Philharmonic Club – Repercussion x Dortmunder Philharmoniker

Mit der Konzertreihe „Philharmonic Club“ wagt das Konzerthaus Dortmund immer wieder den Brückenschlag zwischen klassischer Musik und clubkulturellen Formaten. Auch an diesem Abend verwandelte sich der Saal erneut in einen atmosphärischen Clubraum: gedämpftes Licht, pulsierende Visuals und ein Setting, das das Publikum nicht nur zum Zuhören, sondern zum Eintauchen einlud. Schon dieser Rahmen war ein starkes Zeichen dafür, wie offen und experimentierfreudig sich das Konzerthaus präsentiert.

Im Zentrum des Abends stand das Neo-Percussion-Trio Repercussion (Veith Kloeters, Rafael Sars, Simon Bernstein), das mit beachtlicher Präzision und musikalischem Ideenreichtum die Bühne dominierte. Die drei Musiker überzeugten vom ersten Ton an: technisch exzellent, rhythmisch messerscharf und mit spürbarer Bühnenenergie. Ihre Kompositionen – eine Mischung aus Neo-Klassik, Electronica und innovativen Schlagwerksounds – entfalteten eine dichte Atmosphäre, die sich schnell auf den ganzen Saal übertrug.

Repercussion verwandelte das Konzerthaus in einen Club.
Repercussion verwandelte das Konzerthaus in einen Club.

Das speziell für diesen Abend entwickelte Projekt „Euphoria“ versprach eine Verschmelzung der vibrierenden Repercussion-Rhythmen mit den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Koji Ishizaka. Doch gerade hier zeigte sich ein deutlicher Bruch zwischen Anspruch und Umsetzung. Die Orchestermusiker wirkten eher wie eine klangliche Ergänzung im Hintergrund denn als gleichberechtigte Partner in einem echten Crossover. Statt einer symbiotischen Verbindung entstand der Eindruck, dass das Orchester lediglich begleitende Akzente setzte, während das Trio unangefochten das musikalische Zentrum bildete.

Trotz dieses konzeptionellen Ungleichgewichts war „Euphoria“ ein energiegeladenes Erlebnis mit eindrucksvollen Momenten. Repercussion schaffte es, die Menschen im Konzerthaus zum Tanzen zu bringen, zumindest was die engen Sitzreihen hergaben. Vor allem die Visuals und das clubartige Setting trugen dazu bei, dass sich das Konzerthaus tatsächlich wie ein hybrider Raum zwischen Philharmonie und Club anfühlte – ein Experiment, das grundsätzlich Mut verdient.




Gefühlsstürme – Kammermusik im sweetSixteen-Kino

Das sweetSixteen-Kino im Dortmunder Depot ist sonst ein Ort für Filmkunst – doch an diesem Novemberabend wurde es zur Bühne für große Emotionen. Beim ersten Kammerkonzert der Reihe unter dem Titel „Gefühlsstürme“ verwandelte sich der kleine Saal in einen Raum intensiver musikalischer Nähe. Die Akustik erwies sich als warm und klar, jeder Bogenstrich war hörbar, jede Nuance spürbar – eine perfekte Umgebung für Kammermusik, die berührt und fordert.

Das Belsima Quartett – Rika Ikemura und Haruka Ouchi (Violine), Hanna Schumacher (Viola) und Sofia Lucía Roy (Violoncello) – nahm das Publikum mit auf eine Reise durch drei Jahrhunderte musikalischer Gefühlskunst: von Viktor Ullmanns erschütternder Ausdruckskraft über Beethovens ungestüme Energie bis zu Mendelssohns romantischer Innigkeit.

 

Viktor Ullmann – Musik als Widerstand

Den Auftakt bildete Viktor Ullmanns Streichquartett Nr. 3, komponiert 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Kaum ein Werk zeigt eindrücklicher, wie Kunst selbst unter unmenschlichen Bedingungen zu einer Form des Widerstands werden kann.
Das Quartett spielte mit großer Klarheit und emotionaler Intensität. Im Wechsel zwischen drängenden, fast verzweifelten Passagen und zarten Momenten des Innehaltens entstand ein Klangbild von existenzieller Tiefe. Besonders das Largo wirkte wie ein stilles Gebet, das am Ende in ein trotziges, rhythmisch pulsierendes Finale mündete.

„Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung
„Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung

 

Beethoven – Sturm und Ordnung

Mit Beethovens Streichquartett Nr. 4 c-Moll, op. 18/4 kehrte das Programm in die Klassik zurück, doch die Leidenschaft blieb. Schon der junge Beethoven zeigt hier seine unbändige Energie, die das Belsima Quartett mit technischer Brillanz und feinem Gespür umsetzte.
Das Zusammenspiel war präzise und lebendig, die musikalischen Dialoge zwischen den Stimmen wirkten spontan und organisch. Besonders das temperamentvolle Finale „Allegro – Prestissimo“ ließ spüren, warum Beethovens Musik bis heute elektrisiert.

 

Mendelssohn Bartholdy – Jugendliche Sehnsucht

Nach der Pause folgte mit Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquartett Nr. 2 a-Moll, op. 13 ein Werk voller Romantik und innerer Bewegung. Der junge Mendelssohn – kaum achtzehn Jahre alt – verarbeitete darin persönliche Empfindungen und musikalische Bewunderung für Beethoven zu einem Stück von berührender Emotionalität.
Das Belsima Quartett brachte diese Mischung aus jugendlicher Leidenschaft und lyrischer Zartheit wunderbar zum Klingen. Das Adagio, fein phrasiert und warm im Ton, wurde zum emotionalen Zentrum des Abends.

 

Ein Ort, der Musik atmet

Das Konzert zeigte eindrucksvoll, wie viel Atmosphäre ein kleiner Raum entfalten kann. Das sweetSixteen-Kino, sonst Ort für anspruchsvolles Kino, bot mit seiner Nähe und Akustik eine ideale Bühne für Kammermusik. „Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung – intensiv, konzentriert und menschlich nah.




FarbenLeben – Art by Christos

Zeitgenössische Solo-Ausstellung im Theater Fletch Bizzel, Dortmund (09.11.–22.12.2025)

Im Dortmunder Theater Fletch Bizzel zeigt der Künstler Christos unter dem Titel „FarbenLeben“ eine Reihe abstrakter Arbeiten, die sich durch intensive Farbigkeit, rhythmische Strukturen und eine besondere Leuchtkraft auszeichnen. Viele der Werke entstanden mit Seidenmalfarben auf Leinwand.

Die Ausstellung wurde am 9. November von der Kabarettistin und Autorin Lioba Albus eröffnet. Dabei kam natürlich ihr Alter Ego Mia Mittelkötter zu Wort. Die Ausstellung läuft bis zum 22. Dezember 2025 und ist montags und mittwochs von 10–14 Uhr sowie freitags von 15–18 Uhr geöffnet.

Christos’ Malerei bewegt sich zwischen Spontaneität und Struktur – gestische Linien und dynamische Formen scheinen miteinander zu tanzen, während Farbflächen in leuchtenden Rottönen, kühlem Blau oder lebendigem Grün miteinander kontrastieren. In einigen Kompositionen erinnert die Textur an organische Muster, in anderen an urbane Topografien oder musikalische Bewegungen.

Der Künstler Christos, Lioba Albus und die Leiterin des Fletch Bizzels Rada Radojcic.
Der Künstler Christos, Lioba Albus und die Leiterin des Fletch Bizzels Rada Radojcic.

Der Künstler versteht seine Werke als emotionale Räume, die nicht nur betrachtet, sondern gespürt werden wollen. Sein Ziel ist es, Bilder zu schaffen, „die Emotionen wecken, Erinnerungen anstoßen und Räume verwandeln“. Diese Absicht wird in der Hängung im Fletch Bizzel deutlich: Zwischen Bar-Licht, Sofa und Wänden aus rohem Putz entsteht ein spannendes Wechselspiel aus Farbe, Material und Atmosphäre.

Theater Fletch Bizzel, Humboldtstraße 45, 44137 Dortmund
www.artbychristos.de | Instagram: @artbychristos




Das Schweigen der Frauen und der Klang des Widerstands – Hedera

Am 1. November 2025 sah ich im Theater im Depot die Performance Hedera des „Sepidar Theater“. Das Stück verknüpft auf eindringliche Weise historische und mythische Spuren weiblichen Widerstands mit gegenwärtigen Erfahrungen von Gewalt und Überleben.

Die Geschichte der Menschheit ist von einem fortdauernden Muster der Gewalt gegen weibliche Körper geprägt, das sich von den frühesten archäologischen Zeugnissen bis in die Gegenwart verfolgen lässt. Bereits im etwa 7000 Jahre alten Massengrab von Talheim in Süddeutschland fehlen die Skelette junger Frauen – ein Indiz dafür, dass sie nicht getötet, sondern verschleppt wurden. Diese Form der gewaltsamen Aneignung weiblicher Körper zieht sich als konstantes Strukturprinzip durch die Geschichte: Der mythische „Raub der Sabinerinnen“ beschreibt den Zugriff auf Frauen als Akt staatlicher Gründung; im Trojanischen Krieg wurden sie als Beute und Trophäen verteilt. Auch in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kriegen diente sexualisierte Gewalt der Erniedrigung und Unterwerfung des Gegners, während die Hexenverfolgungen die Kontrolle über weibliche Selbstbestimmung in geistig-religiöser Form institutionalisierten. In den modernen Kriegen des 20. Jahrhunderts – von Nanjing bis Bosnien – wurde der weibliche Körper erneut zum Schlachtfeld, zugleich aber zum Ort des Widerstands und der Zeugenschaft.

Diese Kontinuität macht deutlich: Gewalt gegen Frauen ist nicht bloß Begleiterscheinung von Krieg, sondern Ausdruck eines tieferliegenden kulturellen Mechanismus, der Herrschaft durch Zugriff auf Körper reproduziert – und den Werke wie Hedera künstlerisch befragen.

Das Stück "Hedera" spielt In einer kargen, fragmentierten Landschaft – einem Brachland zwischen Vergangenheit und Gegenwart. (Foto: (c) Sepidar Theater)
Das Stück „Hedera“ spielt In einer kargen, fragmentierten Landschaft – einem Brachland zwischen Vergangenheit und Gegenwart. (Foto: (c) Sepidar Theater)

Hedera (lateinisch für Efeu) steht symbolisch für Überdauerung, Beharrlichkeit und Heilung – Pflanzen, die auch über Ruinen wachsen. Das Stück begibt sich auf die Spurensuche nach übersehenen, verdrängten oder ausgelöschten Formen von Widerstand, insbesondere weiblichem Widerstand, der oft nicht laut oder heroisch, sondern still, alltäglich und körperlich ist. Die beiden Performerinnen Bahar Sadafi und Rashin Didandeh zeigen eindrücklich, wie sie sich mit Beharrlichkeit aus den Trümmern befreien, sich um Wasser streiten und sich mit Nahrung – hier in Form von Konservendosen – versorgen. Ein Neuanfang entsteht aus männlicher Gewalt und Zerstörung. Alles wandelt sich, weil Frauen – wie der Efeu – aus den Trümmern erwachsen und neue Strukturen bilden.

In Hedera wird auch die Geschichte von Okaki und den sechs Tellern (おかきと六枚のお皿) aufgegriffen. Okaki arbeitet als Dienerin in einem Samurai-Haushalt. Der Samurai verliebt sich in sie, doch sie weist ihn zurück – ein Akt weiblicher Selbstbestimmung in einer patriarchalen Gesellschaft. Aus gekränkter Eitelkeit bezichtigt der Samurai sie daraufhin des Diebstahls: Einer der Teller fehlt, und Okaki soll ihn gestohlen haben. Obwohl sie unschuldig ist, wird sie grausam bestraft oder nimmt sich aus Scham das Leben. Nach ihrem Tod kehrt sie als Geist zurück und zählt jede Nacht die Teller – ein klagendes Ritual, das ihre Unschuld und das Unrecht sichtbar macht. Ob Talheim, Troja oder Edo-Japan – überall wiederholt sich das Muster männlicher Besitznahme und weiblicher Auslöschung, aber auch das Aufbegehren durch Erinnerung, Körper, Ritual und Erzählung.




Geteilte Vergangenheit, gemeinsame Zukunft – Deutschland und Kamerun im Spiegel der Kunst

Die Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun ist eine Geschichte von Eroberung, Widerstand und Begegnung – aber auch eine Geschichte des Schweigens, das erst allmählich gebrochen wird.

Als Deutschland 1884 Kamerun zum „Schutzgebiet“ erklärte, begann ein Kapitel europäischer Kolonialherrschaft, das von Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung geprägt war. Hinter der beschönigenden Bezeichnung „Protektorat“ verbarg sich ein System der Kontrolle, das Land und Menschen seinem ökonomischen Nutzen unterwarf. Deutsche Handelsgesellschaften eigneten sich riesige Flächen an, die einheimische Bevölkerung wurde zu Zwangsarbeit verpflichtet, ihre Rechte und Kulturen wurden ignoriert oder zerstört.

Szene aus "BÂTIR LE COMMUN". Foto: (c) Kathleen Kunath
Szene aus „BÂTIR LE COMMUN“. Foto: (c) Kathleen Kunath

Doch die koloniale Herrschaft stieß von Anfang an auf Widerstand. Kamerunische Gemeinschaften leisteten mutigen Widerstand gegen die militärische Übermacht – etwa die Bakweri gegen Landenteignungen an den Hängen des Kamerunbergs oder die Duala, die gegen die Verletzung ihrer Handelsrechte protestierten. Diese Akte des Widerstands sind Teil einer Geschichte, die in der deutschen Erinnerung lange verdrängt blieb, während sie in Kamerun als Ausdruck nationaler Selbstbehauptung weiterlebte.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 endete das deutsche Kolonialprojekt abrupt. Frankreich und Großbritannien besetzten das Gebiet, und 1918 besiegelte der Versailler Vertrag den Verlust der deutschen Kolonien. Kamerun wurde geteilt – ein Symbol für die anhaltende Fremdbestimmung durch europäische Mächte. Dennoch bleibt die Zeit der deutschen Herrschaft ein prägendes Fundament der kamerunisch-deutschen Beziehungen – ein Erbe, das bis heute Fragen nach Verantwortung, Erinnerung und Gerechtigkeit aufwirft.
Eine interessante Facette dieses Erbes zeigt sich auch im kulturellen Bereich: In Kamerun entstand im Laufe der Kolonialzeit Tänze, der unter Einfluss der deutschen Kolonialherren entstanden beziehungsweise von ihnen inspiriert wurden. Beispiele dafür, wie koloniale Begegnung – auch wenn sie von Unterdrückung geprägt war – in kultureller Hybridität münden konnte.
Im Rahmen des Stücks „BÂTIR LE COMMUN“, das am 25.10.2025 im Theater im Depot gezeigt wurde, eröffneten die Tänzerinnen aus Kolumbien, Japan und dem Balkan eine Perspektive, die weit über die deutsch-kamerunische Beziehung hinausreicht: Sie erzählten von Kolonialisierten und Kolonialherren, von Machtverhältnissen und Verflechtungen. Begleitend zu ihren Tanzeinlagen wurden auf einer Videoleinwand Aussagen von Nachfahren der Widerstandskämpfer:innen eingeblendet und machten die „Stimme von unten“ hörbar.
Der Abend mündete in ein gemeinsames Tanzevent im Theatersaal – als symbolisches Zeichen dafür, wie Erinnerung, Bewegung und Gemeinschaft zusammenkommen können. Dabei wurde aus der geteilten Vergangenheit eine greifbare Einladung zur gemeinsamen Zukunft, zu einem veränderten Blick auf die Gegenwart – zwischen Deutschland und Kamerun und weit darüber hinaus.




Die Choreografie der Zärtlichkeit auf dem Hansaplatz

Samstagabend, der 18. Oktober, ein grauer, stiller Herbstabend. Der Hansaplatz liegt in kühles Licht getaucht, wenige Passanten, die sich eilig durch die Stadt bewegen. Mit einem Kopfhörer über der Mütze stehe ich, gemeinsam mit einigen anderen, mitten auf dem Platz. Leise Musik und Texte fließen in mein Ohr, während vor uns die Tänzer:innen agieren – manchmal zögerlich, manchmal fließend, immer achtsam.

Die Performance mírate a través de mi ist eine Einladung, das Alltägliche neu zu betrachten – jene kleinen, oft unscheinbaren Gesten, die unser Zusammenleben prägen und doch so leicht im Lärm des Alltags verloren gehen. „What is love?“, fragte einst Haddaway – und mit ihm unzählige andere vor und nach ihm. Eine klare Antwort blieb stets aus. Vielleicht, so legt die Performance nahe, liegt sie nicht in großen Gesten, nicht im „Willst du mich heiraten?“ auf offener Bühne, sondern in den kleinen, fast unbemerkten Momenten: in der Hand der Mutter, die das Kind sicher hält, in vertrauten Ritualen des Miteinanders, im kurzen Blick, der mehr sagt als Worte.

mírate a través de mi – „Sieh dich durch mich“ – ist eine poetische Rückbesinnung auf die Substanz des Zwischenmenschlichen. Die Besonderheit der Performance liegt in ihrer Offenheit: Performer:innen und Publikum teilen denselben Raum, dieselbe Bewegung, denselben Atem. Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum lösen sich auf, ebenso die Trennung zwischen aktiv und passiv, zwischen Beobachten und Beobachtetwerden. Es entsteht ein Resonanzraum, in dem Wahrnehmung selbst zum Teil der Choreografie wird – ein feines, fast körperloses Gewebe aus Nähe und Achtsamkeit.

mírate a través de mi - kleine Gesten der Liebe. Foto (c) Álvaro Severino
mírate a través de mi – kleine Gesten der Liebe. Foto (c) Álvaro Severino

Die über Kopfhörer eingespielten Stimmen erzählen von Zuneigung, Verbundenheit und Verletzlichkeit – von dem, was Menschen im Innersten verbindet. In der Verbindung von Bewegung und Klang wächst eine „leise Choreografie des Miteinanders“, die sich nicht in geschlossenen Räumen verliert, sondern sich mitten in der Stadt entfaltet, zwischen Pflastersteinen und Passant:innen, zwischen Leben und Kunst.

mírate a través de mi ist damit eine stille Hommage an die Liebe – an das, was sie im Kern ausmacht: die kleinen, fast unsichtbaren Gesten, die das Leben bereichern. Konzipiert und choreografiert wurde das Stück von Camila Scholtbach Sánchez, getanzt von Birgit Götz und Andreas Simons, mit Texten von Judith Grytzka und Musik von Álvaro Severino Ramírez. Gemeinsam erschufen sie auf dem Dortmunder Hansaplatz ein zartes Geflecht aus Bewegung, Klang und Gefühl – eine kurze, aber eindringliche Erinnerung daran, dass Zärtlichkeit kein Luxus, sondern eine Form der Aufmerksamkeit ist.




„touching the not yet“: Liminalität zwischen Brachen und Erwachsensein

Das Ruhrgebiet ist bis heute eine Landschaft der Narben. Ehemalige Industrieareale, Halden, stillgelegte Bahntrassen und verlassene Gewerbeflächen prägen das Gesicht einer Region, die nicht recht weiß, ob sie endlich Zukunft werden oder weiterhin Vergangenheit konservieren will. Diese Brachen sind mehr als topografische Restflächen: Sie sind liminale Räume – Orte ohne klare Funktion, Zonen des Dazwischen, in denen die alte Ordnung abgeschafft ist und die neue noch nicht begonnen hat. Besonders Jugendliche finden hier Rückzugsorte und Möglichkeitsräume, die der kuratierte Stadtraum längst nicht mehr bietet: Graffiti, Skaten, Musik, selbstgebaute Freiräume – nicht erlaubt, nicht geplant, aber möglich.

Mit dieser Ästhetik des Übergangs beschäftigt sich das Stück „Power Strangers – touching the not yet“ der Gruppe Sticky Fragments, das am 17. Oktober 2025 im Theater im Depot zu sehen war. Es führt zurück in eine Zeit, in der solche Brachen noch mythische Orte der Selbstvergewisserung waren. Drei „Power Strangers“ blicken zurück auf Wünsche, Sehnsüchte und verheißungsvoll flackernde Zukunftsentwürfe ihrer Jugend – jene Lebensphase, die selbst liminal ist: Pubertät als Schwebezustand zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Sozialisation und Selbstbehauptung. Doch schnell stellt sich eine Frage, die schwerer wiegt als die Nostalgie, die sie hervorruft: Wer werden wir gewesen sein? Was ist geblieben von den Visionen? Und was hängt heute an uns wie ein ausgeleierter Hoodie, der mehr peinliche Erinnerung als gelebtes Leben ist?

Fundstücke, Erinnerungsstücke? (Foto: Sticky Fragments)
Fundstücke, Erinnerungsstücke? (Foto: Sticky Fragments)

Musik, Videokunst und Physical Theatre versuchen, Antworten zu ertasten. Das Publikum wühlt in Fundstücken aus der Emscher, lauscht dem Sound eines Bahnhofs – selbst ein archetypischer Schwellenort – und beobachtet nächtliche Bushaltestellen, an denen das Stück jene vertraute Urbanpoesie beschwört, die man vielleicht aus Jugendfilmen kennt. Alles ist Bewegung, Suchbewegung, tastendes Voranschreiten.

Doch so sinnlich das Material ist, so bleibt eine Spannung bestehen: Reicht die ästhetische Geste, um die politische Leerstelle zu füllen? Brachen verschwinden im Ruhrgebiet – zugunsten von Investorenfantasien, Logistikboxen und urbaner Verwertungsprosa. Immerhin erlaubt der Schlussmoment – ein gemeinsamer Schritt hinaus in die kalte Dortmunder Nacht – einen Perspektivwechsel: Die Bühne zersplittert, der Stadtraum übernimmt, und plötzlich steht man selbst in einem Zustand, der wieder Übergang ist.

Das Theater verweigert die Antwort. Und vielleicht ist genau das der ehrlichste Satz, den man über Jugend, über Brachen – und über diese Region – überhaupt sagen kann.




Szene machen 25 – ein Ausflug in die Stückentwicklung

Beim diesjährigen Festival „Szene machen“ ging es nicht so sehr um fertige Stücke, sondern um den Entwicklungsprozess oder Möglichkeiten der Partizipation im Theater. Der Autor war für ars tremonia am 10, Oktober im Theater im Depot, um zwei Stücke, oder besser: zwei Entwicklungen.

Den Begin machte der Dortmunder Sprechchor mit „Irgendwas mit Wasser und Solidarität“ . Eine Stunde lang wurden alle Zeugen wie ein Satz, unterschiedlich ausgesprochen, seine Bedeutung veränderte. Wie durch verschieden Betonungen der Charakter wechselte. Zum Schluss wurde der Text mit Musik kombiniert und entfachte eine ungeheure Wucht. Der Workshop war ein gelungener Einblick in die Arbeit des Sprechchores.

Der Sprechchor Dortmund gewährte einen Einblick in eine Workshop Situation. (Foto: (c) Sprechchor Dortmund)
Der Sprechchor Dortmund gewährte einen Einblick in eine Workshop Situation. (Foto: (c) Sprechchor Dortmund)

Der zweite Teil lautete „NeuroQueer Vortex – Show & Tell“ von Queeres Theater Kollektiv. Es behandelte zwei Themen. Zum einen arbeitet das Queere Theater Kollektiv an immersiven Bühnentechnologien, Live-Kameras und digitale Licht- und Sounddesigns. Das Ziel ist es, alle Elemente einer Aufführung gleichrangig zu behandeln. Das andere Thema war, wie ein Theaterabend so gestaltet werden kann, dass sich alle Personen in einem Theaterraum wohlfühlen.




Leseabend im Haus Wenge

Es gibt Kulturorte, die kennt man in- und auswendig, weil man sie mehrmals im Monat besucht und dann gibt es Kulturorte, die neu entdeckt werden. Wie das Haus Wenge in Lanstrop. Dort lasen am 10. Oktober 2025 Bernd Kleber und seine Autoren-Freunde Clara Sinn, Martina Bracke und Björn Neumann. Zur Schande des Autors musste er wegen eines weiteren Kulturtermins schon vor der Pause gehen, aber es reichte, um einen keinen Vorgeschmack zu bekommen.

Bernd Kleber ist ein Berliner Autor und Podcaster und stellte den Band 4 seiner KURZUM-Kurzgeschichten vor. Er trägt den bezeichnenden Titel „Mein Sofa, die Erde“. Hier finden sich Kurzgeschichten von 13 Autoren und Autorinnen, die Kleber während seiner kreativen Reise schätzen gelernt hat.

Unterhaltsame Kurzgeschichte im Haus Wenge in Lanstrop. (Foto: (c) pixabay)
Unterhaltsame Kurzgeschichte im Haus Wenge in Lanstrop. (Foto: (c) pixabay)

Aber die Autor:innen lasen auch Werke, die nicht im Buch standen wie Martina Bracke, die mit „Apfelkuchen mit Sahnehäubchen“ eine hintersinnige Krimigeschichte geschrieben. In die Zeit der Rosenkriege führte uns Björn Neumann. Das Schicksal der beiden Neffen Eduard und Richard des Königs Richard III. stand im Mittelpunkt. Wurden sie umgebracht oder sind die lebend aus dem Tower gekommen?




Beyond Gravity 2025

Vom 01. bis 05. Oktober 2025 fand die zweite Ausgabe des Festivals „Beyond Gravity“ statt – ein Festival für digitale Kunst, Tanz und Performance. Wie bereits vor zwei Jahren wurden die Veranstaltungen hauptsächlich im Theater im Depot und in der Akademie für Theater und Digitalität gezeigt. Neu dabei war in diesem Jahr auch das Kulturforum Witten.
Zusätzlich war ein Residenzprogramm unter dem Titel „Decolonising the Digital“ integriert. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie digitale Technologien gesellschaftliche Ungleichheiten verstärken können – und wie Kunst dazu beitragen kann, diese sichtbar zu machen und Alternativen zu entwickeln. Dafür wurden zwischen Juni und Oktober 2025 drei Künstler*innen-Teams aus dem sogenannten „Global South“ eingeladen, die gemeinsam mit Partnern aus dem Ruhrgebiet neue Projekte entwickelten.

„Früher war mehr Lametta“, heißt es bei Loriot. Vor zwei Jahren boten Programme wie „I AM (VR)“ von Susanne Kennedy und Markus Selg atemberaubende Erlebnisse. Dieser Wow-Effekt fehlte mir in dieser Ausgabe ein wenig. Am ehesten kam noch „Turbulence“ von Norbert Pape und Simon Speiser heran, das mich im Meer schwimmen und Muscheln berühren ließ. Die beiden zeichneten auch verantwortlich für „Touching Clouds“, das vor zwei Jahren gezeigt wurde. Darüber hinaus gab es in der Mittelhalle des Depots verschiedene Games, die zum Mitspielen einluden.

Ein fotografischer Einblick in die Arbeit "Turbulence" von Norbert Pape & Simon Speiser.
Ein fotografischer Einblick in die Arbeit „Turbulence“ von Norbert Pape & Simon Speiser.

Im Theatersaal des Depots sah ich am 01. Oktober „Dear Dead Doctor“, ein Stück von Kiran Kumār über seinen Großvater, der in Indien in westlicher Medizin ausgebildet wurde. Kumār nimmt Ivan Illich zum Vorbild, um die westliche Medizin zu kritisieren. Illich argumentierte, dass die moderne Medizin ein „iatrogenes“ System hervorgebracht habe – also mehr Schaden anrichte, als sie heile, indem sie Menschen passiv mache, ihnen Eigenverantwortung entziehe und das Leben pathologisiere. Als säkularer Humanist lehne ich diese normativen Kritikpunkte von Illich – und damit auch von Kumār – ab. Für mich wären vielmehr Aufklärung, Partizipation der Patient:innen, transparente Entscheidungsprozesse und Zugangsgerechtigkeit zentrale Forderungen, um die Medizin menschlicher zu gestalten.
Die Umsetzung des Stücks war jedoch sehr gelungen: Zwei Darstellerinnen hängten Stoffbahnen nebeneinander, auf denen Fotos, Tagebuchauszüge und auch Tanzszenen projiziert wurden. Das erinnerte ein wenig an eine Petersburger Hängung.

Am nächsten Tag verbrachte ich die Zeit in der Akademie für Theater und Digitalität. Das erste Stück führte die Besucher:innen nach Kamerun und stellte die Frage: Welche Kriterien muss ein Häuptling oder König erfüllen, um als würdig zu gelten? „KAM (noble)“ zeigt, dass dies kein angeborener Wert ist, sondern innerhalb der Gemeinschaft erworben werden muss, die darüber genau wacht. Dies wurde in einem Animationsfilm verdeutlicht.

Den Abschluss bildete „Climb a Mountain: Mira“ von Julia Riera. Es erinnerte mich etwas an „The Dead Code Must Be Alive“ von Brigitte Huezo damals, doch es ist immer wieder faszinierend, welche Wirkung die auftauchenden digitalen Körper auf den Leinwänden entfalten.