eine Zugabe geben musste. Ein großartiger Start in die Zeitinsel Arvo Pärt.




austropott mit neuer Premiere: Die Tür nebenan

Die Liebessorgen und-nöte der 40jährigen ist das Thema der Komödie „Die Tür nebenan“ von Fabrice Roger-Lacan. Premiere hat das Stück in Dortmund am 27. Januar 2024 im Kino im U. Spielt wird es von Michael Kamp und Monika Bujinski, beide vom Theater austropott.



Zum Stück: Eigentlich stehen beide Hauptpersonen mit beiden Beinen im Leben. Er arbeitet in der Werbebranche, sie ist Psychologin. Das Problem: Sie wohnen Tür an Tür, aber können sich nicht leiden, zumal sie völlig unterschiedlich ticken. Also komplett das Gegenteil von gleich und gleich gesellt sich gern. Ihre wahre Liebe suchen sie im Internet. Wer erfahren möchte, wie sie doch zueinanderfinden, sollte sich ein Ticket für die Vorstellungen von „Die Tür nebenan“ besorgen.

Haben sich wegen Kleinigkeiten in den Haaren: Monika Bujinski (Sie) und Michael Kamp (Er). (Foto: (c) austropott)
Haben sich wegen Kleinigkeiten in den Haaren: Monika Bujinski (Sie) und Michael Kamp (Er). (Foto: (c) austropott)

Das Stück von Roger-Lacan passt perfekt in das Beuteschema von austropott. „Es ist für zwei Personen, es ist eine gelungene, nicht zu platte Komödie und die Leute können sich damit identifizieren“, erklärte Michael Kamp. Auch der Grund, warum es wieder eine französische Komödie ist, hatte er eine Antwort parat: „Die Franzosen haben mehr Esprit“, so der Schauspieler.

Wer interessiert ist an „Die Tür nebenan“: Termine und Karten gibt es auf der Internetseite von austropott: https://austropott.de/stuecke/die-tur-nebenan.html




Rising Stars – Sternstundenmarathon im Konzerthaus

Einmal im Jahr ist es soweit – ein über vierstündiges Konzert mit aufstrebenden NachwuchskünstlerInnen. Die „jungen Wilden“ zeigten, dass sie an ihren Instrumenten bereits wahre Meister sind. Es spielten Júlia Pusker (Violine), Christia Hudziy (Klavier), Sebastian Heindl (Orgel), Sean Shibe (Gitarre), das Sonoro Quartett, Mathis Stier (Fagott) und Ria Akamatsu (Klavier).



Den Beginn machte die Violinistin Júlia Pusker, die begleitet wurde von Christia Hudziy am Klavier. Den Beginn machten die „Fünf Melodien“ von Sergej Prokofjew in der Fassung für Violine und Klavier. Diese Stücke sind charakterisiert durch ihre expressive Vielfalt und die Fähigkeit des Komponisten, eine breite Palette von Emotionen und Stimmungen zu erfassen. Danach folgte das Auftragsstück für Pusker. Alle „Rising stars“-Künstler bekommen jeweils ein Auftragswerk auf ihren Leib geschrieben. Und Éric Tanguy schaffte mit „Trois pièces“ für Violine solo die Virtuosität von Pusker zu unterstreichen. Sein Stück ist eine Art Hommage an das Instrument und zeigt die Bandbreite der Emotionen, die die Violine hervorbringen kann. Den Schlusspunkt setzte Pusker mit der Rhapsodie für Violine und Klavier von Béla Bartók. Die wilden Tänze aus seinem Heimatland Ungarn hat der Komponist bewahrt, was zu einem wunderbaren Hörerlebnis führte.

Danach war Sebastian Heindl an der Orgel an der Reihe. Wer Bach erhofft hatte, wurde enttäuscht, denn Heindls Leidenschaft liegt nicht nur in der Klassik, sondern auch im Jazz und im Rock. Vor allem die Hammondorgel hat es ihm angetan. So kamen neben Clara Schumanns „Caprice à la Boléro“ und Camile Saint-Saens “Dance macabre” auch eine “Rock-Toccata” von Heindls selbst komponiert zu Gehör. Es ist faszinierend, wie Heindl die Orgel so einstellen kann, dass sie wie unterschiedliche Instrumente klingt. Auch das Stück „Orck“, das von Moritz Eggert für ihn geschrieben wurde, verwendet verschiedene Spieltechniken und unterstreicht die Virtuosität von Heindl.

Nach der großen Pause stand Sean Shibe im Mittelpunkt. Bei seinem Solo-Konzert im Mai 2023 zeigte sich Shibe noch experimentierfreudig und spielte auf Laute, Gitarre und E-Gitarre. Beim Sternstundenmarathon beließ er es bei akustischer Gitarre. Auf seinem Programm stand Johann Sebastian Bachs „Präludium, Fuge und Allegro“ (BWV 998). Bachs herausragender Technik, expressiver Tiefe und innovativem Geist wurde von Shibe Genüge getan. Auch beim Auftragswerk von Thomas Adès („Forgotten dances“) zeigte, dass Shibe ein wahrer Meister am Griffbrett ist. Die Akkordfolgen und Läufe waren ziemlich herausfordernd.

Danach war es Zeit für das Sonoro Quartett. Sie starteten das Konzert mit dem Streichquartett Hob. III:78, das durch seine melodische Schönheit, formale Klugheit, dynamische Vielfalt und den programmatischen Charakter des zweiten Satzes, der den Sonnenaufgang darstellt, beeindruckt. Auch die MusikerInnen Sarah Jégou-Sagemann (Violine), Jeroen de Beer (Violine), Séamus Hickey (Viola) und Léo Guiguen (Violoncello) konnten auch musikalisch überzeugen und harmonierten perfekt zusammen.

Das zweite Stück, ein Auftragswerk Annelies van Parys mit dem Titel „Tsunami“, ist geografisch in Japan angesiedelt, jedoch geht es in dem Stück nicht um einen Wassertsunami, sondern um den Klang einer Vielzahl von Zikaden. So wurden die Streichinstrumente des Sonoro Quartetts zu einem Meer von Zikaden.

Von einem Inselstaat zum nächsten führte uns Mathis Stier nach der Pause. Mit seinem Fagott ging es nach Island. „Remenbering“ von Maria Huld Markan Sigfúsdóttir beschäftigt sich mit dem Thema Gedächtnisverlust, Demenz und vagen Erinnerungstücken, die ab und zu auftauchen. Die Kombination zwischen dem Fagott und der Elektronik, die bearbeitete Klänge von Cellos abspielen, sorgte für eine mystische Atmosphäre.  

Danach folgte die Sonate für Fagott und Klavier von Camille Saint-Saëns. Stier zeigte uns ihre Eleganz, melodische Schönheit und Virtuosität. Seine Begleiterin am Klavier war Rie Akumatsu. Zum Schluss spielten beide noch „Interférences“ von Roger Boutry. In diesem Werk setzt Boutry die einzigartigen Qualitäten des Fagotts ein, um melodische Linien und virtuose Passagen zu präsentieren, während das Klavier als Begleitinstrument und zur Erweiterung des Klangspektrums dient.