Erste Male mit „Wow-Faktor“ – 1. Philharmonisches Konzert in der Spielzeit 25/26

„Wow“, entfährt es der Dame neben mir. Das ganze Publikum sieht es offenbar genauso, denn die Pause verzögert sich um wenige Minuten. „Sehr schön, meine Güte“, seufzt man noch auf dem Weg zu Wasser, Bier und Sekt.

Diese Begeisterung löst das Violoncellokonzert Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch (1906 – 1975) aus, das der Solist Maximilian Hornung meisterhaft mit den Dortmunder Philharmonikern zu Gehör bringt. Mit reduzierter Besetzung kommt der Klang des Cellos voll zur Geltung. Es ist kein himmelhochjauchzendes Stück, vielmehr wechseln aufwühlende Sequenzen mit deutlich längeren, sehr leisen Passagen, in denen man manchmal das Gefühl hat, eine Stecknadel auch noch fallen hören können zu müssen. Es erfordert volle Konzentration des Cellisten und des Publikums, das sich der Herausforderung gern stellt und die Leistung letztlich mit Standing Ovations belohnt.

Auf der Bühne liegen sich Solist und Dirigent in den Armen. Sicherlich beseelt von dem Musikstück und eben auch von der Reaktion des Publikums. Dem Dirigenten kann man vermutlich auch eine gewisse Erleichterung unterstellen, denn es ist das erste Philharmonische Konzert unter der Leitung des frisch angetretenen Generalmusikdirektors Jordan de Souza. Zwar hatte er seine Feuertaufe in Dortmund bereits mit Mozarts „Die Hochzeit des Figaros“ bestanden, doch dieses Konzert lag gänzlich in seiner Verantwortung.

das Cello war das Soloinstrument des 1, Philharmonischen Konzertes in der neuen Spielzeit. (Foto: (c) aischmidt / pixabay)
das Cello war das Soloinstrument des 1, Philharmonischen Konzertes in der neuen Spielzeit. (Foto: (c) aischmidt / pixabay)

Dem Anlass entsprechend illuster das Publikum, Teile des Kulturausschusses sind vor Ort, der künftige Oberbürgermeister Kalouti mischt sich unter die Gäste, aber auch der ehemalige Oberbürgermeister Dr. Gerhard Langemeyer ist zu sehen.

Kulturdezernent Jörg Stüdemann führt zu Anfang launig ein, bevor die Bühne ganz den Musikerinnen und Musikern gehört.

Vor dem ersten Violoncellokonzert von Schostakowitsch steht an diesem Abend die erste Sinfonie von Joseph Haydn (1732 – 1809) auf dem Programm, die dieser kaum fünfundzwanzigjährig mit jugendlichem Schwung schrieb. In der kleinen Umbaupause wendet sich de Souza ans Publikum, ein mit siebenunddreißig Jahren ebenfalls noch junger Mann, der im Vorfeld seines Engagements in Dortmund sich als Architekt sah, wie er es formulierte, und etwas aufbauen wollte. Dann, nach seinen Besuchen hier, aber feststellen konnte, dass es in Dortmund bereits viel gibt und er sich daher mehr als Gärtner verstehe, der an den richtigen Stellen gießt, hegt und pflegt. Eine sehr sympathische Haltung.

Nach der Pause setzen sich die ersten Male mit der ersten Sinfonie von Gustav Mahler (1860 – 1911) fort, der im Gegensatz zu Haydn, zu dessen Ära die Sinfonie als Musikstück noch nicht gefestigt war, nun mit oder gegen hundert Jahre Sinfonie und entsprechenden Erwartungen arbeiten musste. So hat er denn auch mehrere Jahre immer wieder an ihr geschrieben, letztlich selbst nach den ersten Aufführungen noch verändert und gar einen ganzen Satz verworfen.

Herausgekommen ist ein grandioses Musikstück, wunderbar gespielt vom vollbesetzten Dortmunder Philharmonischen Orchester mit seinem gut aufgelegten Generalmusikdirektor de Souza, dem bei seiner Hinwendung zum Publikum die Schweißperlen nach getaner Arbeit auf der Stirn stehen und dessen Gesicht vor Glück ebenso strahlt wie das Publikum, das mit den Standing Ovations mit rhythmischem Klatschen am Ende des Abends der Leistung des Orchesters huldigt.

Mit einer kleinen, aber aussagekräftigen Geste zum Notenbuch gibt de Souza den Applaus und Dank auch an Gustav Mahler weiter.

Hervorragende erste Male an diesem Abend mit „Wow-Faktor“, die natürlich Erwartungen für die kommenden Konzerte wecken. Das zweite Philharmonische Konzert folgt bereits Ende des Monats, am 28. und 29. Oktober, mit der Johannes-Passion von Bach.

 

Infos und Karten unter www.theaterdo.de

 




„Die Sonne tönt“ – Goethe ganz persönlich. Andreas Weißert im Studio des Schauspielhauses

„Die Sonne tönt“. Ob das die beiden Sonnenblumen, die von Scheinwerfern hervorgehoben die Bühne flankieren, auch wissen? Der Saal ist jedenfalls erfüllt von erwartungsvoller Stille, in die die Stimme des Schauspielers und ehemaligen Dortmunder Theaterdirektors Andreas Weißert tönt.

Goethes Werke erklingen, Lyrik, Prosa, Drama. Eingebettet in Informationen zu Goethes Werdegang und Bezügen zum Leben des Vortragenden. Wir erfahren, dass zu allen Geburtstagen in der Familie Weißert schon vor achtzig Jahren Gedichte und Lieder dazugehörten. Und bei der entsprechend großen Familie gab es im Jahreslauf viel zu feiern, zu rezitieren und zu singen. So entstand beim Vortragenden schon früh eine besondere Beziehung zu Goethes Werken, die bis heute hält.

Und anstatt eines „Dinners for One“ kann sich der Schauspieler an diesem Abend mit einer „Lesung für Hundert“ selbst beschenken. Ein Geschenk, das sich wunderbar teilen lässt. Und so kann das Publikum im ausverkauften Studio des Schauspielhauses dem Sphärenklang des Universums lauschen, den Goethe bei Pythagoras entlehnte, über das Jenseits nachdenken – und wem man dort nicht begegnen möchte, denn der „Langeweile würde kein Ende nehmen“.

Wir erfahren, dass man als Regisseur vor Proben viel beten muss. Und das hat sich in den Jahrhunderten auch nicht geändert. Doch ängstliches Klagen wendet kein Elend. Amüsiert erfahren wir von einem Theaterdirektor, der zu gern selbst einsprang, um die Aufführung zu „retten“, falls jemand erkrankte, aber auch einfach jede Gelegenheit nutzte, wieder auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zu kommen.

Und da tobt Andreas Weißert sich an diesem Abend weiter aus. Zwar sind auf der Bühne nur ein Tisch und ein Stuhl vorgesehen, dekoriert mit den beiden weit entfernten Sonnenblumen, doch bei verschiedenen Rezitationen hält es den Schauspieler nicht auf dem Stuhl. Er dirigiert ein Gedicht mit Taktstock, nutzt eine Ukulele als Requisit und springt beinahe auch auf den Stuhl. Ein riskantes Unterfangen, aber wie viel riskanter ist es, wenn der Zauberlehrling die Gewalten entfesselt, die er nicht mehr im Zaum halten kann?

Andreas Weißert  - Geburtstag mit Goethe. (Foto: Martina Bracke)
Andreas Weißert – Geburtstag mit Goethe. (Foto: Martina Bracke)

„Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, wird‘ ich nun nicht los.“

Auf der Bühne geht es glimpflich aus, der Meister kommt und der Flut wird Einhalt geboten. Im wirklichen Leben ist es nicht immer so einfach. Weißert empfindet, dass der Zauberlehrling zum Normalfall geworden sei. Die Frage bleibt offen, wer denn dann die Welt rettet.

Aber an diesem Abend erfreuen wir uns weiterhin an den meisterlich vorgetragenen Werken Goethes, an Sequenzen aus dem Werther, der Harzreise im Winter und aus der Urfassung zum Wilhelm Meister, bevor der Schauspieler auch zu dramatischen Partien aus dem Egmont und der Iphigenie übergeht.

Goethe wird gefeiert von Andreas Weißert an diesem Abend, ebenso wie Andreas Weißert von seinem Publikum gefeiert wird. Darüber hinaus lässt es sich die aktuelle Schauspieldirektorin am Theater Dortmund, Julia Wissert, nicht nehmen, höchstselbst den Jubilar hochleben zu lassen und einen dicken Blumenstrauß mit Dank zu überreichen.

Eine Zugabe rundet den Abend ab. Der Goethe-Abend ist zu Ende, die Geburtstagsfeier auch, die Sonne muss in den Herzen weitertönen. Doch halt, vielleicht nur bis Silvester. Denn dann kommt Andreas Weißert wieder auf die Bühne, lässt seine Stimme zu einem bunten Strauß aus Werken der Literatur er- und das Jahr ausklingen, auf dass die Sonne auch in das kommende Jahr hineintönt. Bis jetzt ist der Silvesterabend noch nicht im Vorverkauf, deshalb muss man die Augen offenhalten, die Karten werden schnell vergeben sein.

 

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Zähne fletschen im Fletch – die Vampirsaga geht weiter

Anna kann jetzt auch Zähne fletschen!
Aus Anna, die Zahnlose – mit diesem Titel musste sich Anna seit mehr als einhundert Jahren herumärgern – ist Anna, die Mutige geworden. Obwohl sie schon im ersten Teil durchaus stark und mutig war und vor allem verliebt! In Anton, der Zahnarzt werden will – ein Horror für Vampire!

Am Wochenende startete der zweite Teil der Saga vom Kleinen Vampir nach den Büchern von Angela Sommer-Bodenburg auf der Bühne des Theaters Fletch Bizzel. Wer den ersten Teil verpasst hatte, konnte dem zweiten dennoch problemlos folgen, zudem gab es am Anfang eine kurze gespielte Zusammenfassung, in der noch einmal die erste Begegnung von Anton und seinem besten Freund Rüdiger, dem kleinen Vampir, gezeigt wurde.

Die Geschichte beginnt aber diesmal mit dem Besuch von Anna, Rüdigers kleiner Schwester, die ihrem Angebeteten gern ihren Schnuller verehren würde, den sie nun nicht mehr braucht. Ein heikles Geschenk, so ein durchgekauter mindestens hundertjähriger Schnuller. Aber Anna, wieder schön und mit großen Zähnen und Augen gespielt von Freya Erdmann, findet ihr Geschenk toll. Alles eine Frage der Perspektive.

Auch im zweiten Teil vom "Kleinen Vaampir" gehen die Abenteuer von Anton und Rüdiger weiter. (Foto: (c) Fletch Bizzel)
Auch im zweiten Teil vom „Kleinen Vaampir“ gehen die Abenteuer von Anton und Rüdiger weiter. (Foto: (c) Fletch Bizzel)

Anton (Nikke Wächter) lenkt lieber ab und wartet auf Rüdiger (Dzaklin Radojčić), doch der hat wenig Zeit für seinen Freund. Er ist selbst unsterblich verliebt, denn in der Vampirfamilie derer von Schlotterstein gibt es Besuch: Olga von Seifenschwein (Joy Meier), ein hübsches und mit allen Wassern gewaschenes Vampirmädchen, ist samt Sarg in die Gruft gezogen. Wobei man das mit dem Wasser nicht wörtlich nehmen kann – Vampire waschen sich nicht, sie verströmen einen Mufti-eleganti-Parfüm-Müffelgeruch aus, den Antons Mutter sehr seltsam findet. Am liebsten würde sie ihrem Sohn die Freundschaft ausreden, aber da ist sie bei Anton falsch.

Obwohl es diesmal durchaus schwierig wird für alle Beteiligten. Liebe und Eifersucht sorgen für jede Menge Missverständnisse und Zankereien und Action auf der Bühne – wieder musikalisch live untermalt von Dixon Ra.

Apropos Musik:
Es wird auch gesungen und getanzt in diesem Teil. Sehr schön performt vom Ensemble der Kulturbrigaden, zu dem neben den bereits Erwähnten auch Robin Galik gehört sowie diesmal mit kleineren Auftritten Christiane Wilke als Mutter von Anton und Vampirtante Dorothee sowie Rada Radojčić als Vampirbruder Lumpi – und vor allem als der ewige Feind Friedhofswärter Geiermeier, der den einzigen vampirfreien Friedhof Europas anstrebt. Den einzigen? Wie viele Vampire gibt es da draußen?

Auf der Bühne, die mit wenigen wandelbaren Elementen Antons Zimmer, Esszimmer der Familie Bohnsack als auch die Gruft derer von Schlotterstein darstellt, jede Menge. Und sie fühlen sich vampirwohl in Antons Wohnung, die sie zur Partyzone umfunktionieren. Ja, Party feiern die Vampire auch. Sie haben sich dazu, selbstbewusst wie immer, selbst eingeladen. Und sie fletschen durchaus ihre Zähne, beißen aber zum Glück nicht.

Ein bisschen Grusel steckt den Kleineren diesmal in den Knochen, man spürt es. Die Zähne klappern zwar nicht, aber mit verliebten Vampiren ist nicht so gut Kirschen essen. Vor allem, als dann noch kurz ein Blutstropfen bei dem offenbar anziehend riechenden Anton fließt.

Also: herrlich gefährlich im Theater.
Als Publikum warm einpacken und Zähne fletschen üben – falls mal ein Vampir vorbeikommt…

Am Ende gibt es langanhaltenden Applaus und wieder eine Fotosession mit den Heldinnen in ihren wunderschönen Kostümen.

Im Herbst besteht die Gelegenheit, beide Teile zu sehen – und wer weiß?
Es raunt über den Friedhof, dass es noch weitergeht mit Rüdiger, Anton, Anna und Verwandtschaft. Theaterchefin Rada Radojčić ist jedenfalls eingefleischter Fan und hat sogar persönlichen Kontakt zur Autorin.

Termine und mehr unter:
www.fletch-bizzel.de




Ein roter Teppich für Weltmusik: Morekoma

Klangkosmos – Familienkonzert – Klangvokal

Der rote Teppich ist ausgerollt. Frühmorgens im domicil Dortmund. Für Kinder, die auf ihm Platz nehmen können, um ganz nah bei Musikerinnen und Musikern und ihren Instrumenten zu sein, die konsequenterweise auch nicht auf der Bühne, sondern davor spielen. Allerdings sind die meisten im Saal „Kinder mit grauen Haaren“, wie der Moderator und Initiator des multinationalen Ensembles, Percy Yip Tong, feststellt.
Begeistern lassen sich diese erwachsenen Kinder genauso schnell. Sie tauchen ein in die Vielfalt der Musik des südindischen Ozeans. Viele kleine Inselstaaten gehören dazu, auf der Bühne versammeln sich Madagaskar, La Réunion, die Komoren und Mauritius mit etablierten Künstlerinnen und Künstlern – quasi „Indian Ocean All Stars“. Die Gruppe ist speziell für diese kleine Reihe von Konzerten zusammengewachsen.
Und sie nehmen uns mit in den Rhythmus und in die Gesänge. Traditionelles ist im Programm ebenso wie eigene Stücke der Musiker:innen. So präsentiert Christine Salem von der französischen Insel La Réunion, die bereits mit zwölf Jahren komponierte, ihren Song über Nelson Mandela. Sie ist die „Königin der Maloya“, einer inzwischen zum immateriellen Weltkulturerbe gehörenden Musikrichtung des Indischen Ozeans. 2009 aufgenommen von der UNESCO, war der Musikstil doch bis 1981 auf La Réunion verboten. Von Musik der Sklavenarbeiter auf Zuckerrohrplantagen wollte man sich wohl distanzieren. Heute wird sie weiterhin gespielt und immer wieder auch neu interpretiert. Rund dreihundert Ensembles widmen sich ihr.
Es wird in verschiedenen Sprachen gesungen, darunter auch Sanskrit, eine alte indische Sprache. Diesen traditionellen Song präsentiert Sarasvati Mallac mit Herzblut, die auf Mauritius geboren wurde.

Eliasse Ben Joma  von "Morekoma" (Foto: (c) Martina Bracke)
Eliasse Ben Joma von „Morekoma“ (Foto: (c) Martina Bracke)


Die Geschichte der Lieder und ihr Inhalt werden jeweils von den Musikerinnen und Musikern auf Englisch, Französisch und Deutsch vermischt erklärt, ansonsten bleibt einmal mehr Musik die Sprache der Welt.
Aber über Sprache kann man sich auch amüsieren. So sorgt es für Erheiterung, dass ein Instrument „Sense“ heißt, was nichts mit Tod oder dem Schneiden von Heu zu tun hat. Es ist eh nur die Lautsprache, denn man schreibt es wohl eher „Dzendze“.
Dafür lernen wir auch das Wort „Marahaba“. Ein wichtiges Wort, denn es bedeutet „Danke“. Und Danke kann man immer gebrauchen. Aber es geht auch weiter: Dankeschön heißt Marahaba menji. Jedenfalls auf den Komoren, von denen Eliasse Ben Joma stammt, der auch die Dzendze spielt und seit Längerem in Bordeaux in Frankreich lebt. Ein bisschen mokiert er sich zu Beginn über den frühen Start des Konzerts, der für die Stimme nicht besonders förderlich sei, aber sie ist schon beim ersten Ton voll da. Wer weiß, wann er dafür aufgestanden ist.
Besonderen Klang bringt auch Bosco Rakoto aus Madagaskar ins domicil – zum einen über seine voluminöse Stimme, zum anderen über seine Instrumente, die er selbst baut. So spielt er eine Harfe, die aus der Ferne an ein Didgeridoo erinnert; bei näherem Hinsehen sind aber Saiten rund um das Holz angeordnet. Diese stammen von Fahrradbremszügen und klingen doch wie eine Harfe.
Lieder voll Rhythmus, stimmgewaltig, mit viel Gefühl und Hintergrund – auch brennende Wälder und Nachhaltigkeit gehören zu den musikalisch verarbeiteten Themen. Das Publikum swingt mit, singt mit, tanzt am Ende gar auf dem roten Teppich und widmet sich mit viel Interesse und Freude den einzelnen Instrumenten, die auch angefasst werden dürfen.

Das Konzert fand im Rahmen des 17. Dortmunder Klangvokal-Musikfestivals unter der Leitung des an diesem Morgen fröhlich mittanzenden Leiters Torsten Mosgraber in der soundzz-Familienkonzertreihe des domicil mit Unterstützung von Klangkosmos Weltmusik NRW statt.

Mehr unter
www.klangvokal-dortmund.de
www.domicil-dortmund.de




Wenn es Nacht wird im Theater … Der kleine Vampir im Theater Fletch Bizzel

Der Theatersaal ist dunkel. Sehr dunkel. Auf der Bühne ein Bett umrahmt von schwarzroter Dekoration. Auch im Publikum findet sich viel schwarz und rot. Besonders einige Jüngere sehen aus wie kleine Vampire. Ist da nicht ein Blutstropfen am Mundwinkel? Im Dunkel der Bühnennacht fühlen sich alle wohl, denn Vampire mögen bekanntlich kein Sonnenlicht. Vielleicht gruselt’s den einen oder die andere wohlig. Im Bett auf der Bühne liegt auch bereits eine Gestalt mit einem Buch in der Hand. Anton, der gegenüber der Mutter vorgibt, noch Mathe zu lernen, aber sich am liebsten in Dracula-Geschichten vertieft.

Das Fenster lässt er offen, die Nacht ist mild und Mutter ausgegangen. Da schleicht er auf einmal durch das Zimmer, angelockt von dem Duft von Menschenblut! Nein, nicht Dracula. Rüdiger. Immerhin schon stolze einhundertfünfzig Jahre alt. Und obwohl Anton so verführerisch für Rüdiger riecht, werden die beiden Freunde. Das bleibt der Mutter nicht lang verborgen, denn nicht nur, dass Anton (gespielt von Nikke Wächter) jetzt meist unausgeschlafen ist, müffelt es nach den Besuchen von Rüdiger auch gewaltig. Vermutlich hat er sich einhundertfünfzig Jahre nicht gewaschen. Sie hat Rüdiger zwar nicht gesehen, aber sie lädt den neuen Freund ihres Sohnes herzlich ein. Aber auch Rüdiger hat Familie, die Anton besuchen kann. Nicht ganz ungefährlich für ein Menschenkind. Und so gibt es auf der Bühne Versteck- und Verwirrspiele. Was bietet man Vampiren zu essen an? Wie schützt man einen Menschen vor dem Durst der alten Tante? Ganz herrlich überdreht Christiane Wilke in ihrer zweiten Rolle als kurzsichtige Tante.

Es wimmelt auf der Bühne von liebenswerten Charakteren: Aber richtig gruselig wird es durch einen Menschen! Geiermeier. Da erschrecken selbst die hartgesottenen Vampirfans im Publikum. Wenn Geiermeier (gespielt von der Theaterchefin und Regisseurin Rada Radojčić höchstpersönlich) auf der Jagd nach Vampiren ist, gefriert schon fast das Blut in den Adern des Publikums.

Das Ensemble vom "Kleinen Vampir" (Foto: (c) Maretina Bracke)
Das Ensemble vom „Kleinen Vampir“ (Foto: (c) Maretina Bracke)

Dazu trägt auch die musikalische Untermalung von Dixon Ra bei. Live und immer exakt auf die Bewegungen der DarstellerInnen auf der Bühne abgestimmt. Herrlich ihre Mimik, die hin und wieder eingefroren wird, und die das Publikum dann einen Augenblick länger genießen kann. Unterstützt von sorgfältiger Schminke und den liebevollen Kostümen von Anna Hörling verliebt man sich in die skurrilen Charaktere und hofft, dass alles gut ausgeht. Das Ensemble ist gemischt aus zwei professionellen Schauspielerinnen in Doppelrollen, Christiane Wilke als Mutter von Anton und Tante von Rüdiger, Rada Radojčić als Vampirjäger Geiermeier und als Bruder Lumpi. Und den Nachwuchsdarstellerinnen und Darstellern der Kulturbrigaden, die in nichts nachstehen. Präzise, gruselig, liebenswert.

Der lässige Rüdiger (Dzaklin Radojčić), die zahnlose und milchtrinkende Anna mit den großen Augen (Freya Erdmann), der arme Udo (Robin Galik), der herhalten muss, der Mutter etwas vorzuspielen, und der sich heroisch die Törtchen einverleibt, bis ihm übel wird. Selbst der Bühnenumbau auf offener Bühne (Bühnenbild: Klaudia Kappelmann) ein kleines Schauspiel. Zwei Vampire drehen Antons Bett und schon entsteht die Gruft, Tisch und Stühle aus dem Esszimmer verwandeln sich in Grabsteine und an der Wand sind die Särge zu sehen. Immer dabei ein junges Vampirmädchen, das im Stück gar nicht auftaucht. Welch selbstloser Einsatz! Ha, weit gefehlt. Nach einer Stunde Spielzeit gibt es einen Cliffhanger!

Die Geschichte von Anton und Rüdiger und Anna ist längst nicht zu Ende, schließlich gibt es auch rund zwanzig Bücher von Angela Sommer-Bodenburg über das Trio. Und im nächsten Teil geht es um Olga, Rüdigers neue Liebe! In einer kurzen Szene spielt das Ensemble dazu schon einmal einen kurzen Ausblick mit Joy Meier als Olga. Und macht Hunger auf mehr. Kein Blut, kein Törtchen, sondern Theater! Man kann beide Stücke (dramatisiert von Wolf-Dietrich Sprenger) auch einzeln anschauen, die Teile sind in sich abgeschlossen. Am liebsten würde Rada Radojčić eine ganze Serie inszenieren. Eine dritte Folge ist bereits angekündigt. Schöne Aussichten. Aber erst einmal genießt das Ensemble den Zuspruch des Publikums, darunter extra angereiste Mitlieder des offiziellen Kleinen-Vampir-Fanclubs. Und die kleinen und großen Fans die Gelegenheit zum Fotoshooting mit den Helden der Geschichte. Coole Fotos mit echten Vampiren in der nicht mehr ganz so düster-dunklen Kulisse auf der Bühne Und am liebsten mit den Grabsteinen. „Ich liebe die Anna“, seufzt ein kleines Mädchen.

Na, dann freue man sich auf den zweiten Teil, dessen Premiere für den 05. Juli geplant ist. Kinder ab acht, Eltern, Großeltern und junggebliebene Vampirfans. Wenn es dann wieder Nacht wird im Theater … Mehr unter www.fletch-bizzel.de Nächste Vorstellungen: Der kleine Vampir und die große Liebe. 05.07.2025, 19 Uhr, und 06.07., 15 Uhr dann wieder im Herbst




Chaos in der Stadt! f² Fotofestival 2025 #Chaos

Chaos in der Stadt! – Hilfe. Mit so einer Schlagzeile kann man etwas auslösen. Wer nur sie liest, interpretiert – mit seinem eigenen Erfahrungshorizont. Dabei ist es immer gut, einer Sache – oder einer Schlagzeile – einen zweiten Blick zu gönnen. In diesem Fall ist das Chaos gewollt und geordnet inszeniert. „Chaos“ ist das Thema des fünften f² Fotofestivals in Dortmund, dessen Eröffnung am Donnerstag sympathisch chaotisch gestaltet wurde.

Nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler, Studierende der verschiedenen Hochschulen aus Dortmund, Essen, Duisburg sowie der École nationale supérieure de la photographie Arles stellen ihre Werke unter verschiedenen Aspekten des Begriffs „Chaos“ an neun Orten in der Stadt aus.

Das Festival wird durch Kulturdezernent und Stadtkämmerer Jörg Stüdemann eröffnet, der in seinem letzten Jahr im Amt nun seine Auftritte wohl oder übel als Abschiedstournee begreifen muss. Jedenfalls wehrt er das Lob der Geschäftsführerin des Depot e. V., Claudia Schenk, für mehr als zwanzig Jahre des Wirkens in der Stadt erst einmal vehement gestisch ab, bevor er lieber mit einem Blick auf die „maskulinen … Selbstinszenierungen“ derzeit in der Welt und ihre chaotischen Anmutungen startet. Und einem Zitat eines berühmten Menschen, wie sich das für eine ordentliche Eröffnungsrede gehört. In diesem Fall Nietzsche: „Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“

Oder, wie es ein Professor der beteiligten Hochschulen im Anschluss formuliert: Man könne das Chaos dystopisch lesen oder auch optimistisch.
Die vielen jungen Menschen in der großen Halle des Depots erscheinen überwiegend optimistisch, freuen sich über einen gelungenen Abend, verteilen sich locker in Grüppchen im ganzen Depot, lachen, tauschen sich aus, probieren aus – denn es gibt viel zu entdecken und mehr als „nur“ Fotos.

Blick in die Ausstellungshalle im Depot. (Foto: (c) Martina Bracke)
Blick in die Ausstellungshalle im Depot. (Foto: (c) Martina Bracke)

Zwei Ausstellungen des Festivals werden an diesem Abend mit eröffnet: zum einen „NEW DYNAMICS – Transforming Diversity“. Gleich am Anfang eine Spiegelinstallation, in der das Publikum sich unter verschiedenen Aspekten selbst sehen kann. Oder malerisch überarbeitete Fotografien auf Glas. Oder das Video „In the chase find your breath“ von Andrews Siaw Nubuor über Bewegung einer Stadt und Bewegung in einer Stadt auf einer Skateboardfahrt.
Es geht um das „Spannungsverhältnis von Chaos und Ordnung im Kontext von Migration und kultureller Identität“ in dieser Ausstellung. Migration zeigt sich zum Beispiel in Fotos aus dem überfüllten Flüchtlingslager auf Lesbos. Kulturelle Identität kann sich auch in „Pastagrammen“ ausdrücken (bei Fotogrammen werden Objekte direkt auf dem zu belichtenden Papier platziert – in diesem Fall also italienische Nudeln).
Die Szenografie, also die Inszenierung der Werke im Raum, in der Halle des Depots, haben Studierende der Universität Dortmund übernommen. Genutzt werden z. B. Bühnenelemente, die dann aber senkrecht platziert sind. Es hat etwas von Baustellencharakter und ist für den einen oder anderen gewöhnungsbedürftig, während manche es auch einfach toll finden.

Faszinierend für alle dagegen der riesige Tisch, an dem man sich seinen Ausstellungskatalog selbst zusammenbasteln kann – faszinierend allerdings eher wegen des herrschenden Chaos’, das noch dadurch verstärkt wird, dass ein Ventilator nicht nur die Luft verwirbelt, sondern auch die einzelnen losen Blätter. Kaum einer nimmt die Gelegenheit wahr, das Material zusammenzustellen. Die Versuche bleiben im Ansatz stecken. Dafür sieht man mehrere Menschen, die lieber dieses Chaos fotografieren – selbst ein etwa neunjähriges Mädchen, das sehr professionell den Haufen wehender Blätter vor die Linse nimmt. So schön das ist, ist es auch schade, dass man doch nichts Vernünftiges über die Werke zum Nachlesen mit nach Hause nehmen kann.

Strukturiert überlastet wird man dagegen mit Material zum Mitnehmen zu der zweiten Ausstellung. Hier nähern sich Studierende der Fachhochschule Dortmund und der École nationale supérieure de la photographie Arles in dreizehn verschiedenen fotografischen Positionen dem Thema „Chaos“. Und so gibt es auch dreizehn verschiedene, kunstvoll gestaltete Poster, gefaltet auf ein handliches quadratisches Format.
Mit dem Titel […] eröffnen sich für die Studierenden alle Möglichkeiten. Man erlebt noch bis Sonntag z. B. die dokumentarischen Fotos zu den „letzten Tagen der Jugend“ von Katharina Kemme, fotografische Umsetzungen durch Agnes Zimmermann von Wahrnehmungs- und Gefühlszuständen („Wonach schmeckt der Donnerstag?“) bis hin zu einer von Jens Erbeck mit KI generierten „Quantenfotografie“.

Insgesamt also ein überbordend gefülltes Fotofestival in der Stadt. Ein gewolltes Chaos, das Dortmund gut zu Gesicht steht und jede Menge Leben bringt. Sehr intensiv an dem Wochenende bis zum 15.06., aber verschiedene Ausstellungen sind auch in geordneter Ruhe noch eine Weile länger zu genießen. Deshalb ist ein Blick ins insgesamt kostenlose Programm unter https://f2-fotofestival.de sehr empfehlenswert.

So gut wie alles als Hilfe unter:
https://f2-fotofestival.de
im Depot, im Künstlerhaus, an der TU, im U, im Superraum, im Rekorder etc.




Berauscht im Kulturtempel

Filmkonzert Charlie Chaplin: Goldrausch

 

Das Licht geht an und man möchte das nicht. Nein, bitte kein Saallicht und bitte nicht hinaus ins Tageslicht. Dabei ist das Wetter draußen deutlich besser als im Film.
Eine lange Schlange von Goldsuchern kämpft sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts durch Schnee und Sturm in Alaska. Wir sehen „Goldrausch“, der im Juni 1925 in Los Angeles uraufgeführt wurde. Von Charlie Chaplin, der sich ganz allein und munter in seinem Anzug mit Weste und mit der Melone auf dem Kopf als armer Glücksritter auf den Weg durch Berge voll Schnee macht. Am Bären vorbei, den er nicht sieht, denn wenn er sich umdreht, ist dieser gerade in der nächsten Höhle verschwunden. Erste Lacher im Publikum.
Slapstickszenen gibt es so einige im Film, die immer wieder für Erheiterungen sorgen, obwohl die Geschichte in weiten Teilen traurig ist. Der Glücksritter muss Schutz vor dem Sturm suchen und findet eine Hütte. Dort ist er zwar von dem steckbrieflich gesuchten Black Larsen schlecht gelitten, aber eine andere Möglichkeit bleibt nicht. Später stößt noch der glückliche Goldsucher Jim dazu, mit dem er im Verlauf der Geschichte noch einmal zurückkehrt. Die Hütte wird dann an den Abgrund geweht, was mit einem Haus auf der Kippe und zwei Akteuren wieder zu amüsanten Balanceeinlagen animiert.
Ganz wunderbar aber zum Beispiel die berühmte Szene, als das Essen ausgeht und letztlich ein Schuh gekocht, auf dem Teller seziert und verspeist wird. Bis ins kleinste Detail spannend gemacht. Aber auch das ungewöhnliche Essen hält nicht lange vor, der Sturm aber an. Halluzinationen und Verfolgungsjagden sorgen für Action.

"Goldrausch" von Charlie Chaplin im Konzerthaus musikalisch begleitet durch die Dortmunder Philharmoniker. (Foto: (C) Martina Bracke)
„Goldrausch“ von Charlie Chaplin im Konzerthaus musikalisch begleitet durch die Dortmunder Philharmoniker. (Foto: (C) Martina Bracke)


Und bei alledem wenig Zwischentexte, dafür umso mehr Musik, die auf den Gewehrschuss genau erklingt. Die Dortmunder Philharmoniker werden anders als bei konzertanten Aufführungen nicht angeschaut, aber ohne sie wäre das Vergnügen höchstens halb so groß. Es ist ein ganz anderes Erlebnis, in diesem Saal mit vollem Orchester die laufenden Bilder auf großer Leinwand mit einem begeisterten Publikum zu erleben, als vielleicht zu Hause am kleinen Bildschirm.
Der Film ist von 1925, die aktuelle Fassung von 1942, als Charlie Chaplin das Material noch einmal in die Hand nahm, neu schnitt, kürzte und mit einigen Zwischentexten versah. Dem Tonfilm, der zu der Zeit schon Standard war, zollte er allein durch die Filmmusik Tribut, die Max Terrer komponierte, der dafür eine Oscar-Nominierung erhielt.
Und das musikalische Repertoire reicht weiter von actiongeladenen Szenen, menschlichen Abgründen hin zu romantischen Anwandlungen, denn der Tramp, immer noch arm, verliebt sich in eine Animierdame in einer rauen Kneipe. Die Angebetete und andere machen sich lustig, doch er nimmt alles ernst und hat ein besonderes Silvester geplant. Natürlich bleibt er allein, schläft ein und erträumt sich die Feier einschließlich eines ebenfalls berühmten „Brötchentanzes“ – zwei Brötchen, aufgespießt mit Gabeln, tanzen in Chaplin-Manier.
Noch gibt es also kein Happy End. Da sind weitere Verwicklungen nötig, bis der Tramp am Schluss die Melone gegen einen Zylinder tauschen und vom Goldrausch endlich in einen Liebesrausch fallen kann.
Das Publikum, tatsächliche Fans outen sich mit entsprechenden Charlie-Chaplin-T-Shirts, applaudiert ausdauernd und dankt damit insbesondere den Philharmonikern für einen wunderbaren Abend. Anschließend schwebt das Publikum wie auf Wolken ins immer noch helle Tageslicht.

Mehr zu den Dortmunder Philharmonikern unter
www.theaterdo.de
www.konzerthaus-dortmund.de

 

 




Was bleibt, wenn jemand geht? – Hinterlassenschaft – A House Full of Stuff

Early boarding – wer früher kommt, darf eher rein. Also zwanzig Minuten vor Beginn bereits auf Einlass warten, dann schnell hinein und mit dem Handtuch den besten Platz sichern. Nein, so ist es nicht gemeint. Obwohl … mit der Jacke lässt sich der Platz vielleicht doch schon mal sichern, bevor man die Bühne betritt. Dort gibt es dann etwas zu schauen und anzufassen. Notsopretty, die Gruppe, die heute Premiere feiert, konzentriert ihren Kram, ihren Stuff, in der rechten hinteren Ecke der Bühne. Regale, schräg angeschnittene Kommoden, ein Einhorn, Fotos, Papiere, Ordner, Vasen, eine Schallplatte von Tina Turner und vieles mehr. Das künftige Publikum nimmt die Gegenstände in Augenschein und verbindet mit einigen direkt eigene Erinnerungen. Auch mit dem Ensemble (Anna Júlia Amaral, Marcel Nascimento und Nina Weber) kann bereits gesprochen werden.

Bis zur Vorstellung ist es aber noch Zeit, der Platz durch die Jacke gesichert, also in Ruhe noch einmal an die Theke und mit Getränken versorgen. Dann startet der selbstständig tönende Lautsprecher mit seinem Intro zum Stück. Nach und nach bauen die drei Darstellerinnen und Darsteller ihre kleinen Welten auf der Bühne auf, tragen den Berg ihres „Stuffs“ ab, kleiden sich in Kostüme, z. B. Jacken, die zur Hälfte aus einem Faltenrock bestehen. Begleitet werden ihre Aktionen von Audiodeskriptionen, die teilweise über die Lautsprecher kommen, teilweise von den Handelnden selbst kommentiert werden. Das Stück will auch für blinde Gäste erlebbar sein, was dank der Beratung durch Adriani Botez gut funktioniert. Jede Person trägt zudem andere Schuhe, durch die sie sich bei ihren Gängen auf der Bühne akustisch unterscheiden.

notsopretty sind: (v.l.n.r.) Anna Júlia Amaral, Marcel Nascimento und Nina Weber. (Foto: (c) Martina Bracke)
notsopretty sind: (v.l.n.r.) Anna Júlia Amaral, Marcel Nascimento und Nina Weber. (Foto: (c) Martina Bracke)

In ihren neu aufgebauten kleinen Welten erzählen die Figuren ihre jeweils eigenen Geschichten, die im Laufe des Stücks immer wieder weiterentwickelt werden.

Die kleinen Dinge spielen zunächst eine Rolle, denn mit ihnen verknüpfen sich Erinnerungen, was ja schon beim Publikum beim Early Boarding sichtbar wurde, aber immer wieder kommt die Frage auf: „Reden wir über Geld?“

Hinterlassenschaft ist nicht nur sentimental. Hinterlassenschaft bedeutet erben, nicht nur die Nase wird geerbt, geerbt wird auch Geldvermögen oder keins. Wie viel Geld? Kann man das auch irgendwie messen? Eine große Rechnung wird aufgemacht: Wenn ein Euro einem Zentimeter entspricht, wie viele Kilometer sind dann eine Milliarde? Die Gruppe überschlägt es und kommt auf  10.000 Kilometer. Große Summen stehen im Raum und hier setzt Gesellschaftskritik an. Vermögens- und Erbschaftsteuer sind Thema. Später wird der Umgang mit Reichen und ihrem Erbe noch in einen Song verpackt, für den es Szenenapplaus gibt.

Dazwischen schwelgt man in Fotos, man blättert akustisch durch das Fotoalbum, und „Weißt du, wie dein Vater gelacht hat?“

Das Spiel mit den Requisiten gelingt dem Ensemble eindrucksvoll. Besonders schön der quasi „Rutsch in die Urne“ über eine der abgeschrägten Kommoden. Letztlich kann man nur erben, wenn jemand stirbt, dennoch kann des Öfteren im Stück gelacht werden. Man erfährt jede Menge übers Erben und Vererben, was vielleicht den Gang in die Verbraucherzentrale erspart und vielleicht nicht so ausführlich hätte sein müssen, aber im Leben kann es sich noch als nützlich erweisen. Das Publikum kann aber auch einfach einen gelungenen Theaterabend genießen.

Am Ende landet alles erst einmal im Keller, wie das so ist mit den vielen Hinterlassenschaften, von denen man sich noch nicht trennen kann. Auch die Kirschen im Weckglas von 1978. Die Bühne ist aufgeräumt, aber das Publikum kann nichts mehr anfassen, denn eine Plane schützt das Erbe vor zu großer Neugier. Also Jacke vom Stuhl nehmen und an der Theke noch ein Getränk genießen. Auf die Verstorbenen! Mögen sie in guter Erinnerung bleiben.

 

Notsopretty, ein seit 2019 bestehendes Performancekollektiv, macht am Ende auf die angekündigten Etatkürzungen seitens des Landes NRW für die Freie Theaterszene aufmerksam. Mehr Infos dazu z. B. ein offener Brief unter www.dott-netzwerk.de (Netzwerk Dortmunder Tanz- und Theaterszene).

 

Mit dem Stück tourt das Ensemble noch durch verschiedene Städte und kehrt hoffentlich nochmal zum Koproduzenten und Premierenort Theater im Depot in Dortmund zurück.

 

Mehr:

Theater im Depot

Immermannstr. 29

44147 Dortmund

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Die Gruppe:

www.notsopretty.de

 

Aktuelle Termine:

Fr/Sa, 13.-14.6. | 19 Uhr | Kulturhaus Thealozzi | BOCHUM

Sa, 28.6. | 16:30 Uhr | Droste Festival | HAVIXBECK

Fr/Sa, 25.-26.7. | 20 Uhr | Theater im Karlstorbahnhof | HEIDELBERG

Sa/So, 1.-2.11. | 20 Uhr | Landungsbrücken | FRANKFURT




O Fortuna – Glück für Dortmund

Festliches Chorkonzert mit dem Opernchor Dortmund

O Fortuna – es gibt Werke, mit denen man sein Schicksal direkt zu Beginn eines Konzerts positiv beeinflussen kann. Zur Glückseligkeit benötigt es an diesem Nachmittag im Dortmunder Opernhaus nur wenige kraftvolle Takte: „O Fortuna“ aus der Carmina Burana von Carl Orff zeigt gleich zu Beginn beeindruckend die Stimmgewalt des mehr als vierzigköpfigen Opernchores des Theaters Dortmund und nimmt das Publikum für sich ein.
Es folgen noch zwei weitere Sätze aus der Carmina Burana, bevor der Leiter des Opernchores, Fabio Mancini, zum Mikrofon greift und Hoffnung auf mehr macht – allerdings erst für die kommende Spielzeit. Dann steht das Werk auf dem Spielplan und soll mit Ballett auf die große Bühne. Für heute also nur ein „Apéritif“, wie Mancini es formuliert.
Nach diesen bekannten Melodien widmet sich der Chor, der mit diesem Nachmittag quasi sein persönliches „Wunschkonzert“ aufführt, einer unbekannten „Perle“: Zwei Lieder aus dem späten Schaffen Verdis – keine Opernarien – hat sich ein Chormitglied gewünscht, und nicht alle kannten sie. So erarbeitete der Chor die selten aufgeführten geistlichen Chorwerke.

Ein musikalischer Bogen von Verdi bis Puccini

Verdi ist auch später noch Thema – beziehungsweise seine Oper Nabucco, zu der nicht viel gesagt werden muss. Vermutlich könnten etliche aus dem Publikum auch mitsingen, so sehr ist die Melodie in den Köpfen verankert. Aber natürlich ist es noch viel schöner, wenn der Dortmunder Opernchor mit seinen Stimmen die Luft vibrieren lässt und man nur im Geiste mitsummt.

Das Chorkonzert des Opernchor Dortmund zeigte die Stimmgewalt des mehr als vierzigköpfigen Opernchores . (Foto: (c) Martina Bracke)
Das Chorkonzert des Opernchores Dortmund zeigte die Stimmgewalt des mehr als vierzigköpfigen Opernchores . (Foto: (c) Martina Bracke)


Zur musikalischen Unterstützung kann der Chor auf Yuna Kudo und Louis Fourie an den zwei Flügeln zurückgreifen, die ein ganzes Orchester virtuos ersetzen. Fourie ist schon seit drei Jahren als Assistenz im Theater Dortmund und täglicher Begleiter des Chores tätig. Yuna Kudo ist künstlerische Leiterin des Opernstudios NRW, eines Zusammenschlusses von vier Opernhäusern aus Essen, Gelsenkirchen, Wuppertal und Dortmund zur Förderung von jungen Sängerinnen und Sängern zwischen Studium und Beruf.
Nach den Polowetzer Tänzen des Arztes und Chemikers Borodin folgen fröhliche Partien aus der Oper Faust von Charles Gounod: Kirmesmusik und ein Walzer. Faust fühlt sich offenbar sehr beschwingt an dieser Stelle – und das überträgt sich auch aufs Publikum.
Zum Abschluss wird es blutrünstiger. Der Chor fordert mit dem Stück aus Turandot von Giacomo Puccini die Hinrichtung eines Prinzen, der leider die drei Rätsel der Prinzessin nicht lösen konnte. Doch dann erliegen die Sängerinnen und Sänger – beziehungsweise das Volk dieser Oper – dem Charme und der Jugend des Prinzen und fordern Gnade für ihn. Wie das ausgeht? Man kann es ab November erfahren, wenn die ganze Turandot auf dem Spielplan steht – mit allein über einer Stunde Gesang des Dortmunder Opernchores und seinen Mitgliedern aus dann zwölf Nationen von vier Kontinenten. O Fortuna.
Und wie erwartet gibt es stehende Ovationen und eine Zugabe, für die alle ihre Notenbücher noch einmal aufklappen.

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Der Vorverkauf für die kommende Spielzeit läuft.




„Under Pressure – Die Zukunft war gestern“ im Schauspielhaus Dortmund

Wölfe heulen – und sie sind niemals schwach. Manchmal ist das Leben zum Heulen. Und nicht besonders einfach. Und was bringt die Zukunft? „Life is shit and then you die“? Zehn Jugendliche begeben sich auf eine Forschungsreise – durch ein Portal in eine ungewisse, andere Welt.

Drei zunächst graue Objekte und zwei Zelte bilden das Bühnenbild, die Darstellenden tragen graue Kostüme. Einheitlich und einförmig – und doch individuell durch farbig geschminkte Gesichtspartien. Die grauen Elemente dienen als Auf- und Abgänge, sind aber auch große Projektionsflächen für bewegte Bilder. Immer wieder wird eine Nachrichtensendung eingeblendet.

Individuelle Westen ergänzen bald die Kostüme. Keine homogene Masse. (Bühne und Kostüme: Slynrya Kongyoo.)

Gedanken zur Zukunft zwischen Krise und Hoffnung

Auf ihrer Forschungsreise führen sie Tagebuch, machen sich Gedanken um ihre persönliche Zukunft – und das große Ganze. Sie sind gesellschaftlich und politisch, lokal und global hochaktuell. Das Dortmunder Weihnachtsbaum-Szenario aus dem Jahr 2024 findet Erwähnung, vor allem jedoch das Klima und andere Krisen.

Das ensemble vom Jugendclub 16Plus. (Foto: (c) Lena liedmann)
Das Ensemble vom Jugendclub 16Plus. (Foto: (c) Lena Liedmann)

Eine Fülle von Themen, mit denen sich die Jugendlichen des Jugendclubs 16Plus des Schauspielhauses Dortmund in der neuesten Ausgabe unter der Leitung von Sarah Jasinszczak seit Beginn der Spielzeit auseinandergesetzt haben. Sie haben eigene Texte und Songs verfasst, die nun auf der Bühne gespielt, gesungen und vertanzt (Choreografie: Birgit Götz) werden.

Eine Begegnung mit Aliens. Putin, Musk und Trump ziehen mit Einkaufswagen auf Shoppingtour und kaufen sich eine neue Welt, die sie „great“ machen wollen. Auch immer wieder: persönliche Gefühle. Wie ist es in der Zukunft? Man verlässt Trampelpfade, geht durch unberührten Schnee oder fährt mit einem Zug ins Neue, ins Ungewisse. Angst? Sicherlich. Aber auch freudige Erwartung.

Sehr amüsant ist die Drucker-Szene – eine schöne Wortspielerei. Und wenn man ins Publikum horcht, kommen vor allem die Gesangs- und Tanzszenen besonders gut an. Auch wenn die Spielfläche dafür gern ein wenig größer hätte sein dürfen.

Zum Abschluss ein an James Krüss und seine „sonderbare Stadt Tempone“ erinnernder Text, in dem es von der Gegenwart rückwärts geht. So können einige Fehlentwicklungen quasi rückgängig gemacht werden – doch es bedeutet auch: „Die Zeit läuft und läuft, bis wir plötzlich nicht mehr da sind.“

Ein ausgefüllter Theaterabend mit gut aufgelegten Darstellenden, mit poetischen, persönlichen, nachdenklichen und humorvollen Texten. Zum Abschluss gab es jede Menge verdienten Applaus für eine starke Leistung.

Weitere Termine:

14.05.2025, 20 Uhr, Studio des Schauspielhauses Dortmund
Das Stück läuft zudem beim „UnruhR-Festival“ der Jugendclubs in Duisburg im Juni.

Für die neue Spielzeit ist wieder ein Stück zu einem selbst gewählten Thema geplant. Infos folgen.