tt#14 8. Tag – Geständnisse von Bankern und Gewinner des Theatertreffens

Am Abschlusstag des NRW Theatertreffen 2014 boten das Theater Aachen im Studio des Dortmunder Schauspiels mit ihrem Stück „Das Himbeerreich“ von Andres Veiel unter der Regie von Bernadette Sonnenbichler eine bildhaft direkten Einblick in die Abgründe in die deregulierten Finanzmärkte unserer Zeit. „Himbeerreich“ ist übrigens ein von Gudrun Ensslin einmal während ihrer Gefängnishaft benutztes Synonym für den Kapitalismus.

 

Dem Publikum wurde beim Einlass auf einer die ganze Zeit gnadenlos laufenden „Schuldenuhr“ plastisch vor Augen geführt, in welchem Tempo die Verschuldung tatsächlich vor sich geht. Neben vier kleinen Tischen mit Rollstühlen als kalter Arbeitshintergrund waren auch vier „Goldbarren“ in einer Vitrine zu sehen. Eine Gitarre und Keyboard dienten der musikalische Untermalung. Zwischendurch benutzten die Schauspieler eine Tafel für anschauliche Darstellungen der komplexen und verwirrenden Zusammenhänge. Besonders witzig war, dass ab und an mit einer Fernbedienung „zurückgespult“ wurde und die Schauspieler dazu die passenden Bewegungen und Geräusche machten. Fast so echt wie auf einem Videoband.

 

Die Inszenierung war in acht Kapitel aufgeteilt. Zunächst wurde die Geschichte des Stück mit Video-Unterstützung durch einen SWR -Fernsehinterview mit dem Autor erzählt. Das Publikum erfuhr unter anderem so von dem „Schweigegelübde“, das den 25 Bankern aus Vorständen und Topmanagement Anonymität garantieren musste. Die sechs Schauspieler, darunter eine Frau, vereinten als fiktive Kunstfiguren mehrerer realer Personen.

 

Schnell ist klar, die Manager und Vorstandsmitglieder der Banken sind selbst gefangene eines Systems, dass sich vormacht, alles nur „to better the comfort of life“ zu machen. Es werden mit faulen Krediten und Versicherungen und Wetten auf Verluste kurzfristig exorbitante Gewinne gemacht, Risiken verschoben und kleingerechnet. Bis irgendwann das System zusammenbricht. Aber wie sagte einer Schauspieler so schön zynisch: „Sind ja alles nur Steuergelder“.

 

Besonders anschaulich machte die Aufführung die riesige Staatsverschuldung mit Reiskörnern im Vergleich zu anderen in verschiedenen Behältern. Die „faulen Kredite“ waren schön verpackt in einer Karton mit einem beruhigenden „Gütesiegel AAA“ der Rating-Agenturen. Rauchnebel aus dem Karton ließ sich aber nicht verdecken. Da stinkt etwas gewaltig.

 

Eine wichtige Rolle spielt die Politik. Nicht nur, dass sie den Bankern nicht auf die Finger schaut, sondern sie stachelt auch noch die Großmannssucht an. Deutschland soll ein internationaler Bankenplatz werden, daher muss eine transatlantische Zwangsehe über die Bühne gehen, koste es was es wolle. Selbst das Parlament soll sich „marktkonform“ verhalten. Dadurch macht sie sich aber erpressbar.

 

Warum bloß wird nur niemand wütend? Vielleicht weil sich niemand traut, vom Baum der Erkenntnis zu essen.

 

Danach fand die Preisverleihung statt. Den Jugend- und den Publikumspreis bekam „Die deutsche Ayşe. Den Preis für den besten Schauspieler erhielt Stefko Hunushevsky, den Ensemble-Preis ging nach Oberhausen für „Die Orestie“. Den Hauptpreis der Fachjury bekam „JR“ von den Wuppertaler Bühnen.

 

Die Redaktionsfavoriten „Minna von Barnhelm“ (Michael) und „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ (Lisa) hatten leider keine Chancen, aber wir sind auch nicht vom Fach.

 

Das wirklich gute Theatertreffen 2014 beendeten die Tiger Lillies mit ihrer großartigen Performance. Musikalisch angesiedelt in den 20er und 30er Jahren spielten sie Musik, die mal osteuropäisch, mal irisch, mal nach Brecht/Weill klang. Zuvor hatte der musikalische Leiter des Schauspielhauses, Paul Wallfisch, das Konzert eröffnet.




tt#14 7.Tag – Ayşe und Aischylos

Der 7. Tag des NRW-Theatertreffens präsentierte zum zweiten Mal einen Doppelpack. Zunächst zeigte das Theater Münster die „deutschen Ayşe“, ein Theaterstück basierend auf den Erfahrungen der ersten Generation türkischer Einwanderer, die Ende der 60er bzw. Anfang der 70er Jahre nach Deutschland kamen. Danach ging es zum Auswärtsspiel nach Oberhausen. Dort wurde „Die Orestie“ gezeigt.

 

Hinter den drei Geschichten der deutschen Ayşen steckten echte Erfahrungen dreier Frauen. Theater gewordene oral history. Sehr schön war es, als die Schauspielerinnen über ihre Hoffnungen und Vorurteile (Kartoffeln!) über Deutschland sprachen. Man merkte in jedem Wort, wie sehr sich die drei Frauen auf Deutschland freuten. Wie sie Sprachkurse belegten und sich integrieren wollten.

Doch die Enttäuschung lies nicht lange auf sich warten. Statt in eine Großstadt wie Istanbul kam man in die Schwäbische Alb, nach Menden oder nach Beckum. Hier waren die Frauen Fremde in einer Gesellschaft, die absolut kein Interesse an Integration hatte. Ganz im Gegenteil zu den Türkinnen.

 

Das Stück konzentriert sich ganz auf die erste Generation von Türken, die neugierig nach Deutschland gekommen ist. Die Herausforderungen der nachfolgenden Generationen wird nicht thematisiert.

 

Klasse war es, als sich die drei Schauspielerinnen zum Schluss auf Türkisch bei einem imaginären Abwerbungsbüro vorstellten.

 

 

In Oberhausen empfing uns ein beeindruckendes Bühnenbild. Eine Art schwarzer Zauberkasten nahm den größten Raum ein. Nach jeder Szene wurden die Wände herunter gefahren und auf einem Laufband gab es kurze Infos zum nächsten Geschehen. Nach dem Umbau wurden die Wände wieder hoch gefahren.

Der australische Regisseur Simon Stone präsentiert das antike Drama „Die Orestie“ von Aischylos als Art Familiendrama im US-Serienformat. Stone erzählt die Geschichte verkehrt herum und beginnt mit der Ermordung Klytaimnestra durch ihren Sohn Orest. In den weiteren Akten wird die Entstehung des Familiendramas, des „Fluches“ erzählt. Agamemnon erlaubt seiner Tochter Iphigenie den Selbstmord. Die Mutter von Iphigenie, Klytaimnestra, tötet deshalb ihren Mann Agamemnon.

 

Eigentlich wollte Aischylos mit seinem Drama erzählen, wie das System der (Blut-)Rache im antiken Griechenland durch ein Rechtssystem mit Gerichten verändert wurde. So bringt sich orest auch nicht um wie bei Stone, sondern wird vor Gericht gestellt und durchbricht so den kreislauf der Rache.

 

Stone bringt die Geschichte zwar sehr sprachgewaltig in die Moderne, lässt aber meiner Meinung nach den Kern des Dramas außer acht. Zumal ein paar Modernisierung zwar sehr effektvoll sind, so wird Iphigenie nicht geopfert, sondern Agamemnon besorgt ihr Gift für ihren Selbstmord, aber der tödliche Hass von Klytaimnestra auf ihren Mann nicht so ganz verständlich.

 

Was übrig bleibt ist eine sehr freie Interpretation, die in der Sprache der heutigen Zeit abgefasst ist. Smartphones, Google, Blogs und Facebook sind ebenso selbstverständlich wie populäre Serien wie „The Wire“ oder „Braking Bad“. Die Schauspieler machten einen exzellenten Job.




tt#14 5. Tag – Warum ist es am Rhein so schön?

Regisseur Nurkan Erpulat vom Düsseldorfer Schauspiel nimmt einen Ortswechsel vor: Er verlegt Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ passenderweise nach Düsseldorf. Statt beim Oktoberfest spielt die Handlung auf der Kirmes in den Rheinwiesen und aus einem Zuschneider wird ein Marketingmitarbeiter. Zu Horváths Zeiten hätte man sicher noch von einem Konflikt zwischen Klassen geredet, heute scheint der Begriff aus der Mode gekommen zu sein.

 

Die da oben gegen wir da unten. Oberschicht und Prekariat. Zwei Schichten, die nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander reden. Wobei mit reden eher beschimpfen gemeint ist. Auf der einen Seite Unternehmer und Oberbürgermeister Rauch, der mit seinem Freund Staatsanwalt Speer die Oberschicht verkörpert. Rainer Galke spielt mit wahrer Freude den Rauch als rheinischen Sugardaddy, der überzeugt ist, mit Geld alles kaufen zu können. Brillant ist auch seine Kirmes-Eröffnungsrede, bei der er in echter Politikermanier über Sicherheit und Schuldenfreiheit seiner schönen Stadt schwadroniert.

 

Die Hauptfiguren Kasimir und Karoline gehen neben Rauch und Kasimirs Freund Merkl Franz (Taner Sahintürk) ein wenig unter, obwohl sie eigentlich den Kern der Handlung ausmachen. Denn es geht darum, dass die beiden einen schönen Tag auf der Kirmes verbringen wollen, Kasimir aber gerade seinen Job verloren hat. So empfindet er sich als minderwertig, kann seine Ängste aber nicht ausdrücken und verärgert so Karoline, die sich erst vom Marketingmitarbeiter Stürzinger und dann von Rauch und Speer aushalten lässt.

 

Karoline hat sichtbare Angst, dass sie Kasimir (vor allem durch seinen kriminellen Freund Merkl Franz) ins Prekariat zieht. Sie sucht ihren Platz in der Gesellschaft. Den kann ihr Kasimir nicht bieten, aber Karoline muss auch feststellen, dass die Oberschicht auch kein platz für sie ist. Zu steht am ende des Stückes ein Happy-End für Karoline und Störzinger.

 

Und Kasimir? Er erkennt, dass er Karoline das Leben, das sie führen möchte, nicht bieten kann, und lässt sie gehen. Mehr noch: Er schließt sich Erna, der Verlobten von Merkl Franz an.

 

Zum Bühnenbild: Das Stück beginnt vor einem reliefartigen metallenen Vorhang, vor dem die Eröffnungsrede stattfindet, danach gibt sie den Blick frei auf eine große Anzahl von Bierbänken, die eher nach München oder auf ein Dorffest passen, als auf die Düsseldorfer Kirmes. Zwischendurch hat Regisseur Erpulat die seltsame Idee, eine Art Kuriositätenkabinett auf die Bühne zu stellen. Kirmesboxer ok, aber warum die Schauspieler eine Ultrakurzversion von Hamlet auf die Bühne bringen müssen, bleibt unklar (vermutlich ist das eine interne Düsseldorfer Geschichte).

 

Musikalisch wurde einiges geboten, meist begleitet von einer Mini-Schützenkapelle (Bass, Trompete und Akkordeon). Christian Ehrich brillierte als Sänger(in).

 

Wie in Düsseldorf fiel Taner Sahintürk in der Mitte des Stückes aus seiner Rolle und ging ins Publikum. Waren die Fragen erst allgemein „Wie hat es Ihnen gefallen?“ oder „War es etwas zu brutal?“, ging es danach ans Eingemachte „Wieviel verdienen Sie?“ „Ist hier jemand arbeitslos?“ Sahintürk sammelte noch etwa 25 € ein und das Stück ging weiter.

 

Horváths Stück über die Angst vor dem Abstieg und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Sicherheit ist immer noch aktuell wie eh und je.




tt#14 4. Tag – It’s the economy, stupid!

Zurück in die 80er Jahre, in die goldene Zeit der Börsenspekulanten, Yuppies und als es modern wurde, mit allen Tricks Kohle zu machen. Wer erinnert sich nicht an Michael Douglas in dem Film „Wall Street“? Der Roman „JR“ von William Gaddis“ treibt diese Gier nach Geld auf die Spitze und lässt einen 11-jährigen Jungen zum Finanzmogul werden. Auf der Hinterbühne des Dortmunder Schauspielhauses inszenierten die Wuppertaler Bühnen am 16. Juni 2014 eine spannende Abrechnung mit dem Kapitalismus.

 

Was lernen wir? Selber arbeiten ist blöd, besser wäre es, wenn Geld für einen arbeiten würde, aber am besten ist es, wenn das Geld anderer Leute für einen selbst Profit abwirft. Nach dieser Logik Arbeit unser Anti-Held JR, der jede sich bietende Gelegenheit ausnutzt. Ein Schnäppchenjäger der übelsten Sorte und schon früh ein guter Manipulator. Er hätte es vermutlich auch in der Politik sehr weit gebracht. Die meiste Zeit des Stückes wirkt er ein wenig wie ein kindlicher Gustav Gans, dem der Erfolg quasi zufliegt.

 

Aber In dem Stück geht es nicht nur um die Perversion des „American Dreams“, der mit Leichtigkeit alteingesessene Unternehmen aufkauft, sie zerpflückt und die Reste gewinnbringend wieder verkauft. Ob die Arbeiter, die nicht mehr gebraucht werden, auf der Strecke bleiben, interessiert niemanden. Obskure Finanzpraktiken wie „Sale & Lease back“, die vermutlich kaum jemand durchschaut, werden in dem Stück ebenfalls thematisiert. Dieser Mechanismus der Wirtschaft, die völlig ohne Bewusstsein für ihr Tun agiert, ist das Hauptthema.

 

Doch bei „JR“ geht es auch um die Korrumpierung der Künstlergilde. Da unser JR mit 11 Jahren noch nicht geschäftsfähig ist, braucht er einen Strohmann. Den findet er im erfolglosen Komponisten Edward Bast, der sich erst wehrt, dann aber dem Glanz des Geldes nicht widerstehen kann. Auch ein erfolgloser Schriftsteller wird als PR-Mann engagiert. Erst zum Schluss, als sich das Finanzimperium von JR wieder in Wohlgefallen auflöst, versucht Bast JR die Schönheit der Musik anhand von Bachs Kantate zu vermitteln. „Muss es für alles eine Millionen geben“, wird einmal im Stück gefragt.

 

Marcus Lobbes, der für die Inszenierung verantwortlich ist, präsentierte einen alten Indianer „Smokey Bear“ als Erzähler, der natürlich auch alte Indianer-Weisheiten zum Besten gab wie beispielsweise die „Weissagung der Cree“, die angeblich von Häuptling Seattle stammen soll.

 

Beim Bühnenbild griffen die Wuppertaler in die Trickkiste. Eine Gazewand und eine weitere Wand boten dem Ensemble vielfältige Möglichkeiten. Zudem konnten Bilder projiziert werden und aus den Schauspielern wurden manchmal Schattenspieler.

 

Siegt am Ende die Kunst, wenn Bach ertönt? Nein, das wäre auch völlig platt. Am Ende wächst aber die Erkenntnis, dass die Kunst Werte erschaffen kann, die nicht mit Geld zu bezahlen sind. Ob JR daraus etwas gelernt hat? Wenn ich mir die Wirtschaftsnachrichten durchlese, fürchte ich, dass es eher noch mehr JRs gibt.




tt#14 2.Tag – ostwestfälischer Doppelpack

Der Samstag, der zweite Tag des NRW Theatertreffens in Dortmund, stellte die beiden ostwestfälischen Theater Paderborn und Bielefeld vor. Beide überzeugten mit spannenden Inszenierungen.
Der Samstag war auch der Beginn der Panels. Um 16 Uhr diskutierten Stefan Keim mit Anna Bromley und Ulf Otto über Theater und Rollenspiele. Ulf Otto widersprach ein wenig den Thesen von Ulf Schmidt, der bei der Eröffnung des Theatertreffens eine stärkere Ausrichtung der Theater an die technisierte Netzgesellschaft forderte. Schmidt benutzte dabei das Bild von Kolumbus als Entdecker einer neuen Welt. Genau dieses Bild kritisierte Ulf Otto. Denn nach der Entdeckung der neuen Welt kam es zur Eroberung derselbigen. Auch Jefferson, der dritte Präsident der USA, und Autor der Unabhängigkeitserklärung war ein Sklavenhalter. Die Hervorhebung von Technologie ohne ihre Problematik anzusprechen,nennt Ulf Otto die „kalifornische Ideologie“. Denn wer denkt beim Kauf eines Handys an die Herstellungsbedingungen. Hier fällt mir sofort das Stück „Die Agonie und Ektase des Steve Jobs“ ein, das vor zwei Spielzeiten im Schauspiel Dortmund Premiere feierte.
Das Theater Paderborn präsentierte mit „wohnen.unter Glas“ ein Stück über die Generation 30+. Nicht wissend, ob man (oder Frau) ihren Zenit noch erreichen wird oder ob man schon auf dem absteigenden Ast ist.
Die Geschichte: Drei ehemalige WG-Bewohner (zwei Frauen und ein Mann) treffen sich nach einigen Jahren in einem Hotel wieder. Schnell werden aus den Nettigkeiten Vorwürfe.
Schon das Bühnenbild zeigt das Dilemma der Thirty-Somethings. Überall lagen Umzugskartons herum, so als ob jeder auf dem Weg zu einem neuen Projekt oder einer neuen Vision ist. Hinzu kommt diese unerträgliche Marketingsprache, die ständig irgendwelche Möglichkeiten optimieren will.So wirkt das Private durchökonomisiert. Am Ende steht eine Wand.
Die Dreiecksgeschichte zwischen Max, Babsi und Jeani zeichnet ein tragisches Bild einer Generation die erkennt, dass sich Lebensentwürfe ändern und die Angst hat, zu einem „roten Riese „, einem sterbenden Stern, zu werden. Hoffnungen, die man früher hatte, sind geplatzt, individuelle Entwürfe stehen im Mittelpunkt und Wunden werden geleckt.
Wenn die Visionen, die man sich steckt, immer unerreichbarer werden, muss man halt,die Visionen anpassen. das heißt herunterschrauben. Bis der Zenit sich als Glasdecke entpuppt, die dicht über einem schwebt.
Natascha Heimes (Babsi), Kirsten Potthoff (Jeani) und David Lukowczyk als Max zeigten im Studio eine engagierte Leistung.
Der Klassiker Minna von Barnhelm von Lessing am Abend als dritte Inszenierung im Wettbewerb wurde vom Theater Bielefeld kräftig gegen den Strich gebürstet. Minna und ihre Kammerzofe Franziska wurden als It-Girls eingeführt, während Major von Tellheim und sein Diener Just ein klein wenig wie Frodo und sein Gefährte Sam in Herr der Ringe wirkten. Ob Tolkien sich von Lessing hat inspirieren lassen?
Das Bühnenbild war eine riesige schräge Fläche mit einigen Klappen, aus dem die Schauspieler urplötzlich auftauchten. man,konnte sie aber auch einfach nur herunterrutschen.
Die Inszenierung von Mareike Mikat konzentriert sich neben dem Major und Minni auf Franziska, Just, dem Wirt und Paul Werner, dem Freund vom Major. Von Minnas Oheim wird nur berichtet.
Dafür zeigten die Bielefelder wie sich Lessing und E-Gitarren miteinander kreuzen lassen. Viele kleine Gags wie das Betteln von Just beim Publikum um Pausenbrot oder wenn sich ein Koffer voller Geld in einen imaginären Fußball verwandelt, brachte das Schauspielhaus zum Lachen. Lessings Sprache gemixt mit modernen Elementen, das hat was. Chapeau Theater Bielefeld.
Das Ende ist zwar etwas verwirrend, wenn der Zuschauer die Orientierung verliert, wer nun wessen Ring eingelöst und wieder beschafft hat, aber die Schauspieler machten einen Riesenjob und der gute alte Lessing wurde ordentlich entstaubt. Sehr zur Begeisterung des Publikums. Jedenfalls vergingen die drei Stunden wie im Flug. Großes Lob an alle Beteiligten.




Faune, Feuervögel und archaische Riten

In eine wildromantische slawische Welt entführte uns die niederländische Tanzcompagnie „Introdans“ am 12. Juni im Opernhaus Dortmund mit dem Titel „Russisch Rumoer“. Zur Musik von Debussy und Strawinsky erlebten die Zuschauer Tanzkunst auf einem hohen Niveau.

„Introdans“ ist in Dortmund nicht unbekannt. Schon zu Beginn des Jahres 2013 waren sie zu Gast und präsentierten spanische Klänge. Nun ging es nach Rußland.

Den Beginn machte Debussys „L’après-midi d’un faune“. Nach der Choreografie von Thierry Malandain tanzte der Solotänzer einen Faun voller Energie, Lebensfreude und Erotik.

Das Bühnenbild war spärlich, hatte aber ein außergewöhnlich komisches Element: Unser Faun lag auf einer Art überdimensionalem Papiertaschentuch-Spender. Er zog aber statt eines Taschentuches seine Decke heraus.

Tänzerisch wurde die Suche nach Nahrung und Erfrischung ebenso dargestellt wie die Jagd nach Nymphen. Die angedeutete Sexszene am Ende führte 1912 zu einem großen Skandal, 2014 gab es für unseren Faun einen Riesenapplaus.

Märchenhafter ging es in der „Feuervogel Suite“ von Igor Strawinsky zu. Prinz Iwan gelingt es, den Feuervogel zu fangen, der ihm dafür eine Feder schenkt. Mit dieser Feder kann Iwan den bösen Zauberer Kastschej besiegen und dreizehn Jungfrauen befreien, darunter Prinzessin Zarewna.

Beeindruckend war vor allem das Bühnenbild. Wie ein abstraktes Gemälde, stark geometrisch geformt, brachte es die Zuschauer durch die verschiedene Beleuchtung in unterschiedliche Stimmungen. Dunkel und bedrohlich beim Zauberer Kasteschej oder rot wie flammen beim Versuch von Iwan, den Feuervogel zu fangen.

Die Choreografie von Stijn Celis hat durchaus auch eine politische Komponente: Waren die Jungfrauen zu Beginn unter dem Einfluss des bösen Zauberers noch verhüllt, werfen sie die engen Kleidungsstücke am Ende weg. Bemerkenswert waren die Sprünge und Figuren in dieser Choreografie, die sicher der Neo-Klassik zuzuordnen ist.

„Le sacre du Printemps“ nach der Musik von Strawinsky führte uns zurück in die archaische, heidnische Welt der Slawen. Dem Frühlingsgott brachte man eine Jungfrau zum Opfer, um auf eine gute Ernte zu hoffen. 17 Tänzerinnen und Tänzer zeigten auf famose Weise die rivalisierenden Kämpfe der einzelnen Stämme. Akrobatik und Tanzkunst bildeten eine Einheit. Im zweiten Teil gerät das ausgesuchte Opfer immer mehr in den Mittelpunkt. Berührend als sie versucht zu fliehen, aber von der Gemeinschaft immer wieder zurückgestoßen wird.

Insgesamt eine sehr gute Leistung eines sehr guten Tanzensembles.




Wenn Prachtstücke auf Ornamente treffen

Ein "Prachtstück" von Andrea Maria Bresson.
Ein „Prachtstück“ von Andrea Maria Bresson.

Bunt und farbenfroh ist die aktuelle Ausstellung in der Galerie Dieter Fischer im Depot. Unter dem Titel „Prachtstücke/Ornamente“ zeigen AndreaMaria Bresson und Mo Hadjimir vom 13.06. bis zum 20.07.2014 ihre Kunst. Als Gast dabei ist der junge iranische Künstler Oham, der Graffiti Kunst präsentiert.

Kennen Sie die Venus von Willendorf? So ähnlich gebaut wirken auch die „Prachtstücke“ von Andrea Maria Bresson. Aber Bressons Frauenbilder sind farbenfroher, sie enthalten eine Vielzahl an Symbolik und Mystik. Beinahe ist der Betrachter geneigt, jedem Prachtstück ein Volks zuzuordnen. Passt die Frau mit dem Elchgeweih vielleicht in den hohen Norden?

Wer die Arbeiten des persischen Künstlers Mo Hadjimir sieht, begreift, warum die Kunst der Ornamentik aus dem arabischen Raum zur hohen Kunst getrieben wurde. Daher stammt auch der Begriff Arabeske. Hadjimir Benutzen florale Ornamente und arabische Schriftzeichen, um seine Bilder zu einem Kunstwerk werden zu lassen. Seine Farbgebung wechselt von dezent, über knallige Farben bis hin zu schwarzen mystischen Arbeiten.

Sind Tags von Graffiti-Künstlern die neue Ornamentik? Bei den Arbeiten von Ohan könnte man drauf schließen. Seine Graffiti-Art ist ebenso farbenreich.

Galerie Dieter Fischer
Im Depot Dortmund
Immermannstraße 29
44147 Dortmund

Öffnungszeiten: donnerstags von 16 bis 20 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung unter 0171 / 264 7972 (Kurator Hartmut Gloger)

Weitere Öffnungszeiten: zur ExtraSchicht, 28.06.2014 von 18 bis 24 Uhr

Eintritt:frei




Bunter Weltmusikmix beim 3. Konzert für Junge Leute

Am 18. Juni findet um 19 Uhr das 3. Konzert für junge Leute in der Oper statt. Nach der Groove-Symphony und den Hits aus Hollywood, steht jetzt die Weltmusik im Vordergrund. Steeldrums treffen auf indische Raga-Musik, zwei Teilnehmer eines Klavierwettbewerbes treffen auf Bigbands. Eine spannende Mischung.

„Ich wollte schon immer die Dortmunder Philharmoniker und die Dortmunder Musikschaffenden zusammenführen“, erzählte Initiatorin Dr. Barbara Volkwein von den Dortmunder Philharmonikern. Als eine Hilfe im Wust der vielen Dortmunder Musik entpuppte sich Theatertechniker Günther Holtmann. Er ist ein alter Hase, denn in den 70ern und 80ern spielte er u.a. bei der Dortmunder Folkrockband „Cochise“ mit. So spielt Holtmann an diesem Abend nicht nur mit seiner eigenen Band „What Ever Works“, sondern begleitet auch den Musiker Enrique Plazaola.

Neben Steeldrums, zwei Bigbands (Green Onions vom Clara Schumann Gymnasium aus Holzwickede und Groove m.b.H. der TU Dortmund), gibt es türkische Musik von Nuran Özdemir Asan und einen indischen Raga von Ilap Prya. Weltmusik aus Dortmund präsentiert „Chantik“.

Und die Dortmunder Philharmoniker? Sie werden die meisten Stücke begleiten. Viel Arbeit für die Arrangeure Matthias Grimminger und Henning Hagedorn. „Das Steeldrumorchester spielt auf einer anderen Frequenz als die Philharmoniker“, erläuterte Grimminger. Bei einer Sache musste er jedoch kapitulieren: aus Respekt vor der alten indischen Harmonik wird das Raga ohne Orchesterbegleitung aufgeführt. Während in der westlichen Welt eine Oktave 12 Töne besitzt, hat sie in der indischen Musik 22 Töne.

Dirigieren werden Philipp Armbruster und Motonori Kobayashi, durch das Programm führt Schauspieler Christoph Jöde.

Die Karten kosten 9 €.




Eindrucksvolle Pressefotos im Depot Dortmund

Vom 12. Juni bis zum 02. Juli zeigt das Depot in der Dortmunder Nordstadt die Ausstellung „World Press Photo 14“ mit rund 140 preisgekrönten Photos von Pressefotografen. Die Auswahl ist vielfältig: Von Portraits, Sport, tägliches Leben bis hin Nachrichten reichten die Kategorien. Die Jury musste dieses Jahr aus über 98.000 Fotos von über 5.500 Fotografen auswählen.

 

Kein Blut, keine Gewalt. Das „Foto des Jahres“ 2014 zeigt eine Gruppe von Afrikanern, die ihr Handy in die Luft halten und auf besseren Empfang hoffen. Für manchen Betrachter könnte es so aussehen, als ob die Leute den Mond fotografieren. Die Menschen, sie sind Flüchtlinge, wollen aber eine bessere Zukunft.

 

Es gibt weitere Photos, die mit dieser Doppeldeutigkeit arbeiten. So zeigt ein Foto in der Kategorie „News“ eine Prozession auf den Philippinen. Es sieht so aus wie ein Trauermarsch, aber die Menschen freuen sich darüber, dass ihr Dorf verschont wurde. In der Kategorie der „Nachrichten“ ist die Gewalt natürlich präsent. Fotos vom Anschlag auf das Einkaufszentrum werden ebenso gezeigt wie vom Anschlag auf den Boston-Marathon.

 

Friedlicher geht es in den Naturbildern zu. Hier hat der Deutsche Christian Ziegler unsere „unbekannten Cousins“, die Bonobos, fotografiert. Er gehört neben Markus Schreiber und Julius Schrank zu den drei Deutschen, die dieses Jahr prämiert wurden.

 

Die Ausstellung im Kulturort Depot ist täglich geöffnet und wird durch ein Begleitprogramm ergänzt. Für die 07. bis 10. Jahrgangsstufen der Schulen gibt es zur Vorbereitung einführendes Begleitmaterial und Arbeitsmaterialien für den Besuch der Ausstellung.

In Zusammenarbeit mit dem Kino „SweetSixteen“ im Depot können sich Schulklassen den Film „SchussWechsel“ ansehen. Der Film erzählt von einem Fotografenteam im Gazastreifen während der zweiten Intifada. Das besondere dabei: Das Team besteht aus israelischen und palästinensischen Fotografen. In der Zeit vom 23.06. bis zum 02.07. 2014 wird der Film werktags um 11 Uhr. Nach Vereinbarung sind auch andere Zeiten möglich.

 

Weitere Informationen unter www.depotdortmund.de oder www.worldpressphoto.org

 

Kulturort Depot

Immermannstraße 29

44147 Dortmund

 

Öffnungszeiten:

 

Montags, Dienstag und Mittwoch von 11 bis 19 Uhr

Donnerstag von 11 bis 20 Uhr

Freitag und Samstag von 11 bis 22 Uhr

Sonntag von 11 bis 19 Uhr

 

Eintritt:

6,00 € / 4,00 ermäßigt

3,50 € (Schulklassen / pro Schüler) 5,50 € Kombipreis Ausstellung und Kinobesuch

40 € Führung durch einen Fotografen (für Schüler/Studenten) zuzüglich Eintrittspreis.

 

 




Raum und Grenze in künstlerischer Darstellung

Die Rauminstallation Magnus Sönning, (2014, Holzlatten, Baufolie, Ventilatoren) ist in der Ausstellung "Zwitschern zwischen Zwischenräumen" im Künstlerhaus Dortmund zu sehen.
Die Rauminstallation Magnus Sönning, (2014, Holzlatten, Baufolie, Ventilatoren) ist in der Ausstellung „Zwitschern zwischen Zwischenräumen“ im Künstlerhaus Dortmund zu sehen.

Einen Zungenbrecher als Ausstellungstitel. „Zwitschern zwischen Zwischenräumen“ lädt vom 07. Juni bis zum 06. Juli ins Künstlerhaus Dortmund ein. Studenten und Alumni der Fachklasse von Prof. Monika Brandmeier aus Dresden präsentieren Arbeiten zum Thema „Grenzlinien“ über politische Sphären hinaus.

 

Eine kleine Auswahl der Arbeiten:

Grenzen sind fragil, nicht nur im politischen Sinn. Fabian Glass hat diese Fragilität auf die Spitze getrieben und in seiner Arbeit „Spannstück“ Holzleisten und ein Gummiband wurden miteinander kombiniert. Noch ist alles stabil, doch irgendwann wird das Gummiband seine Elastizität verlieren und das Gebilde in sich zusammenstürzen.

 

Anna Erdmann und Marit Wolters schränken die Wahrnehmung des Betrachters ein. In den Werken „fünfundsechzigfünfzig #2“ kann der Betrachter beispielsweise seinen Kopf in eine Art hohle Abzugshaube oder Kamin stecken und feststellen wie sich der Raum verändert.

 

Olga Grigorjewa visualisiert mit ihrer Skulptur „Plural trägt und es nie vergeht“ ein wenig das Sprichwort von „zwei Seiten einer Medaille“. Eine Seite wölbt sich mit allem was sie hat, während die andere Seite in der Sachlichkeit des Materials verharrt.

 

Eine unerreichbare Bank präsentiert Andreas Schliebenow in seinem Werk „Wohin“. Eine Bank lädt zum Sitzen ein, doch die Alufolie, die die Bank umgibt, darf nicht betreten werden. Wer also kein sehr guter Weitspringer ist, wird sich nie auf die Bank setzen können. Hier ist die Grenze auch gleichzeitig Barriere.

 

Kunst und Algorithmen verbindet Konstatin Kunath. Seine Klebebandarbeit basiert auf ein Zufallssystem. Erst werden die Regeln vorgegeben und dann wird gestartet. Kunath hat Einfluss auf die Parameter des Systems, aber nicht auf das Ergebnis.

 

Grenzen der Verständigung erforscht Soojung Kim in ihrem Video „andere Zunge“. Hier lesen Deutsche koreanische Gedichte in der Originalsprache vor, während Muttersprachlerinnen ihnen zuhören, ohne das sie es wissen.

 

Einen kompletten Raum nimmt die Arbeit von Magnus Sönning ein. Er entwickelte ein Belüftungssystem, dass mittels Ventilatoren und unterschiedlichen Kanalmodulen die Luft innerhalb des Raumes verlagert.

 

Lisa Pahlke verwandelt eine Skulptur in ein Bild. Mit „Spurensuche“ verarbeitet sie ein Holzmodell, das speziell für das Künstlerhaus entwickelt wurde. Zu einem Bild wieder zusammengefügt, das nur noch Spuren des ursprünglichen Einfalls aufwies.

 

Mit unsichtbaren Grenzen beschäftigt sich das Video von Maria Schwerdtner „Von Falksovce nach Dubravka“. Obwohl die Dörfer nur drei km voneinander entfernt liegen, gibt es kaum Kontakte untereinander. In einem Dokumentarfilm sollte Schwerdtner mehr über diese „Grenze“ wissen.

 

Alle Künstlerinnen und Künstler: Julia Boswank, Lisbeth Daecke, Anna Erdmann/Marit Wolters, Fabian Glass, Olga Grigorjewa, Theo Huber, Soojung Kim, Konstatin Kunath, Georg Lisek, Stephanie Meier, Paul Melzer, Lisa Pahlke, Charlotte Perrin, Andreas Schliebenow, Maria Schwerdtner und Magnus Sönning.

 

 

Zwitschern zwischen Zwischenräumen

07. Juni bis 06. Juli 2014

 

Künstlerhaus Dortmund

Sunderweg 1

44147 Dortmund

www.kh-do.de

 

Öffnungszeiten Donnerstag bis Sonntag 16 bis 19 Uhr