Zerrieben zwischen Selbstverwirklichung und Mutterschaft

Mit ihrem neuesten Wettbewerbsfilm Salve Maria präsentierte die katalanische Filmemacherin Mar Coll (*1981) am 06.04.2025 im Rahmen des IFFF Dortmund (Schauburg) einen Psychothriller der besonderen Art.
Im Zentrum steht eines der größten gesellschaftlichen Tabus: die Vorstellung, dass nicht jede Frau zur Mutterschaft geboren ist.

Basierend auf Katixa Agirres Roman Mothers Don’t erzählt der Film von der Schriftstellerin Maria, die zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen an ihre Rolle als junge Mutter, als funktionierende Ehefrau und ihrem Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung hin- und hergerissen ist.

Die Rolle der Maria wird eindrucksvoll von der Schauspielerin Laura Weissmahr verkörpert, deren ausdrucksstarke Mimik die innere Zerrissenheit und die Schuldgefühle der Figur greifbar macht. Der Mythos der „liebenden, aufopferungsvollen Mutter“ wird dabei besonders durch das religiös geprägte Bild der „Gottesmutter Maria“ in Frage gestellt.

Wenn Realität und Wahn ineinander übergehen

Als Maria von einer aufsehenerregenden Kindstötung liest, gerät ihr eigenes Leben zunehmend aus dem Gleichgewicht. Aus ihren persönlichen Selbstzweifeln heraus steigert sie sich obsessiv in den Mordfall hinein.
Unterlegt mit einer atmosphärischen Musik und psychologischen Elementen, die an Alfred Hitchcock erinnern, gewinnt der Film zunehmend an Spannung. Realität und Imagination beginnen zu verschwimmen.

Mar Coll bleibt dabei ihrer filmischen Handschrift treu: Schon in ihren früheren Arbeiten wie Tres dies amb la família (2009) und Tots volem el millor per a ella (2013) setzte sie sich intensiv mit familiären Konflikten, sozialen Erwartungen und der inneren Zerrissenheit ihrer Figuren auseinander. In Salve Maria geht sie noch einen Schritt weiter – und wagt sich in die psychologischen Abgründe moderner Mutterschaft, ohne jemals ins Klischeehafte oder Überzeichnete abzurutschen.

Am Ende steht die Suche nach einem Ausweg aus dem inneren und äußeren Dilemma. Gemeinsam wird eine Möglichkeit gefunden, Beruf und Mutterrolle auf eine Weise zu vereinen, die allen Beteiligten gerecht wird.

Salve Maria ist ein stiller, mutiger Film, der mit Tabus bricht – unbequem, notwendig, bewegend. Ein Werk, das nicht nur die Mutterrolle, sondern auch unser Bild von weiblicher Identität und Selbstbestimmung eindrucksvoll hinterfragt – und lange nachhallt.




Faruk – ein persönlich-fiktionalisiertes Porträt

Die türkische Regisseurin Aslı Özge wollte ursprünglich einen Film über den drohenden Abriss des Wohnblocks ihres Vaters Faruk in Istanbul drehen. Doch der über 90-Jährige wurde nach und nach zur Hauptfigur ihres Wettbewerbsfilms Faruk, der am 05.04.2025 im Rahmen des IFFF in Dortmund (Schauburg) gezeigt wurde.

Die mehrfach preisgekrönte Regisseurin (Men on the Bridge, Lifelong, All of a Sudden) ist bekannt für ihre genauen Alltagsbeobachtungen und ihre sensible Darstellung komplexer gesellschaftlicher Strukturen. In ihren bisherigen Filmen widmete sie sich unter anderem der Geschlechterdynamik in der türkischen Mittelschicht (Lifelong, 2013) oder der Unwägbarkeit zwischenmenschlicher Beziehungen in einem deutschen Kleinstadtmilieu (All of a Sudden, 2016). Dabei verbindet Özge häufig das Private mit dem Politischen – eine Stärke, die auch in Faruk voll zur Geltung kommt.

Inspiriert von realen Personen und Begebenheiten, gedreht an Originalschauplätzen, erzählt der Film mit Leichtigkeit und trockenem Humor eine Geschichte über Gentrifizierung und eine vielschichtige Vater-Tochter-Beziehung.
Die intime Kameraführung bringt den Zuschauer*innen den pfiffig-verschmitzten Faruk als Mensch nahe und schafft eine spürbare Vertrautheit.

Ein Mann gegen die Stadt – und gegen die Zeit

Über einen Zeitraum von sieben Jahren wird der schmerzliche Prozess der Gentrifizierung und der soziokulturellen Veränderungen in Istanbul am Beispiel Faruks auf sehr persönliche Weise erlebbar gemacht.
Sein langanhaltender, sturer Widerstand gegen das Unausweichliche und die anschließende Krise, in die er gestürzt wird, bilden den Ausgangspunkt dieses Porträts.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der viele Jahrzehnte in seiner gewohnten Umgebung lebte – und dem nun der Plan eines friedlichen Lebensabends buchstäblich „vermasselt“ wird. Das urbane Sounddesign begleitet dabei eindrucksvoll die Gedankenwelt Faruks.

Gleichzeitig gewährt der Film Einblicke in die sich wandelnde, komplexe Beziehung zwischen Vater und Tochter. Am Ende muss Faruk, zermürbt und kraftlos, seiner Tochter die Vollmacht in Wohnungsangelegenheiten – und damit einen Teil seiner Selbstbestimmung – übertragen.
Ihre Rolle wandelt sich, wie bei vielen erwachsenen Kindern, deren Eltern alt werden, hin zu einer Form mütterlicher Fürsorge.

Ein zart gezeichneter Film über das Altern, das Loslassen und die Umbrüche in einer Stadt – mit Empathie, Realitätsnähe und leiser Komik inszeniert.




Europa – Beißende Satire auf die Auswüchse des Turbokapitalismus

Sudabeh Mortezai, Tochter iranischer Eltern, in Ludwigsburg geboren und in Teheran sowie Wien aufgewachsen, lenkt mit ihrem scharfen, satirischen Wettbewerbsbeitrag Europa (gezeigt beim IFFF in der Schauburg Dortmund am 05.04.2025) den Blick auf die Opfer des Fortschritts, die der rücksichtslose Turbokapitalismus hervorbringt.

Bereits mit ihren vorherigen Arbeiten wie Macondo (2014) und Joy (2018) hat Mortezai eindrucksvoll gezeigt, dass sie sich mit sozialen Randgruppen, Migration, Machtverhältnissen und systemischer Ausbeutung auseinandersetzt. In Macondo widmete sie sich dem Leben tschetschenischer Geflüchteter in einem Wiener Randbezirk, in Joy dem Schicksal nigerianischer Frauen im europäischen Sexhandel – beides Filme, die durch ihren dokumentarischen Realismus und ihre tiefe Menschlichkeit beeindruckten.
Mit Europa geht sie nun einen Schritt weiter, indem sie satirische Elemente mit scharfer Kapitalismuskritik verbindet und dabei erneut die Perspektive der Machtlosen ins Zentrum rückt.

Die deutsche Managerin Beate Winter reist im Auftrag des multinationalen Konzerns „Europa“ nach Albanien, um dort angeblich menschenfreundliche Strukturentwicklungen und Frauenförderung durch Investitionen in unterentwickelten Regionen zu fördern.
Liebevoll zu ihrer Familie, zeigt sie sich in ihrer beruflichen Rolle ehrgeizig und undurchdringlich – stets darauf bedacht, sich gegenüber ihren männlichen Kollegen zu behaupten.

Die abgelegene Region, in der sie tätig wird, liegt in der Nähe unterirdischer Bunkeranlagen aus der kommunistischen Herrschaftszeit – einst aus Angst vor westlichen Invasoren errichtet.
Winter setzt alles daran, den religiös-traditionell lebenden Schäfern und Imkern ihr Land für eine undurchsichtige Agenda abzukaufen. Ein eigensinniger Bauer weigert sich zunächst standhaft, das Erbe seiner Vorfahren preiszugeben.

Tradition trifft auf Konzernmacht

Die freundliche Fassade der Managerin bröckelt rasch, und sie greift zu schmutzigen Mitteln und emotionalem Druck. Es gelingt ihr, die Tochter des widerspenstigen Bauern durch das Versprechen eines Stipendiums der Firma „Europa“ für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Schließlich gibt der Vater nach – doch es folgt ein bitteres Erwachen.

Filmbild aus "Europa" von Sudabeh Mortezai.
Filmbild aus „Europa“ von Sudabeh Mortezai.

Humorvoll-ironische Momente entstehen immer dann, wenn die beiden unterschiedlichen Kulturen aufeinandertreffen. Religiös verwurzelte Menschen mit ihren traditionellen Riten, Gebräuchen und musikalischen Ausdrucksformen werden von oben herab mit westlichen Lebensentwürfen und Gewinninteressen konfrontiert.

Mortezai bleibt sich auch in diesem Film treu: Sie beobachtet präzise, wertet nicht plump, sondern legt die Mechanismen des globalen Machtgefälles subtil, aber unnachgiebig offen. Ihre Regie ist unaufgeregt, aber eindringlich – unterstützt von ruhigen Bildern, die viel Raum für Zwischentöne lassen.

Wie eine ökologisch verträgliche und gerechte Zukunft aussehen kann, liegt letztlich in den Händen der jungen Generation – ein Gedanke, der anklingt, als Studierende an einer albanischen Universität gegen den Bau eines Damms protestieren.




Bröckelnde Fassaden einer dysfunktionalen Familie

Die slowenische Filmregisseurin Sonja Prosenc war mit ihrer Gesellschaftssatire Family Therapy als Wettbewerbsfilm im Rahmen des IFFF in Dortmund (Schauburg) am 04.04.2025 zu sehen.
Mit einer bemerkenswerten Filmsprache, perfekt komponierten Hochglanzbildern und expressiver musikalischer Untermalung (viel Henry Purcell) erhalten die Zuschauenden Einblicke in eine reiche, entfremdete und dystopisch wirkende post-jugoslawische Familie.

Family Therapy reiht sich stimmig in das bisherige Œuvre von Sonja Prosenc ein. Bereits in früheren Werken wie The Tree und History of Love beschäftigte sie sich mit innerfamiliären Spannungen, der Rolle des Einzelnen innerhalb sozialer Strukturen sowie der emotionalen Isolation. Auch in ihrem neuen Film verbindet sie existenzielle Themen mit einer poetisch-reduzierten Bildsprache – diesmal jedoch stärker satirisch gebrochen und mit gesellschaftskritischem Biss.

Ein Familienbild als Fassade? Family Therapy von Sonja Prosenc
Ein Familienbild als Fassade? Family Therapy von Sonja Prosenc

Die Familie lebt buchstäblich in einem Glashaus. Der Vater, ein Schriftsteller mit momentaner Schreibblockade, träumt davon, in die Endauswahl für einen Flug ins All zu kommen. Dafür muss er eine perfekte Familie präsentieren. Die Ängste seiner Frau, einer Galeristin, und die Krankheit seiner Tochter haben dabei keinen Platz. Was zählt, ist die makellose Fassade.
Zusätzlich tritt Julien, Sohn des Vaters aus einer früheren kurzen Beziehung in Frankreich, in das Familiengefüge ein und sorgt für Aufruhr im bislang empfindlich austarierten Gleichgewicht.
(Der Film ist als Neuinterpretation von Pasolinis Teorema gedacht.)

Schein und Sein

Man hält sich für weltoffen und kosmopolitisch, fürchtet jedoch die Nähe „normaler“ Menschen, die Chaos in die durchdesignte Ordnung bringen könnten. Nach und nach beginnt die Fassade zu bröckeln.
Die Frage, warum der Familie zu Beginn nicht sofort geholfen werden konnte – als sie erschüttert neben ihrem brennenden Auto am Straßenrand steht –, zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung. Die emotionalen Kämpfe innerhalb der Familie treten zunehmend offen zutage.
Visuell wird dieser Wandel durch eine sich verändernde Kameraführung begleitet: von einer zunächst distanzierten Einstellung hin zur sensiblen Handkamera, als die Realität der Außenwelt in den „sterilen Luxus“ der Familie einbricht.

Das herausragende Sounddesign betont den Kontrast zwischen der beklemmenden Stille des Innenraums und den belebenden Naturgeräuschen außerhalb.

Eine ebenso visuell wie akustisch beeindruckende schwarze Komödie, durchzogen von zahlreichen (auch humorvollen) Metaphern – getragen von starken Schauspieler*innen.




Harvest – eine archaisch-impressionistische Gesellschaftsfabel

In der Schauburg Dortmund stand am 03.04.2025 im Rahmen des IFFF (Dortmund + Köln) der Wettbewerbsfilm Harvest (Ernte) von Athena Rachel Tsangari auf dem Programm. Die Autorenfilmerin gilt als eine der zentralen Figuren des neuen griechischen Kinos, das in den letzten Jahren mit unkonventionellen Erzählweisen und radikalem Bilddenken auf sich aufmerksam gemacht hat.

Mit Harvest entführt sie das Publikum in eine traumhaft-archaische Welt: ein mittelalterliches, abgelegenes Dorf in Schottland, bewohnt von Schäferinnen und Bauern. Dort lebt der Witwer Walter Thirsk, der einst aus der Stadt kam und inzwischen selbst als Bauer arbeitet. Obwohl er nicht vollständig zur Dorfgemeinschaft gehört, ist er auch kein Außenseiter – ein romantischer Antiheld, hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität zu den Bewohnerinnen und seinem Glauben an Fortschritt und Veränderung.

Zwischen Aberglaube, Macht und Moderne

Das abgeschottete Dorf ist tief in seinen Riten und traditionellen Strukturen verwurzelt. Neuem gegenüber herrscht Misstrauen. Nach einem mysteriösen Brandanschlag geraten drei fremde Personen unter Verdacht – sie werden gewaltsam verfolgt und zur Rechenschaft gezogen. Parallel dazu schreitet die Kartografierung des Landes voran, und ein patriarchalischer Aristokrat plant, das Gebiet zu modernisieren und wirtschaftlich auszubeuten.

Der Film arbeitet mit kraftvollen, atmosphärischen Bildern, aufgenommen auf grobkörnigem 16-mm-Material, und eindringlichen Nahaufnahmen. Im ständigen Wechsel zwischen idyllischer Natur und brutalen Ausbrüchen tastet sich Harvest oft an psychische und physische Schmerzgrenzen heran – nichts für zartbesaitete Gemüter. Ambivalente Figuren und starke, widerständige Frauen prägen die Erzählung und verleihen ihr Tiefe.

Harvest ist ein zeitloses, allegorisches Gesellschaftsdrama über Fremdenfeindlichkeit, Machtstrukturen und einen entfesselten, rücksichtslosen Kapitalismus – mit gelegentlichen Längen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, wachsender sozialer Ungleichheit und einer erneuten Radikalisierung rechter Ideologien wirkt der Stoff erstaunlich aktuell. Die Parabel über das „Fremde“ und seine willkürliche Ausgrenzung lässt sich unmittelbar in unsere Gegenwart übertragen – ob in Bezug auf Migration, Umweltkonflikte oder den Kampf um kulturelle Deutungshoheit.

Auch im Kontext von Athena Rachel Tsangaris Werk zeigt sich eine inhaltliche und formale Linie: Nach Arbeiten wie Attenberg (2010) oder der Ko-Produktion Chevalier (2015), in denen sie soziale Machtverhältnisse, Geschlechterrollen und das Verhältnis von Körper und Raum untersucht, schlägt sie mit Harvest eine ernstere, politischere Tonlage an. Der Film bleibt dabei aber ihrem unverwechselbaren Stil treu: fragmentarisch erzählt, visuell kraftvoll und offen für Mehrdeutigkeiten. Es ist ein Film, der mehr fragt als beantwortet – und genau darin liegt seine Stärke.

Englischkenntnisse sind übrigens von Vorteil, da der Film ausschließlich in dieser Sprache untertitelt ist.




Eröffnung des Internationalen Frauenfilmfestivals 2025 in Dortmund

Am 1. April 2025 wurde das Internationale Frauenfilmfestival (IFFF Dortmund+Köln) feierlich im Dortmunder Cinestar eröffnet. Nach der Begrüßung durch Festivalleiterin Dr. Maxa Zoller und Grußworten von Lisa Paus, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sowie Gesprächen mit der Filmförderung und dem Dortmunder Kulturdezernenten Jörg Stüdemann startete das Festival mit einem eindrucksvollen und hochpolitischen Film.

Politische Brisanz zum Auftakt

Der Eröffnungsfilm „Die Möllner Briefe“ von Regisseurin Martina Priessner setzte gleich zu Beginn ein deutliches Zeichen. Der Film thematisiert eindringlich Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, welche zunehmend Raum in der Mitte der Gesellschaft einnehmen und von rechten Politiker*innen instrumentalisiert werden.

Festivalleiterin Dr. maxa Zoller bei der Eröffnung im Cinestar. (Foto: (c) Anja Cord)
Festivalleiterin Dr. Maxa Zoller bei der Eröffnung im Cinestar. (Foto: (c) Anja Cord)

Martina Priessner begab sich, in enger Zusammenarbeit mit Ibrahim Arslan, einem der Überlebenden der rassistischen Brandanschläge von Mölln am 23. November 1996, auf eine erschütternde Spurensuche. Sie stieß dabei auf zahlreiche Briefe aus dem In- und Ausland, die unmittelbar nach den Anschlägen an die Betroffenen geschrieben worden waren und nur durch Zufall entdeckt wurden. Diese tröstenden und solidarischen Briefe hätten sonst vermutlich niemals die Familien der Opfer und Verletzten erreicht.

Der Dokumentarfilm veranschaulicht auf sensible Weise die physischen und psychischen Folgen, mit denen Betroffene bis heute kämpfen. Zugleich verdeutlicht der Film die Notwendigkeit einer kritischen Aufarbeitung rechtsradikaler Gewalttaten und die Bedeutung des offenen Dialogs darüber. Dies wurde auch durch das anschließende Gespräch auf der Bühne deutlich, an dem neben Ibrahim Arslan auch Gamze Kubaşik, Tochter des NSU-Mordopfers Mehmet Kubaşik (ermordet am 4. April 2006 in Dortmund), teilnahm.

Für den 4. April 2025 ist zudem eine Demonstration im Rahmen des 13. Tages der Solidarität geplant (Beginn 17:00 Uhr, Mallinckrodtstraße 190). Die Schaffung von Orten, beispielsweise eines Dokumentationszentrums zur wissenschaftlichen Erforschung und Erinnerung, ist dringend notwendig – gegen das Vergessen und Verdrängen.




Vatermal – Eine türkische Migrationsgeschichte

Im Schauspiel Dortmund hatte am 22.03.2025 die Familiengeschichte VATERMAL nach dem Roman von Necati Öziri ihre Premiere. Unter der Regie und in der Bühnenfassung von Intendantin Julia Wissert wurde die Geschichte des in Deutschland geborenen Arda (Mouataz Alshaltouh) mit türkischem Migrationshintergrund theatral eindringlich inszeniert.

Der Literatur liebende Arda liegt mit einer lebensbedrohlichen Autoimmunkrankheit, die seine Leber angreift, im Krankenhaus. Genau wie sein Körper die Leber als „fremd“ attackiert, empfindet er seine gesellschaftliche Stellung als widersprüchlich: In Deutschland geboren, aber oft nicht als gleichwertiger Bürger akzeptiert, leidet er unter Diskriminierung, behördlicher Bürokratie und institutionellen Vorurteilen. Auf der Suche nach seiner Identität und ringend mit seiner Herkunft schreibt er einen Brief an seinen verschwundenen Vater Metin (Alexander Darkow, der für den erkrankten Ekkehard Freye einsprang). Arda hatte seinen Vater nie kennenlernen dürfen. Da gibt es viele Fragen und Leerstellen.

Familiäre Konflikte und weibliche Prägungen

Vom türkischen Militär verfolgt, floh der Vater einst nach Deutschland und beantragte Asyl, wurde jedoch nie heimisch und verschwand spurlos in Richtung Türkei. Eine bedeutende Rolle in Ardas Leben spielen seine selbstbewusste Schwester Aylin (Fabienne-Deniz Hammer) und seine traumatisierte, alkoholkranke Mutter Ümran (Lucia Peraza Rios). Seit zehn Jahren haben Mutter und Tochter kein Wort mehr miteinander gewechselt, nachdem Aylin die schwierige familiäre Situation hinter sich ließ und sich ein eigenes Leben in Deutschland aufbaute. Arda, zwischen den beiden Frauen stehend, versucht im Krankenhaus eine vorsichtige Annäherung zwischen Mutter und Tochter zu bewirken.

Lucia Peraza Rios, Chor des Migrantinnenvereins Dortmund e.V., Melek ErenayFoto: (c) Birgit Hupfeld
Lucia Peraza Rios, Chor des Migrantinnenvereins Dortmund e.V., Melek Erenay
Foto: (c) Birgit Hupfeld

Weitere prägende Frauenfiguren sind seine Großmutter und die Teyzeler (Tanten), insbesondere Merve Teyze (Melek Erenay). Ihr Einfluss formte Ardas Frauenbild, das sich deutlich von dem seines „Onkels“ Serkan, eines patriarchalisch geprägten Grillbesitzers, unterscheidet.

Die Bühneninszenierung nutzte eine Wand mit Holzfliesenstruktur, die sich bei Bedarf aufschieben ließ und wie ein „Guckloch“ zu den „echten“ und „inszenierten“ Erinnerungsszenen fungierte. Ob Erdbeben, Bürokratie, Vorurteile, Gewalterfahrungen oder Verlust – alles wurde eindrucksvoll fühl- und erlebbar für das Publikum durch das Ensemble vermittelt. Die Inszenierung zeichnete ein vielstimmiges, berührendes und intensives Echo aus Sehnsucht, Armut und Patriarchat in einer Gesellschaft mit wenig Raum für Empathie.

Vielfältige Musik und Tanzeinlagen lockerten das Geschehe n auf.

Eine starke Stimme verlieh den Frauen dieser Inszenierung der Chor der Migrantinnen e.V. und der Chor der Teyzes. Für eine Portion ironischen Humors sorgte der „Chor der Deutschen“ mit Lukas Beeler, Alexander Darkow und Sarah Quarshie in verschiedenen Rollen.

Weitere Informationen zu den Aufführungsterminen finden Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.

 




Theatrale Annäherung an ein schwieriges Erbe

Am 20. und 21. März 2025 hatte eine neu formierte Gruppe Kulturschaffender aus Leipzig – mit Ahnen im globalen Süden und Norden – ihr Gastspiel mit Elfenbein – Annäherung an ein fleischloses Erbe im Theater im Depot in Dortmund. Allgemein geht es darum, welche sichtbaren und unsichtbaren Vermächtnisse wir als Erbe mit uns herumtragen. Wie gehen wir damit um?

Ein spezielles Augenmerk dieses performativen Theatererlebnisses liegt auf dem schwierigen Erbe eines ein Meter großen Elefantenstoßzahns, der nun am Küchenschrank des Vaters lehnt. Der Großvater hatte diesen 1971 auf einer Safari geschossen und als „stolzes Erbe“ hinterlassen. Die Erbin fragt sich, was sie nun mit diesem Erbstück tun soll.

Eine künstlerische Spurensuche

Aus diesem Anlass begeben sich die drei Performerinnen Aziza Bouizedkane, Aisha Konaté und Svenja Wolff mit verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmitteln auf die Suche nach einem Umgang mit solch kolonialem Erbe. Zum gelungenen Gesamtkonzept gehörten außerdem die Medienkünstlerin Vanesa Opoku, die Lichtdesignerin Iana Boitcova, die Dramaturgin Jasmin Jerat und die Provenienzforscherin Isabelle Reimann.

Die Performer:innen in Aktion Foto: André Wirsig
Die Performer:innen in Aktion Foto: André Wirsig

Mit starkem Gesang, Tanz, Lesung, der Einspielung originaler historischer Kommentare und Video-Projektionen gehen sie der Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung nach. Kolonialer Kunstraub und menschliche Kopftrophäen schlummern bis heute in Museen und Kellern. Behutsam, aber direkt nähern sich die drei Performerinnen der Dekolonisierung. Es wird eine Haltung für alle gesucht sowie ein besonderer Blick auf den Zahn und seine Zeit geworfen.

Dabei wurde unter anderem eine helle Tuchplane mit drei Löchern fantasievoll genutzt, aus denen die Köpfe der Darstellerinnen langsam und mutig hervorlugten. Die Künstlerinnen machen mit sinnlich-emotionalen Darstellungen und ironischen Zwischentönen das fleischlose Erbe zwischen Trauerritualen, familiärer Spurensuche und spekulativer Science-Fiction (be)greifbar. Auch das Publikum wurde direkt angesprochen.

Wir tragen nicht nur körperliche Merkmale unserer Vorfahren in uns, sondern auch ihre dunklen Vermächtnisse. Es ist wichtig, sich ehrlich und kritisch mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen – und nicht zu verdrängen.




Muster, die unser Leben bestimmen – Eine internationale Gruppenausstellung im Dortmunder U

Auf Ebene 3 im Dortmunder U, der Heimat des HMKV (Hartware MedienKunstVerein), können Besucher*innen vom 15. März bis zum 27. Juli 2025 die internationale Gruppenausstellung „Holding Pattern – Warteschleifen und andere Loops“ erleben.

Die Idee zur Ausstellung entstand aus einer Einladung der Autorin und Kuratorin Anne Hilde Neset an den aus Schottland stammenden, inzwischen in Berlin lebenden, preisgekrönten Schriftsteller Tom McCarthy. Ziel war es, die Themen seiner Bücher durch zeitgenössische Kunst zu vertiefen.

Die Ausstellung, die erstmals 2022 in Oslo präsentiert wurde, beschäftigt sich mit Bewegungsmustern, Loops und anderen Wiederholungen, die unseren Alltag bestimmen. Welche Muster prägen unser Leben, und wie sind sie mit (moderner) Technologie verwoben? Wie können diese durch Kunst – sei es Literatur, Film oder Musik – sichtbar gemacht, hörbar, lesbar und hinterfragt werden?

In ihren künstlerischen Positionen setzen sich sieben internationale Künstler*innen auf ganz eigene Weise mit diesen Fragen auseinander.

Stefan Panhans & Andrea Winkler, Installation view »Freeroam À Rebours Mod#I.1 – All Choices All Endings II« (2025) ©PanhansWinkler
Stefan Panhans & Andrea Winkler, Installation view »Freeroam À Rebours Mod#I.1 – All Choices All Endings II« (2025) ©PanhansWinkler

Zu sehen sind unter anderem folgende Werke:

  • „Luanda-Kinshasa“ (2023) von Stan Douglas (Kanada): Diese einkanalige Videoprojektion (6 Std., 1 Min., Loop) zeigt eine imaginäre Jamsession in einem legendären New Yorker Tonstudio. Musikerinnen und Tontechnikerinnen mit Bezug zur politischen Geschichte der Schwarzen Bevölkerung erschaffen ohne Worte eine Musik, die einen Sog und eine eigene Dynamik entwickelt.
  • „SLOW DANS“ von Elizabeth Price: Zwei Filme der zyklischen Mehrkanal-Trilogie – „KOHL“ und „TEACHER“ – verweben Bergbau, Datenspeicherung und ein geheimnisvolles Untergrundritual zu einer fiktiven Geschichte. Prices Werk „FOOTNOTES“ (2020) greift diese Themen auf und kommentiert sie.
  • „Exploration“ (2007): Diese 12-Kanal-Arbeit macht physische, soziale, Sicherheits- und Übertragungsmuster, die das Endspiel der Fußball-WM 2006 geprägt haben, in ihrer Gleichzeitigkeit spürbar.
  • „Freeroam – Version All Choices All Endings“ (2025) von Stefan Panhans und Andrea Winkler: Diese Installation ermöglicht es Computerspielfans, die Umgebungen von Spielen wie „Grand Theft Auto“ zu erkunden. Es wird zwischen realen Schauspieler*innen und digitalen Avataren hin- und hergeschaltet. Dabei treten reale Menschen in einen Dialog miteinander, indem sie die Fehler und Unzulänglichkeiten der Spielesoftware offenlegen. Im Raum sind zudem Utensilien der Massenkontrolle verteilt.
  • „Ambient Air“ (2021) von Susan Philipsz: Diese Arbeit zeichnet ein Warteschleifenmuster mit einem Kleinflugzeug in den Berliner Himmel, kurz nach der Schließung des Flughafens Tegel. Dabei summt Philipsz die Melodie von Brian Enos „Music for Airports“, die über den Funkturm an die Beschallungsanlage des Flughafens übertragen wird.
  • „igevär“ (1963, dt.: „zu den Waffen“) von Ăke Hodell (Norwegen): Dieses bahnbrechende Werk dekonstruiert durch die wiederholte Darstellung des titelgebenden militärischen Befehlswortes in einem kleinen Notizblock die militärische Formationssprache und deutet gleichzeitig emanzipatorische Aufrufe an.

Begleitprogramm

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen, Künstler*innengesprächen, Buchpräsentationen, Konzerten, Workshops und Film-Screenings.

Weitere Informationen erhalten Sie unter: https://www.hmkv.de/ausstellungen/ausstellungen-detail/Holding_Pattern_Warteschleifen_und_andere_Loops.html




Ein eindrucksvolles Barockerlebnis im Reinoldihaus

Am 12.03.2025 kamen Fans der Barockmusik beim Oratorium in zwei Teilen (Rom 1707) mit dem Titel „La Bellezza ravveduta nel trionfo del Tempo e del Disinganno, HWV 46a“ von Georg Friedrich Händel voll auf ihre Kosten.

Für das Konzert im Rahmen des KLANGVOKAL Musikfestivals Dortmund wurde das renommierte belgische B’Rock Orchestra unter der Leitung von René Jacobs, einem der prägendsten Interpreten der Alten Musik, gewonnen. Zu den Instrumenten des Orchesters gehörten typische Klangkörper aus der Barockzeit, wie etwa das Cembalo. Hochkarätige Sänger*innen wie die Sopranistinnen Sunhae Im (Schönheit) und Kateryna Kasper (Vergnügen), der Countertenor Paul Figuier (Erkenntnis) sowie der Tenor Thomas Walker (Zeit) sorgten für ein eindringliches Musikerlebnis.

In einer klassischen Abfolge von Rezitativen und anspruchsvollen Arien hat Händel die Handlung zu einem „religiös-moralisierenden“ Oratorium vertont. Das Libretto stammte von Kardinal Benedetto Pamphilj.

Virtuosität und tiefgründige Symbolik

Die Partitur stellte nicht nur für das sensibel begleitende Orchester eine Herausforderung dar, sondern auch für die Singenden auf der Bühne. Besonders die Figur des Piacere (Vergnügen) verlangte eine Musik voller halsbrecherischer Koloraturen. Der ukrainisch-deutschen Sopranistin Kateryna Kasper gelang dies kraftvoll und scheinbar mühelos. Symbolisch für die Eitelkeit stand zudem die Virtuosität der Instrumentalist*innen des Orchesters.

Barockes Highlight unter der Leitung von René Jacobs. (Foto: Fiona Bischof)
Barockes Highlight unter der Leitung von René Jacobs. (Foto: Fiona Bischof)

Im Mittelpunkt der Handlung stand die Wandlung der Bellezza (Schönheit) von der sinnlichen Liebe (verkörpert durch das Vergnügen) zur geistigen Liebe (Erkenntnis). Zeit und Vergänglichkeit spielten ebenfalls eine bedeutende Rolle.

Ein musikalisches Highlight bildete das spezielle Concerto für Orgel und Streicher, das im ersten Teil bei Bellezzas Eintritt in den Palast als Zeichen des Vergnügens erklang. Am Ende, während ihrer schlicht gehaltenen Schlussarie in E-Dur – als Symbol des Himmels –, gesellte sich eine zusätzliche Violinenstimme hinzu.

Nicht nur großartige Stimmen waren zu hören, sondern es wurde auch viel mit Mimik und Gesten gearbeitet, was die Aufführung besonders lebendig machte.

Interessanterweise hat Händel in seinem ersten Oratorium geschickt seine bekannte Arie „Lascia la spina“ aus der später entstandenen Oper Rinaldo eingearbeitet.

An diesem Abend hatten die Musiker*innen an ihren Soloinstrumenten mehrfach Gelegenheit, ihr virtuoses Können unter Beweis zu stellen.