Gabriella Wollenhaupt – Ein böses Haus

Der neue Kriminalroman (grafit) von der Dortmunder Autorin Gabriella Wollenhaupt, mit dem provozierenden Titel „Ein böses Haus“, führt die Leser*innen in das „gutbürgerliche“ Kreuzviertel der Stadt.



In einem Haus „am Graben“ (wer in Dortmund lebt, welche Straße gemeint ist) wird die ältere Schwester der Lektorin Alix mit mehreren Messerstichen ermordet. Unter Tatverdacht steht ausgerechnet ihre zehnjährige und unmündige Nichte Lilli.  Ein vernachlässigtes Kind mit dem Asperger-Syndrom.

Ein faszinierend verworrener und verstörender Fall.

Alix zweifelt und macht mit einer Nachbarin („guter Geist des Hauses“) und geht mit dem ermittelnden Kommissar auf Spurensuche. Im Haus wohnen die unterschiedlichsten Menschen: Eine Prostituierte, ein Nerd, ein Geistlicher, ein Pianist bis hin zum Ex-Bandenchef. Die Lektorin kommt der (für die Lesenden) überraschenden Wahrheit und dem Kommissar näher…

Wollenhaupt erzählt die Geschichte gewohnt lakonisch und mit Ironie. Das unterstreicht und konterkariert gleichzeitig die grausamen Ereignisse.

Ihr gelingt es ausgezeichnet, sich nicht nur in die Story durch die Ich-Erzählerin Alix hinein zu versetzen, sondern auch in die so unterschiedlichen Figuren und Charaktere. Dabei ist ihr Blick differenziert ohne Schwarz-Weiß-Denken.

Kleine Seitenhiebe gegen die penetrante Pressezunft und deren verstärkend- aufheizende Stimmungsmache, aber auch eine Portion Selbstironie bleiben nicht aus.

Ein Kriminalroman, der seine Leserinnen und Leser mit sich subtil steigender Spannung, einer einzigartigen Figurenkonstellation, sowie seinem völlig unerwarteten Ende hineinzieht und packt.

Gabrielle Wollenhaupt
Ein böses Haus
Kriminalroman
Graft in der Emons Verlag GmbH 2023
ISBN 978-3-98659-005-5
224 Seiten
€ 13,00




Magisches Orchesterhörspiel um das Erwachsenwer

Unter dem Motto „Symphonic Adventure – Tarot“ stand beim 3. Konzert für junge Leute“ (19.06.2023) ein besonderes Orchesterhörspiel mit live Illustrationen von Artur Fast m Dortmunder Konzerthaus auf dem Programm.



Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Stefan Geiger (Dirigat) setzte die Musik der Komponisten Tobias Gröninger und Dominik zu der kraftvollen Erzählung einer Coming of Age Geschichte um den Häuptlingssohn Rodin und den eindrucksvollen Illustrationen sensibel um. Wenn nötig romantisch (etwa bei den Liebenden), oder dramatisch zugespitzt (z.B. Kampf mit dem eigenen Dämon).

Als interessanter Erzähler fungierte Gerhard Mohr als „Frau Luna“. Der Mond spielt auch in der Geschichte eine wichtige Rolle.

Anhand von 18 plus 4 gezogenen Tarot-Karten wird die Story auf eine magisch-gleichnishafte Art erzählt. Die verschiedenen Stationen der Reise von Rodin konnte das Publikum auf einer Tarotkarten-förmigen Leinwand verfolgt werden.

Beim Tarot werden unterbewusste Gefühle, Emotionen und Informationen in das Bewusstsein gerückt.

Zur Geschichte: Rodin, Sohn des Häuptlings eines Stammes, macht sich auf den weg gen Osten, um sein von Fischsterben und Ernteausfällen geplagte Dorf zu retten. Auf seinem Weg muss er sich einigen Prüfungen stellen sowie lernen, wachsen und reifen. Aus dem „unerfahrenen Narren“ wird ein Held,, der für das Wohl der Anderen kämpft.

Der Mythos Tarot wurde mit einer packenden Geschichte über das Erwachsenwerdens verbunden. Die Themen wie Umweltzerstörung, mit der Natur im Einklang Leben, Gerechtigkeit, Liebe, Tod, Macht und Gewalt betreffen uns alle wie auch der verantwortungsvolle Umgang mit wissenschaftlichem Fortschritt.




Performative Kunst zwischen Fiktion und Realität

In den Räumlichkeiten des Dortmunder Kunstvereins (neben Haltestelle Westentor) ist die multimediale und performative Ausstellung „But who is Ulrike Mandrake“ des jungen französischen Künstlers Nils Alix-Tabeling (1990 *) vom 25.06.2023 bis 10.09.2023 zu sehen und erleben.



Die Besuchenden erwartet beim Eintreten ein mystisch-sakral wirkender Raum. Durch die besondere räumliche Anordnung verschiedener, aus unterschiedlichsten Stoffen zusammengearbeiteter Gegenständen mit einem vielfältigen symbolhaften visuellem Vokabular wird der Geist der titelgebenden fiktiven Figur „Ulrike Mandrake“ in den großzügigen Raum des Kunstvereins gebracht. Man hat die Möglichkeit, die weiße Sitze mit gebetsartig verschränkten Beinen und an Gehirne erinnernde Stoffkissen zu benutzen.

Bis zum 10.09.2023 stellt Nils Alix Tabeling im Dortmunder Kunstverein aus.
Bis zum 10.09.2023 stellt Nils Alix Tabeling im Dortmunder Kunstverein aus.

Der Künstler benutzt eine ambivalente und symbolhafte zum Nachdenken anregende Sprache.

Der Name der Figur setzt sich aus dem Vornamen der Journalistin und RAF-Terroristin Ulrike Meinhof (1934 – 1976) und der giftigen Heil -und Ritualpflanze Alraune (engl: mandrake) zusammen. Deren Pfahlwurzel ähnelt nicht nur einer Menschengestalt, sondern zieht sich als pflanzliche Kontinuität durch die Ausstellung. Der Name suggeriert eine semantische Verbindung zwischen Meinhof und der giftigen Ritualpflanze. Der Titel verweist zudem auf die menschliche Sehnsucht, die vermeintliche Wurzel des Bösen durch Wissenschaft auszumachen.

Alix-Tabelings Kunst drückt sich im Zusammenspiel von bildhauerischen, malerischen, akustischen und performativen Werken aus.

Das Vokabular reicht von Zitaten aus Science-Fiction, historischen Referenzen, Mobiliar, Mode, Schamanismus, Drag und 3d-Drucken. Dabei kombiniert er fein gearbeitete holzbildhauerische Element e mit gefundenen Objekten, Textilien mit Heilkräutern aus seinem Garten.

Humorvolle Verweise auf Homophobie finden sich etwa bei den kopulierenden Feuerkäfern (frz. Gendarme) im Gemälde „Aubépine“ (Spiral, Violence), deren Rückenzeichnung bei genauerem Hinsehen das Wort „Police“ ergibt.

Es geht um Gewalt gegen queere und weibliche Körper damals wie heute.

Sind patriarchalischen (nicht männliche) Gewaltstrukturen in der Vergangenheit und noch heute ursächlich für stärker werdenden Verzweiflung, Widerstand im Angesicht der existenziellen Bedrohungen und ungerechten Verhältnissen?

Ein beeindruckender Teil der Ausstellung ist das zu hörende fiktive Gefängnisgespräch zwischen Ulrike Meinhof (aus Briefen während ihrer zerstörerischen Isolationshaft 1973/1974) und Briefen aus der Haft von Rosa Luxemburg (1871 – 1919). Die eine nahm sich verzweifelt das Leben, die andere wurde zusammen Karl Liebknecht von Angehörigen der Garde-Kavallerie- Schützen-Division ermordet.

Die Eröffnung der Ausstellung findet am Samstag, den 24.06.2023 um 17.00 Uhr statt




Jazz meets Volkslieder im Jazzclub domicil

Als Kooperation zwischen Klangvokal Musikfestival und dem domicil in Dortmund fand am 11.06.2023 im hiesigen Jazzclub das SOUNDZZ Familienkonzert mit Basil Smash, der neuen Band von Eva Bächli, statt.



Zum interaktiven Konzept gehört, dass die fünf Musiker*innen und deren Instrumente von einer Gruppe von Kindern unterschiedlichen Alters vorgestellt wurden. So erhielten die kleinen und großen Zuhörenden genauere Informationen über die Instrumente des Konzerts.

Neben der Sängerin Eva Bächli mit ihrer klaren vollen Stimme spielten Tom Rieder auf der Trompete, Ansgar Wallstein am Piano, Lea Horch am Bass sowie Basil Weiss an den Drums.

Über alle Genregrenzen hinweg kreierte „Basil Smash“ einen ganz eigenen Sound.  Das gilt für bekannte Jazzstandards (etwa „On The Sunny Side Of The Street“) wie auch bei den humorvollen Bearbeitungen von bekannten Volksliedern zum Mitmachen (etwa „Auf der schwäbschen eisenbahne“).

Es war eine gelungene Mischung von Jazz, Volksliedern und Kunstliedern.

Sowohl die Sängerin wie auch die vier Kolleg*innen hatte genug Gelegenheit, ihr vielfältiges Können und Spielspaß zu beweisen.

Spaß hatten auch die drei Kids, als sie bei einer zweiten Darbietung von „On The Sunny Side Of The Street“ selbst eingreifen konnten. Durch antippen der einzelnen Akteure auf der Bühne mussten diese jeweils ihr Spiel oder Gesang stoppen. Nachdem sie noch einmal angetippt wurden, ging es für die Einzelnen weiter.

Ein gelungenes Familienkonzert mit Humor und Spaß an der Musik und den Instrumenten. Begleitet wurde das Ganze mit fantasievollen Leinwandprojektionen im Hintergrund.




Musiktheater um Neugier, Mut und Widerstandskraft

Am 09.06.2023 hatte das neue Musiktheaterprojekt von We DO Opera! – Die Dortmunder Bürger*innen Oper „Der kleine schwarze Fisch“ unter der Regie von Justo Moret im hiesigen Opernhaus seine Uraufführung.



Das Libretto nach dem gleichnamigen iranischen Märchen von Samad Behranghi (1939 – 1967) ist eine Fabel, die auch heute den jungen Menschen Mut macht, sich gegen Ungerechtigkeit und traditionelle Begrenzungen zur wehren, sowie eigene Wege mutig und neugierig auf neue Einflüsse zu beschreiten.

Die Musik stammt von Elnaz Seyedi und Thierry Tidrow und die musikalische Leitung des Orchesters und Chors hat Ruth Katharina Peeck übernommen.

Eine große Herausforderung, denn die vielen Bürger*innen bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit und eine gewisse Fluktuation während der Projektarbeit war gegeben.

Die Inszenierung fand auf zwei Ebenen statt. Wo sonst Obertitel für Übersetzungen zu sehen sind, war die Geschichte des kleinen schwarzen Fisches zusätzlich als Trickfilmformat (mit erzählerischer Begleitung) zu sehen. Auf der Bühne erweckten die Chormitglieder das Märchen mit Bewegung und eindringlichen Sprechgesang die unterschiedlichen Charaktere mit Humor und Engagement zum Leben. Die Untermalung mit passenden musikalischen Die Geräuschen kam vom Orchester.

Fabeln haben den dien Vorteil einer klaren Sprache und durch Tiere vermittelte Symbolkraft mit Bezug zum realen Leben der Menschen.

Der mutige kleine schwarze Fisch, der sich durch sein Denken, Bewusstsein und starken Willen von seinen Artgenossen unterscheidet und die Grenzen seines Baches überschreitet, genauso wie die ignoranten selbstgefälligen Kaulquappen samt ihrer Froschkönigin, die Gefahren durch den unbarmherzigen Krebs oder Pelikan. Das alles wird nicht verschwiegen. Aber ohne Aufstand gegen Ungerechtigkeit und Freiheit kann es keine Entwicklung geben

Die wunderbaren Kostüme und Bühnengestaltung und der geschickte Einsatz von Projektionsflächen (Anna Hörling) sorgten für ein eindringliches Erlebnis.

Ein Märchen, das sicher nicht nur für die tapferen Frauen (und sie unterstützende Männer) im Iran heute eine besondere Bedeutung hat.




Korsische Weltmusik zwischen gestern und heute

Am 06.062023 stand im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals Dortmund (domicil) wieder einmal Weltmusik im Mittelpunkt.



Das korsische Ensemble L’Alba (erstmal zu Gast in unserer Stadt) sind in der musikalischen Tradition ihrer Heimat tief verwurzelt, gleichzeitig nehmen sie Elemente aus dem Balkan, Griechenland, Italien, Portugal oder Italien auf. Sie erzeugen zudem Stimmungen, die die Zuhörenden in afrikanische oder orientalische Klangwelten entführen.

Beim Konzert war der meditative, altüberlieferte dreistimmige Männergesang Korsikas in verschiedenen Konstellationen zu hören. Der Gruppe ist es aber gut gelungen, die Musik ihrer Heimat immer mehr zu verfeinern und weiter zu entwickeln. So wartete das Ensemble auch mehrfach mit solistischem Gesang und Anleihen von Folk (bis hin zu leichten Jazz-Elementen) aus verschiedenen mediterranen Ländern auf.

Themen waren etwa die Liebe im Allgemeinen oder zur Natur mit einem leicht melancholischen Unterton. Es wurde jedoch auch viel positive Energie verbreitert.

 Das Publikum wurde nicht nur durch den speziellen Gesang in eine Art Trancezustand geführt. Das Zusammenspiel der der Instrumente und deren Zusammensetzung tun ihr übriges.

Cecce Guironnet sang nicht nur, sondern spielte an diesem Abend gleich mehrere Instrumente bei verschiedenen Songs. Neben der Klarinette sorgte er mit unterschiedlichen Flöten oder einer Art Steinbockhorn für besonderen Klangfarben und Stimmungen.

Neben ihm waren seine gleichwertigen Kollegen Laurent Barbolosi (Violine & Gesang), Sébastien Lafarge (Harmonium & Gesang), Chjuvan Francescu Mattei (Gitarre & Gesang) sowie Éric Ferrari (Bass & Gesang) auf der Bühne engagiert am Start. L’Alba waren gute Musikbotschafter und haben so hoffentlich etwas für den Erhalt dieses immateriellen Kulturerbes Korsikas beigetragen.




Melodramatische Opernrarität voll emotionale Kraft und Energie

Das Klangvokal Musikfestival Dortmund überrascht immer wieder mit speziellen musikalischen Raritäten, gerade auch im Bereich Oper.



Am 03.06.2023 wurde im Rahmen des Festivals so ein „seltener Schatz“ mit der konzertanten Oper „Il Giuramento“ (Das Gelübde) des italienischen Komponisten Saverio Mercadante (1795 – 1870) im Dortmunder Konzerthaus aufgeführt. Das Libretto stammt von Gaetano Rossi (nach der Tragödie „Angelo, tyran de Padoue“ von Victor Hugo).

Das Melodrama hat es in sich und bietet gleich vier dankbare Hauptrollen. Elaísa (Sopran) liebt Viscardo (Tenor), dessen Zuneigung jedoch Bianca (Mezzosopran) gilt. Die wiederum hatte in politisch schwierigen Zeiten dem Vater von Elaísa das Leben gerettet. Als Biancas Mann Manfredo (Bariton) Verdacht schöpft und seine Frau für untreu hält, beschließt er, sie zu vergiften. Dabei hat er selber ein Auge auf Elaísa geworfen. Diese rettet Bianca, indem sie das Gift gegen ein Schlafmittel austauscht. Sie verzichtet auf ihr eigenes Liebesglück. Viscardo denkt fälschlicher Weise, das Bianca von Elaísa ermordet wurde und ersticht diese. Erst als Bianca wieder aufwacht, erkennt er seinen Irrtum….

Neben dem WDR Rundfunkchor als emotionaler Verstärker, wurde die Handlung vom WDR Funkhausorchester unter der lockeren Leitung durch den italienischen Paolo Carignani musikalisch begleitet. Einzelne Instrument aus dem Orchester hatten zwischendurch die Möglichkeit, besondere Akzente zu setzen.

Renommierten Sänger*innen wie Roberta Mantegna (Elaísa), Germán E. Alcántara (Manfredo), Teresa Iervolino (Bianca), Jean-François Borras (Viscardo), sowie in Nebenrollen John Heuzenroeder (Brunoro) und Ivana Rusko (Isaura) überzeugten mit ihren ausdrucksstarken Stimmen.

Das Libretto bietet ihnen viele Möglichkeiten, ihr Können und Sensibilität bei den Kavatinen, Arien, Duetten und Ensembleszenen zu beweisen.

Die Sängerdominanz wurde bei dieser „Reformoper“ zugunsten der Handlung durchbrochen.

Die Partitur besticht vor allem durch die schwärmerischen Tenor- und Bariton-Kantilenen (ähnlich bei Donizetti) oder dramatischen Koloraturen (ähnlich Rossini).

Höchste Emotionalität und dramatische Zuspitzungen erinnern an Verdis späteren Werke.

Es war ein besonderes Gesangsfest, welches vom Publikum mit viel Applaus bedacht wurde.




Weltmusik und die abenteuerlichen Reisen des Leo Africanus

Viele Menschen müssen aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimatländer verlassen und versuchen, durch Flucht in für sie sichere Länder ihre Freiheit und Leben zu sichern. Heute wie auch damals.



Im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals Dortmund stand am 01.06.2023 im hiesigen Orchesterzentrum Weltmusik um diesen Themenbereich auf dem Programm.

Der Sänger, Musiker und Komponist Rebal Alkhodari (verließ 2011 Syrien) widmete sich in diesem Jahr gemeinsam mit Orpheus XXI NRW, dem Amaan Choir XXI sowie weiteren musikalischen Gästen der Musik aus gleich mehreren unterschiedlichen Ländern. Darunter Marokko, Ägypten, Mali, Saudi-Arabien, Syrien, Türkei, Italien oder Frankreich. Dabei kamen auch traditionelle Instrumente wie die afrikanische Kora oder der arabische Kanun zum Einsatz.

Die Sänger*innen und Instrumentalist*innen wandeln zu jeweils passenden Videoprojektionen und kurzen Texterklärungen (deutsch) auf den Pfaden des Diplomaten und Forschers Leo Africanus (geboren ca. 1488 als Abu Hassan al-Wazzan in Andalusien). 

Dieser war schon als Kind gezwungen, gemeinsam mit seiner Familie seine Heimat zu verlassen. Nach einer Odyssee durch verschiedene arabische und afrikanische Länder auf seiner Reise wurde er schließlich von europäischen Piraten gefangen genommen und danach dem Papst in Rom als Sklave übergeben. Um frei leben zu können, konvertiert Leo Africanus zum Christentum und erhielt so seinen neuen Namen. Wie auch bei den heutigen Flüchtlingen war die Sehnsucht nach Heimat bis zuletzt immer dabei.

Die Instrumente hatten eine ganz besondere Atmosphäre und einen arabischen Flair. Die wunderbaren Stimmen gaben den oft religiösen, von der Liebe zur Natur oder Heimatsehnsucht getragenen Texten Tiefe und Ausdruckskraft. Der afrikanische Rhythmus begeisterte beim Auftritt von Ibou Kalaama.

Weltmusik als Plädoyer für Toleranz und Verständnis.

Nicht nur unter den Religionen, sondern den Menschen in ihrer Vielfalt im Allgemeinen.




Halbwache Geister – Stück über Demenz und den Kreislauf des Lebens

Der Dortmunder Sprechchor hat sich inzwischen als Ensemblemitglied des hiesigen Theaters gut etabliert. Regine Anacker (Sprechchor) hat nun unter der Regie von Ludwig Robert Jung und Ekkehard Freye ein besonderes Stück geschrieben, das sich mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft immer brisanter werdenden Thema Demenz sowie den Kreislauf des Lebens befasst. Sie spielt auch selbst als Psychologin darin eine Rolle.



Am 26.05.2023 hatte „Halbwache Geister – ein Abend im Heim“ seine Uraufführung im Studio des Schauspiels Dortmund.

Das Publikum wird zusammen mit einigen Bewohner*innen von der Psychologin (Gruppe) am Einlass abgeholt. Das Heimleben zwischen Langeweile und Hilferufe wird von einer Pflegerin geregelt. Fichte (Jörg Karweick) und Anna (Sylvia Reusse) werden der Ordnung und Ruhe halber gerne in die Ecke zur Fake-Bushaltestelle geschickt. Da wird gewartet.  Vielleicht auf einen Brief von den Liebsten oder die Rückfahrkarte nach Hause.

Der Sprechchor bei "Halbwache Geister" (Foto: (c) Florian Dürkopp
Der Sprechchor bei „Halbwache Geister“ (Foto: (c) Florian Dürkopp

Die Bewohner*innen des Heimes leisten sich Gesellschaft beim Vergessen und der von ein wenig Hoffnung getragenen Spurensuche im Trümmerhaufen der Erinnerungen. Das Erinnern geht tief in die evolutionäre Vergangenheit. Die alte Heimkatze, wunderbar performt von der Künstlerin Gudrun Kattke, nimmt die Erinnerungsspuren früher wahr als die anderen.

Der Sprechchor (51 Personen) spielt, spricht, singt und summt in diesem absurden, komisch-tragischen Theater in verschiedenen Konstellationen. Als Bewohner*innen, Pflegerin oder Psychologin (jeweils in kleinen Gruppen).

Musik und Sounddesign des Stückes hat Roman D. Metzner atmosphärisch passend übernommen und sich zudem live auf der Bühne unter die Bewohner*innen gemischt.

Eine spezielle Rolle kommt dabei auch den sich in Liebeserinnerungen verlierenden Herrn (Roland Schröter-Liederwald) und die Dame gegenüber (Sabine Bathe-Kruse) oder Waltraud (Waltraud Grohmann) im Rollstuhl zu. In lichten Momenten tun sie ausdrucksstark ihren Unmut und „Missbilligung“ kund. Am Ende bleibt der Wunsch, nach Hause zu kommen.

Eine Collage von bunten Textpassagen unterschiedlicher Autor*innen wird vom Sprechchor zielgenau eingesetzt.

Vergessen ist aber auch lebensnotwendig und nicht nur beängstigend.

Wir nehmen die Dinge selektiv wahr. Das ist für uns existenziell wichtig, um Raum zu schaffen für Neues, als einen produktiv-kreativen Prozess. Wir sortieren „wichtiges von nicht so wichtigem“.

Die Balance zwischen Erinnern und Vergessen hält dabei einiges aus – ehe das Vergessen überwiegt.

Ein berührender-nachdenklicher Theaterabend mit situativ komischen Momenten.

Informationen zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer über www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222




Stummfilmkonzert als besonderes Erlebnis

Die Reihe „Stummfilmkonzerte“ der Dortmunder Philharmoniker erfreut sich nicht ohne Grund großer Beliebtheit. In dieser Spielzeit stand am 23.05.2023 im hiesigen Konzerthaus die deutsche Fassung von Charles Chaplins „The Circus“ in voller Länge auf dem Programm.



Der Film aus dem Jahr 1925 wurde von der Dortmunder Philharmoniker und Tatjana Prushinskaya am Klavier unter der Leitung von Adrian Prabava live mit dem starken Original-Soundtrack untermalt. Dabei überzeugten sie wieder einmal mit viel Feingefühl und gutes Timing. Emotionale Regungen und Gesten wurden ausdrucksvoll verstärkt.

Dieser letzte Stummfilm von Chaplin hat einen etwas bitteren Grundton. Soziale Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch aber auch selbstlose Liebe.

Ein Außenseiter und Tramp (Chaplin) landet durch Zufall beim Zirkus und wird wegen seiner ungewollten Komik zum ausgenutzten Kassenschlager. Er verliebt sich in die Tochter des autoritären Direktors. Seine Chancen bei der hübschen Akrobatin stehen zunächst gut. Dann taucht ein smarter Seiltänzer als Konkurrent auf. Am Ende verzichtet der Tramp zugunsten seiner Angebeteten auf sein persönliches (Liebes-) Glück und geht weiter seines Weges. 

Der Stummfilm voll tragisch-komischen Momenten ist ein Meisterwerk an grotesk- komischen Einfällen, waghalsiger Akrobatik, scharfen Bildern, überraschend moderner Trickfilmtechnik und echten Löwen.

Die Musik im Vaudeville-Stil passte wunderbar zum „Circus“ und die Situationskomik brachte das Publikum im Konzertsaal trotz des tragisch-ernsten Hintergrunds oft zum Lachen.

Es darf sich schon auf Chaplins „Modern Times“ in der nächsten Spielzeit freuen.