Brice Dellsperger – Ein Spiel der Identitäten und Beziehungen

Unter dem Titel „Jalousies“ zeigt der Dortmunder Kunstverein bis zum 25. August Arbeiten von Brice Dellsperger. Im Mittelpunkt stehen seine Videoarbeiten, doch in der ersten Etage sind einige von Dellspergers Gouachen ausgestellt.



Filmszenen nachspielen haben vermutlich viele gemacht. Doch Brice Dellsperger geht einen Schritt weiter und verbindet ausgewählte Szenen in seiner Werkserie „Body Double“ mit einer queeren Perspektive. Dellsperger hat ein Faible für Thriller der 80er und 90er Jahre. Daher sind Szenen aus „Body Double“ von Brian De Palma, „Dead Ringers“ von David Cronenberg und „Blow Out“ ebenfalls von Brian De Palma zu sehen. Entweder spielt Dellsperger alle Rollen selbst („Blow Out“), dabei schlüpft er in Frauenkleidung, sodass alle Figuren auch weiblich gelesen werden.

Filmstill: Brice Dellsperger Body Double 39, 2023/24
Filmstill: Brice Dellsperger Body Double 39, 2023/24

Im Prinzip benutzt Dellsperger das Nachspielen eines Films als queeres Reenactment, um somit die narrativen Verschiebungen sichtbar zu machen, wenn sich die Geschlechter der Protagonisten ändern. In seinen Gouachen zeigt er Szenen aus Hollywoodfilmen oder referiert Popkultur. Dellsperger unterzieht seine Werke auch einer queeren Lesart.

Sonderveranstaltungen zur Ausstellung:

  • 06.06. DO, 19 UHR
    FILMABEND + KÜNSTLERGESPRÄCH
    Binge Watching Body Double
  • 27.06. DO, ab 19 UHR
    THEMENABEND: CAMP IM KINO
    FÜHRUNG & VORTRAG
    Prof. Dr. Sophia Prinz: Zwischen Widerstand und Pink-Washing
  • 05.07. FR, 20 UHR
    QUEER CINEMA II:
    EARLY CLASSICS
  • 20.08. DI, 18 UHR
    KURATORINNENFÜHRUNG
  • 24.08. SA, 21 UHR
    PERFORMANCE
    Zoe Williams, Katie Shannon & Keira Fox: TLC23PEDESTRIANFETISHMAG2024

Brice Dellsperger ist bekannt für seine einzigartigen Videoarbeiten und Gouachen, die Hollywoodszenen und Popkultur durch eine queere Linse neu interpretieren.




Schwelgen im barocken Bläserklang

Das fünfte und letzte Kammerkonzert dieser Spielzeit fand am 16. Mai 2024 in der ehrwürdigen Rotunde des Museums für Kunst und Kulturgeschichte statt. Ursprünglich als Gebäude für die Sparkasse erbaut, verwandelte sich der Tempel des Geldes über einen Tempel der Geschichte hin zu einem Tempel der Musik.



Umgeben von Artefakten aus der langen Geschichte Dortmunds stand Barockmusik auf dem Programm. Das frühe 18. Jahrhundert war eine äußerst fruchtbare Zeit für Barockmusik, in der unzählige Komponisten wie Bach, Händel oder Telemann ihre Werke schufen.

Das fünfte Kammerkonzert trug den Titel „Bläserkolorit“ und konzentrierte sich auf die Holzbläser. Zwei Oboen (Tomoharu Yoshida und Sarah Kaufmann), ein Fagott (Minori Tsuchiyama), ein Kontrabass (Tomoko Tadokoro) und Ursula Hobbing am Cembalo spielten Werke von Händel, Telemann, de Boismortier, Fasch, de Fesch und Zelenka.

Vieles in der Barockmusik entspringt höfischen Tänzen, sowohl langsamen als auch schnellen, wie zum Beispiel das Menuett, die Sarabande oder die Allemande. Auch dieses Kammerkonzert war tänzerisch geprägt, es war viel Lebensfreude zu spüren, die sich auch auf die Musizierenden übertrug.

Ein Abend für Barockliebhaber und solche, die es noch werden wollen.




Noa Wildschut verzaubert das Dortmunder Konzerthaus

Am 13. Mai bot die Geigerin Noa Wildschut im Dortmunder Konzerthaus einen Kammermusikabend der Extraklasse dar. Gemeinsam mit Pablo Barragán an der Klarinette und Frank Dupree am Klavier präsentierte sie ein leidenschaftliches und facettenreiches Programm, das folkloristische Musik aus dem Balkan sowie jüdische Melodien in den Mittelpunkt stellte. Werke von Béla Bartók, Paul Ben-Haim, Claude Vivier, Ernest Bloch und Paul Schönfeld boten den Rahmen für diesen musikalischen Höhenflug.



Schon Bartóks „Kontraste“ und die rumänischen Tänze ließen die ungebändigte Freude und Energie der Künstler durchscheinen, die sich unweigerlich auf das Publikum übertrug. Die Musik pulsierte vor Lebenslust, wobei insbesondere die rumänischen Tänze den ersten Teil des Abends schwungvoll abschlossen.

Paul Ben-Haims Kompositionen verknüpften die westlichen Klänge seiner deutschen Heimat mit den Einflüssen seiner Wahlheimat Israel und berührten tief durch die tragische Gemeinsamkeit, dass weder Ben-Haim noch Bartók ihre Heimatländer jemals wiedersehen sollten.

Der zweite Teil des Abends begann mit Claude Viviers „Pièce pour violon et clarinette“, einer virtuosen und humorvollen Studie in Chromatik, die den Dialog zwischen Violine und Klarinette auf spannende Weise erkundete. Die Rückkehr zu jüdischen Themen erfolgte mit Ernst Blochs „From Jewish Life“, dessen melancholische Tiefe die Zuhörer in ihren Bann zog.

Den Abschluss bildete Paul Schönfelds zeitgenössisches Werk aus dem Jahr 1990, das wie Ben-Haim und Bloch jüdische Themen mit westlicher klassischer Musik verwob. Diese Stücke zeugten von der kraftvollen und zugleich sehnsuchtsvollen Natur der jüdischen Musiktradition, die den Abend prägte.

Ein durch und durch abwechslungsreicher Abend, der von den drei herausragenden Musikern getragen wurde. Die perfekte Balance aus Energie und Melancholie machte diesen Konzertabend zu einem unvergesslichen Erlebnis, das noch lange nachhallte.




Dritte Orte feiern

Vom 24. bis zum 26. Mai 2024 laden die DRITTEN ORTE DORTMUND zu vielen kleinen Kultur-Events im ganzen Stadtgebiet ein. DRITTE ORTE DORTMUND – das ist ein Netzwerk freier Begegnungs- und Kulturorte: einladende Orte für Begegnung und Kommunikation in der Nachbarschaft, lebendige Orte für interdisziplinären und interkulturellen Austausch, großzügige Orte zum Teilen von Wissen und Ressourcen, bunte Orte, die Kunst, Kultur und Teilhabe mehr Sichtbarkeit in der Stadtgesellschaft verleihen.



Zehn dieser Orte bieten am Wochenende (24.–26.5.24) ein vielfältiges Programm. An jedem der Orte gibt es Kultur pur: Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, Tanz, Workshops und Gespräche. Eintritt frei! Wer mehrere der Veranstaltungen an einem Tag erleben möchte, ist zur DRITTE-ORTE-Bustour eingeladen. Zwei Stadtrundfahrten der besonderen Art führen jeweils am Samstag (25.5.24) und Sonntag (26.5.24) zu mehreren DRITTEN ORTEN.

Entdecken Sie besondere kulturelle Orte mit drei Bustouren.
Entdecken Sie besondere kulturelle Orte mit drei Bustouren.

Möglich machen dies das Engagement vieler ehrenamtlich Aktiver sowie Förderungen der Stadt Dortmund im Rahmen des Programms „Spielräume – Fußball im Herzen“ und vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen durch Soziokultur NRW.
2024 ist Dortmund eine der gastgebenden Städte der Fußball-Europameisterschaft. Darum haben einige Orte die Gemeinsamkeiten von Kultur und Sport als Thema aufgenommen. Die DRITTEN ORTE DORTMUND zeigen, was Gastgeber:innen jenseits des Stadions zu bieten haben: Toleranz, Vielfalt und Teamgeist!

Interessierte sind zu allen Einzelveranstaltungen unabhängig von den Bustouren herzlich willkommen. Alle DRITTEN ORTE verzichten auf Eintritt, freuen sich natürlich über Spenden.
Die Bustouren sind kostenpflichtig – Tickets und Preise:
DRITTE-ORTE-KulTour 1
Sa, 25.5.24 • 14.30–21.00 Uhr
Hörde – City – Kaiserviertel – Nordstadt
15,- € / ermäßigt 10,- €
DRITTE-ORTE-KulTour 2
So, 26.5.24 • 14.00–21.00 Uhr
Klinikviertel – Aplerbeck – Kaiserviertel
15,- € / ermäßigt 10,- €
DRITTE-ORTE-KulTour-Kombi
Sa/So, 25./26.5.24
25,- € / ermäßigt 15,- €

Detaillierte Informationen zu allen Veranstaltungen und zum Vorverkauf für die Bustour unter der Projekt-Website www.dott-netzwerk.de/projekte/dritte-orte-dortmund und auf Eventim!




Satan – Solostück mit Iggy Malmborg

Eine Inszenierung im Theater kann aufwändig und üppig sein, sie kann aber auch mit wenig Requisiten realisiert werden. Der schwedische Schauspieler Iggy Malmborg bringt das aber noch auf die Spitze, denn er braucht in seinem Programm „Satan“ am 10. und 11. Mai 2024 im Theater im Depot nur einen Stuhl.



Gut, es gibt noch einen kleinen musikalischen Beitrag und einen Theaterkampf, aber die meiste Zeit der etwa 90 Minuten sitzt Malmborg auf seinem Stuhl und erzählt seine fiktive Geschichte, die am Ende einen besonderen Twist hat, soviel sei verraten.

Die Geschichte handelt von einem Protagonisten, der in einer religiösen Sekte in Schweden groß wird und versucht, sich langsam zu emanzipieren und es letztendlich mit Hilfe seines Freundes Adam, eines Atheisten, auch schafft. Da er an einer seltenen Erkrankung leidet, die es ihm unmöglich macht, jemanden aktiv zu Schaden oder selbst bei Bewerbungsgesprächen selbstbewusst zu sprechen, gerät er letztendlich in Obdachlosigkeit. Dank der Beschäftigung mit der Kunst, er wird Schauspieler, kann er sein Leben in den Griff bekommen. Dann trifft er seinen alten Freund Adam wieder, der ein skrupelloser, aber erfolgreicher Geschäftsmann geworden ist. 

Die Reduzierung von Theatermitteln auf das Wesentliche, die Erzählung einer Geschichte, führt automatisch dazu, sich auf die Hauptfigur zu konzentrieren. Die zwar auf Englisch erzählt (mit deutschen Übertiteln), aber alle hängen an seinen Lippen. Auf jeden Fall war es ein intensiver Abend.




Rheingold oder in jedem Anfang liegt schon das Ende

In der Spielzeit 23/24 war es soweit. Als dritte Aufführung des Ringzyklus kam am 09. Mai 2024 Wagners „Rheingold“ in der Oper Dortmund zu Gehör. Normalerweise ist „Rheingold“ ja der Beginn des Zyklus, der „Vorabend“. Regisseur Peter Konwitschny würfelte die Reihenfolge aber durcheinander und so erlebten die BesucherInnen nach der „Walküre“ und „Siegfried“ erst jetzt das „Rheingold“.



Bereits im „Rheingold“ sind viele Elemente vorhanden, die letztendlich zur „Götterdämmerung“ führen. Für mich spielt eine Person eine entscheidende Rolle. Nein nicht Wotan, sondern Loki oder Loge, wie ihn Wagner nennt. Loki ist ein Gott, der in einem Gut-Böse-Dualismus fehl am Platze scheint. Er ist ein Trickster, eine Figur wie Prometheus oder Mephisto. Ein Wanderer zwischen den Welten, stets aber auf eigene Rechnung handelnd. Er ist es, der Wotan überredet, Freia als Pfand für die Riesen zu überlassen, um danach, als sich eine Katastrophe anbahnt, schnell einen anderen Plan auszuhecken, der im Grunde das Ende der Götter einläutet.

Rheingold: Tommi Hakala (Wotan) hört zu, was Ks. Matthias Wohlbrecht (Loge) ihm einflüstert. Foto: (c) Thomas M. Jauk
Rheingold: Tommi Hakala (Wotan) hört zu, was Ks. Matthias Wohlbrecht (Loge) ihm einflüstert. Foto: (c) Thomas M. Jauk

Natürlich geht es wie der Titel schon vermutet auch um die Gier nach Geld, Gold und Macht. Diese Gier sorgt dafür, dass Alberich der Liebe entsagt und generell Mord und Totschlag herrscht. Der Ring, aus dem Gold geschmiedet, bringt Neid und Missgunst hervor, ein Motiv, das auch J.R.R. Tolkien für sein Epos benutzte.

Passend dazu schuf Jörg Kilian eine passende Bühne. Er verortet die Entstehungsgeschichte der nordischen Mythen in eine Steinzeit und so wohnen die hehren Götter als Jäger und Sammler in Zelten und haben Kleidung aus Fellen. Nur Alberich hat den Kultursprung zum Banker in Manhattan wohl geschafft, nur lässt er sich hereinlegen und wird mit Gewalt seiner Macht beraubt.  In „Rheingold“ holt sich jeder was er braucht mit Gewalt. Leider passte das letzte Bild mit den Göttern in Rollstühlen nicht so ganz ins stimmige Bild.

Was absolut stimmig war, waren die Stimmen und die Musik. Ob Wotan (Tommi Hakala), Loge (Ks. Matthias Wohlbrecht) oder das Brüderpaar Fasolt (Denis Velev) und Fafner (Artyom Wasnetsov): es war ein Genuss alle beteiligten beim Singen zu erleben, unterstützt von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Gabriel Feltz.

„Rheingold“ ist ein herrliches Opernerlebnis, nicht nur für Wagner-Fans.

Mehr Infos zu Terminen und Karten unter www.theaterdo.de




Adas Raum –Frauenschicksale über Jahrhunderte

Wie kommt ein Armband aus Westafrika aus dem 14. Jahrhundert in eine Ausstellung nach Deutschland? Das ist die Geschichte von „Adas Raum“, das am 27. April 2024 Premiere hatte. Ars tremonia besuchte die zweite Vorstellung am 05. Mai.



Anhand eines mystischen Überbaus schuf die Autorin Sharon Dodua Otoo eine Geschichte über eine Art „ewige Ada“, die in verschiedenen Zeitepochen lebt. Zudem gibt es weitere Gemeinsamkeiten: Ein perlenbesetztes Halsband und das Ende durch eine Pistolenkugel.

Linda Elsner (vorne), Nika Mišković, Lucia Peraza Rios, Akasha Daley und Viet Anh Alexander Tran in "Adas Raum" Foto: (c) Birgit Hupfeld
Linda Elsner (vorne), Nika Mišković, Lucia Peraza Rios, Akasha Daley und Viet Anh Alexander Tran in „Adas Raum“ Foto: (c) Birgit Hupfeld

Die Geschichte beginnt 1459 in Totope, Westafrika, als der damaligen Ada ihr Armband von einem portugiesischen Seefahrer geraubt wurde und bei dem Versuch es wiederzuerlangen, erschossen.

Ihre nächste Inkarnation führt Ada nach England ins Jahr 1845. Sie ist eine brillante Mathematikerin. Das Vorbild ist erkennbar Ada Lovelace, die als erste Frau Computerprogramme schrieb. Im Gegensatz zur Ada im Stück wurde sie im „wahren Leben“ nicht erschossen, sondern starb mit nur 36 Jahren an Gebärmutterhalskrebs.

Das Armband gelangt 1945 nach Deutschland, wo die nächste Inkarnation von Ada im KZ Buchenwald Sexzwangsarbeit verrichten muss. Sie versucht vor ihrer Exekution zu fliehen und wird erschossen. Das Armband gelangt in die Hand eines SS-Manns, dessen Sohn es einem Museum gibt.

„Adas Raum“ schneidet gleich mehrere Themen an: Raubkunst aus Afrika und Gewalt gegen Frauen durch Männer. Verbunden durch die Existenz der „ewigen“ Ada und durch Gegenstände wie dem Armband wird daraus eine bewegende Reise durch die Zeit.

Weitere Infos unter www.theaterdo.de




Ausbreitungszone – Könnten wir zurück in den Wald?

Der Wald gilt ja in Deutschland seit der Romantik als eine Art Sehnsuchtsort. Der Wald erfuhr als Sinnbild der malerischen Natur, aber auch der unergründlichen und gegensätzlichen Welt große Verehrung. In den Werken der Maler Caspar David Friedrich und Moritz von Schwind oder des Dichters Joseph von Eichendorff ist der Wald allgegenwärtig.



Doch in dem Theaterstück „Ausbreitungszone“ der französischen Autorin Mariette Navarro geht es nicht nur um den Wald als Rückzugsort, sondern um Themen wie Identität oder Isolation. In „Ausbreitungszone“ gehen 12 junge Menschen in einen Wald hinein, der sich mysteriöserweise ausgebreitet hat. Die Grenze zwischen Stadt und Wald ist kaum erkennbar. Doch alle haben nicht die gleichen Gründe. Für die einen ist aus Ausbruch aus den alltäglichen Leben in der Großstadt, andere erhoffen, aus ihrer Isolation zu fliehen.

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Dieser Weg wird kein leichter sein:  Jugendclubproduktion "Ausbreitungszone" mit Johannes Weber, Charlie Lutomski, Lea Sommer, Stelle Hanke, Niklas Havers, Nessa Cofala, Marie Gelfert, Rebecca Poersch, Jost Förster, Julia Hartmann, Daria Deuter und Ariana Paktin. Foto: (c) Birgit Hupfeld
Dieser Weg wird kein leichter sein: Jugendclubproduktion „Ausbreitungszone“ mit Johannes Weber, Charlie Lutomski, Lea Sommer, Stelle Hanke, Niklas Havers, Nessa Cofala, Marie Gelfert, Rebecca Poersch, Jost Förster, Julia Hartmann, Daria Deuter und Ariana Paktin. Foto: (c) Birgit Hupfeld

Die Mitglieder des Jugendclubs unter der Leitung von Christine Appelbaum und Franz Marie Hoffmann zeigten am 04. Mai 2024 im KJT , dass die romantische Sicht auf den Wald oder das Unbekannte durchaus nicht immer ganz einfach ist. Wie reagiere ich, verhalte ich mich falsch, was will ich überhaupt da? In einer Spielszene erzählen sich die Teilnehmenden, was sie an der Stadt fasziniert wie Geräusche und ähnliches.

Dennoch ist der Wunsch nach einer Gegengesellschaft bei allen spürbar. „So kann es nicht weitergehen“ scheint das gemeinsame Motto zu sein. Diese Gefühle sind nicht neu. Die frühe Naturschutz- und Umweltbewegung, die Jugendbewegung, sozialdemokratische Naturfreunde, Wandervögel und Wandervereine haben bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Gegenmodell zum Großstadtleben propagiert.

Das Ende von „Ausbreitungszone“ besitzt Anspielungen auf die Besetzung des „Hambacher Forsts“ und schlägt eine Brücke zu den aktuellen Umweltschutzgruppen wie Fridays for Future oder Letzte Generation. Ein großes Lob an die jungen Schauspielenden. Mit dabei waren: Nessa Cofala, Daria Deuter, Jost Förster, Marie Gelfert, Stella Hanke, Julia Hartmann, Niklas Havers, Charlie Lutomski, Ariana Paktin, Rebecca Poersch, Lea Sommer und Johannes Weber




Protestlied als Kunstform

„The People United Will Never Be Defeated!“ ist ein bekanntes Klavierstück des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski. Es wurde 1975 komponiert und basiert auf dem chilenischen Protestlied „¡El pueblo unido jamás será vencido!“ von Sergio Ortega und Quilapayún. Rzewski schuf eine monumentale Variationsserie über das Thema dieses Liedes.

Am 03. Mai 2024 sollte eigentlich Giorgi Gigashvili das Stück im Konzerthaus spielen, aber leider musste er aus gesundheitlichen Gründen absagen. Dafür übernahm Emanuil Ivanov seinen Platz.

Die Zuhörenden, die bei der Reihe „Musik für Freaks“ gewöhnlich auf der Bühne saßen, erlebten ein Klavierfeuerwerk der besonderen Art. Rzewski seziert das Volkslied ähnlich wie Johann Sebastian Bach seinerzeit die Goldberg-Variationen. In den Goldberg-Variationen verwendet Bach ein Thema und präsentiert dann 30 Variationen, während Rzewski in „The People United“ das chilenische Protestlied als Ausgangspunkt nimmt und 36 Variationen komponiert. Sowohl Bach als auch Rzewski stellen hohe Anforderungen an den Pianisten. Die Goldberg-Variationen sind technisch anspruchsvoll, erfordern jedoch auch eine subtile interpretatorische Fähigkeit, um die musikalischen Nuancen jeder Variation zu erfassen. Bei „The People United“ sind neben der technischen Beherrschung des Instruments auch komplexe rhythmische Muster und moderne Spieltechniken erforderlich.

Natürlich unterschieden sich beide Werke auch: Rzewski unterteilt seine Variationen thematisch: Zunächst kommen einfache Ereignisse, dann folgen Rhythmen, Melodien, Kontrapunkte, Harmonien und zum Schluss werden alle Elemente wieder zusammengefügt. Rzewski zitiert auch im Verlauf des Stückes das „Solidariätslied“ von Brecht und Eissler oder das italienische „Bandiera rossa“. Hier wird deutlich, dass Rzewski im Gegensatz zu Bach auch eine politische Komponente integrierte.

Letztlich muss ich Ivanov loben, der das Stück mit Bravur spielte, denn wie erwähnt, erfordert „The people united“ hohe technische Ansprüche, dabei kommen Dinge wie Pfeifen oder Klavierdeckel zuschlagen auch vor.

Dies alles ließ Ivanov leicht und locker aussehen und wurde vom Publikum zurecht gefeiert. Erst nach zwei Zugaben war das Konzert zu Ende.




MAMATOR – oder Glanz und Elend eines Kuttenfans

Eine Kutte ist eine Jeansjacke, die mit Aufnähern übersäht ist. Bei Fußballfans steht meist der eigene Verein im Vordergrund, doch es gibt auch Aufnäher, die den Rivalen oder andere missliebige Vereine beleidigen. Ihre Hochzeit hatten die Kuttenfans im Fußball in den 70ern und 80ern. Mittlerweile sind sie in den Stadien beinahe eine Randerscheinung geworden, im Mittelpunkt der Fankultur stehen die Ultras-Gruppierungen, die mit Gesängen und Choreografien das Bild der Profiligen prägen.



Die Kuttenfans stehen auch für die eher proletarische Variante der Fußballfans, die die Stadien bevölkert haben, als Fußball noch nicht hip war und auch nicht in den verschiedenen Privat-TV-Sendern gezeigt wurde. Von Sky und Co ganz zu schweigen.

Basierend auf dem Roman „Nordkurve“ des Gelsenkirchener Autors Michael Klaus, der 1993 von Adolf Winkelmann verfilmt wurde, erarbeitete der kürzlich verstorbene Theatermacher Rolf Dennemann für artscenico einen Text mit dem Titel „Mamator oder guck mal ob die Mama guckt“.

„Mamator“ ist ein Solostück, das in einem Hinterhof spielt. Denn „Mamator“ spielt mit der Umgebung. Maximilian Strestik als namenloser Protagonist versucht öfters mit seiner Umgebung zu kommunizieren, sei es umherfliegende Vögel oder imaginäre Nachbarn.

Der Handlungsrahmen ist kurz erzählt: In einem Hinterhof hat sich ein Mann seinen Rückzugsort geschaffen. Der Mann ist Mitte 40 und lebt eigentlich noch bei seiner Mutter. Vor seiner Mutter verheimlicht er, dass er arbeitslos ist. Er ist leidenschaftlicher Fußballfan, Welterklärer, Biertrinker und hat, so sagt er, Stadionverbot. Dabei findet heute das entscheidende Spiel seines Vereins gegen den Abstieg statt.

Die Hauptfigur hat die Begabung, so nenne ich es mal, lose Zusammenhänge zu verknüpfen und dann in Wortkaskaden auf die Zuschauenden loszulassen. So verbindet er beispielsweise Wurstsorten mit Redewendungen in denen Wurst vorkommt. Vergleichbar mit einem Typen in der Kneipe, der einem nach einem oder zwei Bier ungefragt die Welt erklärt, indem er beliebige Bruchstücke zu einem Ganzen zusammenfügt.

Dazu passt das Setting sehr gut: Ein etwas heruntergekommener Hinterhof in der Missundestraße in der Nordstadt wird zu einem Fußballfeld, Grillplatz und Aufenthaltsort, den natürlich die Mama nicht entdecken darf.

Rolf Dennemann zeigt uns die Hauptfigur als einen Menschen, der sich seine eigene Welt geschaffen hat, in der der Geist der 70er/80er Jahre weht („Früher hießen die Fußballer noch Eisenfüße“). Auch zu erkennen im Namen des Wirtsehepaars Gerda und Jupp.

Diese Figur bringt uns Maximilian Strestik sehr gut rüber. Seine ganze Versponnenheit und positiver Enthusiasmus für seinen Verein machen ihn sofort sympathisch und sorgen für einige Lache im Publikum.

Auch wenn das Stück nicht für die EM 2024 konzipiert wurde, es ist eine wunderbare Reminiszenz an eine Fußballkultur, die es in dieser Form nur noch selten gibt. Zumal das Ruhrgebiet sicherlich eine Hochburg der Kultur der Kuttenfans war.

Wer also den Menschen hinter der Kutte erleben möchte, kann am 03. und 04. Mai 2024 jeweils um 19 Uhr in die Missundestraße 10 kommen.

Eintrittspreise 17/10€

Tickets online unter ticketree oder Reservierung unter orga@artscenico.de.

Darsteller: Maximilian Strestik

Regie: Matthias Hecht

Regieassistenz: Ludwig Juhrich

Dramaturgie: Berthold Meyer

Ausstattung: Marius Glagovsek

Mitarbeit Produktion: Sven Möller

Fotos: Guntram Walter Artwork / Presse & Öffentlichkeitsarbeit: Lars Wege