Turandot – oder Liebe ist stärker als der Tod

Die Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini (1858-1924) – angelehnt an eine alte orientalische Märchenfabel – hatte als neue Inszenierung von Tomo Sagao in der Oper Dortmund am 30.11.2025 seine Premiere. Das Schlussduett und Finale der Oper wurde nach dem Tod von Puccini von Franco Alfano vervollständigt. (Libretto von Giuseppe Adami und Carlo Gozzi).

Turandot, chinesische Prinzessin, gibt aus Rache und Verbitterung allen Bewerbern um ihre Gunst drei Rätsel aufgibt. Wer sie lösen kann, darf sie heiraten – andernfalls wartet der Henker. So sind schon viele Prinzen ums Leben gebracht worden. Calàf, der Sohn des entthronten Tatarenkönig Timur stellt sich mutig und entschlossen den Prüfungen. Er löst die Rätsel, Turandot will sich ihm aber nicht ausliefern. Er bietet ihr darauf sein Leben an, wenn sie das Geheimnis um seinen Namen bis zum Morgengrauen lüftet. Die zerbrechlich-zarte Slavin Liù (Ihr Herr ist Timur), setzt ihre ganze Opferbereitschaft bist zur Selbsttötung für ihr heimliche große Liebe ein….

Musikalisch begleitet wurde die Aufführung mit viel Einfühlungsgabe von der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Jordan de Souza

Eine gewichtige Rolle als abwechselnd geifernd-voyeuristisches und dann wieder erschrocken- erstarrtes Volk spielte der Opernchor Theater Dortmund-Projekt-Extrachor, Leitung Fabio Mancini). Sie zeigten deutlich, wie leicht sich Menschen (wie auch heutzutage) aufwiegeln und beeinflussen lassen. Eine kleine Rolle übernahm auch die Statisterie und Kinderstatisterie.

Kostüme aus dem alten China, ein leicht düsteres Bühnenbild und geschickter Einsatz von Lichteffekten.

Bianca Mărgean, Alfred Kim, Statisterie Theater DortmundFoto (c) Björn Hickmann
Bianca Mărgean, Alfred Kim, Statisterie Theater Dortmund
Foto (c) Björn Hickmann

Die Oper ist geprägt von einerseits leidenschaftlichen italienischen Emotionen, und der ungeschönten Darstellung von Gewalt.

Eindringlich dargestellt nicht nur von Turandot, sondern vor allem auch durch das zynisch-groteske Verhalten zwischen Komik und Grausamkeit von Kanzler Ping (Daegyun Jeong), Marshall Pang (Min Lee) sowie Küchenmeister Pong (Sangho Kim).

Turandot, mit starker Stimme und Leidenschaft verkörpert von Bianca Märgean verkörpert, hat sich nicht nur in Form ihrer Kleidung einen seelischen Schutzpanzer angelegt. Traumatisiert durch den Missbrauch an ihrer Ahnin ist es sehr schwer, Männern in einer patriarchalisch geprägten Welt zu vertraue

Diesen Panzer durchdringen gelingt nur durch das Zeichen einer selbstlosen Liebe der Sklavin Liù zu Calàf bis in den Tod. Anna Sohn überzeugte ihr Dortmunder Publikum wieder durch ihren ausdruckstarken Gesang und empathischen Darstellung der Liù.

Altoum, der Kaiser von China und Vater von Turandot sowie Artyom Wasnetsov als Timur spielten glaubhaft ihre Rolle als Personen, die an den Umständen fast verzweifeln.

Ein Höhepunkt in der Oper ist zweifellos die wohl die durch Paverotti oder Paul Potts bekannte sehr emotionale Arie „Nessun dorma“ (Keiner schlafe). Nicht nur hier bewies Alfred Kim als Calàf seine Stimmgewalt.

Eine Oper zwischen italienischer Tradition, „chinesischer Exotik“ und dem Weg in eine musikalische Zukunft (beeinflusst von Richard Wagner).

Das Publikum dankte mit viel Applaus.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Dortmund als Ankerplatz für Johann Sebastian Bach

Im Pianohaus van Bremen, Hansastraße 7 in Dortmund, fand am 26. November 2025 die Buchpräsentation „Dortmund – eine Bachstadt“ in einem passenden Rahmen statt. Wie schon Reinoldikantor Drengk in seinem schriftlichen Grußwort erwähnte, wäre dieses Buch ohne die beharrliche Recherche und die tiefe Verbundenheit zur Dortmunder Musikgeschichte von Gerhard Stranz nicht möglich gewesen.

 

Präsentation und Würdigung

Zu Beginn gab es eine Kostprobe von Daniel Friedrich Eduard Wilsings „Drei Fugen für das Pianoforte – Fuge 1, B-Dur“, die Stanislava Ovdiischuk am Klavier live und leidenschaftlich darbot. Es folgte die Begrüßung durch den Gastgeber, Maximilian van Bremen. Nach Dank und Würdigung der ihn unterstützenden Helfer fand die Übergabe der Chronologie an Stadtdirektor und Kulturdezernenten Jörg Stüdemann statt.

 

Wilsing und die Bach-Tradition

Anschließend erzählte Gerhard Stranz lebendig einige Geschichten zum Leben des Hörder Komponisten Eduard Wilsing. Dessen Wirken leider nicht angemessen wahrgenommen wurde. . Ebenfalls beleuchtet wurde die bedeutende Rolle seines Urgroßvaters Johann Gottlieb Preller (Kantor der Dortmunder Marienkirche) für den Zugang zu den Werken von J. S. Bach sowie dessen Verbindung etwa zur Familie Mendelssohn Bartholdy. Eduard Wilsing hatte aufgrund seiner Nähe zu den Werken von J. S. Bach (sowie Mozart und Beethoven) einen ganz eigenen Zugang zu dessen Musik gefunden und diese bearbeitet. Eines der bekanntesten Werke von Bach, das Weihnachtsoratorium, wurde bei spärlicher Beleuchtung kurz eingespielt, was die Anwesenden atmosphärisch in die damalige Zeit versetzte.

Gerhard Stranz bei der Veranstaltung.
Gerhard Stranz bei der Veranstaltung.

 

Musikalische Ausblicke

Nach Statements von Jörg Stüdemann und Markus Beul (Violoncello, Dortmunder Philharmoniker) gab es zum Abschluss noch ein musikalisches Intermezzo am Cello von Alexandra Althoff mit „Bach pur – Cello Suite No. 3 – Prélude“ von J. S. Bach. Als Zugabe spielte die junge Stanislava Ovdiischuk am Klavier noch Edvard Griegs „Carneval Op. 19 Nr. 3“.

 

Was nun erwartet wird

Nun wartet Wilsings Oratorium „Jesus Christus“ auf eine Neuherausgabe und Aufführung. Seine Bearbeitungen der Fünften und Neunten Sinfonie für vier Hände lassen auf eine spannende „verdichtete Fassung“ hoffen. Auch das wiedergefundene doppelchörige „Laudate Domnum“ (das einzig erhaltene Werk von Johann Gottlieb Preller) wartet auf seine Erstaufführung.

Freunde dieser Musik dürfen gespannt sein.

 




Spezielles Erlebnis mit „Orpheus und Eurydike“

In einem Kooperationsprojekt waren am 21.11.2025 Akteur*innen des professionellen mixed-abled MusikTanzTheaters „POUR ENSEMBLE“ aus Wuppertal zu Gast im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater (KJT). Unter der Regie von Jakob Fedler interpretierten sie erstmals auf ihre ganz eigene Weise die Oper „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck (1762).

Das tragische Liebespaar der griechischen Mythologie bietet viel Dramatik um Liebe und Leid. Der berühmte Sänger und Leierspieler Orpheus hat seine geliebte Eurydike nach einem Schlangenbiss an das Totenreich verloren. Amor hat Mitleid und erlaubt ihm, hinabzusteigen, um sie ins Leben zurückzuholen – allerdings unter einer Bedingung: Er darf sie auf dem Weg nicht ansehen. Leichter gedacht als getan …

Die mit einem roten Vorhang umrahmte Bühne, versehen mit kleinen angehefteten Büsten von Göttern und Göttinnen, sowie die fantasievollen Kostüme bildeten einen atmosphärischen Rahmen.

Gunda Gottschalk, Fabian Neubauer und Ute Völker gestalteten mit Akkordeon, Keyboard (Nord Electro 3) und Violine professionell und humorvoll den musikalischen Hintergrund. Mit verschiedenen Blas-, Schlag- und Streichinstrumenten mischten die sieben Ensemblemitglieder Tim Alberti, Dorothea Brandt, Stefan Hellwinkel, Luise, Lea Nitas, Kenji Takagi und Lioba Ullrich engagiert mit – oft auch mit eigenwilligen musikalischen Interventionen.

v.l.n.r.: Lioba Ullrich, Luise Kinner, Stefan Hellwinkel, Kenji Takagi, Leo Nitas und Tim Valerian AlbertiFoto © Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Lioba Ullrich, Luise Kinner, Stefan Hellwinkel, Kenji Takagi, Leo Nitas und Tim Valerian Alberti
Foto © Birgit Hupfeld

Das Besondere an der Aufführung war, dass Orpheus und Eurydike nicht von einzelnen Darsteller*innen verkörpert wurden, sondern in wechselnden personellen Kombinationen. Das Leid des Vermissens, die große Sehnsucht und die Liebe wurden durch wiederholte Ausrufe und intensive Körpersprache bis an die Schmerzgrenze gesteigert und so für das Publikum eindrucksvoll spürbar.

Es wurde kraftvoll gesungen, einfühlsam zur Musik getanzt und bisweilen sogar geschrien. Humor fehlte ebenfalls nicht: So sorgte Tim Alberti (unter anderem als Amor) mit kleinen, witzigen Zaubereinlagen für heitere Momente. Entgegen dem Mythos verleiht Gluck seiner Oper ein versöhnliches Ende – und so sang das gesamte Ensemble zum Schluss ein hymnisches Jubellied auf Amor und die Liebe.

Besonders eindrucksvoll war, wie harmonisch alle Beteiligten – ob mit oder ohne Beeinträchtigung – miteinander agierten und mit spürbarer Freude zusammenarbeiteten.

Weitere Aufführungstermine finden sich unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.




Märchen über Freundschaft, Mut und die Kraft der Liebe

Als traditionelles Familienstück zur Weihnachtszeit hatte in diesem Jahr „Die Schneekönigin“ (ab 6 Jahren) von Bettina Zobel nach Hans Christian Andersen (1805–1875) unter der Regie von Andreas Gruhn (Intendant KJT) am 14.11.2025 im Schauspielhaus Dortmund Premiere.

Neben dem KJT-Ensemble stand David Smith (Nationaltheater Mannheim) als Vertretung für Thomas Ehrlichmann in der Rolle des Kai auf der Bühne. Für die DGS-Verdolmetschung sorgten Christina Kirketerp und Tom Temming.

Die Geschichte entfaltet sich als vielschichtige und zeitlose Erzählung voller Symbolik. Im Mittelpunkt steht Gerda, die ihren vom Teufel in die Irre geführten besten Freund Kai sucht. Dieser wurde von einem bösen Spiegel verzaubert und in das kalte Reich der Schneekönigin entführt. Mit wachsendem Mut und Entschlossenheit meistert Gerda Herausforderungen wie Kälte, Frost und andere Widerstände. Auf ihrer Reise belebt sie nicht nur die Blumen im königlichen Hofgarten – ein sprechender Rabe begleitet sie, und sogar eine Räuberbande schlägt sich auf ihre Seite.

hinten: David Smith und Rainer Kleinespel vorne: Johanna Weißert, Annika Hauffe und Andreas KsienzykFoto: © Birgit Hupfeld
hinten: David Smith und Rainer Kleinespel vorne: Johanna Weißert, Annika Hauffe und Andreas Ksienzyk
Foto: © Birgit Hupfeld

Gerda durchstreift eine Welt, in der die Menschen blind für das Wesentliche geworden sind und viele Blicke vergiftet scheinen. Doch mithilfe von Zuspruch, der Kraft der Liebe und der Freundschaft gibt sie nicht auf, Kai aus den Fängen der Schneekönigin zu befreien.

Nicht nur Annika Hauffe als Gerda und David Smith als Kai füllten ihre Rollen mit viel Spielfreude. Auch dem übrigen Ensemble merkte man deutlich die Freude daran an, in verschiedene Rollen und fantasievolle Kostüme zu schlüpfen. Besonders eindrucksvoll waren Kostüm und Auftreten der Schneekönigin, gespielt von Bianca Lammert. Mit dabei außerdem: Rainer Kleinespel, Andreas Ksienzyk, Sar Adina Scheer, Johanna Weißert und Jan Westphal.

Mit starken Hintergrundprojektionen und abwechslungsreichen Bühnenbildern bot die Inszenierung dem Publikum auch optisch viel. Natürlich wurde auch getanzt und gesungen (Musik: Michael Kessler).

Ein Mut machendes Stück zur Weihnachtszeit – für die ganze Familie.

Weitere Infos zu Aufführungsterminen unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231 / 50 27 222
Für Gruppenbestellungen: Tel.: 0231 / 50 27 680




Rock’n-Roll-Musical über junge Liebe und Identitätsfindung

Das in den späten 1950er-Jahren angesiedelte Musical „Grease“ (1971; Buch, Musik und Texte von Jim Jacobs und Warren Casey), in einem Arrangement von Robert Stigwood, feierte am 08.11.2025 unter der Regie von Gil Mehmert im Dortmunder Opernhaus Premiere. Durch den Film mit John Travolta und Olivia Newton-John wurde „Grease“ einem breiten Publikum weltweit bekannt.

Der Musical-Spezialist Mehmert und sein Team führten das Ensemble in einer atmosphärischen Retrospektive zurück ins Abschlussjahr 1959 der Rydell High School (USA). Zu Beginn betreten vier ältere Personen (zwei Frauen, zwei Männer) als eine Art Klassentreffen ihre ehemalige Schule. Anschließend folgen wir ihren Erinnerungen an jene Zeit. Die Jugend versuchte damals, sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu zu orientieren und rebellierte auf ihre Weise gegen das biedere, konservative gesellschaftliche Umfeld. Jugendgangs, Haarpomade („Grease“), aufgemotzte Limousinen und Motorräder gehörten ebenso zum Lebensgefühl wie klar getrennte Rollenbilder: Mädchen wurden von den „coolen Boys“ meist als schmückendes Beiwerk betrachtet und bildeten daher eigene Gruppen.

Im Mittelpunkt von „Grease“ steht die Liebesgeschichte zwischen der schüchternen, eher braven Sandy und Danny, dem Anführer der „Burger Palace Boys“. Antonia Kalinowski als Sandy und Philipp Büttner als Danny Zuko – ebenso wie das gesamte Ensemble – überzeugten mit starken Stimmen und meisterten auch die anspruchsvollen tänzerisch-akrobatischen Herausforderungen. Mit viel Empathie füllten sie ihre Rollen aus. Sandy und Danny begegnen sich nach ihrer kurzen Sommerromanze an der Schule wieder; Danny schwankt zunächst zwischen seiner Rolle als harter Greaser und als sensibler Freund.

Antonia Kalinowski, Philipp BüttnerFoto. (c) Leszek Januszewski
Antonia Kalinowski, Philipp Büttner
Foto. (c) Leszek Januszewski

Besonders ironisch und witzig geraten die Szenen, in denen Sandy ihren Freundinnen, den Pink Ladies, und Danny seiner Gang von der Sommerromanze erzählen – jeweils aus ihrer ganz eigenen Perspektive.

Für zusätzliche humorvolle Momente sorgten Brigitte Schirlinger als strenge, zugleich liebenswert-schrullige Direktorin Miss Lynch sowie David Jacobs als selbstironischer Radiomoderator Vince Fontaine.

Am Ende siegt nicht nur die Liebe bei gleich mehreren Paaren: Alle Figuren finden ihren persönlichen Weg. Sandy entwickelt sich zu einer jungen Frau, die weiß, was sie will und selbstbewusst ihren eigenen Stil findet. Auch Danny wird klar, wer er sein möchte – und zu wem er gehört.

Die Inszenierung glänzte mit fantasievoll wechselnden, eindrucksvollen Bühnenbildern. Eingängige Rock’n-Roll-Hits und romantisch-melancholische Songs, kombiniert mit anspruchsvollen Tanzchoreografien, rissen das Publikum immer wieder mit. Eine atmosphärisch wichtige Rolle spielte die stilgerecht gekleidete Live-Band, die das Geschehen musikalisch eindrucksvoll untermalte.

Besetzung der Band:
Keyboard: Stephan Kanyar · Gitarre I: Julien Castanie · Gitarre II: Bastian Ruppert · Bass: Malte Winter · Drums: Stefan Schott · Saxophon I: Wimm Wollner · Saxophon II: Nappo (Klaus) Bernatzky

Weitere Informationen zu Aufführungsterminen erhalten Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.




Barocke Strahlen, französische Eleganz und amerikanische Rhythmen

Die virtuose französische Trompeterin Lucienne Renaudin Vary (26 Jahre jung) gastierte am 30. Oktober 2025 erneut im Rahmen des Formats Junge Wilde im Dortmunder Konzerthaus. Renaudin Vary ist sowohl als klassisch ausgebildete Musikerin als auch als Jazzkünstlerin international gefragt. Zudem gründete sie ihr eigenes Quintett. An diesem Abend standen ihr Bruder Philémon Renaudin Vary (Kontrabass) sowie das herausragende Quatuor Hanson mit Arthur Hanson (Violine), Jules Dussap (Violine), Gabrielle Lafait (Viola) und Simon Dechambre (Violoncello) als Streichquartett zur Seite.

Gemeinsam boten sie ein facettenreiches, epochenübergreifendes Programm, das durch das harmonische Zusammenspiel von Trompete und Streichern getragen wurde. Die Musiker*innen verzichteten auf erklärende Worte und ließen ihre Musik für sich sprechen.

Eröffnet wurde das Konzert mit dem Konzert für Trompete, Streicher und Basso continuo Es-Dur von Johann Baptist Georg Neruda (1708–1780). Im eindrucksvollen Zusammenspiel der Künstler*innen entfaltete sich barocker Glanz mit eleganten Linien, klaren Harmonien, liedhaften Oberstimmen und einer bewusst zurückgenommenen Begleitung.

Es folgten drei traditionelle Melodien, darunter ein berührendes Abendlied von Antonín Dvořák (1841–1904).

Mit George Gershwins berühmtem An American in Paris (1928, Fassung für Trompete und Streicher) führte das Ensemble das Publikum anschließend in eine ganz andere Klangwelt. In dieser Bearbeitung konzentriert sich das Werk auf den melodischen Kern der Komposition. Die Trompete verkörperte eindringlich den amerikanischen Reisenden im pulsierenden Paris – umgeben von hupenden Taxis, geschäftigen Boulevards und den Klängen der Cafés. Die rhythmische Vielfalt aus Ragtime, Blues, Jazz und Charleston sowie der melancholische Heimwehklang im Mittelteil traten hier besonders deutlich hervor.

Lucienne Renaudin Vary verzauberte mit ihrer Trompete erneut das Konzerthaus Dortmund. (Foto: (c) Simon Fowler)
Lucienne Renaudin Vary verzauberte mit ihrer Trompete erneut das Konzerthaus Dortmund. (Foto: (c) Simon Fowler)

Nach der Pause zeigte das Quatuor Hanson seine technische Brillanz und interpretatorische Sensibilität mit dem Streichquartett F-Dur op. 35 von Maurice Ravel (1875–1937). Dieses Werk verlangt einerseits ein tiefes Verständnis für klassische Klangkultur, andererseits ein feines Gespür für moderne Farbgebung und subtile Klangnuancen.

Den Abschluss bildete das Konzert für Trompete und Streichorchester „Intrada“ (2024) von Karol Beffa (*1973) – ein Werk, das in die unmittelbare Gegenwart führt. Die Komposition, eigens für Lucienne Renaudin Vary geschaffen, ist in drei Abschnitte gegliedert und verbindet Elemente der Klassik mit rhapsodischen Linien, lebendigen rhythmischen Impulsen und gelegentlichen jazzartigen Wendungen. Die Trompete agiert dabei nicht als dominantes Soloinstrument, sondern tritt in einen spannungsreichen Dialog mit dem Streichensemble – ein klanglich reizvolles Wechselspiel zwischen Virtuosität und Empfindsamkeit.

Als Zugabe präsentierte Renaudin Vary schließlich die Trompete pur – strahlend, ausdrucksstark und mit einer Leichtigkeit, die das Publikum begeistert entließ.




Johannes-Passion als musikalisch-emotionales Erlebnis

Es war zwar nicht Karfreitag, doch die Dortmunder Philharmoniker unter der sensiblen und leidenschaftlichen Leitung von Generalmusikdirektor Jordan de Souza machten die Aufführung von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion BWV 245 am 28. und 29. Oktober 2025 im Konzerthaus Dortmund zu einem musikalisch wie emotional tief bewegenden Ereignis.

Bachs erstes großes Passionswerk entstand 1724, kurz nach seinem Amtsantritt als Thomaskantor in Leipzig – unter enormem Zeitdruck und hohen Erwartungen. Im Vergleich zur später komponierten Matthäus-Passion beeindruckt die Johannes-Passion durch ihre komprimierte Form und ihre unmittelbare, fast theatralische Dramatik.

Die Vertonung der Leidensgeschichte Christi nach dem Johannesevangelium verlangt nach einer vielgestaltigen Besetzung: mehrere Solist*innen, Chor und Orchester erzählen gemeinsam das Geschehen. In den wechselnden Dialogen zwischen Evangelist, Jesus, Pilatus und dem Volk entfaltet sich ein bewegendes Wechselspiel von Nähe und Distanz, Reflexion und Anklage.

Obwohl es eigentlich nicht die passende Zeit vor, ein Ereignis war die Johannes-Passion dennoch.
Obwohl es eigentlich nicht die passende Zeit vor, ein Ereignis war die Johannes-Passion dennoch.

Als Evangelist überzeugte der britisch-deutsche Tenor Kieran Carrel mit klarer Diktion und eindringlicher Erzählkunst. Die russisch-libanesische Sopranistin Anna El-Khashem begeisterte durch ihre leuchtende, dabei stets kontrollierte Stimme, während die in Köln geborene Mezzosopranistin Anna Lucia Richter ihre Arien mit emotionaler Tiefe und kammermusikalischer Feinheit gestaltete. Der Stuttgarter Bariton Michael Nagy verlieh seinen Partien Würde und Wärme, Mandla Mndebele überzeugte als menschlich naher Christus, und Ks. Morgan Moody zeichnete einen vielschichtigen Pilatus zwischen Macht und Zweifel.

Getragen wurde die Aufführung von den beiden großen Chören der Chorakademie Dortmund – dem Jugendkonzertchor (Einstudierung: Johannes Honecker) und dem Konzertchor Westfalica (Einstudierung: Johannes Honecker und Volker Hagemann). Mit ihrem präzisen, kraftvollen und doch transparenten Klang prägten sie entscheidend die Atmosphäre des Abends. Die zwölf vierstimmigen Choräle, deren Melodien und Texte dem evangelischen Gesangbuch entnommen sind, bildeten emotionale Ruhepunkte inmitten des dramatischen Geschehens.

Im zweiten Teil – der Verhandlung vor Pilatus und der Kreuzigung – wurden die Chöre als „geifernde Volksmenge“ in das Geschehen einbezogen. Musikalisch war dies zwingend und packend umgesetzt, zugleich aber erinnerte die Szene an die problematische christliche Tradition der pauschalen Schuldzuweisung an „die Juden“. Umso stärker wirkte Bachs überzeitliche Botschaft der Nächstenliebe, des Mitgefühls und der inneren Erneuerung.

Mit den letzten, sanft versöhnlichen Klängen der Grablegung findet Bach zu einer berührenden Ruhe. Nach all der Dramatik und Erschütterung lässt er am Ende das Licht der Versöhnung aufscheinen – ein leiser, aber nachhaltiger Trost, den die Dortmunder Philharmoniker in dieser Aufführung eindrucksvoll zum Klingen brachten.




Solarpunk – Funkeln einer möglichen Zukunft

Ein anderes Morgen ist denkbar. Mit dieser leisen, aber entschlossenen Hoffnung öffnet die Ausstellung „Solarpunk – Mit einem Funkeln aus der Zukunft“ vom 24.10.2025 bis 18.01.2026 auf der uzwei im Dortmunder U ihre Türen. Während täglich neue düstere Schlagzeilen auf uns einstürzen, lädt diese Schau dazu ein, den Blick in die andere Richtung zu wenden: hin zu Visionen, die leuchten statt mahnen, zu Bildern, die fragen, wie Zukunft aussehen könnte – und nicht nur, wovor wir Angst haben.

Solarpunk versteht sich als Utopie-Bewegung einer klimaneutralen, solidarischen Welt, in der Technik nicht zerstört, sondern pflegt. Die Ausstellung nimmt diesen Gedanken auf und übersetzt ihn in eine farbige Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen: Videoinstallationen, Comics, Skulpturen, Stoffwelten, Experimente. Alles wirkt handgemacht, verletzlich, neugierig – wie Prototypen einer Gesellschaft, die sich noch erfindet.

Hier entwerfen Jugendliche und Erwachsene kleine Weltmodelle: gerechter, weicher, mutiger. Kuratiert von Isabel Stahl und geleitet von Lioba Sombetzki, entsteht ein Raum, in dem utopisches Denken kein Luxus ist, sondern eine Überlebensstrategie.

In Kooperation mit dem Schauraum für Comic und Cartoon („The Future is“) treiben 14 Comiczeichner*innen die Debatten über Klima, Gender und Technologie weiter – humorvoll, sarkastisch, zärtlich. Wer möchte, kann sich auf eine grün-bunte Stoffwiese fallen lassen und in den gezeichneten Welten versinken.

Blick in den Eingangsbereich mit den Sitzkissen. (Foto: (c) Tatina Groß)
Blick in den Bereich mit den Sitzkissen. (Foto: (c) Tatina Groß)

Ein Höhepunkt: Judith Kranz mit ihrem neuen Comic „SOMA“ (Oktober 2025). Das Epos erzählt von einem Volk, das in einer vergifteten Welt nur dank uralter Bäume überlebt – bis zwei Figuren den Mut finden, auszubrechen. Eine Erzählung wie ein grüner Faden durch den Asphalt.

Ein Rundgang voller Resonanzen

Gleich zu Beginn empfängt die Skulptur „Mutter“ von Theresa Mielich die Besucher*innen: ein roter, textiler Körper, aus Gewebe, Folie und Füllung, roh und schimmernd. Eine Frage steht im Raum: Wie gebären wir Zukunft – vielleicht ohne Körper, aber mit Verantwortung?

In „SOLIDARITIES“ von Stefan Hurtig begegnet ein Performer Algenwesen – tastend, zugewandt, fast verliebt. Hier scheint die Grenze zwischen Mensch und Nicht-Mensch zu schmelzen, bis Identität selbst zu etwas Flüssigem wird.

Das Speed-Zeichen-Kollektiv Stift Touché wiederum greift Kästners „Konferenz der Tiere“ auf und verwandelt Tiere in politische Akteur*innen einer interspezies-Zukunft.

Wer spielen will, findet im Online-Abenteuer „Cosy Futures“ ein Interface der Möglichkeiten: Zukunft zum Durchklicken, Entwerfen, Verwerfen, Neudenken.

Und dann ist da der Solarchor unter Marija Balubdžić. Sechs junge Stimmen forschen an der Frage, wie Klang in einer anderen Welt klingen könnte. Über Kopfhörer hört man Resonanzen, Turbulenzen, Schweben – wie ein Wetterbericht aus einem Morgen, das es noch nicht gibt.

Ausblick

Diese Ausstellung ist weniger Abschluss als Anfang. Sie macht Mut, die eigene Vorstellungskraft nicht länger zu zensieren. Denn Utopien sind kein Eskapismus – sie sind Baupläne.

Mehr über Programm und Workshops der uzwei: uzwei@stadtdo.de · 0231 / 50-10171

 




Tief eingetaucht in Beethovens 5. Sinfonie

Im Dortmunder Konzerthaus präsentierten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung des neuen GMD Jordan de Souza das neue Format „Deep Dive“. Bei dieser Premiere tauchte das Publikum tief ein in die 5. Sinfonie c-Moll op. 67 von Ludwig van Beethoven (1770–1827), der sogenannten „Schicksalssinfonie“ aus den Jahren 1807/1808. Das Werk wurde in den Kontext des privaten und historischen Lebenshintergrunds des Komponisten eingeordnet.

Das Besondere und musikalisch Innovativ-Revolutionäre Beethovens wurde dem Publikum anschaulich vermittelt. Spürbar wurde im ersten Teil des Abends vor allem die existenzielle Wucht des berühmten Anfangsmotivs „pa-pa-pa-paa“ im ersten Satz. Dieses prägnante Motiv kehrt in den folgenden drei Sätzen in versteckter und variierter Form wieder. Auch der Einfluss der Französischen Revolution (1789) auf den rebellischen Komponisten der Wiener Klassik wurde deutlich herausgearbeitet.

Humorvoll eingebunden durfte das Publikum selbst aktiv werden und das klopfende Motiv mit laut gerufenen Worten wie „Liberté“, „Égalité“ – oder je nach Temperament auch „BVB“ – begleiten. Mit kurzen musikalischen Beispielen wurde zudem der deutliche Entwicklungssprung im Vergleich zu Mozart (etwa aus Die Hochzeit des Figaro) oder Beethovens Lehrer Haydn herausgestellt. Ebenso wurde hörbar, wie meisterhaft Beethoven musikalische Spannung aufbaut und seine Motive kunstvoll variiert.

Intensive Beschäftigung mit Beethovens 5. Sinfonie (Foto: (c) Valdas Miskinis / pixabay).
Intensive Beschäftigung mit Beethovens 5. Sinfonie (Foto: (c) Valdas Miskinis / pixabay).

Die tragisch-existenzielle Grundstimmung des ersten Satzes entfaltet eine fast niederschmetternde Kraft. Im Verlauf verändert sich der Charakter jedoch spürbar: Die Musik wirkt zunehmend sehnsuchtsvoll, romantisch, stellenweise wie eine Liebeserklärung – dann wieder geheimnisvoll und unheimlich. Nachdem sich die Klangwelt nochmals verdunkelt, gelingt Beethoven im Finale ein überwältigender Durchbruch von euphorischem, beinahe revolutionärem Schwung. Das Ergebnis: ein kraftvoll optimistisches Menschenbild, das bis heute fasziniert.

Nach einer kurzen Pause folgte die vollständige Aufführung der Fünften, eindrucksvoll interpretiert von den Dortmunder Philharmonikern und temperamentvoll-empathisch geleitet von Jordan de Souza.

Fazit: Ein spannendes Format, das Neulingen wie Kennern einen intensiven, persönlichen Zugang zu Werk und Komponist eröffnet.

Das nächste Deep-Dive-Konzert findet am 12.01.2026 um 19:00 Uhr im Konzerthaus Dortmund statt.
Thema: Richard Strauss – Don Juan, op. 20




Tanz mit dem Schicksal – Carmina Burana als Ballett

Als Premiere unter der Choreografie des neuen Artist in Residence des Dortmunder Balletts, Edward Clug, stand am 18.10.2025 im Opernhaus Dortmund Carmina Burana von Carl Orff (1895–1982) auf dem Programm.

Carmina Burana (lat. „Beurer Lieder“ bzw. „Lieder aus Benediktbeuern“) ist der Titel einer szenischen Kantate aus den Jahren 1935/36. Vierundzwanzig Lied- und Dramentexte in mittellateinischer, mittelhochdeutscher und altfranzösischer Sprache aus dem 11. und 12. Jahrhundert flossen in das Werk ein. Bekannt ist vor allem der kraftvoll-dynamische Beginn und Schluss mit „Fortuna Imperatrix Mundi“ („Glück der Herrscherin der Welt“). Die Schicksalsgöttin Fortuna spielt im dargestellten Lebens- und Naturzyklus eine zentrale Rolle.

Sae Tamura, Simon Jones, Ballett Dortmund, NRW Juniorballett(c) Leszek Januszewski
Sae Tamura, Simon Jones, Ballett Dortmund, NRW Juniorballett
(c) Leszek Januszewski

Die Auswahl der Texte umfasst weltliche Themen wie die Wechselhaftigkeit von Glück und Wohlstand, die Flüchtigkeit des Lebens sowie die Freude über die Rückkehr des Frühlings. Daneben thematisieren die Lieder auch die (teils verbotenen) Genüsse – ebenso wie die Gefahren von Wollust, Völlerei, Trunksucht und Glücksspiel. Die Musik ist eingängig und klar strukturiert, zugleich modern, raffiniert und ausgesprochen rhythmisch gestaltet.

Edward Clug entschied sich in seiner Choreografie für einen abstrakten, von starken Bewegungen und intensiver Körpersprache geprägten Ansatz, umgesetzt von den Tänzerinnen und Tänzern des Ballett Dortmund sowie des NRW-Juniorballetts. Da die Texte dem Publikum nicht auf Deutsch eingeblendet wurden, lag der Fokus ganz auf dem Zusammenspiel von eindringlicher Musik, Bewegung und Stimme – ein emotional bewegendes Gesamterlebnis.

Die Kooperation mit der Oper Dortmund und den Dortmunder Philharmonikern unter der souveränen musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Jordan de Souza sorgte für besondere Klangintensität. Die anspruchsvollen Solopartien meisterten Mandla Mndebele (Bariton), Sooyeon Lee (Sopran) und Zicong Han (Tenor) mit beeindruckender Leichtigkeit.

Hinter dem Publikum begeisterten der Opernchor des Theater Dortmund sowie der Projekt-Extrachor (Einstudierung: Fabio Mancini) mit kraftvollem Stimmvolumen. Im Zentrum des minimalistisch gehaltenen Bühnenbildes stand ein großer, beweglicher grauer Ring – Symbol für die rote Fortuna, das Rad des Schicksals, und den ewigen Kreislauf von Natur und Begehren. Dieser Ring wurde geschickt in die Choreografie eingebunden und verstärkte die wechselnde energetische Präsenz der Körper im Raum.

Informationen zu weiteren Vorstellungsterminen finden Sie unter www.theaterdo.de