Eine Geschichte von Mut und Fantasie

Im Schauspielhaus Dortmund konnte das Publikum (ab 6 Jahre) am 24.11.2023 die Uraufführung des KJT-Familienstücks „Die Abenteuer von Don Quijote und Sancho Panza“ nach Miguel de Cervantes unter der Regie von KJT-Intendanten Andreas Gruhn erleben. Fast das gesamte Ensemble des KJT war beteiligt.



Die Geschichte handelt vom kleinen Landadeligen Alonso Quijano „irgendwo“ in Mancha (Spanien), der schon viele Ritterromane gelesen hat und sich immer mehr in die Rolle eines fahrenden Ritters hineinsteigert. Er zieht mit einer rostigen Rüstung, einem alten Rappen, und seinem treuen (Schildknappen) Diener Sancho Panza aus, um gegen Ungerechtigkeit und für Freiheit zu kämpfen. 

Thomas Ehrlichmann (Sancho Panza) und Rainer Kleinespel (Don Quijote). Foto: (C) Birgit Hupfeld
Thomas Ehrlichmann (Sancho Panza) und Rainer Kleinespel (Don Quijote). Foto: (C) Birgit Hupfeld

Don Quijote ist jetzt sein Name, später erhält er den Zusatz „Ritter der traurigen Gestalt“. Freund*innen und Verwandte und der Pfarrer halten ihn für etwas verrückt. Man möchten ihn wieder nach Hause holen und von seinem „Wahn“ abbringen.

Der treue Diener Sancho Panza ist im Gegensatz zum (scheinbar furchtlosen)  idealistisch-fantasievollen Träumer Don Quijote ein kleinerer, immer hungriger, und praktisch denkender Mensch mit gesundem Menschenverstand.  

Beide erleben auf ihrer Reise viele Abenteuer. Kampf gegen Windmühlen („verzauberte Riesen“), Hilfe für eine von Don Quijote als seine „Herzensdame Dulcinea von Toboso“ gesehene Küchenmagd und einiges mehr. Das geht nicht ohne schmerzhafte Blessuren ab. Viele der Personen, denen sie begegnen, machen sich über den Ritter von der traurigen Gestalt lustig. Durch eine List wird versucht, ihn von seinem „Ritterwahn“ weg zu bringen und wieder nach Hause zu holen…

Das Ganze wird auf der Bühne lebendig aus der Sicht von Sancho Panza (Thomas Ehrlichmann) erzählt. Zusätzlich bot er auch kleine musikalische Beiträge. Mit viel Herzblut und Engagement versetzte sich Rainer Kleinespel in die Rolle des Don Quijote. Bianca Lammert sang unter anderem als die verehrte „Dulcinea“ berührend den Song „Cucurrucucu Palom“ (Lola Beltrán).

Alle beteiligten Darsteller*innen ging mit viel Spielfreude in die unterschiedlichen Charaktere auf.

Das Bühnenbild war passend mit einer aufklappbaren Front aus Bücherattrappen und einigen Büchern ausgestattet, die gegebenenfalls zu einem Berg mit zwei Seitenaufgängen umfunktioniert wurde.

Schöne Landschaftsprojektionen im Hintergrund und die dazu ausgewählte Musik von Michael Kessler sorgten für ein „Spanien-Feeling“.

Am Ende bleibt als kleines Credo: Der Einsatz für eine gerechtere Welt und Freiheit sollte auch gegen Unverständnis und Widerstände unbeirrt weitergeführt werden.

Ein Stück für die ganze Familie, wobei die Altersangabe (ab 6 Jahre) beachtet werden sollte. Kleineren Kindern fällt die Aufmerksamkeit bei der zeitlichen Länge des Stückes wohl etwas schwer. Infos zu weiteren Aufführungsterminen im Schauspielhaus erfahren Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222.




Performance-Kunst von caner teker im Museum Ostwall

Am 19. November 2023 (um 11.00 Uhr) verleihen die Freunde des Museums Ostwall (Dortmunder U) nun schon zum zehnten Mal den MO_Kunstpreis. Dieser wird an Künstler*innen ausgelobt, die in der Tradition der Fluxus-Bewegung arbeiten und für eine zeitgenössische Erneuerung in diesem für das Museum bedeutenden Bereich stehen. Der Preis ist seitens der freunde des MO mit 10.000 Euro dotiert, mit denen ein Kunstwerk für die Sammlung des Museums Ostwall erworben wird. Seit 2020 fördert die Stadt Dortmund den Ankauf mit weiteren 10.000 Euro.



In diesem Jahr geht der Preis an caner teker (Jahrgang 1991). Die Performance-Kunst der non binären Persönlichkeit umfasst das transformative und autobiografische Erschaffen von Welten. Durch die Manipulation von Raum Zeit und Körper entstehen Bilder, die persönliche Erfahrungen jenseits von Queerness oder postmigrantische Identität umfassen.

Anlässlich der Preisverleihung erwirbt das Museum Ostwall für seine Sammlung die Performance KIRKPINAR (2022/23), die am Tag der Preisverleihung im MO_Schaufenster (Ebene 5) realisiert wird. Dann wird die besondere Energie für ein Publikum (noch wenige Plätze frei) erlebbar.

Das Setting besteht aus einem schwarzen Raum, ein Ring, Sporthosen, Boxhandschuhe, Handtücher, zwei Kannen und Öl.

Die Live-Performance befasst sich mit der alten Tradition eines türkischen Öl-Ringkampfes. Mit etwas atmosphärischer Hintergrundmusik. Sensibel hinterfragt tradierte Vorstellungen von „Männlichkeit“ richtet caner teker den Blick auf die mit ihm verbundene körperliche Intimität und den Ausgleich. Geschlechterspezifische oder kulturelle Unterschiede werden aufgehoben. Das ganz in Zeitlupe.

Es spielt keine Rolle, ob die beiden Performe*innen eine weiße oder dunkle Hautfarbe haben oder welches Geschlecht sie haben.

Nicole Grothe, Leiterin der Sammlung des Museums Ostwall und Kuratorin der Ausstellung wies beim Pressegespräch darauf hin, dass die Live-Performance zwar für die Zukunft aufgenommen wird, aber nicht für die Öffentlichkeit gezeigt wird.

Die Wirkung des Live-Erlebnisses kann sich nur im direkten Erleben entfalten.

Das Ausstellungs-Setting im MO_Schaufenster #35 KIRKPINAR ist bei freiem Eintritt vom 21. November 2023 bis zum 11. Februar zu sehen.

Es ist spannend, ob das Setting an sich auch genug Ausstrahlungskraft hat.

Zudem präsentieren die Freunde des MO zum 10. Jubiläum des Preises die Publikation MO_Kunstpreis „Follow me Dada and Fluxus #1 to #10“. Die geheftete kostenfreie Publikation lässt Platz für die folgende Preisträger*innen.

Es wird ein Begleitprogramm mit Diskussionsrunden geben:

Freitag, 12. Januar 2024, 18 Uhr, Performance sammeln? Diskussion mit Nicole Grothe (Leiterin MO-Sammlung), Geraldine Rokker (Registrar- in am MO) und Lisa Schiller (Restauratorin am MO).

Donnerstag, 8. Februar 2024, 19-21 Uhr: caner teker im Gespräch mit Julia Wissert (Intendantin Schauspiel Dortmund) und Nicole Grothe. Welche Rolle spielen anti-rassistische Arbeit und Identitätspolitiken in der aktuellen Kunst und performativen Praxis?

Nähere Informationen erhalten Sie über https://dortmunder-u.de/museum-ostwall/




Parodie um Ehe-Frust und patriarchalem Machtgehabe

In der Oper Dortmund feierte am 11.11.2023 „Orpheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach (1819 – 1880) unter der Regie von Nikolaus Habjan seine Premiere.



Eingepackt in die mythologische Götterwelt schoss damals der deutsch-französischem Komponisten in dieser Opéra-bouffon zwei (Akte und vier Bilder, Libretto von Hector Crémieux und Ludovic Halévy) humorvoll gegen die französische Gesellschaft im Zweiten Kaiserreich (Napoleon III.).

Rinnat Moriah (Eurydike) und das Tanzensemble. Foto: (c) Björn Hickmann
Rinnat Moriah (Eurydike) und das Tanzensemble. Foto: (c) Björn Hickmann

Mit seiner neun Inszenierung übertrug Habjan die Geschichte mit kleinen subtilen Anspielungen auf den „Rosenkrieg“ zwischen Schauspieler Johnny Depp und Amber Heard. Der ursprüngliche komisch-humorvolle Charakter zwischen Erotik und Lächerlichkeit blieb erhalten.

Zur Story: Der seiner Frau Eurydike überdrüssige Orpheus ist hier nur ein Geigenlehrer. Beide können sich kaum noch ausstehen und betrügen sich gegenseitig. Trennen können sie sich wegen der „Öffentlichen Meinung“ nicht. Die ist streng und unerbittlich. Als es dem als Physiotherapeut getarnte Gott der Unterwelt Pluto gelingt, Eurydike in das Totenreich zu entführen, soll Orpheus im Olymp (mit seinen unzufriedenen Göttern und Göttinnen) von Herrscher Jupiter auf Geheiß der Öffentlichen Meinung seine Frau aus der Unterwelt zurückverlangen. Da zudem sowohl der lüsterne Jupiter selbst als auch Pluto Eurydike für sich haben wollen, wird es spannend. Eine List von Jupiter sorgt für eine Entscheidung…

Den modernen Erden-Vordergrund auf der Bühne bildete ein großes Schwimmbecken mit Liege zum Ausruhen. Die führte den Dirigenten Motonori Kobayashi direkt über eine Beckenleiter zur Dortmunder Philharmoniker. Diese sorgte für sensible musikalische Begleitung der Handlung.

Ein wunderbares Tanzensemble und der engagierte Opernchor Theater Dortmund sorgten für Stimmung beim Publikum und komische Momente.

Das große Aufgebot an starken Stimmen aus dem Dortmunder Opernensemble plus einem Geiger (Nemanja Belej) hatte ausgiebig Gelegenheit, seine komische Seite auszuleben.

Für besonderen Spaß sorgten neben den Scharmützeln zwischen Zachary Wilson (Orpheus) und Eurydike (Rinnat Moriah) die Zusammenkünfte von Morgan Moody (Jupiter) und Fritz Steinbrecher (Pluto). Die Göttinnen und die „Öffentliche Meinung“ (Maria Hiefinger) zeigten, unterstützt von Pluto, gehörige Frauenpower. Da bekam der „alte Jupiter“ schon mal zu hören, dass ein Seitensprung nicht automatisch jung macht.

Ein großes Kompliment gebührt Denise Heschl für die witzig-passende Kostümwahl und für die großartige Tanz-Choreografie von Adriana Naldoni.

Natürlich war der Höllen-Cancan ein Höhepunkt.

Die Inszenierung überzeugte zudem durch gutes Timing und überraschenden lustigen Einfällen, die Darstellenden auch mit ihrem Mimik Spiel.

Eine gelungene Aufführung, die mit feiner Satire und Humor das Publikum zum Lachen zu bringen.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222.




Was wollen und brauchen wir wirklich?

Im Dortmunder Schauspielhaus hatte die Inszenierung von Paul Spittler nach William Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“ am 14.11.2023 seine Premiere.



Dieses Spiel um das hartnäckige und  Werben des selbstverliebten Herzog Orsino von Illyrien um die Liebe der Gräfin Olivia, eines getrennten Zwillingspaare, Geschlechterrollenwechsel, Machtausübung, Täuschungen und scheinbar unmöglichen Beziehungen bietet viel Stoff für unsere heutige Zeit.

Was ihr wollt: Sarah Quarshie, Linda Elsner, Viet Anh Alexander Tran, Raphael Westermeier und Antje Prust. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Was ihr wollt: Sarah Quarshie, Linda Elsner, Viet Anh Alexander Tran, Raphael Westermeier und Antje Prust. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Der Regisseur versucht die Verbindung zum 21. Jahrhundert vor allem durch die spezielle Rolle des Narren (Antje Prust), der hier keine nur von außen erklärend-kommentiere Funktion hat. Der Narr ist mitten drin in einer bunten karnevalesken Spaßgesellschafft. Diese möchte generell eigentlich nicht nachdenken außer über Rausch, Flirten, einem zotigen Gag, die persönliche Beförderung, oder einer kleinen Intrige etwa gegen den herablassenden Haushofmeister Malvolio.

Der Herzog Orsino (Raphael Westermeier) und die (um ihren verstorbenen Bruder trauernde) Gräfin Olivia leben selbstgefällig mit Macht oder Reichtum im Hintergrund. Leider nutzt ihnen das in vermeintlichen Liebesdingen wenig. Der arrogante Haushofmeister Malvolio (Ekkehard Freye) im Dienst der Gräfin sieht auf die anderen Bewohner, wie die lustige Zofe Maria (Sarah Quarshie) oder ständig betrunkenen Onkel Toby Rülps (Nika Mišković). Der etwas tumbe, für die Gräfin schwärmende Ritter Sir Andrew Leichenwang (Adi Hrustemović) wird gerne für ihre Intrige gegen den Malvolio einspannen.

Die schiffsbrüchige Viola (gerettet von einem Kapitän), von ihrem Zwillingsbruder Sebastian getrennt, dient verkleidet als Cesario dem Herzog und verliebt sich in ihn. Währenddessen wird der Zwillingsbruder von dem unglücklich in ihn verliebten Antonio (Alexander Darkhoff, auch als Kapitän) gerettet. Die Doppelrolle Viola/Sebastian wurde von Ensemble-Neuzugang Viet Anh Alexander Tran verkörpert. Narr Feste versucht verzweifelt (und vergeblich) in dem Chaos auf das Wesentliche hinzuweisen. Alle suchen doch hinter ihrer Maskerade nach Zugehörigkeit, Wertschätzung, Respekt, Soziale Gerechtigkeit, Freiheit, egal welches Geschlecht oder sexuellen Orientierung, gläubig oder nicht gläubig, und der „wahren Liebe“. Keiner will richtig zuhören. Ablenken ist angesagt.

Bei den heutigen Krisen und Problemen, Klimawandel, Flüchtlingsproblematik, Kriege, soziale Ungerechtigkeit, Armut und Wohnungsnot, Hungersnöte in der Welt, Umweltkatastrophen, Vereinsamung usw. geht es vielen Menschen ähnlich. Aber das ist keine Lösung für die Probleme.

Die frisch-frechen und neuen Texte für den Narren von Laura Naumann brachten einen besonderen Bezug zur Jetzt-Zeit mit einem kritisch-ironischen Blick auf Geschlechterrollen, Machtstrukturen und Spaßgesellschaft.

Optisch, vielleicht ein wenig dick aufgetragen, zog die Inszenierung alle Register. Abgefahrene Kostüme, Männer in Frauenkleidung und umgekehrt. Über alle Geschlechtergrenzen hinweg tobten sich die Schauspieler*innen mit viel Spielfreude auf der Bühne aus. Eine schwierige Balance zwischen Klamauk und ernsthaften Hintergrund.

Häufiger Wechsel des Bühnenbildes (Drehbühne), Video-Einspielung oder witzige Song oder Tanz-Passagen wurden geschickt eingesetzt.

Wer sich selber ein Urteil bilden möchte: Infos zu weiteren Aufführungsterminen finden Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder 0231/55 27 222




Festival-Abschluss mit trashiger Theater-Performance

Das Festival der Freien Tanz- und Theaterszene Dortmunds „Szene machen“.dott endete am Sonntag, den 29.10.2023 mit der Theater-Stückentwicklung unter dem Titel „We ate that up“ (Texte: Juli Mahid Carly & Sar Adina Scheer) im hiesigen Fletch Bizzel.



Sar Adina Scheer ist sicher schon einigen als neue Schauspieler*in des Dortmunder Kinder und Jugendtheaters ein Begriff (zuletzt etwa bei Supertrumpf).

Die beiden Darstellenden präsentieren hier in der Rolle von zwei pubertierenden vierzehnjährigen Tessa (Sar Adina Scheer) und Shamini einem „Testpublikum“ ihr Programm für die Olympischen Sommerspiele der Performancekunst in Addis Abeba.

Da sie, wie durch viele Medien vermittelt denken, ein „normschöner, perfekter Körper“ würde ihnen mehr Empathie und Erfolg bei den Zuschauenden bescheren. Wie weit gehen die jungen Menschen, um ihren Körper vermeintlichen Schönheits-Idealen anzugleichen? Welche Rolle spielen Formate wie „Germanys next Topmodell“ oder Werbung. Es gibt ja immer was am Körper zu verbessern. Im Augenblick wird mit einer sogenannte „Abnehm-Spritze“ (eigentlich für Diabetiker entwickelt) in den sozialen Medien geworben, die gefährliche Folgen für Menschen, die sie einnehmen, haben kann.

In ihrer Performance arbeiten sich Tessa und Shamani nicht nur an ihren Performance-Ikonen rund um Erika Fischer-Lichte, Marina Abramovic und Yoko Ono ab, sondern auch an der Mutter oder Mario Barth (besonders witzige Parodie) ab.

Das Ganze wird mit viel Witz, Ironie (Selbstironie), diversen Maskierungen, Perücken und Kostümwechseln und ganz viel Spielfreude zelebriert.

Bilder, Musiksongs, Tanz, unterschiedlichste Objekte sowie Videoschaltungen wurden effektvoll eingesetzt. Mit Geschlechtern und Geschlechterrollen spielte die Stückentwicklung selbstverständlich wie so nebenbei. Da konnte das Publikum Frauen von Männern, Männer von Frauen oder mit ihrem von Geburt an gegebenem Geschlecht in eingespielten Statements sprechen hören.

Nur mit einer große Schmerzperformance sehen Tessa und Shamini am Ende eine Möglichkeit, auch mit ihrem Körper Identifikationsfläche für die Zuschauer*innen sein zu können.

Es werden verschiedene Metaebenen vermischt, und so komplexe Themen wie Klassismus oder Gewalt der Sprache verhandelt.

Das Festivalende zeigte die Lebendigkeit der darstellenden Künste. Ein wenig schade war, dass es manchmal schwierig war, den schnellen Wortgefechten akustisch genau folgen zu können. Vielleicht ist das ja ein Problem des Alters?




Expressionismus hier und jetzt im Dortmunder U

Unter dem Motto „Expressionismus hier und jetzt! Sammlung Horn zu Gast“ ist auf der Ebene 6 Museum Ostwall im Dortmunder U vom 28.10.2023 bis zum 18.02. 2024 eine besondere Sonderausstellung mit 120 Werken zu sehen. Zum ersten Mal wird in unserer Stadt die hochkarätige Sammlung der Stiftung Rolf Horn (Schleswig-Holstein, Schloss Gottorf) zu sehen sein. Bedeutende und bekannte expressionistische Werke von Mitgliedern der Künstlergruppe Brücke, Käthe Kollwitz, Alexej von Jawlensky, Ernst-Ludwig Kirchner oder Christian Rohlfs treten in einen spannenden Dialog mit der Sammlung des Museums Ostwall, Werken aus dem Kirchner Museums Davos und zeitgenössischen Arbeiten von fünf Künstler*innen.



Die Reise der Sammlung Horn war Anfang des Jahres in Davos gestartet und wird nach dem Dortmunder U im Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale enden.

War in Davos die Ausstellung nach Künstlern geordnet, haben sich die für die Dortmunder Wechselausstellung zuständigen Kurator*innen für eine Thematische entschieden. Es geht um Fragen des Expressionismus in Bezug zur aktuellen „Umbruchzeit“. Wie wirkte sich die Industrialisierung auf die Kunstschaffenden damals aus?

Einerseits die Faszination der hektischen Großstädte mit ihren Verlockungen (für diejenigen, die es sich leisten konnten), andererseits die Sehnsucht nach Natur, Natürlichkeit, Transzendenz sowie expressiver Ausdruckskraft. Folgen des rasanten Technologiewandels, den zunehmenden Einfluss der Medien auf Menschenbilder und Formsprache? Wie wirkten sich Kriegserfahrung (1. Weltkrieg) auf die Bildsprache des Expressionismus (Beispiel: Käthe Kollwitz)

Drei der zeitgenössischen Künstler*innen waren beim Presserundgang am 26.10.2023 mit dabei.

Einen wichtigen Raum nehmen Kolonialismus und die kulturelle Aneignung auf den Expressionismus ein. Der Künstler Moses März zeichnet transnationale geschichtliche, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse und Verflechtungen nach. Fünf Karten behandeln die Themen Kunstmarkt, Expressionismus, deutscher Kolonialismus, Exotismus und antikolonialer Widerstand.

Gast-Kuratorin und Künstlerin Natasha A. Kelly eröffnet mit ihrem Dokumentarfilm „Millis Erwachen“ und dem Kurzfilm „Milli’s Rising“ mittels Tanzes und dem gesprochenen Wort neue Erzählperspektiven auf die Lebensperspektiven von schwarzen Frauen in Deutschland entgegen den kolonialisierten Sehgewohnheiten.

Luiza Prado hinterfragt mit ihrer Arbeit „You travelled all this way and I got was this lousy postcard” die Darstellungsweisen der früheren Kolonien in Werbefilmen und Postkartenidyll. Als Symbol dient ihr die Flora der Ex-Kolonien.

Moderne Videotechnik wurde geschickt eingesetzt.

Zu der Sonderausstellung gibt es bis zu deren Ende ein umfangreiches Begleitprogramm. Dazu gibt es eine Broschüre und zusätzlich besteht die Möglichkeit, einen Katalog zu erwerben.




Schwanensee und der Kampf mit den inneren Dämonen

Xin Peng Wang (Intendant Ballett Dortmund) hat sich in seinem 20. Jubiläumsjahr zum dritten Mal an das komplexe und wohl bekannteste klassische Ballett Schwanensee von Peter Tschaikowsky (Musik) herangewagt und eine Neufassung 2023 kreiert.



Sein Konzept bietet einen neuen Blickwinkel auf das Handlungsgeschehen, übernimmt jedoch den zweiten und vierten Akt der tradierten Schwanensee-Choreografie.

Die Premiere fand am 21.10.2023 im Dortmunder Opernhaus statt.

Im Zentrum steht jetzt Siegfried, hier ein empfindsamer, nostalgischer aber wohlhabender Künstler. Er wird von dunklen Wahnvorstellungen (personifiziert von Rotbart), seinen Sehnsüchten und innerer Zerrissenheit geplagt. Sein Atelier ist voll von (teils unfertigen) Bildern von Seerosen und Schwänen.

Iana Salenko & Dinu Tamazlacaru. Foto: (c) Leszek Januszewski
Iana Salenko & Dinu Tamazlacaru. Foto: (c) Leszek Januszewski

Immer mehr steigert er sich in seine Halluzinationen hinein und flüchtet in seine Fantasiewelt „Schwanensee“. Odette ist hier nur ein Produkt seiner Sehnsüchte, Sinnbild für die Suche nach wahrer Liebe, Identität und Befreiung.

Odile (schwarzer Schwan), ebenfalls seiner Imagination entsprungen, verkörpert seine geheime dunkle Seite. und Fantasien. Die neue Version von Schwanensee bietet einen tiefen Einblick in die Seele und den Kampf mit der dunklen Seite Siegfrieds. Diese Ambivalenz und innere Konflikte bewegen ja auch heute viele Menschen und treiben sie zu fluchten in Phantasiewelten oder Drogen.

Die bewegende Musik Tschaikowskys, mal sanft melancholisch, dann wieder kraftvoll leidenschaftlich, wurde von der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Gabriel Feltz mit viel Empathie live passgenau zur Handlung live gespielt.

Das große Aufgebot an Balletttänzer*innen, vom hiesigen Ballettensemble, Juniorballett NRW bis zu auswärtigen Gästen und Stipendiaten, bot klassischen Spitzentanz auf hohem Niveau.

Neben ihrem besonderen tänzerischen Können überzeugten Gastsolist Dino Tamazlacaru (Siegfried), Gastsolistin Iana Salenko (Odette/Odile), Simon Jones (Rotbart), Amanda Vieira (Siegfrieds Mutter), Márcio Barros Mota (Freund Benno) mit ihrer Darstellung der unterschiedlichen Charaktere und Emotionen.

Der Ballettabend ein vielschichtiges und emotional mitreißendes Tanzerlebnis, geschickt mit Projektionen und Spiegelungen verstärkt.

Die gelungene Mischung von traditionellem klassischem Ballett der Extraklasse und dynamischen neoklassischen Elementen und Ausdrucksformen und ein interessanter Blick der neuen Schwanensee-Version wurde vom Publikum mit viel Applaus begeistert gefeiert.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen finden Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222




Eindrucksvolle Pressefotos im Depot

In der großen Halle des Kulturort Depot Dortmund (Immermannstraße 29) ist vom 21.10.2023 bis zum 12.11.2023  die World Press Photo Ausstellung mit einer Auswahl von etwa 120 der aktuellen prämierten Fotos aus 60.000 eingereichten Fotografien und Fotogeschichten aus dem exklusiven Pool des Jahres 2022 zu sehen. Nicht nur das: Es gibt dieses Mal nicht nur eine Auswahl dieser aktuellen Fotos zusehen, sondern zudem ist am Ende eine „Winner Wall“ aufgestellt, wo alle Fotografien abgebildet sind, die seit der Premiere des Wettbewerbes im Jahr 1955 mit dem Titel Pressefoto des Jahres ausgezeichnet wurden. Eine besondere fotografische Zeitreise durch vergangene Jahrzehnte, die sich in das Gedächtnis verschiedener Generationen eingebrannt haben.

Jedes Jahr zeichnet die World Press Photo Foundation in einem internationalen Wettbewerb die besten Pressefotografien der Welt aus. Die ausgelobten 30.000 Euro werden jetzt gleichmäßig auf die teilnehmenden Kontinente verteilt. Neben Europa sind Afrika, Nordamerika, Mittelamerika (Mexiko), Südamerika (Argentinien), Südostasien und Ozeanien beteiligt. Sie werden in verschiedenen Kategorien verliehen. Die Ausgezeichneten sind den jeweiligen Kontinenten zugeordnet und erhalten einen kleineren Preisbetrag.



Themenschwerpunkte sind neben dem aktuellen Ukraine-Krieg, Freiheitkampf der iranischen Frauen, der Klimawandel und seine Auswirkungen, (Wasserknappheit, Hunger, Vertreibung, Artensterben, Umweltverschmutzung) sowie der Umgang damit. Außerdem spielen die Flüchtlingsbewegungen und Probleme mit Homophobie (Beispiel Philippinen) eine Rolle. Neben den eindringlichen und bedrückenden Fotos im Großformat ist auch eines von jubelnden Fans der Argentinischen Fußball-Nationalmannschaft nach deren Gewinn der Weltmeisterschaft zu sehen.

Blick in die Ausstellung „World Press Photo“ in der Halle des Depots Dortmund. (Foto: (c) Depot Dortmund)

Eintritt: 8.00 Euro, ermäßigt: 6.00 Euro

Familienticket 1 (Zwei Erwachsene mit max. drei Kindern bis 18.Jahre) 20.00 Euro, Familienticket 2 (Eine erwachsene Person mit max. drei Kindern bis 18 Jahre): 12.00 Euro.

Außerdem können Interessierte sich zunächst umsonst die Ausstellung „Rückblende 2022“ (hoch dotierter deutsche Preis für politische Fotografie und Karikatur) bestaunen. Schon zum fünften Mal wird dieser humorvolle Rückblick auf das vergangene Jahr in unserer Stadt gezeigt.

Weitere Infos zum speziellen Rahmenprogramm rund um die

World Press Photo Ausstellung 2023 unter www.depotdortmund.de . Anmeldungen zu Gruppen-Führungen (Zusatzgebühr: 4.00 Euro) bitte Anfragen per E-Mail kultur@depotdortmund.de.




Stutenbeißen Deluxe – Los(ge)lassen

In der Schauburg Dortmund präsentierten Triarte International und Schnitger Film am 08.10.2023 vorab den neuen Spielfilm von Regisseurin Brigitte Drodtloff „LOS(GE)LASSEN“. Das Drehbuch (Produktion) stammt von Brigitte Drodtloff & Jörg Schnitger, die atmosphärische passende klassische Musik von Anne Nikitin & Tom Kelly.



Der Plot spielt in der Umgebung Münchens während eines kräftigen Schneesturms. Die Stadt wurde vom Blitzeis getroffen und alles ist lahmlegt. Die hochschwangere Alina, eindringlich gespielt von Josefina Vilsmaier – Tochter der Schauspielerin Dana Vávrová (1967-2009) und des Regisseurs Joseph Vilsmaier (1939-2020) – wurde vom Kindsvater und Chef verlassen und lebt aus Kostengründen in einer WG. Sie lebt dort zusammen mit der verbitterten ehemalige Skiläuferin Christa (Mirjam Verena Jeremic), die ihr Bein bei einem Unfall verlor, in der Wohnung der zynisch-hart auftretenden Lucy (Silke Popp). Die hält sich so finanziell über Wasser und pflegt eine offene lesbische Beziehung zu Jessica (Salber Williams), die vor einiger Zeit von Somalia nach Deutschland kam.

Alina ist am Anfang eher eine graue Maus, die unter der Fuchtel ihrer Helikopter-Mutter (Ute Bronder) steckt. Der gelingt sogar der gefährliche Weg zur Tochter. Dann gibt es da noch die Esoterik-Nachbarin Melissa (Valentina Sauca).

Die sechs Frauen mit ihren unterschiedlich-belastenden Päckchen und Lebenseinstellungen im Hintergrundzicken sich sich in erster Linie gegenseitig an, wobei die schüchterne Alina meist das Opfer ist. Durch das Unwetter sind sie aber in dieser Situation auf engem komprimiertem Raum aufeinander angewiesen. In der sich zuspitzenden Situation bröckeln allmählich die Schutzfassaden…

Es ist eine Art Kammerspiel, dass auch für das Theater gut geeignet wäre. Alle möglichen Probleme der Frauen werden oft ironisch-überspitzt und in geballter Form dargestellt. Auch die verschiedenen Ansichten der Generationen aus ihrer Lebensgeschichte werden deutlich.

Den Schauspielerinnen ist es sehr gut gelungen, sich in verschiedenen Persönlichkeiten und deren Situation hinein zu versetzen. Unterstützt wurden sie dabei durch eine sensible Kameraführung (Frank Glencairn).

Es ist (natürlich) kein Film für Action-Fans. In der Problematik der sechs Frauen können viele Zuschauerinnen etwas aus ihrer Lebensrealität widerfinden.

Der Film ist ab Sonntag, dem 15.10.2023 um 13:30 Uhr in der Schauburg (Dortmund) zu sehen. Einlass ist ab 13:00 Uhr.




Eine musikalische Perle des Frühbarocks

Im Rahmen des Klagvokal Musikfestivals Dortmund wurde am 02.10.2023 im hiesigen Reinoldihaus mit Emilio de Cavalieris (1550-1602) „Rappresentatione di Anima, et di Corpo“ (1600) die erste erst vollständig erhaltene Oper konzertant aufgeführt. Das Spiel um Seele und Körper in drei Akten hatte seine Uraufführung im Betsaal der Kirche Santa Maria in Vallicella (Rom).



Mit dieser geistlichen Oper markierte der vielseitig begabte italienische Komponist als ein wesentlicher Impulsgeber den Beginn der frühen Barockzeit mit Monodie (solistischer Gesang mit akkordischer Instrumentalbegleitung) und Generalbass.

Das Ensemble und die beiden Solisten entführten das Reinoldihaus in die Zeit des Frühbarocks. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)
Das Ensemble und die beiden Solisten entführten das Reinoldihaus in die Zeit des Frühbarocks. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)

Im Wesentlichen geht es in der Oper um die damals für den Menschen entscheidende Frage: Genieße ich das irdische Leben in vollen Zügen, ungeachtet der Folgen? Oder richtet man schon jetzt den Blick auf das, was nach dem Tod (laut religiöser Verheißung) folgen wird?

Die (musikalische) Zwiesprache zwischen „Seele“ und „Körper“ mit widersprüchlichen Gefühlen, den Versuchungen und Verunsicherungen. Bildet das Zentrum der Oper. Die weiteren handelnden Figuren (Welt, Rat, Vergnügen, Geist, Weisheit, Vernunft, Schutzengel…) sind vorrangig Allegorien. Nur bei den „Titelfiguren“ (Seele und Körper) handelt es sich um echte Menschen.

Die niederländische Mezzosopranistin Sophia Faltas (Seele) und der Tenor Raffaele Giordati (Körper) gaben den inneren Konflikten zwischen Seele und Körper eine starke eindringliche Stimme.

Der 2004 gegründete belgische Vokalensemble für Musik der Renaissance und Barock begeisterte als Chor, mit ihren einzelnen Stimmen für die weiteren handelnden Figuren aber vor allem auch mit dem ausdruckstarken Zusammenspiel unterschiedlichster Instrumente (Harfe, Viola, Violine, imposanter Posaune, Gitarre, Cembalo, Truhenorgel, Gamba und Theorbe).

Eine Musik voll Anmut und Intensität, mit emotionalen Lamenti, glanzvollem Chor und Einflüssen traditioneller Volksmusik. Sie fand danach bei Claudia Monteverdi ihren Meister.

In der Gegenwart ist die Frage nach den Folgen unseres Handelns (für Umwelt und Gesellschaft) durchaus aktuell. Der religiöse Kontext ist für viele Menschen heutzutage befremdlich. Auch ohne die Hoffnung auf eine „himmlische Belohnung“ nach dem Tod für ein “gottgefälliges“ Leben gibt es genug humanistische Gründe, sich über Gedanken über ein achtsames Verhalten gegenüber uns selbst, anderen Menschen oder der Umwelt im Diesseits zu machen.