Über den Wolken: Götterdialoge – alles nochmal gründlich durchdenken

Götter schweben bekanntlich in anderen Sphären. Hoch über den Wolken?

Die Bühne im Theater im Depot ist an diesem Abend mit einem weißen Tuch großflächig bedeckt. Wie auf einer Wolke bewegt sich der Solist des Abends, Thomas Lehmen, in seiner Performance im Kampfpilotenanzug und mit entsprechendem Helm über die Bühne zu einem Sound, der für niemanden hörbar ist. Ein großer Gitarrenverstärker steht als Lautsprecher im Hintergrund, im Vordergrund links und rechts jeweils ein Mikrofon. Der Wolkenplatz wird von Scheinwerfern auf Stativen erhellt.

Der Gott des Unsinns ist sofort zu erkennen. Er führt den Tänzer an der Nase herum. Clowneske, pantomimische Bewegungen, die das Publikum amüsieren. Für die weiteren Dialoge kommt ein Buch ins Spiel, das es gar nicht mag, wenn jemand in ihm herumkritzelt. Dabei ist der Pilotenoverall auch mit drei Kugelschreibern bestückt. Doch diese kommen nicht zum Einsatz. Stattdessen darf das Buch durch Thomas Lehmen jede Menge sagen.

Tänzer Thomas Lehmen in "Götterdialoge". (Foto: (c) Thomas Aurin)
Tänzer Thomas Lehmen in „Götterdialoge“. (Foto: (c) Thomas Aurin)

„Jedes Gespräch nimmt mehr von der Sprache, als es gibt.“ Immer wieder bricht Lehmen das Gesagte durch seinen Tanz auf, zeigt seine Antwort – ohne Worte – darauf. Die Götter selbst mischen sich auf andere Weise weiter ein. Auf der linken Seite der Bühne symbolisieren verschiedenfarbige Transparentpapiere mehr oder weniger lebendige Wesen, vom Tänzer genutzt als Masken, Gegenpart, aber auch als eigenständig artikulierende Subjekte, die, zerknüllt über das Mikrofon gestülpt, bei ihrer Entfaltung Geräusche über die Boxen abspielen. Man hört also die Götter sprechen, doch das Gesagte bleibt faszinierend, aber unverständlich. So hält man sich an dem Buch fest, dem die Worte nicht ausgehen.

Die Bewegung auf dem Tuch ist nicht immer einfach, schließlich ist es lose und wirft Falten, aber Lehmen meistert seine tänzerischen Dialoge souverän, und so ein Gespräch mit Göttern ist ja auch immer ein etwas gefährliches Spiel. Götter sind und bleiben unberechenbar. Neben dem Gott des Unsinns sind es an diesem Abend noch die Götter für Nichts, Alles, Kunst, Liebe, Arbeit, Denken. Jede Menge Spielraum, Worte aus dem Buch, die vom Tänzer selbst stammen. Ein Fülle von Möglichkeiten, die Thomas Lehmen auf der Bühne zur Begeisterung des Publikums umsetzt.

Zum Ende hat er alles fest in der Hand, zieht langsam, aber stetig das Wolkentuch mit sämtlichem Equipment von der Bühne. Und schaltet bewusst jeden Scheinwerfer einzeln aus.

Lang anhaltender Applaus belohnt die monatelange Arbeit an dieser Tanzperformance.

 

Ein spannender Abend, der in einer kurzen Einführung mit Johannes Bergmann vom Theater im Depot und dem langjährigen Begleiter und Berater des Künstlers, Dr. Franz Anton Cremer, sowie einem Nachgespräch mit dem interessierten Publikum weitere Einblicke in die Arbeit des gebürtigen Oberhauseners gewährt. Thomas Lehmen tanzt seit mehr als dreißig Jahren. Nach Ausbildung in Amsterdam und verschiedenen Stationen, u. a. in Berlin, Gastprofessuren in Gießen, Hamburg und in Arizona, leitet er seit 2019 das Kunsthaus Mitte in Oberhausen und die Tanz-Arbeit Oberhausen. Hier widmet er sich intensiv seinem Anliegen, Kunst als Arbeit mit der Gesellschaft zu verbinden. Als ein durchaus sehr irdisches Projekt hat er seinerzeit das „Das Erste Oberhausener Arbeitslosen-Ballett“ in Leben gerufen.

Unterstützt wurde Lehmen bei den „Götterdialogen“ durch Anna Luisa Binder und punktuell durch die renommierte niederländische Tänzerin und Choreographin Pauline de Groot.

Weitere Aufführungen sind derzeit nicht terminiert, aber es wäre schön, wenn die Produktion wieder auf die Bühne käme. Ein Besuch im Theater im Depot lohnt auf alle Fälle.

 

www.theaterimdepot.de

www.kunsthausmitte.de

 




Deep Dive – Eintauchen in „Don Juan“ von Richard Strauss

„Herrlich, oder?“ Jordan de Souza ist begeistert. Im ersten Teil des zweiten Konzertes unter dem Motto „Deep Dive“ taucht er mit den Dortmunder Philharmonikern und dem Publikum tief in das Werk des fünfundzwanzigjährigen Richard Strauss, in den „Don Juan“ ein. Anhand einer Reihe von Klangbeispielen aus dieser Tondichtung und aus vergleichenden Ausschnitten von Mozart, Brahms, Wagner und einigen anderen verdeutlicht er das Einmalige, aber auch das Herkömmliche in Strauss‘ Werk. Und vermittelt nebenbei ein wenig zu dem Leben und dem weiteren Wirken des Komponisten.

Zwar liest er seine Texte vom Blatt ab, aber immer wieder spricht er auch frei, es bricht sich seine Begeisterung für das vorgestellte Werk, aber auch für die anderen Beispiele Bahn. Dabei wechselt er noch lebhaft zwischen Klavier und Taktstock, führt kleinere Tonfolgen selbst vor, bezieht dann wieder das Orchester ein.

Das Publikum folgt aufmerksam. Eine ganze Reihe von Schülerinnen und Schülern sitzt im Parkett, hat sich also an einem Montagabend ins Konzerthaus geschwungen, um sich in das Werk zu vertiefen. Ab und an flüstern die Menschen im Saal sich etwas zu, gehen mit, muss das Gehörte doch kurz verarbeitet werden. Eine lockere Atmosphäre.

Aktiv konnte man bereits vor der Veranstaltung im Foyer werden. Das Tiny Music House der Dortmunder Philharmoniker, eine eigene kleine Bühne auf Rädern mit zwei Musikvermittlerinnen, bietet die Möglichkeit, Sequenzen aus dem „Don Juan“ zu sampeln und mit Beats zu unterlegen. Das Angebot wird von Jung bis Alt angenommen und bringt in kurzer Zeit Ergebnisse und viel Spaß.

Selber Samplen und Mixen war möglich. (Foto: Martina Bracke)
Selber Samplen und Mixen war möglich. (Foto: Martina Bracke)

Im Saal geht es besonders lebhaft zu, als auch Musik von James Brown und dem Filmkomponisten John Williams erklingt. Alle sind offenbar mit „Star Wars“ vertraut. Aber dafür ist man ja da, etwas Neues zu hören, zu erfahren und zu genießen.

Und nach der Pause ist es dann so weit, dass der ganze „Don Juan“ aufgeführt wird. Etwa zwanzig Minuten, die aber reichen, dass dem Publikum „warm wird“ gemäß der zweiten Regel des Komponisten und Dirigenten Richard Strauss „Du sollst beim Dirigieren nicht schwitzen, nur das Publikum soll warm werden.“

Ob de Souza geschwitzt hat, weiß man nicht. Aber zur Freude des Publikums hat er dirigiert gemäß Regel eins: „Bedenke, dass du nicht zu deinem Vergnügen musizierst, sondern zur Freude deiner Zuhörer.“

Wobei er und alle Musikerinnen und Musiker bestimmt auch, so ein kleines bisschen, zu ihrem eigenen Vergnügen musiziert haben. Schließlich ist es kein Verbrechen, bei der Arbeit Spaß zu haben.

Ein Verbrechen ist vielleicht das „Todeszucken der Violine“, das das Ende markiert. Bereits vor der Pause einmal vom Orchester gespielt, „damit Sie (das Publikum) später genau wissen, wann Sie klatschen müssen.“

Das haben sich alle gemerkt, und langanhaltender Applaus honoriert den Abend der gut aufgelegten Philharmoniker mit ihrer Solistin Anna Sohn und ihrem Dirigenten Jordan de Souza.




Ausnahmezustand

Es ist schon eine besondere Herausforderung, das bekannte Terrain der Bühne zu verlassen und in den unbekannten Gefilden von Klassenzimmern aufzutreten. Nah am Publikum, auch im Publikum. Roberto Romeo nutzt den gesamten Raum, für die Premiere noch nicht in einem Klassenzimmer, sondern im sog. „Institut“ des Schauspielhauses. Ca. zwanzig Schülerinnen und Schüler sitzen auf Bänken an Tischen und sehen zu Beginn auf einer Leinwand im Hintergrund einen kurzen Film mit brennenden Wäldern, schmelzendem Eis und einem halb verhungerten Eisbären.

Roberto Romeo kommt als Marvin, achtzehn Jahre alt, auf die Spielfläche, schüttet erst einmal eine Tüte Müll auf den Boden, um dann sauberzumachen. Dabei erzählt er seine Geschichte. Sein Verhältnis zu den Eltern, seine Begegnung mit Lea, wie er beginnt, über das Klima und den Klimaschutz nachzudenken. Wie er mit anderen demonstriert und ihm das irgendwann nicht mehr reicht. „Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig.“ Und er meint nicht nur das Putzen des Klassenzimmers.

Was kann man tun? Reicht ein Einkauf im Biomarkt? Schon mal über das Handy und die Rohstoffe nachgedacht? Das Handy ist dem Publikum wichtig, merkt man. Ist es heilig?

Wie weit geht man, wenn man von seinen Zielen überzeugt ist? Wie reagieren andere? Was ist legitim? Was ist legal?

Roberto Romeo als Marvin. (Foto: Birgit Hupfeld.)
Roberto Romeo als Marvin. (Foto: Birgit Hupfeld.)

Marvin putzt, weil er Sozialstunden aufgebrummt bekommen hat. Weil er, um aufzurütteln, radikaler wurde. Im Klassenzimmer. Und in diesem Zimmer sitzen junge Menschen, die verschiedene Meinungen haben.

Die Schülerinnen und Schüler im Publikum sind um die fünfzehn Jahre alt, neunte Klasse. Der Schauspieler ist Mitte zwanzig und verkörpert Marvin so lebensecht, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion teilweise verschwimmen. Sie erkundigen sich nach Lea, der Freundin von Marvin, was sie dazu sagt. „Wenn man die Welt retten muss, hat man sowieso keine Zeit für die Liebe.“ Sie kritisieren seinen Umgang mit dem Vater.

Teilweise werden die jungen Leute von Marvin direkt angesprochen, teilweise mischen sie sich auch so ein. Roberto Romeo behält souverän seinen roten Faden. Am Ende ist die Spielfläche sauber, er erntet wohlverdienten Applaus. Damit gibt es keinen vorgegebenen Text mehr (Stück von Christina Kettering), die Aufführung ist aber noch nicht zu Ende. Es schließt sich eine Gesprächsrunde an, moderiert von der Theaterpädagogin des Schauspielhauses Sarah Jasinsczcak, die bereits viele Jahre die Stücke am Haus begleitet und auch mit in die Klassenzimmer geht. Für Romeo ist es das erste Klassenzimmerstück, in der Generalprobe mit einer dreizehnten Klasse, in der Premiere mit einer neunten. Dazwischen liegen sicherlich schon Welten.

Spannend zu hören, auf was die Einzelnen achten, was die jungen Menschen beschäftigt. Was sie im Stück gesehen haben. Was sie auf ihre Lebenswelt übertragen können. Und sicherlich endet das Gespräch nicht, wenn die Jugendlichen ihr Klassenzimmer wieder für sich haben. Denn vieles kann das Stück in einer knappen dreiviertel Stunde nur anreißen; es muss in der Diskussion und im Dialog mit den Lehrerinnen und Lehrern noch vertieft werden. Eine Basis ist gelegt, aber die Ver- und Bearbeitung bleiben eine weitere Herausforderung.

 

Regie: Madita Scülfort, Dramaturgie: Cosima Schubert, Ausstattung (bemerkenswert im Laufe des Stücks auf jeden Fall der Hoodie): Slynrya Kongyoo, Unterstützung mobile Vorstellungen: Quinn Mengs




Antrag auf Aufenthalt – ein kafkaeskes Schauspiel mit 3D-Animationen

18.12.2025, Theater Fletch Bizzel

Eine Figur in langem Kleid mit Koffer zieht durch eine angedeutete Stadt, vorbei an anderen Personen, an Autos und turmhohen Quadern, die Häuser darstellen. Sie schreitet durch die Straßen und nach und nach zerfällt die Umgebung, die Häuser stürzen ein, Autos und Figuren zerspringen, lösen sich auf. Vor ihr eine karge Landschaft. „Wenn dieser Ort alles war, warum gehen Sie direkt ins Nichts?“

Auf der Bühne selbst links und rechts angedeutete Aktenschränke in einer Fluchtpunktperspektive schräg zulaufend angeordnet. Die 3D-Animationen auf der Leinwand im Hintergrund verlängern den Schauplatz oftmals ins Unendliche.

Eine Frau im langen Rock mit kleinem Koffer betritt die Bühne. Sie weiß nicht so recht, was sie tun soll. Es erscheint ein großer Augapfel an der Decke, der sich bewegt, scheinbar alles im Blick behält. Der Hüter des Gesetzes, ein Hologramm.

Die Befragung beginnt. Warum weg, warum hin, wie angepasst sie sei. Und immer wieder die Ablehnung. Es reicht nicht, es ist nicht genug. Libertad, Freiheit sucht sie. Das Stück ist auf Deutsch und Spanisch von der Gruppe „Dalí Moustache Performing Arts“, deren Gründer*Innen 2015 aus Venezuela nach Dortmund kamen, konzipiert und realisiert. Dem Geschehen kann man in beiden Sprachen sehr gut folgen.

Als Publikum hofft man mit, dass sie die Prüfung übersteht. Als ein deutsches, fehlerfreies Kinderlied gefordert wird, singt sie laut, mutig und einwandfrei „Guten Abend, gute Nacht“. Doch das Gericht meint, einen Akzent wahrgenommen zu haben. Sie darf nur ins Wartezimmer mit einer Nummer nahe an vierhundert. Und die rote Linie, die die Bühne zwischen links und rechts teilt, keinesfalls überschreiten!

Ein Mann betritt die linke Hälfte. Er ist schon so lange in Warteposition, dass er sich kaum mehr erinnern kann, was mal gewesen war, wer er ist. Vielleicht geht es um seine „Remigration“?

Gessliam (Momo) Suárez (rechts) und Rodolfo Parra trennen eine rote Linie. Foto: (c) Martina Bracke)
Gessliam (Momo) Suárez (rechts) und Rodolfo Parra trennen eine rote Linie. Foto: (c) Martina Bracke)

Zudem sind seine Unterlagen zwischen verschiedenen Behörden verloren gegangen. Eine aussichtslose Situation.

Zwischen den beiden Protagonist:innen entwickelt sich eine Gespräch, eine Beziehung. Aber da ist diese rote Linie. Immer wieder greift das Auge ein, erteilt eine Verwarnung wegen unerlaubter Nähe. Und muss der Klatschdienst bedient werden, auch das Publikum ist dabei gefordert.

Die Regisseurin Cynthia Scholz bezieht sich auf Kafkas „Prozess“ und auf „El ruido del Hombre al Quebrarse“ von Greymar Hernández.

Die Schauspieler:innen Gessliam (Momo) Suárez und Rodolfo Parra überzeugen in ihrem Spiel, wandern sprachlich mühelos zwischen Deutsch und Spanisch, sind hörenswert in Gesangseinlagen und auch tänzerisch aktiv.

Er erinnert sich nach und nach; es stellt sich heraus, dass er Schauspieler ist. Zwischendurch vermengt sich die Geschichte des „Antrags auf Aufenthalt“ mit Kritik an der Kulturpolitik. Das wird sicherlich nicht von allen im Publikum verstanden, dazu müsste man mehr Insider sein. Zudem bringt es die Geschichte leicht aus dem Takt.

Das Publikum leidet weiter mit und hofft weniger. Die 3D-Animationen von Chino Monagas spielen gleichwertig mit, sind sehenswert und hervorragend gemacht. Von dem alles überblickenden Auge (gesprochen und gespielt von Sascha von Zambelly) fühlt man sich auch im Publikum verfolgt, aber selbst das hat seine Geschichte, die über die Animation miterzählt wird.

Ein spannender Abend, der gern noch öfter auf Dortmunder Bühnen kommen kann.

Im Theater Fletch Bizzel allerdings in naher Zukunft leider nicht, denn dies war für einige Monate die letzte Abendvorstellung in der Humboldtstraße im Klinikviertel. Im Publikum neben vielen jungen Menschen auch ein paar etwas ältere, einer zum Beispiel, der vor fünfunddreißig Jahren auf der Bühne im Fletch, damals noch eine Etage höher, dort, wo zuletzt das Kursprogramm läuft, seinen ersten Auftritt hatte – Thomas Kemper, mithin Fletch-Urgestein. In „Der Büchsenöffner“ von Victor Lanoux. Wehmut kommt auf. Und „wenn dieser Ort alles war, warum gehen Sie direkt ins Nichts?“

Nun, manchmal sind die Umstände so, da kann man nichts machen. Ins Nichts geht das Theater Fletch Bizzel aber nicht, es richtet sich in den Räumen des Theaters Olpketal neu ein. Wünschen wir ihm und seiner Chefin Rada Radojcic alles Gute. Und hoffentlich erlebt dort das Publikum auch wieder Produktionen von Dalí Moustache, die die Dortmunder Theaterszene bereichern.

 

Mehr unter

www.dalimoustache.de

www.fletch-bizzel.de

 




A Musical Christmas – Stimmungsvolle Gala in der Vorweihnachtszeit im Opernhaus Dortmund

Schellen läuten den Abend ein. Man hört sie nur. Zu sehen und bestaunen ist das üppige, festliche Bühnenbild mit Schlitten und übergroßen Geschenken, Tannenbäumen und rotem Teppich (Staging und Lichtdesign: Fabian Schäfer). Ganz in Rot schreiten auch die Sängerinnen die Showtreppe herunter, die mit ihrem Kollegen den Abend gestalten. Grün, Rot, Gold. Der weihnachtliche Musical-Abend kann beginnen.

Patricia Meeden, Bettina Mönch, Amani Robinson und Kammersänger Morgan Moody wünschen gleich mit dem ersten Lied eine „Wonderful Christmas Time“, bevor sie mit launigen Moderationen locker in die nächsten Soli einführen. Starke Stimmen allesamt, die ein Programm mit bekannten Musical-Melodien bieten, aber auch mit einigen Songs, die nicht aus Musicals stammen, aufwarten. Mit dabei der Elvis-Klassiker „Can’t help falling in love“ aus dem Musikfilm „Blue Hawaii“ von 1961, schön zartschmelzend interpretiert vom Bass-Bariton Morgan Moody. Das langjährige Dortmunder Ensemblemitglied hat damit die Herzen des weiblichen Publikums mit Sicherheit erreicht, aber als Hahn im Korb lieben ihn seine Kolleginnen auf der Bühne sicherlich auch. Wenn man von den leicht ironischen Zwischentexten ausgehen kann. Was sich neckt, das liebt sich.

Sehr einfühlsam interpretiert dann das klassische Weihnachtslied „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ von Patricia Meeden, die bereits im vergangenen Jahr die weihnachtliche Musical-Gala mitgestaltete.

Neben dem King of Rock ’n‘ Roll kommt auch der King of Pop zu Gehör: Den ersten Teil beenden die vier mit dem Appell des Michael-Jackson-Hits „Heal the world“. „Make it a better place for you and for me and the entire human race.”

Mit diesem Wunsch begibt sich das Publikum zu Gesprächen in die Pause und freut sich auf die zweite Hälfte. Während es in einer Reihe „So schnell?“ heißt. Nun, vielleicht hat es der eine oder die andere auch gedacht, dabei ist bereits mehr als eine Stunde verflogen. Die Dame, die dies ausrief, hat allerdings mit ihrer Begleitung die Reihe eine Viertelstunde zu spät in Unordnung gebracht, sodass alle anderen ihr einiges an Genuss voraushaben.

Das Programmblatt zu "A Musical Christmas"
Das Programmblatt zu „A Musical Christmas“

Zurück aus der Pause kämpfen sie und die neben und hinter ihr Sitzenden mit ihrem voluminösen Mantel, der offensichtlich kein freies Schließfach mehr gefunden hat, bevor man sich wieder auf das Bühnengeschehen konzentrieren kann. Die fünf Musiker der Band unter der Leitung von Stephan Kanyar am Klavier wechseln nur hin und wieder ihre Instrumente, aber nicht die Bekleidung, die Sängerinnen und der Sänger läuten nun in glitzernden Kleidern und Jackett den zweiten Part ein.

Das Publikum ist gut eingestimmt und geht im zweiten Teil gern mit. Manchen hält es vor Begeisterung nicht und er bekundet seine Freude auch mitten in den Liedern, sodass der Würdigkeit des Abends zum Trotz nicht der himmlische Lobgesang, sondern irdische Zwischengeräusche erschallen. So auch bei dem Solo von Bettina Mönch mit „Nothing compares 2 U“ (Prince), die in Dortmund schon mehrfach in Produktionen mitgespielt hat, so in „Cabaret“, „Rent“ oder „Sweeney Todd“. In der nächsten Spielzeit wird sie in dem Musical „Rebecca“ zu sehen sein.

Ein Swing-Medley führt noch einmal alle zusammen, bevor weitere Soli und ein Duett der „unzertrennlichen Schwestern“ Patricia Meeden und Amani Robinson ins Finale führen.

Und was mit Schellen begann, klingt nach über zwei Stunden mit dem gemeinsam gesungenen „Jingle Bells“ und viel begeistertem Applaus aus. Nicht ohne einen weiteren Hinweis auf das geplante Musical „Rebecca“ in der kommenden Spielzeit, die an diesem Abend noch weit entfernt scheint.

Aber nach den Festtagen ist das neue Jahr schon da und die Zeit vergeht so schnell, wie die Dame mit dem auch für großzügige Theatersitze massigen Mantel bereits zur Pause wusste.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in das Neue Jahr, das pünktlich beginnen wird ;).

 

Mehr unter www.theaterdo.de

 




Schmeckt die Freiheit nach Erdbeeren?

Freiräume – Tanztheater mit zwei Gruppen und einem Thema

Zuerst kommt der Nebel, dann folgen die jungen Darstellerinnen aus dem Kulturrucksackprojekt für 10- bis 14-Jährige. Ihre Requisiten symbolisieren den Wald. Wo finde ich Freiräume? Was ist für mich Freiheit? Ganz verschiedene Antworten gibt bereits die erste Szene. Und ganz selbstbewusst heißt es: „Sei du selbst, alle anderen gibt’s schon.“

Schon im alljährlichen Osterprojekt von vier.D haben sich die Mädchen Gedanken über die Freiheit gemacht und daraus erste (Tanz-)Szenen entwickelt. Ganz konkret wird zum Beispiel die Klassensprecher:innen-Wahl aufgegriffen, bei der ganz unterschiedliche Versprechungen locken. Zählen Visionen? Ein Chill-Tag? Oder Mitspracherecht? Oder ziehen doch eher die Aussicht auf Geschenke wie Süßigkeiten und Pizza? Muss ich in der Gruppe mitlaufen, um anerkannt zu sein? Oder suche ich mir meinen eigenen Weg?

Sprech- und Tanzszenen wechseln sich ab, die Mädchen sind ein eingespieltes Team und machen dem Publikum viel Freude.

Nach der Pause erobern die Älteren die Bühne. Fünfzehn Jugendliche der Jungen Tanzwerkstatt 15+ von vier.D und des Jugendclubs 16Plus des Schauspielhauses Dortmund haben ihre Koffer gepackt und nehmen Kissen und Schlafmaske mit auf die Bühne, Inhaliergerät und Tagebuch, aber auch ihre gute Laune, Unsicherheit und Erinnerungen.

Die Koffer werden im Lauf des Spiels einzeln geöffnet und bieten Anlass genug für Szenen, schön genutzt wird jeweils ein Licht im Koffer, das die Personen von unten beleuchtet. Ein sehr kreativer Einsatz der Requisiten insgesamt.

Nebeliger Beginn von "Freiräume". (Foto: (c) Martina Bracke)
Nebeliger Beginn von „Freiräume“. (Foto: (c) Martina Bracke)

Das Publikum erfährt von Träumen und Erfahrungen und nimmt live teil an einer Wahl zum Jugendwort des Jahres. Die agilen Moderator:Innen der Show interviewen auf der Bühne einige Jugendliche, denen sie allerdings schon beim ersten Ton das Wort abschneiden, aber dennoch ihre Beiträge loben. Vorschläge für Jugendwörter kommen aus dem Publikum, werden aufgegriffen und zur Abstimmung gebracht. Denn – das erfährt man nebenbei – die offizielle Jury, die jedes Jahr das Jugendwort des Jahres wählt, besteht zu mehr als fünfzig Prozent aus – ACHTUNG –  Erwachsenen. Ob sich da die Jugendlichen wiederfinden? Am heutigen Abend fällt die Wahl jedenfalls auf das Wort „Sechssieben“. Da das Publikum per Applaus abgestimmt hat, könnte es sein, dass wieder mehr als fünfzig Prozent Erwachsene entschieden haben. Aber egal, in der nächsten Vorstellung läuft es sicherlich anders, denn dann werden mehrere Schulklassen im Fritz-Henßler-Haus sein.

Für Lacher sorgen noch die beiden weißen Pferde auf der Bühne, die gekonnt eintänzeln. Natürlich keine echten. Im Schlepptau die klischeehaften Prinzen. Aber wer braucht schon schmierige Prinzen auf weißen Pferden?

Jede:r braucht Raum für Wünsche, Träume und Zukunft. Zukunft, die von den Erwachsenen mitgedacht werden muss, für die man aber auch die Jugendlichen selbst einbeziehen sollte. Und jede:r braucht Freiraum, so zu sein, wie man ist.

Schmeckt die Freiheit nach Erdbeeren? Manchmal schmeckt sie auch nach Zimt. Individuell eben. Auf jeden Fall schmeckt sie gut.

Ein kurzweiliger Abend mit einigen Botschaften, die man hören sollte, den das Team von vier.D und dem Schauspielhaus Dortmund unter der Anleitung von Laura Gebauer, Birgit Götz, Helen Greve-Groß, Sarah Jasinszczak & Johanna Menke mit den Jugendlichen auf die Bühne gebracht hat. Verdienter, langanhaltender Applaus belohnt die Mitwirkenden, zum Abschluss gibt es noch eine kleine filmische Zugabe vom Probenwochenende. Dann kann gefeiert werden.

Neben der Schulvorstellung im Fritz-Henßler-Haus gibt es noch eine Aufführung im Studio des Schauspielhauses, die Jugendlichen sind flexibel.

 

Mehr unter:

www.vierD.info

www.theaterdo.de

https://kulturrucksack-dortmund.de




Bist du Bär oder Pavian? Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute

Bist du Bär oder Pavian?

Die ebenerdige Bühne im Operntreff zeigt an diesem Morgen ein Zoogehege mit angedeuteter Mauer. Freier Blick auf die Bärenburg, den Affenbaum mit zwei grünen Blättern und den Murmeltierfelsen (Bühnenbild: Emine Günser). Auch die Instrumente des Ein-Mann-Orchesters (Sven Pollkötter) sind links und rechts in das Bühnenbild integriert. Die Dirigentin arbeitet versteckt und wird auf Monitoren übertragen, die das Publikum kaum bemerkt.

Das Murmeltiermädchen ist jung, lebhaft, interessiert und sehr vergesslich.

Der Bär ist eher langsam, dabei aufmerksam für seine Umgebung und nicht zufrieden mit dem, was er wahrnimmt.

Der Pavian ist cool, er fläzt sich auf seinen Baum. Ein bisschen Fellpflege, aber vor allem für Ordnung sorgen. Das angenehme Leben schützen. Nicht zu neugierig sein, nicht auffallen. Ein kleiner, kollegialer Rat.

Willst du der Pavian sein?

Die beiden Sängerinnen (Wendy Krikken und Cosima Büsing) und ihr Kollege Franz Schilling verkörpern die drei Tiere in einem Zoo, der an einen weiteren Zaun grenzt. Eine Grenze, hinter der die Gestreiften eingepfercht sind. Von Gestiefelten. Einen solchen Zoo gab es neben dem Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar.

Nach intensiven Recherchen zu diesem fast vergessenen Zoo entwickelte der Autor Jens Raschke vor zwölf Jahren sein Theaterstück, zu dem die Junge Oper Dortmund jetzt eine Komposition in Auftrag gab. Zur Uraufführung am 10.11.2025 am Platz der Alten Synagoge in Dortmund reiste Jens Raschke eigens an. Im Raum saßen Kinder von der siebten Jahrgangsstufe aufwärts, intensiv von der Theaterpädagogin Kristina Senne und ihren Lehrerinnen und Lehrern in verschiedenen Fächern vorbereitet. Dazu auch eine ganze Reihe von Erwachsenen.

Foto: Franz Schilling, Wendy Krikken, Cosima Büsing(c) Björn Hickmann
Foto: Franz Schilling, Wendy Krikken, Cosima Büsing
(c) Björn Hickmann

Das Thema eine Herausforderung, aber auch die musikalische Umsetzung, wie der Komponist Edzard Locher in der anschließenden Nachbesprechung zugab. Keine Verse, keine Reime. Manche Sätze werden auch gesprochen, mehr als in anderen Opern und der Schluss ist auch als Ensemblearbeit zu verstehen. In den Proben unter Regisseur Stephan Rumphorst haben alle Beteiligten die Vorlagen weiterentwickelt.

Die Sängerinnen und Sänger stellen ihre Tiere sehr glaubwürdig dar. Ihr Verhalten sorgt auch immer wieder für ein Schmunzeln im Publikum. Hin und wieder treten sie auch vor die Mauer und sind Gestiefelte und Gestreifte, Kinder und Erwachsene. Das Leben vor dem Zaun beeinflusst die Tiere, aber auch das Leben und Verhalten im Zoo hat Auswirkungen auf das Lager. Wenn der Bär nicht zur Unterhaltung beiträgt, müssen die Gestreiften leiden.

Das Wort „Buchenwald“ fällt nicht, das Lager ist nicht zu sehen, aber die beklemmende Nähe ist spürbar. Die damaligen „echten“ Besucherinnen und Besucher des Zoos wollen nichts gewusst haben, die Tiere auf der Bühne nehmen sehr viel wahr und riechen den Rauch aus dem weithin sichtbaren Schornstein. Bis es der Bär nicht mehr aushält.

Eine gelungene Uraufführung eines wieder aktuellen Themas, das auch als Oper wunderbar funktioniert. „Wenn man’s nicht mehr sagen kann, fängt man an zu singen.“

Auf jeden Fall sind alle im Publikum hochkonzentriert, anderthalb Stunden ohne Pause. Eine Aufführung für junge Menschen und am besten auch für Erwachsene.

Und jede und jeder kann sich auf dem Weg nach Hause selbst die Frage beantworten: Will ich Pavian sein oder Bär? Wie entscheide ich mich?

 

Weitere Termine unter www.theaterdo.de




Peterchens rasante Mondfahrt – ein Theatersolo für unzählige Figuren für alle ab 5 Jahren

Der kleine Peter starrt ins Publikum. Aber flink sind seine Daumen unterwegs, denn Peterchen spielt ein Computerspiel. Doch dann fällt das Internet aus. Oh, Schreck! Was tun? Plötzlich ist es so still und sooo langweilig. Die Kinder im Publikum versuchen eifrig, Peter zu helfen.
Schon in den ersten Minuten sind die kleinen und großen Gäste im Theater Fletch Bizzel voll bei der Sache und versuchen, seine Langeweile auf der einfach gehaltenen Bühne mit mehreren Stoffbahnen, einem quer gespannten Drahtseil und variablen Kisten zu durchbrechen. Es hilft erst einmal nicht viel, doch dann landet unerwartet Herr Sumsemann, ein Maikäfer mit langer Ahnenreihe, die jeweils nur fünf Beine hatte, weil der Mondmann vor langer Zeit das sechste mitgenommen hatte.

Peterchen (herrlich: Christiane Wilke) ist Feuer und Flamme, das sechste Bein vom Mond zurückzuholen, und so beginnt ihre abenteuerliche Reise, in der keine Sekunde Langeweile aufkommt. Sie werden auf das Nachtfeenfest eingeladen, lernen die unterschiedlichsten Feen und Geschöpfe kennen. Herr Sumsemann, eine große Stoffpuppe, erleidet ein ums andere Mal einen Ohnmachtsanfall, doch im Publikum sind alle begeistert.

Liebevoll hat Regisseur Cvetin Anićic, der für den gesamten Puppenbau verantwortlich zeichnet, die Kleiderbügelsterne, die Windhexe als Kissen, den Blitzmacher mit Riesennase und Blitzzylinder und viele andere skurrile Figuren gestaltet – bis hin zum Mondmann, den Peterchen und Herr Sumsemann treffen. Ein grantiger, überlebensgroßer Stoffgeselle, wiederum mit einer individuellen Stimme von Christiane Wilke gespielt, der das Bein so gar nicht herausrücken mag – ebenso wenig wie die der anderen Tiere, die er im Lauf der Zeit gesammelt hat. Aber es gibt eine Chance: ein Ratespiel. Und die Kinder im Publikum helfen nach Kräften, das Rätsel zu lösen. Kaum dass es sie auf den Stühlen hält. Zu spannend und zu wichtig ist es, das Bein für Herrn Sumsemann zu retten.

Bühnenfoto von "Peterchens Mondfahrt" im Fletch Bizzel. mit Christiane Wilke. (Foto: (c) Martina Bracke)
Bühnenfoto von „Peterchens Mondfahrt“ im Fletch Bizzel. mit Christiane Wilke. (Foto: (c) Martina Bracke)

Christiane Wilke tanzt und singt auf der Bühne – mit musikalischer Livebegleitung von Dimitrije Radisavljevic.

Das Stück basiert auf dem Märchen von Gerdt von Bassewitz, das schon 1912 als Märchenspiel im Alten Theater Leipzig Premiere hatte und dann 1915 erstmals in Buchform erschien. Ein über hundert Jahre alter Klassiker, der auf der Bühne im Theater Fletch Bizzel frisch und jung herauskommt. Christiane Wilke, mit Stimmen für alle auftretenden Puppen, tobt über die Bühne und hat nicht nur ein Drahtseil, sondern auch einen festen Draht zum Publikum.

Natürlich geht alles gut aus: Herr Sumsemann und Peterchen landen wieder auf der Erde, das große Abenteuer ist vorbei. Und jetzt? Langeweile? Doch, oh, das Internet geht wieder, Peterchen greift zum Controller – und aus dem Publikum schallt eine Kinderstimme: „Is‘ jetzt nich‘ dein Ernst?“
Der Saal lacht.

Peterchen findet auch, dass es noch viel anderes zu tun gibt, und nach dem intensiven Schlussapplaus für alle, die noch auf der Bühne stehen, wollen so einige ein Foto mit Herrn Sumsemann und Peterchen mit nach Hause nehmen.

Im Dezember gibt es zwei Vormittagstermine, am 16. und 17.12., und hoffentlich noch ganz viele weitere im kommenden Jahr in der neuen Spielstätte, dem alten Theater Olpketal – dann aber erst nach einer Umbau- und Umzugspause.

Theater Fletch Bizzel: www.fletch-bizzel.de




Liebe und Tragik in der Wärme des Südens: „Amore Siciliano“ bei Klangvokal

„Palermo, 22 Grad, Sonnenschein“ – diesen Wunsch äußerte Barbara Welzel zu Beginn der Vorträge am Dienstag in der Reihe „Bild und Klang“ in der Reinoldikirche, bevor der Leiter des Klangvokal-Musikfestivals, Torsten Mosgraber, ans Mikro trat und Sizilien und seine Musik vorstellte. Ein frommer Wunsch in kühler Kirche. Wärmer wurde es dann am Freitag, dem 31.10.2025 im Reinoldisaal, denn dort konnte „Amore Siciliano“ mit fünf Sängerinnen und Sängern und neunköpfigem Orchester, der Cappella Mediterranea, auf Einladung von Klangvokal bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert live erlebt werden.

Das Ensemble bot eine wohltemperierte Mischung (Pasticcio) aus Volksmusik aus Sizilien, aber auch aus Apulien und Kalabrien sowie Barockmusik aus Süditalien des 17. und 18. Jahrhunderts. Geformt zu einem Prolog und zwei Akten, in denen es um Liebe ging – natürlich –, aber mit Irrungen und Wirrungen: Verrat, Eifersucht und Tod, nicht ganz natürlich.

Den Rahmen bildet das Lied von Cecilia, La Canzone di Cecilia, die sich den Versprechungen Don Lidios hingibt, der dafür ihren im Gefängnis schmorenden Peppino freilassen will. Zu Beginn erklingt ein geistliches Lied von Vincenzo Tozzi aus dem 17. Jahrhundert. Stimmungsvoll mit Kerzen wird die Geburt Jesu in der Weihnachtsnacht gepriesen. Die Kunstmusik der Zeit ist geprägt durch die katholische Kirche, bei der Tozzi als Chorleiter in Messina angestellt war, nachdem er bereits in Rom gewirkt hatte.

Sizilianische Wäre im herbstlichen Dortmund. (Fotocollage: Martina Bracke)
Sizilianische Wäre im herbstlichen Dortmund. (Fotocollage: Martina Bracke)

Nach diesem eher getragenen Prolog beginnt die Erzählung, die der Komponist und Leiter des Ensembles, Leonardo García Alarcón, aus den Liedern gewoben hat. Seine Recherchearbeit führte ihn dabei bis nach Malta. Im Kathedralenmuseum in Valletta lagern diverse Manuskripte und gedruckte Werke italienischer und maltesischer Komponisten. Malta liegt nur rund einhundert Kilometer von Sizilien entfernt.

Das tragische Geschehen nimmt seinen Lauf. Peppino möchte nicht, dass seine Cecilia sich hingibt, doch ihre Liebe bringt sie dazu. Eifersucht spielt bei der Gattin des Verführers hinein. Zwischendurch erleben die Zuhörerinnen und Zuhörer auch erheiternde Stücke, wenn zum Beispiel die Laute eines Esels in einem Volkslied erklingen. Dafür erhält der Tenor Valerio Contaldo Szenenapplaus.

Der ganze Abend kommt ohne Bühnenaufbauten aus. Die Musikerinnen und Musiker mit einigen interessanten Instrumenten (Viola da Gamba, zwischen den Beinen gehalten, oder auch verschiedene Lauten) befinden sich auf der Bühne. Der Leiter des Ensembles spielt die Orgel, manchmal auch stehend, damit er gleichzeitig dirigieren kann. Die Sopranistinnen und die Sänger nutzen Mimik und Gestik und auch den Balkon des Saales, um miteinander zu interagieren. Ein Programmheft mit sämtlichen italienischen Texten und deutscher Übersetzung hilft, die Handlung zu verfolgen. Viele genießen aber auch einfach das Zusammenspiel und den Klang der Musik, vorgetragen von wunderbaren Künstlerinnen und Künstlern.

Zum zweiten Akt tragen die Damen andere Kleider. Ana Vieira Leite und Mariana Flores singen gemeinsam ein Volkslied über die Schwalbe, in dem es natürlich auch um Liebe geht. Weiteren Zwischenapplaus erntet das Orchester für seinen Instrumentalteil: eine spanische Tarantela (ein Volkstanz, tatsächlich nach der Spinne, der Tarantel, benannt). Alarcón fügt gegen Ende, das Peppino nicht überlebt, noch ein eigenes Musikstück ein, in dem alle Sängerinnen und Sänger ihren Part haben.

Lang anhaltender Applaus am Ende bewegt das Ensemble glücklicherweise zu zwei Zugaben. Dann ist dieser schöne Abend auch schon zu Ende und das Publikum wird entlassen in ein Dortmund mit 13 Grad, bei Nacht.

www.klangvokal.de




Solange Sie mich sehen, existiere ich.

Climb a mountain – Tanzperformance

In einem eng umgrenzten Quadrat aus vier Leuchtröhren auf einer weiten, weißen Ebene mit einer weißen Leinwand im Hintergrund befindet sich Joy. Joy, die Tanzende auf der Bühne, die genauso heißt wie die international erfahrene Tänzerin Joy Kammin im Leben abseits der Bühne. Ein Zucken fährt durch ihren Fuß, die Bewegung erfasst nach und nach den Körper. Alles kommentiert beziehungsweise erklärt von Joy selbst. Aber spricht sie? Oder sind das die Anweisungen aus der KI, der künstlichen Intelligenz aus der App, die die Choreographin Julia Riera, die in Tilburg zeitgenössischen Tanz studierte und bereits Stipendiatin der Tanzrecherche NRW war, mit der MIRA-Tanzproduktion entwickelt hat und nutzt?

Joy bewegt sich in dem Viereck, manche Sequenzen wiederholen sich in den Anweisungen, die Ausführungen ähneln sich nur scheinbar. „Ich bin stark, ich kann das schaffen.“ Irgendwann löst sie sich aus dem Viereck. Von der Decke abhängende weitere Röhren erhellen die gesamte Bühne (Lichtdesign Jasper Diekamp). Der Aktionsradius erweitert sich.

Climb a mountain  Foto: (c) Julia Franken
Climb a mountain Foto: (c) Julia Franken

Ein Raum der Möglichkeiten eröffnet sich, aber das erzeugt auch Unsicherheiten. Die Tänzerin löst sich wie eine Wolke auf, um sich immer neu zusammenzusetzen. Textfragmente. Irgendwann verschwindet sie hinter der Leinwand. Man sieht, dass sie weiter tanzt, doch man sieht nur Schemen, die sich überlagern. Auflösungserscheinungen.

Sie kehrt zurück auf die Bühne, verlässt sie, um eine Hose anzuziehen, mit der sie sich „sicherer“ fühle. Das Spiel wird streckenweise bedrohlicher, verstärkt durch die Komposition von Timm Roller und die Lichtwechsel.

Doch Joy lächelt auch mit „dreihundert“ Muskeln und nimmt sich vor, Missverständnisse freudig aus dem Weg zu räumen.

Immer wieder setzt sie sich neu zusammen, wird sie hin- und hergeworfen vom Sturm und Brausen der Musik, vom Flackern des Lichts. Und steht letztlich im Dunkel, genau in der Mitte der Bühne.

Das Publikum benötigt eine ganze Weile, um zu begreifen, dass dies nun kein weiterer Fehler im System ist, sondern tatsächlich das Ende dieser in jeder einzelnen Sekunde spannenden Tanzperformance.

Dann gibt es den verdienten, lang anhaltenden Applaus und Joy existiert in den Köpfen sicherlich noch eine Weile weiter.

„Climb a mountain“ hatte seine Premiere am Samstag im Theater im Depot im Rahmen des Festivals „Beyond Gravity“ und markierte den Beginn der neuen Saison an der Immermannstraße. Es kann gern so weitergehen.

Beyond Gravity Festival ist ein biennales, interdisziplinäres Festival für Digitale Künste, Tanz und Performance. Diese zweite Ausgabe 2025 fand in einer Kooperation zwischen dem Theater im Depot, der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund und dem Kulturforum Witten statt.

www.theaterimdepot.de