Klassik im Industrie-Klangraum – Die Dortmunder Philharmoniker im Salzlager der Kokerei Hansa

Das Konzept, klassische Musik aus den traditionellen Konzertsälen herauszuholen und an Un-Orte zu bringen, ist im Ruhrgebiet fest verankert. Doch selten gelingt die Symbiose aus historischer Architektur und musikalischer Exzellenz so organisch wie beim 4. Kammerkonzert der Dortmunder Philharmoniker. Unter dem vielversprechenden Titel „Lieblingsstücke“ luden die Musikerinnen und Musiker in das Salzlager der Kokerei Hansa – ein Abend, der bewies, dass Beethoven und Industriekultur sich erstaunlich viel zu sagen haben.



Ein genialer Strauss-Remix zum Auftakt

Den Beginn machte ein Werk, das man getrost als historischen „Remix“ bezeichnen darf: Richard Strauss’ Till Eulenspiegel einmal anders, in der hochkonzentrierten Bearbeitung von Franz Hasenöhrl. Wer das gewaltige orchestrale Original im Kopf hat, rieb sich hier fasziniert die Ohren. Eingedampft auf eine vitale Quintett-Besetzung war diese Hommage an Strauss zwar kurz, aber ungemein kurzweilig und von erfrischendem Witz geprägt. Die Musiker brachten die frechen, humorvollen Kapriolen des Till Eulenspiegel mit einer Pointiertheit auf die Bühne, die das Stück zu einem außergewöhnlichen, spritzigen Appetithappen des Abends machte.

Die Geigerin Shinkyung Kim gehörte zum Septett. (Foto: (c) Sophia Hegewald)
Die Geigerin Shinkyung Kim gehörte zum Septett. (Foto: (c) Sophia Hegewald)

Perfekte Harmonie zwischen Bläsern und Streichern

Das Hauptwerk des Abends forderte ein Höchstmaß an kammermusikalischer Präzision: Ludwig van Beethovens monumentales Septett Es-Dur op. 20. Es war eine helle Freude zu beobachten, wie außergewöhnlich gut die gemischte Besetzung aus Streichern und Bläsern hier harmonierte. Die Balance zwischen dem warmen Fundament der Streicher und den eleganten Linien der Bläser war makellos austariert. Das Ensemble musizierte mit einer spürbaren Spielfreude, die die jugendliche Frische und den unbeschwerten Esprit dieses frühen Beethoven-Meisterwerks voll zur Entfaltung brachte.

Industrielle Relikte als Resonanzkörper

Das eigentliche Highlight des Abends war jedoch die Kulisse selbst. Auf den ersten Blick scheinen das moderne, raue Industrieambiente der Kokerei Hansa und die Wiener Klassik eines Beethovens Welten voneinander entfernt zu sein. Doch die Verbindung funktionierte auf magische Weise. Das Salzlager erwies sich nicht bloß als dekorativer Hintergrund, sondern als ein ganz besonderer Klangraum. Die industriellen Relikte und die weiten Mauern absorbierten den Schall nicht, sondern formten ihn mit, sodass eine intime und zugleich tragende Akustik entstand, die den Instrumenten eine ganz besondere Färbung verlieh.

Fazit: Die Dortmunder Philharmoniker haben mit ihren befreundeten Gästen gezeigt, wie lebendig Kammermusik sein kann, wenn sie den richtigen Raum findet. Die Kokerei Hansa bot an diesem Abend weit mehr als nur Industrie-Nostalgie – sie wurde zu einem lebendigen Resonanzkörper für zwei absolute Lieblingsstücke. Ein rundum gelungener, kurzweiliger Abend, der vom Publikum mit begeistertem Applaus quittiert wurde.




Eine Zeitmaschine aus Klang – Das Sollazzo Ensemble in der Dortmunder Marienkirche

Es passiert nicht alle Tage, dass die Musikwelt einen jahrhundertealten Schatz hebt. Als 2015 der sogenannte Leuven Chansonnier bei einer Auktion auftauchte, war das eine musikwissenschaftliche Sensation: Ein intaktes, winziges Liederbuch aus der Zeit um 1470, vollgepackt mit weltlichen Chansons der franko-flämischen Schule. Einige dieser Werke sind weltweit einzigartig (Unica). Das hochkarätige Sollazzo Ensemble unter der Leitung von Anna Danilevskaia brachte dieses musikalische Juwel nun in der St. Marienkirche zu Gehör – und verwandelte das Gotteshaus für einen Abend in einen spätmittelalterlichen Fürstenhof.



Klangliche Transparenz in historischen Mauern

Wer die St. Marienkirche kennt, weiß um die akustischen Herausforderungen, die große Kirchenräume für komplexe, mehrstimmige Musik oft bereithalten. Aus den vorderen Reihen bot sich dem Publikum jedoch ein phänomenales Klangerlebnis. Die komplexe Polyphonie von Meistern wie Johannes Ockeghem, Antoine Busnoys oder Robert Morton verschwamm keineswegs im architektonischen Nachhall. Im Gegenteil: Die Gesangsstimmen und historischen Instrumente präsentierten sich in einer wunderbaren Klarheit und messerscharfen Deutlichkeit. Jede feine Linie, jede harmonische Reibung blieb transparent und greifbar.

Die Kunst der Zeitreise

Es ist eine Gratwanderung, Musik des 15. Jahrhunderts so zu interpretieren, dass sie nicht wie ein staubiges Museumsstück wirkt. Dem Sollazzo Ensemble gelang hier ein kleines Kunststück: Sie brachten die höfische Liebeslyrik und die intellektuelle Tiefe der Epoche so authentisch zu Gehör, dass sich die Zuhörenden unweigerlich auf eine Zeitreise zurück an die Schwelle zwischen Spätmittelalter und Renaissance versetzt fühlten.

Das Sollazzo Ensemble in der Marienkirche. (Foto: (c) Karen Elias)
Das Sollazzo Ensemble in der Marienkirche. (Foto: (c) Karen Elias)

Einzelne Stücke herauszuheben, fiele schwer und würde dem geschlossenen Charakter des Abends kaum gerecht werden. Jedes Chanson funktionierte wie ein kunstvoll gestaltetes Epochenfenster. Man konnte förmlich die melancholische Eleganz und die strenge Etikette der damaligen Adelshöfe spüren. Die Musikerinnen und Musiker transportierten die Emotionen der Texte mit einer Lebendigkeit, die das Gestern ganz nah ans Heute heranholte.

Ein Abend für Entdecker und Kenner

Dass ein solches Nischenprogramm kein klassisches Mainstream-Publikum anzieht, liegt in der Natur der Sache. Die Marienkirche war an diesem Abend spürbar von einem fachkundigen Publikum besetzt – Menschen, die die Seltenheit und den musikhistorischen Wert dieser Aufführung zu schätzen wussten. Doch auch die neugierigen Entdecker im Raum wurden von der dichten Atmosphäre und der handwerklichen Perfektion des Ensembles sogleich gefesselt. Unbekannte Musik der Renaissance in dieser Qualität bekommt man schließlich nur extrem selten live geboten.

Fazit: Das Sollazzo Ensemble hat dem Leuven Chansonnier in Dortmund genau die Bühne geboten, die dieser sensationelle Fund verdient. Ein Abend von berückender Klarheit, der bewies, dass alte Musik, wenn sie mit so viel Hingabe und Sachverstand interpretiert wird, die kraftvollste Zeitmaschine überhaupt sein kann.




Kapitalismus im Endzeit-Gewand: „Die Dreigroschenoper“ im Salzlager der Kokerei Hansa

Was für ein passenderer Ort ließe sich für Bertolt Brechts und Kurt Weills Dreigroschenoper finden als das Salzlager der Kokerei Hansa? Wo einst Salze und Dünger für die Landwirtschaft industriell produziert und gewinnbringend verkauft wurden, wird heute das Elend bewirtschaftet. In ihrer Inszenierung zeigt Regisseurin Julia Wissert eine Welt, die keine sentimentale Tragödie über die Unterschicht ist, sondern eine zynische, hochaktuelle Analyse des Raubtierkapitalismus in seiner reinsten Form – inklusive der totalen Ökonomisierung von Armut und Menschlichkeit.



Dünger für das Elend: Die Kulisse und das Leading Team

Die industrielle, rohe Kulisse des Salzlagers atmet den Geist des Stücks und wird vom Ensemble geschickt bespielt. Bühnenbildner Thilo Ullrich bettet seine fantasievolle, dynamische Szenerie nahtlos in diese Fabrikatmosphäre ein. Kombiniert mit den Kostümen von Lorena Díaz Stephens entsteht eine dystopische Welt, die optisch stark an die Mad Max-Filme erinnert. In diesem endzeitlichen Überlebenskampf gibt es keine moralischen Instanzen mehr: Besonders sinnbildlich brennt sich der Polizeichef Brown ins Gedächtnis, der – gehüllt in knallrotes Plastik – als wandelndes, korruptes Signalfeuer die Analogie von Gangster- und Spießbürgertum verkörpert.

Hier wird deutlich, was Brecht meinte: Jonathan Jeremiah Peachum betreibt kein Wohlfahrtsunternehmen, sondern bewirtschaftet Mitleid als knappe Ressource. Armut ist hier der Treibstoff für Profit und politische Erpressung.

Haben eine komplizierte Beziehung. v.l.n.r.: Polizeichef Brown (Viet Anh Alexander Tran) und Meckie Messer (Lukas Beeler). Foto:  © Florian Dürkopp
Haben eine komplizierte Beziehung. v.l.n.r.: Polizeichef Brown (Viet Anh Alexander Tran) und Meckie Messer (Lukas Beeler). Foto: © Florian Dürkopp

Ein zynischer Mackie und eiskalte Frauenclans

Das Ensemble transportiert diesen zynischen Grundton grandios. Lukas Beeler brilliert als Macheath (Mackie Messer). Er legt die Figur präzise als überheblichen, zynischen Gangster an, der sich in seiner bürgerlichen Fassade absolut sicher wiegt – schließlich weiß er den Polizeichef in seiner Tasche.

Doch die eigentliche Dynamik des Abends gehört den Frauenrollen, die in diesem patriarchal-kapitalistischen Gefüge zu strategischen Akteurinnen werden. Herausragend gelingt Rose Lohmann die Wandlung der Polly Peachum: Aus der scheinbar romantischen, naiven Tochter wird im Handumdrehen eine knallharte, effiziente Geschäftsfrau, die Mackies Gang mit einer Kälte übernimmt, die den Ganoven das Blut in den Adern gefrieren lässt. Auch Marlene Goksch überzeugt als Spelunken-Jenny im Juni-Ensemble auf ganzer Linie. Ihr Verrat an Mackie geschieht nicht aus Bosheit, sondern aus schierer ökonomischer Notwendigkeit – das Prinzip „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ wird hier schmerzhaft spürbar.

Solide Musik mit akustischen Hindernissen

Musikalisch wird der Abend von der siebenköpfigen Band unter der Leitung von Yotam Schlezinger solide getragen. Kurt Weills Songs behalten ihren rotzigen, treibenden Charakter. Allerdings forderte die raue Industrie-Architektur des Salzlagers an diesem Abend ihren Tribut: Für Zuschauer auf den Außenplätzen (wie am rechten Rand) blieb die Band visuell verborgen. Zudem kämpfte die Aufführung mit punktuellen akustischen Problemen. Sobald das Ensemble am jeweils anderen Ende der weitläufigen Bühne agierte und sang, ging die Textverständlichkeit bei einigen Songs leider spürbar verloren.

Fazit
Trotz der akustischen Abzüge durch die Hallenkonstruktion ist Julia Wissert eine bildgewaltige Inszenierung gelungen. In Dortmunds wohl passendster Industriekulisse regt das Stück genau dazu an, über die zynischen Mechanismen nachzudenken, die Armut erst profitabel machen. Ein starker, sehenswerter Theaterabend.




Berauschende Intimität im domicil: Andrea Motis verzaubert das Klangvokal Musikfestival

Das Dortmunder Klangvokal Musikfestival ist bekannt für seine Sternstunden der Vokalkunst – doch was die katalanische Ausnahmekünstlerin Andrea Motis am Abend des 27. Mai 2026 im ausverkauften Jazzclub domicil präsentierte, war weit mehr als ein gewöhnliches Konzert. Es war eine Lektion in musikalischer Eleganz, Reduktion und spürbarer Spielfreude.



Im Zentrum des Abends stand das Material ihres brandneuen Albums Intimate, und das Trio – bestehend aus Motis und ihren zwei meisterhaften Gitarristen Josep Traver und Jurandir Dã Silva – nahm diesen Titel entwaffnend wörtlich.

Ein Abend in zwei Akten: Von leisen Tönen zum mitreißenden Swing

Die Dramaturgie des Konzerts war klug gewählt und spiegelte die enorme Bandbreite der 31-Jährigen wider. Der erste Teil des Abends gehörte ganz der Introspektion. Motis verzichtete zunächst fast vollständig auf ihr Markenzeichen, die Trompete, und stellte stattdessen ihre Stimme ins Scheinwerferlicht. Begleitet vom feinsinnigen, harmonischen Geflecht der beiden Gitarren – wo Travers jazziges Fundament perfekt mit Dã Silvas fließenden, afro-brasilianischen Bossa-Nova-Rhythmen verschmolz – entfaltete der Gesang eine fast magnetische Wirkung. Warm, klar und verletzlich zog sie das Publikum im Club vom ersten Ton an in ihren Bann.

Ob mit Gesang oder Trompete: Andrea Motis riss das domicil mit.
Ob mit Gesang oder Trompete: Andrea Motis riss das domicil mit.

Nach der Pause änderte sich die Energie im Raum spürbar. Als Andrea Motis im zweiten Teil endlich zur Trompete griff, atmete der Club tief den Geist des klassischen Bop und Swings ein. Ihr lyrischer, an Chet Baker erinnernder Ton auf dem Instrument brachte eine wunderbare Dynamik in das Set. Die Arrangements wurden schwungvoller, die Interaktion mit Traver und Dã Silva noch dichter und das domicil pulsierte.

Gänsehaut-Momente und Publikumsnähe

Ein absoluter Höhepunkt des Abends war zweifellos ihre ganz eigene Interpretation des modernen Klassikers „Valerie“. Befreit vom treibenden Pop-Gewand der bekannten Amy-Winehouse-Version legte das Trio den emotionalen Kern des Songs frei und bewies, wie zeitlos gutes Songwriting im Jazz-Gewand funktionieren kann.

Wie nahbar und unprätentiös diese Künstlerin agiert, zeigte sich spätestens, als sie das Dortmunder Publikum aktiv einbezog: Bei einem eigens dafür ausgewählten Stück stimmte der gesamte Saal textsicher und enthusiastisch in den Refrain ein – ein intimer Gänsehaut-Moment, der die Barriere zwischen Bühne und Zuschauerraum komplett auflöste.

Fazit

Insgesamt überzeugte Andrea Motis im domicil auf ganzer Linie. Es war kein Abend der lauten Show-Effekte, sondern ein Fest der leisen Nuancen, die in der zweiten Hälfte in pure, swingende Lebensfreude mündeten. Mit zwei Gitarristen der Extraklasse an ihrer Seite und dem perfekten Wechselspiel aus berührendem Gesang und virtuosem Trompetenspiel hat sie Dortmund einen unvergesslichen Festival-Abend beschert. Eine reife, tief beeindruckende Künstlerin, von der man noch sehr viel hören will.




We DO dance: Ein choreografischer Parcours durch das Leben auf der Kokerei Hansa

Am 22. Mai 2026 feierte ein ganz besonderes Format seine Premiere: „We DO dance: Ausgabe 1“. Sechs Uraufführungen von jungen Choreograf*innen aus den Reihen des Ballett Dortmund und des NRW Juniorballett verwandelten die raue Industriearchitektur der Kokerei Hansa in eine faszinierende Bühne. Das verbindende Element dieses Abends war so universell wie komplex: das Leben selbst in all seinen Facetten. Doch anstatt das Publikum vor eine klassische Bühne zu setzen, wurden wir in drei Gruppen aufgeteilt und auf einen atmosphärischen Parcours durch das Industriedenkmal geschickt.



Auftakt in der Kompressorenhalle: Das Leben in all seinen Facetten

Für meine Gruppe begann diese Reise in der altehrwürdigen Kompressorenhalle – ein Ort, an dem schwere Maschinen und enge Raumverhältnisse eine ganz eigene, dichte Atmosphäre schaffen. Den Auftakt machte hier Jasmine Camerons Happens. Das Stück ist eine vitale Ode an das Unerwartete, eine choreografische Aufforderung, sich auf den Fluss der Dinge einzulassen. Zur treibenden, hervorragend abgestimmten Musik von Travis Lake feierte das Trio (Jasmine Cameron, Selen Gür und Sae Tamura) die pure Lebendigkeit des Augenblicks und brachte eine pulsierende Energie in die alte Halle.

Einen faszinierenden Kontrast lieferte direkt im Anschluss If I did von Keigo Muto. Aus dem Konzept des Schmetterlingseffekts heraus entwickelte sich ein eindrücklicher, moderner Pas de deux. Obwohl der Raum zwischen den Maschinen eng bemessen war, füllten Selen Gür und Simon Jones ihn mit einer enormen Bühnenpräsenz restlos aus. Was auf dem Papier wie ein Widerspruch wirken mag, entpuppte sich als absoluter Glücksgriff: Die klaren, barocken Strukturen von Johann Sebastian Bach und die schwere, stählerne Industriearchitektur der Kompressorenhalle harmonierten auf geradezu wundersame Weise miteinander und boten den perfekten Resonanzraum für dieses herausragend getanzte Duett.

Der Butterraum als Ort der Kontraste: Von Zweisamkeit zur radikalen Isolation

Die zweite Station führte uns in den sogenannten „Butterraum“. Wie ein zarter Moment aus einem klassischen Science-Fiction-Plot – man fühlt sich unweigerlich an die Sehnsucht eines Commander Data nach echter Menschlichkeit erinnert – inszenierte Yingyue Wang hier mit A World Between Us das Erwachen zweier künstlicher Existenzen. Man denkt an die melancholische Nostalgie des 80er-Jahre-Hits „Computerliebe“, wenn Liberty Fergus und António Ferreira diesen flüchtigen Funken, diesen Ausbruch aus ihrer strengen Programmierung, auf die Bühne bringen. Die beiden tanzen diese Anomalie mit einer enormen Eindrücklichkeit: Aus der anfänglichen Mechanik wurde ein langsames, fließendes Auftauen der Körper. Getragen von den Klängen Ludovico Einaudis wurde aus kalter Präzision für einen Herzschlag lang spürbare Menschlichkeit, bevor das System die beiden unerbittlich in ihre künstliche Realität zurückzwang.

Choreograf*innen des Abends: Keigo Muto, Kaining Dong, Yingyue Wang, Jasmine Cameron, Anatole Coste, Damian Huiduc Manolescu. Foto:  (c) Leszek Januszewski
Choreograf*innen des Abends: Keigo Muto, Kaining Dong, Yingyue Wang, Jasmine Cameron, Anatole Coste, Damian Huiduc Manolescu. Foto: (c) Leszek Januszewski

Einen starken inhaltlichen Gegenpol im selben Raum lieferte Kaining Dong mit seinem Solo self-ish. Wo im Stück zuvor nach Verbindung gesucht wurde, wählte Dong die bewusste Isolation. Zu den impressionistischen Klängen von Claude Debussy präsentierte er sich dem Publikum zunächst völlig eingehüllt – abgeschirmt von allen äußeren Erwartungen. Dongs radikaler Ansatz, keine emotionale Brücke zum Zuschauer schlagen zu wollen, manifestierte sich in einer faszinierenden Introspektion: Alles, was er in seiner Laufbahn gelernt und verinnerlicht hat, tanzte er in diesem Moment ausschließlich für sich selbst. Erst ganz zum Schluss der Performance öffnete er sich ein wenig und gewährte einen winzigen, flüchtigen Einblick aus seiner Isolation heraus.

Finale in der Waschkaue: Zwischen Resignation und Hoffnung

Die letzte Station unseres Parcours führte in die historische Waschkaue der Kokerei. Es ist ein Raum, der atmet; man kann förmlich noch erahnen, wo sich die Männer nach getaner Arbeit den Staub der Schicht abwuschen. Wenn man – wie ich durch meinen eigenen Vater – mit der hiesigen Bergbaugeschichte tief verwurzelt ist, bekommt ein solcher Ort eine ganz besondere, wehmütige Resonanz, die sich nahtlos auf die Wahrnehmung der dort gezeigten Tanzstücke überträgt.

Gerade vor diesem Hintergrund schwerer körperlicher Arbeit entfaltete Damian Huiduc Manolescus Balloon in a Briefcase eine besondere Wirkung. Werden wir unweigerlich vom spielenden Kind im Wald zum ernsthaften Erwachsenen auf dem Weg zur Arbeit? Der Choreograf und Tänzer geht dem Verlust der kindlichen Unschuld und der vermeintlichen Akzeptanz des grauen Alltags nach. Doch er belässt es zu den Klängen von Henryk Mikołaj Górecki nicht bei der Resignation: Manolescu hat buchstäblich noch einen Trumpf im Koffer. Als am Ende ein roter Herz-Luftballon aus der Aktentasche aufsteigt, entsteht ein wunderbar poetisches Bild dafür, dass wir uns unsere Fantasie durchaus bewahren können.

Einen überaus hoffnungsvollen, leuchtenden Schlusspunkt in einer krisengeschüttelten Gegenwart setzte schließlich Anatole Coste. Sein Stück Lovers should dance liefert eine starke, tröstliche Botschaft: Gerade weil es Krieg, Angst und Gewalt gibt, müssen Liebende tanzen, um der Welt ein entscheidendes Stück Hoffnung zu bewahren. Begleitet von einem beeindruckenden, selbst kreierten Sounddesign brachten Teodora Neacsu und Anatole Coste diesen emotionalen Appell mit großer Intensität auf die Bühne. Fazit: Mit „We DO dance: Ausgabe 1“ ist ein Format entstanden, das durch die ungewöhnliche Symbiose aus roher Dortmunder Industriegeschichte und erstklassigem, modernem Tanz lange nachhallt. Ein unvergesslicher Spaziergang durch das Leben, der unbedingt nach einer zweiten Ausgabe verlangt




Im Spiegel der Dystopie: Sarah Nemtsovs „WE (WIR)“ feiert eine beklemmend starke Uraufführung an der Oper Dortmund

Es beginnt bereits unbequem. Wer die Uraufführung von Sarah Nemtsovs Oper „WE (WIR)“ besucht, nimmt nicht einfach im bequemen Plüschsessel des Dortmunder Opernhauses Platz. Der Weg führt das Publikum zunächst durch verschlungene Gänge direkt auf die Bühne. Dort angekommen, blickt man in einen gewaltigen Spiegel – man wird unweigerlich mit sich selbst, dem eigenen Individuum, konfrontiert. Ein starker inszenatorischer Griff von Bühnenbildner Fabian Liszt. Doch der eigentliche Schockeffekt folgt erst, als sich diese Spiegelebene hebt und den Blick in den gigantischen, unheimlich leeren Zuschauerraum freigibt. Dort agieren die „Anderen“: eine durch Masken ihrer Individualität beraubte, gleichgeschaltete Masse, die in strengen Choreografien die beklemmende Atmosphäre des „Einheitlichen Staates“ physisch greifbar macht. Eva-Maria Höckmayr gelingt hier gleich zu Beginn ein immersiver Sog, dem man sich kaum entziehen kann.



Die literarische Grundlage für dieses beklemmende Szenario liefert der russische Schriftsteller und Ingenieur Jewgeni Samjatin. Sein bereits in den frühen 1920er-Jahren verfasster Roman „Wir“ gilt als Mutter aller Dystopien. In der Sowjetunion schon 1923 verboten, lieferte das Werk später die direkte Blaupause für George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Bemerkenswert – und fast schon eine humoristische Pointe für unsere Gegenwart – ist Samjatins weitsichtiger Blick auf die Kunstproduktion: Er beschrieb in seinem Roman das sogenannte „Musikometer“, eine Maschine, die auf Knopfdruck innerhalb einer Stunde vollautomatisch drei Sonaten ausspuckt. Ein über einhundert Jahre alter, prophetischer Vorgriff auf moderne KI-Musikgeneratoren wie Suno, die uns heute mit simplen Text-Prompts komplette Shoegaze- oder Dreampop-Tracks berechnen, deren Stems man dann direkt in der DAW weiterverarbeiten kann.

Musikalisch bewegt sich der Abend konsequent im Bereich der zeitgenössischen Klassik. Wer bei den Dortmunder Philharmonikern sonst die emotionale Wärme einer Brahms-Symphonie oder die melodische Leichtigkeit Mozarts sucht, wird hier in eine völlig andere, unerbittliche Klangwelt geworfen. Unter der präzisen Leitung von Michael Wendeberg dominieren kühle, moderne Texturen. Besonders die Synthesizer drängen sich fast schon schneidend in den Vordergrund und überlagern weite Teile des akustischen Raums – noch deutlich präsenter als die ebenfalls eingesetzten E-Gitarren. Diese musikalische Kälte illustriert perfekt die durchrationalisierte, maschinelle Welt von Samjatins Vorlage.

Seth Carico, Dortmunder Bürger*innenOper Foto: (c) Thomas M. Jauk
Seth Carico, Dortmunder Bürger*innenOper Foto: (c) Thomas M. Jauk

Den absoluten Höhepunkt des Abends bilden jedoch die beiden Hauptdarsteller. Seth Carico als Ingenieur D-503 und Gloria Rehm als Rebellin I-330 brillieren nicht nur gesanglich auf ganzer Linie, sondern fesseln durch eine herausragende schauspielerische Leistung. Carico macht den zermürbenden inneren Kampf seiner Figur – das schmerzhafte Erwachen echter Gefühle gegen jede staatliche Konditionierung – in jeder Sekunde nachvollziehbar. Die Fallhöhe zwischen kühler Systemtreue und verbotener Leidenschaft wird durch dieses Duo meisterhaft auf die Bühne transportiert.

Die allgegenwärtige Bedrohung dieser Welt verkörpert der sogenannte „Wohltäter“. Zunächst thront er, dem literarischen Vorbild des „Großen Bruders“ entsprechend, unnahbar und fast göttlich entrückt hoch oben im Rang. Doch im großen Finale verlässt er diese Distanz und steigt physisch zu D-503 auf die Bühne herab. Es ist ein Dialog, der lange nachhallt. Denn anders als es die im Programmheft geäußerte Hoffnung der Komponistin vermuten lässt, entlässt einen diese Inszenierung am Ende nicht mit einem tröstlichen Lichtblick. Was auf der Bühne bleibt, ist die absolute Kapitulation. D-503 wirkt von der fehlerfreien, kalten Logik des Systems erdrückt und tief niedergeschlagen. Der Totalitarismus siegt.

Und genau diese kompromisslose Trostlosigkeit macht den Abend so stark. „WE (WIR)“ in Dortmund ist keine leichte Kost, aber ein visuell und musikalisch faszinierendes Gesamtkunstwerk, das noch lange nach dem Verlassen des Opernhauses nachwirkt.




Coco Superstar – oder was wirklich zählt 

Im Foyer der Oper Dortmund konnte das Publikum am 23. Mai 2026 die Premiere des Musicals „Coco Superstar“ von Sandra Engelhardt und Martin Maria Schulte erleben – ein partizipatives Projekt unter engagierter Beteiligung der „We Do Opera! – OpernKids“. Die Kinder und Jugendlichen erhielten dabei tatkräftige Unterstützung von den erfahrenen „We Do Opera! – OpernYoungsters“ Jacob Ambrosius, Lilli Bracklow und Sarah Heckner. Carlos Vázquez hatte die musikalische Gesamtleitung inne und begleitete das Geschehen leidenschaftlich live am Klavier. 



Zum Plot: Coco, der neueste Shootingstar am Casting-Himmel, gibt ein Konzert in der Stadt! Die Aufregung innerhalb der Schulgemeinschaft ist riesig. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, bietet Cocos Manager einer einzigen Person die Chance, den Star vor der Show backstage zu treffen. Für die Direktorin steht fest: Nur die oder der Beste kommt dafür infrage. Es entbrennt ein heftiger Wettstreit zwischen vier Gruppierungen: den Liebhabern der Naturwissenschaften, des Sports, der Sprachen und der Künste. Während die Direktorin derweil verblassten Träumen hinterherhängt, ist der Hausmeister irgendwie immer genau im richtigen Moment zur Stelle… 

Programmzettel der Premiere von: Coco Superstar.
Programmzettel der Premiere von: Coco Superstar.

Mit spürbarem Enthusiasmus und starkem Einsatz vertraten die OpernKids die Interessen ihrer jeweiligen Rollen. Das Stück beleuchtet dabei kritisch den überzogenen Hype um sogenannte „Superstars“ und den Wunsch vieler Jugendlicher, ebenso erfolgreich und beliebt zu sein. Eine Schülerin fühlt sich beispielsweise als Außenseiterin, weil sie vermeintlich „keine besonderen Talente“ besitzt. Am Ende zeigt das Musical, worauf es wirklich ankommt: jungen Menschen Raum für die Entfaltung ihrer eigenen Persönlichkeit zu geben. Dazu gehört untrennbar auch der gegenseitige Respekt vor den Beiträgen und Leistungen anderer. 

Man darf gespannt sein, wohin der Weg die talentierten OpernKids in Zukunft noch führen wird. 

Weitere Vorstellungstermine: 

So. 07.06.2026 & So. 21.06.2026 (jeweils um 11:15 Uhr im Rahmen des „Beyond Opera 26“-Festes 




Frühlingserwachen – Eine Generation auf der Suche

Am 08.05.2026 – genau 81 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft – fand in den Räumen des Kinder- und Jugendtheaters Dortmund die Premiere der Jugendclubproduktion „Frühlingserwachen“, frei nach Frank Wedekinds Drama (1891), statt. Dreizehn Heranwachsende des KJT-Jugendclubs setzten sich mit der (leider) zeitlosen Aktualität des gesellschaftskritischen Dramas auseinander. 



Die wilhelminische Kaiserzeit war durch die Forderung nach Gehorsam, strenge Moralvorstellungen und die Unterdrückung der Selbstentfaltung geprägt. Dies bildete eine bedeutende Grundlage für die spätere Macht des Nationalsozialismus. Wie sieht es für die Jugendlichen heute, in einer Zeit voller diverser Bedrohungen und Unsicherheiten, aus? 

Das Bühnenbild veranschaulichte durch eine Gitterwand die Trennung und den Abstand zwischen den drei unterschiedlichen Elternteilen und den Heranwachsenden. Die junge Generation konnte auf verschieden hohen Podesttreppen in vielfältigen Konstellationen agieren. Mit humorvoller Ironie wurden drei Erziehungsstile und ihre Wirkungen gegenübergestellt: 

v.l.n.r.: Fee Helen Hützen, Julian Goecke, Aylin Soylu, Lasse Weber, Selin Kartalmis, Vivienne Kalcher, Charlie Lutomski, Daria Deuter, Lucca Mitchell, Lea Sommer, Julia Hartmann. Foto ©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Fee Helen Hützen, Julian Goecke, Aylin Soylu, Lasse Weber, Selin Kartalmis, Vivienne Kalcher, Charlie Lutomski, Daria Deuter, Lucca Mitchell, Lea Sommer, Julia Hartmann. Foto: ©Birgit Hupfeld

Wendla Bergmann wird von ihrer „Helikoptermutter“ angstvoll kontrolliert, um sie vor schlechten Erfahrungen (besonders auch im sexuellen Bereich) zu bewahren. Das hindert sie jedoch daran, sich zu einem selbstbewussten und eigenständigen Menschen zu entwickeln, der lernt, sich mutig den Herausforderungen der Welt zu stellen. In dieser Inszenierung zeigt sich Wendla (im Gegensatz zu Wedekinds Original) jedoch stark. 

Melchior Gabor ist der liberal erzogene, sozialpolitisch engagierte und aufgeklärte Sohn einer Flower-Power-Mutter. Mit ihrem antiautoritären Erziehungsstil lässt sie ihm zwar Entfaltungsraum, bietet aber keinen Halt und übernimmt keine Verantwortung. 

Mona Stiefel (bei Wedekind „Moritz“) leidet unter dem strengen Leistungsanspruch des alleinerziehenden, am Ende gewalttätigen Vaters und zerbricht daran. 

Die jeweiligen Gefühlslagen wurden mit gekonnt eingesetzten musikalischen Einspielungen und Choreografien vermittelt. 

Die Heranwachsenden wollen mit ihren Gefühlen und ihrem Denken ernst genommen und gesehen werden. Sie sind mit den körperlichen, psychischen und sozialen Herausforderungen der Pubertät sowie ihrer sexuellen Orientierungssuche konfrontiert. Dazu kommen die gesellschaftlichen Erwartungen in einer komplexen und in vieler Hinsicht unsicheren Zeit. 

Eine eindrucksvolle und engagierte Jugendproduktion. Im Rahmen des Festivals UnruhR gibt es am 14.05.2026 einen weiteren Vorstellungstermin! 




Junge Wilde mit Julia Hagen & dem Hagen Quartett 

Im Dortmunder Konzerthaus fand am 30.04.2026 ein besonderes Streicherkonzert mit der renommierten jungen Cellistin Julia Hagen aus Salzburg und dem Hagen Quartett statt. Julia Hagen brachte an diesem Abend gleich einen Großteil ihrer musikalischen Familie mit in den Konzertsaal. 



Ihre Tante Veronika Hagen (Viola), ihr Vater Clemens Hagen (Violoncello), ihr Onkel Lukas Hagen (Violine) sowie Rainer Schmidt (Violine) bilden schon seit vier Jahrzehnten ein erfolgreiches Streichquartett und beenden in diesem Jahr ihre lange Karriere. Sie sind ein Vorbild für viele junge Streichquartette. 

Zu Beginn stellte Julia Hagen ihr Einfühlungsvermögen und technisches Können bei der anspruchsvollen Suite für Violoncello solo Nr. 1 G-Dur BWV 1007 (ca. 1720) von Johann Sebastian Bach (1685–1750) unter Beweis. Sehr ausdrucksvoll bringt schon das Prélude das Klangspektrum des Cellos zur Geltung. Eine Besonderheit ist die plötzliche Unterbrechung in der Mitte des Satzes. Komplexe harmonische Wechsel sind zudem auch bei den folgenden Tanzsätzen eine Herausforderung für jeden Cellisten. 

Der Programmflyer für das Konzert von Julia Hagen
Der Programmflyer für das Konzert von Julia Hagen

Liebenswürdig und anmutig erklingt das folgende Streichertrio B-Dur D 471 (1816) von Franz Schubert (1797–1828). Das einleitende Allegro moderato in Sonatenform wird ganz von einem an Mozart erinnernden Hauptthema der Violine beherrscht. Mit seinem lieblichen Violinthema berührt das Andante. Ein wunderbares Zusammenspiel des Trios. 

Als Kontrast stand danach der „Langsame Satz“ für Streichquartett (1905) von Anton Webern (1883–1945) auf dem Programm. Deutlich vom Einfluss seines Lehrers Arnold Schönberg geprägt, werden hier an der Schwelle zum 20. Jahrhundert immer gewagtere Harmonien (Dissonanzen) und opulente Klangfarben hörbar. Melodien, die fast wie ein gesprochener Satz wirken, werden durch stetige Tempowechsel gekennzeichnet. 

Nach der Pause wurde von allen fünf Instrumentalkünstlern das kammermusikalische Spätwerk „Streichquintett C-Dur D 956“ (1828) von Franz Schubert dargeboten. Nach einem langen ersten Satz folgt das bekannte Adagio mit seiner dreiteiligen Liedform A-B-A. Trotz seines stürmischen Mittelteils überwiegt der elegisch-gefühlvolle Charakter. Auf ein rasantes Scherzo folgt am Ende ein lebhaft-feuriges Rondo. 

Eine starke Ausdruckskraft der Streichinstrumente, gepaart mit der technischen Klasse der Interpreten.




Fülle im Supermarkt

Super – der Markt für alle im Kinder- und Jugendtheater Dortmund

Die Bühne ist voll. Regale mit Verpackungen, eine Auslage für Gemüse, Supermarktkasse, Pfandautomat und das ganze Equipment der Live-Band füllen den Raum. Alles ist am Anfang aber nur diffus zu erkennen, denn noch hat der Markt der Möglichkeiten nicht geöffnet.



Aus dem Off begleitet das Publikum die Stimme von Sina (gespielt von Sar Adina Scheer), die sich beeilen muss, an ihrem ersten Arbeitstag nicht zu spät zu kommen. Sie springt in die volle U- oder Straßenbahn auf der Bühne, die das Ensemble mit wenig Aufwand entstehen lässt. Alles ist unterwegs an diesem Morgen in der Großstadt. Und das erste Lied ist bereits gesungen, denn das Stück ist als Musical angekündigt.

Im Supermarkt geht es direkt in die Vollen, für die Neue bleibt kaum Zeit zum Atmen, alles muss schnell gehen, doch ein zartes Interesse bei einem Kollegen ist geweckt. Wird sich da etwas entwickeln?

Die erste Kundschaft ist da. Ein schlecht gelaunter BVB-Fan auf der Suche nach dem Super-Knüller-Hammer-Sonderangebot. Die gestresste Mutter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Später kommen noch ein Fitnesstrainer, ein erfolgreicher Banker, der Flaschensammler, der gut situierte Privatier, die Rollstuhlfahrerin in den Markt.

Man erfährt ein wenig über die strenge Marktleiterin, ihren Konkurrenten und andere, und man amüsiert sich über die kleinen Finessen wie das „Tüdelit“ der Kassiererin (Bianka Lammert), die ihr eigener Scanner ist. Und die auch ganz wunderbar als Cheerleaderin mit zwei Staubwedeln im Hintergrund agiert.

v.l.n.r.: Bianka Lammert und Jan Westphal. © Lena Liedmann
v.l.n.r.: Bianka Lammert und Jan Westphal. © Lena Liedmann

Für die Choreographien wird der Raum gut genutzt, manchmal ist es ein wenig eng. Aber die Songs machen gute Laune. Und es treten nicht nur die Figuren auf, die im Supermarkt arbeiten oder einkaufen, nein, auch das Gemüse wird lebendig. Wenn der Brokkoli, der Spinat und die Tomate ihre Vorzüge darstellen, macht das Spaß, wobei die Tomatenqueen gewinnt. Sehr kraftvoll hier Anna Reizbikh.

In solchen Szenen kommt die Botschaft vom gesunden Essen locker an, doch manchmal tritt der erhobene Zeigefinger auch arg zutage. Selbst Sina, die ihren Aushilfsjob antritt, stellt sich im Verlauf als Ökotrophologin, als Expertin für Ernährung und Haushaltswissenschaften, vor. Am stärksten zeigt sich dies jedoch in einem kurzen Block zum Fleischkonsum, der auch direkt als Infoteil angekündigt wird. Zwar werden unter anderem ein paar Quizfragen gestellt, die auflockern sollen, aber die Sequenz stört den Fluss des Stückes und wird durchaus drastisch geschildert. Die Botschaft ließe sich sicherlich auch anders vermitteln.

Wohingegen zur Raucherpause keine Stellung genommen wird. Da gehörte noch eine kritische Anmerkung hin, wenn man nicht sogar lieber eine Frühstückspause daraus machen sollte. So kommt das Rauchen reichlich positiv herüber.

Musik (Michael Kessler) und Choreographien (Joeri Burger) machen unter der Regie von Andreas Gruhn Freude. Insgesamt muss man feststellen, dass nicht nur die Bühne voll ist, auch in das Stück wurde relativ viel hineingepackt. Eine Fülle an Ideen, Figuren und Botschaften in einer Aneinanderreihung von Monologen, durch die geeilt wird, statt der Erzählung einer Geschichte, der man mehr Raum wünschen würde. Auch der kleine rote Faden der sich andeutenden Liebesgeschichte wird nur sporadisch aufgegriffen und erfährt erst zum Ende hin eine größere Bedeutung. Hier ganz zauberhaft der Tanz mit dem Wischmopp des leidenden jungen Liebenden, gespielt von David Smith.

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