Stummfilm um Menschenwürde mit Live-Orchestermusik

Nach „City Lights“ (Lichter der Großstadt) stand am 09.04.2018 im Rahmen der Reihe Stummfilmkonzerte mit „Modern Times“ (Moderne Zeiten) aus dem Jahr 1936 ein weiterer Film von Charlie Chaplin auf dem Programm. Dieser satirisch-entlarvend gesellschaftskritische Film gehört wohl zu den Besten von Chaplin. Abgesehen von einigen wenigen Toneffekten funktioniert dieser wie ein traditioneller Stummfilm. Den gab es schon seit zehn Jahren (1926).

Die Figur des Tramp (Charlie Chaplin) tritt hier zum letzten Mal auf. Er ist ein Einzelner in einer großen Masse um ihren Arbeitsplatz und Leben in einer modernen kapitalistischen Gesellschaft der 1930-iger Jahre. Der Tramp gerät in eine gnadenlose Welt von Profit-sucht, Optimierungswahn und dem Kreislauf von Arbeitslosigkeit. Manchmal eher zufällig und unabsichtlich manövriert er sich in schwierige Situationen. Mit genialen Ideen zwischen Tragik und Komik führt der Regisseur und Schauspieler „seinen Tramp“ bildhaft deutlich durch den Dschungel und das Räderwerk des Kapitalismus. Dem gegenüber wird Prinzip der Mitmenschlichkeit, Liebe und Hoffnung gestellt. Der Tramp verliebt sich in ein junges Mädchen (seine spätere Frau Pauline Goddard). Beide versuchen, sich gegen alle Widerstände eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Sie sind wie „Stehaufmännchen“, für die zusammen halten und nicht aufgeben wollen.

Der Film ist voll skurriler Einfälle, bewusst platzierter „Zufälligkeiten“, mal temperamentvoll, dann wieder melancholisch-traurig oder liebevoll-tröstend.

Mit "Modern Times" präsentierten die Dortmudner Philharmoniker schon den zweiten Film mit Charlie Chaplin.
Mit „Modern Times“ präsentierten die Dortmunder Philharmoniker schon den zweiten Film mit Charlie Chaplin. (GrafiK. José Augusto Camargo)

Als der Tramp gegen Ende als Kellner in einem Restaurant arbeitet und spontan als Tenor einspringt, ist Chaplins Stimme erstmals in einem seiner Filme zu hören.. Der aus der Not geborene unsinnige Text kommt dabei unerwartet gut an. Chaplin ist ein Meister bewusst eingesetzter starken Gesten und Mimik und des wunderbaren Spiel. Alles ist kalkuliert eingesetzt und wirkt wie zufällig.

Auch zu „Modern Times“ hatte der „kleine“ geniale Regisseur und Schauspieler die Musik geschrieben. Die wurde in den 50ger Jahren von Nat King Cole unter dem Titel „Smile“ ein großer Hit.

Als Dirigent konnte der Chaplin-Kenner Stefanos Tsialis, Chefdirigent und künstlerische Leiter des Athener Staatsorchester, für das Konzert gewonnen werden. Für die einfühlsame musikalischen Umsetzung der visuellen Bilder war das von großem Vorteil.

Die Dortmunder Philharmoniker setzte das Geschehen auf der Leinwand mit der von Chaplin geschriebenen Musik mit viel Feingefühl je nach Situation und Gebärdenspiel um. Jede Stimmungslage wurde so um eine eigene Ebene bereichert und das Konzert zu einem ganz besonderen Erlebnis.




Die Schneekönigin – Junge Oper um die Kraft der Freundschaft

Als eine Produktion im Rahmen der Kooperation Junge Opern Rhein/Ruhr mit der deutschen Oper am Rhein und dem Theater Bonn hatte die Familienoper „Die Schneekönigin“ von Marius Felix Lange (Libretto vom Komponisten nach dem Märchen von Hans Christian Andersen) in Dortmund am 08.04.2018 seine Premiere.

Die Regie hatte Johannes Schmid und musikalisch begleitet wurde die Oper engagiert von der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Ingo Martin Stadtmüller. Eine gar nicht so einfache Aufgabe, bei der Mischung aus Sprechgesang und schönen Arien. Tatkräftige Unterstützung auf der Bühne gab es durch den Opernchor des Theaters Dortmund unter der Leitung von Manuel Pujol und der Statisterie.

Was dem Publikum ob jung oder alt geboten wurde, war eine opulent schillernde Inszenierung mit wunderschönen Kostümen und einer liebevoll ausgestatteten Bühne durch Tatjana Ivaschina.

Besonders beeindruckend war die Schneekönigin (Marie-Pierre Roy), sowohl als reale Persönlichkeit wie auch als vergrößerte Projektion auf der Leinwand. Viele bekannte KünstlerInnen des aktuellen Dortmunder Oper-Ensembles waren mit von der Partie.

Die Schneekönigin (Marie-Pierre Roy) umgarnt Kay (Marvin Zobel). (Foto:© Junge Oper Dortmund)
Die Schneekönigin (Marie-Pierre Roy) umgarnt Kay (Marvin Zobel). (Foto:© Junge Oper Dortmund)

Kurz zur Geschichte: Gerda (Marie Smolka), die bei ihrer Großmutter lebt, hat einen besten Freund Kay (Marvin Zobel). Sie sind unzertrennlich. Nachdem diesen Splitter eines gewaltigen geheimnisvollen Spiegels ins Auge und Herz gelangt waren, wendet er sich von einem zum anderen Tag von seiner Freundin ab und verschwindet spurlos. Er folgte der Schneekönigin in ihr kaltes Eisreich. Bei ihrer verzweifelten suche nach Kay trifft Gerda auf die Blumenfrau, die Krähe, den Prinzen und die Prinzessin, sie wird vom Räubermädchen eingesperrt und vom Rentier begleitet…

Das Märchen um die Kraft der Freundschaft und Liebe wurde mit viel Humor und sensibel umgesetzt. Besonders Figuren wie die lustig-frechen Tölpeltroll (Julia Amos) und Trotteltroll (Blazej Grek) erdeten die Familienoper, wenn die Gefahr bestand, dass es zu kitschig werden könnte.

In den Rollen der Großmutter/Finnin konnte sich Ileana Mateescu, als Deubeltroll Dong-Won Seo, als Blumenfrau/Räubermädchen die temperamentvolle Almerija Delic, als Krähe Fritz Steinbacher, und als Prinzessin und Prinz Emily Newton und Thomas Paul ihre guten Stimmen sowie ihr komisches Talent zeigen.

Eine gelungene Vorstellung nicht nur für kleine „Märchenfans“.

Weiter Termine und Informationen finden sie unter www.theaterdo.de




Die Schöpfung – eine Inszenierung „Next Generation“

Im Schauspiel Dortmund hatte am Samstag, den 07.04.2018 die „Schöpfung“ nach Joseph Haydn (Text Gottfried van Swieten) unter Verwendung von Szenen aus „Die Ermüdeten“ von Bernhard Studlar, Stanislaw Lem, Goethes Faust, Richard Dawkins, der Bibel u.a. seine Premiere.

Die Regisseurin Claudia Bauer stellte in dieser spannenden Kooperations-Projekt zwischen Oper und Schauspiel dem bekannte Oratorium (Uraufführung 1798 Wien) von Joseph Haydn sozusagen ein existentialistische moderne „Next Generation“-Fassung der Schöpfung gegenüber. Das Oratorium dient als Folie für Gegenwart und Zukunft mit Blick auf die Potentiale und Gefahren einer einer digitalen Schöpfung.

Beteiligt an diesem Projekt waren als Opernsänger Maria Helgath (Sopran) als Engel Gabriel, Ulrich Cordes (Tenor) als Engel Uriel und Robin Grunwald (Bass) als Engel Raphael mit ihren starken Stimmen. Begleitet wurden sie am elektronischen Piano und Cembalo von Petra Riesenweber und mit Live-Musik gestaltet von Tommy Finke (T. D. Finck).

Die sechs Schauspieler des Dortmunder Ensembles (Ekkehard Freye, Björn Gabriel, Frank Genser, Marlena Keil, Bettina Lieder und Uwe Rohbeck) agierten sowohl in den Räumen einer fantastischen Drehbühne, wie auch über eine Bildschirm übertragen und auf der Bühne.

Im Prolog stellten sie sich als Maschine die „Vernunft“, aber keine vernünftige Person ist.

Der gesungenen Schöpfungsgeschichte stellen sie die digitale Schöpfung mit gewaltigen Bildern der sozio-kulturellen Entwicklungsgeschichte gegenüber.

Als Person (Schauspieler) wurden sie durch verschiedene Masken und Kostümierungen verfremdet. Dabei blieben sie eindrucksvoll in ihren maschinelle Bewegungen und ausdrucksstarken Darbieten der Zitate. Dabei wurden auch aktuell diskutierte politische Fragen wie etwa um das bedingungslose Grundeinkommen eingebaut. Der Mensch als defektes Wesen dargestellt, das durch seine individuellen Persönlichkeiten zur Zerstörung und dem Untergang geweiht ist. Die Freiheit ist größer als die Vernunft, mit der die Menschen nicht umgehen können.

Parallel zu Haydns Schöpfung geht es bei der von der Maschine erzählten Geschichte mit dem Chaos am Anfang los, mit der Entstehung des Wetter, dem Phänomen Zivilisation, Entstehung der Arten, Kulturentwicklung, Ideologien und Religion. Der Mensch hat sich schließlich selbst zum „Gott“ gemacht und seine Welt der Zerstörung preis gegeben. Am Ende steht die Entwicklung vernünftiger und unpersönlicher Intelligenz.

Sänger und Schauspieler beim Prolog des Stückes. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Sänger und Schauspieler beim Prolog des Stückes. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Bauer arbeitet nicht nur mit eindringlichen visuellen Bildern, sondern verstärkt ihre Wirkung noch durch Wiederholungen (Loops) und Sprachverzerrung, ähnlich wie zum Beispiel Kay Voges bei seinem „Goldenen Zeitalter“. Dabei geht sie bis zur Schmerzgrenze. Schrill wird da schon mal unverständlich aneinander vorbei geredet, um zu verdeutlichen, dass nur die eigene Persönlichkeit mit ihrer Befindlichkeit im Mittelpunkt steht.

Eindrucksvoll der Dialog gegen Ende von Eva (Bettina Lieder) und Adam (Frank Genser). Eva, eine nach den Maßen von Adams Rippe als und unpersönliche vernünftige Maschine, und Adam geraten vor romantischem Hintergrund in einen Disput. Der entsetzte Adam will keine simulierte, sonder eine nicht planbare geheimnisvolle menschliche Liebe und das Recht aus seinen Kampf um Leben und Tod. Das wird aber laut Eva nicht möglich sein. Der Mensch zerstört seine Biosphäre und nur die Aufgabe der Persönlichkeit kann ihn retten.

Was bleibt dann aber von dem Individuum? Nur der Hunger und die Unersättlichkeit sind der einzige Berührungspunkt zwischen Mensch und „Maschine“.

Die Thematik des abends wurde schon von einigen Autoren und Philosophen behandelt. Zu 80% wurden Zitate aus Werken des polnischen Philosophen und Science-Fiction-Autors Stanislaw Lem (1921-2006). Bedeutend sind dabei vor allem die Zitate aus seinem Buch „Also sprach Golem“. Der Titel spielt auf das Werk „Also sprach Zarathustra“ von Nietzsche an. Der von Menschen gebaute Super-Computer „Golem XIV“ in der Geschichte hat die Intelligenzbarriere durchbrochen und verfügt über eine eigenständige Vernunft. Lem weist hier auf die geistige Beschränktheit des sich als „Krone der Schöpfung“ betrachtenden Menschen hin, die tieferen Gründe der Natur zu erkennen. Der genetische Code hat gegenüber den aus ihm entstandenen Organismen eine evolutionär vorrangige Stellung ein. So heißt es in einem Zitat: „ Der Sinn Boten ist die Botschaft.“ Die Idee des dominanten Gensnahm der britische Biologe und Autor Richard Dawkins (*1941) in seinem Buch „Das egoistische Gen“ (1976) auf und führt die gesamte Entwicklung des Lebens auf die Selektion von Genen zurück.

Die „Schöpfung“ ist kein Oratorium mit Schauspiel und Haydn-Fans werden vielleicht enttäuscht sein, doch den Zuschauer erwartet ein bildgewaltiges, musikalisches Spektakel mit wunderbaren Sängern und engagierten Schauspielern.




Wie spricht Dortmund? – Ein besonderes Stadt-Porträt

Die Kommission für Mundart- und Namenforschung Westfalens beim LWL (Landesverband Westfalen-Lippe) hat in ihrer Reihe „Niederdeutsche Studien“ unter dem Titel „Dortmund – Sprachliche Vielfalt in der Stadt“ einen interessanten neuen Band (59) herausgebracht. Dieses 339 Seiten umfassende Stadt-Porträt aus sprachwissenschaftlicher und sprach-soziologischer Sicht entstand in einer längerer dreijähriger Recherche in der Stadt.

Am Projekt beteiligt waren neben den drei Herausgebern Dr. Markus Denker, Dietrich Hartmann und Prof. Heinz H. Menge über 15 Autorinnen und Autoren.

Die regionalen spezifischen umgangssprachlichen Besonderheiten geraten im Zuge der Globalisierung immer mehr in den Hintergrund. Gerade die Menschen im Ruhrgebiet gehen mit ihrem „Ruhrdeutsch“- Erbe nicht selbstbewusst, sondern eher versteckt schamhaft um. Zu sehr ist es mit dem oft negativ bewerteten „Malocher und Bierstadt“-Image verbunden und von auswärtigen Personen etwas belächelt.

Das Buch macht sowohl den historischen wie auch den noch heute in Fragmenten vorhandenen Einfluss dieses speziellen Sprachduktus deutlich. Ohne es zu merken, steckt davon noch etwas in uns. Sei es nur das lang gezogene „o“ in der Sprache vieler Dortmund. Durch den Zuzug von Menschen mit unterschiedlichen Migrationshintergrund kommt eine erweiternde Vielfalt der Sprache hinzu.

Die Beiträge in diesem Sammelband sind in vier thematische Bereiche gegliedert:

Erstens die Beschreibung der regionalen Sprachmerkmale.

Zweitens die Sprachverwendung in der städtischen Erinnerungskultur (das historische Dortmunder Platt und der Namenwortschatz).

Drittens die spezifische Sprachverwendung und Kommunikation in Bereichen des Fußballs, Kabaretts und in der städtische Verwaltung.

Viertens die Mehrsprachigkeit (Spracheinstellungen, visuelle Mehrsprachigkeit in den Straßen, sowie Erzählungen von Sprecherinnen und Sprechern mit Migrationshintergrund).

Kulturdezernent Jörg Stüdemann lobte die gute Lesbarkeit des Bandes.

Der umfangreiche Sammelband „Dortmund – Sprachliche Vielfalt in der Stadt „ ist im wissenschaftlichen BV (Böhlau-Verlag) erschienen und kostet 45,00 Euro.

Unter der ISBN: 978-3-412-51067-1 ist es portofrei käuflich erhältlich.




Maxim – Suche nach Glück und Identität

Das Dortmunder Kinder- und Jugendtheater (KJT) zeigt am Freitag, den 13.04.2018 in einer Uraufführung das Stück „Maxim“ von Anne Lepper unter der Regie von Andreas Gruhn (Leiter KJT).

Es ist das erste Kinderstück der 2017 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis geehrten Anne Lepper und wendet sich vor allem an die Altersgruppe zwischen 9 und 12 Jahren. Da beginnen die Kinder ihre Identität zu entwickeln und sich von den anderen abzugrenzen. Es ist auch oft eine Zeit, in der einzelne als „Außenseiter“ deklarierte Kinder in der Schule gemobbt werden. Da setzt die Geschichte an. Wie Andreas Gruhn erklärte, kann das Publikum die Figuren in dieser Inszenierung auf der Reise zwischen Kindheit und Jugend begleiten.

Bei Maxim geht es um folgendes: Max spielt gerne mit Puppen, Mary-Lou ist etwas zu dick. Das macht sie zu Außenseitern und von den Eltern fühlen sie sich wohl unverstanden. Zusammen mit Hund und Bär hauen sie von zu Hause ab und fliegen mit einem Ballon zum Mond. Sie sind von der Sehnsucht nach einem Land getrieben, wo sie einfach so sein können, wie sie sind. Auf dem Mond gibt es keine Regierung, keine Erwachsenen und und keine Gesetze. Alles scheint gut. Wäre da nicht die „Mondpolizei“, die eine Schreckensherrschaft ausübt. So geht die traumhaft und surreal wirkende Reise weiter…

Lepper ist bekannt für ihre vielschichtigen Stücke. Es gibt immer verschiedene Deutungsebenen.

Sie benutzt viele Zitate aus philosophischen und historischen Texten. Die Protagonisten begegnen einigen bekannten Figuren wie etwa „Frau Luna“ oder die Katzen Minz und Mauz aus dem Struwwelpeter (Heinrich Hoffmann).

Neben den Kostümen und Masken spielt auch Musik (teils live) und Tanz eine Rolle bei dieser „traumhaften“ Odyssee.

Das Ensemble des KJT hat viel Spaß bei Maxim: (v.l.n.r.) Philip Pelzer, Bianka Lammert, Bettina Zobel und Johanna Weißert. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Das Ensemble des KJT hat viel Spaß bei Maxim: (v.l.n.r.) Philip Pelzer, Bianka Lammert, Bettina Zobel und Johanna Weißert. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Das gesamte KJT-Ensemble mit sechs SchauspielerInnen ist bei dem Stück beteiligt und schlüpfen außen den Protagonisten Max (Philip Pelzer) und Mary-Lou (Ann-Kathrin Hinz) in verschiedene Rollen.

Es wird neben aufwühlenden auch manch poetische Moment geben, so Gruhn.

Ein Stück zu den wichtigen Themen Identität, Ausgrenzung, Anmaßung, Anpassung und die Suche nach dem Glück.

Für die Premiere am 13.04.2018 um 19:00 Uhr gibt es noch Restkarten.  Weitere Vorstellungstermine: Sonntag, den 15.04.2018 um 16:00 und dann am Mittwoch, den 02.05.2018 um 11:00 Uhr sowie am Sonntag, den 06.05.2018 um 16:30 Uhr.

Karten und Infos unter 0231/ 50 27 222 oder www.theaterdo.de




Die Schöpfung als Dialog mit der Gegenwart

In einem neuen Gewand präsentiert das Schauspiel Dortmund am Samstag, den 07.04.2018 um 19:30 Uhr das populäre konzertante Oratorium „Schöpfung“ (1798) von Joseph Haydn unter der Regie von Claudia Bauer. Inszeniert wird das ganze als ein Genre übergreifendes Projekt, ein spektakulärer Hybrid aus Musik- und Sprechtheater, gemeinsam mit drei Opernsolisten, Musikern und sechs Schauspielern.

Die Regisseurin verriet: „Das Skelett der Inszenierung bilden die sechs Tage der „Schöpfung“, die von den drei Solisten als Erzengel Gabriel (Sopran), Uriel (Tenor) und Raphael (Bass) erzählt werden.“ Die „Schöpfung“ Haydns endet mit Lobpreisungen.

Die sechs Schauspieler verwenden in ihrer Stückentwicklung Szenen aus „Die Ermüdeten“ von Bernhard Studlar und anderen Büchern, somit entsteht eine neue Sichtweise. Aus der Rippe Adams wird hier die künstliche Intelligenz Evas erschaffen.

Der rasante technologische Fortschritt lässt solche Denkspiele durchaus möglich erscheinen.

Die Schöpfung eines „neuen Menschen“ ist da nicht in so weiter Ferne. Neben der biologisch-evolutionären Entwicklung steht hier vor allem die soziokulturelle Entwicklung – beginnend mit der Entstehung des menschlichen Bewusstseins – im Mittelpunkt.

Die Schauspieler führen das Publikum durch verschiedene historische Epochen mit ihren Einflüssen von Religionen und Ideologien. Am Ende stehen nur die Individuen mit ihren persönlichen Bedürfnissen im Mittelpunkt und der Erde droht die Zerstörung. Die künstliche Intelligenz Eva als Repräsentantin der Vernunft outet sich als unpersönliches, nicht menschliches digitales Wesen. Sie sieht die „Persönlichkeit“ als eine Art Defekt, von der sich die Menschen lösen sollten.

Ist die Künstliche Intelligenz Nutzen oder Gefahr für die Menschheit? (Foto: © Edi Szekely)
Ist die Künstliche Intelligenz Nutzen oder Gefahr für die Menschheit? (Foto: © Edi Szekely)

Die Freiheit war immer größer als die Vernunft, so Bauer. Es geht darum, wie wir mit „vernünftigen Erkenntnissen“ umgehen.

Das musikalische Werk wird zur Folie für die Gegenwart und Zukunft, und die Inszenierung beleuchtet die Möglichkeiten und Gefahren einer digitalen Schöpfung.

Es geht um die wichtigen Fragen des Lebens. Wo komme ich her? Wo stehe ich? Wo will ich hin?

Die Bühne ist quasi eine asymmetrischen Fibonacci Spirale (Goldene Spirale). Musikalisch begleitet wird die Vorstellung am Piano (und Cembalo) durch Petra Riesenweber. Der musikalische Leiter des Dortmunder Schauspiels Tommy Finke gibt der klassischen Vorlage ein neues Gewand zwischen dem Original und elektronischer Bearbeitung.

Neben der Premiere am 07.04.2018 gibt es noch diverse weitere Vorstellungstermine.

Informationen und Karten unter : 0231/ 50 27 222 oder www.theaterdo.de




Lea Carla Diestelhorst – Kunst im Spannungsfeld von Natur und Abstraktion

Das Torhaus Rombergpark in Dortmund ist ein Ort mit ganz eigener Geschichte, Architektur und Umfeld. Die städtische Galerie bietet den Besuchern nun von 08.04.2018 bis zum 29.04.2018 passend zu dieser besonderen Umgebung die Ausstellung „Von Gärtnern und Kannibalen“ der Dortmunder Künstlerin Lea Carla Diestelhorst (*1987 in Herdecke).

Diese arrangiert im Torhaus eine Ausstellung mit klein- und großformatiger Malerei (12 Stück) zwischen Natur und Abstraktion, einem bis auf einem kleinen Spalt geheimnisvoll verschlossenem Gewächshaus. Drei weiße Gartenstühle laden zum Verweilen und Sinnieren ein.

Ihre Arbeiten sind gekennzeichnet durch das Changieren und Austarieren der Abstraktionsgehalte. Sie verführen den Betrachter dazu, die dahinter verborgenen konkreten „weltlichen Objekten aus der Natur“ zu entdecken.

Das ganze Arrangement dient dazu, die Fantasie anzuregen und in einem Kontext zu bringen. Mit wenigen Setzungen von grünen oder weißen geheimnisvollen Schnüren ähnlichen Gebilden die sich über die bemalte Leinwand legen, ermöglichen den Ausbruch aus den Begrenzungen der zweidimensionalen Leinwand. Die Suche nach Analogien und assoziativen Verbindungen wird gefördert. Die Bild- und Gedankenwelt des Gartens kann bei dem Besucher, wenn er sich darauf einlässt, zu einer kritisch – konstruktiven Hinterfragung der Begrifflichkeit von Natur (Natürlichkeit) und Kultur (Künstlichkeit) führen.

Die Eröffnung der Ausstellung findet am Sonntag, den 08. April 2018 um 11:00 Uhr im

Torhaus Rombergpark, Städtische Galerie Dortmund statt.

Eine Einführung wird es durch die Kuratorin Linda Schröer (Dortmunder Kunstverein) geben.




Memory Alpha – das trügerische menschliche Gedächtnis

Ein neues Studio-Stück im Dortmunder Schauspiel hat am Freitag, den 06.04.2018 um 20:00 Uhr seine Uraufführung. „Memory Alpha oder die Zeit der Augenzeugen“ von Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz ist in einer kollektiven Arbeit mit dem Regisseur Ed. Hauswirth und den beteiligten Schauspielern entstanden. Hauswirth ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter des zeitgenössischen Volkstheaters im Bahnhof (Graz). Am Schauspiel Dortmund wurde er noch im Megastore 2016 mit der hoch gelobten Stückentwicklung „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ bekannt.

„Ich bevorzuge die kollektive Arbeitsweise und sehe die Schauspieler als Mitgestalter eines Projekts,“ so der Regisseur. Die aktuelle Aufführung befasst sich mit dem menschliche Gedächtnis und unseren Erinnerungen. Diese sind keine feste Größe, sondern verändern sich mit der Zeit und sind beeinflussbar. Was bedeutet die Fehleranfälligkeit der menschlichen Erinnerung für unser Gefühl von Identität. Was ist, wenn diese mit den ungeahnten Möglichkeiten von elektronischen Gedächtnissen aufeinander treffen?

Kein Scherz, bereit 2020 will die chinesische Regierung ein landesweites Scoring-System, eine Art Super-SCHUFA, in Betrieb nehmen, das das Verhalten jedes Bürgers in allen Bereichen elektronisch erfasst. Diese Daten sollen analysiert und bewertet werden.

Jede Person in China soll soll dann mit einem Punktestand durchs Leben gehen, der seiner momentanen Reputation entspricht. Der Mensch kann je nach Verhalten Punkte gewinnen oder verlieren. Seine Lebenschancen hängen davon ab.

Auf Grundlage des Buches „Das trügerische Gedächtnis“ der deutsch-kanadischen Rechtspsychologin Julia Shaw ist das Stück entwickelt worden. Sie befasste sich experimentell insbesondere mit Erinnerungen und deren Manipulationen.

Memory Alpha - Wenn das Gedächtnis manipuliert werden kann. (V.l.n.r.) Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder, Caroline Hanke und Christian Freund. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Memory Alpha – Wenn das Gedächtnis manipuliert werden kann. (v.l.n.r.) Friederike Tiefenbacher,Uwe Schmieder, Caroline Hanke und Christian Freund. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Zum Stück: Der Leiter des „Instituts für Digitalität und Gedächtnis“ Dr. Gerd Stein (Uwe Schmieder), wird auf einer Brüsseler Straße von einem Auto zerquetscht. Kurz zuvor hatte er im Europaparlament öffentlich vor der chinesischen Super-SCHUFA gewarnt. Stein begibt sich auf Spurensuche rückwärts nach dem Täter. Knapp zwei Monate vorher experimentierte seine Frau, die Gedächtnisforscherin Johanna Kleinert (Friederike Tiefenbacher), mit der natürlichen Fehleranfälligkeit des menschlichen Gehirns. Im Rahmen einer Studie hackt Kleinert das Gedächtnis des Probanden Sebastian Grünfeld (Christian Freund). Dieser erinnerte sich danach an ein Erlebnis, was es nie gegeben hatte. Dann ist da noch Steins Schwester Charlotte ( Caroline Hanke). Sie ist eine von nur 57 weltweit bekannten Menschen, die schwer vergessen können…

Das Publikum wird, so Anne-Kathrin Schulz, in ein Gedanken und Gedächtniskosmos mitgenommen. Das Studio wir von allen Seiten und von der Decke mit wechselnden assoziativen Erinnerungs-Fotografien versehen. Sie umfassen sowohl das persönliche als „kollektive“ Gedächtnis. Lucas Pleß sorgt für das passende Engineering (Geräusch-Hintergrund).

Die Premiere am 06.04.2018 ist schon ausverkauft.

Für die nächste Vorstellung am 13.04.2018 um 20:00 Uhr gibt es noch Restkarten.

Weitere Informationen und Termine unter www.theaterdo.de




Charango-Festival im Dietrich-Keuning-Haus

Im letzten Monat war stand beim großen VIVA-Festival im Dietrich-Keuning-Haus die breite Vielfalt der lateinamerikanischen Kultur mit ihrer Musik und Tänzen im Mittelpunkt. Am Samstag, den 07.04.2018 wird jetzt im DKH unter dem Motto „Charango – Eine andere Art von Musik“ eine Ausstellung diverser Charango-Instrumente, Live-Konzert (ab 19:00 Uhr), und ein Fest mit kulinarischen Leckereien sowie Tanz aus Südamerika geboten.

Levent Arslan, der kommissarische Leiter des DKH erklärte beim Pressegespräch: „Wir wollen die Vielfalt dieses wunderbaren Instruments zeigen und gleichzeitig den Austausch der Kulturen fördern.“ Mit im Boot für die Organisation des Festes sitzt die Integrationsagentur der Stadtteil-Schule Dortmund e.V. Für Berenice Becerril (Stadtteil-Schule) ist in diesem Zusammenhang auch der interkulturelle Bildungsauftrag von großer Bedeutung. Ebenfalls dabei sind die Tanzgruppe „Amigos de Bolivia“ (Duisburg), und als musikalischer Verbindungsmann der bolivianische Musiker Gaston Bejarano. Hochkarätige Charango-Gruppen und Solisten aus Europa sowie Bolivien (La Paz) konnten für das Programm gewonnen werden. Charango bedeutet übrigens so viel wie schrill, laut und fröhlich.

Mitwirkende Gruppen und Solisten:

Francisco Alurralde – Solist (La Paz)

Trio Punto Andino – Victor Beck (Schweiz)

Inti Punchai (La Paz)

Duo Zerua – Jarry Single & Alfredo Paredes

Adebol (Tanzgruppe Duisburg)

Südamerikanisch geht es im Dietrich-Keuning-Haus weiter mit dem Charango-Festival. (v.l.n.r.) Irene Stabel (Tanzgruppe Adebol), Mercedes Mena de Köppen (Adebol), Thekla Bichler (DKH), Levent Arslan (komm. Leiter DKH), Berenice Becerril (Stadtteil-Schule). Vorne ist Gaston Bejarano (Musiker).
Südamerikanisch geht es im Dietrich-Keuning-Haus weiter mit dem Charango-Festival. (v.l.n.r.) Irene Stabel (Tanzgruppe Adebol), Mercedes Mena de Köppen (Adebol), Thekla Bichler (DKH), Levent Arslan (komm. Leiter DKH), Berenice Becerril (Stadtteil-Schule). Vorne ist Gaston Bejarano (Musiker).

Die Tanzgruppe „Amigos de Bolivia“ (Adebol) aus Duisburg werden Tänze verschiedenen Rhythmen aus Ost-Bolivien und den Anden vorführen. Musikalisch begleitet werden sie dabei von Charango und Pan Flöte. Finanziell unterstützt wird das Ganze vom Dortmunder Kulturbüro. Die Musik-CD von Inti Punchai ist am 07.04.2018 auch für 17,00 € auch käuflich zu erwerben.

Das Charango ist ein kleines, zehnsaitiges Zupfinstrument und in Deutschland bislang kaum bekannt. Älteste Belege stammen, so Bejarano, aus dem 17. Jahrhundert. Über Spanien kam das besondere Zupfinstrument nach Bolivien und die Anden. Es ist aus altem Holz gemacht und die Saiten waren damals aus Eisen (Metall). Der Klang ist weich und rhythmisch, melancholisch und fröhlich zugleich. Das Instrument ist erstaunlich leicht. Im Laufe der hat sich das Instrument nicht nur Landesgrenzen überwunden, sondern sich auch dem Jazz geöffnet. Das kann man alles beim Live-Konzert hören.

Die Ausstellung ermöglichte Walter Käsbohrer aus Ulm. Er sammelte über 30 Jahre mit viel Liebe Charangos aus verschiedenen Regionen Südamerikas. In Dortmund wird nun zum ersten Mal ein Teil dieser einzigartigen Sammlung im Rahmen dieses Festes präsentiert. Ein wunderschönes expressives Plakat für die Veranstaltung hat der bekannte Künstler Manami Manami entwickelt.

Ausstellungseröffnung im Dietrich-Keuning-Haus 17:00 Uhr

Live-Konzert, Festival und Tanz ab 19:00 Uhr

Eintritt: VVK 8,00 € / AK 10,00 €

Vertreter der Botschaften von von Peru und Bolivien werden anwesend sein und das Festival eröffnen.




Rezension Jan Zweyer: Starkstrom

Grafit Verlag 281 Seiten ISBN 978-3-89425-576-3 € 12,00

In seinem neuen Kriminalroman „Starkstrom“ hat der Schriftsteller Jan Zweyer einen bedrückend eindringlichen Blick in die nahe Zukunft gewagt.

Dystopische Zukunftsvision von Jan Zweyer. (Cover: © Grafit Verlag)
Dystopische Zukunftsvision von Jan Zweyer. (Cover: © Grafit Verlag)

Im Jahr 1953 in Frankfurt geboren und Mitte der 70er ins Ruhrgebiet gezogen, war er nach seinem Studium zunächst viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeite er er als freier Schriftsteller in Herne und hat eine Art Kultstatus als als Autor in Sachen Ruhrgebietskrimis.

Nachdem er sich im Jahr 2015 mit der Trilogie „Das Haus der grauen Mönche“ und deren Fortsetzung „Ein Königreich von kurzer Dauer“ dem Mittelalter zugewandt hatte, führt er die Leser nun in eine ( mögliche) nahe Zukunft.

Der ungewöhnliche Krimi spielt im Jahr 2030. Europa hat sich in Zentraleuropa und der Europäischen Assoziation gespalten. Katalonien und Süd-Tirol gehören dabei zu Zentraleuropa.

Europa verbarrikadiert sich mit einem meterhohen mehrfach gesicherten Metallzaun, um Flüchtlinge um jeden Preis fern zu halten. Es gibt Transitzentren, in denen tausende verzweifelten Flüchtenden festsitzen. Ein Lotterie entscheidet per Zufall, wer die Chance auf ein besseres Leben bekommt. Die deutsche Regierung beauftragt die Good-Fence-Cooperation, den Zaun mit allen Mitteln zu verteidigen. Sie droht mit der stärksten Abschreckung. Wer den Zaun zu überwinden versucht, wird auf alle Fälle sterben. Es soll nur eine leere Behauptung sein, um potentielle Flüchtlinge abzuschrecken. Dann aber steht der Zaun wirklich unter Strom und zurück bleiben eine verkohlte Leiche, ein Schweinekadaver und jede Menge Fragen. Die Politik möchte diese auf keinen Fall beantworten…

Der Krimi spielt auf mehren Ebenen und aus verschiedenen Sichtweisen. Auf der einen Seite sind da die Machtinteressen der Politiker sowie der Wunsch nach Gewinnmaximierung der Rüstungsindustrie und vor allem auch der Schlepper. Die Flüchtlinge dagegen kämpfen um ihr nacktes Leben und eine bessere Zukunft für sich, ihre Familien und Dörfer. Dann gibt es noch die investigativen Journalisten und Flüchtlingshelfer, die aufklären und die verzweifelten Menschen retten wollen.

Zweyer beschreibt eindringlich und ohne Pathos eine Gesellschaft von politischen Machtinteressen, Habgier auf Kosten der Verzweiflung von Menschen, und dem mutigen Kampf dagegen. Es ist eine Welt voll Misstrauen, die Ängste gezielt für ihre Zwecke schürt.

So unvorstellbar sind diese bedrückenden Zukunftsaussichten leider nicht. Derzeit wird viel über Zäune, Mauern, Ein- und Ausgrenzungen diskutiert. Die „Brandstifter“ stehen schon lange mit ihren Plänen in den Startlöchern. Pläne, wie etwa die des neuen „Heimat und Innenministers“ Horst Seehofer für „Ankerzentren“ sind da nur ein Anfang. Populistische Maßnahmen für den Machterhalt greifen immer mehr um sich.

Ein ungewöhnlicher und lesenswerter Krimi.