Susanne Thiemann, „PINKCLOUD“, 2011, Kunststoffschlauch zweifarbig geflochten, 200 x 50 x 50 cm
Bei den Flechtarbeiten von Susanne Thiemann hat der Betrachter den Eindruck: Gerade eben ist etwas fließendes erstarrt. Wie Lava oder ein gefrorener Wasserfall wirken die Kunstwerke, die vom 11. April bis zum 18. Mai 2014 in der Galerie Dieter Fischer im Depot Dortmund zu sehen sind.
Der Titel der Ausstellung „Flechtworks“ spielt auf das Material und die Arbeitsweise an, das Thiemann für ihre Skulpturen benutzt: Die Künstlerin flechtet Kunststoffschläuche zu Kunstwerken. Gelernt ist gelernt, denn Thiemann ist gelernte Korbflechterin. Doch wie Körbe oder Tasche wirken ihre Arbeiten überhaupt nicht. Hier muss sich der Betrachter eigene Gedanken machen. Weitere Arbeiten sind auch begleitend zur Ausstellung „anybody can have an idea“ im Museum Ostwall im Dortmunder U zu sehen (wir berichteten).
In der Ausstellung sind neben den Skulpturen auch zwei Frottagen zu sehen. Was sind Frottagen? Bei der Frottage wird die Oberflächenstruktur eines Gegenstandes durch Abreiben auf Papier übertragen. Bei Thiemanns Frottagen erahnt man schon die Strukturen ihrer späteren Skulpturen.
Die Öffnungszeiten der Galerie Dieter Fischer ist donnerstags von 16 bis 20 Uhr. Und nach Vereinbarung.
Einen Einblick in die Szene der „Neo-Burlesque“ in New York bot der Film „Exposed“, der im Beisein von Regisseurin Beth B. am 10. April 2014 im Schauspielhaus gezeigt wurde. Vor und nach dem Film gab Tänzerin Bunny Love eine Kostprobe.
Burlesque hatte ihre Hochzeit in den USA in den 30er bis 50er Jahren. Der Unterschied zwischen Striptease besteht im wesentlichen darin, dass die Tänzerinnen und Tänzer eine ausgefeilte Bühnenshow hinlegen, statt sich einfach nur auszuziehen.
In Beth B.’s Film wurde eine besondere Komponente des Neo-Burlesque beleuchtet: Die Regisseurin begleitete acht Tänzerinnen und Tänzer über mehrere Jahre auf ihrer Reise durch die Szene. Dabei wurde deutlich, dass der Mut, sich auf der Bühne auszuziehen, obwohl man oder frau nicht über das Schönheitsideal verfügt, ist auch eine Form der politischen Aussage: „Seht her, ich bin körperlich behindert, ich lege trotzdem eine Burlesque-Show auf die Bühne, ziehe mich aus und ihr feiert mich.“ Dadurch entsteht eine Form von persönlicher Freiheit, die auch raus auf der Opferecke führt. Man beginnt, sich selbst zu lieben. Ein Antwort, die öfter im Film auftaucht.
Der Film ist keinesfalls eine Freak-Show, er zeigt vielmehr den Kampf von Individuen durch Vulgarität der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, infrage zu stellen, was „Normal“ ist. Dabei dekonstruieren sie auch gängige Rollenmodelle wie beispielsweise Bunny Love es live vor Filmbeginn tat. Sie trat als „Southern Belle“, der klassischen Südstaatenschönheit auf, die im Laufe der Vorführung immer mehr von ihrer Hysterie und ihren Ängsten übermannt wird, bis sie als Finale völlig nackt sich ein Messer in die Vagina rammt.
Acht Jahre ist es her, dass die rechtsextremistische NSU auch in Dortmund gemordet hat. Über zehn Jahre konnten die Mitglieder der Terrorzelle ungehindert zahlreiche Morde bedienen. Die offensichtlichen Ermittlungspannen und -fehler wurden in den Sitzungen des Vermittlungsausschusses diskutiert. Mit dabei als Besucherinnen war die Autorin Esther Dischereit, die aus dem Stoff zunächst ein Libretto für eine Oper machen wollte, aus der dann der Roman „Blumen für Otello“ entstand. Am Samstag, den 12. April um 18:00 Uhr im Studio des Schauspielhauses Dortmund wird die Autorin neben der DJane Ipek aus dem Buch lesen. Organisiert wird die Lesung vom Schauspiel Dortmund dem dem Verein „Vision Interkultur“.
„In dem Buch stellt sich die Autorin die Frage, was ist mit den Opfern“, so Michael Eickhoff Chefdramaturg des Schauspiels Dortmund. “ Dischereit macht dies auf eine poetisch und einfühlsame Art und Weise.“ Doch den Text wird es nicht nur auf Deutsch geben. DJane Ipek wird Auszüge daraus auch auf Türkisch lesen. Dischereit stößt sich an den sprachlichen Ungenauigkeiten und Diffamierungen, die die Poizei und die Medien benutzt haben. So war am Anfang der Ermittlungen ständig von „Döner-Modern“ zu lesen und ein Opfer wird als Blumenhändler bezeichnet, obwohl er eigentlich ein Blumen-Großhändler ist.
Unterstützt wird die Veranstaltung materiell und ideell von unterschiedlichen Organisationen.Neben dem Kulturbüro unterstützt das Kommunale Integrationszentrum und die Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie die Lesung mit jeweils 500 €, Klaus Wegener von der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund, versprach ebenfalls einen ähnlich hohen Betrag, falls noch Restkosten entstehen würden. Mehr ideell, aber mit einem großen Netzwerk im Rücken, unterstützt VMDO, ein Dachverband von 40 Migrantenorganisationen mit verschiedenen Migrationshintergründen, die Veranstaltung.
Karten für die Veranstaltung kosten 10 €, ermäßigt 5 €. Mehr unter www.theaterdo.de oder 0231 50 27222.
Ein Abend mit patriotischer Musik
Drei Werke der Musik, die für eine Nation mehr sind als bloße Musikstücke, präsentierten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz beim 8. Philharmonischen Konzert am 08. und 09. April im Konzerthaus. Sibelius, Haydn und Prokofjew waren zu hören und Ars tremonia war am Mittwoch dabei.
Den Beginn machte die Tondichtung „Finlandia“ von Jean Sibelius. Er schrieb das Werk 1899. Zu der Zeit war Finnland noch unter russischer Herrschaft und es machte sich eine Russifizierungswelle breit. Es beschreibt zunächst musikalisch die Unterdrückung der Finnen, dann erklingen hoffnungsvolle Blechbläser, dazwischen gibt es auch sanfte melodische Klänge, die einem Finnlands Seen und Wälder vor Augen führen können. Zum Ende hin erklingen hymnischen Fanfarenklängen. Ein wuchtiges Werk, dass ebenso wuchtig von den Dortmunder Philharmonikern dargebracht wurde.
Der zweite Teil war weniger wuchtig, denn dann stand Haydns Streichquartett C-Dur op.76 Nr. 3 auf dem Programm. Bekannt als „Kaiserquartett“ lieferte sie nicht nur die Melodie für die alte österreichische Hymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“, sondern bekanntlich auch für die aktuelle deutsche Nationalhymne. Und wie es sich für ein Quartett gehört, spielten auch nur vier Musiker: Shinkyun Kim (Violine), Maike Schmersahl (Violine), Roman Nowicki (Viola) und Franziska Batzdorf (Cello). Schwungvoll und einfühlsam präsentierten die Musiker das berühmt gewordene Werk.
Nach der Pause kam der russische Teil. Sergej Prokofjews „Alexander Newski“ Kantate op. 78 aus dem Jahre 1938. Die Planer konnten es natürlich nicht ahnen, dass die Konzerte in eine Zeit fallen, in denen Russland, die USA und Europa in der Ukraine-Krise stecken. So klingen die Textzeilen „Erhebt euch ihr Russen, zu einer glorreichen Schlacht“ oder „wer Russland angreift, ist des Todes“ für den einen oder anderen etwas befremdlich.
Inhaltlich handelt die Kantate von Alexander Newski, einem russischen Fürsten, der 1240 erst gegen die Schweden und 1242 gegen den Deutschen Orden erfolgreich war. Zuvor komponierte Prokofjew die Filmmusik zu Sergej Eisensteins „Alexander Newski“. Seine Kantate ist aber noch patriotischer und pathetischer als die Filmmusik.
Gabriel Feltz ließ jedes der sieben Teile langsam, fast wie in Zeitlupe, verklingen. Der Opernchor des Theaters Dortmund sang den russischen Text mit Bravour und die tschechische Mezzosopranistin Jana Sýkorová sang herzzerreißend von einem russischen Mädchen, die auf dem Schlachtfeld ihren Bräutigam sucht.
Ein schöner Abend mit den Philharmonikern, dem Chor und der Solistin. Die beeindruckende Musik machte aber auch deutlich, wie schnell man mit viel Pathos, Menschen in eine bestimmte Richtung lenken kann. Welche Folgen das haben kann, sieht man zur Zeit gut im Ballett „Krieg und Frieden“ von Xin Peng Wang zur Musik von Dimitri Schostakowitsch.
Geierabend spendet für bodo e.V.
Einen Scheck mit der unrunden Summe von 6.301 Euro überreichten heute Ensemble-Mitglieder des Geierabends an Vertreter des Straßenmagazins „bodo“.
In der vergangenen Session hatten die Zuschauer der Karnevals-Show ihre übrig gebliebenen Verzehrwertmarken zu Gunsten von „bodo e.V.“ gespendet. Der gemeinnützige Verein ist vor allen durch sein Straßenmagazin mit seinen rund 100 Verkäufern bekannt. Er bietet jedoch mit einem Umzugsunternehmen und einem Secondhand-Buchladen weitere Beschäftigungsprojekte für Menschen in schwierigen Lebenslagen.
Die Geierabend-Darsteller bereiten ich schon auf ihr Open-Air vom 13. bis 15. Juni im Biergarten „Tante Amanda“ in Westerfilde vor.
Scheck, Wertmarken und Kinderwagen: (v.l.n.r.) Roman Henri Marczewski, Tanja Walter (bodo), Sandra Schmitz und Bodo-Verkäufer Harald Hofmann.
Mit „İz – die Spur“ präsentierte am 07. April das Schauspielhaus Dortmund das dritte Stück der Gastspielreihe „Szene Istanbul“. „İz“ von Ahmet Sami Özbudak, aufgeführt von GalataPerform, ist ein sehr politisches Stück. Es erzählt die Geschichte einer Wohnung in Istanbul und das Schicksal ihrer Bewohner zu verschiedenen Zeiten.
Drei Handlungsebenen werden auf der Bühne parallel erzählt. Es wirkt beinahe so, als ob man drei Filme übereinander sieht. Die große Kunst der Theatergruppe von GalataPerform ist, dass alle drei Ebenen nebeneinander laufen, ohne dass Chaos herrscht oder irgendetwas unverständlich ist. Die Zuschauer sehen nur einen Raum der Wohnung live, doch mittels Videokameras wird das Geschehen in den beiden anderen Räumen auf zwei Fernsehern gezeigt. Zu Beginn erfordert es etwas Anpassung, doch mit der Zeit gewöhnt man sich daran, zumal die wichtigen Teile der drei Handlungsstränge im vorderen Raum passieren. Die türkischen Texte wurden zudem noch in deutscher Übersetzung als Übertitel gezeigt.
Die drei Geschichten handeln von Außenseitern in der Istanbuler Gesellschaft: Christen, Kommunisten und Homosexuelle. Sie spielen zu verschiedenen Zeiten, haben aber alle eine Botschaft: Toleranz gibt es für sie nicht.
So verlassen die beiden griechisch-türkischen Schwestern Markiz und Eleni nach den Pogromen im September 1955 die Stadt, obwohl sie sich eigentlich immer als Istanbulerinnen gefühlt haben. Sie sind zwei Schicksale von den 100.000 Griechen, die der Türkei danach den Rücken gekehrt haben.
Ihre Mutter, die sie in ihrem Zimmer zurückgelassen haben, umgibt ein Geheimnis. Was sie für eine Krankheit hat oder was mit ihr geschehen ist, weiß niemand genau. Diese Mutter wurde jedenfalls längere Zeit nicht mehr öffentlich gesehen und ist so etwas wie der Geist des Hauses.
Die zweite Zeitschleife spielt 1980. Keine gute Zeit für Linke, denn in der Türkei herrschte die Militärdiktatur unter General Kenan Evren. Ahmet, der linke Aktivist, der als Art Untermieter in der Wohnung lebt, muss seine Bücher vor dem Zugriff von Polizei und Geheimdienst verstecken. Doch kommt ihm sein Vermieter auf die Schliche und verrät ihn an die Polizei, die ihn erschießt.
Um das Jahr 2000 spielt die letzte der drei Geschichten. Transvestit Sevengül und sein Liebhaber Rizgar leben ebenfalls in der besagten Wohnung, doch als Rizgar Probleme beim Drogenhandel bekommt und sein kurdischer Cousin auftaucht, kommt es zur Katastrophe.
„İz“ ist ein Stück über Minderheiten in Istanbul, es fängt sehr langsam an, steigert aber seine Intensität fast ins Unerträgliche, beispielsweise als Markiz von ihrer Vergewaltigung in einer zerstörten Kirche erzählt. Das lag auch an den guten Leistungen der Schauspieler, die ihre Charaktere glaubhaft darstellen konnten.
Das Seniorentanztheater wird fünf Jahre alt und präsentiert dieses Jahr ihre fünfte Produktion. Diesmal hat sich das 24-köpfige Ensemble mit einem Klassiker der Literatur auseinandergesetzt. Am 16. und 17. Mai 2014 steht „Macbeth – eine Versuchung“ auf dem Spielplan des Dortmunder Schauspielhauses. Inszeniert hat das Stück der Düsseldorfer Choreograph Marcus Grolle, der bereits im vergangenen Jahr die Inszenierung von „glücklich?!“ geleitet hat.
„ Jeder Mensch hat auch dunkle Seiten“, so Grolle und wo werden sie besser herausgearbeitet als bei Shakespeares Macbeth. Das Stück, in dem die Hauptfigur zunächst zwischen Treue und Ehrgeiz hin und her gerissen ist, bis der Wille zur Macht durchbricht, bietet eine gute Möglichkeit, die dunklen Seiten des Lebens auszuloten. Der Nebentitel „eine Versuchung“ zeigt deutlich, dass hier keine reine Literaturumsetzung geplant ist, sondern es geht um einen Versuch bzw. um eine Annäherung an das Stück.
Der biografische Erfahrungsschatz der Tänzerinnen und Tänzer fließt in die choreografische Literaturbearbeitung ein. Und dieser Erfahrungsschatz ist nicht gering, denn beim Seniorentanztheater sind zur Zeit Frauen und Männer von 55-78 Jahren aktiv. So sind Texte entstanden, die vom Kriegsende berichten und wie es in der Nachkriegszeit weiterging. „Macbeth stirbt, aber das Leben muss irgendwie weiter gehen“, so Grolle.
Tische und Stöcke werden auf der Bühne als Requisiten eingesetzt, es gibt eine Videoeinspielung und die Musik stammt hauptsächlich von zeitgenössischen Komponisten wie Maryanne Amacher, Angelo Badalamenti oder James Fulkerson.
Für die aktuelle Produktion mussten die 19 Frauen und fünf Männer einiges an Zeit investieren. Seit Oktober 2013 gab es wöchentliche Proben sowie zweimal jährlich viertägige Intensivwochenenden von freitags bis montags.
Infos und Karten unter www.theaterdo.de oder telefonisch 0231 5027222.
Mit dem Baron ein Tänzchen wagen?
Am Sonntag, den 06. April startete das Rahmenprogramm des 5. Afro Ruhr Festivals mit einer außergewöhnlichen Tanzdarbietung im Theater im Depot. Koffi Kôkô und Kettly Noël, beide Tänzer und Choreografen sind Repräsentanten der modernen afrikanischen Tanzszene, zeigten „Un tango avec le Baron“. Europa, Afrika und Voodoo trafen sich. Die Inszenierung wurde live durch den Kölner Trompeter und Komponisten Udo Moll begleitet.
Ein Mann und eine Frau. Beide in weiß gekleidet: Kôkô im Frack, Noël im Kleid. Zwei weiße Hocker. Auf der linken Seite nahm Moll Platz. Nachdem die beiden Tänzer auf die weißen Hocker gestiegen waren und einen Text rezitierten, begann das Spektakel.
Moderner europäischer Tanz verband sich mit afrikanischen Elementen, die zeitweise einen starken Voodoo-Einschlag bekamen. Denn beim Voodoo geht es auch um eine Veränderung des Transformationszustandes des Körpers, in unseren Kreisen negativ besetzt als „Besessenheit“. Aber im Prinzip bedeutet es nichts anderes, als in andere Rollen hinein und wieder herauszuschlüpfen.
Natürlich geht es auf einer anderen Ebene auch zum die Beziehung zwischen Mann und Frau. Der Kampf der Geschlechter, die Begierde, die Verführung. Tolle Bilder zeigten Kôkô und Noël als er versuchte, dass sich ihre Finger berührten, sie aber gelangweilt ihren Finger nahe beim Körper behielt.
Wer oder was war nun eigentlich der Baron? Kôkô, der gegen Ende des Stückes auch einen eleganten Hut aufhatte, könnte, wenn man die Voodoo-Analogie weiterführt, den Baron Samedi darstellen, ein Geistwesen (Loa) im Voodoo. Dazu würde passen, dass im Stück das Veve (ein grafisches Symbol) von Madame Brigitte, seiner Ehefrau, auf die Leinwand projiziert wurde. Dazu passten die Hintergrundgeräusche, die geheimnisvoll und manchmal bedrohlich klangen.
Nach knapp einer Stunde kehrten die Zuschauer von der Reise in eine geheimnisvolle Welt zurück und dankten den Tänzern mit großem Applaus.
Nach „Arsen und Spitzenhäubchen“ hatte am Samstag, den 5. April 2014 der „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn als zweiter Komödien-Spaß unter der Regie des Duos Peter Jordan und Leonhard Koppelmann seine Premiere auf die Bühne des Dortmunder Schauspielhauses.
Diese absurd-turbulente britische Komödie hat es wirklich in sich.
In dieser abgefahrenen Geschichte rund um das Theater versucht der verzweifelte Regisseur Lloyd Dallas mit seinem Assistenten Poppy Norton-Taylor und dem Inspizienten Tim Allgood kurz vor Mitternacht die am nächsten Tag anstehende Premiere des Stückes „Nackte Tatsachen“ zu retten.
Doch das Chaos hinter der Bühne groß, sondern auch Backstage wüten Eifersucht, Neid und Geltungsdrang. Das Problem ist, alle müssen irgendwie zusammenhalten, denn es steht, wie in England üblich, eine zehnwöchige Tournee an…
Ein Stück über Schauspieler, die ein Stück proben, klingt eigentlich mehr nach Insider-Gags. Doch „Der nackte Wahnsinn“ bot als Komödie alle Zutaten, was der Zuschauer an einer Komödie schätzt: Wenn irgendwo eine Tür zugeht, geht woanders eine Tür auf. Belanglose Requisiten wie beispielsweise Sardinen spielen plötzlich eine große Rolle und Schauspieler wechseln urplötzlich ihre Rollen. Schließlich durfte auch eine gewisse Portion Slapstick nicht fehlen.
Dabei zeigte das Dortmunder Ensemble erneut, welch gute Chemie zwischen den Schauspielern herrscht. Denn eine solche Komödie braucht Esprit, sonst funktioniert sie nicht und verkommt zur Nummernrevue.
Andreas Beck spielte mit sichtlichem Vergnügen den Regisseur mit langem Pferdeschwanz, mal väterlich mild verständnisvoll, dann wieder bestimmend („wenn Gottvater spricht“ ) und aufbrausend und laut, wenn die Jungschauspielerin Brooke Ashton mal wieder nichts versteht. Peer Oscar Musinowski als Regieassistent Poppy Norton-Taylor steht ihm als etwas „tuntig“ mit blonder Popper-Haarperücke treu zur Seite. Musinowski konnte hier, wie zum Beispiel schon in „Drama Queens“ bewiesen, sein komisches Talent wieder voll ausleben. Sebastian Graf spielt den Inspizienten und Bühnenmeister Tim Allgood, der als „Mädchen für alles“ fungiert. Klemmen Türen muss Tim ran, braucht das Ensemble noch Einbrecherkostüme, muss er sich trotz Schlafdefizit („Tim war 48 Stunden auf den Beinen“) ebenfalls drum kümmern.
Regisseur Peter Jordan hatte die Schauspielriege sehr gut besetzt. Fast möchte man niemanden herausheben, doch sehr gut war Friederike Tiefenbacher, die die leicht schusselige „Dotty Otley“ spielte. Dotty hatte darüber hinaus Geld in die Produktion gesteckt und sah im Laufe des Stückes ihre Altersvorsorge davonschwimmen. Auch Merle Wasmuth brillierte mit ihrer Darstellung der äußerst naiven Jung-Schauspielerin „Brooke Ashton“, die leider öfters ihre Kontaktlinsen verlor. Doch auch Frank Genser, Ekkehard Freye, Eva Verena Müller und Uwe Schmieder waren bei der Premiere gut aufgelegt.
Die beiden Regisseure Jordan und Koppelmann haben sich beim Bühnenbild nicht lumpen lassen und nutzten den Vorteil, den eine Drehbühne sich bietet. Im ersten Teil sah das Publikum ein ganz normales Bühnenbild, den Eingangsbereich eines typischen englischen Herrenhauses. Denn es war Generalprobe.Im zweiten Teil wechselt die Perspektive. Dann sehen wir das Bühnenbild von hinten. Und es wird deutlich: Aus dem Zusammenhalt am Anfang ist Neid, Missgunst und Eifersucht geworden. Im dritten Teil ist das Chaos dann perfekt. Zu sehen ist wieder das Bühnenbild vom Beginn, nur hat es durch die lange Reise und die vielen Aufführungen ordentlich was abbekommen. Die Treppe zum ersten Stock besteht nur noch zur Hälfte aus dem Original, manche Türen sind verschwunden. Der pompöse Elchkopf verliert auch noch sein Geweih.
Die Aufführung war ein augenzwinkernder Blick hinter die Kulissen des Theaters mit viel Spaß und Selbstironie der beteiligten Schauspieler/innen am Spiel.Sie verlangte den beteiligten Schauspieler/innen in den drei Stunden sowohl physisch als auch vom genauen Timing alles ab.
Kurz gesagt: Bei „Der nackte Wahnsinn“ ist der Titel Programm. Und ehrlich gesagt: Das ist auch gut so!
Weitere Vorstellungen: 9., 19., 25., 27. April und 8. Mai. Infos und Karten gibt es unter www.theaterdo.deoder 0231 5027222.
Ist es Zufall, dass die Neuauflage des Balletts „Krieg und Frieden“ von Xin Peng Wang gerade zur 100-jährigen Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkrieges aufgeführt wird? Denn genauso wie in Tolstois Meisterwerk waren die Menschen 1914 zunächst euphorisch, bis sie dann die Schrecken des Krieges am eigenen Leib erfahren mussten. Auch bei den vier Protagonisten Natascha, Lisa, Andreji und Pierre wird der Krieg zum Entscheider über ihr weiteres Schicksal. Ars tremonia war bei der Premiere der Neufassung am 04. April im Opernhaus Dortmund dabei.
Mit Monica Fotescu-Uta als Natascha und Mark Radjapov als Andreji waren zwei Akteure dabei, die schon vor sechs Jahren mitgetanzt haben. Damals war das Handlungsballett „Krieg und Frieden“ etwas unerhört Neues auf der Dortmunder Ballettbühne und bedeutete gleichzeitig die Eigenständigkeit des Balletts als eigene Sparte.
Das Ballett beginnt mit einem Fest und endet mit einem Totentanz. Auch hier sind Parallelen zu 1914 und 1918 erkennbar. Das „Fin de siècle“ endete in Revolutionen und Chaos. Xin Peng Wang zeigt in seinen Choreografien sehr eindrucksvoll die Schrecken des Krieges und die Verzweiflung der zurückgebliebenen Frauen. Gleich zu Beginn des zweiten Teils tanzen Natascha und Lisa (Jelena-Ana Stupar) ein ergreifendes Duo. Beide Verlassene, dadurch sie sind sich doch sehr ähnlich. Das wird in der Choreographie deutlich. Unterstützt wird das Duo durch die Ergreifende Filmmusik zu „Odna“ (Allein) von Dimitri Schostakowitsch.
Drastisch erzählt Xin Peng Wang das Schicksal der Soldaten. Militärischer Zwang, Gewalt und am Ende die Schlacht und der Tod. Pierre (Alysson da Rocha Alves) überlebt zwar, aber mit Schäden an Körper und Seele.
Da Rocha Alves tanzt einen Pierre mit all seinen Facetten. Von Hurrapatriotismus bis zum verzweifelten Opfer der Kriegsmaschinerie. Mark Radjapov tanzt den zerrissenen Andreji, der zwischen zwei Frauen steht. Einerseits mit Lisa verheiratet, liebt er eigentlich Natascha. Hier nimmt ihm der Krieg die Entscheidung ab, er fällt.
Fotescu-Uta tanzte die erst unbeschwerte Natascha mit kecker Fröhlichkeit, doch wird sie schon bald den Ernst des Lebens kennenlernen. Ergreifend die Abschiedsszene, als sie zusammen mit Lisa (Stupar) Pierre und Andreji in eine ungewissen Zukunft verabschieden müssen.
Beim Bühnenbild waren das Auffälligste eine Vielzahl von Haken, an denen Körbe befestigt waren. So entstand ab und zu der Eindruck einer Waschkaue. Sehr effektvoll wurden sie beim erwähnten Duo der beiden Frauen eingesetzt. Zunächst schienen sie wie eine Art von Grenzziehung und Distanz, doch mit der Zeit verschwanden die Körbe und Natascha und Lisa tanzten gemeinsam.
Ein weiteres gelungenes Element bei der Aufführung war das Licht. Als das Corps de Ballett als Soldaten aufmarschiert, scheint es durch die Schattenwirkung, als ob hunderte weitere Menschen mitmarschieren.
Die Musik zum Ballett stammt von Dimitri Schostakowitsch. Dabei wurde darauf geachtet, nicht nur die populären Stücke des Komponisten zu nehmen wie beispielsweise die 7. Sinfonie, sondern auch eher unbekannte Werke wie die Filmmusik zu „Odna“. Die Dortmunder Philharmoniker unter Philipp Armbruster zeigten ebenso wie die Tänzer ein souveräne Leistung.
„Krieg und Frieden“ ist ein Handlungsballett mit starken Emotionen. Für alle Beteiligten gab es vom Publikum Standing Ovations zum Schluss.
Weitere Termine: 13.04.14, 19.04.14, 16.05.14, 28.05.14 und 19.06.14
Karten sind noch erhältlich unter www.theaterdo.de oder 0231 50 27222.