Ein interdisziplinäres Erwachen im Hans A, Dortmund

In der Kooperation zwischen dem kunstbetrieb Dortmund und Dortmund Kreativ präsentiert sich eine Ausstellung, die den Betrachter bereits mit ihrem Titel in eine Welt der Transformation und Bewegung zieht. „Dem Fluss entstiegen“ vereint sechs Positionen aus der Region, die von klassischer Malerei über filigrane Skulpturen bis hin zu generativen Video-Installationen reichen.



Der Titel der Ausstellung, „Dem Fluss entstiegen“, suggeriert zunächst einen Akt der Befreiung oder der Neuentdeckung. Doch blickt man auf die Arbeiten von Udo Unkel und Almut Rybarsch-Tarry, wandelt sich diese Bewegung schnell von einer metaphorischen Wiedergeburt hin zu einer existenziellen Konfrontation. Es geht nicht nur darum, was aus dem Fluss ans Licht tritt, sondern mit welcher Botschaft es uns am Ufer begegnet.

Die künstlerische Vielfalt

Die Ausstellung besticht durch ihre Materialität und den Mut zum Kontrast:

Der Mahner aus dem Abfall: Almut Rybarsch-Tarry setzt mit ihrer lebensgroßen Wassernixe ein beklemmendes Ausrufezeichen. Während die Figur an antike Mythen erinnert, bricht das „Netz voller Müll“ die Romantik radikal. Diese Nixe ist keine ätherische Gestalt mehr; sie ist eine Zeugin des Anthropozäns, die uns unseren eigenen Unrat vor die Füße legt.

Vier der sechs teilnehmenden Künstler:innen: (v.l.n.r.) Ana Maria Avilés Toro, Anne Jannick, Almut Rybarsch-Tarry.

Anke Droste
Vier der sechs teilnehmenden Künstler:innen: (v.l.n.r.) Ana Maria Avilés Toro, Anne Jannick, Almut Rybarsch-Tarry. Anke Droste.

Natur und Abstraktion: Während Anne Jannick und Anke Droste den Blick auf weite Landschaften lenken – mal als fiktive Moorlandschaft, mal als Spiel zwischen Ferne und der Auflösung in abstrakte Farbstrukturen –, bringt Ana Maria Avilés Toro einen „positiv-poetischen Realismus“ ein, der chilenische Einflüsse mit der Ruhrgebiets-Ästhetik verschmilzt.

Existenzielle Formen: Udo Unkel arbeitet sich an der menschlichen Figur ab. Seine Skulpturen, oft hager und asketisch, wirken wie Wanderer zwischen Schmerz und Freiheit.

Moderne Metamorphosen: Brigitte Felician Siebrecht bricht die statische Kunst mit ihrer Video-Klang-Installation „wātar“ auf und führt das Element Wasser direkt in die digitale Moderne.

Fazit

Diese Ausstellung ist ein Parforceritt durch die menschliche Psyche und unsere Beziehung zur Umwelt. Die Kombination aus literarischer Referenz und ökologischem Statement macht „Dem Fluss entstiegen“ zu einem Pflichttermin für alle, die Kunst nicht nur sehen, sondern verstehen wollen.

Wer Lust auf eine intellektuelle Abkühlung und visuelle Tiefe hat, sollte den Weg in die Hansastraße finden.

Wann: 4. April bis 29. April 2026

Wo: Hans A, Hansastraße 6-10, Dortmund

Öffnungszeiten:

Do/Fr: 17:00 – 20:00 Uhr

Sa: 11:00 – 14:00 Uhr

So: 11:00 – 15:00 Uhr

Ein Besuch ist wie ein tiefes Luftholen nach einem langen Tauchgang – erfrischend und klärend.




„Next of Kin!“ – Wenn das Netzwerk zur Kunst wird

Das Künstler*innenhaus Dortmund präsentiert mit „Next of Kin!“ eine Werkschau, die tief in die eigene DNA blickt. Es geht um die „KiNs“ – jene Künstler:innen im Netzwerk, die das Haus über Jahre hinweg geprägt und mitgestaltet haben. Dass diese Gemeinschaft keine bloße Formsache ist, wurde bereits beim Pressetermin deutlich: Maja Siepmann, eine der beiden Kuratorinnen, führte persönlich durch die Räume und erläuterte die feinen Fäden, welche die unterschiedlichen Positionen miteinander verknüpfen.



Die Ausstellung versteht sich dabei keineswegs als nostalgischer Rückblick, sondern als lebendige „Setzung in die Gegenwart“. In einem offenen Dialog treten unterschiedliche Medien und Haltungen zueinander in Beziehung und zeichnen das Bild einer lokalen Szene, die von gegenseitiger Unterstützung getragen wird.

Die Positionen im Überblick

Jede der 14 gezeigten Positionen bringt eine ganz eigene Qualität in dieses Netzwerk ein und formt ein vielschichtiges künstlerisches Panorama. So erkundet Patrick Borchers medienübergreifend situative Übergänge zwischen figürlicher Geste und konkretem Raum, während sich Marc Bühren in seinen raumgreifenden, audiovisuellen Installationen intensiv mit den Fragestellungen des Anthropozäns auseinandersetzt. Andreas Drewer reflektiert in seinen experimentellen Videos über Bewegung, Klang und die Wahrnehmung urbaner Räume, was korrespondiert mit der intermedialen Praxis von Tina Dunkel, die die Bedingtheiten von Medien, Sprache und räumlichen Situationen untersucht.

Das Plakat zur Ausstellung illustrierte Lea Srzamek
Das Plakat zur Ausstellung illustrierte Lea Srzamek

Einen poetischen Akzent setzt Etta Gerdes, die, bekannt für ihre Arbeit mit Raum und Zeit, hier eine Videoarbeit über das langsame Vergehen von Blumen zeigt. Demgegenüber gilt das künstlerische Interesse von Silvia Liebig den zugrunde liegenden Strukturen des Lebens, die sie mittels Zeichnung und Collage erforscht, während Dagmar Lippok konzeptuelle Arbeiten zwischen Installation und Objekt schafft, die oft Formen von Identität und Erinnerung thematisieren. In der Druckgrafik nutzt Paola Manzur für ihre Serie „Plastiktüte“ manuelle Manipulationen, um organische Formen zu übertragen, während Babette Martini in ihren skulpturalen Tonarbeiten körperliche Präsenz, Verletzlichkeit und Materialität unmittelbar sichtbar macht.

Ulrike Rutschmann verhandelt in ihren Werken das spannungsvolle Verhältnis zwischen Gegenständlichkeit und einer eigensinnigen Bildlogik, wohingegen Corinna Schnitt mit präzisen Inszenierungen alltägliche Szenen humorvoll aufbricht und soziale Rollen hinterfragt. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Zusammenspiel von Material und Raum zeichnet die oft ausgezeichnete Praxis von Adriane Wachholz aus. Ergänzt wird dieses Spektrum durch Denise Winter, die Landschaften und Architektur in präzise strukturierte, geometrische Formen und modulare Bildsysteme überführt, sowie durch Marco Wittkowski, der als Dokumentarfotograf den fortwährenden Transformationsprozess im Dortmunder Hafenquartier festhält.

Alle teilnehmenden Künstler:innen

Patrick Borchers | Marc Bühren | Andreas Drewer | Tina Dunkel | Etta Gerdes | Silvia Liebig | Dagmar Lippok | Paola Manzur | Babette Martini | Ulrike Rutschmann | Corinna Schnitt | Adriane Wachholz | Denise Winter | Marco Wittkowski.

Wichtige Informationen: * Ausstellungszeitraum: 28. März bis 3. Mai 2026. * Ort: Künstlerinnenhaus Dortmund, Sunderweg 1, 44147 Dortmund. Öffnungszeiten: Do – So, 16.00 – 19.00 Uhr. * Eintritt: Frei.

„Next of Kin!“ ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Kunst dort am stärksten ist, wo sie sich in einem lebendigen Kontext aus Austausch und Engagement entfalten kann.




Zwischen Sein und Scheitern – „Oder Nicht Sein?“ dekonstruiert Hamlet und die Theaterwelt

Das Dortmunder Schauspielkollektiv Inbetween wagt sich mit seiner Produktion „Oder Nicht Sein?“ am 26. März 2026 an einen doppelten Kraftakt: Die Auseinandersetzung mit Shakespeares Hamlet und gleichzeitig die kritische Selbstreflexion der eigenen Theaterarbeit. Als „Ein Stück über ein Stück“ angekündigt, seziert die Aufführung gekonnt die traditionellen Machtgefälle der Bühnenwelt und stellt die Frage, wie Kunst eigentlich entsteht – und wer das Sagen hat.



Der Kampf gegen das Regie-Diktat Die zentrale Aussage des Abends trifft einen wunden Punkt des klassischen Theaterbetriebs: das immense Machtgefälle zwischen Regie und Ensemble. Anstatt sich einem allmächtigen Regisseur unterzuordnen, setzt das Schauspielkollektiv auf Gleichberechtigung. Doch genau hier entfaltet sich die eigentliche Tragödie der Inszenierung. Das Stück zeigt authentisch und glaubhaft die Tücken dieser demokratischen Utopie. Wie fokussiert man ein so großes Ensemble auf ein gemeinsames Ziel, wenn die individuellen Interpretationen auseinandergehen?

Diskussionen darüber, ob der Stoff feministischer sein müsste oder ob das nächste Stück zwingend von einer Autorin stammen sollte, machen die Probenrealität greifbar. Das vermeintliche „Scheitern“ ist hier kein führungsloses Chaos auf der Bühne, sondern vielmehr die spürbare Enttäuschung darüber, dass selbst ein Kollektiv Kompromisse machen muss und nicht jede individuelle Vision transportieren kann.

Hamlet: Die Hochzeit von Claudius. Zu sehen ist ein Teil des Ensembles. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Hamlet: Die Hochzeit von Claudius. Zu sehen ist ein Teil des Ensembles. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Zwei Hamlets und die Grenzen des Kollektivs Die Spannung zwischen der Gruppe und dem Individuum wird schauspielerisch stark umgesetzt. Sinnbildlich für die internen Reibungen stehen die zwei Hamlets auf der Bühne – eine kluge Lösung für den Umstand, dass sich offenbar zwei Personen für die Rolle beworben hatten. Fragen wie „Welche Rolle habe ich im Kollektiv?“ und der Umgang mit Zurücksetzung werden intensiv verhandelt. Obwohl die Gruppe als energetische Einheit im Vordergrund steht, bricht sich der Frust über den Verlust der eigenen Individualität immer wieder Bahn – am prägnantesten durch den aus dem Off gerufenen Satz: „Ich hasse das Kollektiv!“.

Klassiker im modernen Gewand Trotz des ständigen Wechsels zwischen Aufführungs- und Probenrealität verliert der Abend nie seinen roten Faden, was für eine starke Leistung der Dramaturgiegruppe spricht. Die Übergänge sind meist fließend gestaltet, werden aber durch gezielte, abrupte Einwürfe aus dem Off oder einen lockeren Impro-Teil gegen Ende erfrischend aufgebrochen. Shakespeares Originalwerk bleibt dabei erstaunlich präsent und gut erkennbar, auch wenn die Sprache punktuell und passend in ein jugendnäheres Gewand gehüllt wurde.

Pragmatismus statt Pomp Optisch vertraut die Ausstattung auf Pragmatismus. Auf ein überladenes Meta-Bühnenbild oder aufwendige Requisiten wird bewusst verzichtet. Vereinzelte prägnante Elemente, wie die Krone für den Darsteller des Claudius, und einige schöne Kostüme genügen völlig, um die Ebenen voneinander abzugrenzen und den Fokus auf dem Zwischenmenschlichen zu belassen.

Fazit „Oder Nicht Sein?“ ist ein ehrlicher und mutiger Blick in den Maschinenraum des Theaters. Dem Schauspielkollektiv Inbetween gelingt es, den klassischen Hamlet-Stoff zu ehren und ihn gleichzeitig als Projektionsfläche für hochaktuelle Debatten über Macht, Ego und Teamwork zu nutzen. Ein starker Abend, der zeigt: Das Ringen um den Konsens ist vielleicht anstrengend, aber auf der Bühne absolut sehenswert.




Zwischen Mythos und Comic-Held: Grandvals „Mazeppa“ in Dortmund

Mit der deutschen Erstaufführung von Mazeppa ist der Oper Dortmund ein echter Coup gelungen. Das Werk stammt aus der Feder von Clémence de Grandval (1828–1907), einer der produktivsten Komponistinnen ihrer Zeit. Dass sie ihre Opern oft unter Pseudonymen veröffentlichen musste und von Kritikern trotz ihres Talents oft als „Amateurin“ herabgestuft wurde, macht diese späte Würdigung ihres handwerklich brillanten Fünfakters umso bedeutender.



Vom Held zum Verräter: Der historische Kern

Die Oper greift den Mythos um Ivan Mazepa (1639–1709) auf, jene schillernde historische Figur, die heute als ukrainischer Nationalheld verehrt wird. Die Legende seiner Jugend – er soll wegen eines Ehebruchs nackt auf ein Wildpferd gebunden und in die Steppe gejagt worden sein – bildet den furiosen Auftakt der Oper. Doch de Grandval und ihr Regisseur Martin G. Berger blicken tiefer: Es geht um den Mann, der zwischen den Fronten lavierte und schließlich vom glühenden Hoffnungsträger zum ausgestoßenen Verräter wurde.

Die Inszenierung: Treppensturz statt Historienschinken

Regisseur Martin G. Berger verzichtet konsequent auf historischen Pomp. Das zentrale Bühnenelement ist eine karge, aber wirkungsvolle Treppenlandschaft. Diese „Himmelsleiter“ dient als Symbol für den rasanten Aufstieg und den unvermeidlichen Fall.

Mandla Mndebele, Anna Sohn, Artyom Wasnetsov, Sungho Kim, Opernchor Theater Dortmund
Foto: (c) Björn Hickmann
Mandla Mndebele, Anna Sohn, Artyom Wasnetsov, Sungho Kim, Opernchor Theater Dortmund
Foto: (c) Björn Hickmann

Besonders spannend ist die visuelle Ebene: In Video-Sequenzen wird Mazeppa als Comic-Held im Stil moderner Blockbuster überzeichnet. Diese Ästhetik macht Mazeppa zu einer fast künstlichen Ikone – ein „Superheld“, dessen Fassade bröckelt, je mehr die politische Realität ihn einholt. Dieser „Netflix-Rhythmus“ sorgt für ein hohes Tempo, das die fünf Akte wie im Flug vergehen lässt.

Musikalische Romantik und sängerische Glanzlichter

Unter der Leitung von Jordan de Souza entfaltet die Partitur eine Wucht, die weit über das Jahr 1892 hinausweist.

Der cineastische Klang des Abends wurde maßgeblich von den Dortmunder Philharmonikern getragen, die unter der Leitung von Jordan de Souza in einem betont warmen, romantischen Stil schwelgten. Dabei verliehen besonders die geschickt eingewobenen russischen Volksweisen der Partitur eine atmosphärische Tiefe. Inmitten dieser orchestralen Pracht präsentierte sich Mandla Mndebele in der Titelpartie als die personifizierte Zerrissenheit – gleichermaßen charismatisch in seinem rasanten Aufstieg wie erschütternd in seinem tiefen Fall. Ihm gegenüber bildete Anna Sohn als Matréna das emotionale Zentrum des Abends; vor allem ihre bewegende Wahnsinnsszene im Finale markierte einen sängerischen Höhepunkt, der das Publikum zutiefst berührte. Flankiert wurde das Paar von Gegenspielern, die das Drama stimmlich zuspitzten: Während Sungho Kim als Iskra mit einem schneidenden Tenor überzeugte, dessen Warnungen vor dem Fremden tragisch ungehört verhallten, machte Artyom Wasnetsov als Kotchoubey die verzweifelte Ohnmacht eines Vaters mit seinem profunden Bass unmittelbar fühlbar.

Die Oper Dortmund zeigt, dass Clémence de Grandval eine Meisterin der Dramaturgie war. Ihr Mazeppa ist kein verstaubtes Relikt, sondern durch Bergers kluge Abstraktion und die Comic-Ästhetik eine hochaktuelle Parabel über die Zerbrechlichkeit von Macht. Ein Pflichttermin für alle, die große Oper im modernen Gewand erleben wollen.




Eine Zeitreise in Form und Farbe: „Grafik aus Dortmund – RE-VISION“

Das Kulturzentrum balou in Dortmund wird derzeit zum Schaufenster von sieben Jahrzehnten lokaler Kunstgeschichte. Anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der „Dortmunder Gruppe“ und des „Westfälischen Künstlerbundes Dortmund“ präsentiert die hauseigene Galerie die Ausstellung „Grafik aus Dortmund – Ein Rückblick – Ein Versprechen“.

Das Konzept der Retrospektive mit dem Titel „RE-VISION“ ist ebenso klug wie historisch reizvoll: Gezeigt wird eine kuratierte Auswahl von Kalenderblättern der Künstlerinnen und Künstler beider Vereinigungen, die von den Anfängen bis ins Jahr 2023 reicht. Dieser traditionsreiche, vom Kulturbüro und der Sparkasse Dortmund unterstützte Wettbewerb, zeigt hier gebündelt seine Früchte.

Ein Blick in die hellen, mit edlem Fischgrätparkett ausgestatteten Räumlichkeiten der galerie balou offenbart eine überaus ansprechende Präsentation. Die dichte, aber sehr aufgeräumte Hängung der Werke in einheitlichen, hellen Holzrahmen sorgt für eine ruhige Grundstruktur. So wird der Fokus der Betrachter gekonnt auf das Wesentliche gelenkt: die immense grafische und technische Vielfalt der Blätter.

Kalenderblätter aus vergangenen Zeiten sind im Balou zu sehen.
Kalenderblätter aus vergangenen Zeiten sind im Balou zu sehen.

Die ausgestellten Motive sind so facettenreich wie die Kunstszene selbst. Der Rundgang bietet eine visuell spannende Mischung: Man entdeckt streng geometrische, abstrakte Farbkompositionen neben feinen, fast surreal anmutenden Zeichnungen (wie etwa schwebende Figuren oder Tiermotive). Andere Werke arbeiten stark mit Typografie, pop-kulturellen Elementen, lokalkolorierten Motiven (z.B. der Schriftzug „NRW“ oder „RUHR 2010“) und expressiven Collage-Techniken. Die Farbpalette reicht dabei von reduzierten Schwarz-Weiß-Kontrasten bis hin zu leuchtenden, kräftigen Farbräumen.




Marathon der jungen Talente: Ein Sternstunden-Abend im Konzerthaus Dortmund

Am Samstagabend lud das Konzerthaus Dortmund zu einem musikalischen Kraftakt der besonderen Art ein. Unter dem Titel „Junge Wilde – Rising Stars“ präsentierten sich die von den europäischen Konzerthäusern nominierten Nachwuchstalente in einem mehrstündigen Konzertmarathon.Dass das Publikumsinteresse enorm war und sich der Saal selbst nach der zweiten Pause kaum leerte, spricht Bände über die Qualität dieses abwechslungsreichen Abends. Durch das Programm führte charmant und sachkundig Marlis Schaum.

Von Mendelssohn zu einer spontanen Meisterleistung

Den Auftakt machte das italienische Trio Concept. Mit Felix Mendelssohn Bartholdys Klaviertrio Nr. 1 in d-moll op. 49 zeigten Edoardo Grieco (Violine), Francesco Massimino (Violoncello) und Lorenzo Nguyen (Klavier) leidenschaftliches Zusammenspiel und romantisches Pathos.

Die Rising Stars 2026. (Foto: (c) Jörg Neumann)
Die Rising Stars 2026. (Foto: (c) Jörg Neumann)

Im direkten Anschluss bewies der Pianist Lorenzo Nguyen eiserne Nerven: Er sprang spontan für den eigentlichen Begleiter ein und führte gemeinsam mit der isländischen Sopranistin Álfheiður Erla Guðmundsdóttir durch ein komplett umgestelltes Programm. Das neue Set spannte einen beeindruckenden Bogen von Henry Purcells hypnotischem „Music for a while“ über romantische Klassiker von Schubert und Grieg bis hin zur rauen Intensität von Samuel Barbers „The Crucifixion“. Die nordische Heimat der Sängerin blitzte in Liedern von Jean Sibelius auf. Auch das für sie komponierte ECHO-Auftragswerk „Náðarstef“ (Lieder der Barmherzigkeit) von María Huld Markan Sigfúsdóttir fand in Auszügen seinen verdienten Platz.

Zwei Instrumente, ein Präludium: Der faszinierende Bach-Vergleich

Der Mittelteil des Abends bot einen der spannendsten Hörmomente des Konzerts. Die österreichische Cellistin Valerie Fritz schlug eine Brücke von der klassischen Tradition in die experimentelle Moderne. Nach ihrem eindringlichen Spiel des Präludiums aus Johann Sebastian Bachs 2. Cellosuite in d-moll zeigte sie im Auftragswerk „The sheer task of being alive“ von Jennifer Walshe ihre theatralischen und performativen Qualitäten.

Besonders reizvoll war der direkte Übergang zu Áron Horváth am ungarischen Cymbal. Er begann sein Set exakt mit demselben Bach-Präludium – eine seltene Gelegenheit, dieses ikonische Werk im unmittelbaren Kontrast auf einem geschlagenen statt auf einem gestrichenen Instrument zu erleben. Horváths Programm war im weiteren Verlauf von einer überwiegend meditativen, schwebenden Atmosphäre geprägt, bevor er zum krönenden Abschluss seines Blocks noch einmal richtig wild wurde und eine feurige Energie entfesselte.

Ein furioses Finale voller Energie

Den Schlusspunkt setzte das portugiesische Maat Saxophone Quartet. Mit dem ECHO-Auftragswerk „Four faces, four wings“ von Aleksandra Vrebalov brachten sie einen kraftvollen musikalischen Ruf nach Frieden auf die Bühne. Für wahre Begeisterungsstürme und lautstarken Applaus sorgte schließlich ihre mitreißende Quartett-Fassung von George Gershwins „Rhapsody in Blue“.

Als Zugabe bescherte das Ensemble dem Publikum einen echten Gänsehaut-Moment: Mit einer rein instrumentalen Interpretation der Stadionhymne „You’ll never walk alone“ bewiesen sie nicht nur musikalisches Feingefühl, sondern auch eine wunderbare Nähe zu ihrer Dortmunder Gastgeberstadt. Ein absolut gelungener Abschluss für einen langen, aber zu keinem Zeitpunkt ermüdenden Konzertabend.




Wer verdient den roten Teppich? „ALL THAT FAME“ bringt moderne Klytaimnestras ins Theater im Depot

Tanzwerkstatt KOBI Seminare ALL THE FAME (c) Anne Kleff
Tanzwerkstatt KOBI Seminare ALL THE FAME (c) Anne Kleff

Der rote Teppich – einst ein heiliger Pfad, der laut der antiken Sage um Klytaimnestra und Agamemnon allein den Göttern vorbehalten war – ist heute zur ultimativen Bühne der Eitelkeiten geworden. Das Tanztheater-Projekt „ALL THAT FAME“ der Tanzwerkstatt KOBI Seminare nahm sich am vergangenen Wochenende im Theater im Depot genau dieses altehrwürdigen Rituals an, um eine hochaktuelle Frage zu stellen: Wer verdient es heute wirklich, auf diesem Symbol des Ruhms zu stehen?
Unter der konzeptionellen und choreografischen Leitung von Birgit Götz bildete der leuchtend rote Teppich das unbestrittene Zentrum des Bühnenbildes. Ergänzt wurde die clevere Inszenierung durch den Einsatz moderner, kabelloser Touch-Tischlampen. Durch das gezielte Ein- und Ausschalten schufen die Akteurinnen selbst fokussierte Lichtinseln und lenkten den Blick des Publikums gezielt auf die großen und kleinen Momente der Präsentation.
Das große Ensemble der Tänzerinnen überzeugte vor allem durch seine starke Präsenz als geschlossene Einheit – eine kollektive, moderne Klytaimnestra. Aus dieser Einheit traten jedoch immer wieder gezielt Individuen hervor. Besonders einprägsam war der satirische Seitenhieb auf unsere heutige Promi-Kultur, als sich einige Tänzerinnen in „Heidi Klum“ verwandelten. Dieser Kontrast zwischen der Suche nach echter weiblicher Sichtbarkeit und der kommerzialisierten Casting-Show-Welt brachte das Thema treffend auf den Punkt.
Der dazugehörige Flyer versprach eine „mitreißende und provokante“ Suche nach Antworten. Man muss fairerweise anmerken: In Zeiten von Social Media, ständiger Selbstdarstellung und medialer Dauerempörung ist es schwer, auf einer Bühne noch echte Provokation zu erzeugen. Was dem Stück vielleicht an schockierendem Skandalpotenzial fehlen mag, macht es jedoch durch eine ungemein mitreißende Energie mehr als wett.
Das zeigte sich eindrucksvoll im großen Finale: Als am Schluss alle Tänzerinnen gemeinsam über den roten Teppich schritten, sprang der Funke endgültig über. Das gesamte Publikum ging enthusiastisch mit und feierte einen Moment, in dem aus dem elitären Symbol des Ruhms plötzlich ein Teppich für alle Frauen wurde.




Job Safari – Freundschaft auf dem Prüfstand der sozialen Klasse

Das Setting in der Inszenierung von Regisseur Benedikt Grubel ist klar: Unterschiedlicher können Ranja, gespielt von Annika Hauffe, und Leonore, verkörpert von Sar Adina Scheer, die beiden Schulfreundinnen in der siebten Klasse, nicht sein. Ranja stammt aus einem reichen Elternhaus, ihre Eltern haben gute Berufe. Leonore hingegen kommt aus einem ärmlichen Haushalt. Ihre alleinerziehende Mutter ist depressiv, das wenige Geld bringt ihr großer Bruder Ferdi, dargestellt von Thomas Ehrlichmann, nach Hause, der als Paketbote arbeitet. Dieser krasse Kontrast zeigt sich im Stück an eindrücklichen Alltagsbildern. Während Ranja sich sorgenlos alles leisten kann, sei es Tennis spielen oder Eis essen gehen, gibt es bei Leonore nur das, was Ferdi gekauft hat, weil es gerade im Angebot war. Dann stehen eben ein Kilo Möhren oder pures Tomatenmark auf dem Speiseplan.

Die Geschichte von der ungleichen Freundschaft ist fast so alt wie das Erzählen selbst, weil sie der einfachste Weg ist, gesellschaftliche Ungerechtigkeit auf einer persönlichen, emotionalen Ebene zu zeigen. Das reicht vom Klassiker wie Erich Kästners Pünktchen und Anton über Elena Ferrantes Meine geniale Freundin bis hin zu modernen Jugendbüchern wie Tigermilch oder Wolfgang Herrndorfs Tschick. Immer wieder ist der Kernkonflikt zwischen Geld und Charakter oder die Diskrepanz der Aufstiegschancen das treibende Element.

Aber es gibt einen Twist, den die Autorin Elisabeth Pape in ihrem Stück Job Safari neu erzählt. Dieser liegt in der spezifischen Zuspitzung auf die Berufswelt der Zukunft und den sogenannten Purpose-Druck. Früher ging es in solchen Geschichten oft nur um Statussymbole wie Kleidung oder Urlaub. In Job Safari geht es aber um die moderne Lebenslüge: Tu, was du liebst, und du musst nie wieder arbeiten. Das Stück zeigt, dass dieser Satz ein Privileg ist. Ranja kann sich diese Haltung leisten, während Leonore schlichtweg Geld verdienen will. Das Stück kritisiert also weniger die Freundschaft an sich, sondern das gesellschaftliche Versprechen der Meritokratie, dass jeder alles werden kann, wenn er sich nur genug anstrengt.

v.l.n.r.: Annika Hauffe und Sar Adina Scheer©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Annika Hauffe und Sar Adina Scheer
©Birgit Hupfeld

Ein Realitäts-Check erfolgt durch die Lehrerin Lydia Fischer, gespielt von Johanna Weißer, die trotz sicherem Job einen Burnout hat. Sie dient als Dämpfer für beide Mädchen und zeigt auf: Weder nur Geld als Leonores Ziel noch die reine Suche nach Sinn als Ranjas Ziel schützen vor dem Zusammenbruch. Hinzu kommt eine anarchistische oder nihilistische Komponente, die in Gestalt einer maskierten Bande auftritt. Das Bemühen der Lehrerin, in der Rolle einer Journalistin Licht in die Sache zu bringen, bleibt jedoch vage. Dass sie in dieser Funktion das rein Zerstörerische zu interviewen gedenkt, ist ein klassisch absurder und komödiantischer Kniff. Er offenbart die intellektuelle Hilflosigkeit der Gesellschaftsmitte: Wenn das System zusammenbricht oder die Wut überkocht, reagiert das Bildungsbürgertum reflexartig damit, einen Podcast aufzunehmen oder ein Feuilleton-Interview zu führen.

Das Bühnenbild von Marie-Liis Tigasson fängt diese inhaltliche Endzeitstimmung visuell treffend ein. Es zeigt ein Schulgebäude, das an antike Ruinen erinnert, zerstört und halb in den Boden eingesunken. Dass diese Trümmer überhaupt noch als Bildungsanstalt erkennbar sind, liegt lediglich an den abnehmbaren Buchstaben, die das Wort Schule formen. Daneben wirft eine Straßenlaterne ihr flackerndes Licht auf die Szenerie. Diese Kulisse ist ein starkes Sinnbild: Die Institution Schule, die eigentlich den Weg in eine chancengleiche Zukunft ebnen soll, liegt hier bereits in Trümmern, noch bevor das Erwachsenenleben der beiden Mädchen überhaupt richtig begonnen hat.

Am Ende bleibt Leonore in dieser bröckelnden Welt nichts anderes übrig, als auch ihr eigenes, sorgsam aufgebautes Lügengerüst einzureißen und Farbe zu bekennen. Damit stehen die beiden Mädchen vor ihrer ultimativen Bewährungsprobe. Die drängende Frage, die am Schluss unweigerlich im Raum stehen bleibt, ist die nach der echten Belastbarkeit dieser Verbindung. Kann die Freundschaft Bestand haben, wenn sich ihre schulischen und damit gesellschaftlichen Wege trennen, weil Ranja möglicherweise auf das Gymnasium geht und Leonore nicht? Es ist genau diese Ungewissheit, mit der das Stück sein Publikum in die Realität entlässt.

Mehr Informationen https://www.theaterdo.de/produktionen/detail/job-safari/

 

 




Dortmunder Jugendorchester trifft heimische Philharmoniker

Am 09.02.2026 bot sich beim 2. Konzert für junge Leute unter dem Titel „DOJO meets Dortmund Philharmonic: America!“ wieder die Gelegenheit, die Dortmunder Philharmoniker unter der temperamentvollen Leitung von Olivia Lee-Gundermann gemeinsam mit dem DOJO (Dortmunder Jugendorchester) zu erleben. Thematisch drehte sich im Konzerthaus alles um die sich aus vielen Quellen speisende Musik der USA des 20. Jahrhunderts.

Zu Beginn stand die durch europäische Immigranten beeinflusste Musik von Leonard Bernstein (1918–1990) sowie George Gershwin (1898–1937) auf dem Programm. Engagiert geleitet von der Dirigentin, erweckten die Dortmunder Philharmoniker die dramatischen Klänge und Geschichten aus der „West Side Story“ (Bernstein) sowie „Porgy and Bess“ (Gershwin) instrumental und sinnlich zum Leben.

Anschließend ergänzte das Jugendorchester unserer Stadt mit musikalisch frischer Kraft die Philharmoniker auf der Bühne bei den folgenden Programmpunkten. Der afroamerikanische Einfluss wurde eindrucksvoll durch den 3. Satz „Juba Allegro“ aus der Sinfonie Nr. 4 d-Moll der Komponistin Florence Price (1887–1953) vermittelt. Der Titel bezieht sich auf den „Juba Dance“; Price gelang es hier erstmals, originäre afroamerikanische Musikelemente in eine Sinfonie einzubringen.

Das Jugendorchter und die Dortmunder Philharmoniker zusammen in einem Konzert. (Foto-Credit: Sophia Hegewald)
Das Jugendorchester und die Dortmunder Philharmoniker zusammen in einem Konzert. (Foto-Credit: Sophia Hegewald)

Europäisch geprägt war wieder der ruhige, etwas melancholisch klingende Satz „Molto Adagio“ aus dem „Adagio for Strings“ von Samuel Barber (1910–1981). In moderne Filmwelten führten dann bekannte, dramatische Melodien aus „Der weiße Hai“ und „Star Wars“ von John Williams (*1932).

Zum Abschluss gab es noch eine Zugabe aus „Indiana Jones“. Es ist erfreulich, dass auch dem Orchesternachwuchs die Möglichkeit geboten wird, sich einem großen Publikum zu präsentieren.




Wenn der Kaffee nach Träumen schmeckt – Eine Rezension von Superspecial

Früher gab es „nur“ Filterkaffee, heute stehen wir vor der Wahl: Muss es ein Java Chocolate Chip Frappuccino sein oder doch der klassische Schwarze? Die Bestellung an der Kaffeebar ist längst zu einem kleinen Akt der Selbstdarstellung geworden. Wer heute bestellt, kommuniziert weit mehr als nur seinen Durst. Er signalisiert eine Zugehörigkeit, einen Lifestyle. „Normal“ ist fast schon ein Schimpfwort und Durchschnitt ein absolutes No-Go. Am Ende bleibt jedoch die Frage: Schmeckt uns die Individualität wirklich besser, oder genießen wir einfach nur das Gefühl, nicht „wie alle anderen“ zu sein?

Genau in dieses Spannungsfeld entführte uns das Tanztheaterstück „Superspecial“, das am 31. Januar 2026 im Fritz-Henßler-Haus Premiere feierte.

Zwischen Frappuccino und Transformation

Das Stück startete in einem „Café am Rande des Wahnsinns“. Hier stellten sich nicht nur Fragen nach der richtigen Milchvariante, sondern auch die ganz großen Fragen des Lebens: Wann kommt eigentlich die Band? Und ist JETZT die richtige Zeit für eine allumfassende Transformation?

Das Publikum begegnete Figuren, die wir alle kennen – oder in denen wir uns selbst ertappt fühlen. Da war zum Beispiel Gerd, der nervige Kunde, der dem Personal ungefragt die Welt des Kaffees erklärt. Er steht exemplarisch für den modernen Drang, sich durch Wissen und Kennerschaft von der Masse abzuheben. Doch hinter der Fassade des „Bescheidwissers“ und den coolen Bestellungen schlummerten bei den Figuren tiefe Wunden: das Gefühl, übersehen zu werden, oder der Schmerz, wegen der Hautfarbe diskriminiert zu werden.

Die Karte von "Superspecial".
Die Karte von „Superspecial“.

Eine Goldcard für das Publikum

Unter dem Coaching von Birgit Götz und Cordula Hein präsentierte das Kollektiv „wichtigemenschen“ eine humorvolle, schräg-sinnliche Tour durch diese Megatrends der Individualisierung. Besonders eindrucksvoll war, dass die Transformation nicht nur auf der Bühne behauptet, sondern physisch erlebbar gemacht wurde.

Ausgestattet mit einer „Goldcard“ musste das Publikum das Café verlassen und den Spielort wechseln – von der Cafeteria hinüber in den Kinosaal. Ein kluger Schachzug: Der Weg vom Alltäglichen ins „große Kino“ der Träume wurde so zur gemeinsamen Bewegung. Mit viel Musik, Witz und Tanz erkundeten die Darstellenden, ob sich Einzigartigkeit und Gemeinschaft überhaupt vereinen lassen.

Es war ein Abend, der bewegte – räumlich wie emotional. Weitere Termine gibt es aktuell leider nicht, was die Premiere im Rückblick genau zu dem macht, was der Titel versprach: „Superspecial“.

Es spielten (Kollektiv wichtigemenschen): Carla Brockmann, Greta Heimbach, Marcia Kemper, Anneli Koch, Maya Krämer, Bhavdeep Kumar, Mathis Pollmann, Henna Schmaler, Lotta Severin & Sam Meier.