Im Spiegel der Dystopie: Sarah Nemtsovs „WE (WIR)“ feiert eine beklemmend starke Uraufführung an der Oper Dortmund

Es beginnt bereits unbequem. Wer die Uraufführung von Sarah Nemtsovs Oper „WE (WIR)“ besucht, nimmt nicht einfach im bequemen Plüschsessel des Dortmunder Opernhauses Platz. Der Weg führt das Publikum zunächst durch verschlungene Gänge direkt auf die Bühne. Dort angekommen, blickt man in einen gewaltigen Spiegel – man wird unweigerlich mit sich selbst, dem eigenen Individuum, konfrontiert. Ein starker inszenatorischer Griff von Bühnenbildner Fabian Liszt. Doch der eigentliche Schockeffekt folgt erst, als sich diese Spiegelebene hebt und den Blick in den gigantischen, unheimlich leeren Zuschauerraum freigibt. Dort agieren die „Anderen“: eine durch Masken ihrer Individualität beraubte, gleichgeschaltete Masse, die in strengen Choreografien die beklemmende Atmosphäre des „Einheitlichen Staates“ physisch greifbar macht. Eva-Maria Höckmayr gelingt hier gleich zu Beginn ein immersiver Sog, dem man sich kaum entziehen kann.



Die literarische Grundlage für dieses beklemmende Szenario liefert der russische Schriftsteller und Ingenieur Jewgeni Samjatin. Sein bereits in den frühen 1920er-Jahren verfasster Roman „Wir“ gilt als Mutter aller Dystopien. In der Sowjetunion schon 1923 verboten, lieferte das Werk später die direkte Blaupause für George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Bemerkenswert – und fast schon eine humoristische Pointe für unsere Gegenwart – ist Samjatins weitsichtiger Blick auf die Kunstproduktion: Er beschrieb in seinem Roman das sogenannte „Musikometer“, eine Maschine, die auf Knopfdruck innerhalb einer Stunde vollautomatisch drei Sonaten ausspuckt. Ein über einhundert Jahre alter, prophetischer Vorgriff auf moderne KI-Musikgeneratoren wie Suno, die uns heute mit simplen Text-Prompts komplette Shoegaze- oder Dreampop-Tracks berechnen, deren Stems man dann direkt in der DAW weiterverarbeiten kann.

Musikalisch bewegt sich der Abend konsequent im Bereich der zeitgenössischen Klassik. Wer bei den Dortmunder Philharmonikern sonst die emotionale Wärme einer Brahms-Symphonie oder die melodische Leichtigkeit Mozarts sucht, wird hier in eine völlig andere, unerbittliche Klangwelt geworfen. Unter der präzisen Leitung von Michael Wendeberg dominieren kühle, moderne Texturen. Besonders die Synthesizer drängen sich fast schon schneidend in den Vordergrund und überlagern weite Teile des akustischen Raums – noch deutlich präsenter als die ebenfalls eingesetzten E-Gitarren. Diese musikalische Kälte illustriert perfekt die durchrationalisierte, maschinelle Welt von Samjatins Vorlage.

Seth Carico, Dortmunder Bürger*innenOper Foto: (c) Thomas M. Jauk
Seth Carico, Dortmunder Bürger*innenOper Foto: (c) Thomas M. Jauk

Den absoluten Höhepunkt des Abends bilden jedoch die beiden Hauptdarsteller. Seth Carico als Ingenieur D-503 und Gloria Rehm als Rebellin I-330 brillieren nicht nur gesanglich auf ganzer Linie, sondern fesseln durch eine herausragende schauspielerische Leistung. Carico macht den zermürbenden inneren Kampf seiner Figur – das schmerzhafte Erwachen echter Gefühle gegen jede staatliche Konditionierung – in jeder Sekunde nachvollziehbar. Die Fallhöhe zwischen kühler Systemtreue und verbotener Leidenschaft wird durch dieses Duo meisterhaft auf die Bühne transportiert.

Die allgegenwärtige Bedrohung dieser Welt verkörpert der sogenannte „Wohltäter“. Zunächst thront er, dem literarischen Vorbild des „Großen Bruders“ entsprechend, unnahbar und fast göttlich entrückt hoch oben im Rang. Doch im großen Finale verlässt er diese Distanz und steigt physisch zu D-503 auf die Bühne herab. Es ist ein Dialog, der lange nachhallt. Denn anders als es die im Programmheft geäußerte Hoffnung der Komponistin vermuten lässt, entlässt einen diese Inszenierung am Ende nicht mit einem tröstlichen Lichtblick. Was auf der Bühne bleibt, ist die absolute Kapitulation. D-503 wirkt von der fehlerfreien, kalten Logik des Systems erdrückt und tief niedergeschlagen. Der Totalitarismus siegt.

Und genau diese kompromisslose Trostlosigkeit macht den Abend so stark. „WE (WIR)“ in Dortmund ist keine leichte Kost, aber ein visuell und musikalisch faszinierendes Gesamtkunstwerk, das noch lange nach dem Verlassen des Opernhauses nachwirkt.




Coco Superstar – oder was wirklich zählt 

Im Foyer der Oper Dortmund konnte das Publikum am 23. Mai 2026 die Premiere des Musicals „Coco Superstar“ von Sandra Engelhardt und Martin Maria Schulte erleben – ein partizipatives Projekt unter engagierter Beteiligung der „We Do Opera! – OpernKids“. Die Kinder und Jugendlichen erhielten dabei tatkräftige Unterstützung von den erfahrenen „We Do Opera! – OpernYoungsters“ Jacob Ambrosius, Lilli Bracklow und Sarah Heckner. Carlos Vázquez hatte die musikalische Gesamtleitung inne und begleitete das Geschehen leidenschaftlich live am Klavier. 



Zum Plot: Coco, der neueste Shootingstar am Casting-Himmel, gibt ein Konzert in der Stadt! Die Aufregung innerhalb der Schulgemeinschaft ist riesig. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, bietet Cocos Manager einer einzigen Person die Chance, den Star vor der Show backstage zu treffen. Für die Direktorin steht fest: Nur die oder der Beste kommt dafür infrage. Es entbrennt ein heftiger Wettstreit zwischen vier Gruppierungen: den Liebhabern der Naturwissenschaften, des Sports, der Sprachen und der Künste. Während die Direktorin derweil verblassten Träumen hinterherhängt, ist der Hausmeister irgendwie immer genau im richtigen Moment zur Stelle… 

Programmzettel der Premiere von: Coco Superstar.
Programmzettel der Premiere von: Coco Superstar.

Mit spürbarem Enthusiasmus und starkem Einsatz vertraten die OpernKids die Interessen ihrer jeweiligen Rollen. Das Stück beleuchtet dabei kritisch den überzogenen Hype um sogenannte „Superstars“ und den Wunsch vieler Jugendlicher, ebenso erfolgreich und beliebt zu sein. Eine Schülerin fühlt sich beispielsweise als Außenseiterin, weil sie vermeintlich „keine besonderen Talente“ besitzt. Am Ende zeigt das Musical, worauf es wirklich ankommt: jungen Menschen Raum für die Entfaltung ihrer eigenen Persönlichkeit zu geben. Dazu gehört untrennbar auch der gegenseitige Respekt vor den Beiträgen und Leistungen anderer. 

Man darf gespannt sein, wohin der Weg die talentierten OpernKids in Zukunft noch führen wird. 

Weitere Vorstellungstermine: 

So. 07.06.2026 & So. 21.06.2026 (jeweils um 11:15 Uhr im Rahmen des „Beyond Opera 26“-Festes 




Frühlingserwachen – Eine Generation auf der Suche

Am 08.05.2026 – genau 81 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft – fand in den Räumen des Kinder- und Jugendtheaters Dortmund die Premiere der Jugendclubproduktion „Frühlingserwachen“, frei nach Frank Wedekinds Drama (1891), statt. Dreizehn Heranwachsende des KJT-Jugendclubs setzten sich mit der (leider) zeitlosen Aktualität des gesellschaftskritischen Dramas auseinander. 



Die wilhelminische Kaiserzeit war durch die Forderung nach Gehorsam, strenge Moralvorstellungen und die Unterdrückung der Selbstentfaltung geprägt. Dies bildete eine bedeutende Grundlage für die spätere Macht des Nationalsozialismus. Wie sieht es für die Jugendlichen heute, in einer Zeit voller diverser Bedrohungen und Unsicherheiten, aus? 

Das Bühnenbild veranschaulichte durch eine Gitterwand die Trennung und den Abstand zwischen den drei unterschiedlichen Elternteilen und den Heranwachsenden. Die junge Generation konnte auf verschieden hohen Podesttreppen in vielfältigen Konstellationen agieren. Mit humorvoller Ironie wurden drei Erziehungsstile und ihre Wirkungen gegenübergestellt: 

v.l.n.r.: Fee Helen Hützen, Julian Goecke, Aylin Soylu, Lasse Weber, Selin Kartalmis, Vivienne Kalcher, Charlie Lutomski, Daria Deuter, Lucca Mitchell, Lea Sommer, Julia Hartmann. Foto ©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Fee Helen Hützen, Julian Goecke, Aylin Soylu, Lasse Weber, Selin Kartalmis, Vivienne Kalcher, Charlie Lutomski, Daria Deuter, Lucca Mitchell, Lea Sommer, Julia Hartmann. Foto: ©Birgit Hupfeld

Wendla Bergmann wird von ihrer „Helikoptermutter“ angstvoll kontrolliert, um sie vor schlechten Erfahrungen (besonders auch im sexuellen Bereich) zu bewahren. Das hindert sie jedoch daran, sich zu einem selbstbewussten und eigenständigen Menschen zu entwickeln, der lernt, sich mutig den Herausforderungen der Welt zu stellen. In dieser Inszenierung zeigt sich Wendla (im Gegensatz zu Wedekinds Original) jedoch stark. 

Melchior Gabor ist der liberal erzogene, sozialpolitisch engagierte und aufgeklärte Sohn einer Flower-Power-Mutter. Mit ihrem antiautoritären Erziehungsstil lässt sie ihm zwar Entfaltungsraum, bietet aber keinen Halt und übernimmt keine Verantwortung. 

Mona Stiefel (bei Wedekind „Moritz“) leidet unter dem strengen Leistungsanspruch des alleinerziehenden, am Ende gewalttätigen Vaters und zerbricht daran. 

Die jeweiligen Gefühlslagen wurden mit gekonnt eingesetzten musikalischen Einspielungen und Choreografien vermittelt. 

Die Heranwachsenden wollen mit ihren Gefühlen und ihrem Denken ernst genommen und gesehen werden. Sie sind mit den körperlichen, psychischen und sozialen Herausforderungen der Pubertät sowie ihrer sexuellen Orientierungssuche konfrontiert. Dazu kommen die gesellschaftlichen Erwartungen in einer komplexen und in vieler Hinsicht unsicheren Zeit. 

Eine eindrucksvolle und engagierte Jugendproduktion. Im Rahmen des Festivals UnruhR gibt es am 14.05.2026 einen weiteren Vorstellungstermin! 




Junge Wilde mit Julia Hagen & dem Hagen Quartett 

Im Dortmunder Konzerthaus fand am 30.04.2026 ein besonderes Streicherkonzert mit der renommierten jungen Cellistin Julia Hagen aus Salzburg und dem Hagen Quartett statt. Julia Hagen brachte an diesem Abend gleich einen Großteil ihrer musikalischen Familie mit in den Konzertsaal. 



Ihre Tante Veronika Hagen (Viola), ihr Vater Clemens Hagen (Violoncello), ihr Onkel Lukas Hagen (Violine) sowie Rainer Schmidt (Violine) bilden schon seit vier Jahrzehnten ein erfolgreiches Streichquartett und beenden in diesem Jahr ihre lange Karriere. Sie sind ein Vorbild für viele junge Streichquartette. 

Zu Beginn stellte Julia Hagen ihr Einfühlungsvermögen und technisches Können bei der anspruchsvollen Suite für Violoncello solo Nr. 1 G-Dur BWV 1007 (ca. 1720) von Johann Sebastian Bach (1685–1750) unter Beweis. Sehr ausdrucksvoll bringt schon das Prélude das Klangspektrum des Cellos zur Geltung. Eine Besonderheit ist die plötzliche Unterbrechung in der Mitte des Satzes. Komplexe harmonische Wechsel sind zudem auch bei den folgenden Tanzsätzen eine Herausforderung für jeden Cellisten. 

Der Programmflyer für das Konzert von Julia Hagen
Der Programmflyer für das Konzert von Julia Hagen

Liebenswürdig und anmutig erklingt das folgende Streichertrio B-Dur D 471 (1816) von Franz Schubert (1797–1828). Das einleitende Allegro moderato in Sonatenform wird ganz von einem an Mozart erinnernden Hauptthema der Violine beherrscht. Mit seinem lieblichen Violinthema berührt das Andante. Ein wunderbares Zusammenspiel des Trios. 

Als Kontrast stand danach der „Langsame Satz“ für Streichquartett (1905) von Anton Webern (1883–1945) auf dem Programm. Deutlich vom Einfluss seines Lehrers Arnold Schönberg geprägt, werden hier an der Schwelle zum 20. Jahrhundert immer gewagtere Harmonien (Dissonanzen) und opulente Klangfarben hörbar. Melodien, die fast wie ein gesprochener Satz wirken, werden durch stetige Tempowechsel gekennzeichnet. 

Nach der Pause wurde von allen fünf Instrumentalkünstlern das kammermusikalische Spätwerk „Streichquintett C-Dur D 956“ (1828) von Franz Schubert dargeboten. Nach einem langen ersten Satz folgt das bekannte Adagio mit seiner dreiteiligen Liedform A-B-A. Trotz seines stürmischen Mittelteils überwiegt der elegisch-gefühlvolle Charakter. Auf ein rasantes Scherzo folgt am Ende ein lebhaft-feuriges Rondo. 

Eine starke Ausdruckskraft der Streichinstrumente, gepaart mit der technischen Klasse der Interpreten.




Fülle im Supermarkt

Super – der Markt für alle im Kinder- und Jugendtheater Dortmund

Die Bühne ist voll. Regale mit Verpackungen, eine Auslage für Gemüse, Supermarktkasse, Pfandautomat und das ganze Equipment der Live-Band füllen den Raum. Alles ist am Anfang aber nur diffus zu erkennen, denn noch hat der Markt der Möglichkeiten nicht geöffnet.



Aus dem Off begleitet das Publikum die Stimme von Sina (gespielt von Sar Adina Scheer), die sich beeilen muss, an ihrem ersten Arbeitstag nicht zu spät zu kommen. Sie springt in die volle U- oder Straßenbahn auf der Bühne, die das Ensemble mit wenig Aufwand entstehen lässt. Alles ist unterwegs an diesem Morgen in der Großstadt. Und das erste Lied ist bereits gesungen, denn das Stück ist als Musical angekündigt.

Im Supermarkt geht es direkt in die Vollen, für die Neue bleibt kaum Zeit zum Atmen, alles muss schnell gehen, doch ein zartes Interesse bei einem Kollegen ist geweckt. Wird sich da etwas entwickeln?

Die erste Kundschaft ist da. Ein schlecht gelaunter BVB-Fan auf der Suche nach dem Super-Knüller-Hammer-Sonderangebot. Die gestresste Mutter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Später kommen noch ein Fitnesstrainer, ein erfolgreicher Banker, der Flaschensammler, der gut situierte Privatier, die Rollstuhlfahrerin in den Markt.

Man erfährt ein wenig über die strenge Marktleiterin, ihren Konkurrenten und andere, und man amüsiert sich über die kleinen Finessen wie das „Tüdelit“ der Kassiererin (Bianka Lammert), die ihr eigener Scanner ist. Und die auch ganz wunderbar als Cheerleaderin mit zwei Staubwedeln im Hintergrund agiert.

v.l.n.r.: Bianka Lammert und Jan Westphal. © Lena Liedmann
v.l.n.r.: Bianka Lammert und Jan Westphal. © Lena Liedmann

Für die Choreographien wird der Raum gut genutzt, manchmal ist es ein wenig eng. Aber die Songs machen gute Laune. Und es treten nicht nur die Figuren auf, die im Supermarkt arbeiten oder einkaufen, nein, auch das Gemüse wird lebendig. Wenn der Brokkoli, der Spinat und die Tomate ihre Vorzüge darstellen, macht das Spaß, wobei die Tomatenqueen gewinnt. Sehr kraftvoll hier Anna Reizbikh.

In solchen Szenen kommt die Botschaft vom gesunden Essen locker an, doch manchmal tritt der erhobene Zeigefinger auch arg zutage. Selbst Sina, die ihren Aushilfsjob antritt, stellt sich im Verlauf als Ökotrophologin, als Expertin für Ernährung und Haushaltswissenschaften, vor. Am stärksten zeigt sich dies jedoch in einem kurzen Block zum Fleischkonsum, der auch direkt als Infoteil angekündigt wird. Zwar werden unter anderem ein paar Quizfragen gestellt, die auflockern sollen, aber die Sequenz stört den Fluss des Stückes und wird durchaus drastisch geschildert. Die Botschaft ließe sich sicherlich auch anders vermitteln.

Wohingegen zur Raucherpause keine Stellung genommen wird. Da gehörte noch eine kritische Anmerkung hin, wenn man nicht sogar lieber eine Frühstückspause daraus machen sollte. So kommt das Rauchen reichlich positiv herüber.

Musik (Michael Kessler) und Choreographien (Joeri Burger) machen unter der Regie von Andreas Gruhn Freude. Insgesamt muss man feststellen, dass nicht nur die Bühne voll ist, auch in das Stück wurde relativ viel hineingepackt. Eine Fülle an Ideen, Figuren und Botschaften in einer Aneinanderreihung von Monologen, durch die geeilt wird, statt der Erzählung einer Geschichte, der man mehr Raum wünschen würde. Auch der kleine rote Faden der sich andeutenden Liebesgeschichte wird nur sporadisch aufgegriffen und erfährt erst zum Ende hin eine größere Bedeutung. Hier ganz zauberhaft der Tanz mit dem Wischmopp des leidenden jungen Liebenden, gespielt von David Smith.

Weitere Termine im KJT unter www.theaterdo.de




Ein interdisziplinäres Erwachen im Hans A, Dortmund

In der Kooperation zwischen dem kunstbetrieb Dortmund und Dortmund Kreativ präsentiert sich eine Ausstellung, die den Betrachter bereits mit ihrem Titel in eine Welt der Transformation und Bewegung zieht. „Dem Fluss entstiegen“ vereint sechs Positionen aus der Region, die von klassischer Malerei über filigrane Skulpturen bis hin zu generativen Video-Installationen reichen.



Der Titel der Ausstellung, „Dem Fluss entstiegen“, suggeriert zunächst einen Akt der Befreiung oder der Neuentdeckung. Doch blickt man auf die Arbeiten von Udo Unkel und Almut Rybarsch-Tarry, wandelt sich diese Bewegung schnell von einer metaphorischen Wiedergeburt hin zu einer existenziellen Konfrontation. Es geht nicht nur darum, was aus dem Fluss ans Licht tritt, sondern mit welcher Botschaft es uns am Ufer begegnet.

Die künstlerische Vielfalt

Die Ausstellung besticht durch ihre Materialität und den Mut zum Kontrast:

Der Mahner aus dem Abfall: Almut Rybarsch-Tarry setzt mit ihrer lebensgroßen Wassernixe ein beklemmendes Ausrufezeichen. Während die Figur an antike Mythen erinnert, bricht das „Netz voller Müll“ die Romantik radikal. Diese Nixe ist keine ätherische Gestalt mehr; sie ist eine Zeugin des Anthropozäns, die uns unseren eigenen Unrat vor die Füße legt.

Vier der sechs teilnehmenden Künstler:innen: (v.l.n.r.) Ana Maria Avilés Toro, Anne Jannick, Almut Rybarsch-Tarry.

Anke Droste
Vier der sechs teilnehmenden Künstler:innen: (v.l.n.r.) Ana Maria Avilés Toro, Anne Jannick, Almut Rybarsch-Tarry. Anke Droste.

Natur und Abstraktion: Während Anne Jannick und Anke Droste den Blick auf weite Landschaften lenken – mal als fiktive Moorlandschaft, mal als Spiel zwischen Ferne und der Auflösung in abstrakte Farbstrukturen –, bringt Ana Maria Avilés Toro einen „positiv-poetischen Realismus“ ein, der chilenische Einflüsse mit der Ruhrgebiets-Ästhetik verschmilzt.

Existenzielle Formen: Udo Unkel arbeitet sich an der menschlichen Figur ab. Seine Skulpturen, oft hager und asketisch, wirken wie Wanderer zwischen Schmerz und Freiheit.

Moderne Metamorphosen: Brigitte Felician Siebrecht bricht die statische Kunst mit ihrer Video-Klang-Installation „wātar“ auf und führt das Element Wasser direkt in die digitale Moderne.

Fazit

Diese Ausstellung ist ein Parforceritt durch die menschliche Psyche und unsere Beziehung zur Umwelt. Die Kombination aus literarischer Referenz und ökologischem Statement macht „Dem Fluss entstiegen“ zu einem Pflichttermin für alle, die Kunst nicht nur sehen, sondern verstehen wollen.

Wer Lust auf eine intellektuelle Abkühlung und visuelle Tiefe hat, sollte den Weg in die Hansastraße finden.

Wann: 4. April bis 29. April 2026

Wo: Hans A, Hansastraße 6-10, Dortmund

Öffnungszeiten:

Do/Fr: 17:00 – 20:00 Uhr

Sa: 11:00 – 14:00 Uhr

So: 11:00 – 15:00 Uhr

Ein Besuch ist wie ein tiefes Luftholen nach einem langen Tauchgang – erfrischend und klärend.




„Next of Kin!“ – Wenn das Netzwerk zur Kunst wird

Das Künstler*innenhaus Dortmund präsentiert mit „Next of Kin!“ eine Werkschau, die tief in die eigene DNA blickt. Es geht um die „KiNs“ – jene Künstler:innen im Netzwerk, die das Haus über Jahre hinweg geprägt und mitgestaltet haben. Dass diese Gemeinschaft keine bloße Formsache ist, wurde bereits beim Pressetermin deutlich: Maja Siepmann, eine der beiden Kuratorinnen, führte persönlich durch die Räume und erläuterte die feinen Fäden, welche die unterschiedlichen Positionen miteinander verknüpfen.



Die Ausstellung versteht sich dabei keineswegs als nostalgischer Rückblick, sondern als lebendige „Setzung in die Gegenwart“. In einem offenen Dialog treten unterschiedliche Medien und Haltungen zueinander in Beziehung und zeichnen das Bild einer lokalen Szene, die von gegenseitiger Unterstützung getragen wird.

Die Positionen im Überblick

Jede der 14 gezeigten Positionen bringt eine ganz eigene Qualität in dieses Netzwerk ein und formt ein vielschichtiges künstlerisches Panorama. So erkundet Patrick Borchers medienübergreifend situative Übergänge zwischen figürlicher Geste und konkretem Raum, während sich Marc Bühren in seinen raumgreifenden, audiovisuellen Installationen intensiv mit den Fragestellungen des Anthropozäns auseinandersetzt. Andreas Drewer reflektiert in seinen experimentellen Videos über Bewegung, Klang und die Wahrnehmung urbaner Räume, was korrespondiert mit der intermedialen Praxis von Tina Dunkel, die die Bedingtheiten von Medien, Sprache und räumlichen Situationen untersucht.

Das Plakat zur Ausstellung illustrierte Lea Srzamek
Das Plakat zur Ausstellung illustrierte Lea Srzamek

Einen poetischen Akzent setzt Etta Gerdes, die, bekannt für ihre Arbeit mit Raum und Zeit, hier eine Videoarbeit über das langsame Vergehen von Blumen zeigt. Demgegenüber gilt das künstlerische Interesse von Silvia Liebig den zugrunde liegenden Strukturen des Lebens, die sie mittels Zeichnung und Collage erforscht, während Dagmar Lippok konzeptuelle Arbeiten zwischen Installation und Objekt schafft, die oft Formen von Identität und Erinnerung thematisieren. In der Druckgrafik nutzt Paola Manzur für ihre Serie „Plastiktüte“ manuelle Manipulationen, um organische Formen zu übertragen, während Babette Martini in ihren skulpturalen Tonarbeiten körperliche Präsenz, Verletzlichkeit und Materialität unmittelbar sichtbar macht.

Ulrike Rutschmann verhandelt in ihren Werken das spannungsvolle Verhältnis zwischen Gegenständlichkeit und einer eigensinnigen Bildlogik, wohingegen Corinna Schnitt mit präzisen Inszenierungen alltägliche Szenen humorvoll aufbricht und soziale Rollen hinterfragt. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Zusammenspiel von Material und Raum zeichnet die oft ausgezeichnete Praxis von Adriane Wachholz aus. Ergänzt wird dieses Spektrum durch Denise Winter, die Landschaften und Architektur in präzise strukturierte, geometrische Formen und modulare Bildsysteme überführt, sowie durch Marco Wittkowski, der als Dokumentarfotograf den fortwährenden Transformationsprozess im Dortmunder Hafenquartier festhält.

Alle teilnehmenden Künstler:innen

Patrick Borchers | Marc Bühren | Andreas Drewer | Tina Dunkel | Etta Gerdes | Silvia Liebig | Dagmar Lippok | Paola Manzur | Babette Martini | Ulrike Rutschmann | Corinna Schnitt | Adriane Wachholz | Denise Winter | Marco Wittkowski.

Wichtige Informationen: * Ausstellungszeitraum: 28. März bis 3. Mai 2026. * Ort: Künstlerinnenhaus Dortmund, Sunderweg 1, 44147 Dortmund. Öffnungszeiten: Do – So, 16.00 – 19.00 Uhr. * Eintritt: Frei.

„Next of Kin!“ ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Kunst dort am stärksten ist, wo sie sich in einem lebendigen Kontext aus Austausch und Engagement entfalten kann.




Zwischen Sein und Scheitern – „Oder Nicht Sein?“ dekonstruiert Hamlet und die Theaterwelt

Das Dortmunder Schauspielkollektiv Inbetween wagt sich mit seiner Produktion „Oder Nicht Sein?“ am 26. März 2026 an einen doppelten Kraftakt: Die Auseinandersetzung mit Shakespeares Hamlet und gleichzeitig die kritische Selbstreflexion der eigenen Theaterarbeit. Als „Ein Stück über ein Stück“ angekündigt, seziert die Aufführung gekonnt die traditionellen Machtgefälle der Bühnenwelt und stellt die Frage, wie Kunst eigentlich entsteht – und wer das Sagen hat.



Der Kampf gegen das Regie-Diktat Die zentrale Aussage des Abends trifft einen wunden Punkt des klassischen Theaterbetriebs: das immense Machtgefälle zwischen Regie und Ensemble. Anstatt sich einem allmächtigen Regisseur unterzuordnen, setzt das Schauspielkollektiv auf Gleichberechtigung. Doch genau hier entfaltet sich die eigentliche Tragödie der Inszenierung. Das Stück zeigt authentisch und glaubhaft die Tücken dieser demokratischen Utopie. Wie fokussiert man ein so großes Ensemble auf ein gemeinsames Ziel, wenn die individuellen Interpretationen auseinandergehen?

Diskussionen darüber, ob der Stoff feministischer sein müsste oder ob das nächste Stück zwingend von einer Autorin stammen sollte, machen die Probenrealität greifbar. Das vermeintliche „Scheitern“ ist hier kein führungsloses Chaos auf der Bühne, sondern vielmehr die spürbare Enttäuschung darüber, dass selbst ein Kollektiv Kompromisse machen muss und nicht jede individuelle Vision transportieren kann.

Hamlet: Die Hochzeit von Claudius. Zu sehen ist ein Teil des Ensembles. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Hamlet: Die Hochzeit von Claudius. Zu sehen ist ein Teil des Ensembles. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Zwei Hamlets und die Grenzen des Kollektivs Die Spannung zwischen der Gruppe und dem Individuum wird schauspielerisch stark umgesetzt. Sinnbildlich für die internen Reibungen stehen die zwei Hamlets auf der Bühne – eine kluge Lösung für den Umstand, dass sich offenbar zwei Personen für die Rolle beworben hatten. Fragen wie „Welche Rolle habe ich im Kollektiv?“ und der Umgang mit Zurücksetzung werden intensiv verhandelt. Obwohl die Gruppe als energetische Einheit im Vordergrund steht, bricht sich der Frust über den Verlust der eigenen Individualität immer wieder Bahn – am prägnantesten durch den aus dem Off gerufenen Satz: „Ich hasse das Kollektiv!“.

Klassiker im modernen Gewand Trotz des ständigen Wechsels zwischen Aufführungs- und Probenrealität verliert der Abend nie seinen roten Faden, was für eine starke Leistung der Dramaturgiegruppe spricht. Die Übergänge sind meist fließend gestaltet, werden aber durch gezielte, abrupte Einwürfe aus dem Off oder einen lockeren Impro-Teil gegen Ende erfrischend aufgebrochen. Shakespeares Originalwerk bleibt dabei erstaunlich präsent und gut erkennbar, auch wenn die Sprache punktuell und passend in ein jugendnäheres Gewand gehüllt wurde.

Pragmatismus statt Pomp Optisch vertraut die Ausstattung auf Pragmatismus. Auf ein überladenes Meta-Bühnenbild oder aufwendige Requisiten wird bewusst verzichtet. Vereinzelte prägnante Elemente, wie die Krone für den Darsteller des Claudius, und einige schöne Kostüme genügen völlig, um die Ebenen voneinander abzugrenzen und den Fokus auf dem Zwischenmenschlichen zu belassen.

Fazit „Oder Nicht Sein?“ ist ein ehrlicher und mutiger Blick in den Maschinenraum des Theaters. Dem Schauspielkollektiv Inbetween gelingt es, den klassischen Hamlet-Stoff zu ehren und ihn gleichzeitig als Projektionsfläche für hochaktuelle Debatten über Macht, Ego und Teamwork zu nutzen. Ein starker Abend, der zeigt: Das Ringen um den Konsens ist vielleicht anstrengend, aber auf der Bühne absolut sehenswert.




Zwischen Mythos und Comic-Held: Grandvals „Mazeppa“ in Dortmund

Mit der deutschen Erstaufführung von Mazeppa ist der Oper Dortmund ein echter Coup gelungen. Das Werk stammt aus der Feder von Clémence de Grandval (1828–1907), einer der produktivsten Komponistinnen ihrer Zeit. Dass sie ihre Opern oft unter Pseudonymen veröffentlichen musste und von Kritikern trotz ihres Talents oft als „Amateurin“ herabgestuft wurde, macht diese späte Würdigung ihres handwerklich brillanten Fünfakters umso bedeutender.



Vom Held zum Verräter: Der historische Kern

Die Oper greift den Mythos um Ivan Mazepa (1639–1709) auf, jene schillernde historische Figur, die heute als ukrainischer Nationalheld verehrt wird. Die Legende seiner Jugend – er soll wegen eines Ehebruchs nackt auf ein Wildpferd gebunden und in die Steppe gejagt worden sein – bildet den furiosen Auftakt der Oper. Doch de Grandval und ihr Regisseur Martin G. Berger blicken tiefer: Es geht um den Mann, der zwischen den Fronten lavierte und schließlich vom glühenden Hoffnungsträger zum ausgestoßenen Verräter wurde.

Die Inszenierung: Treppensturz statt Historienschinken

Regisseur Martin G. Berger verzichtet konsequent auf historischen Pomp. Das zentrale Bühnenelement ist eine karge, aber wirkungsvolle Treppenlandschaft. Diese „Himmelsleiter“ dient als Symbol für den rasanten Aufstieg und den unvermeidlichen Fall.

Mandla Mndebele, Anna Sohn, Artyom Wasnetsov, Sungho Kim, Opernchor Theater Dortmund
Foto: (c) Björn Hickmann
Mandla Mndebele, Anna Sohn, Artyom Wasnetsov, Sungho Kim, Opernchor Theater Dortmund
Foto: (c) Björn Hickmann

Besonders spannend ist die visuelle Ebene: In Video-Sequenzen wird Mazeppa als Comic-Held im Stil moderner Blockbuster überzeichnet. Diese Ästhetik macht Mazeppa zu einer fast künstlichen Ikone – ein „Superheld“, dessen Fassade bröckelt, je mehr die politische Realität ihn einholt. Dieser „Netflix-Rhythmus“ sorgt für ein hohes Tempo, das die fünf Akte wie im Flug vergehen lässt.

Musikalische Romantik und sängerische Glanzlichter

Unter der Leitung von Jordan de Souza entfaltet die Partitur eine Wucht, die weit über das Jahr 1892 hinausweist.

Der cineastische Klang des Abends wurde maßgeblich von den Dortmunder Philharmonikern getragen, die unter der Leitung von Jordan de Souza in einem betont warmen, romantischen Stil schwelgten. Dabei verliehen besonders die geschickt eingewobenen russischen Volksweisen der Partitur eine atmosphärische Tiefe. Inmitten dieser orchestralen Pracht präsentierte sich Mandla Mndebele in der Titelpartie als die personifizierte Zerrissenheit – gleichermaßen charismatisch in seinem rasanten Aufstieg wie erschütternd in seinem tiefen Fall. Ihm gegenüber bildete Anna Sohn als Matréna das emotionale Zentrum des Abends; vor allem ihre bewegende Wahnsinnsszene im Finale markierte einen sängerischen Höhepunkt, der das Publikum zutiefst berührte. Flankiert wurde das Paar von Gegenspielern, die das Drama stimmlich zuspitzten: Während Sungho Kim als Iskra mit einem schneidenden Tenor überzeugte, dessen Warnungen vor dem Fremden tragisch ungehört verhallten, machte Artyom Wasnetsov als Kotchoubey die verzweifelte Ohnmacht eines Vaters mit seinem profunden Bass unmittelbar fühlbar.

Die Oper Dortmund zeigt, dass Clémence de Grandval eine Meisterin der Dramaturgie war. Ihr Mazeppa ist kein verstaubtes Relikt, sondern durch Bergers kluge Abstraktion und die Comic-Ästhetik eine hochaktuelle Parabel über die Zerbrechlichkeit von Macht. Ein Pflichttermin für alle, die große Oper im modernen Gewand erleben wollen.




Eine Zeitreise in Form und Farbe: „Grafik aus Dortmund – RE-VISION“

Das Kulturzentrum balou in Dortmund wird derzeit zum Schaufenster von sieben Jahrzehnten lokaler Kunstgeschichte. Anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der „Dortmunder Gruppe“ und des „Westfälischen Künstlerbundes Dortmund“ präsentiert die hauseigene Galerie die Ausstellung „Grafik aus Dortmund – Ein Rückblick – Ein Versprechen“.

Das Konzept der Retrospektive mit dem Titel „RE-VISION“ ist ebenso klug wie historisch reizvoll: Gezeigt wird eine kuratierte Auswahl von Kalenderblättern der Künstlerinnen und Künstler beider Vereinigungen, die von den Anfängen bis ins Jahr 2023 reicht. Dieser traditionsreiche, vom Kulturbüro und der Sparkasse Dortmund unterstützte Wettbewerb, zeigt hier gebündelt seine Früchte.

Ein Blick in die hellen, mit edlem Fischgrätparkett ausgestatteten Räumlichkeiten der galerie balou offenbart eine überaus ansprechende Präsentation. Die dichte, aber sehr aufgeräumte Hängung der Werke in einheitlichen, hellen Holzrahmen sorgt für eine ruhige Grundstruktur. So wird der Fokus der Betrachter gekonnt auf das Wesentliche gelenkt: die immense grafische und technische Vielfalt der Blätter.

Kalenderblätter aus vergangenen Zeiten sind im Balou zu sehen.
Kalenderblätter aus vergangenen Zeiten sind im Balou zu sehen.

Die ausgestellten Motive sind so facettenreich wie die Kunstszene selbst. Der Rundgang bietet eine visuell spannende Mischung: Man entdeckt streng geometrische, abstrakte Farbkompositionen neben feinen, fast surreal anmutenden Zeichnungen (wie etwa schwebende Figuren oder Tiermotive). Andere Werke arbeiten stark mit Typografie, pop-kulturellen Elementen, lokalkolorierten Motiven (z.B. der Schriftzug „NRW“ oder „RUHR 2010“) und expressiven Collage-Techniken. Die Farbpalette reicht dabei von reduzierten Schwarz-Weiß-Kontrasten bis hin zu leuchtenden, kräftigen Farbräumen.