Es lebe die Liebe!

Die Entführung aus dem Serail nach Mozart

Es ist voll im Opernhaus, es ist laut im Opernhaus. Rund achthundert Kinder und Jugendliche suchen ihre Plätze. Auf der bereits offenen Bühne sitzt jemand und liest. Auf einem Bett.



Als sich im Publikum alles sortiert hat, kommen die Musikerinnen und Musiker. Sie finden ihren Platz im Hintergrund, und nach der lautstarken Begrüßung durch das junge Publikum fällt zwischen ihnen und der Vorderbühne ein halbtransparenter Vorhang. Das Spiel kann beginnen.

Der lesende Junge auf dem Bett erwacht zum Leben durch die Puppenspielerin, die auch seine Mutter darstellt. Eine Gute-Nacht-Geschichte? Eine von Piraten und Tränen und Liebe. Eine Entführungsgeschichte, eine Befreiungsgeschichte. Viel steckt drin in diesem Singspiel nach Wolfgang Amadeus Mozart aus dem Jahre 1782 und dem Libretto (dem Text) von Johann Gottlieb Stephanie, bearbeitet von Paulus Hochgatterer und Nikolaus Habjan (auch Regie).

Kristine Stahl Foto. (c) Björn Hickmann
Kristine Stahl Foto. (c) Björn Hickmann

Die alte Oper neu verpackt auf der Dortmunder Bühne. Das funktioniert mit dem Erzählerduo und dieser kleinen Rahmenhandlung sehr gut und kindgerecht. Neben der lebensgroßen Jungenfigur sind weitere kleinere, liebevoll gestaltete Puppenakteure auf der Drehbühne rund um das Bett verteilt und werden teilweise auch von den ganz in schwarz gekleideten Sängerinnen und Sängern gespielt. Eine weitere Dekoration gibt es nicht, aber auf der Gaze, dem Vorhang im Hintergrund, laufen gleichzeitig Filmeinspielungen mit diesen Puppen. Über allem werden noch die Texte eingeblendet, sodass alle gut folgen können.

Manchmal ist es aber doch schon ziemlich viel, was da auf allen vier Ebenen abläuft: Die Sängerinnen und Sänger links und rechts, in der Mitte die Puppenspielerin Kristine Stahl und ihre Puppen, die bewegten Bilder auf der Gaze und der mitlaufende Text. Wo soll man nun hinschauen? Und wer ist gerade dran? 

Dem Publikum gefällt es aber insgesamt sehr gut. Es gibt immer wieder Szenen- und Zwischenapplaus, und die Sangeskunst erreicht die jungen Menschen. Allzu oft waren sie sicherlich nicht in der Oper, denn die häufige Wiederholung der Textpassagen in Arien ist ihnen nicht vertraut. Sie klatschen so schon mal dazwischen. Das macht aber nichts. Darauf muss man sich als Ensemble einstellen und es bringt auf der Bühne auch niemanden aus dem Konzept.

Der Erzählerkniff erlaubt es, die Oper auf ungefähr eineinviertel Stunden zu begrenzen. Die manchmal blutrünstigen Texte geben vielleicht noch etwas zu denken, aber insgesamt eine runde, spannende Piratengeschichte für junge Leute mit einer guten Portion Liebe angereichert und vor allem mit Herzblut dargeboten von einem gut aufgelegten Orchester, hervorragenden Sangesstimmen und einer sympathischen Rahmenhandlung mit Puppenspielerin.

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„Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ – Oscar Wilde mit Augenzwinkern

Ein paar weiße Handschuhe, eine Schürze, ein Gehstock, eine Melone und ein Diadem. Und Gurkensandwiches. Es braucht nicht viel, um ein Theaterpublikum in eine andere Welt zu versetzen. In seiner mittlerweile sechsten Produktion widmet sich der Schauspieltreff des Vereins Halte-Stelle Oscar Wilde und seiner Komödie „Bunbury – The Importance of Being Earnest“.

Gleich zwei Gentlemen sind „Bunburianer“. Sie erfinden Freunde oder Verwandte – der eine, um in die Stadt zu kommen, der andere, um ab und an seiner Tante entfliehen und ungehindert ausgehen zu können. „In der Stadt amüsiert man sich, auf dem Land amüsiert man die anderen“, lautet ein Motto.

Das geht gut, bis sich der erste verliebt. Unter dem falschen Namen Ernest. Den seine Angebetete aber ganz wunderbar findet. Einen Mann mit einem anderen Namen will sie auf keinen Fall heiraten! 

"Dein Ernst? Is' nich' wahr" im Theater im Depot. (Foto: (c) Martina Bracke)
„Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ im Theater im Depot. (Foto: (c) Martina Bracke)

Verwicklungen und Verwirrungen sind also vorprogrammiert. Man leidet mit Ernest alias Jack. Man hofft, dass die Angebetete „Ja“ sagt. Sein Freund versucht ihm alles auszureden. Und dann sind da auch noch diese wunderbaren Schwiegereltern, die den Bewerber ganz genau unter die Lupe nehmen und von der Wahl der Tochter gar nicht „amused“ sind. Ganz herrlich das Paar auf Sofa und Sessel beim „Verhör“.

Überhaupt sind die Figuren von der Theatergruppe skurril gezeichnet, man merkt allen die Spielfreude an, freut sich an den kleinen Gesten, z. B. wie etwa Ernest/Jack seinen Hut, eine Melone, knetet, an dem theatralischen Heiratsantrag und den vielen liebevollen Kleinigkeiten, die auch auf der großen Bühne im Theater im Depot gut rüberkommen.

Im Foyer erhielt das Publikum bereits eine kurze Einführung, sodass man vorbereitet in den Theatersaal geht – mit Gitarrenbegleitung. Denn ganz nach der reinen Lehre hat die Gruppe das Stück nicht inszeniert.

So werden immer wieder auch eigene Gedichte und Lieder eingebaut, es geht um Liebe und die Gesellschaft und unser Miteinander. Sehr treffend auch im Programmzettel formuliert: „ Wer liebt wen? Und warum? Und ist das überhaupt eine gute Idee? Was macht Liebe mit uns – und was stellen wir im Gegenzug mit ihr an? Oder auch: Warum gibt es in unserer modernen Gesellschaft immer noch Menschen, die glauben, sie dürften über andere urteilen?“

Die Darstellerinnen und Darsteller wechseln mühelos von Oscar Wilde zu eigenen Texten. Zeigen viel Humor, z. B. wenn der spätjugendliche Bewerber sein Alter auf neunundzwanzig plus datiert. Lacher gibt es viele in den kurzweiligen anderthalb Stunden.

Der ein oder andere Hänger des „Theaters Normal Gibt’s Schon“, wie das Ensemble sich nennt, wird charmant überspielt, das muss man auch erst einmal können. Da sind sie bei Ekkehard Freye, der das Projekt als Schauspieler (im Hauptberuf beim Schauspiel Dortmund engagiert) professionell anleitet, durch eine gute Schule gegangen. Viel Sicherheit gibt ihnen aber auch die Gemeinschaft, die sie selbst „als Familie“ empfinden. Und Halt durch die weitere Begleitung des Vereins, der in der Blücherstraße ansässig ist, mit Anna Becker und Anna Helmsorig.

Oscar Wilde schrieb diese Komödie, um Geld zu verdienen. Auch wenn das Stück im Theater im Depot mit dem Titel „Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ Eintritt kostet, für Geld spielen die Darstellerinnen und Darsteller der Halte-Stelle nicht, aber für Spaß und Freude und für Applaus, den es zum Schluss reichlich und verdient gibt. Ein Theatervergnügen mit wenig Brimborium, viel Herzblut und einigen Herzensanliegen, die als Botschaften mit nach Hause genommen werden können: Z. B. „Ein Lächeln kostet gar kein Geld, es wärmt die kalte, graue Welt.“

In diesem Sinne verabschiedet sich das Publikum in einen tatsächlich eher durchwachsenen Junitag und trägt vermutlich ein Lächeln auf den Lippen und bestimmt viel Wärme im Herzen.

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Lasst uns unsere schönen Jahre genießen

Les Boréades von Jean-Philippe Rameau gespielt von a nocte temporis unter der Leitung von Reinoud van Mechelen

„Lasst uns unsere schönen Jahre genießen …“ Es wird gefeiert am Hofe von Königin Alphise in Baktrien, einem Teil des heutigen Afghanistans. Sie soll sich einen Gatten erwählen und hat zwar die Wahl, aber es muss ein Nachkomme des Nordwindes Boreas (Borée) sein. Verliebt ist sie tatsächlich. Nur leider in Abaris, einen Tempeldiener unbekannter Herkunft.



In seiner letzten Oper zieht der französische Barockkomponist Jean-Philippe Rameau (1683 – 1763) noch einmal alle Register, lässt die Luft flirren vor Liebe zwischen den beiden, die Amors Pfeil getroffen hat. Das einzige spielerische Requisit in dieser konzertanten Aufführung. Die Erde erzittert bei der Rache des Nordwindes, den die beiden verschmähten Bewerber anrufen. Ganz wunderbar der Perkussionist, der hier sein Material ausreizt, und ansonsten auch bei leisen Stellen mit nur einigen Schellen zauberhaft unterstützt.

"Der Liebespfeil in den Händen der Königin Alphise, gesungen von Gwendoline Blondeel" Fotograf unbekannt.
„Der Liebespfeil in den Händen der Königin Alphise, gesungen von Gwendoline Blondeel“ Fotograf unbekannt.

Manche erzählerischen Teile werden nur mit Cello und Cembalo zart untermalt, was dem Sänger des Abaris Raum gibt. Den er sich zu nehmen weiß, denn der Countertenor Reinoud van Mechelen singt nicht nur diese Partie, nein, er ist auch gleichzeitig der Dirigent des gesamten belgischen Ensembles. Und als solcher hält es ihn kaum an seinem Platz. Er findet sich beim Lenken des Orchesters und der Sängerinnen und Sänger des „Chœur de Chambre de Namur“ vor und neben dem Pult wieder, manchmal tänzelnd. Man merkt ihm seine Hingabe zu der Musik an und bewundert den Wechsel vom Dirigenten zum Sänger mit dem Notenbuch in der einen Hand, wie er sich damit dreht, dem Publikum nicht mehr den Rücken zuwendet und sich der Liebe zu Alphise widmet.

Man leidet ein wenig mit in dieser Doppelrolle, aber schnell vergisst man die Mühen, denn das Spiel geht ja weiter, die Liebe will verteidigt werden. Zwar gibt Abaris fast auf, dennoch nimmt er all seinen Mut zusammen und sucht seine Alphise zu befreien, die für sich schon die Lösung gefunden hat, auf den Thron zugunsten der Liebe gänzlich zu verzichten. „Geliebter, was wäre das Reich des Universums selbst ohne Euch?“ Eine gute Absicht, doch mit dem Nordwind nicht zu machen, er entführt sie schlichtweg.

Dem Opernwerk erging es in seiner Zeit nicht viel besser. 1763 sollte sie zur Aufführung kommen, die Proben hatten bereits begonnen, doch sie verschwand für mehr als zweihundert Jahre in den Archiven. Dabei war der Komponist sehr bekannt und gilt auch heute noch als ein Meister seines Faches, der allerdings in der Wahrnehmung in Deutschland hinter die italienischen und deutschen Komponisten zurückfällt. Das zu ändern, bietet das Dortmunder Klangvokal-Festival  einen hervorragenden Rahmen. Und erfüllt damit auch die Erwartungen eines Stammpublikums, indem es bereits über die Jahre sich auch dem Barock widmet und immer wieder hier eher unbekannte Werke auf die Bühne bringt.

Diese Begeisterung merkt man dem Festivaldirektor Torsten Mosgraber genauso an, wenn man ihn ein paar Tage vor dem Konzert vor Studierenden in einem öffentlichen Seminar/Workshop im Dortmunder U erlebt. Zusammen mit Prof. Dr. Barbara Welzel von der TU Dortmund laden sie jedes Jahr ein, sich mit den Hintergründen und auch aktuellen Bezügen eines besonderen Werkes bei Klangvokal zu beschäftigen. Neben den musikalischen Raffinessen geht es auch um die gesellschaftliche Einordnung. „Les Boréades“ handelt von einer unstandesgemäßen Liebe. Und es stellt sich die Frage, wie sich Macht legitimiert. Darf es nur die Herkunft sein?

Vielleicht war das auch, zwanzig Jahre vor der Französischen Revolution, ein Grund, warum die Oper nicht aufgeführt wurde. Vielleicht war sie zu progressiv. So jedenfalls einige Vermutungen. Was nicht passte, durfte nicht sein. Und bloß niemanden auf die Idee bringen, dass Macht auch andere Legitimitätsgründe haben könnte.

Dabei hat der unbekannte Librettist, also Autor des Textes (zugeschrieben Louis de Cahusac), alles dahingehend aufgelöst, dass der Gott des Lichts, Apollon, sich einmischt und offenbart, dass Abaris sein Sohn sei, den er mit einer Nachfahrin des Nordwindes gezeugt hat. Sehr schön präsentiert von dem tschechischen Bariton Tomáš Král.

Ein genussvoller Abend für alle auf der Bühne des Orchesterzentrums NRW in der Brückstraße, der Meile der Musik und Vokalmusik.

Lasst uns das Leben genießen – und das jeden Tag.

Mehr genussvolle Momente unter www.klangvokal-dortmund.de

Und auch nicht verpassen: Das „Fest der Chöre“ in der Dortmunder Innenstadt am 13.06.26




Wunder überall! „Das Loch in der Oberfläche“ im Theater im Depot

Im Dunkeln entzündet sich ein Licht. Klein. Zunächst. Es wird heller und heller. Zwei Personen auf der Bühne. Sound kommt dazu. Sie reißen die Münder weit auf. Was sehen sie?



Das Publikum muss glauben, dass sie etwas Besonderes sehen. Schauen sie auf etwas Gutes oder Schreckliches? Auf ein Wunder gar? „Wenn es dich berührt, ist es echt.“

Im Alltag wundert man sich über vieles und empfindet manches kleine Ereignis als Wunder. „Auch Ameisen sind wundervoll.“

„Wunder! Wunder! Wunder!“ Überall. Auch im Kleinen. Bei genauer Betrachtung.

In der Welt der Gläubigen, insbesondere in der katholischen Kirche braucht es mehr. Braucht es größere Wunder, um zum Heiligen erklärt zu werden. Die Gruppe „äöü“ hat sich viel mit diesen Wundern beschäftigt, ist in verschiedene Wallfahrtsorte gepilgert, um sich den Umgang mit den Wundern vor Ort anzuschauen. „You can touch, you can kiss, but no photos.“

"Wunder gibt es immer wieder", sang schon Katja Ebstein. (Foto: (c) Katharina Kemme)
„Wunder gibt es immer wieder“, sang schon Katja Ebstein. (Foto: (c) Katharina Kemme)

Auf der Bühne spielt sich das Geschehen in einem Kreis ab, der nicht eingezeichnet ist, den aber die Orgel markiert, die immer wieder vorgerückt wird. Im Kreis verändern sich die kreierten Bilder. Das künstliche Plastik spielt eine Rolle. Zum Beispiel zu beeindruckenden Priesterornaten geschneidert. (Kostüme: Sylvia Straub, Bühne: Sofia Falsone)

„Ein Heiliger ist im selben Jahr geboren wie ich.“ Ist das nicht schon ein Wunder? Es geht um den ersten Heiligen des Generation Y, den „Influencer Gottes“. „You can touch, you can kiss, but no photos.“

Patricia Bechtold und Johannes Karl zelebrieren auf der Bühne statistisch unwahrscheinliche Ereignisse, schaffen eindrückliche Bilder u. a. mit Nebel, der auch Weihrauch sein kann, jedenfalls schwenkt die Nebelmaschine wie ein Weihrauchfass über die Bühne. Die Effekte sind gut durchdacht und man schaut nimmermüde fasziniert zu, wie sich schlichtes Plastik erhebt und über die Bühne wirbelt.

Insgesamt eine stimmige Inszenierung, in der die beiden DarstellerInnen die „Landschaft hinter dem Wissen“ zugänglich machen und auch in gewisser Weise abheben, die Erdanziehungskraft „wirkt heute ganz schlecht“.

Die Bilder hängen noch lange nach, auch in der Besprechung nach zum Teil stehendem Applaus in dieser zweiten Aufführung (Premiere war einen Tag zuvor), beschreibt eine Zuschauerin die „Intensität dieser Fülle“, viele sind ganz beseelt von der Einfachheit der Requisiten, die einen Zauber auf die Bühne gebracht haben. Aber nicht nur die Bilder, auch die zum Teil selbst erstellten Texte von äöü und Texte der Autorin Sina Ahlers finden viel Anklang.

Äöü ist ein Theater- und Performance-Kollektiv aus dem Ruhrgebiet, die Produktion „Das Loch in der Oberfläche“, das unter anderem auf einen Ameisenhügel anspielt, wurde mit verschiedenen Partnern realisiert (z. B. Theater im Depot, Ringlokschuppen) und von mehreren Städten gefördert. U. a. Dortmund, Bochum, Frankfurt. Sowie von unterschiedlichen weiteren Fördergebern, Stiftungen, Land und Bund. Dementsprechend sind die nächsten Aufführungen in Bochum, Frankfurt, München und erst im November mit Herne wieder im Ruhrgebiet. Mehr unter www.aeoeue.de

Erst diese Kooperationen und Förderungen machen so manche Produktionen erst möglich, auch wenn man sich wünschen möge, das Stück noch öfter in Dortmund zu sehen. Die Inszenierung prägt jedenfalls beim Publikum ein und bringt vielleicht das ein oder andere Licht in den Alltag.

Www.aeoeue.de

Ein weiteres Stück „Wenn die Tauben singen“, eine musikalische Performance über Mensch und Taube, ist zeitnah in den Flottmannhallen Herne am 29.05.2026 zu sehen.




Man kann auch die Schlange essen

Gretas Metamorphose im Theater im Depot

Die Tür öffnet sich und man betritt einen Gang, der nicht gerade, sondern gewunden verläuft. Weiße Tücher begrenzen ihn, das Publikum verteilt sich. Von dem eigentlichen Theatersaal ist nichts zu erkennen, der Raum hat sich verwandelt.



Die weißen Flächen ermöglichen Schattenspiele. Zwei Figuren agieren dahinter, jede für sich, an zwei Stellen des Ganges, sodass alle Zuschauerinnen und Zuschauer etwas sehen und erleben können. Ein Sound mit Vogelgezwitscher erfüllt den Raum, die Schatten verwandeln sich mit verschiedenen Requisiten in etwas Insektenähnliches und später auch wieder zurück.

Die beiden Schauspielerinnen Edith Nana (auch künstlerische Leitung) und Bahar Sadafi nutzen den Gang, den Raum hinter den Tüchern und auch oberhalb und wechseln je nach Situation ins Sichtbare und Unsichtbare.

Warum weint Grete? Wer ist Milena?

Ein Detail der Bühne von "Gretas Metamorphose". (Foto: (c) Martina Bracke)
Ein Detail der Bühne von „Gretas Metamorphose“. (Foto: (c) Martina Bracke)

Fragen, die im Raum stehen und den Bezug zu Kafka herstellen. Milena war Übersetzerin einiger Geschichten Kafkas vom Deutschen ins Tschechische und eine Brieffreundin. Allerdings gibt es ein Buch, „Briefe an Milena“, das nur seine Sicht der Dinge darstellt. Ihre Briefe existieren nicht (mehr).

Grete ist eine Nebenfigur in Kafkas „Verwandlung“, die am Ende verheiratet werden soll. Wie sie dazu steht, erfährt man nicht.

Bei Kafka widerfährt Gregor die Verwandlung in ein Insekt. An diesem Abend verwandeln sich Grete und Milena von Randfiguren zu selbst agierenden Personen.

Man muss die Erzählungen von Kafka nicht kennen. Das Stück nimmt einen mit auf die Strecke durch den Geburtskanal, der es sein soll (Bühnenbild: Kathrin Ebmeier), und in den geöffneten Raum, der mit allerlei Technik aufwartet und zum Schauen, Anfassen und Spielen einlädt. Dort liegen Briefe aus, die so nie geschrieben wurden, ein Film erklärt das Vorgehen der Gottesanbeterin, die ihr Männchen tötet, auch wenn es sich in Acht nimmt, und mehr.

Nach einigem Wandern durch die Installation nehmen alle Platz, auch mitten im Raum. Während die beiden Protagonistinnen ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen von Frauen in Kamerun und Frauen im Iran.

Wir erfahren auch mehr über Grete und Milena. Symbolhaft zieht sich zudem der Granatapfel durch die Inszenierung. Bis er wirkungsvoll zerquetscht wird. Der Apfel, der mit Eva verbindet. „Ich bin nicht Eva. Ich hätte die Schlange aus dem Paradies gegessen, nicht den Apfel.“

Eine durchaus annehmbare Sichtweise, wie das Publikum findet. Das kommt auch bei dem Nachgespräch zur Geltung. Schade, dass die Studierendengruppe bereits direkt nach der Aufführung geht. Nun, sie werden sicherlich in ihrem Seminar noch darüber sprechen, aber dann nicht mehr mit den Aktiven.

Ein spannender und sinnlicher Abend, auf Deutsch, teilweise Französisch und Persisch, der zum Nachdenken anregt und hoffentlich noch Widerhall in der Uni und bei dem einen oder der anderen zu Hause findet.

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Ein Lächeln und vielleicht eine Träne

Charlie Chaplin „The Kid“, Stummfilm mit Musik

„A picture with a smile and perhaps a tear“. Der Stummfilm-Klassiker „The Kid“ von Charlie Chaplin aus dem Jahr 1921 erlebte am Dienstag mit Livemusik der Dortmunder Philharmoniker eine gelungene Aufführung.



Die Gesichter bei der Entlassung aus dem Krankenhaus sprechen die Missbilligung gegenüber einer alleinstehenden Mutter deutlich aus. Die verzweifelte Mutter setzt ihr gerade geborenes Kind nach einiger Überlegung in einem Auto aus, das vor einer großzügigen Villa steht.

Doch leider wird das Auto gestohlen. Und als die Diebe das Kind bemerken, setzen sie es in einem heruntergekommenen Viertel aus. Hier findet es der Tramp, Charlie Chaplin in seinem bekannten Outfit mit Melone, Stock und zerlumpten Handschuhen. Einmal das Kind auf den Arm genommen, wird er es nicht mehr los. Begegnungen, Tricks, Slapstick. Der Saal amüsiert sich. Schließlich nimmt er das Baby mit zu sich in seine Kammer. Erfindungsreich die kleinen Details wie die Trinkflasche aus einer Kaffeekanne, die er bastelt.

Leinwandfoto vom Stummfilmkonzert "The Kid" (Foto: (c) Martina Bracke)
Leinwandfoto vom Stummfilmkonzert „The Kid“ (Foto: (c) Martina Bracke)

Parallel dazu wird auch die Mutter gezeigt, wie sie ihr Kind zurückholen will. Immer wieder erfährt das Publikum zwischendurch auch etwas von ihrem Leben.

Dazu spielen die Philharmonikerinnen und Philharmoniker unter der Leitung von Carlos Vázquez die Musik, die Charlie Chaplin 1971, also fünfzig Jahre später, selbst dazu komponierte. Sie war nicht für die Live-Aufführung gedacht, aber natürlich ist es beeindruckend, das Orchester vor Ort auf der Bühne musizieren zu sehen und zu hören. Es liefert die Grundstimmungen der Szenen mit Walzern und Märschen, mit Klavier und Harfe und ganz zarten Glockenklängen neben den gewohnten Streich- und Blasinstrumenten.

Und im Film geht es auf und ab. Im Hauptteil steht das Kind seinem Ziehvater in nichts nach. Wirklich grandios der kleine Jackie Coogan, damals wie die Filmfigur ebenfalls fünf Jahre alt (der Film wurde bereits 1919 gedreht). Und es war nicht sein erster Film. Er avancierte aber insbesondere nach „The Kid“ zum Kinderstar der Stummfilmära.

The Kid und der Tramp sind ein eingespieltes Team – beim Backen und Verzehren von Pancakes oder beim Ausnehmen der Nachbarschaft. Der Kleine wirft die Scheiben ein, der Vater bietet die Reparatur an. Wenn nur nicht immer dieser eine Polizist durchs Viertel zöge …

Das Orchester spielt sich gekonnt durch Chaplins Welt, begleitet souverän Box- und Traumsequenzen, das Publikum genießt die Darbietung in vollen Zügen.

Aber natürlich kommt es auf der Leinwand, wie es kommen muss, Mutter und Kind treffen aufeinander und nach und nach wird alles aufgedeckt. Das Kind wird dem Tramp weggenommen. Tränen fließen – jedenfalls auf der Leinwand, aber das Publikum im Saal ist auf jeden Fall auch mitgenommen, die Flöten blasen Trauer. Die Wendung am Ende des Films kommt ein wenig schnell und kurz, den Rest muss man sich denken.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer honorieren einen gelungenen Abend mit viel Applaus. Sie haben gelacht, mitgelitten und ein gut aufgelegtes Ensemble auf der Bühne erlebt, das dem Film mit seiner musikalischen Begleitung eine besondere Tiefe gegeben hat.

Im Foyer bewundert man noch die vielfältigen Talente von Chaplin, der den Film schrieb, inszenierte, spielte und auch noch die Filmmusik dazu komponierte. In der Tat eine anerkennenswerte Leistung. Dann zieht man sich die Jacke an und geht hoffentlich von einem Lächeln beseelt nach Hause.

Mehr zum Philharmonischen Orchester unter www.theaterdo.de




Von der Natur in der Kunst umarmt

Ausstellung von Birgit Brinkmann-Grempel im Torhaus Rombergpark

Wenn man aus dem Grün und dem Blühen des Rombergparks kommend die enge Stiege im Torhaus Rombergpark erklommen hat, öffnet sich der Blick in den hellen und freundlichen Ausstellungsraum und dieses Mal in die Weite der Natur mit den Werken der Künstlerin Birgit Brinkmann-Grempel.



Luftig und bewegt im Raum schweben und kreisen Stoffbahnen in den Farben der Natur, hergestellt auch mit Sonnenlicht. Und in der Tat, man fühlt sich umarmt, wie es der Ausstellungstitel verspricht. An diesem Morgen, zur Eröffnung der Ausstellung, noch einmal ganz besonders, denn das Tanzduo „Dosadeux“ greift die Arbeiten der Künstlerin auf und tanzt um und mit den Stoffbahnen, es fühlt sich an wie Himmel und Erde, die aufeinandertreffen, Kontakt aufnehmen und sich letztlich ebenfalls umarmen.

Birgit Brinkmann-Grempel und Klaus-Otto Bracke. (Foto: (c) Martina Bracke)
Birgit Brinkmann-Grempel und Klaus-Otto Bracke. (Foto: (c) Martina Bracke)

Neben den Stoffbahnen präsentiert die Künstlerin noch weitere Werke, z. B. auf Holz. Sie arbeitet mit Siebdruck, Tusche und auch Pyrographie. Das heißt, dass mit Absicht Löcher eingebrannt werden. Es mutet wie gestickt an, doch es ist ausgebrannt. Insofern ist auch das, was nicht da ist, von ihr gewollt und gemacht, wie Klaus-Otto Bracke von der Galerie Spitzbart & Bracke aus Essen in seiner Einführung hervorhebt.

Insgesamt eine sehr harmonische Vernissage mit zahlreichen Gästen, „melancholischen Glücksgefühlen“ und mindestens schon einem verkauften Werk. Eine Ausstellung, die gern als Teil der Natur des Rombergparks noch bis zum 03. Mai besucht werden kann.

Torhaus Rombergpark, Am Rombergpark 65, jeweils dienstags bis samstags von 14 bis 18 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Wer mehr von Birgit Brinkmann-Grempel sehen möchte, kann dies in einer weiteren Ausstellung tun, die derzeit parallel läuft. Ihre „Vier Wege zur Stille“ werden noch bis zum 17. Mai in der Marienkirche in der Innenstadt gezeigt.




Bitte anschnallen: Deep Dive – Eintauchen in Mozarts vierzigste Sinfonie

„Fasten your seatbelt“ und „setzen Sie die Taucherbrille auf“! Mit den Dortmunder Philharmonikerinnen und Philharmonikern geht es wieder tief hinab in ein musikalisches Werk. Dieses Mal stürzt der Kapitän Jordan de Souza das Publikum mit rasanter Fahrt in Mozarts g-Moll-Sinfonie.

Die Stimmung ist gut, an manchen Stellen ausgelassen, de Souza überzeugt einmal mehr mit seiner lockeren und begeisternden Art. Das Publikum muss, nein, darf mitmachen. Es wird ein- und ausgeatmet – der Stress mit einem Seufzer herausgelassen. „OK, war eine schwierige Woche“, meint der Chef am Dirigentenpult. Dabei ist Montag. Kein klassischer Kulturabend. Dennoch ist das Konzerthaus gut gefüllt. So eine kleine Sinfonie zum Feierabend …

(Foto: (c) Martina Bracke)
Statt Mozartkugeln gab es einen tiefen Einblick in die 40. Sinfonie des Komponisten. (Foto: (c) Martina Bracke)

Aber vorher auch Takte zählen. Es wird sichtbar gezählt, denn einige nutzen dafür ihre Finger. Dann Klatschalarm. Das Publikum klatscht gleichzeitig zwei verschiedene Rhythmen, linke Hälfte gegen rechte Hälfte. Den Maestro freut’s und nach getaner Arbeit gibt es eine wohlverdiente Pause.

Auf dem Gang stöhnt der eine, das sei ja wie in der Schule, während die andere strahlend zustimmt, ja, sie hatte Musik im Abitur.

Nun ja. Es gibt keine Noten, also Schulnoten natürlich. Und dann ist es doch ganz schön, sich auf ein Musikstück so intensiv einzulassen und der Begeisterung der Musikerinnen und Musiker zu folgen. Obwohl – nach de Souza wird diese eine Stelle „die Kontrabässe auch in zweihundertfünfzig Jahren noch um den Schlaf bringen“.

Nach der Pause braucht das Publikum nur noch zu lauschen und sich von der Musik umhüllen zu lassen, tief einzutauchen in Mozarts kleines Meisterwerk, das irgendwie jede und jeder kennt. De Souza meint, es sei der meistgenutzte Handyklingelton der frühen 2000er Jahre. Da ist es doch nicht schlecht, das ganze Werk einmal zu hören.

Und mit dem Kennen ist es so eine Sache. Hinten stöhnt jemand herzzerreißend „Nein, nein, nein!“ Offenbar ein Kenner. Zumindest der Gepflogenheiten bei Konzertwerken mit mehreren Sätzen. Es wird nicht nach jedem Satz geklatscht!

Nun, heute schon, offenbar ist nicht das ganze Publikum so versiert. Aber das macht auch nichts. Die Philharmonikerinnen und Philharmoniker nehmen es gelassen, es ist doch schön, wenn die Menschen mitgehen. Und sie haben zwar an dem Punkt die Etikette nicht gelernt, dafür aber vieles andere an dem Abend mitgenommen. Vor allem eine Musik, die berührt, Musikerinnen und Musiker, die begeistern, den „atemlosen, nervösen Herzschlag der Bratschen“ vernommen und dabei selbst ein wenig von ihrem Alltagsstress losgelassen.

Damit tauchen sie wieder auf in die Wirklichkeit des Abends und gehen dennoch beschwingt und manche auch beseelt nach Hause.

In dieser Spielzeit gibt es kein weiteres Deep-Dive-Konzert mehr, aber vielleicht lieben Sie Brahms? Oder möchten ihn kennenlernen? Dann ist am 28. und 29. April die Gelegenheit.

Mehr Infos unter www.theaterdo.de






Natur und Kunst finden innen statt

Ausstellung „Fläche & Raum“, print.kollektiv, im Torhaus zum Tag der Druckkunst

Die Wendeltreppe im alten Gemäuer ist eher düster, dafür öffnet sich am Ende der Blick auf einen hellen, gefühlt weiten Raum, in den das Sonnenlicht hineinlacht. Eine Landschaft breitet sich auf dem Boden aus. In einer Rundung tummeln sich in einem riesigen Netz Spinnen. Auf der gegenüberliegenden Seite sprechen Bücher und quaderförmige Objekte.



Aber keine Angst, es handelt sich um Drucksachen. Das Netz ist echt, doch die Spinnen kommen zweidimensional daher. Die Landschaft am Boden und an der Wand ist raumgreifend und dreidimensional. Man betritt im Torhaus Rombergpark an diesem Sonntag, dem Tag der Druckkunst, eine Installation des print.kollektivs, das sich 2022 zusammengeschlossen hat und seitdem hin und wieder gemeinsame Ausstellungen präsentiert.

Die drei DruckkünstlerInnen Bärbel Thier-Jaspert und Michael Jaspert aus dem Depot sowie Marc Bühren aus dem Umfeld des KünstlerInnenhauses, der jüngst 2025 den Kunstpreis des Ennepe-Ruhr-Kreises für sich entscheiden konnte, zeigen unter dem Titel „Fläche & Raum“ Variationen der Druckkunst.

Marc Bühren und Bärbel Thier-Jaspert im Torhaus Rombergpark (Foto: (c) Martina Bracke)
Marc Bühren und Bärbel Thier-Jaspert im Torhaus Rombergpark (Foto: (c) Martina Bracke)

Zu sehen sind Artificial Landscapes von Marc Bühren, die den Eingriff des Menschen in die Natur thematisieren. Natur wird zu einem gestalteten Raum.

Mit seinen Spinnen im Netz will Michael Jaspert auch Parallelen zum World Wide (oder sollte man „Wild“ sagen) Web aufzeigen. Beute lässt sich in beiden Netzen machen, wie er erklärt.

Bärbel Thier-Jaspert gestaltet „Sprachräume“. Papierobjekte auf der Basis von Zitaten sind zu druckgrafischen Unikaten entwickelt.

Lesen und nachdenken, umhergehen und schauen. Man kann durch den Raum wandern und seine Gedanken schweifen lassen. Diese Ausstellung zum Tag der Druckkunst, der seit 2018 deutschlandweit am 15. März gefeiert wird, dem Tag, als die Druckkunst als immaterielles Kulturerbe in die Liste der UNESCO aufgenommen wurde, ist ein lebendiges Beispiel für die Möglichkeiten und Weiterentwicklungen der Druckkunst. Bis 17 Uhr konnten über einhundertachtzig Besucherinnen und Besucher gezählt werden.

Noch mehr werden die Ausstellung sicherlich bis zum 5. April im Torhaus, Am Rombergpark 65, 44225 Dortmund, genießen. Jeweils dienstags bis freitags von 14.00 bis 18.00 Uhr und samstags und sonntags von 10.00 bis 18.00 Uhr. Bei lachendem Sonnenschein, aber auch bei schlechterem Wetter. Innen ist es jedenfalls immer trocken.

Das @print.kollektiv findet man auch auf Instagram.

„Fläche & Raum“, 15.03.2026 – 05.04.2026




Winterreise – eine Wanderung, die mehrere Sinne anspricht

Ein multisensuales Poem nach dem Stück von Elfriede Jelinek im Studio des Schauspielhauses

Das Zucken des Lichts trifft das Auge. Der Donner ist mit dem ganzen Körper spürbar. Taube und Hörende können das Gewitter erleben. Im Publikum sitzen sie nebeneinander und folgen den fünf Wanderinnen und Wanderern auf ihrer Winterreise durch die Zeit und die Zeiten. Sturm, Schmerz, Tränen – Gefühle streifen durch ein Bühnenbild mit Wasserbecken, Windmaschinen und einem umgestürzten Mobilfunkmast. Im Hintergrund eine Projektionsfläche.

Ausgangsbasis ist die Winterreise von Franz Schubert, ein Liederzyklus aus dem Jahr 1827, in dem er vierundzwanzig Gedichte von Wilhelm Müller vertonte. Vielfach interpretiert und aufgenommen, finden sich Elemente daraus bereits in verschiedenen Werken, z. B. in einem Film von Hans Steinbichler oder dem Stück „Baal“ von Brecht. Auch eine Übersetzung der Lieder in österreichische Gebärdensprache gibt es.

Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ließ sich in den 2010er Jahren inspirieren und erhielt für ihre „Winterreise“ den Mülheimer Dramatikerpreis im Jahr 2011.

v.l.n.r.: Rafael-Evitan Grombelka (Gast), Linda Elsner, Eyk Kauly (Gast), Roberto Romeo und Marlene Goksch©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Rafael-Evitan Grombelka (Gast), Linda Elsner, Eyk Kauly (Gast), Roberto Romeo und Marlene Goksch
©Birgit Hupfeld

Die Mitglieder des Ensembles des Dortmunder Schauspielhauses, Linda Elsner, Marlene Goksch, Roberto Romeo und die Gäste Eyk Kauly – Deaf Performer, Schauspieler und Leiter des Deutschen Gehörlosentheaters – sowie Rafael-Evitan Grombelka arbeiten gemeinsam mit dem Regisseur Zino Wey mit Jelineks Text. Hörende und Taube interpretieren und finden neue Formen des Ausdrucks für diese „Partitur der Einsamkeit“. Gesprochen und gebärdet, vieles passiert auch ganz ohne Worte. Gefrorene Tränen werden auf die Gesichter geklebt. Im Wasserbecken stehend, mit Gewändern aus silbernen Bändern, entsteht die Illusion von fließendem Wasser. Wind jagt flatternde Fahnen. Einprägsame Bilder.

Dazwischen Liedfetzen von Schubert und Jelineks Worte. „Vorbei. Das Vorbei ist immer vorbei. Es kann anders kommen, man kann mit ihm mitgehen, aber vorbei ist vorbei.“ Die Liebe ist vorbei, verloren steht man in der Weite. Ein Zurück ist nicht möglich. Aber wohin? Allgemeingültig bleibt diese Suche über die Jahrhunderte.

Aber der Mobilfunkmast spielt auch seine Rolle. Sie wandern ohne Netz. Wieder ein eindrückliches Bild mit Mobiltelefonen auf der Suche nach Empfang. Die Geräte beleuchten die Gesichter aus der Nähe (verbaute LEDs machen es möglich). Individuell, aber kollektiv auf der Suche nach Liebe und Verbindung. Im Internet scheinbar so einfach. Aber auch das Verlassen und Weiterziehen sind naheliegende Optionen. Nur eine Spur. Und wieder vorbei.

Anklänge an Jelineks Lebensgeschichte finden sich insbesondere in dem Ausschließen des Vaters, aber dazu muss man tief eintauchen. Ihr Vater war in seinen letzten Lebensjahren dement. Der Text wirkt auch für sich. „Wandern im Vergessen“ ist die Passage betitelt.

Zino Wey zeichnet für Regie und Bühne verantwortlich, Pascale Martin für die vielfältigen Kostüme. Musik mit Lukas Hübner und Dramaturgie und Access-Dramaturgie in der Verantwortung von Sabrina Toyen und Franziska Winkler. Eine Einführung fand in Gebärdensprache mit Untertiteln im sog. „Institut“ eine halbe Stunde vorher statt.

Vor Lichtreizen und lauten Basstönen, die in den Körper dringen, wird gewarnt, es ist aber gut anzunehmen und unterstützt das „multisensuale Poem“. Ein eindrückliches, intensives Schauspiel mit und ohne Ton, eine insgesamt lohnenswerte Inszenierung, die sich für Hörende und Taube gleichermaßen eignet. Langanhaltender Applaus belohnt das Ensemble nach rund siebzig Minuten.

Weitere Aufführungen folgen, zum Beispiel am 28. und 29. März.

 

Alle Termine unter www.theaterdo.de