IFFF Tag 3 – Mother and Son (Un petit frère)

Als nächster Wettbewerbsfilm beim IFFF Dortmund/Köln 2023 stand „Mother and Son“ der jungen französischen Regisseurin Léonor Serraille auf dem Programm.



Teilweise inspiriert von den Erfahrungen ihres Partners anlässlich seines Umzugs aus Afrika, erzählt sie die Geschichte von Rose und ihren beiden Söhnen Jean und Ernest. Die drei Personen migrieren 1989 von der Elfenbeinküste nach Frankreich (Paris).

Szenenbild aus dem Film "Mother and Son". (Foto:  (c) IFFF)
Szenenbild aus dem Film „Mother and Son“. (Foto: (c) IFFF)

Die Erlebnisse der Familie werden über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten und in ihren Entwicklungsprozessen sensibel dargestellt.

Darüber hinaus noch zusätzlich aus verschiedenen Perspektiven von Mutter und Söhnen.

Zu Beginn steht die Blickwinkel von Rose, wunderbar dargestellt von Annabelle Lengronne, im Mittelpunkt. Sie ist mit den noch sehr jungen Söhnen in Paris angekommen und lebt in beengten Verhältnissen bei ihrer Schwester.

Rose putzt im Hotel und versucht, ihren Söhnen eine gute Mutter zu sein. Gleichzeitig versucht sie, sich Freiräume zu schaffen. Ablenkung findet sie in romantischen Begegnungen mit Männern.

Ihren Kindern vermittelt Rose, wie wichtig es ist, für eine bessere Zukunft hart zu arbeiten und zu kämpfen. Gebildete und gute Männer soll aus ihnen werden. Sie findet einen Partner und zieht mit den Kindern zu ihm nach Rouen.

Der Film ist bildgewaltig und es geht neben ihrer Mutterrolle auch um (afrikanische) Identität.

Zehn Jahre später steht Jean im Blickfeld. Er ist mit seinem jüngeren Bruder ziemlich auf sich alleine gestellt und hat Schwierigkeiten, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Seine Mutter arbeitet in Paris und kommt nur am Wochenende nachhause. Sie heiratet einen neuen Mann, den er ablehnt und immer mehr in schlechte Kreise und Drogen abzudriften droht. Letztendlich geht sein Weg zurück zur nach Afrika.

Weitere zehn Jahre später ist der sensible Ernst Philosophieprofessor geworden. Er hat das erreicht, was seine Mutter sich für ihn erträumt hat. Er lebt jedoch allein und entfremdet von ihr und auch sein Bruder ist aus seinem Leben verschwunden.

Starke Schauspieler*innen und ein bewegendes Familienporträt, Leben in der Fremde sowie der Auswirkung einzelner Entscheidungen auf alle anderen.




Kammermusik zwischen Klezmer und Romantik

Beim 5. Kammerkonzert im Dortmunder Orchesterzentrum am 17.04.2023 stand die mit der jüdischen Geschichte verbundenen Klezmer-Musik mit ihrem besonderen Klang und  der Klarinette als Zentrum sowie der Verbindungsbogen zur Romantik im Mittelpunkt.



Wie der Titel des Konzerts „Mazel un Schlamazel“ schon andeutet, spielen Glück und Pech, Fröhlichkeit und Tragik bei dieser facettenreich-emotionalen Musik eine große Rolle.

Mit Alexander Schwab (Philharmonisches Orchester Hagen, Klarinette), Tatiana Prushinskaya (Solorepetitorin, Klavier), Irina Blank sowie Sanjar Sapaev (Dortmunder Philharmoniker, Violine), Zsuzannna Pipták-Pikó (Viola) sowie Markus Beul  (Violoncello) von der Dortmunder Philharmoniker) standen sechs ausgezeichnete Musiker*innen zur Verfügung.

Am Anfang wurde es mit dem Quintett für Klavier und Streichquartett g-moll von Max Bruch (1838 – 1920) romantisch. Es ist an traditionelle Satzmuster orientiert und wechselt zwischen schwelgerisch- romantischen, melancholischen (besonders gegen Ende 2. Satz) oder aufbrausenden Klängen.

Nach einer kurzen Pause ging es mit „Der Golem“, einer Suite für Klarinette und Streichquartett der israelischen Komponistin Betty Olivero (* 1954) Musik aus dem Geist der jüdischen Tradition auf dem Programm.

Angeregt durch den expressionistischen Stummfilm „Der Golem“ aus dem Jahr 1920 (nach dem Roman von Gustav Meyrink) schuf die Komponistin eine Begleitmusik, die 1997 zu einer Suite für den Konzertsaal umgearbeitet wurde.

Um dem Golem ranken sich viele Mythen. Die sagenhafte Gestalt soll etwa von einem Rabbiner (Rabbi Löw) aus einem Klumpen Lehn zum Schutz für die bedrohten Juden zum Leben erweckt worden sein.

Die dazu gestaltete Musik der Komponistin ist vielseitig und farbig. Sie trägt der unheimlichen Seite der Geschichte wie auch den romantischen Aspekten Rechnung.

Es werden hier zahlreiche Melodien und Tonfälle traditioneller jüdischer Musik verarbeitet.

Die Klezmer-Musik changiert intensiv zwischen fröhlich lebendig und melancholischer Traurigkeit.

Zum Schluss vereinigt die Ouvertüre über hebräische Themen von Sergej Prokofjew (1891 – 1953) mit „Jüdischem aus New York“ auf wunderbare Weise Klezmer, Klarinette und Klavier.

Ein eindrucksvoller Konzertabend, der vor allem auch durch das gelungene Zusammenspiel von Klavier, Streichern und starker Klarinette überzeugte.




Musikalische Frühlingsgefühle im Dortmunder Konzerthaus

Das 8. Philharmonische Konzert am 04. und 05. April 2023 im Konzerthaus in Dortmund stand unter dem Anfang April passenden Motto „Frühlingsgefühle“. Mit dieser Jahreszeit wird Aufbruch und neue Lebenskraft verbunden.



Zu Beginn wurde der bekannte Jahreszyklus „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi (1678 – 1744) von der virtuosen französischen Soloviolinistin Chouchane Siranossian, einem Streichquartett der Dortmunder Philharmoniker sowie einem Basso continuo zelebriert. Der Zyklus wurde von fast allen Beteiligten im Stehen stimmungsvoll präsentiert.

Chouchane Siranossian spielte die Solovioline bei den "Vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi. (Foto: (c) Nicolaj Lund)
Chouchane Siranossian spielte die Solovioline bei den „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. (Foto: (c) Nicolaj Lund)

Der Frühling, das Vogelgezwitscher, das Erblühen der Vegetation und der Winter (Hitze, aber auch Spaß), der Sommer (Hitze, aber auch Spaß) und der Winter (Kälte, Schlittschuhlaufen) wurden mit viel Empathie musikalisch begleitet.

Es war ein grandioses Zusammenwirken zwischen Solo-Violine und ihren musikalischen Begleitungen.

Nach der Pause wurde mit einer größeren Orchesterbesetzung der fünfminütige Frühlingsmorgen der leider früh verstorbenen Lili Boulanger unter der Leitung von Felix Mildenberger gefühlvoll dargeboten.

Der impressionistische Klangzauber wurde von der Komponistin erst kurz vor ihrem Tod für das Orchester umgearbeitet und besticht durch seine Eigenständigkeit und prächtige Vielfalt.

Die viersätzige „Frühlingssinfonie“ (Sinfonie Nr. B-Dur op. 38) von Robert Schuhmann (1810 – 1856) bildete den Abschluss des Konzerts.

In diesem Sinne schuf der frisch mit Clara Wieck verheiratete Komponist hier seine musikalische Vorstellung vom Frühling. Das Stück hat einen optimistisch-idyllischen Charakter.

Die thematische Verklammerung der vier Sinfonie-Sätze wird durch einen abstrakten Blechbläserruf zu Beginn der Sätze variiert. Der Frühling kündigt sich mit Fanfarenklängen an und zum Ende des vierten Satzes hin steigert sich das Ganze zu einem musikalischen Rausch.

Es war ein gelungener Konzertabend zum Frühlingsanfang.




Onkel Wanja – Zerstörte Ideale, Sehnsüchte und Sinnfragen des Lebens

Im Dortmunder Schauspielhaus hatte am 01.04.2023 die Neuinszenierung von Anton Tschechows (1860 1904) Drama „Onkel Wanja“ unter der Regie des britischen Regisseurs Rikki Henry seine Premiere.



Diese Inszenierung verlegt das Geschehen in unsere hektische Zeit in einen nüchternen Büroraum mit Computer, Papierwust und Fitnessgerät.

In diesem Drama verwaltet Iwán Petrówitsch Wojnizkij, genannt Onkel Wanja, leidenschaftlich gespielt von Ekkehard Freye, aufopferungsvoll über viele Jahre das Gut seiner verstorbenen Schwester und finanziert damit das Stadtleben seines Schwagers, dem Kunstprofessor Serebrjaków. Er trauert seinen verpassten Chancen hinterher. Was hätte aus ihm werden können, wenn er nicht diese Verantwortung und Schuldenlast übernehmen würde? Selbstmitleid ist in diesem Stück dauerhaft präsent.

Er wird tatkräftig von seiner Nichte Sonja unterstützt, die unglücklich verliebt ist in den zynischen Arzt und Umweltschützer Astrow.

Adi Hrustemović, Lola Fuchs, Antje Prust, Alexander Darkow und Ekkehard Freye. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Adi Hrustemović, Lola Fuchs, Antje Prust, Alexander Darkow und Ekkehard Freye. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Wir lernen die Schauspielerin Nika Mišković von einer neuen Seite kennen.

Den von der „Dummheit der Menschen enttäuschten“ und vom Landleben angeödeten Arzt und Freund von Wanja Astrow spielt eindrucksvoll Alexander Darkow. Er kann sich das Leben nur mit viel Wodka schön trinken.

Bodenständig und pragmatisch veranlagt sind die Schwiegermutter Maria Wassiljewna (Antje Prust), Marina (Lola Fuchs) – im Original die ehemalige Amme von Sonja – sowie der komisch-humorvolle, ein wenig an einen Harlekin erinnernde verarmte Gutsbesitzer Telégin (Adi Hrustemović).

Bewegung in das eintönige Landleben kommt, als der Professor mit seiner zweiten Frau Elena (Sarah Quarshie) eintrifft. Das Stadtleben ist teuer, und Serebrjaków hat die Idee, das Gut zu verkaufen. Bedrohlicher Sturm kommt auf.

Linus Ebner spielt den egoistischen Hypochonder voll Selbstmitleid mit viel Humor und Ironie.

Die schöne Elena verdreht sowohl Wanja als auch Astrow den Kopf.

Nicht nur Wanja steht vor den Scherben seines Lebensentwurfes – alle Beteiligten müssen sich ihren unerfüllten Sehnsüchten stellen.

Am Ende bleibt alles beim Alten. Die ganz normalen Antihelden schaffen es nicht, ihre Wut und Sehnsucht in konstruktive Aktivität für ein besseres Leben zu transformieren.

Das Stück hat eine aktuelle Brisanz. Wie verhalten wir uns heute in Umbruchzeiten mit diversen Krisen (Klimaveränderung, Kriege, Inflation, zunehmende Entfremdung u. a.)?

Das gilt vor allem auch für Kulturschaffende, Intellektuelle, die Privilegierten in der Gesellschaft.

Die Frage bleibt: „Wie soll man leben?“.

Diese Premiere, mit viel Herzblut und Engagement der Schauspielenden mit Leben gefüllt, wurde zu Recht mit viel Applaus vom Publikum belohnt.

Informationen zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter

www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Künstlerinnen und Künstler „machen Blau“ in der BIG gallery

In der BIG gallery der BIG direkt gesund (nahe Dortmunder U) stellt der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Westfalen e. V. vom 02.04.2023 (Eröffnung am Sonntag um 11:00 Uhr) bis 18.06.2023 seine voraussichtlich letzte Ausstellung mit dem Titel „Blau machen“ aus.



Beteiligt daran mit jeweils einem Werk sind 21 Künstlerinnen und 20 Künstler.

Der BBK Westfalen nimmt Abschied von der BIG gallery in "blau". (v.l.n.r.) Christoph Mandera, Brigitte Bailer und Axel M. Mosler.
Der BBK Westfalen nimmt Abschied von der BIG gallery in „blau“. (v.l.n.r.) Christoph Mandera, Brigitte Bailer und Axel M. Mosler.

Die 41 Kunstschaffenden haben sich, wie „Blau machen“ schon andeutet, mit diesem mehrdeutigen Thema ganz divers auseinandergesetzt. Die präsentierten Arbeiten zeigen erzählerische Werke, blaue Porträts oder blau strukturierte Farb- und Formmalereien, Collagen und Fotos mit digitaler Bearbeitung.

Zu sehen sind Aquarell, Tusche, Acryl oder Öl auf Leinwand, Öl auf Papier, Digitaldruck auf Acrylglas, Fotografik auf Acryl, Farbholzschnitt (Druck), Aquarell auf Büttenpapier, Strukturpasten-Collagen, textile Arbeit mit Stickerei, originale Farbfotografie sowie von Karin Hansmann Keramik-Werke.

Mit ihren expressionistisch, impressionistisch oder surreal anmutenden Arbeiten beschäftigen sich die Künstler:innen nicht nur mit der inspirativen-assoziativen Farbe Blau, sondern natürlich auch mit dem Thema „Blau machen“.

Sich den Verpflichtungen entziehen (im übertragenen Sinn), entspannen, aber auch den Blick auf die Verantwortung unserer Umwelt und Menschheit gerichtet.

Wir können uns dem Klimawandel, Kriegen und deren Folgen nicht so leicht entziehen.

Ein großer Aspekt der Ausstellung widmet sich dem Himmel, Wasser oder der Vergänglichkeit. Es steckt aber auch Hoffnung auf einen Neuanfang und Mut zum Aufbruch darin.

Das ist auch dem BBK-Westfalen für seine Zukunft zu wünschen.

Zur Ausstellung erscheint ein 64-seitiger-Web-Katalog mit allen in der Ausstellung zu sehenden Werken, der zum Preis von 5,00 € erhältlich ist.

Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag, jeweils 13:00 bis 17:00 Uhr. Ostersonntag (geschlossen). Eintritt ist frei.




Hoda Tawakol – Spezielle Oase im Dortmunder Kunstverein

Nach der Renovierung des neuen Standortes des Dortmunder Kunstvereins (direkt neben der Haltestelle Westentor) ist in diesem offenen Kunst-Ort die Ausstellung „Silent voices in a Palm Grove“ (Stille Stimmen im Palmenhain) der ägyptisch-französischen Künstlerin Hoda Tawakol (* 1968) vom 25.03. bis 11.06.2023 zu sehen.



Ars tremonia bekam beim Presserundgang mit der Künstlerin und Rebekka Seubert (Kuratorin und künstlerische Leiterin des Dortmunder Kunstvereins) einen ersten Eindruck.

Rebekka Seubert (links) und die Künstlerin Hoda Tawakol mit einigen ihrer Arbeiten im Dortmunder Kunstverein.
Rebekka Seubert (links) und die Künstlerin Hoda Tawakol mit einigen ihrer Arbeiten im Dortmunder Kunstverein.

Schon beim Hinkommen werden die Menschen von der großflächig von innen aufwendig gestalteten Dschungellandschaft auf Stoff eingeladen.

Auf der Erdgeschoss-Ebene erwartet die Besuchenden eine Installation aus großformatigen Textilskulpturen oder Haarmasken, die den Kunstverein zu einer Oase werden lassen.

In einem Palmenhain treffen Haarkostüme und stoffliche Skulpturen auf menschengroße Falkenmasken.

Die Werke bieten eine ambivalente Welt zwischen Sinnlichkeit und Brutalität.

Das beginnt schon im Eingangsbereich. Hier wartet eine „Kriegerin“ aus synthetischem Haarkostüm. Sie ist schön, kämpferisch und bedrohlich zugleich.

Hier spielen Fragen nach Körper und Identität sowie Ängste vor „mächtigen Frauen“ eine Rolle. Die Arbeiten nehmen Bezug auf die Kultur und die Traditionen des nordafrikanischen Raums, hybride Zustände oder die Mehrdeutigkeit von Zeichen und Sprache.

Haare sind nicht nur ein Attribut des Weiblichen, wie Hoda Tawakol erklärt hat, sondern stellen zudem eine Methode zur diskriminierenden Einordnung dar. (etwa „Bad Hair“ bei den Haaren der afrikanischen Sklavinnen).

Die großformatigen Stofffiguren mit stilisierten Brüsten dienen als Lockmittel wie der „Fleischköder“ dem Falken. Ihre Erscheinung ist gleichzeitig bedrohlich und raumgreifend. Diese Doppeldeutigkeit zieht sich durch die Ausstellung von Hoda Tawakol.

Die Falkenmasken auf der Ebene Zwei sind in einer riesigen Holzgitterkonstruktion in Form eines alten Palastes (Kairo) errichtet.

Schutz vor „äußeren Reizen“. Angst vor Macht und Selbstbestimmung der Frauen? Viel Raum für Assoziationen.

Ein gelungenes Gesamtkonstrukt, das Bewusstsein für die Blickbeziehungen zwischen Menschen oder Mensch und Kunst schaffen kann.

Einweihung & Eröffnung der Ausstellung findet am Freitag, dem 24.03.2023 ab 19:00 Uhr statt.

Neben den anderen Veranstaltungen oder der Führung mit der Kuratorin am Sonntag, dem 26.03.2023 ist sicherlich der Themenabend Haarpolitik (Ausstellungsgespräch) am 01.06.2023 interessant. 

Weitere Informationen zur Ausstellung von Hoda Tawakol erhalten Sie unter https://www.dortmunder-kunstverein.de/de/Ausstellungen/Aktuell–Vorschau-2/SOON/Hoda-Tawakol-Silent-Voices-in-a-Palm-Grove.htm




Große Retrospektive von Nam June Paik im Museum Ostwall

Im Museum Ostwall ist vom 17.03.2023 bis zum 27.08.2023 auf der 6. Etage im Dortmunder U eine große Ausstellung „Nam June Paik/Expose the Music“ als Retrospektive des Werks dieses Pioniers der Videokunst (1932 – 2006) zu sehen und zu erleben.



Da das Museum Ostwall (MO) einen Fluxus-Schwerpunkt hat, passt diese Ausstellung gut in ihr Konzept.

Nam June Paik trat schon in den frühen 1960er-Jahren mit diversen Performances auf, ging über den Weg der experimentellen Kunst schließlich zur Arbeit mit Fernsehern als Kunstobjekten. Beeinflusst wurde er sicherlich von Künstlern wie Karlheinz Stockhausen, Joseph Beuys und anderen. Er entwickelte das Konzept der „Aktionsmusik“. Paik stellt Musik aus und spielt sie nicht.

In dieser interdisziplinär konzipierten Ausstellung werden 100 Arbeiten gezeigt, darunter Skulpturen, Audio- und Videoproduktionen, ungewöhnliche Partituren, Handlungsanweisungen und Konzepte sowie Fotodokumente. Anschaulich wird den Besuchenden vermittelt, wie das Publikum Nam June Paiks Performances unmittelbar erlebte und aktiv einbezogen wurde. Die interaktive Beteiligung ist ein wichtiger Bestandteil. Ob im Galerieraum oder in der Live-Fernsehübertragung.

Erstmals wird in Deutschland die sound- und bildgewaltige Rauminstallation „Sistine Chapel (1993)“ zu sehen und hören sein. Das ist ein Höhepunkt der Ausstellung. In einem idealen Raum mit Spitzdachkonstruktion wird das frühe Beispiel multimedialer Immersion als ein nach dem Zufallsprinzip ständig wechselnden Remix aus Bildern, Festivalausschnitten und Geräuschkulissen gezeigt. Es ist eine eindrucksvolle Nam June Paik-spezifische Aufführung von Pop-/Kulturgeschichte und Politik aus den 1969er oder 1970er-Jahren.

Die Ausstellung wurde kuratiert von Rudolf Frieling (San-Francisco-Museum of Modern Art) sowie Christina Danick, Stefanie Weißhorn-Ponert und dem Museumsdirektionsduo Regina Selter/Florence Thurmes.

Ein weiteres Kapitel der Ausstellung widmet sich der Kooperation von Nam June Paik und Cellistin Charlotte Moorman. So etwa das Werk „Oil drums 1964/1991)“. Bei „Random Access (1963)“ und „Participation TV (1969/198299)“ haben die Besucher*innen eine Gelegenheit, elektronische Sounds oder Bilder zu erzeugen.

Im „ZEN“ Raum können sie sich im Schattenspiel auslassen.

Als Fortschreibung von Paiks (nicht aufgeführten) „Sinfonie for 20 rooms“ sind außerdem vier internationale Künstler*innen eingeladen, sich performativ auf Paiks Werk zu beziehen und sie als Inspiration für ortsspezifische Arbeiten zu nutzen. Den Anfang macht Aki Onda (16. März bis 7. Mai) aus Japan.

Es folgen die New Yorker Künstlerin Autumn Knight vom 13. Mai bis 2. Juli in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Dortmund.

Die Arbeit „Sinfonie and its parts“ der Hamburger Klangkünstlerin Annika Kahrs wird sich über sechzehn Tage (8. bis 23. Juli) erstrecken.

Den Schlusspunkt setzt Samson Young aus Hongkong mit einer theatralischen Inszenierung „20 heterophones“. Der Künstler bewegt sich zwischen verschiedenen Klangquellen in der Installation und erzeugt durch Bewegungen Sounds in einer sechsstündigen Performance.

Die Ausstellung wird am 16. März 2023 um 19 Uhr eröffnet. Tickets können online erworben werden unter www.dortmunder-u.de/tickets. Weitere Informationen gibt es unter www.dortmunder-u.de/nam-june-paik




Eine informativ musikalisch-visuelle Reise

Das 2. Konzert für junge Leute unter dem Motto „Travel Concert Sea to Sky“ am 13.03.2023 im Dortmunder Konzerthaus schickte das Publikum auf eine ganz besondere Zeitreise durch die Entwicklung und Zukunft einer zerbrechlichen Welt. Sie führt von Mexiko (Pazifik) bis zur Arktis (Spitzbergen). Das fragile Ökosystem und das Klima dort (und nicht nur dort) werden stark vom Golfstrom beeinflusst.



Dr. André Baumeister, Geograf, Wissenschaftler und Expeditionsleiter in diese Regionen, hatte als Moderator viel über die lange erdgeschichtliche Entwicklung und klimatischen Veränderungen berichtet.

Außerdem ist er Gründer von FRAM Science Travel aus Bochum, das als Dienstleister und Entwickler wissenschaftlicher Expeditionen ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit sein möchte.

Er führte die Zuhörenden mit seinen Erzählungen anschaulich und informativ durch diesen Abend.

Die Projektionen auf der großen Leinwand zeigten eindrucksvolle Naturaufnahmen und Videos von Exkursionen. Ein passend ausgewähltes Musikprogramm der Dortmunder Philharmoniker unter der temperamentvollen Leitung von Olivia Lee-Gundermann untermalte das Visuelle stimmungsvoll.

Die Musikauswahl reichte von Arturo Márquez (Danzón No. 2) über Edvard Grieg (aus Holberg Suite op.40 oder „Peer Gynt“Suite Nr. 1 op. 46) bis Musik von Hans Zimmer (Suite für Orchester aus dem Film „Interstellar“) und John Powell („Ice Age 2“)

Arturo Castro Nogueras spielte mit viel Empathie auf seiner Gitarre (Nigel Westlakes: Suite für Gitarre und Orchester „Antarctica“).

Natürlich durfte auch die Musik von Antonio Vivaldi nicht fehlen. Das „Gewitter“ aus dem „Sommer“ der „Vier Jahreszeiten“ wurde als Arrangement für Orgel solo von Heinrich E. Grimm geboten.

Die Landschaft mit ihrer Fauna und Flora ist ein wertvolles Naturwunder, das es zu erhalten gilt. Dafür ist es in unserem Interesse, aktiv zu werden.

Es war eine interessante musikalische Reise dorthin, wo sich Himmel und die Erde berühren.




Tanztheater-Performance „Alles spiegelt sich“

In Koproduktion mit dem Dortmunder Theater im Depot hatte die Tanzwerkstatt KOBI Seminare in dessen Örtlichkeit am 11.03.2023 mit ihrem neuen Projekt „Alles spiegelt sich“ Premiere.



Seit September 2022 beschäftigten sich 14 Frauen, die zwischen 48 und 65 Jahre alt sind und deren leidenschaftliches Hobby Tanz und Theater ist, mit diesem neuen Stück. Konzept und die Choreografien stammen von Birgit Götz.
An der Bühnenwand waren mehrere Spiegel zu sehen und auf der Bühne vier begeh- und bewegbar gemachte große. Diese wurden später von den Beteiligten für ihre Choreografie-Performance ausgiebig genutzt.
Zudem kamen auch offene Kartons mit Spiegelfolien oder dünne weiße Masken zum Einsatz, welche die Akteure über den Kopf ziehen konnten, ohne dass ihre individuellen Gesichter erkannt werden konnten.

"Alles spiegelt sich" (Foto: (C) Birgit Götz)
„Alles spiegelt sich“ (Foto: (C) Birgit Götz)

Es geht um die Frage, wie wir uns und andere sehen. Was und wen spiegeln wir? Durch welche Erfahrungen, Schönheitsideale und Vorbilder wird unser „Bild“ über uns und dem Gegenüber bestimmt? Lohnt es sich, hinter den Spiegel und die oberflächlichen Fassaden zu blicken, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten auszuloten?
Die Frauen auf der Bühne fügen mit viel Humor und Selbstironie ihre Spiegelbilder zusammen und verbünden sich mit dem Publikum. Dies hat die Möglichkeit, schon vorher mit Taschenlampen die sich auf der Bühne bewegenden Darstellerinnen (die eine Art reflektierenden Handschuhen trugen) zu „durchleuchten“.
Da sich alles spiegelt, waren die Zuschauenden zudem selbst mit kleinen „Spiegelfolienträgern“ ausgestattet und wurden in das Stück aktiv einbezogen. Sie sollten nach Aufforderung zum Beispiel in den Spiegel schauen und sagen, ob sie damit zufrieden sind. Dann wurden auch noch Fragen zu den Personen auf der Bühne gestellt.
Witzig war die kleine, humorvoll-ironisch eingebaute Modeschau, bei der die Zuschauenden jeweils aus zwei Kleidungsstücken oder Accessoires auswählen durften.
Neben der Choreografie war natürlich die passende Musikauswahl von Marianne Rosenberg bis Aretha Franklin für die Ausdruckskraft bedeutend.
Das Wichtigste ist wohl, dass man sich gut fühlt und mit sich im Reinen ist. Nur wer sich mag, kann den Ähnlichkeiten und Unterschieden zu anderen Menschen offen begegnen.
Kompliment an alle Beteiligten für die starke Leistung.




Eine musikalische Reise in den sonnigen Süden

Die Dortmunder Philharmoniker lud ihr Publikum mit dem 7. Philharmonischen Konzert (07./08. 2023) im Dortmunder Konzerthaus auf eine musikalische Reise in den sonnigen Süden ein. Dabei boten sie unter dem Titel „Die Sonne des Südens“ ein vielseitiges Programm zwischen Klassik und Jazz.



Da war es von Vorteil, dass mit Frank Dupree als Dirigent, gleichzeitig ausgezeichneter Pianist, und ausgebildeter Jazz-Schlagzeuger für das Konzert gewonnen werden konnte. Sozusagen ein Multitalent.

Im ersten Teil standen drei französische Komponisten auf dem Programm.

Zu Anfang hatten die Blechbläser mit der kurzen prägnanten Fanfare „La Péri“ von Paul Dukas (1865 – 1935) ihren großen Auftritt. Damit hatte der Komponist damals das Publikum zu seinem gleichnamigen Ballett gerufen.

Danach wurden die Anwesenden im hiesigen Konzerthaus mit einer Auswahl der Préludes (für Klavier, Band I, 1909/19109 und Band II, 1910 – 1913) von Claude Debussy (1865 – 1935) emotional in verschiedene Mittelmeer-Landschaften (vom mythischen Delphi über die Insel Capri bis zur prachtvollen Alhambra von Granada) geführt.

Das besondere Erlebnis war, das die Originalfassung von Debussy für Klavier (am Piano und als Dirigent Frank Dupree) mit der imaginativ- verführerischen Orchesterfassungseiner Kollegen Hans Zender und Cole Matthews kollagenhaft kombiniert wurde. Das Orchester griff die thematisch- musikalischen Vorgaben des Klaviers auf eine spannende Art und Weise mit auf.

Der französische Komponist Darius Millhaud (1892 – 1974) war zwar nur zwei Jahre in Brasilien (1917 – 1919), die haben aber wohl einen starken Eindruck hinterlassen. Das beweist seine Fantasie für Orchester op. 58 (Le Bœuf sur le toit oder deutsch „Der Ochse auf dem Dach“).

Es ist eine temperamentvoll-lebensfrohe Kreuzung zwischen brasilianischer Straßen- und Volksmusik und großstädtischem Pariser-Flair, die man aus den alten Bars und Varietés kennt. Kastagnetten-Klänge kamen auch zum Einsatz.

Nach der Pause ging es mit kleinerer Orchesterbesetzung für den Jazz – Klassik – Teil des Abends mit „Sketches of Spain“ für Trompete und Orchester von Miles Davis (1928 – 1991) / Gil Evans (1912 – 1988) weiter. Die Transkription stammte von David Berger, Jon Schapiro und Joe Muccioli.

Das Herzstück bildete dabei bildete ein Arrangement des bekannten langsamen Satzes aus dem „Conciero de Aranjuez von Joaquin Rodrigo (1901 – 1999). Eigentlich für ein Gitarrenkonzert konzipiert. Das hatte den Nachteil, dass die Gitarre als Soloinstrument sich auch nicht gegen ein kleines Orchester durchsetzen konnte Diesen Mangel behob das geniale Arrangement von Evans für die Solotrompete.

Auf der Bühne stand mit Simon Höfele einer der international erfolgreichste jungen Trompeter und zeigte sein Können. Tatkräftig unterstützt wurde er noch von Meinhard „Obi“ Jenne am Schlagzeug und Jacob Krupp am Kontrabass.

Ein fast meditatives Erlebnis, dass mit einer temperamentvollen Zugabe durch die „Trompeter-Fraktion“ erst sein (vorläufiges) Ende fand. Nach dem Konzert wurde mit einer Jam-Session und Freibier weiter gefeiert.