Die Klavier & Flügel Galerie Maiwald hatte am Samstag, dem 30.10.2021 unter dem Motto „J.S. Bach – Quelle der Zuversicht“ im Foyer des Konzerthauses Dortmund zum 7. Foyer-Lunch-Konzert geladen. Gerade in diesen Zeiten besonders wichtig.
Im Mittelpunkt standen alleine die bewegende, tief in unser innerstes dringenden Musikwerke des genialen Komponisten Bach (1685 – 1750).
Das Publikum erfuhr durch Rezitationen der ehemaligen Gymnasiallehrerin Christa Reichel aus verschiedenen Biografien (Albert Schweitzer u.a.) auch noch kleine Anekdoten zum Leben und zur besonderen Bedeutung von J.S. Bach.
Musikalisch präsentiert wurden vierzehn (teilweise bearbeitete) Auszüge aus seinen Kantaten, Präludien, Sonaten, Suiten oder auch einzelne Satzteile einer Variationsreihe (Partita).
In diesem Konzert wirkten in dieser Form erstmals vier Mitgliedern der mit Frau Reichel befreundeten Familie Prushinskiy zusammen.
Der erste Konzertmeister der Dortmunder Philharmoniker Alexander Prushinskiy (Violine), seine Frau Svetlana Shtraub (Violine, ihr Sohn Dimitry Prushinskiy sowie am wohltemperierten Klavier seine Schwester Tatiana Prushinskaya interpretierten die Werke einfühlsam. Dabei konnten sie ihr Können, ob zu viert, dritt, als Duo oder Solist*innen unter Beweis stellen.
Mit dem berühmten Choral „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ BWV 147 begann das Konzert gleich sehr stimmungsvoll und endete bewegend mit der Aria aus der Orchestersuite Nr. 3 in d-Dur BWV 1068, Arrang. Für drei Violinen und Orchester von Paul de Bra erweitert von Svetlana Shtraub.
Die neunzig Minuten boten den Anwesenden Ruhe im Großstadtgetümmel und etwas Zuversicht, Freude sowie tiefe Empfindungen.
Wenn bei „Paradiso“ das Licht tanzt
Nach dem Höllen-„Inferno“ und „Purgatorio“ (der Läuterung) stand mit der Premiere von „Paradiso“ am 29.10.2021 im Dortmunder Opernhaus der dritte Teil von Xin Peng Wangs Ballettmonument nach Dantes „Göttlicher Komödie“ auf dem Programm. Die hiesige Ballett-Compagnie war bestens aufgelegt und die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster setzten die Musik des Künstlerkollektivs 48nord präzise zum Geschehen um.
Denn waren die beiden ersten Teile eher atmosphärisch düster gehalten, führt uns „Paradiso“ in helle kosmische Sphären. Hier sind die Tänzer*innen alle hell gekleidet. Die rhythmisch-psychedelische Musik von 48nord (Ulrich Müller und der erst kürzlich verstorbene Siegfried Rössert) lässt den lockenden Sirenengesang der Sterne in den unendlichen Weiten des Weltalls, das Knistern und Zirpen der Sternschnuppen sowie Dröhnen und Rauschen der vorbeiziehenden Kometen für das Publikum hörbar werden.
Im Mittelpunkt von „Paradiso“ steht der Tanz selbst als Symbol für den Herzschlag des ewigen Kosmos. Der wird von der Liebe in Bewegung gehalten.
Aus dem Bühnenboden erhebt sich hier ein gewaltiges rundes Lichtradgerüst mit vielen Strahlern, um zur Umlaufbahn der Gestirne und am Ende zur Himmelsrose zu werden, wo sich die Liebenden verbinden.
Dante (Javier Cacheiro Alemán) und seine Jugendliebe Beatrice (Amanda Vieira) treffen in „Paradiso“ aufeinander und stehen hier als sinnbildliche Achse im Zentrum, um die sich aus drei geometrischen Grundformationen (Rechteck, Dreieck, Kreis) der choreografische Prozess des ewigen Tanzes aus der himmlischen Freude an der Bewegung selbst in immer neuen Variationen und Facetten spiegelt.
Diese Spiegelungen werden durch eine runde Leinwand-Projektionsfläche, die aus dem großen Lichtrad herausgefahren werden kann, für das Publikum eindrucksvoll sichtbar gemacht.
Wang lässt nicht nur „Himmelkörper“ tanzen, sondern seine Visualisierung der paradiesischen Harmonie greift weiter. Dabei spielt die ausgefeilte Bühnen und Beleuchtungstechnik (Stefan Schmidt) eine bedeutende Rolle. Die Elenden sollen bei Dante von ihren Leiden erlöst und zu ihrem Glück geführt werden. Für den Dortmunder Ballettintendant geht es in Paradiso darum, das Unglaubliche zu glauben und zu tun.
Es ist für ihn der Tanz der Planeten, der Tanz in die Freiheit. Ein mit viel Applaus belohnter eindringlicher Ballett-Abend.
Informationen zu weiteren Vorstellungsterminen finden sie wie immer unter www.thwaterdo.de oder Tel. 0231/5027222
Einblicke in die mexikanische Totenkultur
Im November wird in unserem Land am Totensonntag oder am Volkstrauertag den Toten gedacht. Das sind zumeist eher stille Gedenken mit Grabkränzen und Kerzenlichtern.
In anderen Kulturen, vor allem in Mexiko, wird der Toten mit einem Fest gedacht. Mit fröhlichen Farben, dramatischer Kostümierung und geschminkten Totenkopfgesichtern, lauter Musik, Essen und Trinken, sowie Lachen und Tanzen. Man erinnert sich zusammen an die geliebten Verstorbenen, ihr Lieblingsessen, Fotografien und Gegenstände. Blumen, Totenköpfe und viele Kerzenlichter sind dabei allgegenwärtig. Man denkt auch daran, welchen Einfluss die jeweiligen Verstorbenen auf das eigene Leben genommen haben und versuchen eventuell auch ihre Energie zu spüren.
Der November im kunstbonbon widmet sich dem Fest der Toten
Vielleicht wären wir mit dieser Art des Trauerns hier ja auch ein wenig fröhlicher und glücklicher, und bekämen ein nicht nur mit Angst und Trauer behaftetes Verhältnis zum Tod.
Ein doch tröstlicher Gedanke, dass es einmal im Jahr ein Wiedersehen mit all den toten Familienmitgliedern und Freunden gibt, das dann mit viel Aufwand und guter Laune gefeiert wird.
Das Kunstbonbon in Dortmund gibt vom 06.11.2021 ab 15:00 Uhr bis zum 27.11.2021 Einblicke in diese uns fremde Kultur mit Totenkopfmalerei, Skulpturen und vielem mehr.
Wer noch mehr dazu sehen möchte, der kann auch am 21.11.2021 um 15:00 Uhr zum Kunstbonbon kommen. Dort wir im Zuge der Veranstaltung „Artgenossen“ eine Schminkvorführung stattfinden, bei der man beobachten kann, wie die typischen Totenkopfgesichter entstehen. Virginia Novarin und Marisa Alvarez lassen uns an diesem aufwendigen Prozess teilhaben.
Wanderausstellung zu 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland
Im Studio des Dortmunder Museums für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) ist vom 24.10.2021 bis zum 12.12.2021 die Wanderausstellung „Menschen, Bilder, Orte – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ als fünfte und letzte Anlaufstelle im Rahmen des bundesweiten Festjahres zu Gast. Damit endet das gemeinsame Programm der Landschaftsverbände Westfalen-Lippe (LWL) und Rheinland (LVR).
Sie umfasst den umfangreichen Zeitraum vom Dekret Kaiser Konstantins von 321 (Recht für Juden, in den Stadtrat gewählt zu werden) bis in zu den jüdischen Gemeinden in der Gegenwart.
Die Ausstellung ist in vier Bereiche unterteilt, die durch vier begehbare und multifunktionalen Kuben repräsentiert werden. Dort befindet sich neben einer Leinwand mit einführenden Bildern jeweils vier Tablets und Kopfhörer. Visuelle und akustische Eindrücke vermitteln die Inhalte. Die Besucher*innen können diese durch Interaktion selbst entdecken und nach Interesse und Neugier ihr Wissen vertiefen. Der Einstieg ist einladend niederschwellig gehalten.
Kubus 1 behandelt im weitesten Sinne „Recht und Unrecht“, was jüdischen Menschen seit 1700 Jahren widerfahren ist. Themen sind etwa das Pest-Pogrom (1349, da ging es mit den Verschwörungstheorien, z. B. „Brunnenvergifter“ richtig los), die spätmittelalterliche Ausweisung aus den Städten und die Schoah. Der Fokus liegt auf Alltagsgeschichten und auch Persönlichkeiten.
Im Kubus „Leben und Miteinander“ thematisiert das unterschiedliche Zusammenleben von Jüdinnen und Juden sowie Christ*innen im Laufe der Jahrhunderte.
Der Kubus 3 „Religion und Geistesgeschichte“ erzählt vom 1. Jahrtausend, in dem besonders die Niederschrift des mündlichen Gesetzes bedeutsam ist. Behandelt werden außerdem die jüdische Aufklärung (Haskala) sowie die damit hervorgehenden Entwicklungen neuer Strömungen im Judentum. Zusätzlich können die Besucher*innen etwas über grundlegende Schriften und deren Verwendung für spezielle Anlässe oder über die Architektur der Synagogen oder der Konversion erfahren.
Beim Kubus 4 geht es um „Kunst und Kultur“ mit dem Schwerpunkt auf rituellen und kulturellen Aspekten. Feiertage mit ihren Riten und Symbolen werden hier erklärt, aber auch ein Einblick in die Kunst, Musik und Unterhaltungskultur gegeben. Da geht es auch um Fragen wie „was ist jüdische Kunst?“.
Der Bogen ist weit gespannt und geht von den Gemälden Felix Nussbaums, Marc Chagalls und Max Liebermann oder Architekturen von Erich Mendelsohn, Gottfried Semper bis hin zu Musik etwa von Friedrich Hollaender.
Informationen zu Führungen und dem Begleitprogramm erhalten Sie unter info.mkk@stadtdo.de oder 0231-5026028, wo man sich auch anmelden sollte.
Lieder der Tröstung voll Schmerz und Zuversicht
Am 18.10.2021 standen beim 1. Kammerkonzert der Dortmunder Philharmoniker im hiesigen Orchesterzentrum die Streichinstrumente im Mittelpunkt.
Onyou Kim und Natalie Breuninger (Violine), Juan Ureňa Hevia und Seulki Ha (Viola) sowie Emanuel Matz und Florian Sebald (Violoncello) konnten nicht nur ihr technisches Können, sondern auch die vielfältige Ausdruckskraft ihrer Instrumenten deutlich machen.
Vor 80 Jahren fanden die ersten systematischen Deportationen der Juden in die Todeslager der Nationalsozialisten statt.
So passte es sehr gut, dass neben dem romantischen und zudem expressiven Streichsextett B-Dur op. 18 von Johannes Brahms (1823 -1897) zuvor auch Werke von drei Komponisten jüdischer Herkunft auf dem Programm standen.
Alexander Zemlinsky (1871 – 1941), Gideon Klein (1919 – 1945) und Viktor Ullmann (1898 – 1944) sind entweder an den Folgen der Nazi-Verfolgung oder im Konzentrationslager ermordet worden. Klein und Ullmann wurden von den Nationalsozialisten im Ghetto Theresienstadt genötigt bei ihrer Inszenierung eines „besonders lebendigen Kulturlebens“ als Musiker ihren Beitrag zu leisten. Sie versuchten, Energie und Kraft aus ihrer Situation zu schöpfen und den Lagerinsassen in ihren Leiden und Schmerzen auch etwas Hoffnung zu vermitteln.
Kompositionen von Künstlern, die in Konzentrationslagern ermordet wurden, standen im Mittelpunkt des Kammerkonzerts.
Mit der Sopranistin Anna Sohn vom Dortmunder Opernensemble sorgte eine starke und kraftvolle Stimme für eine sensible Interpretation der Liedtexte. Dabei hatten Musik und Gesang den gleichen Stellenwert.
Alexander Zemlinskys Komposition „Maiblümchen blühten überall“ (1902/1903) für Sopran und Streichsextett, erzählt nach einem Gedicht von Richard Dehmels die tragische Geschichte zweier Liebender mit floraler Symbolik und Melancholie.
Gideon Kleins folgende musikalisch höchst expressive und trauer-volle „Fantasie und Fuge für Streichquartett“ ist 1942 entstanden. Seine Paarung von musikalischen Formen hat ihre Vorbilder im Barock.
Viktor Ullmanns „Herbst“ (für Singstimme und Streichtrio nach Georg Trakl) und „Lieder der Tröstung“ (für Singstimme und Streichtrio nach dem Anthroposophen Albert Steffen) sind beeinflusst von der christlichen Mystik. Sie berichte von Verbitterung und Zuversicht.
Alle gespielten Werke der drei Komponisten sind von der atonalen Musik ihres Lehrmeisters Arnold Schönberg beeinflusst.
Als Zugabe für das Publikum gab das tröstende „Abends, wenn ich schlafen geh“ aus „Hänsel und Gretel“ wunderbar instrumentalisiert.
Zibulla macht auf dicke Hose
Im neuen Roman des Essener Autors T.D. Reda um Privatdetektiv Tibor Zibulla geht es in dem nach „Ruhrstadt“ (Ruhrgebiet in sechs Bereiche aufgeteilt) verorteten Krimi es hoch her. Er ist eher nicht für feinsinnige und empfindliche Gemüter.
Der Detektiv ist ein zwei Meter großer ehemaliger Wrestling-Profi und Türsteher. Er ist ein Typ „eitler Macho mit weichem Kern“. Dazu gehören seine derben Sprüche mit dem gewissen „Ruhrgebiets-Charme“.
Neben seinen Maßanzügen liebt er nur zwei Sachen mehr: die Musik von James Brown und seine Freundin Anne. Auch sonst spielt er gerne den Beschützer von Frauen, die schlecht behandelt werden. Er handelt nicht immer „korrekt“ und ist manchmal auch unvernünftig. (So nimmt er etwa Appetitzügler, um schnell abzunehmen.)
Autor: T.D. Reda
Titel: Zibulla – Auf dicke Hose
Reihe: Kriminalroman, Region: Nordrhein-Westfalen
ET: September 2021
ISBN 978-3-7408-1248-5, (i4)_(1248-5)
ebook: 978-3-96041-812-2, (e2)_(812-2)
In „Auf dicke Hose“ bekommt er es mit einem heiklen Fall zu tun, es geht um die Erpressung eines jungen homosexuellen Profifußballers. Finn Berger wird mit einem brisanten Video erpresst. Es geht nicht um Geld, sondern um Wettbetrug und bewusste Manipulation. Zudem ist auch noch der damalige Partner auf dem Video spurlos verschwunden.
Zibulla muss in abgründige Gegenden recherchieren und in einem Homo-Club fahnden. Das ist aber nur der Anfang. Er bekommt es bei seinen Recherchen mit Drogendealern und den homophoben Vater sowie Brüdern des verschwunden jungen Mannes zu tun.
Ganz brenzlich wird es, als er auch noch einem mörderischen Zirkel mit einem äußerst brutalem Führer an der holländischen Grenze auf die Spur kommt. Da braucht er bald die Hilfe von Freunden …
Neben dem rauen Umgangston werden die Leser*innen mit viel Gewalt konfrontiert und ist nicht für Personen mit schwachen Nerven.
Es gibt jedoch durchaus einige witzige Momente und Situationen, die zum Schmunzeln anregen. Zibulla bietet einige Reibungsflächen. Der Gegensatz von dem ruppigen Ermittler und dem emotionalen Thema Schwulenfeindlichkeit hat einen gewissen Reiz.
Dem Krimi merkt man an, dass er von einem Mann geschrieben wurde.
T.D. Reda ISBN 978-3-7408-1248-5
Zibulla – Auf dicke Hose 288 Seiten
Kriminalroman (Broschur) € (D) 13.00 € (A) 13.40
Köln: Emons Verlag 2021
Originalausgabe Auch als E-Book erhältlich
Kreatives Herbstlabor 2021 Enter Culture
In den Herbstferien bekamen fünfundzwanzig Jugendliche zwischen 14 bis 21 Jahren in Dortmund vom 11.- 15.10.2021 die Gelegenheit, sich kreativ in verschiedenen kulturellen Bereichen wie Schauspiel, Performance, Objekttheater und Fotografie auszuprobieren. Ein wichtiges Angebot gerade in Corona-Zeiten.
Das hiesige Schauspiel und die UZWEI im Dortmunder U boten in den fünf Tagen unter dem Motto Enter Culture – Anfassen/Ausprobieren/Experimentieren vier Workshops an. Angeleitet wurden diese von fachkompetenten Personal aus den jeweiligen Bereichen.
Gelungener Abschluss des Herbstlabors 2021.
Die Abschlusspräsentation fand am 15.10.2021 in der Jungen Oper statt.
Der Performance-Workshop 1 stand unter dem Motto „Guten Tag, ich bin ein Experiment“ (Leitung: Birgit Götz, Performerin, VIER.D).
Die sechs weiblichen Jugendlichen stellten sich Fragen nach Identität, Selbst- und Fremdwahrnehmung und ihren Vorstellungen für sich und einem Theater jetzt und auch in der Zukunft. Man merkte ihnen den Spaß am Verkleiden, Tanzen in allen Variationen und Schauspielern an.
Die zweite Workshop-Gruppe „Big Bang Theater“ wurde von Ekkehardt Freye (Schauspiel Dortmund) und der Theaterpädagogin Lisa Kaufmann geleitet. Die Entwicklung ging vom Gedanken über das Papier auf die Bühne. Heraus kam eine interessante Geschichte über ein Labor und vergiftetes Wasser. Ein kleiner „Umweltkrimi“ mit viel Raum auch für Improvisation, den die beteiligten weiblichen Jugendlichen mit viel Engagement ausfüllten.
Die beiden letzten Workshops „Fotografie“ (Erfundene Wirklichkeit) und „Theater-Materialschlacht“ (Objekttheater) wurden zusammen gelegt. Geleitet wurden diese von Sofia Brandes (Freie Fotografin) und dem freien Theaterpädagogen Hans Peters. Hier waren weibliche wie männliche Jugendliche beteiligt.
Es ging um geschickt „inszenierte Fotografie“ (Erfundene Wirklichkeiten) und Dinge des Alltagslebens wie Konfetti, Lippenstift, Luftballons, bunte Büroklammern und ähnliches. Diese Objekte werde mithilfe von spezieller Belichtung durch einen Fotografen und der jeweils fotografierten Person sowie einer Regisseur*in in Szene gesetzt.
Viel Raum für Kreativität in kurzer Zeit.
Sevdah-Musik, die Herzen berührt
Im Dortmunder domicil trat am 09.10.2021 der bekannte „König des Sevdah-Musik“ (Balkan-Blues) Damir Imamović mit zwei Kollegen Greg Cohen (Kontrabass, spielte schon mit Tom Waits) und dem türkischen Premium-Solisten auf der Kemenҫe (Türkische Laute) im Rahmen des Klangvokal Festivals auf. Imamović selbst fungierte als Sänger mit dem Tambur.
Der in 1978 in Sarajevo geborene Damir Imamović bot aus seinem Programm „Singer of Tales“ (2020) mit seinen Freunden eine beeindruckende Kostprobe des weitgefasstem Repertoires an Sevdah-Songs. Da zeigt sich die kulturelle Vielfalt. Das geht von Liedern aus den 1930er – 1990er Jahren, ein auf Ladino gesungenem jüdischem Stück (beruht u. a. in Bosnien eingewanderten sephardischen Juden im 16. Jahrhundert) bis sowie einer Komposition aus dem 19. Jahrhundert mit türkischem Einfluss.
Der bosnische Künstler ist nicht nur ein Geschichtenerzähler, sondern er sucht fortwährend neue musikalische Wege, diese Musik in ihre reiche Vergangenheit für unsere Gegenwart und die Zukunft zu transformieren. Die Songs werden in einem originellen Umfeld mit drei Saiteninstrumenten kombiniert und arrangiert.
Das Publikum wird durch die kraftvolle, helle und frisch klingende Stimme zum Hinhören verführt und in den Bann gezogen.
Die Interaktion zwischen den Musikern und ihren Instrumenten klappt sehr gut, ob als Trio oder mal als Duo.
Themen sind Emigration sowie Rückkehr, Mutterliebe und Bräuche zwischen Mann und Frau in den verschiedenen Epochen.
Ein wichtiges Anliegen ist Hoffnung auf ein friedliches Miteinander der verschiedenen Kultur in der von Gewalt und Krieg so gebeutelten Balkanregion. In Zukunft sollen in seiner Heimat alle Gefühlswelten jenseits von Herkunft und Religion platz haben.
Die Eigenkomposition „Čovjeku moje zemlje“ (Für die Leute meines Landes) legen Zeugnis davon ab. Persönlich wird es, wenn er von „Sarajevo“ singt.
Obwohl der Balkan-Blues oft traurig-melancholisch klingt, schwingt bei Imamović auch Optimismus und manchmal Humor mit.
Mit Augenzwinkern wurde zum Beispiel von ihm ohne instrumentaler Begleitung ein Song vorgetragen, bei dem ein Mann und eine Frau in einem Bett schlafen sollen, sich dabei aber nicht berühren dürfen.
Zum Abschluss gab es noch eine stimmungsvolle Kurz-Session der drei Künstler mit ihren Instrumenten. Da konnten sie noch einmal ihr ganzes musikalisches Können zeigen.
John Steinbecks „Früchte des Zorns“ zeitlos aktuell
Am 10.10.2021 fand die mit Spannung erwartete Premiere von John Steinbecks „Früchte des Zorns“ unter der Regie von Milan Peschel im Schauspiel Dortmund statt.
Das neue Ensemble unter der Intendantin Julia Wissert hatte nach der Corona-Pause endlich die Gelegenheit, ihr schauspielerisches Können in einem großen sozialkritischen Klassiker unter Beweis zu stellen. Hier werden die Mechanismen des Kapitalismus schonungslos und deutlich dargestellt.
Erzählt wird im Theaterstück die Geschichte der Farmerfamilie Joad aus Oklahoma in den 1930er Jahren. Wegen der schlimmen klimatischen Bedingungen in dieser „Dust Bowl“ (Staub-Schüssel) und der daraus resultierend Ernteausfällen sowie Überschuldung verlieren sie ihr Land. Durch Handzettel werden sie in das „gelobte Land“ Kalifornien in den Westen der USA gelockt. Dort werden angeblich viele Obstpflücker gesucht.
Die Familie besteht aus dem Sohn Tom (Alexander Darkow), der wegen Totschlags (aus Hilfsbereitschaft) für sieben Jahre Haft verurteilt wurde, aber nach vier Jahren auf Bewährung aus dem Knast kommt. Seine Familie will sich gerade mit einem gebrauchten Lastkraftwagen auf den Weg nach Kalifornien machen. Dieser wurde (verantwortlich Nicole Timm) fantasievoll mithilfe einer Aneinanderreihung von Couchsesseln auf die Bühne gebracht.
Tom ist jemand, der, der gegen die Ungerechtigkeit und Unterdrückung der hungernden Massen einsetzen will. Er drängt auf den Zusammenhalt und Organisation der immer schlechter bezahlten Arbeiter gegen übermächtige Banken und Großgrundbesitzer.
Sein Bruder Al (Anton Andreew) ist ein jugendlicher Rebell.
Die Mutter (Bettina Engelhardt) versucht so gut es geht Familie zusammen zu halten und das Überleben zu sichern. Der Vater (Ekkehard Freye) geht zunächst mit viel Optimismus voran. Die Tochter Rosa ist schwanger und träumt von einem Leben in der Stadt, Studium und einer guten Zukunft mit dem Baby und dem verschollenen Kindsvater Connie.
Adi Hrustemović spielte gleich in mehreren Rollen. So unter anderem einen Hilfssheriff, der unter Druck und für das Überleben seiner Familie seine Arbeit versieht.
Interessant ist in der Inszenierung, dass die Rolle des hilfsbereiten und mutigen Predigers Casy mit einer Frau (Nika Mišković) besetzt wurde. Sie spielte dir Rolle selbstbewusst und stark.
So sehr sich die Siedler bemühen, sie werde immer mehr von der (armen) einheimischen Bevölkerung abgelehnt und als „Okies“ verachtet. Eine brisante Mischung aus Wut, Zorn und Angst. Die Farmer-Vereinigung geht mit immer stärkeren Polizeigewalt gegen die ungerechte Bezahlung der streikenden Obst- oder Baumwollpflücker vor. Dabei wird der ihnen beistehende Prediger Casy ermordet und Tom zum Totschläger, der sich verstecken muss.
Das Geschehen wurde atmosphärisch gezielt sparsam von Musik (Karsten Riedel) begleitet. Wenn nötig, wurden auch per Video zusätzlich zur Situation passende Bilder an die Wand projiziert.
Letztendlich zerbrechen alle Träume von einem glücklichen Leben in Kalifornien.
Ein paar aktuelle Bezüge zur Jetztzeit wurden gezielt eingestreut (Pharmaindustrie, „Rote Socken“). Es gibt heute Millionen Menschen, die ihr Land aus den unterschiedlichsten Gründen verlassen müssen. Wie gehen wir damit um?
Neben dem Bewusstsein für die Ursachen sollte klar werden, dass wir nur gemeinsam an Problemen wie Ungerechtigkeit oder ungebremste Umweltzerstörung etwas ändern können. Die Spaltung der Gesellschaft und Gewalt werden sonst immer weiter zunehmen.
Informationen über weitere Aufführungstermine erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222.
Technoschamanismus als Möglichkeit gesellschaftlicher Transformation
Auf der 3. Etage im Dortmunder U können die Besucher*innen in den Räumlichkeiten des Hardware MedienKunstvereins vom 09.10. 2021 – 06.03.2022 die Gruppen-Ausstellung „Technoschamanismus“ erleben.
Im Rahmen der Beuys-Jubiläumsausstellung 2021 widmet sich diese Ausstellung verschiedenen aktuellen technoschamanistischen künstlerischen Positionen. Die Figur des Schamanen wurde von Joseph Beuys damals zeit seines Lebens kultiviert.
Die elf anderen als Künstler*innen vertretenen Personen sehen den Schamanismus aber nicht nur als Technologie aus vergangenen Zeiten, die über viele Generationen vermittelt wurde. Es gibt ja viele „Schamanismen“, die über die Welt verteilt verschieden Ausrichtungen erfahren haben. Ob als Heiler, Wahrsager, Alchemisten u. a. versuchten sie die Verbindung zur Natur und deren Kräften herzustellen, Menschen zu heilen und etwa mit oder ohne psychogenen Drogen in Kontakt zum „Jenseits“ zu gelangen.
Blick in die Arbeit „Transformelle malor ikeae shrine“ des Künstlers JP Raether.
Die Künstler suchen, ausgehend von einer zerstörerischen, auseinanderbrechenden Post-Kapitalistischen Gesellschaft, den neoliberalen Individualismus und Rationalismus nach schamanischen Kräften. Das machen sie mithilfe des Einsatzes von (spekulativer) Technologie.
Die zeitgenössischen Künstler*innen versuchen über eine Verbindung von Spiritualität und moderner Technologie Beuys‘ Strategien und Fragestellungen für das digitale Zeitalter zu aktualisieren und zu transformieren.
Obwohl sie sich nicht alle direkt mit der Figur des Schamanen oder der Schamanin identifizieren, eint sie das Interesse an rituellen, folkloristischen Praktiken, alternativen Formen von Spiritualität oder veränderten Bewusstseinszuständen.
Die Ausstellung ist in vier Bereiche untergliedert, die die Besucher*innen mit Kopfhörern für die Videos durchstreifen können.
1. Alchemie /Metallurgie: Die Schweizer Gruppe „knowbotig“ (Yvonne Wilhelm, Christian Hübler) zeigen zum Beispiel in ihrem Video (Swiss Psychotropic Gold, the Molecular Refinery), wie dort bis 70 % des weltweit gehandelten Golds raffiniert wird. Da in diesem Prozess der Verfeinerung und Veredelung alles „Schmutzige Blutgold“ eliminiert und neutralisiert wird, schreibt die Gruppe dem Edelmetall psychoaktive Wirkungen zu.
Transformella dagegen gehört zu den aLifveForms (fiktionale Identitäten und hysterisch-subversive Drag-Charaktere). Umsorgt werden diese vom Künstler JP Raether.
Die Lebenslinien der Transformellae interessieren sich für biotechnische und soziopolitische Reproduktionstechnologien. Sie sprechen über in-vitro-Fertilisation, den globalen Markt der menschlichen Reproduktion (Beispiel IKEA) sowie die kommende „Reprovolution“.
Im Zentrum der Ausstellung befindet sich ein riesiger hellblauer „Shrine“ aus Pappmaschee, den man mit einer 3D-Brille und Kopfhörer betreten kann.
Wir werden Zeugen eines „alchemistischen“ Forkings, der Gabelung der Lebenslinien und der Entstehung von Transformella cinis. Hier geht es um den Kohlenstoffkreislauf als zentralem Bestandteil des Lebens.
2. Kosmologie:
Als ein Beispiel zu nennen ist die Videoinstallation von Tabita Rezaire „Mamelles Ancestrales“. Dort reist sie zu den Steinkreisen (300 v. Chr. Und 1600 n, Chr.) im westafrikanischen Senegambia. Sind es versteinerte Bräute, antike Observatorien, Zeremonien-Plätze, Geisterorte oder Energiequellen?
In Zeiten des privatwirtschaftlichen Eroberungsstrebens im Weltall ist die Beschäftigung mit diesen steinernen Zeugen einer alten afrikanischen megalithischen Zivilisation von großer Aktualität.
3. Ökologie/Künstliche Intelligenz:
Ökologie und künstliche Intelligenz gehen hier zum Beispiel bei der Arbeit von Jana Kerima Stolzer & Lex Rütten (Dortmund) eine eigene Verbindung ein. Es ist eine Art Science Fiction Video-Erzählung ausgehend von der Geschichte des Ruhrgebiets und des westrheinischen Braunkohletagebaus. Eine Erzählung mithilfe des Fluges einer Drohne über die Zukunft der Erde, die nach der restlosen Ausbeutung der Rohstoffe unbewohnbar wird und die Menschen ins Weltall auswandern.
4. Nicht- menschliche Akteure:
Anja Dornieden & Juan David González Monroy beobachten etwa indonesische Affendompteure und ihre tanzenden, maskierten Makaken. Sobald dem Affen die Puppenmaske aufgesetzt wird, fungiert dieser als ein Medium, welches die Zuschauer*innen in Trance versetzen soll. Der hypnotische Effekt wird durch audiovisuelle Flicker-Effekte verstärkt.
Joseph Beuys dreitägige Begegnung mit einem Kojoten (Symbol für die Ureinwohner 1974 in New York (I like America and America likes Me) ist noch mit dabei. Seine Aktionen wurden (oft) als problematisch angesehen.
Das Soft Opening findet am Freitag, dem 0.10.2021 vor Ort von 17:00 – 22:00 Uhr statt.
Zur Ausstellung erscheint Mitte November 2021 im Verlag Kettler ein reichhaltig bebildertes Magazin und Dokumentation (10,00 € in der Ausstellung, 18,00 € im Buchhandel).
Außerdem finden jeden Sonntag Führungen durch die Ausstellung um 18:00 Uhr statt und es gibt ein spannendes Veranstaltungsprogramm.