Those were the days oder wie man eine Axt archiviert

Im altehrwürdigen Schulte-Witten-Haus mit seinen holzvertäfelten Wänden ist eine Axt vielleicht eine potenzielle Gefahr. Hier ruht sie an diesem Abend, mehr schlecht als recht, in einem standardisierten Archivkarton und wirft Fragen auf.



Die Theaterinstitution ohne Haus – artscenico e. V. performing arts – hat eingeladen zu einem Performance-Abend, der die repräsentativen Räume im Erdgeschoss des Schulte-Witten-Hauses bespielt. Das Publikum wird in den ersten Raum geführt und erhält einen Einblick in das gesammelte Material des prägenden Kopfes von artscenico, des 2024 verstorbenen Rolf Dennemann, der 1991 diesen Verein mitgründete, neben den Produktionen auch für diverse Festivals verantwortlich zeichnete, z. B. den Theaterzwang, heute „favoriten“, und bis zu seinem Tod der künstlerische Leiter war.

Fotos, an die Wand projiziert, zeigen einen überfüllten Lagerraum. Im Kontrast dazu die säurefreien Archivkartons, von denen es im Fritz-Hüser-Institut vierundachtzig Stück mit Material von artscenico gibt. Einen Einblick in die Archivarbeit vermittelt Anna-Luise Binder. Wie archiviert man eine Axt? Wie hält man mehr als einhundert Produktionen für die Nachwelt fest? Und bei welcher hat die Axt denn nun mitgespielt?

Performance-Abend über artscenico: Wie archiviert man eine Axt? Foto von Martina Bracke.
Performance-Abend über artscenico: Wie archiviert man eine Axt? Foto von Martina Bracke.

artscenico ist immer noch artscenico. Und so geht die nächste Station filmisch über die Leinwand. Erst im dritten Raum wird es theatral, wenn Matthias Hecht und Sascha von Zambelly Poetisches aus der Loseblattsammlung von Rolf Dennemann vortragen. Endlos könnte man lauschen, was alles „schön“ ist. Vieles. Ein Bergsee mit nur einer einzigen Forelle im Mondlicht beispielsweise. Schön kann es überall sein, schön kann fast alles sein, man muss es nur sehen können. Oder sich so schön vortragen lassen von zwei Schauspielern. Wie auch das Manuskript für einen Kurzfilm, der noch zu drehen wäre.

Aber bei den Performances von artscenico wurde auch immer getanzt. Folgerichtig erwartet das Publikum im nächsten Saal eine Tanzepisode: Elisa Marschall hüllt sich kunstvoll in Bandagen ein.

Im schönsten Raum des Hauses, dem blaugekachelten Salon, folgen ein paar Anekdoten mit einer über neunzigjährigen Ikone aus Wuppertal: Lore Duwe-Scherwart, die für artscenico auf Brachen in „Strawberry Fields“ spielte oder mit nach Łódź reiste, dort unverhofft deutsche Volkslieder vortrug und die Herzen des polnischen Publikums damit gewann. Zum Glück sind noch Protagonisten da, die Fragen der Wissenschaftler*innen beantworten können – wie Berthold Meyer, der durch den Abend führt.

Das ganze Ausmaß des internationalen Engagements von artscenico und Rolf Dennemann wird wieder streng wissenschaftlich sichtbar. Material aus den echten Archivkartons zeigt plakativ eine illustre Sammlung von Festivalbändchen oder auch Urkunden für Inszenierungen in anderen Ländern, einiges auch aus Ungarn, gern aus Dortmunder Partnerstädten, denn die freie Szene ist oft zur Stelle, wenn es um den partnerschaftlichen Städteaustausch geht. Lebendig, zum Greifen nah ist das Material. Aber ab jetzt bitte nur mit Baumwollhandschuhen anzufassen.

Während die Protagonisten ihre Schonhandschuhe wieder ausziehen, streift auch die Tänzerin im Hof des Hauses rund um den Brunnen ihre Bandagen kunstvoll wieder ab.

Ein informativer Abend, ein performativer Abend, ein Abend für Insider und alle, die einen Blick darauf erhaschen wollten, was die freie Theaterszene im Ruhrgebiet so bieten kann. Mit oder ohne Haus. Auf jeden Fall mit technischer Unterstützung aus einem Haus, dem Theater im Depot. In einem wirklich schönen Schulte-Witten-Haus.

Nur die Axt wandert leise und still zurück ins Fritz-Hüser-Institut und gibt vorläufig weiterhin Rätsel auf.

www.artscenico.de – Performing Arts

www.dortmund.de/fhi – Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt

www.theaterimdepot.de

www.favoriten-festival.de – wieder im Oktober 2026




Tierischer Saisonauftakt im Theater im Depot: Die Katze Eleonore

Miau! Wer hat sich nicht schon einmal vorgestellt, wie das Leben als Katze wäre? Auf dem Ofen liegen oder auf dem Sofa, sich der Fellpflege widmen, sich ab und zu recken und strecken und auf das Essen warten. Zumindest alle, die mit einer Katze leben, kennen das.



Für die Katze Eleonore ist es keine Vorstellung mehr: Die Immobilienmaklerin fühlt, dass sie eine Katze ist. Aber ganz so einfach ist das Finden der neuen Identität und die Verwandlung in eine Katze nicht. Es wächst nicht plötzlich über Nacht ein Katzenfell. Eleonore versucht sich zu behelfen. Beim Essen klappt es auch ganz gut. Aber natürlich nimmt die menschliche Umgebung das nicht so ohne Weiteres hin. Wo käme man denn hin, wenn jede*r die eigene Identität entdecken und konsequent verfolgen würde? Anfangs gibt es Konflikte mit der Mutter, später auch im Beruf, den Eleonore mehr und mehr vernachlässigt. Und relativ schnell schickt man sie zu einem Psychiater, der sich interessiert alles anhört, aber letztlich die Verwandlung nicht nachvollziehen und auch nicht stoppen kann.

Die Katze Eleonore. (Foto: Oliver Stroemer)
Die Katze Eleonore. (Foto: Oliver Stroemer)

„Wie geht es Ihnen denn ohne Arbeit, Frau Garazzo?“ „Ach Wildbruch, ich bin eine Katze, wie soll es mir gehen – gut.“

Eleonore hat insofern Glück, als dass sie sich ihr neues Leben leisten kann. Sie ist auf die Menschen nicht angewiesen, sie kann sich ganz und gar ihrem Katzendasein widmen und häutet sich vor den Augen des Publikums. Mehr und mehr fallen die menschlichen Hüllen, und in geschmeidigen Bewegungen erkundet die Katze Eleonore ihr neues Leben. S. Rudat inszenierte das Stück von Caren Jeß, das 2022 seine Uraufführung in Dresden erlebte, und spielt selbst. Die Mutter und der Psychiater werden gleichermaßen auf der Bühne lebendig; Rudat stellt sie mit kleinen Gesten und entsprechender Stimme überzeugend dar. Nur Eleonore folgt ihrem eigenen Weg und lässt sich kaum beirren. Sie findet in ihre Identität, füllt nicht nur den Platz auf der Chaiselongue, sondern den gesamten Theaterraum mit ihrer Präsenz. Wie es die Sicht einer Katze ist, gehört ihr an diesem Abend alles. Das Physical Theatre von Rudat lässt das Publikum aufmerksam, fasziniert und nachdenklich zurück. Das Stück markiert den Start des Theaterfestivals „Physical Fest 2026“, das das Physical Theatre Netzwerk NRW in Dortmund, Bochum und Essen veranstaltet. In diesem Jahr widmet sich das Festival der Reduzierung von Barrieren. Die Aufführung eignet sich daher ebenso für sehbehinderte/blinde und schwerhörige/gehörlose Menschen. Wer sie noch einmal sehen will, muss nun dafür allerdings nach Köln reisen. Die Inszenierung, die für den Kölner Theaterpreis 2026 nominiert ist, wird im Freien Werkstatt Theater in der Kölner Südstadt gezeigt. Gleichzeitig ist es der Saisonauftakt im Theater im Depot unter neuer Teamleitung – nach fünf Jahren mit Jens Heitjohann als künstlerischem Leiter. Ihm dankte Christoph Rodatz, der Vorsitzende des Trägervereins, vor der Vorstellung für seine Arbeit, die er als modern, politisch und international würdigte. Aus dem jetzigen Leitungsteam ergriff Johannes Bergmann das Wort und vermittelte, dass man ein Theater der Toleranz und Vielfalt, ein Theater mit offenen Türen sein wolle. Dazu passt die zweite Performance des Abends, die zeitgleich auf dem Nordmarkt mit Menschen aus der Nordstadt stattfand.

Man darf den Start als geglückt bezeichnen. Und man darf gespannt sein auf mehrere Premieren und das „favoriten-Festival“ in der nächsten Zeit. Mehr unter www.theaterimdepot.de

„Die Katze Eleonore“ kann Ende September wieder in Köln im Freien Werkstatt Theater besucht werden. www.fwt-koeln.de Das „Physical Fest 2026“ läuft weiter bis zum 27.09. noch in Bochum. Physical Fest 2026 | PTN




Liebe, Intrigen und Tod – Der große Gatsby auf der Bühne im Fletch Bizzel

„Ein kleines Geheimnis kann alles verändern.“ Viele kleine und große Geheimnisse entfalten sich auf der Bühne des Theaters Fletch Bizzel an diesem Sonntagabend. Die Jugendtheatergruppe der Academy of Theatre, Music and Dance (ATMD) zeigt eine Gesellschaft sich amüsierender Alt- und Neureicher, dazwischen ein Automechaniker und Tankstellenbesitzer und seine Frau.



Man vergnügt sich bei Partys, unterhält Affären, intrigiert und rätselt über Gatsby, den Mann, der rauschende Feste veranstaltet, selbst aber kaum auftaucht und über dessen Herkunft und vor allem die Ursprünge seines Reichtums niemand etwas weiß. Sehr schnell ist das Publikum inmitten der Ränkespiele. Eine Erzählerin, Nicky, die in psychologischer Behandlung das Erlebte aufarbeitet, bietet elegante Überleitungen und zusätzliche Informationen, sodass dem Geschehen gut gefolgt werden kann.

Der große Gatsby: Was tun mit der Leiche? Ensemble vom ATMD (Foto: Martina Bracke)
Der große Gatsby: Was tun mit der Leiche? Ensemble vom ATMD (Foto: Martina Bracke)

In sehr schönen und passenden Kostümen (Jilan Nomat-Gashi und Luscha Shala, Make-up) spielt und tanzt das Ensemble die Geschichte des großen Gatsby aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts, der alles darauf ausrichtet, seine Jugendliebe Daisy zurückzugewinnen, die inzwischen verheiratet ist. Mit einem Mann, der sie mit der Frau des Tankstellenbetreibers betrügt.

Das junge Ensemble, angeleitet von Dustin Gashi und Patrick Drann, die auch selbst auf der Bühne agieren, überspielt die im Vorfeld nötig gewordenen Umbesetzungen sehr gut und zeichnet die einzelnen Figuren anschaulich. Liebesschwüre, heimliche Absprachen, Langeweile in der Gesellschaft und Lügen werden mit wenigen Requisiten glaubwürdig auf die Bühne gebracht, und das Drama nimmt seinen Lauf.

Am Ende sind drei Tote zu beklagen, die Liebe hat nicht gehalten, was sie versprochen hat, und der alte Geldadel ist wieder mehr oder weniger unter sich. F. Scott Fitzgerald seziert 1925 den American Dream und lässt hinter die Fassade blicken. Auch einhundert Jahre später zeigt sich der Roman auf der Bühne aktuell. Mit Geld lässt sich vieles regeln, die Moral bleibt auf der Strecke. Wer will, kann durchaus Parallelen zur heutigen Zeit ziehen. Insofern verrät das Stück nicht nur kleine, sondern auch große Geheimnisse. Ob sich im Großen etwas verändert, bleibt dahingestellt. Diese nun wirklich letzte Premiere auf der alten Bühne im Theater Fletch Bizzel bringt noch einmal ein volles Haus mit Publikum, das von der Spielfreude des Ensembles der Academy of Theatre, Music and Dance begeistert ist. Auf die nächste Produktion kann man also gespannt sein. Dann vielleicht auf der neuen Bühne des Fletch im Theater Olpketal, die das Theater Fletch Bizzel voraussichtlich ab Herbst bespielt.

ATMD auf Instagram @atmd.dortmund www.fletch-bizzel.de




Es lebe die Liebe!

Die Entführung aus dem Serail nach Mozart

Es ist voll im Opernhaus, es ist laut im Opernhaus. Rund achthundert Kinder und Jugendliche suchen ihre Plätze. Auf der bereits offenen Bühne sitzt jemand und liest. Auf einem Bett.



Als sich im Publikum alles sortiert hat, kommen die Musikerinnen und Musiker. Sie finden ihren Platz im Hintergrund, und nach der lautstarken Begrüßung durch das junge Publikum fällt zwischen ihnen und der Vorderbühne ein halbtransparenter Vorhang. Das Spiel kann beginnen.

Der lesende Junge auf dem Bett erwacht zum Leben durch die Puppenspielerin, die auch seine Mutter darstellt. Eine Gute-Nacht-Geschichte? Eine von Piraten und Tränen und Liebe. Eine Entführungsgeschichte, eine Befreiungsgeschichte. Viel steckt drin in diesem Singspiel nach Wolfgang Amadeus Mozart aus dem Jahre 1782 und dem Libretto (dem Text) von Johann Gottlieb Stephanie, bearbeitet von Paulus Hochgatterer und Nikolaus Habjan (auch Regie).

Kristine Stahl Foto. (c) Björn Hickmann
Kristine Stahl Foto. (c) Björn Hickmann

Die alte Oper neu verpackt auf der Dortmunder Bühne. Das funktioniert mit dem Erzählerduo und dieser kleinen Rahmenhandlung sehr gut und kindgerecht. Neben der lebensgroßen Jungenfigur sind weitere kleinere, liebevoll gestaltete Puppenakteure auf der Drehbühne rund um das Bett verteilt und werden teilweise auch von den ganz in schwarz gekleideten Sängerinnen und Sängern gespielt. Eine weitere Dekoration gibt es nicht, aber auf der Gaze, dem Vorhang im Hintergrund, laufen gleichzeitig Filmeinspielungen mit diesen Puppen. Über allem werden noch die Texte eingeblendet, sodass alle gut folgen können.

Manchmal ist es aber doch schon ziemlich viel, was da auf allen vier Ebenen abläuft: Die Sängerinnen und Sänger links und rechts, in der Mitte die Puppenspielerin Kristine Stahl und ihre Puppen, die bewegten Bilder auf der Gaze und der mitlaufende Text. Wo soll man nun hinschauen? Und wer ist gerade dran? 

Dem Publikum gefällt es aber insgesamt sehr gut. Es gibt immer wieder Szenen- und Zwischenapplaus, und die Sangeskunst erreicht die jungen Menschen. Allzu oft waren sie sicherlich nicht in der Oper, denn die häufige Wiederholung der Textpassagen in Arien ist ihnen nicht vertraut. Sie klatschen so schon mal dazwischen. Das macht aber nichts. Darauf muss man sich als Ensemble einstellen und es bringt auf der Bühne auch niemanden aus dem Konzept.

Der Erzählerkniff erlaubt es, die Oper auf ungefähr eineinviertel Stunden zu begrenzen. Die manchmal blutrünstigen Texte geben vielleicht noch etwas zu denken, aber insgesamt eine runde, spannende Piratengeschichte für junge Leute mit einer guten Portion Liebe angereichert und vor allem mit Herzblut dargeboten von einem gut aufgelegten Orchester, hervorragenden Sangesstimmen und einer sympathischen Rahmenhandlung mit Puppenspielerin.

Weitere Termine unter www.theaterdo.de




„Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ – Oscar Wilde mit Augenzwinkern

Ein paar weiße Handschuhe, eine Schürze, ein Gehstock, eine Melone und ein Diadem. Und Gurkensandwiches. Es braucht nicht viel, um ein Theaterpublikum in eine andere Welt zu versetzen. In seiner mittlerweile sechsten Produktion widmet sich der Schauspieltreff des Vereins Halte-Stelle Oscar Wilde und seiner Komödie „Bunbury – The Importance of Being Earnest“.

Gleich zwei Gentlemen sind „Bunburianer“. Sie erfinden Freunde oder Verwandte – der eine, um in die Stadt zu kommen, der andere, um ab und an seiner Tante entfliehen und ungehindert ausgehen zu können. „In der Stadt amüsiert man sich, auf dem Land amüsiert man die anderen“, lautet ein Motto.

Das geht gut, bis sich der erste verliebt. Unter dem falschen Namen Ernest. Den seine Angebetete aber ganz wunderbar findet. Einen Mann mit einem anderen Namen will sie auf keinen Fall heiraten! 

"Dein Ernst? Is' nich' wahr" im Theater im Depot. (Foto: (c) Martina Bracke)
„Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ im Theater im Depot. (Foto: (c) Martina Bracke)

Verwicklungen und Verwirrungen sind also vorprogrammiert. Man leidet mit Ernest alias Jack. Man hofft, dass die Angebetete „Ja“ sagt. Sein Freund versucht ihm alles auszureden. Und dann sind da auch noch diese wunderbaren Schwiegereltern, die den Bewerber ganz genau unter die Lupe nehmen und von der Wahl der Tochter gar nicht „amused“ sind. Ganz herrlich das Paar auf Sofa und Sessel beim „Verhör“.

Überhaupt sind die Figuren von der Theatergruppe skurril gezeichnet, man merkt allen die Spielfreude an, freut sich an den kleinen Gesten, z. B. wie etwa Ernest/Jack seinen Hut, eine Melone, knetet, an dem theatralischen Heiratsantrag und den vielen liebevollen Kleinigkeiten, die auch auf der großen Bühne im Theater im Depot gut rüberkommen.

Im Foyer erhielt das Publikum bereits eine kurze Einführung, sodass man vorbereitet in den Theatersaal geht – mit Gitarrenbegleitung. Denn ganz nach der reinen Lehre hat die Gruppe das Stück nicht inszeniert.

So werden immer wieder auch eigene Gedichte und Lieder eingebaut, es geht um Liebe und die Gesellschaft und unser Miteinander. Sehr treffend auch im Programmzettel formuliert: „ Wer liebt wen? Und warum? Und ist das überhaupt eine gute Idee? Was macht Liebe mit uns – und was stellen wir im Gegenzug mit ihr an? Oder auch: Warum gibt es in unserer modernen Gesellschaft immer noch Menschen, die glauben, sie dürften über andere urteilen?“

Die Darstellerinnen und Darsteller wechseln mühelos von Oscar Wilde zu eigenen Texten. Zeigen viel Humor, z. B. wenn der spätjugendliche Bewerber sein Alter auf neunundzwanzig plus datiert. Lacher gibt es viele in den kurzweiligen anderthalb Stunden.

Der ein oder andere Hänger des „Theaters Normal Gibt’s Schon“, wie das Ensemble sich nennt, wird charmant überspielt, das muss man auch erst einmal können. Da sind sie bei Ekkehard Freye, der das Projekt als Schauspieler (im Hauptberuf beim Schauspiel Dortmund engagiert) professionell anleitet, durch eine gute Schule gegangen. Viel Sicherheit gibt ihnen aber auch die Gemeinschaft, die sie selbst „als Familie“ empfinden. Und Halt durch die weitere Begleitung des Vereins, der in der Blücherstraße ansässig ist, mit Anna Becker und Anna Helmsorig.

Oscar Wilde schrieb diese Komödie, um Geld zu verdienen. Auch wenn das Stück im Theater im Depot mit dem Titel „Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ Eintritt kostet, für Geld spielen die Darstellerinnen und Darsteller der Halte-Stelle nicht, aber für Spaß und Freude und für Applaus, den es zum Schluss reichlich und verdient gibt. Ein Theatervergnügen mit wenig Brimborium, viel Herzblut und einigen Herzensanliegen, die als Botschaften mit nach Hause genommen werden können: Z. B. „Ein Lächeln kostet gar kein Geld, es wärmt die kalte, graue Welt.“

In diesem Sinne verabschiedet sich das Publikum in einen tatsächlich eher durchwachsenen Junitag und trägt vermutlich ein Lächeln auf den Lippen und bestimmt viel Wärme im Herzen.

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Lasst uns unsere schönen Jahre genießen

Les Boréades von Jean-Philippe Rameau gespielt von a nocte temporis unter der Leitung von Reinoud van Mechelen

„Lasst uns unsere schönen Jahre genießen …“ Es wird gefeiert am Hofe von Königin Alphise in Baktrien, einem Teil des heutigen Afghanistans. Sie soll sich einen Gatten erwählen und hat zwar die Wahl, aber es muss ein Nachkomme des Nordwindes Boreas (Borée) sein. Verliebt ist sie tatsächlich. Nur leider in Abaris, einen Tempeldiener unbekannter Herkunft.



In seiner letzten Oper zieht der französische Barockkomponist Jean-Philippe Rameau (1683 – 1763) noch einmal alle Register, lässt die Luft flirren vor Liebe zwischen den beiden, die Amors Pfeil getroffen hat. Das einzige spielerische Requisit in dieser konzertanten Aufführung. Die Erde erzittert bei der Rache des Nordwindes, den die beiden verschmähten Bewerber anrufen. Ganz wunderbar der Perkussionist, der hier sein Material ausreizt, und ansonsten auch bei leisen Stellen mit nur einigen Schellen zauberhaft unterstützt.

"Der Liebespfeil in den Händen der Königin Alphise, gesungen von Gwendoline Blondeel" Fotograf unbekannt.
„Der Liebespfeil in den Händen der Königin Alphise, gesungen von Gwendoline Blondeel“ Fotograf unbekannt.

Manche erzählerischen Teile werden nur mit Cello und Cembalo zart untermalt, was dem Sänger des Abaris Raum gibt. Den er sich zu nehmen weiß, denn der Countertenor Reinoud van Mechelen singt nicht nur diese Partie, nein, er ist auch gleichzeitig der Dirigent des gesamten belgischen Ensembles. Und als solcher hält es ihn kaum an seinem Platz. Er findet sich beim Lenken des Orchesters und der Sängerinnen und Sänger des „Chœur de Chambre de Namur“ vor und neben dem Pult wieder, manchmal tänzelnd. Man merkt ihm seine Hingabe zu der Musik an und bewundert den Wechsel vom Dirigenten zum Sänger mit dem Notenbuch in der einen Hand, wie er sich damit dreht, dem Publikum nicht mehr den Rücken zuwendet und sich der Liebe zu Alphise widmet.

Man leidet ein wenig mit in dieser Doppelrolle, aber schnell vergisst man die Mühen, denn das Spiel geht ja weiter, die Liebe will verteidigt werden. Zwar gibt Abaris fast auf, dennoch nimmt er all seinen Mut zusammen und sucht seine Alphise zu befreien, die für sich schon die Lösung gefunden hat, auf den Thron zugunsten der Liebe gänzlich zu verzichten. „Geliebter, was wäre das Reich des Universums selbst ohne Euch?“ Eine gute Absicht, doch mit dem Nordwind nicht zu machen, er entführt sie schlichtweg.

Dem Opernwerk erging es in seiner Zeit nicht viel besser. 1763 sollte sie zur Aufführung kommen, die Proben hatten bereits begonnen, doch sie verschwand für mehr als zweihundert Jahre in den Archiven. Dabei war der Komponist sehr bekannt und gilt auch heute noch als ein Meister seines Faches, der allerdings in der Wahrnehmung in Deutschland hinter die italienischen und deutschen Komponisten zurückfällt. Das zu ändern, bietet das Dortmunder Klangvokal-Festival  einen hervorragenden Rahmen. Und erfüllt damit auch die Erwartungen eines Stammpublikums, indem es bereits über die Jahre sich auch dem Barock widmet und immer wieder hier eher unbekannte Werke auf die Bühne bringt.

Diese Begeisterung merkt man dem Festivaldirektor Torsten Mosgraber genauso an, wenn man ihn ein paar Tage vor dem Konzert vor Studierenden in einem öffentlichen Seminar/Workshop im Dortmunder U erlebt. Zusammen mit Prof. Dr. Barbara Welzel von der TU Dortmund laden sie jedes Jahr ein, sich mit den Hintergründen und auch aktuellen Bezügen eines besonderen Werkes bei Klangvokal zu beschäftigen. Neben den musikalischen Raffinessen geht es auch um die gesellschaftliche Einordnung. „Les Boréades“ handelt von einer unstandesgemäßen Liebe. Und es stellt sich die Frage, wie sich Macht legitimiert. Darf es nur die Herkunft sein?

Vielleicht war das auch, zwanzig Jahre vor der Französischen Revolution, ein Grund, warum die Oper nicht aufgeführt wurde. Vielleicht war sie zu progressiv. So jedenfalls einige Vermutungen. Was nicht passte, durfte nicht sein. Und bloß niemanden auf die Idee bringen, dass Macht auch andere Legitimitätsgründe haben könnte.

Dabei hat der unbekannte Librettist, also Autor des Textes (zugeschrieben Louis de Cahusac), alles dahingehend aufgelöst, dass der Gott des Lichts, Apollon, sich einmischt und offenbart, dass Abaris sein Sohn sei, den er mit einer Nachfahrin des Nordwindes gezeugt hat. Sehr schön präsentiert von dem tschechischen Bariton Tomáš Král.

Ein genussvoller Abend für alle auf der Bühne des Orchesterzentrums NRW in der Brückstraße, der Meile der Musik und Vokalmusik.

Lasst uns das Leben genießen – und das jeden Tag.

Mehr genussvolle Momente unter www.klangvokal-dortmund.de

Und auch nicht verpassen: Das „Fest der Chöre“ in der Dortmunder Innenstadt am 13.06.26




Wunder überall! „Das Loch in der Oberfläche“ im Theater im Depot

Im Dunkeln entzündet sich ein Licht. Klein. Zunächst. Es wird heller und heller. Zwei Personen auf der Bühne. Sound kommt dazu. Sie reißen die Münder weit auf. Was sehen sie?



Das Publikum muss glauben, dass sie etwas Besonderes sehen. Schauen sie auf etwas Gutes oder Schreckliches? Auf ein Wunder gar? „Wenn es dich berührt, ist es echt.“

Im Alltag wundert man sich über vieles und empfindet manches kleine Ereignis als Wunder. „Auch Ameisen sind wundervoll.“

„Wunder! Wunder! Wunder!“ Überall. Auch im Kleinen. Bei genauer Betrachtung.

In der Welt der Gläubigen, insbesondere in der katholischen Kirche braucht es mehr. Braucht es größere Wunder, um zum Heiligen erklärt zu werden. Die Gruppe „äöü“ hat sich viel mit diesen Wundern beschäftigt, ist in verschiedene Wallfahrtsorte gepilgert, um sich den Umgang mit den Wundern vor Ort anzuschauen. „You can touch, you can kiss, but no photos.“

"Wunder gibt es immer wieder", sang schon Katja Ebstein. (Foto: (c) Katharina Kemme)
„Wunder gibt es immer wieder“, sang schon Katja Ebstein. (Foto: (c) Katharina Kemme)

Auf der Bühne spielt sich das Geschehen in einem Kreis ab, der nicht eingezeichnet ist, den aber die Orgel markiert, die immer wieder vorgerückt wird. Im Kreis verändern sich die kreierten Bilder. Das künstliche Plastik spielt eine Rolle. Zum Beispiel zu beeindruckenden Priesterornaten geschneidert. (Kostüme: Sylvia Straub, Bühne: Sofia Falsone)

„Ein Heiliger ist im selben Jahr geboren wie ich.“ Ist das nicht schon ein Wunder? Es geht um den ersten Heiligen des Generation Y, den „Influencer Gottes“. „You can touch, you can kiss, but no photos.“

Patricia Bechtold und Johannes Karl zelebrieren auf der Bühne statistisch unwahrscheinliche Ereignisse, schaffen eindrückliche Bilder u. a. mit Nebel, der auch Weihrauch sein kann, jedenfalls schwenkt die Nebelmaschine wie ein Weihrauchfass über die Bühne. Die Effekte sind gut durchdacht und man schaut nimmermüde fasziniert zu, wie sich schlichtes Plastik erhebt und über die Bühne wirbelt.

Insgesamt eine stimmige Inszenierung, in der die beiden DarstellerInnen die „Landschaft hinter dem Wissen“ zugänglich machen und auch in gewisser Weise abheben, die Erdanziehungskraft „wirkt heute ganz schlecht“.

Die Bilder hängen noch lange nach, auch in der Besprechung nach zum Teil stehendem Applaus in dieser zweiten Aufführung (Premiere war einen Tag zuvor), beschreibt eine Zuschauerin die „Intensität dieser Fülle“, viele sind ganz beseelt von der Einfachheit der Requisiten, die einen Zauber auf die Bühne gebracht haben. Aber nicht nur die Bilder, auch die zum Teil selbst erstellten Texte von äöü und Texte der Autorin Sina Ahlers finden viel Anklang.

Äöü ist ein Theater- und Performance-Kollektiv aus dem Ruhrgebiet, die Produktion „Das Loch in der Oberfläche“, das unter anderem auf einen Ameisenhügel anspielt, wurde mit verschiedenen Partnern realisiert (z. B. Theater im Depot, Ringlokschuppen) und von mehreren Städten gefördert. U. a. Dortmund, Bochum, Frankfurt. Sowie von unterschiedlichen weiteren Fördergebern, Stiftungen, Land und Bund. Dementsprechend sind die nächsten Aufführungen in Bochum, Frankfurt, München und erst im November mit Herne wieder im Ruhrgebiet. Mehr unter www.aeoeue.de

Erst diese Kooperationen und Förderungen machen so manche Produktionen erst möglich, auch wenn man sich wünschen möge, das Stück noch öfter in Dortmund zu sehen. Die Inszenierung prägt jedenfalls beim Publikum ein und bringt vielleicht das ein oder andere Licht in den Alltag.

Www.aeoeue.de

Ein weiteres Stück „Wenn die Tauben singen“, eine musikalische Performance über Mensch und Taube, ist zeitnah in den Flottmannhallen Herne am 29.05.2026 zu sehen.




Man kann auch die Schlange essen

Gretas Metamorphose im Theater im Depot

Die Tür öffnet sich und man betritt einen Gang, der nicht gerade, sondern gewunden verläuft. Weiße Tücher begrenzen ihn, das Publikum verteilt sich. Von dem eigentlichen Theatersaal ist nichts zu erkennen, der Raum hat sich verwandelt.



Die weißen Flächen ermöglichen Schattenspiele. Zwei Figuren agieren dahinter, jede für sich, an zwei Stellen des Ganges, sodass alle Zuschauerinnen und Zuschauer etwas sehen und erleben können. Ein Sound mit Vogelgezwitscher erfüllt den Raum, die Schatten verwandeln sich mit verschiedenen Requisiten in etwas Insektenähnliches und später auch wieder zurück.

Die beiden Schauspielerinnen Edith Nana (auch künstlerische Leitung) und Bahar Sadafi nutzen den Gang, den Raum hinter den Tüchern und auch oberhalb und wechseln je nach Situation ins Sichtbare und Unsichtbare.

Warum weint Grete? Wer ist Milena?

Ein Detail der Bühne von "Gretas Metamorphose". (Foto: (c) Martina Bracke)
Ein Detail der Bühne von „Gretas Metamorphose“. (Foto: (c) Martina Bracke)

Fragen, die im Raum stehen und den Bezug zu Kafka herstellen. Milena war Übersetzerin einiger Geschichten Kafkas vom Deutschen ins Tschechische und eine Brieffreundin. Allerdings gibt es ein Buch, „Briefe an Milena“, das nur seine Sicht der Dinge darstellt. Ihre Briefe existieren nicht (mehr).

Grete ist eine Nebenfigur in Kafkas „Verwandlung“, die am Ende verheiratet werden soll. Wie sie dazu steht, erfährt man nicht.

Bei Kafka widerfährt Gregor die Verwandlung in ein Insekt. An diesem Abend verwandeln sich Grete und Milena von Randfiguren zu selbst agierenden Personen.

Man muss die Erzählungen von Kafka nicht kennen. Das Stück nimmt einen mit auf die Strecke durch den Geburtskanal, der es sein soll (Bühnenbild: Kathrin Ebmeier), und in den geöffneten Raum, der mit allerlei Technik aufwartet und zum Schauen, Anfassen und Spielen einlädt. Dort liegen Briefe aus, die so nie geschrieben wurden, ein Film erklärt das Vorgehen der Gottesanbeterin, die ihr Männchen tötet, auch wenn es sich in Acht nimmt, und mehr.

Nach einigem Wandern durch die Installation nehmen alle Platz, auch mitten im Raum. Während die beiden Protagonistinnen ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen von Frauen in Kamerun und Frauen im Iran.

Wir erfahren auch mehr über Grete und Milena. Symbolhaft zieht sich zudem der Granatapfel durch die Inszenierung. Bis er wirkungsvoll zerquetscht wird. Der Apfel, der mit Eva verbindet. „Ich bin nicht Eva. Ich hätte die Schlange aus dem Paradies gegessen, nicht den Apfel.“

Eine durchaus annehmbare Sichtweise, wie das Publikum findet. Das kommt auch bei dem Nachgespräch zur Geltung. Schade, dass die Studierendengruppe bereits direkt nach der Aufführung geht. Nun, sie werden sicherlich in ihrem Seminar noch darüber sprechen, aber dann nicht mehr mit den Aktiven.

Ein spannender und sinnlicher Abend, auf Deutsch, teilweise Französisch und Persisch, der zum Nachdenken anregt und hoffentlich noch Widerhall in der Uni und bei dem einen oder der anderen zu Hause findet.

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Ein Lächeln und vielleicht eine Träne

Charlie Chaplin „The Kid“, Stummfilm mit Musik

„A picture with a smile and perhaps a tear“. Der Stummfilm-Klassiker „The Kid“ von Charlie Chaplin aus dem Jahr 1921 erlebte am Dienstag mit Livemusik der Dortmunder Philharmoniker eine gelungene Aufführung.



Die Gesichter bei der Entlassung aus dem Krankenhaus sprechen die Missbilligung gegenüber einer alleinstehenden Mutter deutlich aus. Die verzweifelte Mutter setzt ihr gerade geborenes Kind nach einiger Überlegung in einem Auto aus, das vor einer großzügigen Villa steht.

Doch leider wird das Auto gestohlen. Und als die Diebe das Kind bemerken, setzen sie es in einem heruntergekommenen Viertel aus. Hier findet es der Tramp, Charlie Chaplin in seinem bekannten Outfit mit Melone, Stock und zerlumpten Handschuhen. Einmal das Kind auf den Arm genommen, wird er es nicht mehr los. Begegnungen, Tricks, Slapstick. Der Saal amüsiert sich. Schließlich nimmt er das Baby mit zu sich in seine Kammer. Erfindungsreich die kleinen Details wie die Trinkflasche aus einer Kaffeekanne, die er bastelt.

Leinwandfoto vom Stummfilmkonzert "The Kid" (Foto: (c) Martina Bracke)
Leinwandfoto vom Stummfilmkonzert „The Kid“ (Foto: (c) Martina Bracke)

Parallel dazu wird auch die Mutter gezeigt, wie sie ihr Kind zurückholen will. Immer wieder erfährt das Publikum zwischendurch auch etwas von ihrem Leben.

Dazu spielen die Philharmonikerinnen und Philharmoniker unter der Leitung von Carlos Vázquez die Musik, die Charlie Chaplin 1971, also fünfzig Jahre später, selbst dazu komponierte. Sie war nicht für die Live-Aufführung gedacht, aber natürlich ist es beeindruckend, das Orchester vor Ort auf der Bühne musizieren zu sehen und zu hören. Es liefert die Grundstimmungen der Szenen mit Walzern und Märschen, mit Klavier und Harfe und ganz zarten Glockenklängen neben den gewohnten Streich- und Blasinstrumenten.

Und im Film geht es auf und ab. Im Hauptteil steht das Kind seinem Ziehvater in nichts nach. Wirklich grandios der kleine Jackie Coogan, damals wie die Filmfigur ebenfalls fünf Jahre alt (der Film wurde bereits 1919 gedreht). Und es war nicht sein erster Film. Er avancierte aber insbesondere nach „The Kid“ zum Kinderstar der Stummfilmära.

The Kid und der Tramp sind ein eingespieltes Team – beim Backen und Verzehren von Pancakes oder beim Ausnehmen der Nachbarschaft. Der Kleine wirft die Scheiben ein, der Vater bietet die Reparatur an. Wenn nur nicht immer dieser eine Polizist durchs Viertel zöge …

Das Orchester spielt sich gekonnt durch Chaplins Welt, begleitet souverän Box- und Traumsequenzen, das Publikum genießt die Darbietung in vollen Zügen.

Aber natürlich kommt es auf der Leinwand, wie es kommen muss, Mutter und Kind treffen aufeinander und nach und nach wird alles aufgedeckt. Das Kind wird dem Tramp weggenommen. Tränen fließen – jedenfalls auf der Leinwand, aber das Publikum im Saal ist auf jeden Fall auch mitgenommen, die Flöten blasen Trauer. Die Wendung am Ende des Films kommt ein wenig schnell und kurz, den Rest muss man sich denken.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer honorieren einen gelungenen Abend mit viel Applaus. Sie haben gelacht, mitgelitten und ein gut aufgelegtes Ensemble auf der Bühne erlebt, das dem Film mit seiner musikalischen Begleitung eine besondere Tiefe gegeben hat.

Im Foyer bewundert man noch die vielfältigen Talente von Chaplin, der den Film schrieb, inszenierte, spielte und auch noch die Filmmusik dazu komponierte. In der Tat eine anerkennenswerte Leistung. Dann zieht man sich die Jacke an und geht hoffentlich von einem Lächeln beseelt nach Hause.

Mehr zum Philharmonischen Orchester unter www.theaterdo.de




Von der Natur in der Kunst umarmt

Ausstellung von Birgit Brinkmann-Grempel im Torhaus Rombergpark

Wenn man aus dem Grün und dem Blühen des Rombergparks kommend die enge Stiege im Torhaus Rombergpark erklommen hat, öffnet sich der Blick in den hellen und freundlichen Ausstellungsraum und dieses Mal in die Weite der Natur mit den Werken der Künstlerin Birgit Brinkmann-Grempel.



Luftig und bewegt im Raum schweben und kreisen Stoffbahnen in den Farben der Natur, hergestellt auch mit Sonnenlicht. Und in der Tat, man fühlt sich umarmt, wie es der Ausstellungstitel verspricht. An diesem Morgen, zur Eröffnung der Ausstellung, noch einmal ganz besonders, denn das Tanzduo „Dosadeux“ greift die Arbeiten der Künstlerin auf und tanzt um und mit den Stoffbahnen, es fühlt sich an wie Himmel und Erde, die aufeinandertreffen, Kontakt aufnehmen und sich letztlich ebenfalls umarmen.

Birgit Brinkmann-Grempel und Klaus-Otto Bracke. (Foto: (c) Martina Bracke)
Birgit Brinkmann-Grempel und Klaus-Otto Bracke. (Foto: (c) Martina Bracke)

Neben den Stoffbahnen präsentiert die Künstlerin noch weitere Werke, z. B. auf Holz. Sie arbeitet mit Siebdruck, Tusche und auch Pyrographie. Das heißt, dass mit Absicht Löcher eingebrannt werden. Es mutet wie gestickt an, doch es ist ausgebrannt. Insofern ist auch das, was nicht da ist, von ihr gewollt und gemacht, wie Klaus-Otto Bracke von der Galerie Spitzbart & Bracke aus Essen in seiner Einführung hervorhebt.

Insgesamt eine sehr harmonische Vernissage mit zahlreichen Gästen, „melancholischen Glücksgefühlen“ und mindestens schon einem verkauften Werk. Eine Ausstellung, die gern als Teil der Natur des Rombergparks noch bis zum 03. Mai besucht werden kann.

Torhaus Rombergpark, Am Rombergpark 65, jeweils dienstags bis samstags von 14 bis 18 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Wer mehr von Birgit Brinkmann-Grempel sehen möchte, kann dies in einer weiteren Ausstellung tun, die derzeit parallel läuft. Ihre „Vier Wege zur Stille“ werden noch bis zum 17. Mai in der Marienkirche in der Innenstadt gezeigt.