Balkansoul – Lost (S)heroes

Eine Musik-Theater-Performance des HER.STORY Kollektivs

Nur ein kleines Stückchen Schokolade.

Politische Versprechungen sind oftmals groß, die Bedürfnisse des Einzelnen manchmal eher klein. So beginnt der Abend nach einer kurzen Vorrede mit einem Rückblick auf den Start der neuen Republik Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Folge mit den vielen Versprechen des damaligen Regierungschefs und späteren Staatspräsidenten Tito, unter anderem Wohlstand für alle zu schaffen. In der Menge wünscht sich ein Mädchen nur mal ein kleines Stückchen Schokolade von dem ganzen Glück.

Später geht dieses Mädchen wie viele andere Menschen, darunter viele Frauen, nach Deutschland. Sie kommen über Belgrad, Zagreb, Athen und Stuttgart nach Dortmund. Die Bundesrepublik benötigt Arbeitskräfte. Nach einigen anderen Anwerbeabkommen, z. B. mit Italien, Spanien und der Türkei, wird 1968 das letzte mit Jugoslawien geschlossen. Sie sind GastarbeiterInnen – und sie empfinden sich auch selbst so. Gekommen als Gäste, um etwas Geld zu verdienen, um besser leben zu können, Geld nach Hause zu schicken, an die Familien. Oft kommen sie allein. Kinder bleiben zurück bei den Großeltern, denn die Eltern müssen arbeiten und können sich nicht so viel kümmern. Und es soll ja nur für kurze Zeit sein.

Berührend ist die Abschiedsszene nach einem Besuch, wenn sich Mutter und Tochter wieder trennen müssen. Es ist ja nur noch bis zum Ende der Schulzeit, dann könne die Tochter nach Deutschland kommen, um zu studieren. Wie viele Jahre sind dann schon ins Land gegangen?

Man lebt fürs Wochenende, für Party und Feiern. Man arbeitet im wahr gewordenen Schokoladentraum, in der Dortmunder Schokoladenfabrik, die es in Brackel gegeben hat und deren Reste erst vor knapp zwei Jahren abgerissen wurden. Vielleicht doch kein Traumjob, denn es ist Akkordarbeit am Fließband, die in einer eindringlichen Szene dargestellt wird.

Von Arbeitskämpfen und neuen Herausforderungen

Zwischendurch werden Arbeitskämpfe ausgetragen. Die jugoslawischen Frauen verdienen weniger als ihre Männer – bei gleicher Arbeit. Und alle verdienen weniger als die deutschen ArbeiterInnen.

Die Migrationsgeschichte geht weiter. Auf die „Gäste“, die schon lange in Deutschland leben und hier auch Familien gründeten, folgen Geflüchtete. Anfang der 1990er Jahre bricht das alte Jugoslawien zusammen. Ein Krieg tobt auf dem Gebiet, der die Menschen vertreibt und zu mehreren Nachfolgestaaten führt. So kommen wieder viele nach Deutschland, diesmal um Schutz zu suchen, und auch etliche von ihnen bleiben.

Balkansoul im Fletch Bizzel. Links im Bild Jasmina Music, rechts Sara-Una Hujic. Foto: (c) Martina Bracke
Balkansoul im Fletch Bizzel. Links im Bild Jasmina Music, rechts Sara-Una Hujic. Foto: (c) Martina Bracke

Fragen nach Heimat, Dualität, dem Brückenbauen und dem Nicht-Vergessen, woher man kommt, werden aufgeworfen. Das Stück, konzipiert von der künstlerischen Leitung des Kollektivs, Jasmina Musić, die mit Sara-Una Hujic auch spielt, behandelt viele Facetten und erzählt Geschichten aus mehreren Generationen. Es basiert auf realen Interviews mit hier lebenden GastarbeiterInnen und MigrantInnen und verwebt deren Lebensgeschichten untereinander und mit eigenen Erfahrungen der Darstellerinnen, denn auch sie stammen in erster oder zweiter Generation vom Balkan.

Manchmal wünscht man sich, die einzelnen Geschichten besser verfolgen zu können, denn die Fäden verwirren sich gelegentlich. Vielleicht sind es aber auch zu viele Fäden, die in einer zu kurzen Stunde entrollt werden – so bleiben einige lose Enden übrig.

Aufgebrochen wird das Bühnengeschehen durch Foto- und Videosequenzen des Künstlers Timo Vogt, ergänzt um nachgestellte Tagesschau-Nachrichten, die auf der Leinwand inszeniert werden. Anekdoten vom Dalai Lama, den man „vielleicht“ bekocht hat, und von „Kloppo“, Jürgen Klopp, den man „ganz bestimmt“ bekocht hat, lockern das Stück stellenweise auf – ebenso wie Erinnerungen an die Satellitenschüssel auf dem Balkon, die man als Kind ausrichten musste. Noch ein kleines bisschen nach …

Balkansoul – die Seele des Balkans

Live und kraftvoll singen die Darstellerinnen, vor allem Jasmina Musić, ihre Lieder. Mit Begeisterung wird die Musikrichtung „Sevdalinka“, kurz „Sevdah“, aus Bosnien – ansatzweise vergleichbar mit dem portugiesischen „Fado“ – eingebracht. Die musikalische Leitung lag bei Dixon Ra, der am Theater Fletch Bizzel schon einige Inszenierungen begleitet hat.

Ein letzter Satz nach Max Frisch bleibt in der Luft hängen: „Es wurden Arbeitskräfte gerufen, aber es kamen Menschen.“

Und auf der Bühne liegen ein langer Weg in Form einer Stoffbahn und ein paar Stücke Schokolade.

Weitere Spieltermine:
Freitag, 7. Februar, 20 Uhr
Samstag, 22. März, 20 Uhr

Theater Fletch Bizzel
Humboldtstr. 45
44137 Dortmund

Mehr unter www.fletch-bizzel.de




Der Tag nach dem Tag, an dem niemand starb – Premiere im Studio

Auf der Bühne erleben wir Umut. Die Hoffnung. „Meine Hoffnung“, wie Umuts Mutter zu ihrem Sohn immer sagte. Doch Umut ist nicht der erhoffte Sohn, der in das traditionelle Familienbild passt. Umut ist die Frau, die einmal ein Sohn war, sich aber nicht wie einer fühlt. Sie lebt in Istanbul, schlägt sich durch und geht anschaffen. Umut ist die Frau, die die Hoffnung hat, in ihrer Familie und Gesellschaft so akzeptiert zu werden, wie sie ist.

Ein Monolog voller Intensität

Umuts Geschichte, Träume und Sehnsüchte werden in einem abwechslungsreichen Monolog auf der Bühne des Studios im Schauspielhaus sichtbar. Ein Schminktisch mit mehreren Perücken, eine Couch und ein Fenster nach draußen schaffen verschiedene Spielsituationen. Eine Leinwand im Hintergrund bietet Raum für Einspielungen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer im ausverkauften Haus werden teilweise direkt angesprochen.

Umut erzählt von ihrer Kindheit, Besuchen bei der Familie, dem ersten Kuss, Freiern, die zahlen oder nicht zahlen, Menschen, die sie schützen, und von Gewalt. Das Stück spielt in Istanbul, einer traditionell geprägten Gesellschaft, in der Transsexuelle auf Anerkennung hoffen. Doch bei Demonstrationen und Pride-Paraden werden Wasserwerfer und Schlagstöcke eingesetzt. Dokumentarische Sequenzen zeigen Paraden in den Straßen Istanbuls, Menschen mit Regenbogenfahnen, die von harten Wasserstrahlen verfolgt werden. Ein Aushang vor dem Theatersaal weist darauf hin, dass verstörende Bilder gezeigt werden.

Güler Işik, Regisseurin Füsun Demirel und Şirvan Güler nach der premiere im Studio des Schauspielhauses Dortmund. (Foto: (c) Martina Bracke)
Güler Işik, Regisseurin Füsun Demirel und Şirvan Güler nach der premiere im Studio des Schauspielhauses Dortmund. (Foto: (c) Martina Bracke)

Auch der Titel „Der Tag nach dem Tag, an dem niemand starb“ verdeutlicht, dass Gewalt allgegenwärtig ist für transsexuelle Menschen. Und diese Gewalt fordert Opfer. Oft, so Umut, werden Täter nicht zur Verantwortung gezogen. Sie töten, wie man „eine Fliege erschlägt“.

Ein Monolog, gespielt von zwei Schauspielerinnen (Güler Işik und Şirvan Güler), ermöglicht Interaktion und verleiht dem Text Dynamik. Die beiden geben Umut eine Mischung aus Leichtigkeit und überbordendem Lebens- und Liebeshunger. Dies zeigt sich in musikalischen Sequenzen und Tänzen, die das Publikum zum Mitklatschen und Mitsingen animieren.

Eine eindringliche Inszenierung

Die Inszenierung von Füsun Demirel, einer türkischen Theater- und Filmschauspielerin, die in Italien Schauspiel studiert hat, funktioniert hervorragend. Sie spricht Gefühle an, nutzt den Raum für den dialogischen Monolog und bindet filmische Teile nahtlos ein. Die beiden Darstellerinnen, die ihr viertes Stück auf die Bühne bringen, spielen engagiert und souverän. Dafür erhalten sie am Ende stehende Ovationen.

Die Vorlage stammt aus dem Jahr 2012 und wurde von der türkischen Theaterautorin und Schauspielerin Ebru Nihan Celkan geschrieben. Geboren 1979 in Istanbul, widmet sie sich seit 2005 dem Theater, schreibt, spielt, inszeniert und gibt Workshops. Sie war Teil eines UN-Programms zur Förderung der Frauenrechte. Das Stück wurde in der Türkei an mehreren Theatern gespielt und ist in einem Sammelband des Neofelis-Verlags auf Deutsch erhältlich.

In Deutschland wurden die Aufführungen am Wochenende im Schauspielhaus Dortmund vermutlich erstmals gezeigt – in türkischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Diese Übertitel waren bei der Premiere jedoch nicht immer synchron, was es dem nicht türkischsprachigen Publikum erschwerte, dem Geschehen zu folgen.

Die beiden Aufführungen bleiben vorerst die einzigen. Die Produktion wurde vom Migrantinnenverein Dortmund in Kooperation mit dem Taranta Babu e. V. und dem Dietrich-Keuning-Haus realisiert, gefördert durch das Programm „Transkulturelle Impulse“ des NRW-Landesbüros Darstellende Künste. Ayşe Kalmaz, Vertreterin des Migrantinnenvereins, der mit Theaterstücken Frauenperspektiven und Frauenrechte in den Fokus rückt, zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass eine Wiederaufnahme 2025 bei einem queeren Festival möglich ist.

Es bleibt zu wünschen, dass noch mehr Menschen Umuts Geschichte erleben und die Hoffnung weitertragen, dass alle Teile der Gesellschaft sichtbar, wahrgenommen und akzeptiert werden. Denn: „Schau, meine Augen sind nicht anders als deine. Mein Lachen ist voller Freude… Ich bin Umut.“ Eine Hoffnung.

 




Weihnachtswahnsinn am Kaminfeuer – „Merry Crisis“ im Schauspielhaus

Ein Kaminfeuer flackert virtuell an der Wand, ein mannshoher Nussknacker flankiert die Bühne, auf der Teddybären sich zwischen einem Sessel und einem Zweisitzer mit Holzbeinen ohne Stehlampe tummeln (Ausstattung: Constanze Kriester). Im sog. „Institut“, dem kleinen Bühnenraum im Erdgeschoss des Schauspielhauses, erwarten rund fünfzig Gäste einen weihnachtlichen Leseabend

In Pyjamas mit langen Morgenmänteln und Pantoffeln nehmen die beiden Schauspielerinnen Marlena Keil und Nika Mišković die Bühne ein und starten direkt mit Ringelnatz. In seinem Gedicht schneit es auch Erbsensuppe mit Speck in die Taschen der Arbeitslosen. Also ganz so gemütlich und heimelig wird der Abend nicht, er ist aber auch mit „Merry Crisis“ betitelt.

In die nächste weihnachtliche Krise eilen die beiden Lesenden nahezu übergangslos. Aufführungen von Krippenspielen mit Sechsjährigen in der Rolle der Jungfrau und Zweitklässlern als gestandenen Männern, mit stolzen Eltern und „Lasagne-Gestank“ im Saal nimmt der amerikanische Autor David Sedaris aufs Korn. Fast können einem die beschriebenen Kinder leid tun, aber die erwachsenen Gäste des Abends amüsieren sich bei dieser scharfen Beurteilung. Auch Charles Dickens‘ Klassiker  „Der Weihnachtsabend“ wird in die Schulaufführungen eingepasst, aber durch die Schauspielerinnen auf der Bühne professionell akzentuiert, bevor wieder die Kritik Sedaris an schlechtem Schultheater zelebriert wird und für weitere Erheiterung sorgt.

Nach einer Mitmachsequenz – alle versuchen „Oh Tannenbaum“ zu singen – leidet man mit dem Tannenbaum nach Hans Christian Andersen, bevor Marlena Keil und Nika Mišković lebhaft in ihren offensichtlichen Lieblingstext einführen. Gevatter Tod übernimmt die Rolle des verhinderten „Schneevaters“ – des quasi Weihnachtsmanns in der Scheibenwelt der Romane von Terry Pratchett.

Danach lässt sich diesmal bestens gestimmt und hörbar harmonischer von allen „Jingle Bells“ intonieren.

In der Pause ist der alkoholfreie Punsch schnell ausgetrunken, doch für einen Glühwein mit Alkohol reicht es, der seinen Weg auch auf die Bühne findet – nur ein „wönziger Schluck“. Nein, die Feuerzangenbowle ist nicht dabei, aber durchaus gelockert geht es mit Ringelnatz und der „Weihnachtsgans Auguste“ von Friedrich Wolf weiter. Dazwischen ein Ausflug mit dem lange nicht mehr gehörten Ephraim Kishon und seiner besten Ehefrau von allen zum humorig-dramatischen Geschenkeequivalent, dem jüdischen Passahfest, zu dem bei Kishon mindestens elf zauberhafte Stehlampen gehören.

Merry Crisis_Nika Miskovic und Marlena Keil (Copyright Charlot Kühn)
Merry Crisis_Nika Miskovic und Marlena Keil (Copyright Charlot Kühn)

Ein Abend zwischen Weihnachtsgans und Wahnsinn, ganz wie auf dem Programmzettel angekündigt. Ein Wahnsinn, zusammengestellt und eingerichtet von Hazal Saracoglu, den alle gut nachvollziehen konnten und über den man – betrifft uns bestimmt nur entfernt – herzlich lachen, mindestens aber kräftig schmunzeln konnte.

Das Geständnis von Nika Mišković, das dies ihr erster Leseabend überhaupt und dann noch auf deutsch gewesen sei, wird mit zusätzlichem anerkennenden Applaus belohnt.

Der Saal wagt sich im letzten Mitmachteil des Abends noch an „All I want for Christmas“ heran und alle sollen ihre innere Mariah Carey finden. Die bleibt jedoch im durchaus lauten Chor weitestgehend unhörbar.

Egal. Alle hatten Spaß und gehen vergnügt in ihren eigenen alltäglichen Weihnachtswahnsinn oder zu gemütlichem Kaminfeuer mit zauberhafter Stehlampe.

Weihnachtswahnsinn mit Charme – „Merry Crisis“ im Schauspielhaus

Ein virtuelles Kaminfeuer flackert an der Wand, ein mannshoher Nussknacker flankiert die Bühne, und Teddybären tummeln sich zwischen einem Sessel und einem Zweisitzer mit Holzbeinen – ganz ohne Stehlampe (Ausstattung: Constanze Kriester). Im sogenannten „Institut“, dem kleinen Bühnenraum im Erdgeschoss des Schauspielhauses, erwarten rund fünfzig Gäste einen weihnachtlichen Leseabend.

In Pyjamas, langen Morgenmänteln und Pantoffeln betreten die beiden Schauspielerinnen Marlena Keil und Nika Mišković die Bühne und eröffnen den Abend direkt mit einem Gedicht von Joachim Ringelnatz. Hier schneit es auch Erbsensuppe mit Speck in die Taschen der Arbeitslosen – ein Vorbote dafür, dass es an diesem Abend nicht ausschließlich gemütlich und heimelig zugehen wird. Schließlich trägt die Veranstaltung den Titel „Merry Crisis“.

Fast übergangslos stürzen sich die beiden Schauspielerinnen in die nächste weihnachtliche Krise: David Sedaris nimmt in seiner Erzählung Krippenspiele mit Sechsjährigen als Jungfrauen und Zweitklässlern als gestandene Männer aufs Korn – inklusive stolzer Eltern und „Lasagne-Gestank“ im Saal. Während man den beschriebenen Kindern fast Mitleid entgegenbringen könnte, sorgt Sedaris‘ scharfsinnige Beobachtung beim Publikum für reichlich Gelächter. Auch Charles Dickens‘ „Der Weihnachtsabend“ wird im Rahmen dieser Schulaufführungen humorvoll eingebaut und von den Schauspielerinnen mit professioneller Akzentuierung aufgegriffen, bevor Sedaris’ bissige Kritik an schlechtem Schultheater erneut für Erheiterung sorgt.

Nach einer Mitmachsequenz – alle versuchen gemeinsam „Oh Tannenbaum“ zu singen – bewegt Hans Christian Andersens trauriger Tannenbaum die Zuschauer, bevor Marlena Keil und Nika Mišković mit offensichtlicher Begeisterung einen Text aus Terry Pratchetts Scheibenwelt einleiten. Hier übernimmt Gevatter Tod die Rolle des verhinderten „Schneevaters“, quasi des Weihnachtsmanns dieser skurrilen Fantasy-Welt. Schließlich gelingt es, diesmal spürbar harmonischer, gemeinsam „Jingle Bells“ anzustimmen.

Zwischen Glühwein und literarischem Wahnsinn

In der Pause ist der alkoholfreie Punsch schnell ausgetrunken, doch für einen Glühwein mit Alkohol reicht es – der findet sogar den Weg auf die Bühne, wenn auch nur in Form eines „wönzigen Schlucks“. Eine Feuerzangenbowle gibt es zwar nicht, doch locker und beschwingt geht es nach der Pause mit weiteren literarischen Perlen weiter.

Mit Ringelnatz und Friedrich Wolfs „Weihnachtsgans Auguste“ kommt der Abend erneut in Fahrt, bevor ein Ausflug zu Ephraim Kishons humorigen Anekdoten folgt. Gemeinsam mit „der besten Ehefrau von allen“ widmet sich Kishon dem jüdischen Passahfest, bei dem natürlich mindestens elf zauberhafte Stehlampen nicht fehlen dürfen.

Der Abend entwickelt sich wie angekündigt: ein Wahnsinn zwischen Weihnachtsgans und Chaos. Hazal Saracoglu, die den Abend zusammengestellt und eingerichtet hat, trifft mit dieser Mischung aus Humor, Ironie und Gesellschaftskritik genau den Nerv des Publikums. Immer wieder sorgt die Vorstellung für Lacher, aber auch für nachdenkliche Momente, die das Publikum herzlich schmunzeln lassen.

Besonderen Applaus erntet Nika Mišković, die gesteht, dass dies ihr erster Leseabend überhaupt – und dann auch noch auf Deutsch – gewesen sei. Im letzten Mitmachteil wagen sich alle gemeinsam an „All I Want for Christmas“. Die innere Mariah Carey lässt sich zwar im Chor nicht wirklich heraushören, doch das tut der ausgelassenen Stimmung keinen Abbruch.

Am Ende verlassen die Gäste den Abend gut gelaunt – bereit für ihren eigenen weihnachtlichen Wahnsinn oder vielleicht für ein entspanntes Kaminfeuer mit der ein oder anderen zauberhaften Stehlampe.

 




Facetten Dortmunds – Ausstellung der Urban Sketchers im Amtsgericht

Ein besonderer Termin in einem ehrwürdigen Gebäude mit Sicherheitskontrolle wie am Flughafen: Das Amtsgericht Dortmund hatte eingeladen. Und zwar herzlich – nicht vorgeladen, sondern eingeladen. Mehr als siebzig Gäste folgten der Einladung.
Bei Kaffee und Kuchen, liebevoll zubereitet von den Auszubildenden, freute sich Gerichtspräsident Jörg Heinrichs, die vielen weißen Flächen des Gebäudes mit neuen, meist farbenfrohen Werken gefüllt zu sehen. Mit der Zusammenarbeit mit den Urban Sketchers Dortmund möchte er den Besucherinnen und Besuchern Freude bereiten, verschiedene Facetten seiner Institution zeigen und mehr Transparenz vermitteln. Zudem hofft er, ihnen die oft empfundene Angst, ähnlich der „vor dem Zahnarzt“, ein wenig zu nehmen.

Urban Sketching: Eine weltweite Bewegung

Das Plakat der Ausstellung . (Foto: (c) Martina Bracke)
Das Plakat der Ausstellung . (Foto: (c) Martina Bracke)

Urban Sketching, das Zeichnen im städtischen Raum, ist eine weltweite Bewegung, die 2007 von dem Amerikaner Daniel Campanario ins Leben gerufen wurde. Nachdem er nach Seattle gezogen war, erkundete er seine neue Heimat mit Papier und Stift und zeichnete öffentlich, sodass ihm Interessierte über die Schulter sehen und ins Gespräch kommen konnten. So entstand schnell eine Gemeinschaft Gleichgesinnter. Heute umfasst die Urban-Sketching-Szene eine weltweite Community, die auch in Deutschland stark vertreten ist – mit jährlichen Deutschlandtreffen und umfangreicher Internetpräsenz.
In Dortmund organisieren sich die Zeichnerinnen und Zeichner seit 2016. Sie richteten 2022 das deutschlandweite Treffen aus, unterstützt vom Museum für Kunst und Kulturgeschichte, das regelmäßig Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Von dort aus ziehen sie hinaus in die Stadt, um ihre Umgebung festzuhalten. Bei Regen weichen sie nach drinnen aus, etwa in Museen – nur Kälte hält sie nicht auf.

Die Ausstellung im Amtsgericht

Die ausgestellten Bilder sind über drei Etagen im Amtsgericht verteilt: im Foyer, in der Kantine im Untergeschoss und im ersten Stock. Zu den Öffnungszeiten des Gerichts können die Werke betrachtet werden. Die Formate der Bilder reichen von klein (fünf mal sieben Zentimeter) bis groß (DIN A3), die Stile sind vielfältig. In großen Rahmen präsentiert, zeigen die Werke die Architektur Dortmunds – alt und neu, von Details bis hin zu Panoramen.
Besonders interessant: Neben Stadtansichten wurden auch Gerichtsverhandlungen skizziert. Wie Birgit Encke berichtet, waren die Beteiligten – von Staatsanwälten über Richter bis hin zu Angeklagten – begeistert und ließen sich gern zeichnen. Einige nahmen mehrfach teil, um sicherzustellen, dass sie abgebildet wurden. Oft wurden die Werke oder Fotos davon ausgetauscht, und Originale wechselten die Besitzer.
Die ausgestellten Bilder können auch erworben werden. Interessierte können sich mit den Urban Sketchers in Verbindung setzen. Die Ausstellung ist montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr im Amtsgericht Dortmund, Gerichtsplatz 1, zu sehen.
Weitere Informationen:

  • Urban Sketchers Dortmund: www.uskdo.de
  • Regelmäßige Treffen: donnerstags, 18 Uhr, Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Hansastr. 3
  • Kontakt für den Erwerb von Bildern: usk-ausstellung-ag@gmx.de
  • Amtsgericht Dortmund: www.ag-dortmund.nrw.de
Die ehemalige Lehrerin Regina Dennig hat erst mit dem Ruhestand Muße für ein neues Hobby gefunden. Sie schätzt die Atmosphäre bei den Sketchers. Eins ihrer Bilder: oben rechts. Foto: © Martina Bracke
Die ehemalige Lehrerin Regina Dennig hat erst mit dem Ruhestand Muße für ein neues Hobby gefunden. Sie schätzt die Atmosphäre bei den Sketchers. Eins ihrer Bilder: oben rechts. Foto: © Martina Bracke
Sigrid Ziesmer ist seit vier Jahren regelmäßig dabei, nachdem sie zuvor hauptsächlich Landschaften gemalt hatte. Jetzt zeichnet sie gern Architektur, Menschen und Autos. Foto: © Martina Bracke
Sigrid Ziesmer ist seit vier Jahren regelmäßig dabei, nachdem sie zuvor hauptsächlich Landschaften gemalt hatte. Jetzt zeichnet sie gern Architektur, Menschen und Autos. Foto: © Martina Bracke
Wilfried Ahlmeyer von den Urban Sketchers und Gerichtspräsident Jörg Heinrichs freuen sich über die gelungene Ausstellung und die Resonanz. Foto: © Martina Bracke
Wilfried Ahlmeyer von den Urban Sketchers und Gerichtspräsident Jörg Heinrichs freuen sich über die gelungene Ausstellung und die Resonanz. Foto: © Martina Bracke