Märchen über Freundschaft, Mut und die Kraft der Liebe

Als traditionelles Familienstück zur Weihnachtszeit hatte in diesem Jahr „Die Schneekönigin“ (ab 6 Jahren) von Bettina Zobel nach Hans Christian Andersen (1805–1875) unter der Regie von Andreas Gruhn (Intendant KJT) am 14.11.2025 im Schauspielhaus Dortmund Premiere.

Neben dem KJT-Ensemble stand David Smith (Nationaltheater Mannheim) als Vertretung für Thomas Ehrlichmann in der Rolle des Kai auf der Bühne. Für die DGS-Verdolmetschung sorgten Christina Kirketerp und Tom Temming.

Die Geschichte entfaltet sich als vielschichtige und zeitlose Erzählung voller Symbolik. Im Mittelpunkt steht Gerda, die ihren vom Teufel in die Irre geführten besten Freund Kai sucht. Dieser wurde von einem bösen Spiegel verzaubert und in das kalte Reich der Schneekönigin entführt. Mit wachsendem Mut und Entschlossenheit meistert Gerda Herausforderungen wie Kälte, Frost und andere Widerstände. Auf ihrer Reise belebt sie nicht nur die Blumen im königlichen Hofgarten – ein sprechender Rabe begleitet sie, und sogar eine Räuberbande schlägt sich auf ihre Seite.

hinten: David Smith und Rainer Kleinespel vorne: Johanna Weißert, Annika Hauffe und Andreas KsienzykFoto: © Birgit Hupfeld
hinten: David Smith und Rainer Kleinespel vorne: Johanna Weißert, Annika Hauffe und Andreas Ksienzyk
Foto: © Birgit Hupfeld

Gerda durchstreift eine Welt, in der die Menschen blind für das Wesentliche geworden sind und viele Blicke vergiftet scheinen. Doch mithilfe von Zuspruch, der Kraft der Liebe und der Freundschaft gibt sie nicht auf, Kai aus den Fängen der Schneekönigin zu befreien.

Nicht nur Annika Hauffe als Gerda und David Smith als Kai füllten ihre Rollen mit viel Spielfreude. Auch dem übrigen Ensemble merkte man deutlich die Freude daran an, in verschiedene Rollen und fantasievolle Kostüme zu schlüpfen. Besonders eindrucksvoll waren Kostüm und Auftreten der Schneekönigin, gespielt von Bianca Lammert. Mit dabei außerdem: Rainer Kleinespel, Andreas Ksienzyk, Sar Adina Scheer, Johanna Weißert und Jan Westphal.

Mit starken Hintergrundprojektionen und abwechslungsreichen Bühnenbildern bot die Inszenierung dem Publikum auch optisch viel. Natürlich wurde auch getanzt und gesungen (Musik: Michael Kessler).

Ein Mut machendes Stück zur Weihnachtszeit – für die ganze Familie.

Weitere Infos zu Aufführungsterminen unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231 / 50 27 222
Für Gruppenbestellungen: Tel.: 0231 / 50 27 680




Rock’n-Roll-Musical über junge Liebe und Identitätsfindung

Das in den späten 1950er-Jahren angesiedelte Musical „Grease“ (1971; Buch, Musik und Texte von Jim Jacobs und Warren Casey), in einem Arrangement von Robert Stigwood, feierte am 08.11.2025 unter der Regie von Gil Mehmert im Dortmunder Opernhaus Premiere. Durch den Film mit John Travolta und Olivia Newton-John wurde „Grease“ einem breiten Publikum weltweit bekannt.

Der Musical-Spezialist Mehmert und sein Team führten das Ensemble in einer atmosphärischen Retrospektive zurück ins Abschlussjahr 1959 der Rydell High School (USA). Zu Beginn betreten vier ältere Personen (zwei Frauen, zwei Männer) als eine Art Klassentreffen ihre ehemalige Schule. Anschließend folgen wir ihren Erinnerungen an jene Zeit. Die Jugend versuchte damals, sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu zu orientieren und rebellierte auf ihre Weise gegen das biedere, konservative gesellschaftliche Umfeld. Jugendgangs, Haarpomade („Grease“), aufgemotzte Limousinen und Motorräder gehörten ebenso zum Lebensgefühl wie klar getrennte Rollenbilder: Mädchen wurden von den „coolen Boys“ meist als schmückendes Beiwerk betrachtet und bildeten daher eigene Gruppen.

Im Mittelpunkt von „Grease“ steht die Liebesgeschichte zwischen der schüchternen, eher braven Sandy und Danny, dem Anführer der „Burger Palace Boys“. Antonia Kalinowski als Sandy und Philipp Büttner als Danny Zuko – ebenso wie das gesamte Ensemble – überzeugten mit starken Stimmen und meisterten auch die anspruchsvollen tänzerisch-akrobatischen Herausforderungen. Mit viel Empathie füllten sie ihre Rollen aus. Sandy und Danny begegnen sich nach ihrer kurzen Sommerromanze an der Schule wieder; Danny schwankt zunächst zwischen seiner Rolle als harter Greaser und als sensibler Freund.

Antonia Kalinowski, Philipp BüttnerFoto. (c) Leszek Januszewski
Antonia Kalinowski, Philipp Büttner
Foto. (c) Leszek Januszewski

Besonders ironisch und witzig geraten die Szenen, in denen Sandy ihren Freundinnen, den Pink Ladies, und Danny seiner Gang von der Sommerromanze erzählen – jeweils aus ihrer ganz eigenen Perspektive.

Für zusätzliche humorvolle Momente sorgten Brigitte Schirlinger als strenge, zugleich liebenswert-schrullige Direktorin Miss Lynch sowie David Jacobs als selbstironischer Radiomoderator Vince Fontaine.

Am Ende siegt nicht nur die Liebe bei gleich mehreren Paaren: Alle Figuren finden ihren persönlichen Weg. Sandy entwickelt sich zu einer jungen Frau, die weiß, was sie will und selbstbewusst ihren eigenen Stil findet. Auch Danny wird klar, wer er sein möchte – und zu wem er gehört.

Die Inszenierung glänzte mit fantasievoll wechselnden, eindrucksvollen Bühnenbildern. Eingängige Rock’n-Roll-Hits und romantisch-melancholische Songs, kombiniert mit anspruchsvollen Tanzchoreografien, rissen das Publikum immer wieder mit. Eine atmosphärisch wichtige Rolle spielte die stilgerecht gekleidete Live-Band, die das Geschehen musikalisch eindrucksvoll untermalte.

Besetzung der Band:
Keyboard: Stephan Kanyar · Gitarre I: Julien Castanie · Gitarre II: Bastian Ruppert · Bass: Malte Winter · Drums: Stefan Schott · Saxophon I: Wimm Wollner · Saxophon II: Nappo (Klaus) Bernatzky

Weitere Informationen zu Aufführungsterminen erhalten Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.




Barocke Strahlen, französische Eleganz und amerikanische Rhythmen

Die virtuose französische Trompeterin Lucienne Renaudin Vary (26 Jahre jung) gastierte am 30. Oktober 2025 erneut im Rahmen des Formats Junge Wilde im Dortmunder Konzerthaus. Renaudin Vary ist sowohl als klassisch ausgebildete Musikerin als auch als Jazzkünstlerin international gefragt. Zudem gründete sie ihr eigenes Quintett. An diesem Abend standen ihr Bruder Philémon Renaudin Vary (Kontrabass) sowie das herausragende Quatuor Hanson mit Arthur Hanson (Violine), Jules Dussap (Violine), Gabrielle Lafait (Viola) und Simon Dechambre (Violoncello) als Streichquartett zur Seite.

Gemeinsam boten sie ein facettenreiches, epochenübergreifendes Programm, das durch das harmonische Zusammenspiel von Trompete und Streichern getragen wurde. Die Musiker*innen verzichteten auf erklärende Worte und ließen ihre Musik für sich sprechen.

Eröffnet wurde das Konzert mit dem Konzert für Trompete, Streicher und Basso continuo Es-Dur von Johann Baptist Georg Neruda (1708–1780). Im eindrucksvollen Zusammenspiel der Künstler*innen entfaltete sich barocker Glanz mit eleganten Linien, klaren Harmonien, liedhaften Oberstimmen und einer bewusst zurückgenommenen Begleitung.

Es folgten drei traditionelle Melodien, darunter ein berührendes Abendlied von Antonín Dvořák (1841–1904).

Mit George Gershwins berühmtem An American in Paris (1928, Fassung für Trompete und Streicher) führte das Ensemble das Publikum anschließend in eine ganz andere Klangwelt. In dieser Bearbeitung konzentriert sich das Werk auf den melodischen Kern der Komposition. Die Trompete verkörperte eindringlich den amerikanischen Reisenden im pulsierenden Paris – umgeben von hupenden Taxis, geschäftigen Boulevards und den Klängen der Cafés. Die rhythmische Vielfalt aus Ragtime, Blues, Jazz und Charleston sowie der melancholische Heimwehklang im Mittelteil traten hier besonders deutlich hervor.

Lucienne Renaudin Vary verzauberte mit ihrer Trompete erneut das Konzerthaus Dortmund. (Foto: (c) Simon Fowler)
Lucienne Renaudin Vary verzauberte mit ihrer Trompete erneut das Konzerthaus Dortmund. (Foto: (c) Simon Fowler)

Nach der Pause zeigte das Quatuor Hanson seine technische Brillanz und interpretatorische Sensibilität mit dem Streichquartett F-Dur op. 35 von Maurice Ravel (1875–1937). Dieses Werk verlangt einerseits ein tiefes Verständnis für klassische Klangkultur, andererseits ein feines Gespür für moderne Farbgebung und subtile Klangnuancen.

Den Abschluss bildete das Konzert für Trompete und Streichorchester „Intrada“ (2024) von Karol Beffa (*1973) – ein Werk, das in die unmittelbare Gegenwart führt. Die Komposition, eigens für Lucienne Renaudin Vary geschaffen, ist in drei Abschnitte gegliedert und verbindet Elemente der Klassik mit rhapsodischen Linien, lebendigen rhythmischen Impulsen und gelegentlichen jazzartigen Wendungen. Die Trompete agiert dabei nicht als dominantes Soloinstrument, sondern tritt in einen spannungsreichen Dialog mit dem Streichensemble – ein klanglich reizvolles Wechselspiel zwischen Virtuosität und Empfindsamkeit.

Als Zugabe präsentierte Renaudin Vary schließlich die Trompete pur – strahlend, ausdrucksstark und mit einer Leichtigkeit, die das Publikum begeistert entließ.




Johannes-Passion als musikalisch-emotionales Erlebnis

Es war zwar nicht Karfreitag, doch die Dortmunder Philharmoniker unter der sensiblen und leidenschaftlichen Leitung von Generalmusikdirektor Jordan de Souza machten die Aufführung von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion BWV 245 am 28. und 29. Oktober 2025 im Konzerthaus Dortmund zu einem musikalisch wie emotional tief bewegenden Ereignis.

Bachs erstes großes Passionswerk entstand 1724, kurz nach seinem Amtsantritt als Thomaskantor in Leipzig – unter enormem Zeitdruck und hohen Erwartungen. Im Vergleich zur später komponierten Matthäus-Passion beeindruckt die Johannes-Passion durch ihre komprimierte Form und ihre unmittelbare, fast theatralische Dramatik.

Die Vertonung der Leidensgeschichte Christi nach dem Johannesevangelium verlangt nach einer vielgestaltigen Besetzung: mehrere Solist*innen, Chor und Orchester erzählen gemeinsam das Geschehen. In den wechselnden Dialogen zwischen Evangelist, Jesus, Pilatus und dem Volk entfaltet sich ein bewegendes Wechselspiel von Nähe und Distanz, Reflexion und Anklage.

Obwohl es eigentlich nicht die passende Zeit vor, ein Ereignis war die Johannes-Passion dennoch.
Obwohl es eigentlich nicht die passende Zeit vor, ein Ereignis war die Johannes-Passion dennoch.

Als Evangelist überzeugte der britisch-deutsche Tenor Kieran Carrel mit klarer Diktion und eindringlicher Erzählkunst. Die russisch-libanesische Sopranistin Anna El-Khashem begeisterte durch ihre leuchtende, dabei stets kontrollierte Stimme, während die in Köln geborene Mezzosopranistin Anna Lucia Richter ihre Arien mit emotionaler Tiefe und kammermusikalischer Feinheit gestaltete. Der Stuttgarter Bariton Michael Nagy verlieh seinen Partien Würde und Wärme, Mandla Mndebele überzeugte als menschlich naher Christus, und Ks. Morgan Moody zeichnete einen vielschichtigen Pilatus zwischen Macht und Zweifel.

Getragen wurde die Aufführung von den beiden großen Chören der Chorakademie Dortmund – dem Jugendkonzertchor (Einstudierung: Johannes Honecker) und dem Konzertchor Westfalica (Einstudierung: Johannes Honecker und Volker Hagemann). Mit ihrem präzisen, kraftvollen und doch transparenten Klang prägten sie entscheidend die Atmosphäre des Abends. Die zwölf vierstimmigen Choräle, deren Melodien und Texte dem evangelischen Gesangbuch entnommen sind, bildeten emotionale Ruhepunkte inmitten des dramatischen Geschehens.

Im zweiten Teil – der Verhandlung vor Pilatus und der Kreuzigung – wurden die Chöre als „geifernde Volksmenge“ in das Geschehen einbezogen. Musikalisch war dies zwingend und packend umgesetzt, zugleich aber erinnerte die Szene an die problematische christliche Tradition der pauschalen Schuldzuweisung an „die Juden“. Umso stärker wirkte Bachs überzeitliche Botschaft der Nächstenliebe, des Mitgefühls und der inneren Erneuerung.

Mit den letzten, sanft versöhnlichen Klängen der Grablegung findet Bach zu einer berührenden Ruhe. Nach all der Dramatik und Erschütterung lässt er am Ende das Licht der Versöhnung aufscheinen – ein leiser, aber nachhaltiger Trost, den die Dortmunder Philharmoniker in dieser Aufführung eindrucksvoll zum Klingen brachten.




Solarpunk – Funkeln einer möglichen Zukunft

Ein anderes Morgen ist denkbar. Mit dieser leisen, aber entschlossenen Hoffnung öffnet die Ausstellung „Solarpunk – Mit einem Funkeln aus der Zukunft“ vom 24.10.2025 bis 18.01.2026 auf der uzwei im Dortmunder U ihre Türen. Während täglich neue düstere Schlagzeilen auf uns einstürzen, lädt diese Schau dazu ein, den Blick in die andere Richtung zu wenden: hin zu Visionen, die leuchten statt mahnen, zu Bildern, die fragen, wie Zukunft aussehen könnte – und nicht nur, wovor wir Angst haben.

Solarpunk versteht sich als Utopie-Bewegung einer klimaneutralen, solidarischen Welt, in der Technik nicht zerstört, sondern pflegt. Die Ausstellung nimmt diesen Gedanken auf und übersetzt ihn in eine farbige Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen: Videoinstallationen, Comics, Skulpturen, Stoffwelten, Experimente. Alles wirkt handgemacht, verletzlich, neugierig – wie Prototypen einer Gesellschaft, die sich noch erfindet.

Hier entwerfen Jugendliche und Erwachsene kleine Weltmodelle: gerechter, weicher, mutiger. Kuratiert von Isabel Stahl und geleitet von Lioba Sombetzki, entsteht ein Raum, in dem utopisches Denken kein Luxus ist, sondern eine Überlebensstrategie.

In Kooperation mit dem Schauraum für Comic und Cartoon („The Future is“) treiben 14 Comiczeichner*innen die Debatten über Klima, Gender und Technologie weiter – humorvoll, sarkastisch, zärtlich. Wer möchte, kann sich auf eine grün-bunte Stoffwiese fallen lassen und in den gezeichneten Welten versinken.

Blick in den Eingangsbereich mit den Sitzkissen. (Foto: (c) Tatina Groß)
Blick in den Bereich mit den Sitzkissen. (Foto: (c) Tatina Groß)

Ein Höhepunkt: Judith Kranz mit ihrem neuen Comic „SOMA“ (Oktober 2025). Das Epos erzählt von einem Volk, das in einer vergifteten Welt nur dank uralter Bäume überlebt – bis zwei Figuren den Mut finden, auszubrechen. Eine Erzählung wie ein grüner Faden durch den Asphalt.

Ein Rundgang voller Resonanzen

Gleich zu Beginn empfängt die Skulptur „Mutter“ von Theresa Mielich die Besucher*innen: ein roter, textiler Körper, aus Gewebe, Folie und Füllung, roh und schimmernd. Eine Frage steht im Raum: Wie gebären wir Zukunft – vielleicht ohne Körper, aber mit Verantwortung?

In „SOLIDARITIES“ von Stefan Hurtig begegnet ein Performer Algenwesen – tastend, zugewandt, fast verliebt. Hier scheint die Grenze zwischen Mensch und Nicht-Mensch zu schmelzen, bis Identität selbst zu etwas Flüssigem wird.

Das Speed-Zeichen-Kollektiv Stift Touché wiederum greift Kästners „Konferenz der Tiere“ auf und verwandelt Tiere in politische Akteur*innen einer interspezies-Zukunft.

Wer spielen will, findet im Online-Abenteuer „Cosy Futures“ ein Interface der Möglichkeiten: Zukunft zum Durchklicken, Entwerfen, Verwerfen, Neudenken.

Und dann ist da der Solarchor unter Marija Balubdžić. Sechs junge Stimmen forschen an der Frage, wie Klang in einer anderen Welt klingen könnte. Über Kopfhörer hört man Resonanzen, Turbulenzen, Schweben – wie ein Wetterbericht aus einem Morgen, das es noch nicht gibt.

Ausblick

Diese Ausstellung ist weniger Abschluss als Anfang. Sie macht Mut, die eigene Vorstellungskraft nicht länger zu zensieren. Denn Utopien sind kein Eskapismus – sie sind Baupläne.

Mehr über Programm und Workshops der uzwei: uzwei@stadtdo.de · 0231 / 50-10171

 




Tief eingetaucht in Beethovens 5. Sinfonie

Im Dortmunder Konzerthaus präsentierten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung des neuen GMD Jordan de Souza das neue Format „Deep Dive“. Bei dieser Premiere tauchte das Publikum tief ein in die 5. Sinfonie c-Moll op. 67 von Ludwig van Beethoven (1770–1827), der sogenannten „Schicksalssinfonie“ aus den Jahren 1807/1808. Das Werk wurde in den Kontext des privaten und historischen Lebenshintergrunds des Komponisten eingeordnet.

Das Besondere und musikalisch Innovativ-Revolutionäre Beethovens wurde dem Publikum anschaulich vermittelt. Spürbar wurde im ersten Teil des Abends vor allem die existenzielle Wucht des berühmten Anfangsmotivs „pa-pa-pa-paa“ im ersten Satz. Dieses prägnante Motiv kehrt in den folgenden drei Sätzen in versteckter und variierter Form wieder. Auch der Einfluss der Französischen Revolution (1789) auf den rebellischen Komponisten der Wiener Klassik wurde deutlich herausgearbeitet.

Humorvoll eingebunden durfte das Publikum selbst aktiv werden und das klopfende Motiv mit laut gerufenen Worten wie „Liberté“, „Égalité“ – oder je nach Temperament auch „BVB“ – begleiten. Mit kurzen musikalischen Beispielen wurde zudem der deutliche Entwicklungssprung im Vergleich zu Mozart (etwa aus Die Hochzeit des Figaro) oder Beethovens Lehrer Haydn herausgestellt. Ebenso wurde hörbar, wie meisterhaft Beethoven musikalische Spannung aufbaut und seine Motive kunstvoll variiert.

Intensive Beschäftigung mit Beethovens 5. Sinfonie (Foto: (c) Valdas Miskinis / pixabay).
Intensive Beschäftigung mit Beethovens 5. Sinfonie (Foto: (c) Valdas Miskinis / pixabay).

Die tragisch-existenzielle Grundstimmung des ersten Satzes entfaltet eine fast niederschmetternde Kraft. Im Verlauf verändert sich der Charakter jedoch spürbar: Die Musik wirkt zunehmend sehnsuchtsvoll, romantisch, stellenweise wie eine Liebeserklärung – dann wieder geheimnisvoll und unheimlich. Nachdem sich die Klangwelt nochmals verdunkelt, gelingt Beethoven im Finale ein überwältigender Durchbruch von euphorischem, beinahe revolutionärem Schwung. Das Ergebnis: ein kraftvoll optimistisches Menschenbild, das bis heute fasziniert.

Nach einer kurzen Pause folgte die vollständige Aufführung der Fünften, eindrucksvoll interpretiert von den Dortmunder Philharmonikern und temperamentvoll-empathisch geleitet von Jordan de Souza.

Fazit: Ein spannendes Format, das Neulingen wie Kennern einen intensiven, persönlichen Zugang zu Werk und Komponist eröffnet.

Das nächste Deep-Dive-Konzert findet am 12.01.2026 um 19:00 Uhr im Konzerthaus Dortmund statt.
Thema: Richard Strauss – Don Juan, op. 20




Tanz mit dem Schicksal – Carmina Burana als Ballett

Als Premiere unter der Choreografie des neuen Artist in Residence des Dortmunder Balletts, Edward Clug, stand am 18.10.2025 im Opernhaus Dortmund Carmina Burana von Carl Orff (1895–1982) auf dem Programm.

Carmina Burana (lat. „Beurer Lieder“ bzw. „Lieder aus Benediktbeuern“) ist der Titel einer szenischen Kantate aus den Jahren 1935/36. Vierundzwanzig Lied- und Dramentexte in mittellateinischer, mittelhochdeutscher und altfranzösischer Sprache aus dem 11. und 12. Jahrhundert flossen in das Werk ein. Bekannt ist vor allem der kraftvoll-dynamische Beginn und Schluss mit „Fortuna Imperatrix Mundi“ („Glück der Herrscherin der Welt“). Die Schicksalsgöttin Fortuna spielt im dargestellten Lebens- und Naturzyklus eine zentrale Rolle.

Sae Tamura, Simon Jones, Ballett Dortmund, NRW Juniorballett(c) Leszek Januszewski
Sae Tamura, Simon Jones, Ballett Dortmund, NRW Juniorballett
(c) Leszek Januszewski

Die Auswahl der Texte umfasst weltliche Themen wie die Wechselhaftigkeit von Glück und Wohlstand, die Flüchtigkeit des Lebens sowie die Freude über die Rückkehr des Frühlings. Daneben thematisieren die Lieder auch die (teils verbotenen) Genüsse – ebenso wie die Gefahren von Wollust, Völlerei, Trunksucht und Glücksspiel. Die Musik ist eingängig und klar strukturiert, zugleich modern, raffiniert und ausgesprochen rhythmisch gestaltet.

Edward Clug entschied sich in seiner Choreografie für einen abstrakten, von starken Bewegungen und intensiver Körpersprache geprägten Ansatz, umgesetzt von den Tänzerinnen und Tänzern des Ballett Dortmund sowie des NRW-Juniorballetts. Da die Texte dem Publikum nicht auf Deutsch eingeblendet wurden, lag der Fokus ganz auf dem Zusammenspiel von eindringlicher Musik, Bewegung und Stimme – ein emotional bewegendes Gesamterlebnis.

Die Kooperation mit der Oper Dortmund und den Dortmunder Philharmonikern unter der souveränen musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Jordan de Souza sorgte für besondere Klangintensität. Die anspruchsvollen Solopartien meisterten Mandla Mndebele (Bariton), Sooyeon Lee (Sopran) und Zicong Han (Tenor) mit beeindruckender Leichtigkeit.

Hinter dem Publikum begeisterten der Opernchor des Theater Dortmund sowie der Projekt-Extrachor (Einstudierung: Fabio Mancini) mit kraftvollem Stimmvolumen. Im Zentrum des minimalistisch gehaltenen Bühnenbildes stand ein großer, beweglicher grauer Ring – Symbol für die rote Fortuna, das Rad des Schicksals, und den ewigen Kreislauf von Natur und Begehren. Dieser Ring wurde geschickt in die Choreografie eingebunden und verstärkte die wechselnde energetische Präsenz der Körper im Raum.

Informationen zu weiteren Vorstellungsterminen finden Sie unter www.theaterdo.de




Meditativ-kraftvolle Klänge aus der tuwinischen Steppe

Im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals 2025 entführte die tuwinische Gruppe Huun-Huur-Tu das Publikum am 10. Oktober im Dortmunder Reinoldihaus in die endlose Weite der sibirischen Steppe. Tuwa – ein abgelegenes Gebiet im Süden Sibiriens – ist ihre Heimat. Seit über zwanzig Jahren prägt die Band dort die traditionellen, naturverbundenen Klänge ihrer Region und führt sie mit modernen Arrangements zusammen.

Zentrales Element ist der Khoomei, der berühmte Ober- und Kehlgesang, der Töne gleichzeitig in mehreren Frequenzen erklingen lässt. Mit Lippen, Zunge, Kehlkopf und Stimmbändern erschaffen die Musiker ein vibrierendes Klanguniversum aus tiefem Grollen, schwebenden Obertönen und feinen Pfeifmelodien. Wer sich auf diesen Klangstrom einlässt, spürt die Bewegung von Wind und Pferden in der Steppe – eine meditative Reise durch Klanglandschaften, die zwischen Erde und Himmel zu schweben scheinen.

Auch visuell ist das Ensemble ein Erlebnis: In traditionellen Gewändern stehend, umgeben von Instrumenten aus ihrer Heimat, entfaltet sich ein Klangbild von archaischer Schönheit.

Huun-Huur-TU bei Klangvokal im Reinoldisaal (Foto: Céline-Christine Spitzner)
Huun-Huur-TU bei Klangvokal im Reinoldisaal (Foto: Céline-Christine Spitzner)

Zu hören waren unter anderem:

  • Igil, das zweisaitige Streichinstrument mit geschnitztem Pferdekopf, Symbol der tuwinischen Musiktradition.
  • Toschpulur, eine langhalsige Laute mit warmem, holzigem Klang.
  • Byzaanchi, ein Streichinstrument mit vier Saiten und Tierhautbespannung.
  • Chuur, die weiche, atmende Flöte der Steppe.
  • Tungur, die Schamanentrommel, deren tiefe Schläge spirituelle Kraft entfalten.
  • Khomus, die Maultrommel mit ihrem schillernden Obertonspektrum.
  • Tuyug, ein Rhythmusinstrument aus Pferdehufen, das den Klang galoppierender Tiere nachahmt.

Mit diesem Instrumentarium erschaffen die vier Musiker von Huun-Huur-Tu eine dichte, fast filmische Klangwelt – zwischen archaischer Erdverbundenheit und hypnotischer Trance.

Auf der Bühne standen:
Sayan Bapa (Gesang: Kargyraa, Khoomei; Toschpulur, Gitarre, Igil),
Alexej Saryglar (Gesang: Sygyt; Tuyug, Tungur, Igil),
Radik Tyulyush (Gesang: Borbangnadyr; Byzaanchi, Khomus)
und Kaigal-ool Khovalyg (Gesang: Khoomei, Sygyt, Kargyraa; Igil).

Ein Konzert, das weniger gehört als erlebt wird – intensiv, erdig und zutiefst verbunden mit der Natur.




„Am liebsten bunt!“ – Krempelkunst von Karin Schmidt im Kunstbonbon

Das Kunstbonbon feiert in diesem Jahr gleich doppelt: Die Galerie wird zehn Jahre alt, und Gründerin Karin Schmidt begeht ihren 70. Geburtstag. Passend dazu gönnt sich die Galeristin eine eigene Ausstellung, die am 11. Oktober 2025 um 15 Uhr mit einer Vernissage eröffnet wird. Zu sehen ist die Schau bis zum 8. November 2025.

Unter dem augenzwinkernden Titel „Am liebsten bunt!“ präsentiert Schmidt eine ebenso vielseitige wie eigenwillige Mischung: alte und neue Arbeiten, Malerei und Zeichnung, Collage und Objekt – mal farbenfroh, mal schwarzweiß, mal sinnlos-verspielt, mal hintergründig. Ihre Kunst bezeichnet sie selbst als „Krempelkunst“: Collagen und Objekte entstehen aus Fundstücken, die eigentlich im Müll landen würden. Mit Kleber und Farbe verwandeln sich diese Überbleibsel in unerwartete neue Konstellationen.

Auch die Leinwände haben oft ein Vorleben: manche waren bereits bemalt und wurden überarbeitet, andere erhielten durch Übermalung völlig neue Inhalte. So verwandelte sich ein geerbter Frauenakt in „Hundesinne“, während sich auf einer anderen Leinwand geheimnisvolle „Wächter“ herauskristallisierten. Ein über Jahre hinweg immer wieder verändertes Bild fand schließlich seinen Abschluss in einem Werk über Trauer und Transformation.

Arbeiten von  Karin Schmidt in ihrem eigenen Kunstbonbon.
Arbeiten von Karin Schmidt in ihrem eigenen Kunstbonbon.

Neben diesen großformatigen Arbeiten zeigt die Ausstellung auch eine Auswahl von Schmidts „Morgenseiten“ – Zeichnungen, die beim ersten Kaffee entstehen, häufig mit geschlossenen Augen und wilden Strichen. Erst später werden mögliche Bildinhalte herausgearbeitet. Viele Skizzenbücher und Blätter laden die Besucher:innen zudem zum Stöbern und Blättern ein – darunter auch Arbeiten auf Zetteln oder Briefumschlägen.

Ein humorvolles Detail ist die Preisgestaltung: Alle Werke tragen Preise, die die Zahlen 1 und/oder 7 enthalten – mal allein, mal ergänzt durch Nullen, die, wie Schmidt bemerkt, „zwar für sich nichts bedeuten, aber seltsamerweise Werte verändern können“.

Für musikalische Atmosphäre bei der Vernissage sorgt Udo Herbst, der mit seiner Gitarrenmusik den Nachmittag begleitet.

Wer Lust hat, in Karin Schmidts farbenfrohe und zugleich hintergründige Krempelkunst einzutauchen, sollte sich einen Besuch im Kunstbonbon nicht entgehen lassen.

Weitere Informationen gibt es auf der Facebook-Seite des Kunstbonbons.




Von Radiohead bis Dornröschen: Gala voller Kontraste

Die 41. Internationale Ballettgala im Dortmunder Opernhaus am 27. und 28. September 2025 stand ganz im Zeichen eines Neuanfangs. Auch der ehemalige Intendant Xin Peng Wang ließ es sich am 27. September nicht nehmen, dabei zu sein.

Ars tremonia war am ersten Abend vor Ort. Kammersänger Hannes Brock führte mit seiner gewohnt humorvoll-ironischen Moderation durch den Abend und bleibt dieser beliebten Gala – traditionell zu Beginn und am Ende der Spielzeit – weiterhin treu.

Neben dem neuen Intendanten Dr. Jaš Otrin (Gesamtleitung) für das Ballett Dortmund und das NRW Juniorballett wurden auch die beiden Artists in Residence, Annabelle Lopez Ochoa und Edward Clug, vorgestellt. Mit ihrer unverwechselbaren Handschrift sollen sie die künstlerische Ausrichtung der Sparte prägen.

Sae Tamura, Simon Jones (Ballett Dortmund), Ballett Dortmund, NRW Juniorballett in O Fortuna aus Carmina Burana; Choreografie Edward Clug(c) Leszek Januszewski
Sae Tamura, Simon Jones (Ballett Dortmund), Ballett Dortmund, NRW Juniorballett in O Fortuna aus Carmina Burana; Choreografie Edward Clug
(c) Leszek Januszewski

Annabelle Lopez Ochoa nutzt eine poetische Bildsprache und hat – ihrer lateinamerikanischen Herkunft entsprechend – eine besondere Vorliebe für Farbenreichtum. Sie setzt sich in Handlungsballetten mit bekannten, oft schwer zu fassenden Frauenpersönlichkeiten wie Coco Chanel, Evita Perón oder Frida Kahlo auseinander. Davon erhielt das Publikum einige Einblicke durch Auszüge, getanzt von internationalen Gästen des Ballet Hispánico, des American Ballet Theatre, des Het Nationale Ballet, dem Dortmunder Ballett sowie dem NRW Juniorballett. Deutlich spürbar war ihre Affinität zu Jazz und Flamenco, aber auch die Verbindung von Jazz mit rockigen Elementen, etwa in „One for All“ (Ballett Dortmund/NRW Juniorballett).

Die Arbeiten von Edward Clug (geboren in Rumänien) bestechen durch Feinsinn, eine Prise Humor, Klarheit und Expressivität. Selbst einst Tänzer am Slowenischen Nationaltheater Maribor, dessen Direktor heute der Slowene Dr. Jaš Otrin ist, bindet er regelmäßig Ensemblemitglieder dieses Hauses in seine Produktionen ein.

Nicht nur die Handschrift dieser beiden starken Persönlichkeiten, sondern auch die Interpretationen internationaler Gäste – etwa vom Bayerischen Staatsballett – machten den Abend zu einem besonderen Erlebnis. Ein Höhepunkt war unter anderem „Radio and Juliet“ (Musik: Radiohead, Choreografie: Edward Clug) mit Ksenia Shevtsova und Jacob Feyferlik (Bayerisches Staatsballett).

Auch die Freunde des klassischen Balletts kamen bei Auszügen aus „Dornröschen“, „Satanella“ und „Diana und Actaeon“ auf ihre Kosten.

Gleich zu Beginn stimmte „O Fortuna“ (Carmina Burana von Carl Orff) mit seiner dramatischen Wucht auf eine spartenübergreifende Produktion ein: ein Ballett von Edward Clug in Kooperation mit der Oper Dortmund und den Dortmunder Philharmonikern. Premiere ist am 18. Oktober 2025.

Um das Dortmunder Ballett und das NRW Juniorballett innovativ neu aufzustellen, sind strukturelle Änderungen in Form eines Drei-Säulen-Modells vorgesehen, bestehend aus Kreativ-, Förder- und Kompetenzzentrum.

Wir dürfen gespannt sein.