Beziehungskomödie „all-inklusive“

Einen Beitrag für mehr Toleranz und Offenheit lieferte die Regisseurin Jasmilla Žbanić mit ihrer Komödie „Love Island“ mit ihren Beitragsfilm für den Regiewettbewerb beim Internationalem Frauenfestival 2015.

Grebo (Ermin Bravo) und seine hochschwangere Frau Liliane (Ariane Labed) verbringen ihren Urlaub. Die Idylle wird jedoch gestört, als die verführerische Flora (Ada Condeescu) auftaucht. Grebo fühlt sich zu der attraktiven Tauchlehrerin sofort hingezogen, doch Liliane hat selbst ein Geheimnis, das mit Flora zu tun hat…

Sonne, Sand und Meer. Aus einem Urlaubstrip entwickelt Žbanić eine bunter Beziehungskomödie mit einem durchaus ernstem Hintergrund. Denn Liliane und Flora hatten früher eine Liebesbeziehung. Die Gefühle aller Beteiligten geraten völlig durcheinander. Kombiniert wird dieser Film durch Musik und Tanz, das man in manchen Momenten das Gefühl hat, man sei in einem Bollywood-Film. Žbanić vertraut wie der polnische Beitrag „Body“ auf eine Anzahl skurriler Gäste auf der Ferieninsel. Beispielsweise Francis „Django“ Nero als italienischen Marquis Polesini.

Die Situation auf dem Balkan ist für Homosexuelle noch immer schwierig, mit der leichten Sommerkomödie bricht Žbanić eine Lanze für homosexuelle Menschen und für Toleranz in einer offenen Gesellschaft.




Geisterfilm ohne Geister

Schon vor zwei Jahren hat die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska mit dem Film „In the name of…“ den Regiepreis des Internationalen Frauenfilmfestivals gewonnen. 2015 nimmt sie mit der schwarzen Komödie „Body“ teil und zeigt, dass Filme mit herrlich skurrilen Personen nicht nur aus Frankreich kommen.

Die Geschichte von Body: Ein (namenloser) Staatsanwalt, der überwiegend bei Todesfällen zum Tatort gerufen wird, hat Probleme mit seiner magersüchtigen Tochter Olga. Olga trauert um ihre Mutter und ist in einer Therapie bei der Psychologin Anna, die selber Probleme hat. Seit ihr Kind verstorben ist, glaubt sie Kontakt zu Geistern zu haben und fungiert als Medium.

Bitterböse, skurill und dennoch liebevoll. Wie geht das zusammen? Szumowska lässt sich viel Zeit, die besonderen Charaktere vorzustellen, aber ohne sie vorzuführen. Janusz Gajos spielt Olgas Vater mit sehr viel trockenem Humor. Sehr schön sichtbar, als er (vergeblich) versucht, bei Annas Séance ernst zu bleiben. Auch Anna (Maja Ostaszewska) ist sehr skurril. Sie wirkt sehr verhuscht und hat sich in ein Leben mit ihrem riesigen Hund zurückgezogen. Justyna Suwała spielt ebenfalls sehr beeindruckend die magersüchtige Tochter Olga.

Auch wenn in dem Film Türen knarren und plötzlich die Musik angeht, der Film ist kein Gruselfilm, sondern eine Vater-Tochter-Geschichte. Denn beide trauern. Der eine um seine Frau, die andere um ihre Mutter. Aber beide auf unterschiedlichem Wege. Während Olga mit Magersucht reagiert, versucht ihr Vater seine Trauer mit Alkohol zu bekämpfen. Erst der völlig misslungene Versuch, den Geist der Mutter/Ehefrau zu beschwören, zeigt Vater und Tochter, dass sie eine gemeinsame Basis haben.

„Body“ ist auf jeden Fall eines der Highlights beim diesjährigen Regiewettbewerb.




Leben in Zeiten der Revolution

In „Red Rose“, dem Beitragsfilm der iranischen Regisseurin Sepideh Farsi, verknüpft die Proteste gegen die Wahl im Iran 2009 mit einem Kammerspiel zwischen einer jungen Aktivistin und einem älteren desillusionierte Mann, der auf dem Weg ist, den Iran zu verlassen.
Die Figuren in Farsis Film bleiben meiner Meinung nach fremd. Sei es der ausreisewillige Herr Amini, der sich in seiner Wohnung, seiner inneren Emigration, zurück gezogen hat. Aber auch die junge Sara gibt Rätsel auf. Wieso schmeißt sie sich dem doppelt so alten Mann an den Hals? Aus Schutzbedürfnis oder aus Kalkül? Ist sie tatsächlich eine Aktivistin oder vielleicht sogar eine Spionin des Regimes? Trotz der Dramatik auf den Straßen von Teheran fließt der Film wie ein (zu) ruhiger Fluss dahin. Immerhin bekommt der Zuschauer einen kleinen Einblick in das Leben eines Mannes, der ein sehr stark westlich geprägtes Leben führt. Auch das ist eine wichtige Facette, die zeigt, dass der Iran und seine Menschen vielschichtiger sind als oberflächlich angenommen.
Die beiden Hauptdarsteller Javad Djavahery (Herr Amini) und Mina Kavani (Sara) machen ihre Arbeit ordentlich, können aber nicht wirklich Sympathien für ihre Figuren schaffen. Die Nebenfiguren wie beispielsweise Aminis Frau bleiben blass und ein mögliches Konfliktpotential zwischen Aminis Frau und Sara wird nicht weiter verfolgt.
Wer eine Dokumentation über die Proteste nach der iranischen Präsidentschaftswahl erwartet hatte, wird ebenfalls enttäuscht sein, nur kleine Nachrichtenhäppchen erzählen, was rund um die Wohnung von Herrn Amini passiert.




Auf der Suche nach Würde

Der kolumbianische Beitrag „Ella“ beim Regiewettbewerb des Internationalen Frauenfilmfestivals 2015 in Dortmund von Libia Stella Gómez zeigt ein ungeschminktes Bild der Welt in Bogota in Kolumbien. Beim Ansehen des Filmes wird einem deutlich, dass wir hier mit unserem Sozialsystem durchaus im Komfort leben, angesichts der Situation der Protagonisten. Das Baby hat Fieber und soll im Krankenhaus untersucht werden? Erst einmal 40.000 Pesos (etwa 15 €) auf den Tisch legen. Geld, das viele Arme nicht haben.

Im Film „Ella“ geht es um zwei alte Menschen Alcides und Georgina, die in einem Armenviertel in Bogota leben. Eines Tages stirbt Georgina und Alcides muss alleine zurechtkommen. Er will seiner toten Frau ein würdiges Begräbnis verschaffen, muss aber dafür lernen, sein eigenes Leben zu leben. Dabei hilft ihm die 12-jährige Guiselle, die von ihrem Vater misshandelt wird.

Gómez arbeitet mit schwarz-weiß Bildern, so dass der Film wirkt, als käme er aus den 50igern. Ein besonderes Verdienst der Regisseurin ist es, dass die Protagonisten ihre Würde behalten. Denn allzuleicht können Szenen wie der Transport der Leiche durch Alcides auf einem Karren ins Lächerliche abgleiten. Mit Humberto Arango hat Gómez auch eine gute Wahl getroffen, genauso wie die bezaubernde Deisy Marulanda als Guiselle.

Auf der anderen Seite zeigt Gómez ungeschminkt die Gewalt in ihrem Land. In Gegenden, wo ein Menschenleben nicht viel zählt, sind Ermordete keine Schlagzeile wert. Erschütternd die Szene, als eine Mutter ihren Sohn sucht und der Polizist ihr beiläufig sagt, schauen sie mal bei den gefundenen Leichen der vergangenen Nacht, ob er darunter ist.




Mahlers Schicksalssinfonie in voller Pracht

Es war voll auf der Bühne des Konzerthauses. Die 6. Sinfonie von Gustav Mahler brachte Musiker und Organisatoren beim 8. Philharmonischen Konzert an ihre Grenzen. Hätte Mahler für seine Sinfonie noch ein paar (exotische) Instrumente hinzugefügt, dann wäre es eng geworden. Sehr eng. So konnten die Zuhörer am Dienstag und Mittwoch der geballten Wucht und den zärtlichen Klängen der Dortmunder Philharmoniker lauschen.

Eigentlich sollte die Sinfonie im vierten Satz drei Hammerschläge haben, aber Mahler hat den letzten (aus Aberglaube?) in einer Überarbeitung gestrichen. So gibt es Versionen mit zwei oder drei Hammerschlägen. Gabriel Feltz gab der Version mit zweien den Vorzug. Vielleicht ahnte er, dass am Mittwoch für viele Dortmunder die Ankündigung des Weggangs von Jürgen Klopp wie ein Hammerschlag wirkte. So waren es zumindest für manchen am Mittwochabend derer drei.

Feltz hatte also mit dieser großen Besetzung alle Hände voll zu tun und lenkte die Philharmoniker in sehr gewohnt energischen und mitreißenden Art durch die 6. Sinfonie. In Mahlers Werk mischen sich energisch-militärische Elemente mit idyllischer Klangmalerei. Eine Sinfonie für Schlagwerker. Von Kuhglocken über Rute, Glockenspiel, Pauken, Trommeln bis hin zum berühmten Hammer waren bekannte und exotische Instrumente vertreten. Die Musiker rund um den ersten Schlagzeuger Louis-Pierre Janquin waren auf Zack. Herauszuheben waren ebenfalls die drei Harfinistinnen, die meist kleine dissonante Akzente setzten.

Die 90 Minuten intensiver Musik, eine Pause brauchte es nicht, denn Mahler und die Dortmunder Philharmoniker fesselten die Zuhörer so sehr, dass die Zeit wie im Fluge verging.




Journalismus als Graphic-Novel

Die Titelseite von "Weisse Wölfe". (Cover: ©  CORRECT!V/PULS)
Die Titelseite von „Weisse Wölfe“. (Cover: © CORRECT!V/PULS)

Das Schauspielhaus zeigt bis zum 26. Juni 2015 in seinem Foyer eine ungewöhnliche Ausstellung. David Schraven präsentiert die Ergebnisse seiner Recherchen im rechtsextremen Milieu in Form des Comics (oder Graphic-Novel). Die Zeichnungen wurden von Jan Feindt erstellt. Der Titel der Ausstellung lautet „Weisse Wölfe“.
Was steckt hinter der Mordserie der NSU und warum töteten sie auch in Dortmund? Schraven, Mitglied des Recherchebüros CORRECT!V, wollte es herausfinden. Durch seine Nachforschungen traf er auf einen Aussteiger aus der rechten Szene, der ihm einige Informationen über die Struktur der gewaltbereiten Neonazis gab. Sie organisieren sich in kleinen autonomen Zellen, die europaweit vernetzt sind. Der Rassenhass ist ihre gemeinsame Basis.
Die Bilder von Feindt sind schwarz-weiß gehalten und vermutlich bewusst sehr grob gehalten. Es sind keine Charakterzeichnungen von bestimmten Figuren, denn der rechte Terror hat nicht nur ein Gesicht.
Diese Ausstellung ist nötig und wichtig, vor allem in Dortmund. Wie sagte Friedrich Küppersbusch bei der Ausstellungseröffnung: Er möchte nicht in einer Stadt wohnen, in der Feiermärsche für einen Ermordeten zugelassen werden, nur weil sie so nahe an der Autobahn liegt.

Weisse Wölfe
224 Seiten
CORRECT!V/PULS
ISBN-10: 3981691709
ISBN-13: 978-3981691702
15 €




Abstrakte Landschaftsmalerei

Susanne Maurer, Februar #5, 2014, 95x90 cm
Susanne Maurer, Februar #5, 2014, 95×90 cm

Die Landschaftsbilder von Susanne Maurer stehen auf der Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Wären nicht Horizonte erkennbar, man könnte ihre Werke für reine abstrakte Malerei halten. Doch die Künstlerin benutzt geschickte Farbcodierungen, um so beim Betrachter die Landschaften entstehen zu lassen. Zu sehen sind ihre Bilder vom 19. April bis zum 22. Mai 2015 in der Galerie ART-isotope.

Was macht eine Landschaft aus? Zunächst einmal die Farben. Dunkelgrün steht für Wald, hellgrün für Wiese, Felder sind gelb und das Meer ist blau. In den Schulatlanten haben wir diese Farbgebung kennengelernt. Einen ähnlichen Farbcode benutzt Susanne Maurer in ihren Werken, so dass uns die Farbgebung vertraut vorkommt. Trotzdem sind es keine „echten“ Landschaften, die vorher fotografiert oder skizziert wurden, um im Atelier auf Leinwand verewigt zu werden. Die Landschaften entstehen nur im Auge des Betrachters.

Zudem gibt es zwei Besonderheiten. Zunächst einmal arbeitet sie fast immer mit quadratischen Leinwänden, was unsere Sehgewohnheiten von Landschaft entgegenläuft. Denn das bekannte Landschaftsformat (landscape) ist meist 4:3 oder 16:9, also querformatig. Darüber hinaus spielt die Künstlerin mit der Position des Horizonts. Anders als bei der klassischen Landschaftsmalerei ist bei ihr der Horizont schon einmal sehr dominant oder kaum zu sehen. Dennoch bleibt der Horizont oft für den Betrachter als wichtiger Bezugspunkt erhalten.

Maurer, die ihren Bildern ausschließlich Monatsnamen gibt,  benutzt für ihren Malstil Elemente der Street-Art oder Graffiti-Kultur. So verwendet sie großflächige Lasuren, die sie erneut mit Farben übermalt. Maurer setzt viel auf Farbwirkung, sie arbeitet beispielsweise mit den Komplementärkontrast (rot-grün) und benutzt seit neuestem auch fluoreszierende Farben.

ART-isotope

Wilhelmstraße 38

Öffnungszeiten: Sonntag, Montag, Dienstag und Freitag von 14:30 – 19:30 Uhr.




Inszenierter Selbstmord vor der Kamera

Mit „Sechs Gramm Caratillo“ schrieb Horst Bienek ein Hörspiel, das sich um einen Medizinstudenten dreht, der in einem Selbstversuch ein tödliches Gift nimmt und den Versuch mit einem Tonband aufnimmt. Gesprochen wurde es 1960 von Klaus Kinski. Bienek erhielt 1981 den Dortmunder Nelly-Sachs-Preis.
Das Theater glassbooth bringt das Stück ins 21. Jahrhundert. Hier ist es eine Schauspielerin/Künstlerin, die sich in einer Performance das Gift injiziert und ihr Sterben auf einer Kamera dokumentiert. Gespielt wird dies von Nora Bauckhorn, Regie führt Jens Dornheim und Videoeinspielungen wurden von Sascha Bisley erstellt. Die Premiere ist am 07. Mai 2015 im Sissikingkong. Ars tremonia sprach mit den drei Verantwortlichen.

[Update: Mittlerweile gibt es den Premierenbericht.]

 

Ars tremonia: In dem Stück „Sechs Gramm Caratillo“ geht es im Original um einen Selbstversuch eines Medizinstudenten. Gibt es in ihrer Inszenierung Veränderungen?

Nora Bauckhorn: Der Text ist umgearbeitet worden, er ist etwas moderner. Es geht in unserem Fall nicht um ein medizinisches Experiment, sondern eher um ein künstlerisches.

Ars tremonia: Herr Dornheim, wie sind sie auf die Idee gekommen, dieses Stück zu inszenieren, das ja ursprünglich aus dem Jahre 1960 stammt?

Jens Dornheim: Die Idee stammt von Nora, sie hatte das Stück in ihrer Schublade und es bereits für eine Frau umgeschrieben. Nora hatte mich gefragt, ob ich das Stück mit ihr machen möchte. Dann habe ich mir als erstes das Original von Kinski angehört, danach Noras Text gelesen und das hat mich sofort überzeugt, es machen zu wollen.

Ich werde mit glassbooth dieses Jahr zwei Premieren machen, eine mit kleinerer Besetzung und die andere mit mehr Schauspielern. Das hier ist bewusst für kleinere Locations konzipiert worden. Wir hätten es auch im Theater im Depot spielen können, aber ich finde, das Stück passt da nicht so gut rein. Ich finde, es braucht einen intimen Charakter mit wenig Zuschauer, die sehr nah dran sind.

Wir brauchen relativ wenig Platz auf der Bühne, aber die Möglichkeit auf einem Hintergrund etwas zu projizieren.

Ars tremonia: Frau Bauckhorn, was hat Sie an diesem Stück fasziniert?

Nora Bauckhorn: Ich glaube, zunächst einmal Kinski. Als Die-Hard-Fan finde ich es ein sehr auffälliges Werk, weil es so untypisch ist für ihn. Kinski spricht das sehr zurückgenommen, sehr ruhig eigentlich. Ich fand das Stück schon immer sehr spannend und faszinierend. Ich finde die Idee des Selbstmordes, was es im Prinzip ja ist, unter diesem Vorwand eines Experimentes interessant. Auch ein Thema was mich fasziniert, die Frage eben, wie echt muss Schauspiel, Film oder Kunst überhaupt sein? Wie echt darf es sein? Was will man sehen? Das ist zwar kein neues Thema, aber ich finde es halt interessant. Die Vorstellung, irgendjemand dabei zu zugucken, wie er sich gerade umbringt, ist natürlich extrem abstoßend, aber es hat natürlich einen sehr finsteren Reiz.

Ars tremonia: Es soll ja diese „Snuff“-Filme geben.

Nora Bauckhorn: Das wäre das auf die Spitze getrieben. Wobei ich das persönlich weder besonders interessant finde. Aber es scheint irgendetwas zu geben, was Leute daran fasziniert und sei es nur die Idee, dass es solche Filme geben soll. Allein das macht schon etwas mit Leuten. Ich finde es spannend zu fragen: Was will das Publikum? Was glaubt es zu wollen und will es das dann wirklich noch?

Ars tremonia: Gibt es Unterschiede zwischen der wissenschaftlichen Original-Hauptfigur und der neuen künstlerischen Figur?

Nora Bauckhorn: Ich glaube, da gibt es nicht so viele Unterschiede im Sinne der Intention. Ich versuche bestimmt nicht, auf der Bühne Herrn Kinski zu imitieren. Es ist deutlich anders gespielt, es ist eine Frau.

Jens Dornheim: Wir haben den Charakter schon deutlich verändert. Die Persönlichkeit der Künstlerin ist eine andere, ich wollte auch einen gewissen Abstand zum Original haben. Wobei der Herr Kinski bei uns auch eine Rolle spielen wird.

Nora Bauckheim: Im Original ist es ein Medizinstudent, in unserer Fassung ist es eine Schauspielschülerin oder eine kunstaffine Person.

Jens Dornheim: Bei uns ist es kein Experiment, sondern eine Performance.

Nora Brauckheim: Sie produziert sich auch anders als Kinskis Medizinstudent.

Sascha Bisley: Sie ist auch triebhafter, mit weniger Kalkül und emotionaler.

Ars tremonia: Es gibt nicht nur den Monolog auf der Bühne, sondern auch audiovisuelles. Was gibt es zu sehen und zu hören?

Sascha Bisley: Ich bin angesprochen worden, ob ich mir vorstellen könnte, das filmisch umzusetzen und wir haben überlegt, welchen Look wir nehmen. Machen wir das aufdringlich, schnell und laut wie heutige Installationen im Theater sind? Wir haben uns sehr schnell darauf geeinigt, etwas auszusuchen, was abgespeckt ist, sich auch ein bisschen in der Präsenz auf der Leinwand zurücknimmt und dafür mehr Raum für die Schauspieler lässt. Daher haben wir mit Schwarz-Weiß einen sehr klaren Look gewählt und die Bilder traummäßig angelegt. Das ist sehr surreal. Wir versuchen das Ganze mehr unterstützend statt aufdringlich zu untermalen. Installation wirken auch oft ablenkend und das haben wir vermieden. Die Herausforderung ist, die Lücken, die dieser Film hinterlassen muss, durch das Schauspielerische zu füllen. Der Film ist dazu da, um die Story zu etablieren, aber das Hauptaugenmerk dennoch auf der Schauspielerin zu lassen, die auf der Bühne und in den Installationen zu sehen ist. Das Filmische soll nur Beiwerk sein.

Ars tremonia: Wie lange wird das Stück ungefähr?

Jens Dornheim: Eine Stunde. Das Hörspiel ist 30 Minuten und da es bei uns etwas zusätzlich gibt und es auf der Bühne immer anders ist als im Studio, dauert es eine Stunde.

Weitere Termine: Donnerstag, 14.05.2015 im Wohnzimmer GE, Gelsenkirchen und am 17.05. 2015 im Theater Rottstr 5 in Bochum.




Traumatisiert im Flüchtlingselend

Überall in den Nachrichten sehen, hören oder lesen wir über Flüchtlinge. Was treibt diese Menschen, speziell Kriegsflüchtlinge, ihre Heimat zu verlassen und irgendwo anders ein neues Leben aufzubauen? Davon erzählt das Stück „Krieg“ von norwegischen Autor Lars Norén, das am 12. April 2015 in der türkischen Fassung „Savaş“ des Theaters Pürtelaş Tiyatro im Rahmen der Reihe „Szene Istanbul“ im Studio unter der Regie von Serdar Biliş aufgeführt wurde.

Die Geschichte um einen blinden Kriegsheimkehrer, der nach zwei Jahren zu seiner Familie zurückkehrt, aber feststellen muss, dass alles anders geworden ist, wurde von den Schauspielern berührend gespielt.

Sermet Yeşil spielt einen Vater, der einfach nur möchte, dass alles so bleibt wie zu dem Zeitpunkt, als er gegangen ist. Doch das ist nicht möglich. Das Erschrecken bei allen anderen Familienmitgliedern, als „das Gespenst“ wieder auftaucht ist deutlich zu sehen. Mit seiner Blindheit ist er in ihrem Elend ein weiterer Klotz am Bein. In Zeiten von bitterer Not ist von Solidarität nichts zu spüren. So wird das Verlangen des Vaters nach der Normalität vor dem Krieg letztendlich zu seinem Menetekel. Er wird allein gelassen.

Die Mutter (Tilbe Saran) ist in dem Stück eine Frau, die hin- und hergerissen wird. Sie schwankt zwischen der Solidarität zu ihrem Mann und der neuen Liebe zu seinem Bruder Ivan (Onur Gürçay), für den sie sich letztendlich entscheidet. Saran präsentiert eine Mutter, die versucht, ein klein wenig Ordnung im Chaos zu schaffen, was ihr ihre Töchter aber schwer machen.

Die ältere Tochter, gespielt von Damla Sönmez, ist in die Prostitution abgerutscht und versucht dadurch ein wenig Geld zu sparen, um nach Italien oder Deutschland zu flüchten. Ein ähnliches Schicksal droht kurz oder lang der jüngeren Tochter (Ecem Uzun).

Das Stück schont niemanden. Auch wenn Gewalt (fast) nicht gezeigt wird, es wird viel über sie gesprochen. Die Vergewaltigung der Mutter, die Misshandlung des Vaters im Lager, das Essen des Hundes, die täglichen Demütigungen und Narben haben bei allen Charakteren Spuren hinterlassen.




Auf der Suche nach der Heimatbegriff

Das sechste Stadtgespräch im Museum für Kunst und Kulturgeschichte dreht sich um den Begriff „Heimat“. Wie definiert er sich und gibt es sogar mehrere Heimaten? Daher heißt der Titel der Reihe auch „Heimaten“. Die erste der vierzehn Veranstaltungen beginnt am 16. April 2015 um 18 Uhr.

Sind wir Dortmunder? Oder Körner, Huckarder, Aplerbecker? Gehören wir eher zum Ruhrgebiet oder sind wir Westfalen? Fühlen wir uns unserem Bundesland Nordrhein-Westfalen zugehörig? Was bedeutet Heimat in Zeiten der Migration?

Diese und weitere Fragen beantworten Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen. Prof. Dr. Wolfgang Sonne beispielsweise kommt aus der Architektur und stellt am 05. November 2015 um 18 Uhr die Reformarchitektur in der Großstadt vor. Filmexperte Ernst Schreckenberg präsentiert am 07. Mai 2015 um 18 Uhr Heimatbilder im Film. Wie hat sich das Bild der Heimat angefangen von den Heimatfilmen der 50er Jahre bis hin zu den heutigen Filmen verändert?

Am 23. April 2014 um 18 Uhr kommt ein besonderer Gast, der Schriftsteller Feridun Zaimoglu erzählt über „Heimat: Eine Geschichte der Unstimmigkeiten“.

Die Stadtgespräche ergänzen mit ihrem Thema das Rahmenprogramm der großen Sonderausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“, die das MKK vom 28. August 2015 bis 28. Februar 2016 zeigt.

An ausgesuchten Donnerstagen finden die Stadtgespräche bis in den Januar 2016 hinein um 18:00 Uhr im MKK statt (25. Juni 19:00 Uhr).