Pop-Fassade und toxische Weiblichkeit

Im Studio des Schauspiels Dortmund feierte am 23.01.2026 die musikalische, queere Sitcom „I wanna be a Gurrrlband“ unter der Regie von Shari Asha Crosson ihre Uraufführung.

Die Girlband „Poly Pockets“ steht im Mittelpunkt des Geschehens. Die vier Frauen – Jeanne (Sarah Quarsie), Alice (Push Abdellaoui), Demmi (Rose Lohmann) und Salome (Hannah Müller) – vertreten unter dem Slogan „All we need is Girl Power“ ein queeres Selbstverständnis. Mit dabei ist auch Demmis Hund Kylo, der das Geschehen als Beobachter mit bissig-frechen Kommentaren begleitet.

Der Bruch der Fassade

Als ihr innen komplett rosaroter Tourbus in der Wüste liegen bleibt, zerbricht in der Hitze die glitzernde Pop-Fassade. Eine toxische Mischung aus subtilen Machtspielen, Begehren, Erschöpfung und der Suche nach Authentizität bricht hervor. Konkurrenzdruck, Perfektionismus (befeuert durch die sozialen Medien) sowie Eifersucht treten offen zutage. Es zeigt sich: Auch Frauen können patriarchale Strukturen weitertragen.

v.l.n.r.: Sarah Quarshie, Rose Lohmann, Hannah Müller und Puah AbdellaouiFoto: ©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Sarah Quarshie, Rose Lohmann, Hannah Müller und Puah Abdellaoui
Foto: ©Birgit Hupfeld

Die vier Band-Mitglieder tragen Namen, die auf weibliche Rollenbilder der Geschichte verweisen:

  • Jeanne: Die Frontfrau ist nach der Kriegerin Jeanne d’Arc benannt und bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Unabhängigkeit, Macht und Nähe.
  • Salome: Sie verweist auf die biblisch-mythologische Verführerin (Verbindung von Begehren, Macht und Tod) und schützt sich durch eine Fassade aus Ironie und Zynismus.
  • Alice: Sie wandelt wie „Alice im Wunderland“ zwischen Traum und Realität.
  • Demmi: Sie verkörpert die müde, desillusionierte, aber fürsorgliche Demeter-Figur.

Ausbruch aus Narrativen

Die Managerin Sharly Mannson (Shari Asha Crosson) lenkt das gewünschte Verhalten der Band per Video; es geht allein um Profitinteressen. Solange die Frauen im Sinne des Systems „funktionieren“ und Erfolg haben, sind sie „sichtbar“. Die Figuren versuchen jedoch, sich aus festgefahrenen Narrativen zu befreien und ihre Geschichte selbst in die Hand zu nehmen. Das Ende – so viel sei verraten – verweigert allerdings ein klassisches Happy End.

Die Inszenierung räumt der Musik von Girlbands wie den „Spice Girls“ und anderen viel Platz ein. Dies ist nicht nur gesanglich eine Herausforderung für das Quartett auf der Bühne: In passenden Outfits bewältigen sie scheinbar mühelos eine anspruchsvolle, frech-frivole Choreografie.

Die queer-feministische Sitcom richtet sich, auch sprachlich, vor allem an ein jüngeres Publikum.

Infos zu den weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel. 0231 / 50 27 222.

 




Lucie Horsch und die Vielfalt der Blockflötenkunst

Erneut gastierte die niederländische Star-Blockflötistin Lucie Horsch (* 1999 in Amsterdam) am 22.01.2026 im Rahmen der Reihe „Junge Wilde“ im Dortmunder Konzerthaus. An ihrer Seite brillierte diesmal als kongeniale Begleitung das 2005 in Gent gegründete B’Rock Orchestra, ein Ensemble aus 13 Musikerinnen und Musikern. Das Orchester verbindet seine Leidenschaft für Barockmusik mit modernen, zeitgenössischen Interpretationen.

Das Programm bot eine vielseitige musikalische Reise durch mehrere Jahrhunderte, die häufig die facettenreichen Gefühlswelten der dunklen Nacht thematisierte. Dabei gingen die einzelnen Beiträge fast fließend ineinander über.

Von barocker Pracht zu moderner Abstraktion

Im Spiegel des Barocks erklangen anspruchsvoll-virtuose Arrangements von Antonio Vivaldi (1678–1741), Arcangelo Corelli (1653–1713) und Pietro Antonio Locatelli (1695–1764). Kontrastiert wurden diese durch die komplexen Klangwelten Béla Bartóks (1881–1945), die meditativ-reduzierte Musik Isang Yuns (1917–1995) sowie die abstrakten musikalischen Frequenzen von György Kurtág.

Lucie Horsch (Foto: Simon Flowler)
Lucie Horsch (Foto: Simon Flowler)

Ein besonderer Höhepunkt war das nach der Pause präsentierte Werk „Airs, Riffs & Runs“, das Robert Zuidam eigens für diesen Anlass für Lucie Horsch komponiert hatte. Nach einem lyrischen Beginn steigert sich das Stück in eine kinetische Ekstase, um schließlich in einem rockigen Scherzo zu münden.

Virtuosität und Ausdruckskraft

Die charismatische Solistin begeisterte durch die meisterhafte Beherrschung ihres Instruments, wobei ihr ganzer Körper die Musik sichtlich mitgestaltete. Da sie während des Konzerts immer wieder zwischen verschiedenen Flöten wechselte, kam die gesamte Bandbreite und Ausdruckskraft der Blockflöte zur Geltung.

Auch das B’Rock Orchestra stellte sein Können und Einfühlungsvermögen unter Beweis, insbesondere beim theatralischen Concerto grosso für Streicher und Basso continuo Es-Dur op. 7 Nr. 6 von Locatelli. In zehn kurzen Sätzen vertonte der Komponist hier auf originelle Weise die Gefühlswirren der verlassenen mythologischen Figur Ariadne.

Dass Lucie Horsch zudem über eine starke Stimme verfügt, bewies sie eindrucksvoll bei einer Arie als Zugabe.




Wiener Melange im Pott – Jordan de Souza bittet zum Walzer

Es muss nicht immer der Goldene Saal in Wien sein: Zum Jahresauftakt 2026 verwandelten die Dortmunder Philharmoniker das Konzerthaus in einen Ballsaal. GMD Jordan de Souza bewies bei seinem Neujahrs-Debüt, dass er nicht nur den Taktstock, sondern auch das Publikum fest im Griff hat – mit Verve, Charme und einem klaren Verzicht auf militärischen Marsch-Pomp.

Wer am Neujahrstag ins Konzerthaus kam, erwartete Tradition, bekam aber glücklicherweise keine Routine. Jordan de Souza, der neue Generalmusikdirektor, nutzte sein erstes Heimspiel zum Jahreswechsel, um das Motto „Wiener Gäste“ wörtlich zu nehmen: Er lud das Publikum ein, die österreichische Hauptstadt nicht als Museum, sondern als lebendigen, pulsierenden Ort zu erleben.

Vom Puszta-Feuer zur geigerischen Intimität

Dass der Weg nach Wien historisch oft über Ungarn führte, machte der Auftakt deutlich. Bei den Ungarischen Tänzen von Brahms verzichtete de Souza auf plumpe Effekthascherei und setzte stattdessen auf rhythmische Schärfe. Das Orchester folgte seinem Chef mit hörbarer Spielfreude, wechselte ansatzlos von melancholischer Schwere in jenes feurige Tempo, das den Puls für den Abend vorgab.

Arabella Steinbacher spielte Max Bruchs Violinkonzert. (Foto: Co Merz)
Arabella Steinbacher spielte Max Bruchs Violinkonzert. (Foto: Co Merz)

Den emotionalen Ankerpunkt setzte jedoch Arabella Steinbacher. Wer bei Max Bruchs erstem Violinkonzert nur virtuose Fingerübungen erwartet, wurde eines Besseren belehrt. Steinbacher, längst eine feste Größe auf den Weltbühnen, suchte in dem oft gespielten Gassenhauer nicht den großen Effekt, sondern das intime Gespräch. Ihr Ton – mal sehnend, mal energisch zupackend – verschmolz mit dem Orchester, statt bloß darüber zu schweben. Dass sie für den tosenden Applaus eine Zugabe von Fritz Kreisler aus dem Ärmel schüttelte, war nur folgerichtig: technische Brillanz mit einem augenzwinkernden Lächeln.

Walzer ohne Staubschicht

Nach der Pause dann das, wofür man am 1. Januar ins Konzert geht: Der Dreivierteltakt. Doch Jordan de Souza lief nicht Gefahr, in Kitsch abzudriften. Strauss’ Rosen aus dem Süden blühten üppig, aber diszipliniert, und die Pizzicato-Polka geriet zum humoristischen Kabinettstückchen, bei dem die Streicher ihre Instrumente fast als Schlagwerk behandelten. Als schließlich die Schöne blaue Donau durch den Saal floss, war der „Wiener Schmelz“ auch in Westfalen angekommen.




Geierabend 2026 startet in eine kurze, knackige Session

Für die Freunde des kultigen Dortmunder Ruhrpott-Karnevals gibt es gute Nachrichten. Auch im Jahr 2026 wird auf der historischen Zeche Zollern – diesmal für eine ultra-kurze Session (02.01. – 17.02.2026) – wieder der „Geierabend“ zelebriert.

Das rundum neue Programm bietet erneut eine schräge Mischung aus bissigem Humor mit politischen Seitenhieben und viel Lokalkolorit. Musikalisch wird es – so Geierabend-Legende Sandra Schmitz – „laut und rockig“ mit einer bunten Bandbreite von Gangnam Style über Britney Spears bis Richard Wagner. Bandleader Pele Götzer führt als musikalischer Kopf durch den Abend.

Neben den bewährten Kräften Sandra Schmitz, Martin Kaysh (Steiger), Silvia Holzhäuser, Patrick Dollas und dem „Präsi“ Roman Marczewski stoßen mit dem Theater- und Filmschauspieler Benjamin Werner sowie dem gebürtigen Herdecker Stefan Peters zwei „Neue“ dazu.

Das Plakat der Session 2026 des Geierabends. (Foto: Tania Reinicke)
Das Plakat der Session 2026 des Geierabends. (Foto: Tania Reinicke)

Das Ensemble vermählt unter anderem die Erotik von New-Adult-Romanen mit der Resopal-Romantik ruhrpotttypischer Eckkneipen, und die SPD beschwört nach der Kommunalwahl beim Trauerseminar die Geister erfolgreicher Jahre. Außerdem jagt die WaPo Phoenixsee ein Seeungeheuer und vieles mehr. Klassiker wie etwa Publikumsliebling Jessica Schmottke (als mehrfach Alleinerziehende) dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Hinter den Kulissen arbeitet erneut ein Team aus einigen der renommiertesten Satire-Autorinnen und Autoren Deutschlands. Zu nennen wären da Jana Fischer (Autorin: Carolin Kebekus Show), Thomas Rogel (Heute-Show) sowie Markus Henning (ZDF-Magazin Royale).

Auch kulinarisch wird das Publikum wie gewohnt gut versorgt (nicht nur mit der besten Currywurst des Ruhrgebiets). Es empfiehlt sich, sich möglichst schnell Karten zu sichern!

Erhältlich unter www.geierabend.de

Vorstellungen: Donnerstags bis sonntags, in der Karnevalswoche zusätzlich am Mittwoch sowie an Weiberfastnacht.




Eine Feier der inklusiven Kunstpraxis

Das Schauspiel Dortmund lud gemeinsam mit dem mixed-abled Kollektiv „I can be your translator“ vom 12. bis 14.12.2025 zum Festival „Hurra, Theater für Viele!“ ein. Das Team von Ars tremonia besuchte am Samstag, den 13.12.2025, Linda Fisahns „Sommer-nachts-traum“ (Oder was immer dich durch die Nacht bringt) im Institut des Schauspiels.

Nach „Romeo und Julia“ hat sie sich nun mit einem besonderen Fokus auf die Liebe und die Natur Shakespeares Sommernachtstraum angenommen. Auf der Bühne standen Linda Fisahn selbst als Feenkönigin Titania, kongenial begleitet von Anton Berman (Schauspielkomponist am Keyboard) als Elfenkönig Oberon sowie Rose Lohmann (neues Ensemblemitglied im Schauspiel Dortmund) als Dienerin der Feenkönigin. Alle waren dem Anlass entsprechend festlich gekleidet.

Kostmprobe zu "Ein Sommernachtstraum". Foto: (Jonas Fromme)
Kostmprobe zu „Ein Sommernachtstraum“. Foto: (Jonas Fromme)

Emotionen und Stimmungen spielten hier eine wesentliche Rolle. Das wurde dem Publikum schon beim Einlass ins Institut verdeutlicht. Dort wurden von den drei Darstellenden über einen längeren Zeitraum verschiedene Tierstimmen (Schweinegrunzen, Vogelgezwitscher u.a.) des Waldes imitiert. So wurden die Anwesenden atmosphärisch in die zauberhaft-mystische Welt der Elfen, Feen und des Puck entführt. Der besondere Liebeszauber der Blume „love-in-idleness“ kam auch in dieser Inszenierung nicht zu kurz.

Was kann Liebesgefühle besser transportieren als Musik? Mit viel Herzblut sang Titania etwa „Durch den Monsun“ (Tokio Hotel) oder „Dein ist mein ganzes Herz“ (H.R. Kunze). Am Ende wurde getanzt und man konnte sich gut gelaunt mit den drei glücklichen Protagonisten freuen.




Weihnachtsoratorium zwischen Tradition und Moderne

Im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals Dortmund konnte das Publikum am 05.12.2025 im Reinoldihaus die Uraufführung eines zeitgenössischen armenischen Weihnachtsoratoriums unter dem Titel „Light The Candle“ erleben.

In der Kultur Armeniens sind die Geschichte der Geburt Christi und die Religion seit zwei Jahrtausenden fest verankert. Zahlreiche Dichter des Landes haben über die Epochen hinweg poetische Texte über Verkündigung, Geburt und die Erscheinung des Herrn verfasst. Der amerikanisch-armenische Komponist John Hodian hat diese historischen Erzählungen gemeinsam mit dem Naghash Ensemble in ein Oratorium mit musikalischer Tiefe zwischen Vergangenheit und Moderne verwandelt. Hier verbinden sich traditionelle armenische Musik und ein Gesang voll Mystik und teils orientalischer Spiritualität mit der Kraft von Rock-Pop und Jazz-Elementen am Piano. An diesem Instrument sorgte Hodian höchstpersönlich für energetische Impulse.

Das Naghash-Ensemble. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)
Das Naghash Ensemble. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)

Eine wichtige Rolle spielte der intensive Gesang von Hasmik Baghdasaryan und Tatevik Movsesyan (beide Sopran) sowie Shahane Zalyan (Alt). Sie überzeugten sowohl als starke Solostimmen als auch im Ensemble – mal mystisch-meditativ, dann wieder rhythmisch treibend. Das Zusammenspiel mit den charakteristischen Klängen des armenischen Holzblasinstruments Duduk (Harutyon Chkolyan), der in Indien und Armenien gespielten zweifelligen Röhrentrommel Dhol (Tigran Hovhannisyan) sowie der Kurzhalslaute Oud (Aram Nikoghosyan) war dabei für die Gesamtwirkung von wesentlicher Bedeutung.

Die zugrundeliegenden Texte aus mehreren Jahrhunderten wurden dem Publikum vorab jeweils mit Pathos in der deutschen Übersetzung dargeboten. Ein ganz spezielles Oratoriums-Erlebnis.

 




Musik voll Melancholie, Zweifel und euphorischer Zuversicht

Das 3. Philharmonische Konzert am 02.12.2025 im Dortmunder Konzerthaus stand ganz im Zeichen der Romantik.
Der 1979 in London geborene Dirigent Alexander Shelley führte die gut gestimmten Dortmunder Philharmoniker empathisch und souverän durch den Abend.

Neben zwei Werken bekannter romantischer Komponisten wie Robert Schumann (1810–1856) und Peter Tschaikowsky (1840–1893) eröffnete das neoromantische Orchesterwerk This Midnight Hour (I. Ferocious with drive, Viertel = 136) der britischen Komponistin und Malerin Anna Clyne (*1980) das Programm.
Die Komponistin verbindet traditionell wirkende konsonante Harmonik und romantische Melodik mit Einflüssen aktueller Musik (z. B. John Adams). Clyne möchte ihr Publikum vor allem emotional ansprechen und lässt sich häufig von bildender Kunst oder Literatur inspirieren (u. a. Gerhard Richter, Rilke).

Für dieses Werk diente ein Gedicht des spanischen Dichters Juan Ramón Jiménez (1881–1958) als Ausgangspunkt. Darin wird die Musik als nackte Frau beschrieben, die „wie verrückt durch die reine Nacht hetzt“.
Dies spürt man als Zuhörerin oder Zuhörer von Beginn an: tief flirrende Streicher, pochende Pauken und eine insgesamt bildgewaltige, packende musikalische Sprache. Immer wieder führt die Musik in romantische Gefühlswelten, um unvermittelt in dramatische Passagen umzuschlagen.

das 3. Philharmonische Konzert führte in die Romantik.
das 3. Philharmonische Konzert führte in die Romanti

Es folgte das Klavierkonzert a-Moll op. 54 von Robert Schumann – ein Prototyp der romantischen Klavierliteratur. Das seiner geliebten Frau Clara Schumann (1819–1896) gewidmete Werk enthält die berühmte Tonbuchstabenfolge C-H-A-A (für Chiara / Clara). Der französische Pianist David Fray (*1981) interpretierte das Konzert virtuos und zugleich sensibel, stets in enger dialogischer Verbindung mit dem Orchester.

Nach der Pause erlebte das Publikum die gesamte musikalische Intensität und emotionale Spannweite in Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64.
Jeder der vier Sätze besitzt ein eigenes charakteristisches Profil: Während der Kopfsatz von einem dramatischen Auf und Ab der Stimmungen geprägt ist, entfaltet sich der zweite Satz als weitgespannte lyrische Szene.
Der dritte Satz im Walzertakt führt in eine heiter-gesellschaftliche Atmosphäre, bevor der optimistische und kraftvolle Finalsatz zu einem glanzvollen Abschluss führt.

Ein Gefühlsrausch der besonderen Art für das Publikum.




Turandot – oder Liebe ist stärker als der Tod

Die Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini (1858-1924) – angelehnt an eine alte orientalische Märchenfabel – hatte als neue Inszenierung von Tomo Sagao in der Oper Dortmund am 30.11.2025 seine Premiere. Das Schlussduett und Finale der Oper wurde nach dem Tod von Puccini von Franco Alfano vervollständigt. (Libretto von Giuseppe Adami und Carlo Gozzi).

Turandot, chinesische Prinzessin, gibt aus Rache und Verbitterung allen Bewerbern um ihre Gunst drei Rätsel aufgibt. Wer sie lösen kann, darf sie heiraten – andernfalls wartet der Henker. So sind schon viele Prinzen ums Leben gebracht worden. Calàf, der Sohn des entthronten Tatarenkönig Timur stellt sich mutig und entschlossen den Prüfungen. Er löst die Rätsel, Turandot will sich ihm aber nicht ausliefern. Er bietet ihr darauf sein Leben an, wenn sie das Geheimnis um seinen Namen bis zum Morgengrauen lüftet. Die zerbrechlich-zarte Slavin Liù (Ihr Herr ist Timur), setzt ihre ganze Opferbereitschaft bist zur Selbsttötung für ihr heimliche große Liebe ein….

Musikalisch begleitet wurde die Aufführung mit viel Einfühlungsgabe von der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Jordan de Souza

Eine gewichtige Rolle als abwechselnd geifernd-voyeuristisches und dann wieder erschrocken- erstarrtes Volk spielte der Opernchor Theater Dortmund-Projekt-Extrachor, Leitung Fabio Mancini). Sie zeigten deutlich, wie leicht sich Menschen (wie auch heutzutage) aufwiegeln und beeinflussen lassen. Eine kleine Rolle übernahm auch die Statisterie und Kinderstatisterie.

Kostüme aus dem alten China, ein leicht düsteres Bühnenbild und geschickter Einsatz von Lichteffekten.

Bianca Mărgean, Alfred Kim, Statisterie Theater DortmundFoto (c) Björn Hickmann
Bianca Mărgean, Alfred Kim, Statisterie Theater Dortmund
Foto (c) Björn Hickmann

Die Oper ist geprägt von einerseits leidenschaftlichen italienischen Emotionen, und der ungeschönten Darstellung von Gewalt.

Eindringlich dargestellt nicht nur von Turandot, sondern vor allem auch durch das zynisch-groteske Verhalten zwischen Komik und Grausamkeit von Kanzler Ping (Daegyun Jeong), Marshall Pang (Min Lee) sowie Küchenmeister Pong (Sangho Kim).

Turandot, mit starker Stimme und Leidenschaft verkörpert von Bianca Märgean verkörpert, hat sich nicht nur in Form ihrer Kleidung einen seelischen Schutzpanzer angelegt. Traumatisiert durch den Missbrauch an ihrer Ahnin ist es sehr schwer, Männern in einer patriarchalisch geprägten Welt zu vertraue

Diesen Panzer durchdringen gelingt nur durch das Zeichen einer selbstlosen Liebe der Sklavin Liù zu Calàf bis in den Tod. Anna Sohn überzeugte ihr Dortmunder Publikum wieder durch ihren ausdruckstarken Gesang und empathischen Darstellung der Liù.

Altoum, der Kaiser von China und Vater von Turandot sowie Artyom Wasnetsov als Timur spielten glaubhaft ihre Rolle als Personen, die an den Umständen fast verzweifeln.

Ein Höhepunkt in der Oper ist zweifellos die wohl die durch Paverotti oder Paul Potts bekannte sehr emotionale Arie „Nessun dorma“ (Keiner schlafe). Nicht nur hier bewies Alfred Kim als Calàf seine Stimmgewalt.

Eine Oper zwischen italienischer Tradition, „chinesischer Exotik“ und dem Weg in eine musikalische Zukunft (beeinflusst von Richard Wagner).

Das Publikum dankte mit viel Applaus.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Dortmund als Ankerplatz für Johann Sebastian Bach

Im Pianohaus van Bremen, Hansastraße 7 in Dortmund, fand am 26. November 2025 die Buchpräsentation „Dortmund – eine Bachstadt“ in einem passenden Rahmen statt. Wie schon Reinoldikantor Drengk in seinem schriftlichen Grußwort erwähnte, wäre dieses Buch ohne die beharrliche Recherche und die tiefe Verbundenheit zur Dortmunder Musikgeschichte von Gerhard Stranz nicht möglich gewesen.

 

Präsentation und Würdigung

Zu Beginn gab es eine Kostprobe von Daniel Friedrich Eduard Wilsings „Drei Fugen für das Pianoforte – Fuge 1, B-Dur“, die Stanislava Ovdiischuk am Klavier live und leidenschaftlich darbot. Es folgte die Begrüßung durch den Gastgeber, Maximilian van Bremen. Nach Dank und Würdigung der ihn unterstützenden Helfer fand die Übergabe der Chronologie an Stadtdirektor und Kulturdezernenten Jörg Stüdemann statt.

 

Wilsing und die Bach-Tradition

Anschließend erzählte Gerhard Stranz lebendig einige Geschichten zum Leben des Hörder Komponisten Eduard Wilsing. Dessen Wirken leider nicht angemessen wahrgenommen wurde. . Ebenfalls beleuchtet wurde die bedeutende Rolle seines Urgroßvaters Johann Gottlieb Preller (Kantor der Dortmunder Marienkirche) für den Zugang zu den Werken von J. S. Bach sowie dessen Verbindung etwa zur Familie Mendelssohn Bartholdy. Eduard Wilsing hatte aufgrund seiner Nähe zu den Werken von J. S. Bach (sowie Mozart und Beethoven) einen ganz eigenen Zugang zu dessen Musik gefunden und diese bearbeitet. Eines der bekanntesten Werke von Bach, das Weihnachtsoratorium, wurde bei spärlicher Beleuchtung kurz eingespielt, was die Anwesenden atmosphärisch in die damalige Zeit versetzte.

Gerhard Stranz bei der Veranstaltung.
Gerhard Stranz bei der Veranstaltung.

 

Musikalische Ausblicke

Nach Statements von Jörg Stüdemann und Markus Beul (Violoncello, Dortmunder Philharmoniker) gab es zum Abschluss noch ein musikalisches Intermezzo am Cello von Alexandra Althoff mit „Bach pur – Cello Suite No. 3 – Prélude“ von J. S. Bach. Als Zugabe spielte die junge Stanislava Ovdiischuk am Klavier noch Edvard Griegs „Carneval Op. 19 Nr. 3“.

 

Was nun erwartet wird

Nun wartet Wilsings Oratorium „Jesus Christus“ auf eine Neuherausgabe und Aufführung. Seine Bearbeitungen der Fünften und Neunten Sinfonie für vier Hände lassen auf eine spannende „verdichtete Fassung“ hoffen. Auch das wiedergefundene doppelchörige „Laudate Domnum“ (das einzig erhaltene Werk von Johann Gottlieb Preller) wartet auf seine Erstaufführung.

Freunde dieser Musik dürfen gespannt sein.

 




Spezielles Erlebnis mit „Orpheus und Eurydike“

In einem Kooperationsprojekt waren am 21.11.2025 Akteur*innen des professionellen mixed-abled MusikTanzTheaters „POUR ENSEMBLE“ aus Wuppertal zu Gast im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater (KJT). Unter der Regie von Jakob Fedler interpretierten sie erstmals auf ihre ganz eigene Weise die Oper „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck (1762).

Das tragische Liebespaar der griechischen Mythologie bietet viel Dramatik um Liebe und Leid. Der berühmte Sänger und Leierspieler Orpheus hat seine geliebte Eurydike nach einem Schlangenbiss an das Totenreich verloren. Amor hat Mitleid und erlaubt ihm, hinabzusteigen, um sie ins Leben zurückzuholen – allerdings unter einer Bedingung: Er darf sie auf dem Weg nicht ansehen. Leichter gedacht als getan …

Die mit einem roten Vorhang umrahmte Bühne, versehen mit kleinen angehefteten Büsten von Göttern und Göttinnen, sowie die fantasievollen Kostüme bildeten einen atmosphärischen Rahmen.

Gunda Gottschalk, Fabian Neubauer und Ute Völker gestalteten mit Akkordeon, Keyboard (Nord Electro 3) und Violine professionell und humorvoll den musikalischen Hintergrund. Mit verschiedenen Blas-, Schlag- und Streichinstrumenten mischten die sieben Ensemblemitglieder Tim Alberti, Dorothea Brandt, Stefan Hellwinkel, Luise, Lea Nitas, Kenji Takagi und Lioba Ullrich engagiert mit – oft auch mit eigenwilligen musikalischen Interventionen.

v.l.n.r.: Lioba Ullrich, Luise Kinner, Stefan Hellwinkel, Kenji Takagi, Leo Nitas und Tim Valerian AlbertiFoto © Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Lioba Ullrich, Luise Kinner, Stefan Hellwinkel, Kenji Takagi, Leo Nitas und Tim Valerian Alberti
Foto © Birgit Hupfeld

Das Besondere an der Aufführung war, dass Orpheus und Eurydike nicht von einzelnen Darsteller*innen verkörpert wurden, sondern in wechselnden personellen Kombinationen. Das Leid des Vermissens, die große Sehnsucht und die Liebe wurden durch wiederholte Ausrufe und intensive Körpersprache bis an die Schmerzgrenze gesteigert und so für das Publikum eindrucksvoll spürbar.

Es wurde kraftvoll gesungen, einfühlsam zur Musik getanzt und bisweilen sogar geschrien. Humor fehlte ebenfalls nicht: So sorgte Tim Alberti (unter anderem als Amor) mit kleinen, witzigen Zaubereinlagen für heitere Momente. Entgegen dem Mythos verleiht Gluck seiner Oper ein versöhnliches Ende – und so sang das gesamte Ensemble zum Schluss ein hymnisches Jubellied auf Amor und die Liebe.

Besonders eindrucksvoll war, wie harmonisch alle Beteiligten – ob mit oder ohne Beeinträchtigung – miteinander agierten und mit spürbarer Freude zusammenarbeiteten.

Weitere Aufführungstermine finden sich unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.