Berauscht im Kulturtempel

Filmkonzert Charlie Chaplin: Goldrausch

 

Das Licht geht an und man möchte das nicht. Nein, bitte kein Saallicht und bitte nicht hinaus ins Tageslicht. Dabei ist das Wetter draußen deutlich besser als im Film.
Eine lange Schlange von Goldsuchern kämpft sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts durch Schnee und Sturm in Alaska. Wir sehen „Goldrausch“, der im Juni 1925 in Los Angeles uraufgeführt wurde. Von Charlie Chaplin, der sich ganz allein und munter in seinem Anzug mit Weste und mit der Melone auf dem Kopf als armer Glücksritter auf den Weg durch Berge voll Schnee macht. Am Bären vorbei, den er nicht sieht, denn wenn er sich umdreht, ist dieser gerade in der nächsten Höhle verschwunden. Erste Lacher im Publikum.
Slapstickszenen gibt es so einige im Film, die immer wieder für Erheiterungen sorgen, obwohl die Geschichte in weiten Teilen traurig ist. Der Glücksritter muss Schutz vor dem Sturm suchen und findet eine Hütte. Dort ist er zwar von dem steckbrieflich gesuchten Black Larsen schlecht gelitten, aber eine andere Möglichkeit bleibt nicht. Später stößt noch der glückliche Goldsucher Jim dazu, mit dem er im Verlauf der Geschichte noch einmal zurückkehrt. Die Hütte wird dann an den Abgrund geweht, was mit einem Haus auf der Kippe und zwei Akteuren wieder zu amüsanten Balanceeinlagen animiert.
Ganz wunderbar aber zum Beispiel die berühmte Szene, als das Essen ausgeht und letztlich ein Schuh gekocht, auf dem Teller seziert und verspeist wird. Bis ins kleinste Detail spannend gemacht. Aber auch das ungewöhnliche Essen hält nicht lange vor, der Sturm aber an. Halluzinationen und Verfolgungsjagden sorgen für Action.

"Goldrausch" von Charlie Chaplin im Konzerthaus musikalisch begleitet durch die Dortmunder Philharmoniker. (Foto: (C) Martina Bracke)
„Goldrausch“ von Charlie Chaplin im Konzerthaus musikalisch begleitet durch die Dortmunder Philharmoniker. (Foto: (C) Martina Bracke)


Und bei alledem wenig Zwischentexte, dafür umso mehr Musik, die auf den Gewehrschuss genau erklingt. Die Dortmunder Philharmoniker werden anders als bei konzertanten Aufführungen nicht angeschaut, aber ohne sie wäre das Vergnügen höchstens halb so groß. Es ist ein ganz anderes Erlebnis, in diesem Saal mit vollem Orchester die laufenden Bilder auf großer Leinwand mit einem begeisterten Publikum zu erleben, als vielleicht zu Hause am kleinen Bildschirm.
Der Film ist von 1925, die aktuelle Fassung von 1942, als Charlie Chaplin das Material noch einmal in die Hand nahm, neu schnitt, kürzte und mit einigen Zwischentexten versah. Dem Tonfilm, der zu der Zeit schon Standard war, zollte er allein durch die Filmmusik Tribut, die Max Terrer komponierte, der dafür eine Oscar-Nominierung erhielt.
Und das musikalische Repertoire reicht weiter von actiongeladenen Szenen, menschlichen Abgründen hin zu romantischen Anwandlungen, denn der Tramp, immer noch arm, verliebt sich in eine Animierdame in einer rauen Kneipe. Die Angebetete und andere machen sich lustig, doch er nimmt alles ernst und hat ein besonderes Silvester geplant. Natürlich bleibt er allein, schläft ein und erträumt sich die Feier einschließlich eines ebenfalls berühmten „Brötchentanzes“ – zwei Brötchen, aufgespießt mit Gabeln, tanzen in Chaplin-Manier.
Noch gibt es also kein Happy End. Da sind weitere Verwicklungen nötig, bis der Tramp am Schluss die Melone gegen einen Zylinder tauschen und vom Goldrausch endlich in einen Liebesrausch fallen kann.
Das Publikum, tatsächliche Fans outen sich mit entsprechenden Charlie-Chaplin-T-Shirts, applaudiert ausdauernd und dankt damit insbesondere den Philharmonikern für einen wunderbaren Abend. Anschließend schwebt das Publikum wie auf Wolken ins immer noch helle Tageslicht.

Mehr zu den Dortmunder Philharmonikern unter
www.theaterdo.de
www.konzerthaus-dortmund.de

 

 




Was bleibt, wenn jemand geht? – Hinterlassenschaft – A House Full of Stuff

Early boarding – wer früher kommt, darf eher rein. Also zwanzig Minuten vor Beginn bereits auf Einlass warten, dann schnell hinein und mit dem Handtuch den besten Platz sichern. Nein, so ist es nicht gemeint. Obwohl … mit der Jacke lässt sich der Platz vielleicht doch schon mal sichern, bevor man die Bühne betritt. Dort gibt es dann etwas zu schauen und anzufassen. Notsopretty, die Gruppe, die heute Premiere feiert, konzentriert ihren Kram, ihren Stuff, in der rechten hinteren Ecke der Bühne. Regale, schräg angeschnittene Kommoden, ein Einhorn, Fotos, Papiere, Ordner, Vasen, eine Schallplatte von Tina Turner und vieles mehr. Das künftige Publikum nimmt die Gegenstände in Augenschein und verbindet mit einigen direkt eigene Erinnerungen. Auch mit dem Ensemble (Anna Júlia Amaral, Marcel Nascimento und Nina Weber) kann bereits gesprochen werden.

Bis zur Vorstellung ist es aber noch Zeit, der Platz durch die Jacke gesichert, also in Ruhe noch einmal an die Theke und mit Getränken versorgen. Dann startet der selbstständig tönende Lautsprecher mit seinem Intro zum Stück. Nach und nach bauen die drei Darstellerinnen und Darsteller ihre kleinen Welten auf der Bühne auf, tragen den Berg ihres „Stuffs“ ab, kleiden sich in Kostüme, z. B. Jacken, die zur Hälfte aus einem Faltenrock bestehen. Begleitet werden ihre Aktionen von Audiodeskriptionen, die teilweise über die Lautsprecher kommen, teilweise von den Handelnden selbst kommentiert werden. Das Stück will auch für blinde Gäste erlebbar sein, was dank der Beratung durch Adriani Botez gut funktioniert. Jede Person trägt zudem andere Schuhe, durch die sie sich bei ihren Gängen auf der Bühne akustisch unterscheiden.

notsopretty sind: (v.l.n.r.) Anna Júlia Amaral, Marcel Nascimento und Nina Weber. (Foto: (c) Martina Bracke)
notsopretty sind: (v.l.n.r.) Anna Júlia Amaral, Marcel Nascimento und Nina Weber. (Foto: (c) Martina Bracke)

In ihren neu aufgebauten kleinen Welten erzählen die Figuren ihre jeweils eigenen Geschichten, die im Laufe des Stücks immer wieder weiterentwickelt werden.

Die kleinen Dinge spielen zunächst eine Rolle, denn mit ihnen verknüpfen sich Erinnerungen, was ja schon beim Publikum beim Early Boarding sichtbar wurde, aber immer wieder kommt die Frage auf: „Reden wir über Geld?“

Hinterlassenschaft ist nicht nur sentimental. Hinterlassenschaft bedeutet erben, nicht nur die Nase wird geerbt, geerbt wird auch Geldvermögen oder keins. Wie viel Geld? Kann man das auch irgendwie messen? Eine große Rechnung wird aufgemacht: Wenn ein Euro einem Zentimeter entspricht, wie viele Kilometer sind dann eine Milliarde? Die Gruppe überschlägt es und kommt auf  10.000 Kilometer. Große Summen stehen im Raum und hier setzt Gesellschaftskritik an. Vermögens- und Erbschaftsteuer sind Thema. Später wird der Umgang mit Reichen und ihrem Erbe noch in einen Song verpackt, für den es Szenenapplaus gibt.

Dazwischen schwelgt man in Fotos, man blättert akustisch durch das Fotoalbum, und „Weißt du, wie dein Vater gelacht hat?“

Das Spiel mit den Requisiten gelingt dem Ensemble eindrucksvoll. Besonders schön der quasi „Rutsch in die Urne“ über eine der abgeschrägten Kommoden. Letztlich kann man nur erben, wenn jemand stirbt, dennoch kann des Öfteren im Stück gelacht werden. Man erfährt jede Menge übers Erben und Vererben, was vielleicht den Gang in die Verbraucherzentrale erspart und vielleicht nicht so ausführlich hätte sein müssen, aber im Leben kann es sich noch als nützlich erweisen. Das Publikum kann aber auch einfach einen gelungenen Theaterabend genießen.

Am Ende landet alles erst einmal im Keller, wie das so ist mit den vielen Hinterlassenschaften, von denen man sich noch nicht trennen kann. Auch die Kirschen im Weckglas von 1978. Die Bühne ist aufgeräumt, aber das Publikum kann nichts mehr anfassen, denn eine Plane schützt das Erbe vor zu großer Neugier. Also Jacke vom Stuhl nehmen und an der Theke noch ein Getränk genießen. Auf die Verstorbenen! Mögen sie in guter Erinnerung bleiben.

 

Notsopretty, ein seit 2019 bestehendes Performancekollektiv, macht am Ende auf die angekündigten Etatkürzungen seitens des Landes NRW für die Freie Theaterszene aufmerksam. Mehr Infos dazu z. B. ein offener Brief unter www.dott-netzwerk.de (Netzwerk Dortmunder Tanz- und Theaterszene).

 

Mit dem Stück tourt das Ensemble noch durch verschiedene Städte und kehrt hoffentlich nochmal zum Koproduzenten und Premierenort Theater im Depot in Dortmund zurück.

 

Mehr:

Theater im Depot

Immermannstr. 29

44147 Dortmund

www.theaterimdepot.de

 

Die Gruppe:

www.notsopretty.de

 

Aktuelle Termine:

Fr/Sa, 13.-14.6. | 19 Uhr | Kulturhaus Thealozzi | BOCHUM

Sa, 28.6. | 16:30 Uhr | Droste Festival | HAVIXBECK

Fr/Sa, 25.-26.7. | 20 Uhr | Theater im Karlstorbahnhof | HEIDELBERG

Sa/So, 1.-2.11. | 20 Uhr | Landungsbrücken | FRANKFURT




O Fortuna – Glück für Dortmund

Festliches Chorkonzert mit dem Opernchor Dortmund

O Fortuna – es gibt Werke, mit denen man sein Schicksal direkt zu Beginn eines Konzerts positiv beeinflussen kann. Zur Glückseligkeit benötigt es an diesem Nachmittag im Dortmunder Opernhaus nur wenige kraftvolle Takte: „O Fortuna“ aus der Carmina Burana von Carl Orff zeigt gleich zu Beginn beeindruckend die Stimmgewalt des mehr als vierzigköpfigen Opernchores des Theaters Dortmund und nimmt das Publikum für sich ein.
Es folgen noch zwei weitere Sätze aus der Carmina Burana, bevor der Leiter des Opernchores, Fabio Mancini, zum Mikrofon greift und Hoffnung auf mehr macht – allerdings erst für die kommende Spielzeit. Dann steht das Werk auf dem Spielplan und soll mit Ballett auf die große Bühne. Für heute also nur ein „Apéritif“, wie Mancini es formuliert.
Nach diesen bekannten Melodien widmet sich der Chor, der mit diesem Nachmittag quasi sein persönliches „Wunschkonzert“ aufführt, einer unbekannten „Perle“: Zwei Lieder aus dem späten Schaffen Verdis – keine Opernarien – hat sich ein Chormitglied gewünscht, und nicht alle kannten sie. So erarbeitete der Chor die selten aufgeführten geistlichen Chorwerke.

Ein musikalischer Bogen von Verdi bis Puccini

Verdi ist auch später noch Thema – beziehungsweise seine Oper Nabucco, zu der nicht viel gesagt werden muss. Vermutlich könnten etliche aus dem Publikum auch mitsingen, so sehr ist die Melodie in den Köpfen verankert. Aber natürlich ist es noch viel schöner, wenn der Dortmunder Opernchor mit seinen Stimmen die Luft vibrieren lässt und man nur im Geiste mitsummt.

Das Chorkonzert des Opernchor Dortmund zeigte die Stimmgewalt des mehr als vierzigköpfigen Opernchores . (Foto: (c) Martina Bracke)
Das Chorkonzert des Opernchores Dortmund zeigte die Stimmgewalt des mehr als vierzigköpfigen Opernchores . (Foto: (c) Martina Bracke)


Zur musikalischen Unterstützung kann der Chor auf Yuna Kudo und Louis Fourie an den zwei Flügeln zurückgreifen, die ein ganzes Orchester virtuos ersetzen. Fourie ist schon seit drei Jahren als Assistenz im Theater Dortmund und täglicher Begleiter des Chores tätig. Yuna Kudo ist künstlerische Leiterin des Opernstudios NRW, eines Zusammenschlusses von vier Opernhäusern aus Essen, Gelsenkirchen, Wuppertal und Dortmund zur Förderung von jungen Sängerinnen und Sängern zwischen Studium und Beruf.
Nach den Polowetzer Tänzen des Arztes und Chemikers Borodin folgen fröhliche Partien aus der Oper Faust von Charles Gounod: Kirmesmusik und ein Walzer. Faust fühlt sich offenbar sehr beschwingt an dieser Stelle – und das überträgt sich auch aufs Publikum.
Zum Abschluss wird es blutrünstiger. Der Chor fordert mit dem Stück aus Turandot von Giacomo Puccini die Hinrichtung eines Prinzen, der leider die drei Rätsel der Prinzessin nicht lösen konnte. Doch dann erliegen die Sängerinnen und Sänger – beziehungsweise das Volk dieser Oper – dem Charme und der Jugend des Prinzen und fordern Gnade für ihn. Wie das ausgeht? Man kann es ab November erfahren, wenn die ganze Turandot auf dem Spielplan steht – mit allein über einer Stunde Gesang des Dortmunder Opernchores und seinen Mitgliedern aus dann zwölf Nationen von vier Kontinenten. O Fortuna.
Und wie erwartet gibt es stehende Ovationen und eine Zugabe, für die alle ihre Notenbücher noch einmal aufklappen.

Mehr unter www.theaterdo.de
Der Vorverkauf für die kommende Spielzeit läuft.




„Under Pressure – Die Zukunft war gestern“ im Schauspielhaus Dortmund

Wölfe heulen – und sie sind niemals schwach. Manchmal ist das Leben zum Heulen. Und nicht besonders einfach. Und was bringt die Zukunft? „Life is shit and then you die“? Zehn Jugendliche begeben sich auf eine Forschungsreise – durch ein Portal in eine ungewisse, andere Welt.

Drei zunächst graue Objekte und zwei Zelte bilden das Bühnenbild, die Darstellenden tragen graue Kostüme. Einheitlich und einförmig – und doch individuell durch farbig geschminkte Gesichtspartien. Die grauen Elemente dienen als Auf- und Abgänge, sind aber auch große Projektionsflächen für bewegte Bilder. Immer wieder wird eine Nachrichtensendung eingeblendet.

Individuelle Westen ergänzen bald die Kostüme. Keine homogene Masse. (Bühne und Kostüme: Slynrya Kongyoo.)

Gedanken zur Zukunft zwischen Krise und Hoffnung

Auf ihrer Forschungsreise führen sie Tagebuch, machen sich Gedanken um ihre persönliche Zukunft – und das große Ganze. Sie sind gesellschaftlich und politisch, lokal und global hochaktuell. Das Dortmunder Weihnachtsbaum-Szenario aus dem Jahr 2024 findet Erwähnung, vor allem jedoch das Klima und andere Krisen.

Das ensemble vom Jugendclub 16Plus. (Foto: (c) Lena liedmann)
Das Ensemble vom Jugendclub 16Plus. (Foto: (c) Lena Liedmann)

Eine Fülle von Themen, mit denen sich die Jugendlichen des Jugendclubs 16Plus des Schauspielhauses Dortmund in der neuesten Ausgabe unter der Leitung von Sarah Jasinszczak seit Beginn der Spielzeit auseinandergesetzt haben. Sie haben eigene Texte und Songs verfasst, die nun auf der Bühne gespielt, gesungen und vertanzt (Choreografie: Birgit Götz) werden.

Eine Begegnung mit Aliens. Putin, Musk und Trump ziehen mit Einkaufswagen auf Shoppingtour und kaufen sich eine neue Welt, die sie „great“ machen wollen. Auch immer wieder: persönliche Gefühle. Wie ist es in der Zukunft? Man verlässt Trampelpfade, geht durch unberührten Schnee oder fährt mit einem Zug ins Neue, ins Ungewisse. Angst? Sicherlich. Aber auch freudige Erwartung.

Sehr amüsant ist die Drucker-Szene – eine schöne Wortspielerei. Und wenn man ins Publikum horcht, kommen vor allem die Gesangs- und Tanzszenen besonders gut an. Auch wenn die Spielfläche dafür gern ein wenig größer hätte sein dürfen.

Zum Abschluss ein an James Krüss und seine „sonderbare Stadt Tempone“ erinnernder Text, in dem es von der Gegenwart rückwärts geht. So können einige Fehlentwicklungen quasi rückgängig gemacht werden – doch es bedeutet auch: „Die Zeit läuft und läuft, bis wir plötzlich nicht mehr da sind.“

Ein ausgefüllter Theaterabend mit gut aufgelegten Darstellenden, mit poetischen, persönlichen, nachdenklichen und humorvollen Texten. Zum Abschluss gab es jede Menge verdienten Applaus für eine starke Leistung.

Weitere Termine:

14.05.2025, 20 Uhr, Studio des Schauspielhauses Dortmund
Das Stück läuft zudem beim „UnruhR-Festival“ der Jugendclubs in Duisburg im Juni.

Für die neue Spielzeit ist wieder ein Stück zu einem selbst gewählten Thema geplant. Infos folgen.




Das Festival, das Seminar heißen musste – The Long Road to the Director’s Chair

Zweihundertzwanzig Frauen, darunter fünfzehn Regisseurinnen, zehn Männer. Um die sechzig Filme. Fünfzig Jahre verschollen.
Erst 2023 fand sich in einem norwegischen Archiv das dokumentarische Bildmaterial zum ersten Frauenfilmfestival, das 1973 in Berlin im „Arsenal“ stattfand, wieder. Die Tonspur tauchte erst später auf. Behutsam wurde das Material aufgearbeitet – von der norwegischen Filmemacherin Vibeke Løkkeberg, die damals drehte, und anderen. Aber das Festival musste ein Seminar sein, denn ein evangelisches Bildungswerk war der Geldgeber. Sei’s drum. Es wurden internationale Filme gezeigt, Regisseurinnen kamen unter anderem aus den USA und Italien, und es wurde diskutiert.
Über Abtreibung und den weiblichen Körper. Über Respekt – und vor allem Respektlosigkeit – in der von Männern dominierten Film- und Fernsehbranche. Über gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Klingeln die Ohren? Sind das nicht auch heute noch Themen? Es klingt so bekannt. Sind wir also nicht weiter?

Ein Blick zurück – und wie viel Gegenwart darin steckt

Nun, im anschließenden Podiumsgespräch kommt diese Frage auch auf. Christiane Schäfer-Winkelmann, die damals dabei war, damals beim WDR gearbeitet hatte und sich heute vor allem als Produzentin engagiert (z. B. Fliegende Bilder am Dortmunder U), Stefanie Schulte Strathaus, Vorstand im Arsenal – Institut für Film und Videokunst Berlin, die über dieses Festival auch ihre Magisterarbeit in den Achtzigerjahren schrieb, und Dr. Maxa Zoller, künstlerische Leiterin des Internationalen Frauen* Filmfests Dortmund+Köln, reflektieren dieses erste Festival, ergänzen und kommen zu dem Schluss: Wir sind heute durchaus weiter – aber ein Rollback sei spürbar.
Vielleicht darf Frau heute eher zeigen, dass sie etwas kann, und muss ihre Technikkenntnisse nicht mehr verstecken, damit Männer mit ihr zusammenarbeiten. Vielleicht muss Frau auch nicht verheiratet sein, um mehr Respekt zu bekommen. Fräulein Paul wird nicht mehr Paulinchen genannt. Und vielleicht gilt Frau nicht mehr automatisch als aggressiv, hysterisch oder lesbisch, wenn sie weiß, was sie will.
Aber. Jede kennt ein Aber. Ich bin sicher.

Sprachen über das erste Frauenfilmfestival (v.l.n.r.) Christiane Schäfer-Winkemann, Stefanie Schulte Strathaus und die aktuelle Festivalleiterin Maxa Zollen (Foto: (C) Martina bracke)
Sprachen über das erste Frauenfilmfestival (v.l.n.r.) Christiane Schäfer-Winkelmann, Stefanie Schulte Strathaus und die aktuelle Festivalleiterin Maxa Zollen (Foto: (C) Martina bracke)

Warum begehen wir heute immer noch einen Equal Pay Day? Dieses Jahr am 7. März.
Warum sitzen im aktuellen Bundestag wieder anteilig noch weniger Frauen als zuvor? 32,4 % jetzt – 34,8 % zuvor. Der Anteil in den Fraktionen reicht von 61,2 % bis zu 11,8 %.
Warum reden alle immer noch über § 218? „Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland gemäß § 218 Strafgesetzbuch (StGB) grundsätzlich für alle Beteiligten strafbar.“ (BMFSFJ). Es gelten Ausnahmen.

Der Einblick in das damalige Festival, die Arbeit und die Diskussionen als Ausgangspunkt auch für Netzwerkarbeit war sehenswert und hörenswert. Protagonistinnen zu kennen und zu treffen – ebenso.
Im Anschluss konnte die filmische Ebene weiter vertieft werden, denn es folgten vier Kurzfilme, zusammengestellt von Dr. Maxa Zoller, unter anderem mit Werken der Festival-Erfinderinnen Helke Sander und Claudia von Alemann. Experimentell, subjektiv, dokumentarisch. Spannend.

Das Programm lief am Sonntag, 06.04.2025, im Roxy-Kino an der Münsterstraße.




Wie viele Zähne hat eine Schnecke? – Das Gewicht der Ameisen

Wie viele Zähne hat eine Schnecke?
Aber halt – geht es nicht um Ameisen? Sagt ja schon der Titel des Theaterstücks, das am Sonntag Premiere im KJT, dem Kinder- und Jugendtheater an der Sckellstraße, hatte. Und was hat es mit der Pizza auf sich?

Aber erst einmal sehen wir ein minimalistisches Bühnenbild, das sich in so ziemlich alles verwandeln kann. Ein weißer Kreis bedeckt den Boden, ein weiterer Kreis bildet den Hintergrund. Lichteffekte und wenige Möbel auf Rollen sind Werbeplakat und Schrank oder Schreibtisch und Krankenbett zugleich. Die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler stehen außerhalb der Kreise, in ihrer Nähe einige Requisiten – vor allem Perücken.

Wo wir uns gerade befinden in dem Stück des kanadischen Autors David Paquet, ergibt sich aus den Texten der Darstellenden, die fast alle mehrere Rollen spielen, und aus einem beschreibenden Off-Text, den meistens Thomas Ehrlichmann spricht.
Das harmoniert im gesamten Stück ausgezeichnet als Teil der Inszenierung (Regie: Annette Müller) und ermöglicht sowohl einem sehenden als auch einem nichtsehenden Publikum, der Handlung zu folgen.

Turbulent geht es bereits los: Der Direktor (Harald Schwaiger) erklärt über ein Mikrofon seiner Schule, man habe es unter die letzten zehn der schlechtesten Schuleinrichtungen geschafft. Ihm sei das egal, er gehe in einem Jahr in Rente.
Aber vielleicht ist es ihm doch nicht so egal, denn er ruft die „Woche der Zukunft“ aus. In dieser Woche soll auch eine Schülersprecherin oder ein Schülersprecher gewählt werden. Die erste Kandidatin wird zwangsverpflichtet. Nachdem sie mit einem Werbeplakat auf der Schultoilette gekämpft hat, soll Jeanne (Sar Adina Scheer) antreten. Die hat erst wenig Lust, doch dann nimmt sie die Herausforderung an.
Ihr Gegner ist Olivier (Jan Westphal), ein belesener Junge, der auf der Suche nach Fakten ein Buch über unnützes Wissen erhält.

Bianka Lammert, Harald Schwaiger, Jan Westphal, Sar Adina Scheer, Thomas EhrlichmannFoto: (c) Birgit Hupfeld
Bianka Lammert, Harald Schwaiger, Jan Westphal, Sar Adina Scheer, Thomas Ehrlichmann
Foto: (c) Birgit Hupfeld

Beide suchen sich Unterstützung – mal mehr, mal weniger erfolgreich –, müssen sich mit (Alb-)Träumen und Realitäten auseinandersetzen, mit Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten und mit unerwarteter Konkurrenz.

Zwischen Lachen und Lebensfragen

Schon zu Beginn reizen Text und Darstellung zu den ersten Lachern. Die Inszenierung zeigt eine Leichtigkeit, und die Schauspielerinnen (in vielen kuriosen Rollen: Bianka Lammert) und Schauspieler sind extrem gut aufgelegt. Dabei geht es um schwergewichtige Themen: Umwelt und Politik, das Erwachsenwerden, die eigene Haltung, die Ohnmacht, selbst etwas ändern zu können.
Jede und jeder trägt sein eigenes Päckchen. Aber verzagen? Und dann ist neben dem Ich auch noch das Wir. Da geht noch was. „Nichtstun hat Konsequenzen. Wer nichts sagt, sagt ja.“

Die Figuren erleben Rückschläge und Motivation, kommen zu (be)merkenswerten Erkenntnissen: „Optimismus ist ein Muskel, den musst du trainieren, sonst verkümmert er.“
Es wird gesungen, gelacht – und noch ist offenbar nicht alles verloren.
Am Ende schwappt der Text ein wenig zu deutlich noch einmal viele Botschaften ins Publikum. Das ist aber auch der einzige kleine Kritikpunkt.

Ansonsten eine beeindruckende Inszenierung eines topaktuellen Stücks mit hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern.

Und wie viele Zähne hat nun eine Schnecke? Das kann man in Büchern oder im Netz herausfinden. Man kann aber auch einfach in das Stück gehen und sich die Antworten auf weitere Fragen holen:
Ist der Direktor auch nur ein Mensch?
Was ist mit dem Gewicht der Ameisen?
Und was ist nun mit der Pizza?

Für Jugendliche ab zwölf – und auf jeden Fall auch für alle Erwachsenen! Das altersgemischte Premierenpublikum war begeistert.

Nächste Vorstellungen:
01., 08., 09. April und weitere
im KJT – Kinder- und Jugendtheater an der Sckellstraße, Dortmund
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Ein Hoch auf die Druckkunst!

Johannes Gutenberg ist ein Begriff, gilt er doch als Erfinder des Buchdrucks mit der wegweisenden Erfindung der beweglichen Lettern. Das aufwändige manuelle Abschreiben von Texten konnte so rationeller, aber nicht minder schön, abgelöst werden. Die Gutenberg-Bibel gilt auch heute noch als Meisterwerk.

Doch nicht nur das geschriebene Wort, auch Bilder lassen sich mit verschiedenen Methoden der Druckkunst vervielfältigen oder als Unikate erstellen. Die Variationen und Kombinationen sind zahlreich und weisen jeweils eine eigene Ästhetik auf. Sicherlich vielen aus eigener Erfahrung und Schulzeiten bekannt ist der Linoldruck, bei dem das Motiv aus einer Linolplatte geschnitten wird. Und noch einfacher vielleicht aus der Kinderzeit: der Kartoffeldruck.

Aber drucken – und das auch künstlerisch anspruchsvoll – lässt sich mit vielen Materialien: im Hochdruck, im Tiefdruck, mit Holzschnitt, Kupferplatten und so fort. Seit 2018 gehören die traditionellen Drucktechniken zum immateriellen Weltkulturerbe. Die Aufnahme fand am 15. März statt. Seit dieser Zeit gilt das Datum als „Tag der Druckkunst“. Ein guter Grund, um die Spielarten des Druckens zu feiern. In Dortmund gibt es dazu einige Veranstaltungen.

Die Ausstellung „The Other Way Around“

Allen voran die Ausstellung „The Other Way Around“ in der Hansastraße 6-10, dem Ausstellungsraum Hans A. Dortmund.kreativ – eine Stabsstelle der Stadt Dortmund für die Kultur- und Kreativwirtschaft – stellt hier Räume für künstlerische Aktivitäten zur Verfügung, auch zur Belebung des Brückstraßenviertels.

Diese Möglichkeit ergriffen hat Debora Ando, Künstlerin im Künstlerhaus Dortmund und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Dortmund im Fachbereich Design. Ihr schwebte bereits seit einigen Jahren vor, den Tag der Druckkunst gebührend zu feiern. Nun konnte sie einen offenen Aufruf an Künstlerinnen und Künstler mit Bezug zu Dortmund und dem Ruhrgebiet starten. Rund einhundert Bewerbungen gingen ein, sodass die Auswahl nicht leichtfiel. Zu sehen sind Werke, die mit ganz unterschiedlichen Drucktechniken entstanden sind – als Bilder an der Wand, aber auch als Installation oder als dreidimensionales Objekt, wie von dem Dortmunder Marc Bühren. Er zeigt aus seiner Werkreihe „Artificial Landscape (ecological succession)“ ein gefaltetes Papierobjekt mit Linolschnittelementen – auf der Oberseite Blätter in unterschiedlichen Grüntönen und auf der Unterseite digital gedruckte Ausschnitte. Seine Gedanken drehen sich um künstliche Welten und eine Natur, die menschliche Gestaltungen auch wieder überwuchern kann.

Künstlerin Inessa Emmer vor zwei ihrer Arbeiten. (Foto: Martina Bracke)
Künstlerin Inessa Emmer vor zwei ihrer Arbeiten. (Foto: Martina Bracke)

Martin Kesper ist mit einem kleineren Siebdruck-Werk vertreten, vor dem man etwas länger verweilen sollte, denn die zweite Ebene erschließt sich erst bei intensivem Schauen. Das fasziniert Kesper besonders: wie die Menschen seine Kunst sehen und wie sich immer noch etwas „mehr“ entdecken lässt. In diesem Fall im wahrsten Sinne des Wortes.

Sein Werk erscheint in kleiner Auflage und bleibt bezahlbar, was ihm auch ein Anliegen ist. „Waves“ ist für 120 Euro zu erwerben, maximal acht Exemplare sind erhältlich.

In andere Dimensionen stoßen die beiden ausgestellten farbenfrohen Werke der Künstlerin Inessa Emmer vor, die an der Uni Dortmund studiert hat. Sie schafft mit ihrer Druckkunst Unikate. Ihre Arbeiten setzen sich aus verschiedenen Holzschnitten zusammen, die sie mit ihrem eigenen Körpergewicht auf die Leinwand bringt – gern im Großformat.

Auch an anderer Stelle im Ausstellungsraum finden sich noch Holzschnitte, und dennoch unterscheiden sich die Werke der einzelnen Künstler*innen sehr. Es lohnt sich also, sich mit allen Facetten zu beschäftigen.

Dazu gibt es noch einen sogenannten „Reading Room“, in dem weitere Werke in Mappen angeschaut und mit Handschuhen durchgeblättert werden dürfen. So war es möglich, eine ganze Reihe von Werken und Varianten zu präsentieren.

Zum Auftakt gab es zudem eine Siebdruckaktion der Fachhochschule Dortmund. Weitere Programmpunkte sind am 15.03. von 13 bis 16 Uhr der „Druck für Demokratie“ und am 29.03. (Finissage) ein Konzert mit Achim Zepezauer um 19 Uhr.

Die Ausstellung läuft bis zum 29.03.2025. Öffnungszeiten: donnerstags 15 bis 18 Uhr, samstags 12 bis 16 Uhr. Einblicke erhält man übrigens auch, wenn man durch die großzügige Schaufensterfläche schaut – auch an anderen Tagen.

Weitere Veranstaltungen zum Tag der Druckkunst am 15.03.2025 gibt es unter anderem:

  • im Friedrich 7, Friedrich-Ebert-Str. 7 in Hörde
  • im Depot, Immermannstr. 29 – www.depotdortmund.de
  • im Atelier 91, Kreuzstr. 91.

Alle Veranstaltungen bundesweit sind auf der Website www.tag-der-druckkunst.de zu finden.




Opera Passion & Tango – Leidenschaft füllt den Raum

Auf der Bühne im Reinoldisaal steht ein Flügel. Und die Ankündigung, dass der vorgesehene Pianist erkrankt ist. Ballast für den Abend? Nein.
Auf die Bühne kommt für den ersten Teil der arrivierte und preisgekrönte Musiker Karsten Scholz von den Dortmunder Philharmonikern, der scheinbar mühelos in den vergangenen zwei Tagen das vorgesehene Programm einstudieren konnte. Jedenfalls füllt er seinen Part komplett aus und spielt sich virtuos durch den Abend und seinen Solopart von Schumann.

Mit ihm erscheint der Opernstar – mit wehenden Haaren, aber streng mit Fliege und Frack. Der argentinische Bariton Germán E. Alcántara ist auf den Brettern in Theatern wie dem traditionsreichen Teatro Colón in Buenos Aires, in dem auch Caruso, Callas, Domingo und Pavarotti gastierten, ebenso zu Hause wie in London oder Köln. Bereits mehrfach war er zu Gast in Dortmund beim Musikfestival „Klangvokal“. Mit diesem Hintergrund und der Liebe zu Oper und Tango entstand die Idee zu diesem Abend eigens für dieses Festival.

Karsten Scholz von den Dortmunder Philharmonikern am Klavier mit dem Bariton Germán E. Alcántara . (Foto: (c) Klangvokal)
Karsten Scholz von den Dortmunder Philharmonikern am Klavier mit dem Bariton Germán E. Alcántara . (Foto: (c) Klangvokal)

Mit eindrücklicher Leidenschaft erklingen schon die ersten Töne. Germán E. Alcántara ist jemand, der es schafft, auch ohne Kulisse seine Arien schauspielerisch zu interpretieren – mit ausdrucksstarker Mimik, Gestik und vollem Körpereinsatz. Dabei reicht seine Stimme bereits aus, um den Saal zu fesseln. Doch so ist es ein Vergnügen, ihn nicht nur zu hören, sondern ihm auch zuzuschauen.

Es erklingen Arien aus Mozarts Don Giovanni und Bellinis I Puritani – es geht um Liebe und Leidenschaft, um Verrat und Rache. Verdis Maskenball und Rigoletto liefern weitere Arien. Mit dem ausführlichen Programmheft, das alle Liedtexte im Original und in Übersetzung enthält, lassen sich die Passagen sehr gut verfolgen – wenn man es denn will. Man kann sich aber auch einfach den Tönen überlassen.

Am Ende von Verdis Anklage an die „abscheulichen Höflinge“ rauft sich der Interpret die Haare, reißt sich die Fliege ab und fällt vor dem imaginären Gesindel auf die Knie – voller und überzeugender Leidenschaft. Nicht umsonst heißt der Abend Opera Passion.

Tango-Passion: Von Buenos Aires nach Dortmund

Und der Tango?
Die Tango-Passion erfüllt sich im zweiten Teil. Dafür konnte das Klangvokal-Festival unter der Leitung von Torsten Mosgraber kurzfristig eine Tangospezialistin und Arrangeurin aus Paris gewinnen, die selbst ein Tangoorchester leitet. Auf der Dortmunder Bühne gehören Lysandre Donoso, ein gefragter Bandoneonist, und der Bassist Lucas Frontini zum Ensemble. Gemeinsam mit dem erkrankten Knut Jacques und Alcántara entwickelten sie das Programm.

Germán E. Alcántara – mit streng zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren, schwarzem Hemd, oben offen, und Jackett – ergibt sich im ersten Tango der Trunkenheit. In zwölf Chansons sind auch die Liebe und die Umgebung Thema, in der der Tango Argentino seine Heimat hat.

Der Tango hat es in den „Operntempel“ Teatro Colón in Buenos Aires geschafft, entstanden ist er jedoch auf den Straßen von Buenos Aires und Montevideo – beeinflusst von Einwanderern aus aller Welt.

Alcántara interpretiert Chansons von Troilo, Stampone, Mores, Gardel und anderen – Piazzolla darf dabei natürlich nicht fehlen.

Ihren instrumentalen Solopart bestreiten die Musikerinnen und Musiker mit einem Tango von Luis Bernstein.

Im Grunde könnte es so weitergehen. Doch auch dieser Abend erreicht sein Ende.
Noch nicht ganz.

Zwei Zugaben runden das zweistündige Programm ab. Bei einer davon greift Alcántara selbst zur Gitarre. Eine Strähne hat sich längst aus dem strengen Pferdeschwanz gelöst.

Ein leidenschaftlicher Abend mit einem hervorragenden Ensemble, das harmonierte, obwohl die Pianisten nur zwei Tage zur Vorbereitung hatten. Eine Wiederholung des Abends wäre wünschenswert – es würde sich lohnen.

Das Klangvokal-Festival startet also furios in die neue Saison. Das aktuelle Programmheft erscheint am 26. Februar. Online findet man alle Informationen unter www.klangvokal.de.




Rückspiegel – Dortmunder Kunst im Auswärtsspiel in Hamm

Werke von Dortmunder Künstler:innen kann man in unserer Stadt in Ausstellungen, Galerien, bei den Offenen Ateliers und im öffentlichen Raum sehen – ein Heimspiel also. Dennoch lohnt sich für das Publikum auch die Begleitung zu einem Auswärtsspiel. Dieses fand bis Sonntag im Hammer Gustav-Lübcke-Museum statt.
Nah am Bahnhof und gut erreichbar präsentierte das Museum in der Sonderausstellung „HIER & JETZT – Kunst aus Hamm und Westfalen“ Arbeiten aus der Region, verbunden mit der Verleihung des Hammer Kunstpreises.
Unter den Bewerber:innen waren auch sechs Dortmunder:innen, die mit dem Einzug in die Finalrunde bereits gewonnen hatten: Marc Bühren, Wolfgang Folmer, Bettina van Haaren, Thomas Hugo, Bettina Köppeler und Cornelia Regelsberger waren mit Werken vertreten.

Arbeit von MArc Bühren inm Gustav-Lübcke-Museum in Hamm. (Foto: Martina Bracke)
Arbeit von Marc Bühren inm Gustav-Lübcke-Museum in Hamm. (Foto: Martina Bracke)

Marc Bühren, der den ersten Preis des Kunstwettbewerbs „KUNSTStein 2023“ der Stadt Dortmund, ausgestellt in der Reinoldikirche, gewonnen hatte, zeigte in Hamm die Installation „Cocoon I/safety room“. Es handelte sich um eine Kuppel, in der auf einem riesigen, gefalteten Objekt Videoprojektionen liefen und über Kopfhörer Klänge eingespielt wurden. „Das immersive Werk beschreibt eine fiktive Möglichkeitsform der Zukunft, eine Dystopie. Die Projektion auf dem Papier wird durch die Faltung abstrahiert und lädt über die audiovisuelle Gestaltung mit Computeranimation, Realfilm und Sound zu einem Gedankenspiel ein.“ Auf jeden Fall war es sehens- und hörenswert.
Bettina Köppeler zeigte mit „Clean Cut I und II“ zwei großformatige Monotypien. Thomas Hugo war mit drei „Helmen ohne Titel“, Acrylarbeiten auf Schichtholz, vertreten. Cornelia Regelsberger präsentierte eine Papiercollage zum Thema „Müngstener Brücke“. Bettina van Haaren und Wolfgang Folmer zeigten direkt am Beginn der Ausstellung eine monumentale Arbeit. Auf mehr als acht Metern Breite präsentierten sie „Beschreibungen der Ränder“, eine Acrylzeichnung.
Die umfangreiche Ausstellung bot noch viele, sehr unterschiedliche Entdeckungen. Die Sichtweisen und Materialien waren vielfältig, ebenso wie die Themen. Spannend waren beispielsweise zwei gezeichnete und collagierte „Tagebuch-Reihen“ aus den Jahren 2021 und 2023 von Cornelia Niestrath aus Detmold, die man mit dem eigenen Erinnern vergleichen konnte. Oder die Tuschezeichnungen „Täglicher Weg“ von Thomas Prautsch, die wie eine riesige Fotowand wirkten.




Große Bühne für großartige Musik

Eine Frau mit Stimme, ein Mann mit Bass und in der Mitte ihr Gast mit Gitarre. Imagine, was die drei auf der Bühne, den Brettern, die nach Shakespeare die Welt bedeuten, zaubern können.
Schon mit ihren ersten Tönen nehmen sie das erwartungsvolle Publikum gefangen. Leise, aber innig singt Nina Dahlmann „Imagine“. Weitere Ohrwürmer folgen in ihrer ganz eigenen Art. „Summertime“ kehrt in das Wohnzimmer im Piepenstock ein, während draußen Nieselwetter herrscht. Aber das bleibt vor der Tür. Innen begleiten Jens Pollheide am Bass und Reynier Mariño das Publikum bis zum Mond und zurück („Fly Me to the Moon“). Die drei gehen immer wieder eigene Wege mit virtuosen Improvisationen, voller sicht- und hörbarer Spielfreude.

Ein Abend voller Virtuosität und Leidenschaft

Reynier Mariño, gebürtiger Kubaner, verleiht dem Abend eine besondere Note mit spanischen und kubanischen Klängen. In seinen Improvisationen mischen sich Flamenco-Elemente mit der Vielfalt seiner musikalischen Herkunft. Nach diesen, vom Publikum mit Zwischenapplaus gewürdigten Ausflügen, kehren die drei Musikerinnen und Musiker zurück zu ihrer Sängerin, um gemeinsam im „Hotel California“ einzuchecken. Der musikalische Himmel wird mit „Sunny“, dessen Text spanische Strophen erhält, weiter bereist. „Cielo“ – Himmel oder auch Schatz – schwingt in den Melodien mit.

Verzauberten das Piepenstcok (v.l.n.r.) Nina Dahlmann, Reynier Mariño  und  Jens Pollheide. (Foto: (c) Martina Bracke)
Verzauberten das Piepenstcok (v.l.n.r.) Nina Dahlmann, Reynier Mariño und Jens Pollheide. (Foto: (c) Martina Bracke)

Seit etwa einem Jahr spielen die drei Künstlerinnen und Künstler hin und wieder zusammen. Und dieser Abend hätte für viele sicher gern noch länger mit allen dreien weitergehen können. Doch nach diesem ersten Teil verabschieden sich Nina Dahlmann, die unter anderem an der Folkwang Universität und bei renommierten Größen des Jazz studierte, sowie Jens Pollheide, ein namhafter Vertreter der Weltmusikszene, der sich nach diesem Auftritt noch zu einem weiteren Konzert aufmacht.

Die Bühne gehört nun Reynier Mariño allein. Und er füllt sie mit seiner Musik, seiner Energie und seiner Leidenschaft. Flamenco real, kein touristischer Flamenco, erklingt in Klassikern und Eigenkompositionen. Mit Tempo, Witz, Virtuosität und vollem Körpereinsatz nimmt Mariño das Publikum mit. Seine langen Haare fliegen, die Finger gleiten rasant über die Saiten, und das Mikrofon bleibt nicht immer an seinem Platz. Zwischendurch wird die Gitarre zum Rhythmusinstrument, und Mariño zeigt, was alles möglich ist mit Holz und Metall auf einer kleinen Bühne.

Immer wieder erzählt er Geschichten aus seinem Leben und seiner Musik. Er spricht von seiner Leidenschaft fürs Unterrichten, dafür, dass der Flamenco in seiner ursprünglichen und kubanischen Form weiterlebt. Ein Musikstück, das er für seine Schülerinnen und Schüler geschrieben hat, wurde inzwischen zur Musik einer Netflix-Serie. In Kuba läuft derzeit ein Dokumentarfilm über diesen Meister der Gitarre.

Mariño lebt in Kuba und auf den Kanaren, spielt in der halben Welt und mit der halben Welt, darunter auch die Rolling Stones, Keith Richards eingeschlossen. Die beiden lernten sich auf Kuba kennen und musizierten dort zusammen. Obwohl Mariño hoffte, es bleibe bei einem Song – mehr Rocksongs kenne er nicht –, fanden sie offenbar noch weitere Stücke, die sie gemeinsam spielen konnten.

An diesem Abend gibt Reynier Mariño zwei Zugaben, bevor er die Bühne verlässt. Zeit für Smalltalk mit dem Publikum und eine Zigarette bleibt dennoch. Auf dem Heimweg hallt seine Musik bei vielen sicherlich noch lange nach. Imagine.

Wohnzimmer im Piepenstock

Adresse:
Schildstr. 1
44263 Dortmund-Hörde

Programm:
Aktuelle Termine unter marco-jorge-rudolph.de und auf Facebook. Gastgeber Marco Jorge Rudolph, Schauspieler, Sänger und Kulturwirt, sorgt für eine einzigartige Atmosphäre. Zu den Konzerten, die in der Regel freitags und samstags stattfinden, gibt es eine kleine Speisekarte sowie Getränke gegen Entgelt. Gespielt wird auf Hutbasis.

Der Donnerstagabend war ein relativ spontanes Zusatzkonzert, das trotz fehlender Ankündigung rappelvoll war. Es lohnt sich also, auf kurzfristige Hinweise zu achten!

Musik von Reynier Marino auch auf Youtube.