Rosenkrieg beim Therapeuten

Ob die beiden wieder zusammenfinden? Joanna Dorek (Katja Heinrich) und Valentin Dorek (Harald Schwaiger). Foto: © Austropott
Ob die beiden wieder zusammenfinden? Joanna Dorek (Katja Heinrich) und Valentin Dorek (Harald Schwaiger). Foto: © Austropott

Am 07. März 2015 hat im Kino im U das neue Stück der Theatergruppe „Austropott“ Premiere: „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer. Seit den letzten Aufführungen lag eine lange Zeit und auch personell hat sich etwas getan. Michael Kamp ist in Düsseldorf und Bochum engagiert und Katja Heinrich ist für die „Wunderübung“ neu an Bord. Grund genug für Ars tremonia mit den drei Akteuren Harald Schwaiger, Richard Saringer und Katja Heinrich ein Interview zu führen, in dem es nicht nur um das neue Stück geht, sondern auch einen kleinen Einblick in die Arbeit von Austropott gewährt.

Ars tremonia: Es gab ja eine lange Pause zwischen den letzten Stücken („Indien“ und „Der Kontrabass“) und „Die Wunderübung“. Woran lag es?

Schwaiger: Es lag an Terminen. Wir wollten eigentlich schon im Januar herauskommen. Es gab eine Verschiebung, weil Michael Kamp ja jetzt in Düsseldorf und Bochum engagiert ist. Danach waren wir auf der Suche nach Stücken und jetzt haben wir das große Glück, die Wunderübung bekommen zu haben. Es ist brandneu und wurde Ende Januar in Wien uraufgeführt.

Saringer: Es war auch nicht leicht für uns, den Verlag zu überzeugen.

Ars tremonia: Ist es normal, dass sich Verlage mit den Aufführungsrechten ihrer Stücke schwertun?

Schwaiger: Die Verlage haben natürlich viel Macht.

Heinrich: Es gibt natürlich auch Verlage und Autoren, die gar nicht wollen, dass ihre Stücke überhaupt an Off-Bühnen aufgeführt werden. Ohne Begründung.

Schwaiger: Wir sind froh, dass wir die Aufführungsrechte für „Die Wunderübung“ bekommen haben.

Saringer: Wir hatten eigentlich den Januar avisiert, drei bis vier Tage nach der Uraufführung. Dann kam das Veto vom Verlag und der Verlag wollte uns in den Mai verlagern. Aber wir haben gesehen, dass es bereits in Bielefeld in einem kleinen Theater gespielt wird und so haben wir uns auf März geeinigt.

Ars tremonia: Ist Michael Kamp jetzt ganz weg oder nur partiell?

Schwaiger: Wir haben ja keine langfristigen Verträge. Wir haben, wenn wir irgendwo arbeiten, kurzfristige Geschichten. Bei uns ist es so, wir wissen gar nicht, was nächstes Jahr sein wird. Das hat immer mit der Auftragslage zu tun. Wir sind auf dem freien Markt.

Ars tremonia: Wenn er wieder verfügbar wäre, würde er zurückkommen?

Schwaiger: Ja, auf jeden Fall.

Saringer: Die Schwierigkeit ist, bei drei Männern passende Stücke zu finden von einer ähnlichen Qualität wie „Kunst“, die drei Männer tatsächlich einzusetzen. Das schränkt natürlich dramaturgisch ein.

Schwaiger: Wir haben bei diesem Stück sofort zugebissen.

Ars tremonia: Das heißt, Frau Heinrich, Sie sind als Gast dabei?

Schwaiger: Wir sind drei gleichberechtigte.

Heinrich: Ich muss schon etwas grinsen, wenn ich als Berlinerin, die in Essen wohnt, jetzt bei Austropott dabei bin und gerne dabei bin.

Ars tremonia: Frau Heinrich, wie haben Sie sich in dieses Team eingefügt? Kannten Sie die beiden bereits?

Heinrichs: Ich habe mein erstes Engagement 1998 in Weimar gehabt und traf dann auf einen schmucken, erfahrenen Kollegen Harald Schwaiger. Wir haben drei Sachen zusammen gemacht und in zwei Stücken waren wir ein Paar. Dann hat uns das Leben in den Pott gebracht und dann haben wir uns über Theater gucken oder Facebook getroffen. Dann habe ich die Premiere von „Kunst“ gesehen. Ich war so begeistert, dass ich den Michael Kamp und Harald Schwaiger gesagt habe: ‚Wenn ihr jemals eine Frau braucht und ich das sein kann, freue ich mir ein Loch in den Bauch.‘

Ars tremonia: Perspektivisch gesehen, gibt es also mehr Stücke für zwei Männer und eine Frau als für drei Männer.

Saringer: Man muss auch sehen, dass es ein großes Gefälle bei Stücken gibt, was die Qualität angeht. Es gibt enorme Qualitätsunterschiede. Es ist auch die Frage, wenn man unter solchen Konditionen arbeitet, ob man sich die Aufführung traut. Da muss man sehr vorsichtig mit umgehen. Man kann sich nicht auf ein Experiment einlassen und muss ein Stück nach bestimmte Kriterien abklopfen, ob die Substanz reicht.

Ars tremonia: Wie viele Stücke haben Sie in der Auswahl von denen Sie denken, das kommt in die engere Wahl?

Saringer: Das ist ein laufender Prozess. Da muss man wirklich gnadenlos sagen, wir haben ein kleines Budget. Wir müssen hier Miete bezahlen und auf eine gewisse Wirtschaftlichkeit achten. Die Arbeit muss auch tragfähig bleiben.

Schwaiger: Der Richard will sagen, wenn die Leute nicht kommen, verdienen wir nichts. Wenn sie kommen, haben wir Einnahmen. Wir bekommen keine Subventionen.

Saringer: Wenn wir zwei oder drei Stücke in Auswahl hätten, wäre die Frage, wie wir die finanziell möglich machen können.

Heinrich: Wichtig ist bei der Auswahl auch zu schauen, was bieten die staatlichen Bühnen nicht an.

Schwaiger: Wir haben ein anderes Profil. Dass was uns unglaublichen Spaß macht, ist mit den Leuten direkten Kontakt zu haben. Ich reiße die Karten ab und begrüße die Leute per Handschlag. Die Leute kommen mittlerweile wegen uns, es hat sich so eine kleine Familie gebildet. Es ist schön zu merken, wenn die Leute nach Hause gehen, denen hat man ein Erlebnis bereitet.

Ars tremonia: Was macht ein Stück zu einem Austropott-Stück?

Schwaiger: Die Kriterien sind Humor

Saringer: … und zwischenmenschliche Beziehungen, entweder von Freunden oder Ehepartnern. Wir kämen jetzt nicht auf die Idee, ein politisches oder ein experimentelles Stück zu machen. Unser Fokus liegt klar auf zwischenmenschliche Beziehungen.

Heinrich: Wichtig ist auch der sprachliche Aspekt. Ob Reza, Hader oder Glattauer: Sie haben alle Sprachwitz, ohne intellektuell verschwurbelt zu sein. Unterhaltsam, aber auf hohem Niveau. Und es geht über Themen, die jeder kennt. Das Publikum erkennt das alles wieder. Sie erkennen den Ehestreit wieder, die Freuen erkennen sich in der Frau wieder, die Männer in dem Mann.

Ars tremonia: Was passiert bei der „Wunderübung“?

Saringer: Der Plott ist sehr simpel. Ein Ehepaar in einer schweren Krise kommt zu einem Paartherapeuten. Sie wissen nicht mehr weiter. Sie sitzen zum ersten Mal bei dem Therapeuten. Es gab auch keine Einigkeit beim Hingehen, sie haben schon gestritten, ob es Sinn macht, dort hinzugehen. Der Paartherapeut versucht einiges, um die beiden wieder in ein gutes Fahrwasser zu bringen. Es funktioniert nicht zufriedenstellend. Der Paartherapeut bricht ab und setzt eine Pause an. Das ist natürlich ein Thema, das jeder Mensch kennt. Egal ob jemand verheiratet ist, oder nicht.

Heinrichs: Sobald man mit Leuten zusammen lebt, gibt es Verletzungen, Erwartungen, nicht erfüllte Bedürfnisse, Vorwürfe ohne Ende. Vor lauter gegenseitiger Enttäuschung geht gar nichts mehr. Es ist nur noch ein „Bekriegen“ und so kommt das Paar dahin. Das machen sie glücklicherweise nicht auf eine böse Art: Man kann im Publikum lachen und sich trotzdem wiedererkennen und denken ‚Und so ist meine Frau auch immer‘ oder ‚Mein Mann bekommt den Mund auch nicht auf‘. Ein bisschen wie ‚Rosenkrieg‘.

Schwaiger: Das macht für mich die Qualität von Glattauer aus. Es ist nicht konstruiert, sondern kommt aus dem Leben heraus. Das kennt man von sich oder hat es schon hundertmal gehört.

[Welchen Trumpf der Therapeut aus dem Ärmel zieht, wird an dieser Stelle nicht verraten.]

Der Therapeut (Richard Saringer) versucht alles, Valentin Dorak (Harald Schwaiger) ist skeptisch. (Foto: © Austropott)
Der Therapeut (Richard Saringer) versucht alles, Valentin Dorek (Harald Schwaiger) ist skeptisch. (Foto: © Austropott)

Daniel Glattauer
Die Wunderübung

Premiere
Samstag, der 07.03.2015, 19.30 Uhr

Termine
Samstag, der 14.03.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 15.03.2015, 18.30 Uhr
Mittwoch, der 18.03.2015, 19.30 Uhr
Samstag, der 21.03.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 22.03.2015, 18.30 Uhr

Samstag, der 25.04.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 26.04.2015, 20.00 Uhr
Mittwoch, der 29.04.2015, 19.30 Uhr

Samstag, der 09.05.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 10.05.2015, 18.30 Uhr
Samstag, der 30.05.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 31.05.2015, 19.30 Uhr

Samstag, der 13.06.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 14.06.2015, 18.30 Uhr

Eintritt 18 €, ermäßigt 10 €

Vorverkauf:

Ohne zusätzliche Gebühren für alle Termine direkt zu erwerben im Dortmunder U, Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund
Di + Mi 11:00 – 18:00 Uhr | Do + Fr 11:00 – 20:00 Uhr | Sa + So 11:00 – 18:00 Uhr | Mo geschlossen

Reservierung:

Kartenreservierung telefonisch unter 0159 03158179 oder per Mail unter tickets@austropott.de . Die reservierten Tickets können Sie ausschließlich an der Abendkasse eine Stunde vor Vorstellungsbeginn abholen.




Warum Kierkegaard auf Lionel Messi stolz gewesen wäre

Blanche (Marle Wasmuth) will Zauber und nicht die Realität. (Foto: © Birgit Hupfeld).
Blanche (Marle Wasmuth) will Zauber und nicht die Realität. (Foto: © Birgit Hupfeld).

Der ewige Kampf zwischen Individuum und Determinismus, er geht weiter. Das „Goldene Zeitalter“ geht in die zweite Runde mit dem Titel „The Return of das Goldene Zeitalter“ und sucht 100 neue Wege, dem Schicksal das Sorgerecht zu entziehen. Die Premiere fand am Freitag, dem 27. Februar im Dortmunder Schauspielhaus statt. Für die einen war es der zwölfte Versuch, für die anderen der erste der neuen Reihe.

Wer in der ersten Variante des „Goldenen Zeitalters“ dabei war, konnte sich auf ein Wiedersehen freuen mit der Raupe, Adam und Eva, dem Erklärbär, Kalaschnikowa und natürlich den Schulmädchen, die die Treppe heruntergingen. Auch das Konzept blieb gleich. Eine Szene wurde so lange wiederholt, bis der Regisseur Kay Voges neue Anweisungen gab. Auch hier war der Wiedererkennungseffekt groß, aber es wurden auch neue Szenen gespielt.

Wie es sich für eine gelungene Wiederholung gehört, spielen auch die gleichen Schauspieler wieder mit: Björn Gabriel, Caroline Hanke, Eva Verena Müller, Uwe Schmieder, Merle Wasmuth und Carlos Lobo. Lobo hatte zwei neue bemerkenswerte Auftritte: Zum einen spielte er einen sehr engagierten Brandschutzbeauftragten und einen weiteren Auftritt hatte er als eine Art spanischer Fußballkommentator.

Das neue „Goldene Zeitalter“ begann wie das alte: Schulmädchen, die mechanisch Treppen hinunterlaufen. Da ist das Grundmotiv des Stückes und wird wiederholt beziehungsweise variiert. Denn die Variation der Wiederholung ist das Prinzip des „Goldenen Zeitalters“.

Neben der Frage, kann ich als Individuum meinem Schicksal entkommen, ging es auch um die Frage des Urheberrechts. Passenderweise gab es vor kurzem eine Diskussion um die Inszenierung von Frank Castorfs „Baal“. Hier hatten die Brecht-Erben und der Suhrkamp-Verlag die weitere Aufführung untersagt, weil die Inszenierung Fremd-Texte enthielt. Obwohl Bertolt Brecht ironischerweise selbst gesagt habe: „Der Urheber ist belanglos. Er setzt sich durch, indem er verschwindet.“ So tauchte Brecht persönlich in einem Sarg auf und der Verlag Suhrkamp bekam ordentlich sein Fett weg („Mein Suhrkampf“).

Die Grenzen der Individualität wurde bei einer Szene besonders deutlich. Plötzlich kamen statt den Schulmädchen drei Burka-Träger(innen?). Durch die schwarze Uniformierung wurde das Individuelle komplett negiert. Ist jetzt ein Mann oder eine Frau hinter den schwarzen Tüchern? Angestimmt wurde das Kinderlied „Anders als du“. Es klang in meinen Ohren ironisch, vor allem wenn drei schwarze Gestalten „das macht das Leben eben bunt“ singen.

Kay Voges hatte auch jemanden mitgebracht. Die Figur „Blanche“ aus seiner Inszenierung „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams in Frankfurt. Merle Wasmuth spielte die Blanche in einem Südstaatenkostüm, das an „Vom Winde verweht“ erinnerte. Blanche, die wienerisch sprach, war eine Realitätsverweigerin, die statt dessen den Zauber wollte. Sie wirkt dabei so ähnlich wie Irina (Merle Wasmuth) bei Tschechows „Drei Schwestern“, die die Arbeit als Flucht aus ihrem langweiligen Leben benutzen will.

War der Ausschnitt aus Tschechows „Drei Schwestern“ in der ersten Inkarnation bereits dabei, hatte Carlos Lobo gleich zwei neue Rollen. Zunächst war er ein hessischer Feuerwehrmann, der sich in allen Einzelheiten um den Brandschutz kümmerte,

Danach kommentierte Lobo mit passendem spanischem Temparament zwei Tore.Hatte Kirkegaard mit seiner Wiederholung doch recht? Jedenfalls findet man Parallelen beim Fußball. Wie Maradona 1986 im WM-Viertelfinalspiel Argentinien gegen England lief der 19-jährige Messi bei Barças 5:2-Sieg im Pokalspiel des spanischen Pokals über den FC Getafe mit dem Ball über das halbe Spielfeld.

Ein besonderer Gast war an diesem Abend Morgan Moody. Der Opernsänger gab unter anderem „My Way“ in einer Verkleidung als Schlagerstar zum besten.

Ansonsten gab es viele Wiederholungen. Die Zombies mit Joghurt-Becher, Sisyphus, die Ouvertüre von Tannhäuser und ein nackter Uwe Schmieder, der durch die Zuschauerränge kroch.

Logischerweise war dieser Abend ein sehr starkes multimediales Ereignis. Für den Live-Sound sorgte Jan Voges, für die Videos war Daniel Hengst zuständig. Die Live-Musik zu dem Spektakel kam von Tommy Finke. Die sechs Schauspieler machten (fast) jede Regieanweisung mit, die Zuschauer merkten, dass das Ensemble mit Spielfreude bei der Sache war.

Es bleibt nur zu hoffen, dass das goldene Zeitalter nicht hinter uns liegt, sondern vor uns, um mit Heine zusprechen.

[fruitful_dbox] Das schreiben die anderen

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Theatergruppe Sir Gabriel Dellmann gewinnt den Petra-Meurer Theaterpreis 2015

Die Gewinner des Petra-Meurer Theaterpreises 2015: "Sir Gabriel Dellmann). Nicht mit dabei ist Mitgründer Björn Gabriel.
Die Gewinner des Petra-Meurer Theaterpreises 2015: „Sir Gabriel Dellmann). Nicht auf den Foto ist Mitgründer Björn Gabriel.

Ein großer Erfolg für „Sir Gabriel Dellmann“. Der mit 1000 € dotierte Hauptpreis geht an das junge Dortmunder Theaterprojekt. Treibende Kräfte sind hauptsächlich die Bühnenbildnerin Stefanie Dellmann und den Schauspieler Björn Gabriel, der am Dortmunder Schauspielhaus tätig ist. Sir Gabriel Dellmann wurde für das Stück „The Great Democracy Show“ ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand am Samstag, dem 28. Februar 2015 im Theater im Depot statt. Die Hauptunterstützer des Petra-Meurer Theaterpreises und der Petra-Meurer Theatertage ist die DEW21, die TU Dortmund und das Theater im Depot.

Insgesamt wurden beim Petra-Meurer Theaterpreis 2015 sechs Preise vergeben. Neben dem Hauptpreis gab es zwei Sonderpreise und drei Förderpreise. Die beiden Hauptpreise zu je 500 € gingen an die Gruppe „Toboso“ aus Essen für ihr Live-Hörspiel „Der kleine Wassermann“ und an „Glassbooth“ für „Container Love“.

Das Ensemble „bzw.beziehungsweise“ bestehend aus den Theaterwissenschaftsstudenten Susanne Goldmann und Mattias Engling erhielt für ihr Jugendstück „Ausgang Freiheit“ den mit 300 € dotierten Förderpreis. Ebenfalls zu den Förderpreis-Gewinnern gehörte die Theaterwerkstatt Westfalenkolleg aus Dortmund unter der Leitung von Mechtild Janßen und Klaus Pfeiffer für das dadaistische Stück „Peng!“. Der dritte Förderpreisträger hatte noch keinen Namen, die Gruppe um Schauspielerin Paula Gendrisch wurde für ihr Werk „Mikropolis“ ausgezeichnet, in dem digitale Medien, Musik und Tanz integriert wurden.

Die Musik in „Mikropolis“ kommt von der Band „Freedes“ aus Bochum, die auch das musikalische Rahmenprogramm der Preisverleihung gestaltete. Durch die Veranstaltung führte Rainer Holl von der TU Dortmund.

Über drei der ausgezeichneten Theaterstücke hatte Ars tremonia schon berichtet. Mit Björn Gabriel und Sabine Dellmann haben wir im Vorfeld der „Great Democracy ein Interview geführt. Auf Youtube ist es zu sehen.

Der Premierenbericht zu „Peng!“ der Theaterwerkstatt Westfalenkolleg: https://ars-tremonia.de/mit-fado-in-den-untergang/

Die Rezension zu „Container Love“ von „Glassbooth“: https://ars-tremonia.de/wenn-die-wirklichkeit-im-drehbuch-steht/

 




Premiere und Variation

Ebenfalls wieder dabei: Frau Kalaschnikowa (Caroline Hanke). Foto: © Edi Szekely
Ebenfalls wieder dabei: Frau Kalaschnikowa (Caroline Hanke). Foto: © Edi Szekely

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten gibt es am 27. Februar 2015 um 19:30 Uhr im Schauspielhaus. Die Uraufführung von „The Return of Das Goldene Zeitalter“ steht auf dem Programm. 100 neue Wege, dem Schicksal das Sorgerecht zu entziehen lautet der Untertitel und wer schon die erste Variation gesehen hat, kann sich auf die Raupe, Adam und Eva oder den Duracell-Hasen freuen.

Hat das Schicksal nun das Sorgerecht für uns? Sind wir determiniert und unfrei oder können wir versuchen unsere Freiheit wiederzuerlangen. Das ist das die zentrale Frage des Stückes. „Nicht mehr das Schicksal sorgt sich um mich, sondern ich sorge selber um mich“, fasst es Dramaturg Alexander Kerlin zusammen.

„Bin ich ein Individuum oder ein Remake“, fragt sich Regisseur Kay Voges. Der Mensch gehe einerseits gerne in einer Masse von 80.000 Leuten im Westfalenstadion unter, andererseits betone er seine Individualität. Ist der Mensch mehr als die Gene seiner Eltern?

Das Thema umfasst auch den Bereich „Remix“ und „Urheberrecht“. Gibt es so etwas wie die Originalität oder baut alles aufeinander auf? Ein aktuelles Beispiel bietet die „Baal“-Inszenierung in München. Dort haben die Brecht-Erben die Inszenierung untersagt, weil der Regisseur Fremdtexte integriert hatte. Dabei sagte Bertolt Brecht selber: „Der Urheber ist belanglos. Er setzt sich durch, indem er verschwindet.“

Was erwartet den Zuschauer in den drei bis vier Stunden? „Mein Traum ist, es, dass der Zuschauer den Abend wie einen Abend am Strand erlebt. Man betrachtet die Sterne, entweder demütig oder glücklich“, erzählt Kerlin.

Für die Schauspieler – es sind dieselben, die bereits vor einem Jahr beim „Goldenen Zeitalter mit dabei waren – ist das Stück wieder eine Art Überraschungstüte. Denn wie im vergangenen Jahr wird Regisseur Kay Voges im Zuschauersaal sitzen und live Anweisungen an die Schauspieler geben. „Die ganze Lust am Spielen, die Vorfreude ist spürbar. Niemand weiß, wie reagiert das Publikum“, so Voges.

Wie vorher auch, ist es möglich, während der Vorstellung den Theatersaal zu verlassen, um sich vielleicht etwas zu trinken zu holen und dann wiederzukommen.

Neben der Premiere am 27. Februar wird das Stück noch zweimal gespielt: Am 07. März und am 30. April. Die Termine sind deshalb zeitlich so weit voneinander entfernt, „weil das Stück einen sehr großen Aufwand fordert, den wir nicht zweimal pro Woche leisten können“, so Voges.

Für alle drei Termine gibt es noch Karten zu kaufen unter 0231 50 27222 oder www.theaterdo.de




Blick auf die freie Theaterszene

Vom 25. bis zum 28. Februar stehen wieder die Petra Meurer Theatertage auf dem Programm. Bereits am Mittwoch, dem 25. Februar 2015 zeigt das Literaturhaus Dortmund das Stück „Eulenspiegels Enkel“ von und mit Markus Veith. Doch das läuft quasi außer der Reihe. Am Freitag und Samstag finden die beiden Hauptveranstaltungen im Theater im Depot statt.

Bereits zum vierten Mal zeigen die Petra Meurer Theatertage die Vielfalt der freien Theater- und Performanceszene aus dem Ruhrgebiet. Begonnen hat alles 2011 aus einem traurigen Anlass. Denn im Mai 2010 starb überraschend Petra Meurer, eine Dozentin an der TU Dortmund, die sich sehr stark für die Kooperation zwischen der TU und der Stadt verdient gemacht hatte. 2011 wurde daher zum ersten Mal der Petra Meurer Preis ausgelobt.

„Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass ein Bedarf da ist“, erzählte Rainer Holl, von der TU Dortmund, der gleichzeitig der Leiter der Petra Meurer Theatertage ist. „Es gibt für die performativen Künste nichts niederschwelliges. Daher sind wir auch in einer Art Verantwortung.“

Die Künstlerinnen und Künstler aus dem Ruhrgebiet können sich ab dem Sommer auf der Seite www.petrameurerpreis.net bewerben. „Bewerben kann sich jeder, der etwas performt“, erklärte Holl. „Im besten Falle hat man schon irgendetwas inszeniert und kann das Material auf CD oder USB-Stick an uns schicken.“ Danach entscheidet eine achtköpfige Jury über die Preise.

Die Sieger erhalten nicht nur ein Preisgeld, sondern sind das nächste Mal mit einer Inszenierung dabei.

2015 gibt es sechs Preisträger. Es gibt einen Hauptpreis (dotiert mit 1.000 €), zwei Sonderpreise (jeweils 500 €) und drei Förderpreise (jeweils 300 €). Die Preisverleihung findet am Samstag, dem 28. Februar 2015 um 19:30 Uhr im Theater im Depot statt. Der Eintritt zur Preisverleihung ist kostenlos.

Einen Tag vorher, am Freitag, dem 27. Februar 2015 steigt um 19:30 Uhr der „Performance Abend“ mit zwei Stücken. Den Beginn macht Teatr Liaison à Faire von Lena Tempich mit dem Projekt „Rotkäppchen träumt“. Tempich bekam den Förderpreis 2014.

Ebenfalls Förderpreissieger 2014 war das inklusive Theaterprojekt „Dorisdean“. Mit „I like to play“ geht es um das Thema „Sex und Behinderung“ und sexuelle Identität. Die acht Performer binden das Publikum mit ein. Mittels Applausmessung, Stimmzettel und Handzeichen können sich die Zuschauer in das Geschehen einbringen. Hier beträgt der Eintrittspreis 7 € (ermäßigt 5 €).




Starke Farbkontraste in der Artothek

Oranna Schönhagen vor ihrem Bild "Varieté I".
Oranna Schönhagen vor ihrem Bild „Varieté I“.

Werke der Malerin Oranna Schönhagen zeigt die Artothek der Stadt- und Landesbibliothek vom 24. Februar bis zum 07. April 2015. In ihren Arbeiten setzt die Künstlerin stark auf Farbkontraste. Ihre Motive sind realistisch, wobei sie Flächen bis hin zum Abstrakten reduziert.

Ein Bild zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters sofort auf sich. „Die rote Kuh“. Das großformatige Bild (150×150 cm) mit der titelgebenden Kuh wirkt ein wenig expressionistisch oder Pop-Art-mäßig. Hier kommt die typische Komposition von Schönhagens Bildern zum Tragen. Die Farbkontraste durch die drei Grundfarben Rot, Grün und Blau. Das Motiv, die Kuh, ist realistisch wiedergegeben, während der Himmel und die Wiese sehr stark abstrahiert werden.

Auch wenn die Ausstellung keinen Titel hat, die Bilder von Schönhagen lassen sich in drei Themenbereiche unterteilen. Landschaftsbilder, Bilder aus Venedig und Tanzbilder. Dabei schafft Schönhagen die Bewegung des Tanzes in einem Bild festzuhalten. „Es ist wie ein gefrorener Moment, sagte ein befreundeter Schauspieler zu mir“, berichtete die Künstlerin. Bei den Tanzbildern lässt sich Schönhagen von den Choreographien des Dortmunder Ballettdirektors Xin Peng Wang inspirieren. So tragen Bilder Titel von Wangs vergangenen Programmen wie „No Constancy“ oder „Zauberberg“.

Die Ideen für ihre Bilder kommen aus verschiedenen Quellen. Sie macht entweder Skizzen oder Fotos und benutzt ihre eigenen Erinnerungen, die sie mit Fotos aus der Presse oder dem Internet ergänzt.

Die meisten ihrer gezeigten Bilder sind mit Acryl gemalt. Doch Schönhagen malt auch in Öl, beziehungsweise in Öl und Acryl. „Man bekommt eine ganz andere Lebendigkeit mit Ölfarben“, so Schönhagen.




Kammerspiel mit ungeheurer Dichte

Jürgen Mikol und Andreas Weißert. (Foto: © Djamak Homayoun)
Jürgen Mikol und Andreas Weißert. (Foto: © Djamak Homayoun)

Die Zahl aller Flüchtlinge unter UNHCR-Mandat hat Mitte letzten Jahres 13 Millionen erreicht. Das ist die höchste Zahl seit 1996. So steht es im Bericht des UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen). In Deutschland ist das Thema Flüchtlinge durch die Situation in Syrien und durch die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer wieder in den Mittelpunkt gerückt.

Es ist nicht all zulange her, dass auch Menschen aus Deutschland flüchten mussten. Bertolt Brecht war so jemand. Brecht floh bereits 1933, lebte erst in Frankreich, dann in Dänemark, Schweden und kam 1940 nach Finnland, wo er die „Flüchtlingsgespräche“ schreib. Am 20. Februar um 20 Uhr war die Gastspielpremiere im Studio des Schauspielhauses.

In den Flüchtlingsgesprächen geht es um zwei Flüchtlinge, den Physiker Ziffel und den Arbeiter Kalle, die sich regelmäßig im Bahnhofscafé in Helsinki treffen und ihre Gedanken austauschen. Jürgen Mikol (ehemaliger Schauspieler im Ensemble Dortmund) und Andreas Weißert (Leiter des Schauspielhauses 1975–1980) übernahmen die Rollen und fügten zu Brechts Texten auch einige andere hinzu.

Das Bühnenbild war ebenso schlicht wie passend: Ein Tisch, zwei Stühle, ein Koffer. Ein klein wenig erinnerte das Ambiente an die 40er Jahre. Im Hintergrund projiziert die bekannte Karikatur „Dienst am Volk“ von Ehrich Ohser alias e.o.plauen: Der Betrunkene, der ein Hakenkreuz in den Schnee pinkelt.

Auch wenn Mikol (Kalle) und Weißert (Ziffel) nicht die gesamten Flüchtlingsgespräche lesen, der Text von Brecht hat nach 75 Jahren immer noch eine ungeheure Aktualität. Nicht nur durch das berühmte Zitat „Der Pass ist der edelste Teil eines Menschen“, sondern auch durch andere Bezüge. „Die stupende Fähigkeit unseres Zeitalters, aus nichts etwas zu machen, ist es, die eine so ungeheure Anzahl bedeutender Menschen erzeugt hat“, erklärt Ziffel. Diesen Satz könnte man auch auf die heutige Zeit übertragen, die auch aus dem Nichts eine ungeheure Anzahl von B- oder C-Prominenten erzeugt.

Immer wenn ein kleines Gespräch beendet wurde, lasen Mikol oder Weißert einen anderen Text. Beispielsweise einen Text der Sozialdemokratin Lily Braun, die 1915 das Massensterben auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges aus Frauensicht glorifizierte bis hin zu einer Satire aus der „Frankfurter Rundschau“ über die marode Bundeswehr.

Mikol und Weißert sind im alte Haudegen auf dem Schauspielparkett und sie lassen ihre ganze Erfahrung durch ihre Mimik und Gestik einfließen. Selbst vor kleinen Gesangs- und Tanzeinlagen schrecken die beiden nicht zurück. Trotz des ernsten Themas wurde es dennoch zu einem unterhaltsamen Abend, dank des immer noch aktuellen Textes von Brecht und der Spielfreude der beiden Akteure. Absolut lohnenswert.

Für den 08. März gibt es noch Restkarten.

[fruitful_dbox] Das schreiben die anderen:

Westfälischer Anzeiger (WA) [/fruitful_dbox]




Besuch aus der Zukunft

Lars Lienen (Kai) trifft seine Tochter Helen (Sandra Wickenburg) in der U-Bahn-Station. (Foto: © Theater im Depot)
Lars Lienen (Kai) trifft seine Tochter Helen (Sandra Wickenburg) in der U-Bahn-Station. (Foto: © Theater im Depot)

Skurrile Geschichte: Da verpasst Kai die letzte Bahn, muss also stundenlang in einer U-Bahn-Station ausharren, als er plötzlich Besuch bekommt. Es ist seine Tochter Helen. Aus der Zukunft. Mit dem Ziel, ihn zu töten und damit ihre Existenz auszulöschen. Doch aus einem geplanten Mord wird eine höchst ungewöhnliche Vater-Tochter-Geschichte, die im Stück „Die erste Bahn“ von Markus Veith erzählt wird. Es spielen Sandra Wickenburg und Lars Lienen. Premiere ist am 20. Februar 2015 im Theater im Depot.

Zeitreisen sind ein beliebtes Sujet in der Sciencefiction-Literatur und auch im Film wie beispielsweise beim „Terminator“ und bei „Zurück in die Zukunft“. Lassen wir das Zeitparadoxon auch „Großvaterparadoxon“ genannt mal außen vor, geht es bei „Die erste Bahn“ eher darum, dass jemand der Spiegel vorgehalten wird. Nach dem Motto: Schau mal, so wirst du in der Zukunft sein. Und das scheint nicht gerade das positivste Erscheinungsbild zu sein.

Wie geht die Geschichte weiter? In der ersten Bahn soll Kai die künftige Mutter von Helen kennenlernen. Aber im Verlauf des Stückes kommt Helen der Verdacht, dass sie vielleicht schon gezeugt wurde und daher zu spät kommt.

Neben der Premiere am 20. Februar um 20 Uhr wird das Stück noch am 07. März (20 Uhr) und am 29. März (18 Uhr) gezeigt.




Ab auf die Gegenschräge

Die Fabrik hatte wieder ihre Pforten geöffnet und diesmal war das Thema: Der Tod. Uwe Schmieders „Heiner Müller Factory“ war ausgerechnet am Freitag, den 13. Februar 2015 im Institut des Dortmunder Schauspielhauses in einer äußerst morbiden Stimmung.

Zu Beginn gab es Schwerstarbeit für Gastgeber Heinar Müllor (Uwe Schmieder): Er trug jedes Chormitglied der „gefallen Engel“ (Dortmunder Sprechchor) auf die Tresen des Institutes. Respekt! Die „gefallenen Engel“ waren bleich geschminkt wie Leichen.

Neben der Konfrontation mit dem Tod („Der Tod ist ein Irrtum“) setzte sich Müllor auch mit Iossef Stahlin (Robert Adamek) in einem literarischen Wettstreit auseinander. Mit dabei waren auch weitere illustre Gäste wie der Tod (Carlos Lobo), der Mörder mit dem Hühnergesicht (Ekkehard Freye), Nicolaja Pfeffgenova von Velvet Underground (Merle Wasmuth) oder „das Theater“ (Alexander Kerlin).

Dank des gelungenen Konzeptes von Uwe Schmieder, war der Abend eine gute Gelegenheit, sich auf neue und spannende Weise mit dem Werk von Heiner Müller auseinanderzusetzen. Ein Extralob gibt es für den wunderbaren Chor der gefallen Engel.




Pannekopp-Orden 2015: Herzlichen Glückwunsch, Herr Lange!

Der „Pannekopp des Jahres“ ist gekürt. Dem Publikum auf Zeche und den Besuchern der Geierabend-Homepage fiel die Wahl anscheinend nicht schwer. Der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange erhält den „Pannekopp-Orden“ für seinen Umgang mit der lokalen Nazi-Szene und deren Gegnern. Während der Session geriet Lange wiederholt in die öffentliche Kritik. Geierabend-Moderator Martin Kaysh alias „der Steiger“ witterte Manipulation: „Ein Kandidat, der während der laufenden Abstimmung derart auffällig mit weiteren ,Verdiensten‘ um den Orden buhlt, gehört eigentlich disqualifiziert.“ Ob Lange den 28,5 kg schweren Orden aus rostigem Stahlschrott tatsächlich persönlich entgegennehmen wird, bleibt abzuwarten.

Die Session 14/15 brachte für das Geierabend-Team rund 17.500 Zuschauer, 38 ausverkaufte Vorstellungen und eine Auslastung von 104 Prozent – mit diesen Zahlen endete der alternative Ruhrpott-Karneval Geierabend.